Jm amerikanischen Kongreß wird eine Einladung an Hindenburg gefordert.
Washington, 14. Dez. (fflIB.) 3m Repräsentantenhaus appellierte der Demokrat Collins von Mississippi an Präsident Hoover, der Einladung Macdonalds, Lavals und Grandis baldigst eine Einladung Hindenburgs folgen zu lassen. Deutschland sei an den von Hoover mit den obigen Staatsmännern erörterten Problemen mehr interessiert als irgend ein anderes Land. Sei doch Deutschland der Drehpunkt der europäischen Politik und Hindenburg das letzte starke Bollwerk gegen radikale Exzesse. Europas Stabilität sei zur Zeit so fadenscheinig und schwach, daß es den Schreck eines faschistischen Staatsstreiches nicht aushalten tonne. Eine Einladung an Hindenburg wäre der Auftakt zu besserem Verständnis der deuts che n Rot und der Notwendigkeit amerikanischer Mit- arbeit. Der Republikaner Beck von Pennsyloanien richtete einen warmen Appell an die demokratische Seite des Hauses in Fragen der auswärtigen Poll- tik, Parteidifferenzen zu vergessen und durch Unterstützung der Regierung eine einheitliche, konsequente, vernünftige amerika- niscyeAußenpolitikzu gewährleisten. Genau wie Wilson es ablehnte, von Deutschland einen Cent Reparationen oder einen Zoll Boden zu fordern, sollten die Demokraten jetzt großzügig sein und von Den fremden Regierungen fein Geld eintreiben, solange diese zur Zahlung ihrer Schulden nicht fähig seien. Es sei soviel Geld amerikanischer Bürger in Deutschland investiert, daß auch Amerika sich einer Katastrophe nähere, wenn es jetzt nicht Deutschland helfe.
Als Beck geendet hatte, erhoben sich geschlossen alle
republikanischen Abgeordneten und klatschten Beifall. Don demokratischer Teste wurde erwidert, der Prä- sident dürfe zwar Außenpolitik machen, aber bei internationalen Verträgen, die die Finanzen Amerikas berührten, dürse sich der Kongreß das Recht der Mitbeurteilung nicht rauben lasten. Borah verweist auf Frankreich. Cftnc Kursänderung in Paris keine Aussicht auf Besserung.
London, 14. Dez. (WTB) ..Daily Herald" berichtet: Senator Borah sei der Ansicht, eine Besserung der europäischen Lage könne nur durch eine Annäherung Frankreich- und Deutschlands auf der Basis eines solchen Programms erfolgen, das Deutschland wieder Lebensmöglichkeiten gäbe. Was bezüglich der Reparationen getan werden könne, liege fast ausschließlich bei Frankreich. Allerdings sehe die Durchführung eines solchen Programms, auf das die ganze Welt warte, eine Kursänderung der jetzigen französischen Politik voraus. Borah schloß, er wolle noch die Abrüstungskonferenz abwarten, die seiner Meinung nach in Wirklichkeit eine Wirtschaftskonserenz sei. Ohne eine Ber- minderung der Rüstungen sei eine Wirtschafts- kon'e.enz zwecklos. Indessen bestehe begründete Aussicht auf Besserung der Lage, wenn die Reparationen und die Kriegsschulden gestrichen und die Rüstungen herabgesetzt würden. Die Regierungen müßten ihre Politik darauf umstellen, weil es sonst keinen Zweck hätte, überhaupt Delegationen zur Konferenz zu entsenden.
Oie Gestaltung der Wohnungswirtschast unter der vierten Notverordnung.
Oer Abbau der Hauszinssteuer. — Oie Lockerung der ZwangSbewirtschastung. Oer Mieterschutz. — Oie Mietsenkung.
