Standpuickt des Formaljuristen beurteilt werde. Wer man könne es den Richtern im Haag überlassen, inwieweit sie diese nichtjuristischen Elemente der Frage zur Beurteilung heranziehen wollten. Wenn aber der Haager Gerichtshof sich auf den Standpunkt stelle, daß Oesterreich sich im Rahmen feiner Berpflich- tungen gehalten habe, dann würde Deutschland es für unerträglich halten, wenn man versuche, in der Zollunion eine Bedrohung des Friedens zu erblicken und die Angelegenheit unter diesem Gesichtspunkt weiter zu erörtern. Bei ihrer Einstellung zu den europäischen Fragen lehne es die deutsche Regierung ab, sich als Störer des Friedens vor das Forum des Böllerbundes ziehen zu lassen.
Briand versuchte in der Form zu oermit» fein und der Debatte einen betont versöhnlichen Ausklang zu geben. Der Ausgangspunkt der ganzen Erörterung sei auf Grund des Antrags von Henderson die Rechtsfrage. Aber darüber hinaus müsse daran festgehalten werden/ daß jedes Völkerbundsmitglied das Recht habe, eine Angelegenheit, die den Frieden der Weltoderdas gute Einvernehmen störe, vor den Rat zu bringen. Alle auftauchenden Fragen müßten vom Standpunkte der internationalen Interessen erörtert werden. Es liege darin für ein großes Volk nicht demütigendes, wenn es nur den aufrichtigen Willen zur Zusammenarbeit und die feste Absicht habe, nichts zu tun, was den Frieden der Welt stören könnte.
Die Debatte endete mit der einstimmigen Annahme der Lleberweisung des englischen Antrags an den Haager Gerichtshof. Die Debatte hat nach Ansicht der deutschen Delegation auch in ihrem heutigen Verlauf bestätigt, dah in der praktischen Derwirklichung des Zollunionsplanes außer der von vornherein auch von Deutschland und Oesterreich vorausgesehenen Lleberweisung der juristischen Prüfung an den Haag e in Aufschub nicht eingetreten ist. Deutschland und Oesterreich haben an ihrem Standpunkt trotz des starken Druckes, der auf Oesterreich hier ausgeübt worden ist, f e st g e h a l ten. Die Ratsmächte können sich nicht im Unklaren sein, dah, wenn das Gutachten des Haager Gerichtshofes zu dem Ergebnis kommt, dah Oesterreich gegen seine internationalen Verpflichtungen nicht ver- stohen hat, Deutschland eine weitere Prüfung der Angelegenheit über die juristische Seite hinaus durch den Völkerbundsrat nicht zulassen wird.
Wien bedauert die Verzögerung.
Oesterreichische Pressestimmen zur Genfer
Ratstagung.
Wien. 19.Mai. (ERB. Eigene Meldung.) Das Ergebnis der Sitzung des Völkerbundsrates wird von den Blätter zwar ruhig, aber mit einem Unterton der Resignation ausgenommen. Die „Reichspost" beklagt, daß der größte Teil des Jahres für die Durchführung eines Planes verloren ist der einen Ausweg aus dringendster wirtschaftlicher Not schaffen sollte. Das Blatt glaubt behaupten zu müssen, daß dies darauf zurückzufuhren fei, daß von beiden beteiligten Mächten Fehler in der diplomatischen Behandlung der Angelegenheit gemacht worden seien. — Auch die „Wiener Neuesten Nachrichten" bedauern, daß die Inangriffnahme des großen Werkes verzögert werden muß. — Die „Neue Freie Presse" sucht unter Hinweis auf die Empfehlung an den Haager Gerichtshof die Prüfung des Zollunionpakts dring- l i ch zu behandeln, die Oeffentlichkeit mit Rücksicht auf baldige Entscheidung über den Zeitverlust zu beruhigen und neue Hoffnungen zu erwecken.
Die internen Besprechungen werden fortgesetzt.
Berlin, 19.Mai. (121.) An zuständiger Stelle in Berlin wird ausdrücklich betont, daß die internen Besprechungen über die deutsch- österreichische Zollunion trotz der Genfer Vorgänge selbstverständlich fortgesetzt werden.
Das Haager Forum.
Wie ist der Ständige Internationale Gerichtshof zusammengesetzt?
Berlin, 19. Mai. (SU.) Der Ständige Internationale Gerichtshof im Haag (nicht zu verwechseln mit dem Weltgerichtshof im Haag! ist ein vom Völkerbund eingerichtetes Institut und besteht aus 15 Mitgliedern, die von Zeit zu Zeit neu gewählt werden. Zur Zeit setzt sich der Gerichtshof zusammen aus dem Vorsitzenden A d a t s ch i (Japan), dem früheren amerikanischen Staatssekretär Kellogg, dem englischen Kronjuristen Sir Eecil H e a r st, dem Juristen des Quai d'Orsay, Fromageot, Professor Schücking (Deutschland), Anzilotti (Italien) sowie aus Vertretern folgender neun Länder: Spanien, Kuba, Holland, Salvador, Rumänien, Belgien, Polen, Kolumbien und China. Der Internationale Gerichtshof saht seine Beschlüsse mit Stimmenmehrheit. Rach den Satzungen tritt der Gerichtshof alljährlich am 15. Juni zusammen, jedoch kann der Gerichtshof in besonderen Fällen auch zu einem anderen Zeitpunkt einberufen werden. Es verdient ausdrücklich hervorgehoben zu werben, dah der Völkerbund in der deutsch-österreichischen Zvllunionsfrage lediglich ein Gutachten, nicht eine Entscheidung des Gerichtshofes erbeten hat.
Die Vorbereitung
-er Abrüstungskonferenz.
Henderson wird Präsident und Genf Tagungsort.
Genf, 19. Mai. (TU.) Heber die endgültige Regelung der jetzt im Völlerbundsrat zur Verhandlung gelangenden Fragen für die Abrüstungskonferenz ist in den diplomatischen Vorverhandlungen im großen eine Einigung zu- standegekommen. Es wird nunmehr als feststehend angesehen, daß Henderson einstimmig vom Völlerbundsrat ersucht werden wird, die Präsidentschaft auf der Abrüstungskonferenz zu übernehmen. Jedoch will Henderson seine endgültige Zustimmung von der Haltung des englischen Kabinetts abhängig machen. Als Ort der Konferenz ist nunmehr Genf ausersehen worden, jedoch haben die Kandidaturen von London und Barcelona noch in den letzten Tagen eine gewisse Rolle gespielt, da von englische» Seite die Einberufung der Konferenz nach London gewünscht wurde, lieber diese beiden Fragen findet noch heute eine geheime Sitzung des Völkerbundsrates in den Privaträumen des Generalsekretärs statt.
Die deutschen Anträge auf Offenlegung desgegenwärtigenRüstungsstandes, die der kommenden Abrüstungskonferenz eine bessere Angleichung des Rüstungsstandes der verschiedenen Länder ermöglichen soll, sind a u f starken Widerstand gestoßen, so daß auf deutscher Seite bereits mit Der Ablehnung dieser Vorschläge gerechnet wird. Deutscherseits sieht man in der Ablehnung der Veröffentlichungen eine Verletzung der im Artikel 8 des Dölkerbundspakies festgelegten Bestimmungen, die ausdrücklich sämtlichen Mitgliedsstaaten des Bölkerbundes die Veröffentlichung zur Pflicht machen. Es ist somit erneut festzustellen, dah die alliierten Großmächte lediglich diejenigen Bestimmungen des Völkerbundspaktes für sich in Anspruch nehmen, die ihren eigenen Interessen entsprechen.
Danzig und polen.
Der Bölkerbundskommifsar berichtet.