Berlin. 14. Dez. (ERB.) 3n einem Rundfunkvortrag über die Regelung der Wohnungswirtschaft durch die neue Notverordnung führte Oberregierungsrat Surft vom ReichSarbeitsministe- rium u. a. folgendes aus: Mit der Regelung der Hauszins st euer, wie sie allgemein genannt wird, setzt die Rotverordnung den Schlußstein unter eine Entwickelung, die im Frühjahr 1924 im Zusammenhang mit der Auswcrtungsgeseh- gebung begann. Die Steuer selbst war seit ihrem Bestehen politisch und wirtschaftlich stark umstritten. Bereits die Oktobernotverordnung sah eine Senkung der Steuer ab 1.April 1 932 grundsätzlich um 20 vom Hundert vor. In dieser Höhe wird nunmehr die Steuer in den nächsten drei Jahren, also vom 1. April 1932 bis zum 31. März 1935, erhoben. Dann wird sie stufenweise abgebaut, und -war in den Jahren 1935 und 1936 um 25 v. H. und in den darauf folgenden drei Jahren um 50 v.H., vom 1. April 1940 ab wird eine Hauszinssteuer nicht mehr erhoben. Daneben bringt die Reuregelung für den Hausbesitzer die Mögltchkeit, die Steuer zu sehr günstigen Bedingungen vorzeitig abzulösen. Der Ablösungsbetrag ist verschieden nach dem Zeitpunkt, in dem die Ablösung erfolgt.
Die Verordnung regelt ferner eingehend den Verwendungszweck sowohl des noch lausenden Steueraufkommens wie der Ablösungsbeträge. Fürdie Zwecke derWohnungs- wirtschaft, also für den Kleinstwohnungsbau, die Erhaltung des Altwohnraumes und die Teilung von Großwohnungen, für Miet- und Zinszuschüsse, für die Abdeckung von Vorgriffen auf Die Hauszmssteuer können die Länder noch Mittel bis zur Höhe von ein Fünftel des Aufkommens verwenden. Daneben bleibt das
Gesetz über die Rückflüsse aus den sogenannten Hauszinssteuerhypotheken bestehen.
Oie Wohnungszwangswirtschast ist insoweit überflüssig und abzubauen, als sich auf dem Wohnungsmarlt Angebot und Rachfrage ausgleichen. Das WohnungSmangelae- se h tritt am 1. April 1933 endgültig außer Kraft, d. h., von diesem Zeitpunkt an dürfen Wohnungen oder sonstige Räume von den Wohnungsämtern n ich t mehr beschlagnahmt und sonst in Anspruch genommen werden. Darüber hinaus wird das Wohnungsmangelgeseh schon ab 1. Januar 1 93 2 wesentlich eingeschränkt. Danach werden künftig von tfcr Beschlagnahme und den übrigen Vorschriften des Wohnungsmangelgesehes sämtliche Wohnungen ausgenommen, deren Iahressriedensmiete einen je nach der Ortsklasse verschiedenen Betrag übersteigt. Diese Beträge liegen zwischen 300 Mk. in der niedrigsten Ortsllasse und 800 Mk. in der höchsten. Werkswohnungen und Wohnungen gemeinnütziger Wohnungsunternehmen dürfen ebenfalls nicht mehr beschlagnahmt werden.
Oer Mieterschutz
wird für die Zukunft in folgender Weise neu geregelt: Die Vorschriften des Reichsmietengesehes und des Mieterschuhgesetzes sind vom 1. April 1932 an nicht mehr anwendbar auf teuere Wohnungen, das sind Wohnungen mit einer Jahres friedensmiete von 1600 Mk. und mehr in Berlin, 1400 Mk. und mehr in den Orten der Sonderklassen bis zu 450 Mk. und mehr in Ortsklasse D. Außerdem werden befreit alle Reubauten, alle durch Um* oder Einbauten neu geschaffenen Räume ohne Rücksicht darauf, ob sie mit Zuschüssen aus öffentlichen
Mitteln errichtet wurden oder nicht. Das Gleiche güt für alle durch Teilung einer Wohnung oder Umw andlung von Geschäftsräumen neu geschaffenen Räume und für sämtliche Untermietverhältnisse.
Oie Grundlage für die Mietfenkung
ist geschaffen durch die Herabsetzung deS Zinsfußes für Aufwertung-- und sonstige Hypotheken in Verbindung mit der Reuregelung der HauszinS st euer. Die Ursache für bie u n t e t - schiedliche Behandlung der Alt- und Reubauten liegt darin, daß die Hauszinssteuer nur bei Altbauten erhoben wrrd. Die Hauszinssteuer ist abgestimmt auf die Höhe deS Zinsfußes der AufwerlungShypotheken. Rachdem
der Zinsfuß der AufwertungShhpo- t h e k e n statt auf 7,5 v H. auf 6 v. H vom 1. Januar 1932 an festgesetzt wurde, kann die Entlastung. die der Hausbesitzer auf diese Weise erfährt, zu einer gleichmäßigen Mietsenkung herangezogen werden. Beim Altwohnraum wurde eine gleichmäßige Senkung der Miete um 10 v. H der FriedenSmiete vorgeschrie- ben. Grundsätzlich anders hingegen liegen die Dinge beim ReuhauSbesitz. Sine HauS- zinssteuer wurde beim ReuhauSbesitz nie erhoben. Hier stehen daher für eine Mietfenkung nur die Beträge zur Verfügung, die der ReuhauSbesitz durch die Zinsfentung erspart. Hier mußte eine individuelle Lösung gefunden werden.