Genf, 19. Mai. (ERB.) Dieser Tage ist den Mitgliedern des Dölkerbundsrates der Bericht des Oberkommissars für Danzig, Graf Gravi n a, über den gegenwärtigen Stand der Beziehungen zwischen Polen und Danzig zugegangen. Der Oberkommissar geht davon aus, daß die Spannung zwischen der Danziger Bevölkerung und den Polen in den letzten Monaten stark zugenommen habe. Er macht dafür nicht nur das Anwachsen der na
tionalistischen Bewegung und die wirtschaftliche Depression verantwortlich, sondern auch das Verhalten Polens. Es sei der polnischen Politik nicht gelungen, sich in genügendem Mähe die Unterstützung derjenigen Telle der Oeffentlichkeit im Gebiete der Freien Stadt zu sichern, die für eine wirksame wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Danzig und Polen eingetreten seien. Der Ober- kommissar schildert sodann ausführlich seine Verhandlungen mit dem neuen Danziger Senatspräsidenten und mit dem diplomatischen Vertreter Polens wegen der im März und April dieses Jahres vorgekommenen Zwischenfälle und faßt
seinen Standpunkt dahin zusammen, dah nicht eine Krise in den Beziehungen des Völkerbundes zu der Freien Stadt Danzig vorliege, sondern eine Krise in den Beziehungen zwischen Danzig und Polen. Außerdem macht er geltend, daß unter den gegenwärttgen Hm* ständen für ihn keine Veranlassung vorliege, einen Schritt gemäß der Entschließung deS Völkerbundsrates vom 22. Juni 1921 zu unternehmen. Diese Entschließung ermächtigt bekanntlich den Oberkommissar des Völkerbundes, zum Zwecke der Verteidigung Danzigs oder der „Aufrechterhaltung der Ordnung" eventuell sogar polnische Truppen heranzuziehen.
Wirtschastssragen im Hessischen Landtag.
Nachruf für Bürgermeister Jost.
Darmstadt, 19'. Mai. (WHP.) Präsident Delp eröffnet die Sitzung mit folgendem Nach- r u f für den gestern abend im Frankfurter Hauptbahnhof tödlich verunglückten Abg. Bürgermeister I o st (Lbd.), dessen Platz ein Strauß roter Rosen schmückt: Gestern abend ist der Landtagsabgeord- ncte Friedrich Jost aus Bermuthshain auf dem Wege nach Darmstadt zu den Landtagsberatungen auf dem Bahnhof in Frankfurt a. M. beim Aus- fteigen aus dem Zug so schwer verunglückt, daß er kurz danach verschied. Tief erschüttert hat der Hessische Landtag diese Nachricht vernommen und betrauert aufrichtig das plötzliche Ableben seines lieben Kollegen. Seit feiner Zugehörigkeit zum Landtag hat er in bester Weise die Belange seiner Heimat vertreten und sein Hauptaugenmerk auf die Verbesserung der Landwirtschaft im Vogelsberg gerichtet. Seine großen Erfahrungen und praktischen Kenntnisse als Landwirt fanden allzeit hohe Anerkennung. Unter seinen Kollegen im Landtag erfreute er sich besonderer Beliebtheit. Sein schlichtes Wesen, seine große Einfachheit, die Lauterkeit seines Cyarakters und seine vornehme Kampfes- art erwarben ihm stets die Hochachtung seiner politischen Gegner. Der Landtag wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren. — Für den verstorbenen volksparteilichen Abg. Scholz ist Abg. Kärcher, Landwirt aus Lampertheim, eingetreten. Als Nachfolger für den Abg. Jost wird Landwirt Stein aus Stumpertenrod in den Landtag einziehen.
Einzelaussprache zum Wirischastseiai.
Abg. Lebert (Soz.) beklagt die hohen Preise für landwirtschaftliche Glashäuser. Die deutschen Glasfabriken lieferten dieses Spezialglas viel billiger ins Ausland, weshalb die Regierung auf eine Herabsetzung der Jnlandglaspreise hinwirken müsse.
Abg. Maurer (Soz.) ermahnt die Regierung, trotz der notwendigen Sparmaßnahmen die schulische Ausbildung der ländlichen Jugend so weit zu intensivieren, als das möglich sei. Der Weg, durch Beispielwirtschaften den Landwirten die Erfahrungen der Spezialpraxis und der Wissenschaft vor Augen zu führen, habe sich als erfolgreich erwiesen. Die landwirtschaftlichen Schulen dürften nicht der Landwirtschaftskammer übergeben werden. Anzustreben sei die Abhaltung der landwirtschaftlichen Fortbildungsschule auch im Sommer und die Hergabe von Stipendien für bedürftige Landwirtssöhne.
Abg. Frau Heraeus (Dn.) warnt vor einer planlosen Ausdehnung des Frühgemüse- baues. Rvtwendig bleibe die Sicherung des Absatzes, um unproduktive Ausgabe zu vermeiden. Die Propaganda zu verstärktem Verbrauch einheimischer Produkte bedürfe noch der Intensivierung in der gesamten Oeffentlichkeit.
Abg. Dr. Leuchtgens (Lbd.) hall an feinem Antrag fest, die landwirtschaftlichen Winterschu- len der Landwirtschaftskammer zu übertragen, um den jetzigen Leerlauf zwischen Kammer und Landwirtschaftsschulen zu beseitigen. In Preußen habe sich diese llebertragung bewährt. (Widerspruch im Zentrum.) Minister Korell sei schon einmal an diese älebertragung herangegangen, aber durch politische Gegenströmungen daran gehindert worden. Die Finanznot werde über kurz oder lang zu der Hebertragung der Schulen auf die Land» Wirtschaftskammer führen.
Abg. W e ck l e r (Zentr.) lehnt den Landbundantrag ab. Das Zentrum wolle vermieden wissen, daß die Vereine der ehemaligen landwirtschaftlichen Schüler politischen Zwecken dienstbar gemacht würden. Bei gutem Willen lasse sich ein Leerlauf zwischen. Kammer und Landwirtschaftsabteilung vermeiden.
Ministerialdirektor Professor 9töfTl** gibt zu, daß in mancher Hinsicht zwischen Landwirtschafts, kammer und Landwirtschaftsabteilung Doppel- arbeit geleistet werde. Wegen der Uebernahme der Landwirtschaftsämter auf die Kammer seien Ver- Handlungen gepflogen worden. Die finanzielle Seite habe man schon besprochen, doch habe die Kammer bisher in organisatorischer Hinsicht keine Vorschläg- unterbreitet.
2lbg. Glaser (Ldbd.) fordert gerade zum Schutze der Kleinbauern verstärkten Zollschutz der landwirtschaftlichen Veredelungswirtschaft und für Obst, Gemüse, Fleisch und Wein.
M i n i st e r K o r e l l weist die Behauptung zurück^ daß er die Landwirtschaftsschulen an die Landwirt- schaftskammer habe übertragen wollen. Mik der Landwirtschaftskammer habe er lediglich informatorische Unterhaltungen gehabt. Trotz der technischen Vollkommenheit leide die hessische Glashauskultur unter dem offensichtlichen Dumping der Hol- lander. Um Zollmaßnahmen zum-Schuhe der landwirtschaftlichen Veredelungsproduktion werde Deutschland nicht herumkommen.
Abg. Fenchel (Lbd.) zollt den Lehrern dev Landwirtschaftsschulen Anerkennung für ihre Unterstützung des Genvssenschaftsgedankens. Ein« Vereinheitlichung des landwirtschaftlichen Der- suchswesens müsse durchgeführt werden.
Fel-bereinigung.