Eolijn spricht in Basel über den wirt« schastlichen Unsinn politischer Zahlungen.
Lebhafte Diskussion im Beratenden Sonderausschuß.
Basel, 14. Dez. Der Beratende Sonderausschuß hat die Aussprache über die Einwirkungen der Reparationszahlungen auf die Weltwirtschaftslage abgeschlossen. Der Bericht deS holländischen Ausschuhmitgliedes Eolijn über die funktionsstörenden Wirkungen der politischen Zahlungen war außerordentlich klar und eindrucksvoll. Er betonte u. a., daß verschiedene Staaten in steigendem Maße durch die infolge der Reparationszahlungen notwendig gewordene Steigerung des deutschen Export- zu Ab - wehrmaßnahmen gezwungen worden seien. Das ganze System habe zu einer empfindlichen Störung de-Güteraustausches zwischen den Ländern und damit des gesamten Weltwirtschaft-Handels geführt. Eolijn behandelte das Problem ebenso freimütig und objektiv wie seinerzeit im Wirtschaftsausschuß der Döller- bundsversammlung im September d. M., wo feine Ausführungen übet dasselbe Thema ebenfalls sehr stark beachtet worden sind. Er erklärte damals, die Transferierungen hätten sich als absolute Unmöglichkeit herausgestellt, einmal weil die Reparationen nicht auf wirtschaftlichen Gründen beruhen, ferner weil die Gläubiger sich weigerten, den für die Bezahlung notwendigen Export auszunehmen. Eolijn wie- weiter auf den zeitlich hegten 8 te n Charakter deS Hpover-Mo- ratoriumS hin und betonte, daß im Hinblick darauf schleunigst Maßnahmen getroffen werden müßten, um der Situation nach Ablauf des Moratoriums rechtzeitig zu begegnen. Seine
heutigen Darlegungen bewegten sich auf derselben Linie wie damals. Die Entwicklung der letzten Monate hat die Richtigkeit feiner damaligen Ausführungen und Warnungen hiermit bestätigt.
Die Diskussion, an der sämtliche MitgNe- der des Ausschusses teilnahmen, bewegte sich auf sehr beachtlicher Höhe. DaS Problem wurde eingehend nach den verschiedensten Richtungen erörtert. Auch der französische Vertreter konnte sich den von Eolijn vorgebrachten Argumenten nicht ganz entziehen. Er meinte lediglich, daß der Einfluß ter Polite chen Zahlungen auf das Wirtschaftsleben nicht so beträchtlich sei, wie es von anderen Sachverständigen angenommen würde. Die Tatsache einer Funktionsstörung durch die Reparationen bat aber auch der französische Vertreter nicht mehr bestritten.
Morgen wird die Lage der R e i ch S b a h n zur Sprache kommen. Von der ReichSbahngesellschast ist Direktor Hornberger mit einigen Sachreserenten in Basel eingetroffen. Diese arbeiten heute ein Memorandum aus. da- morgen dem Ausschuß vorgelegt werden wird. Rach Behandlung dieser Frage ist dann der Tatbestand über die deutsche Wirtschafts- und Finanzlage aufgenommen und der Weg zu den Schlußfolgerungen frei. Am Dienstagnachmittag ober am Mittwoch dürfte die Frage der Ernennung eine- Komitees vonDerichterftat- t c t n akut werden. Ob es möglich fein wird, zu einheitlichen Schlußfolgerungen zu kommen, mutz abgewartet werden.
Aus aller Well.
Untergang eines italienischen Hochsee- schlepperS mit 36 Mann Besatzung.
Der italienische Hochseeschlepper „lese o* Ist auf der Fahrt von £a Maddolena nach Liolta Vecchio untergegangen. Dabei sind 36 Mann der Besatzung um» Leben gekommen. Da» Schiff hatte Hilferufe gefunkt, au» denen hervor- gegangen war, daß b I e Masten gebrochen, bas Steuer beschäbigt unb bie Maschinen Infolge Einbringen» von wasser unbrauchbar geworben waren. Der beutsch« Dampfer „Trapani-, ber Hilfe zu bringen versuchte, vermochte infolge ber hochgehcnben See nicht an bas wrack heranzukomiyen. Puch ein versuch des Kreuzers „Triest-, ben „Tesco" in» Schlepptau zu nehmen, mißlang. Rur ein leit bet Besatzung konnte von ben zur Hilfe herbeigeeilfen Schiffen an Botb genommen werben.