Abg. Wolf (Lbd.) erklärt, daß die staatlichen! Kosten und Zinsen von 8 bis 8,5 Prozent für bie Feldbereinigung untragbar seien. Vor dem Kriege bezifferten sich die Kosten pro Morgen auf 30 Mark, heute auf das Zehnfache. Darum stünden gerade in Oberh essen viele Feldbereinigungsgesellschaften vor dem Ruin. Eine Reform des Feldbereinigungsgesehes habe sich als unumgänglich erwiesen. Der Landbund habe zahlreiche Verbilligungsanträge gestellt und halte diese aufrecht. Es bleibe nur der Ausweg, baft der Staat die Feldbereinigung in die Hand nehme oder Zinsverbilligung auf 5 Prozent und 15 Jahre sicherstelle.
Minister Korell erklärt, daß die Feldbereinigungskommissare angewiesen wurden, vor jeder neuen Feldbereinigung einen genauen Voranschlag aufzustellen und den Gemeinden zu unterbreiten. Vom Reich seien neue Mittel in Aussicht gestellt.
Abg. Dr. N i e p o t h (DV.) meint, gerade im Interesse des Staates liege die Fortführung der Feldbereinigung zu allerdings bedeutend gesenkten Kosten. Entsprechend der Senkung der Beamten- gebälter und Tagesgelder sollten die Einheitssätze gesenkt werden. Unterscheiden müsse man bei den kulturtechnischen Kosten die Sätze für Material und für Arbeitslohn. Die Besitzstandsaufnahme der Gemeinden ohne Parzellenvermessung bei Feldbereini« gungen sollten zu denselben Bedingungen ausgeführt werden wie für Katastervermessungen.
Abg. Schwö b el (Soz.) hält dem Landbund vor, die hessische Landwirtschaft habe in den letzten sechs Jahren aus Mitteln der Steuerzahler
Gießener Stadttheaier.
Leo Fall: „Brüderlein fein!"— Franz von Supps: „Die schöne Galathse".
Die letzte Premiers dieser Spielzeit brachte als musikalischen Ausklang zwei einaktige Operetten in eigener Regie, mit teilweise einheimischen, teils von außerhalb gastierenden, hier von früher bereits bekannten Kräften. Man spielte zuerst die Altwiener Operette „Brüderlein fein!" von Julius Wilhelm, Musik von Leo Fall: zuletzt „D i e schöne Galath 6 e" von Poly Henrion, Musik von Franz von Supp6.
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Die Bezeichnung als Operette im eigentlichen Sinn ist für beide Werke nicht ganz zutreffend. „Brüderlein feint" gehört der langsam aussterbenden Gat- tung der Singspiele an; wenn man davon absieht, daß der Titel ziemlich ungeschickt gewählt ist weil er mit dem Inhalt kaum in Beziehung steht, — und daß ferner der anmutige Stil dieses Biedermeier-Idylls vom süßen Kitsch der märchenhaften Verwandlungsszene emvfindlich beeinträchtigt wird: kann man an der handlungsmäßig wie musikalisch ganz anspruchslosen Episode Vergnügen finden. Von einer Handlung kann eigentlich kaum gesprochen werden, wenn ein altes Musikantenehepaar am 40. Hochzeitstage sich mit Hilfe einer guten Fee träumerisch in die glückliche Jugendzeit zurückversetzen darf. Die Partitur wird eigentlich nur von zwei, allerdings liebenswürdig gesetzten Melodien be- stritten.
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„Die schöne Galathse" aus dem Jahre 1865, zu den ehrwürdigsten, aber auch bekanntesten Arbeiten Suppss gehörig, ist ebenfalls weniger Operette im landläufigen Sinn als etwa eine Kreuzung zwischen komischer Oper und Posse mit Gesang. Was das Libretto betrifft, so handelt es sich um eine der seit Offenbach („Orpheus", „Schöne Helena") beliebt gewordenen Verulkungen des klassischen Altertums; hier haben wir eine parodistische Abwandlung des von Shaw (allerdings sehr viel geistvoller) modernisierten, berühmten Pygmalionmythos.