Oer Sklarek Prozeß triff in den driften Verhandlungsmonat.
Berlin, 14. Dez. (ERB.) Mit der heutigen Sitzung des Sklarekprozesses hat der dritte Ver
handlungsmonat dieses Monstreprozesses begonnen. In den vergangenen zwei Monaten ift, ob- wohl über 60 Zeuaen vernommen wurden, ber e r ft e I e U ber Anklage, der von den Liefe- rungeoerträgen der Firma Sklarek mit der Stadt Berlin und von ben Zuwendungen an bie Angeklagten handelt, noch nicht zu Ende gebracht worden. Bi» zur Inangriss- nähme des zweiten Teiles der Anklage, ber ben Stadtbankkomplex behandelt, werden vielmehr noch einige Derhanblungstage vergehen. Stadtrat Hermann vom Bezirksamt Mitte gab zu, sich für die Firma Sklarek eingesetzt zu haben, denn er Hobe Verfügung bekommen, wonach sämtliche Bezirksämter bei der Firma Sklarek hätten einkausen müssen. Ihm seien von Gäbel sogar Vorhaltungen gemacht worden, daß er gegen die Lie- ferunaen durch die Sklareks Schwierigkeiten mache. Der Zeuge will zahlreiche günftiaere 81 n• geböte als die der Sklareks an den Angeklagten Gäbel gesandt haben, der ihm erwidert habe: „Das hilft alles nichts, wir müssen bei den Sklareks kaufen.- — Hierauf habe der Angeklagte damals die Aeußerung getan: „Die Sache stinkt zum Himmel, es gibt noch einen größeren krach " — Bürgermeister Schneider habe sich bei einer Weihnachtsbescherung dafür eingesetzt, daß ein
Gießener Konzeriverein.
IV. Konzert: Klavierabend Lubka Kolessa.
'Die Wiederkehr Lubka KolessaS regte zu interessanten Vergleichen an über die Entwicklung der Künstlerin im Lause der vergangenen Jahre. Damals lag über ihrem Spiel etwas Unbewußtes, fast Raives, ein Zwang, so zu wollen, wie man cs tat und auch konnte. Jetzt ist das Können einem starken Willen untertan geworden, die Persönlichkeit setzt sich ausgeprägt durch. Das läßt ihr Musizieren in einem gänzlich veränderten Lichte erscheinen.
Das. waS man gemeinhin .Schule" nennt, war damals ein wesentlicher, wenn auch nicht allein bestimmender Faktor in dem Eindruck, den man von ihr gewinnen konnte. Obwohl sie auch bei ihrem früheren Auftreten Großes. Starke- gab, so ist doch jetzt eine Veränderung unverkennbar: Da- einstige musikalische und technische Rüstzeug Ist jetzt da- Fundament geworden für einen Ausbau, bei dem alle mehr oder minder objektiven Werte zu individuellen Werten umge- formt, umgewandelt wurden. Jetzt hat man da- Gefühl, daß ein ganzer Mensch vollbewuht mit seiner Persönlichkeit hinter dem Spiel steht.
Allem Anschein nach besindet sich die Künstlerin augenblicklich in einer großen Entwicklungsphase, die in dem Ausmaß endgültiger Auswirkung noch nicht völlig zu übersehen ist, die aber Allerletztes erhoffen läßt. Zur Zeit gärt es noch: aber gerade dieses innere Drängen wirkt sich um so ursprünglicher, elementarer auS, wenn schon nicht immer im Sinne eine- harmonischen, egalisierten Ausgleich-. Sie ist jetzt von einem überaus starken Impuls des Aufwallen- beherrscht, der die ihrem Wesen al- Frau komplementäre Seite zur Ent- saltung bringt. Ihr Spiel Ist energievoller, herber 5eworoen. so ist sie auf dem Wege, zu einem kUtünftlcr heranzureifen. Doch dies nicht etwa in dem Sinne, daß sie Vorzüge weiblicher Individualität aufgegeben hätte: im Gegenteil, ihr Gefühl strömt breiter denn je zuvor. Wie immer ist ihr Auftreten von jenem ihr persönlich eigenen Reiz, von Charme erfüllt; wie immer übt fie eine faszinierende Wirkung auf das Publikum auS. Mit ti.f;r für te.s mu ckalische Erleben der Künst- lerin so doch bedeutenden inneren Entwicklung bat das technische Können vollauf Schritt gehalten ES hat an innerem Ausgleich. Beberrfchtdeit und dynamischer Ärafl gewonnen. Diese Gleichzeitigkeit der Weiterbildung lieh sie über da- Klavier
phänomen hinauswachsen zu organisch fundierter Persönlichkeit: damit eröffnen sich hier hoffnungsvollste Perspektiven für die Zukunft.