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Nach einer griechischen Sage verliebte sich der kyprische König Pygmalion in die von ihm ge- schaffene Elfenbeinstatue einer Jungfrau; Aphrodite erchörte seine Bitte und belebte das Bild; er heiratete die Erweckte, welche ihm einen Sohn namens Pa
phos gebar. Aus dem König wurde in der Neufassung ein Bildhauer; von Heirat ist keine Rede; von einem Sohn erst recht nicht. Das Marmorbild Galathse verteilt vielmehr nach seiner Vermenschlichung einen Korb, stiftet Eifersucht, verliebt sich seinerseits in den Unrechten und wird vom ergrimmten Pygmalion unter Donner und Blitz wieder in die steinern^ Leblosigkeit zurückverwünscht.
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Die Partitur bringt, obwohl mit dem Erfindungsreichtum und der sprühenden Melodik etwa des späteren „Boccaccio" nicht vergleichbar, eine kleine Anzahl dankbarer Gesangspartien und verfügt außer- dem über eine Ouvertüre, die sich als ein noch immer beliebtes Programmstück populärer Konzerte behauptet hat. —
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Die beiden Aufführungen waren von Hub als dem einheimischen Operettenspezialisten sorgfältig einstudiert, von Löffler stimmungsvoll und stilgerecht ausgestattet, von Kapellmeister E u j € mit Schwung und sauberen Einsätzen dirigiert.
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Als Galathse gastierte Frau Meta Liebermann vom Stadttheater in Mainz, zuvor an der Frankfurter Oper; eine Sängerin, die uns von früheren Operettengastspielen her in bester Erinnerung ist. Sie vereinigte auch hier eine gepflegte und sympathische Darstellung mit einer die nicht ganz leichte Partie technisch sehr sicher beherrschenden Gesangskultur und vortrefflichen organischen Mitteln. Den Mydas gab Hub, gesanglich in guter Form, darstellerisch für unseren Geschmack zu sehr auf die Ausschlachtung der recht plumpen und billigen Pa- rodistik bedacht. Den Pygmalion fang und spielte Kurt R i ch t e r a. G. Die muntere Soubrette Hertha Greff (Stadttheater Mainz) brachte als Ganymed die zeitgemäße Pointierung des alten Textes.
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Frau Liebermann und Herr Hub machten auch das jubilierende Ehepärchen im Altwiener Singspiel; ein anmutig-sentimentales Duett zwischen zaghafter Heiterkeit und gerührter Erinnerung. „Schön ist die Jugend" sollte das Ganze heißen; oder „Die gute Fee", als welche Ilse Jahn „mit dem Diolon von Gold" singend geigend segenspendend durch die altväterliche Sürgerftu6e wandelte.
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Das Publikum war dankbar und spendete Beifall und dicke Blumensträuße. hth.
Die Gräfin von Schwabing.
Zum 60. Geburtstag der Franziska von Neventlow.
Von Emil Ludwig.
Die Gräfin Franziska vvn Revent- lvw. die in der Münchener Boheme um die Jahrhundertwende eine so große Rolle gespielt hat und damals den Ramen der „Gräfin von Schwabing" erhielt, ist durch die Veröffentlichung ihrer Tagebücher und Briefe nach ihrem Tode zu einer zeitgeschichtlich bedeutsamen Erscheinung geworden. Der Zauber ihrer Persönlichkeit kommt zum Ausdruck in den Erinnerungen, die Emil Ludwig in seinem bei Ernst Rowohlt in Berlin erschienenen autobiographischen Buch „Geschenke des Lebens" erzählt.
„Ich wollte Löwen-Sofa machen und war schon im Begriff, den Kontrakt zu schließen", sagte sie und sah aus ihren herrlichen Blicken zu uns auf. „Was wollten Sie machen?" „Löwen-Sofa. Das ist eine Rümmer, die nur zehn Minuten jeden Abend dauert: ich muh mich auf die gelagerte Löwengruppe legen und mit einem Reifen spielen. Dafür sollte ich 250 Franken im Monat bekommen. Aber da kam die Sache mit R., die habe ich vorgezogen."