Diesmal begann Lubka Kolessa ihre Darbietungen mit Vivaldis für Klavier bearbeiteten Orgelkonzert in O-Moll. Die Intcodu:tion baute sie großzügig auf mit hämmernder Anschlagskraft in organischer Gewachsenheit, sie als eine augenblickliche Improvisation erstehen lassend. Wenngleich sie die Fülle des Orgelllanges mit seiner glänzenden Pracht realisieren wollte, so wäre doch angesichts der Passagen ein vorsichtigerer Gebrauch des Pedals am Platze gewesen. Im Largo gab sie der tantablen Linie Plastik. Die klargefaßte Fuge ließ sie in der Krast der Coda gipfeln.
Chopins ö-Moll-Sonatc ist ein überaus leidenschaftliches Werk, voll dämonischer Tragck. Die Sonatenform hat hier eine Umbildung erfahren, die mehr Gewicht auf die individuelle Durchgestaltung ber einzelnen Sätze legt als auf die einheitliche Geschlossenheit des Ganzen. Daß Lubla Kolessa in einem ganz besonderen inneren Verhältnis zu Chopin steht, lieft sich schon bei ihrem ersten hiesigen Austreten scststellen. Die Entwicklung der legten Jahre befähigte sie, dieser Sonate eine ganz besondere Macht der Auswirkung zu verleihen: so wird man darum in musikalischer Hinsicht dieses Werk als den Höhepunkt des Abends bezeichnen können. Der erste Satz war getragen von dramatischer Krast und individueller Durchgeftaltung der gegensätzlichen Themen. Den Seitensatz deS Scherzo- mit seiner lyrischen Ausbreitung stellte fie in wirksamen Kontrast zum Hauptlhema. Den Trauermarsch lieft sie in schicksalsgebundener unerbittlicher Gemessenheit dahinschreiten; das Trio war erfüllt von dem Gefühl des Ucberwundcnhabcns. Unheimlich düster, voll Erregtheit war das Presto.
Durch das Austreten des Geigenvirtuosen Pa- fianini hatte seinerzeit die mustkalische Gntwick- ung Franz Liszts einen neuen fördernden An- ft oft erhalten. Der Klavierspieler wollte eS dem Geiger gleichtun, ja. ihn noch zu übertreffen versuchen. Um sich die letzten technischen Möglichkeiten zu eigen zu machen, übertrug er Paganinis 24 Sapricci für das Klavier, indem er den erweiterten Klangsähigkeiten des Klaviers die Bearbeitung anpaßte. An einer dieser Etüden, der in E-Dur, erwies Lubka Kolessa die virtuofe Beherrschung des Instruments, indem sie aber auch gleichzeitig die musikalitchen Reize dieser Studie in volle- Licht setzte. Eine besondere persönlich« Rote verlieh sie LiSztsBValsc irapromptu".
Der Meister des musikalischen französischen Impressionismus Claude Debussy kam mit einer „Suite pour le piano“ zu Worte, die zwar mit den Ueberschriften der einzelnen Sätze der überbrachten Form folgt, im Grunde aber im Aufbau wie in der klanglichen Sublimiertheit, dem aufgelösten Rhythmus und in der altericrtcn, von den herkömmlichen Funktionen entspannten Harmonik ein typisches Beispiel impressionistischen Schaffens gibt. Hier erschöpfte Lubka Kolessa die vielfachen klanglichen Möglichkeiten, die sie in feinster Differenziertheit und in feinnerviger Durchgeistigung dem Hörer vorführte. Unserem deutschen Musikcmpsinden mochte ber zweite Satz, die Sarabanbe, wohl am nächsten kommen.
Angesichts der hohen musikalischen Fähigkeiten der Künstlerin wäre es für zukünftige Konzerte doch zu erwägen, rein virtuose Vortrag-stücke möglichst auszuschalten und auch Werke deutscher Meister (da- Programm wies keinen deutschen Ramen auf!) zu berücksichtigen. Dr. H.
Isolde Kurz liest aus eigenen Werken.
Auf Einladung des Allgemeinen Deutschen Frauenoereins las die Stuttgarter Dichterin Dr. phil. h. c. Isolde Kurz, die in früheren Jahren bereits in Gießen zu Wort kam, im Hör. faal des Kunstwissenschaftlichen Instituts aus eigenen Werken. Sie begann mit einem Kapitel aus dem vor kurzem erschienenen umfänglichen Roman- wcrk „Vanadis", das den Schicksalsweg einer ungewöhnlichen Frau erzählt. Der vorgetragene Aus- schnitt aus der Iugendgeschichte der Heldin, in raschem Fluß, dem Bau des weitschichtig angelegten Buches entsprechend, und mit ganz leichter mundartlicher Färbung gelesen, umreißt — nach allgemein gehaltener Einführung — Thema und Um- weit des Romans in einigen markanten Szenen; hier wird berichtet von einer mißglückten Braut- Werbung und von der kleinlichen Rache des oer- schmähten Liebhabers; vom Schicksal der Familie i'oltroang; von Unordnung unb frühem Leid im ‘eben der jungen Vanadis; von der strengen Tante Fanny und der jung gebliebenen Groß- mutter; vom Verkauf de» Pferdchens mit dem Mär- chennamcn „Fallada": und als Höhepunkt und Ausklang des Kapitels vernahm man den Bericht vom schmerzlichen Abschied, vom Amazonenritt im Mondschein und vom traurigen Ende des geliebten Tieres im nächtlichen Park.
Nach kurzer Pause horte man die Novelle „Der alte Schrank", eine „Geschichte, die vielleicht keine ist": Isolde Kurz erzählt hier — im Sinne Paul Hevses — das nächtliche Erlebnis auf einer Italien- reife, in einem alten, weitläufigen Palazzo in Ferrara: das beginnt wie eine Spukgeschichte von E T. A. Hoffmann und endet mit einer breit aus- gesponnenen Renaissance-Fabel, die ein Boccaccio- Motiv ins Grausige steigert, indes mancher Hörer vielleicht noch, in (Erinnerung an den „Deca- merone", eine glückliche Wendung de» Abenteuer» erhofft hatte.
Isolde Kurz schloß ihre Vorlesung, auf besonderen Wunsch, m.t.einem größeren, episch fabulieren- den Gedicht „Wanderung", in freien Rhythmen, dessen ins Kosmische schweifende Phantasien dem Abend einen harmonischen Ausklang gaben. — Die überwiegend weibliche Hörerschaft dankte mit herzlichem Beifall. —y—
Zeitschriften.
— Mutter und Kind, Zeitschrift für Ernährung, pflege und Erziehung de» Kinde». Verlag El- roin Staude, Osterwieck am Harz. Vierteljährlich (drei Hefte) 1,65 RM. einschl. Porto — Da» De- zemberhcft bringt dieser Zeit angepaßt eine Reibe interessanter Beiträge, die zum Teil durch zahlreiche Bilder eingehend erläutert werden. Ueber alle die schönen Dinge, die der Weihnachtsmann in seinem Rucksack hat, lesen wir in dem das Heft einleitenden Artikel „Beim Weihnachtsmann". Manche gute Anregung dürfte eine junge Mutter diesem Artikel entnehmen. Dr. Konrad Hahm erzählt „Vom deutschen Volksspielzeug- Dr. Margot Melchior „Dom gulrn Kinderbuch" Unter „Bunte» Allerlei, Spiel unb Zauberei finden wir eine Reihe unterhaltender Beschäftigungsspiele und Zauberkunststücke. — Unter dem Titel „Weihnacht für unsere Jüngsten- finden wir ferner eine kleine Abhandlung über da» Schenken. Richtig schenken ift eine J;unft, wer sie versteht, wird sich durch die Freude, die er zu bereiten vermag, selbst am meisten beglücken.
Lochschulnachfichten.
Der Lehrstuhl ber Morallheologie in der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bree- l a u (an stelle von Professor Dr. Friedrich Wagner) ist dem Professor Dr. theol. Theoder Künder an ber Philosophisch-Theologischen Hochschule in Passau angeboten worben.