Der Ernst, mit dem sie diese Dinge sagte, war so schalkhaft, die geschäftliche Kühle so kapriziös, daß man verstand, wie sie vor zwanzig Jahren halb München verrückt gemacht hatte. Jetzt war sie gekommen, um den Balten zu heiraten, der ein Stück Geld von seinem Vater nur zu erwarten hatte, wenn er durch eine Heirat seine Zivilisation wieder hergestellt hätte. Als das Geld noch immer nicht kam, gab ihr die Bank ein paar hundert Franken Vorschuß.
„Welche Art Matrosenkragen werden denn jetzt in Kiel getragen?" fragte sie eines Tages meine Frau. „Blau und weiß oder weiß und blau?" „Ich will mich erkundigen. Ist es sehr eilig?" Beide Frauen lächelten sich an. „Ziemlich, denn Montag bekommen wir den Vorschuß auf mein Heiratsgeld, und da wollen wir rasch nach Mal- lorka fahren dort wartet ein Bekannter." — „Lind die Kragen?" „Rolf braucht doch Strandanzüge!" Rolf war ihr natürlicher Sohn, den sie so sehr
liebte, daß sie es ablehnte, ihm den sehr guten) Ramen des betrunkenen Dapons zu geben.
Als sie nach ein paar Wochen zurückkamen^ wollte sie das übrige Geld abheben. Seit der Verlobung hatte sie die Summe im Kops in tausend! kleine Stücke zerteilt, und nun sollte es Wahrheit werden. Im gleichen Augenblicke fallierte die Dank, auf die das Geld indessen eingezahlt worden, der ganze Kanton verlor feine Einlagen und mit den andern die Gräsin. „Schade", sagte sie ganz ruhig, als ich ihr eine Art von Kondolenzbesuch machte. „Aber Mallorka haben wir doch gehabt. Das Dumme ist nur, daß mit der Dank nicht auch die Heirat gekracht ist."
Rie habe ich eine Frau von so taktvollem Humor gefunden: alles an ihr war Lady. Obwohl sie nichts besaß, um Geldes willen Bücher schrieb oder auf eine andere Art Löwensofa machte. Alles war in Heiterkeit getaucht, sie machte sich nie etwas vor und den andern, nur in ihren Liebesaffären; aber auch hier verstand sie auf der halsbrecherischen Grenze des Unmöglichen zu balancieren. Weil ihr ein innerer Anstand eigen toar; glückte ihr die Apparence, und dies in Lagen, bie ihre beständige Geldnot zuweilen unüberwindlich erscheinen ließen. Rachdem sie ihre Zimmer, ihre Schuhe, ihr Essen selber gemacht hatte, manikürte sie sich so, daß ein Tee bei ihr vollkommen war, und wenn die Tassen nicht ganz zur S ahnen - könne stimmten, hatte sie dafür irgendein heiteres Wort, das auch das dümmste Mitglied ihrer Familie entwaffnet hätte.
„Wie bringen Sie es nur fertig“, fragte sie mich in späteren Jahren. „500 Seiten zu schreiben? Ich bringe es immer höchstens auf 180.“ älnd als sie dann mit der Maschine meine Manuskripte abschrieb, sagte sie: „Gott sei Dank, daß ich jetzt keine Bücher mehr selber schreiben muß!" älnd doch waren diese Bücher so behend und wehen auch heute noch jeden an wie ein Morgenwind.
Sie war damals nach Locarno gezogen, genoß und ironisierte zugleich ^as Kleinstadtleben und schien im Begriffe, Sie Frau eines eingeborenen Bürgers zu werden: da er rankte sie, und ehe es jemand erfuhr, war sie einer Operation erlegen. Da standen an dem Grabe dieser armen Frau, die jahrelang die Sonne eines lebensvollen Kreises gewesen, drei oder vier Menschen zusammen, um mit einer Handvoll Tessiner Erde dies Leben zuzudecken, das auf einem norddeutschen Schlosse begonnen, durch den Eigenwillen eines sprühenden Temperamentes aus der Dahn geworfen und eben dadurch geadelt worden war..


