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Wiener Bankenvertreter beim Bundeskanzler. Es ergab sich bei dieser Aussprache, daß kein Anlaß zu irgendwelchen Maßnahmen gegeben ist. Die Börse wird heute in normaler Weise eröffnet werden. In einem Aufruf der sozialdemokratischen Partei wird der steirische Landeshauptmann Dr. Rintelen beschuldigt, daß er die Abwehr des Putschversuches viele Stunden lang sabotiert habe. Das christ- lich.soziale Montagsblatt erfährt dagegen von maß­gebender Seite, daß die Haltung Dr. Rintelens vollkommen korrekt war. Ein Mani - fest der Regierung, das heute in den Stra­

ßen angeschlagen wurde, findet lebhafte Zu­stimmung. In den späten Abendstunden ver­suchten, wie die Montagsblätter melden, mehrere Kommunisten in Wien zu demonstrieren. Die Po­lizei nahm einige Verhaftungen vor und stellte die Ruhe wieder her. Zn der Wiener Sonn- und Mon­tagszeitung kündet Innenminister Winkler an, daß gegen die Schuldigen mit aller Strenge vor­gegangen werden würde. Die Politik der Gewissen­losigkeit dürfe keine österreichische Einrichtung werden.

Curtius spricht in Genf.

Völkerbund undWirtschastskrisis.-DeutschlandsIorderungen an die Abrüstungskonferenz.

Genf, 12.Sept. (WTB.) Am Samstag erklärte in der Völkerbundsoersammlung Reichsaußen- Minister Dr. Curtius u. a.: Die Gefahren der Wirtschaftslage haben fick aufs äußerste zugespitzt. 9Jlaga3tnifierung von Rohstoffen und Lebensmitteln auf der einen Seite, Mangel und Hunger auf der anderen, Zusammenballung von Kapital und Anhäufung von Gold in wenigen Län­dern, in anderen Entblößung vom Kapital und un­erträglicher Zinsdruck, und als furchtbarste Erschei- nuna der Zerrüttung der internationalen Wirtschaft die Arbeitslosigkeit in den Industrieländern, die sich im kommenden Winter in einer noch nicht abseh­baren Weise steigern wird. Ein Heer von restlos Verzweifelten, die radikalen und revolutionären Ein­flüssen nur zu leicht zugänglich sind! Niemand darf sich darüber täuschen, daß die Erde bebt, auf der der Bau unseres heutigen Wirtschafts- und Währungssystems sowie unserer Kultur errichtet ist. Es erhebt sich die ernste Frage, ob die Ergeb­nisse der Völkerbundsarbeit den dring­lichen Forderungen der Gegenwart auch nur einigermaßen gerecht werden. Ich glaube deshalb, wir sind uns einig darüber, daß alles wichtige noch zu tun bleibt.

Der Bericht der Wirtschaftssachverständigen sieht eigentlich als einziges Mittel für eine durchgreifende Besserung der europäischen Wirtschaft die wirtschaft­liche Annäherung, den wirtschaftlichen Zu­sammenschluß an. Das Ergebnis dieser Be­mühungen wird ein Prüfstein dafür sein, wie weit heute in Europa der Wille zu großzügiger, prak­tischer Zusammenarbeit wirklich vorhanden ist. Wir stehen, sagte er, vor einer Verwirrung der ganzen Geld- und K re d i t w i r t s ch a f t. Das Einfließen von Kapital aus den kapitalreichen in die kapitalarmen Länder hat nicht nur ganz auf­gehört, die kapitalreichen Länder haben sogar den kapitalarmen Ländern in einem niemals oorher- zusehenden Umfang die kurzfristigen Mittel, die sie dort angelegt hatten, wieder entzogen. Schwere Zusammenbrüche von Banken sind die unvermeidliche Folge gewesen.

Diefe Vorgänge haben ihren Hintergrund in der Lage der internationalen Finanzbeziehungen, die durch die bestehenden Schulden politischen Charakters geschaffen worden sind. Die gewaltigen politischen Zahlungen von Land zu Land erfolgten ohne wirtschaft­liche Gegenleistung. Sie entzogen dem an sich schon kapitalarmen Schuldnerland an­dauernd große kapitalmengen und zwangen diese Länder im Interesse des Schuhes ihrer Währung zu deflationistischen Maßnahmen, die sich ii hohen Zinssätzen, schwindender Kaufkraft, daher fallender Einfuhr und Steigerung der Ausfuhr äußerten. Lin Fortdauern dieser Ent­wicklung, d. h. die Ermöglichung der Zahlung politischer Schulden durch Drosselung der Ein­fuhr und forcierte Steigerung der Ausfuhr der Schuldnerländer muß nickt nur für diese Län­der, sondern für die gesamte Weltwirtschaft die verderblichsten Folgen haben.

Von verschiedenen Vorrednern ist mit aller Deutlichkeit die Notwendigkeit betont worden, daß das Problem der internationalen politischen Zah­lungen im Allgemeininteresse eine Gesamt- lvsung erfordere, die der Krise wirklich ein Ende mache. Das ist die große Aufgabe, vor die

die Welt sich gestellt sieht. Aber alle internatio­nalen Bemühungen auf dem gesamten Wirt­schafts- und Finanzgebiete hängen von einer ele­mentaren Voraussetzung ab; das ist die Wie­derherstellung des gegenseitigen Vertrauens in den internationalen politischen Beziehungen. Das Vertrauen zwischen den Völ­kern kann nur dann eine sichere Grundlage finden und bewahren, wenn es auf der verständ­nisvollen Anerkennung der beider­seitigen Interessen und Auffassun­gen beruht. Diese Grundlage darf auch durch die schlimmste materielle Notlage eines Landes nicht gefährdet werden. Die Lieberwindung augen­blicklicher Schwierigkeiten darf nicht um den Preis noch größerer Schwierigkei­ten in der Zukunft erkauft werden. Wir müssen ganz offen davon sprechen, daß in vielen Ländern ein weitgehender Skeptizis­mus gegenüber den Genfer Insti­tutionen und eine wachsende Gleichgültigkeit zu beobachten ist. Gerade da, wo starke Hoffnung auf den Völkerbund gesetzt wurde, wächst die Enttäuschung. Gewiß, Wunder zu erwarten, wäre Torheit. Aber auch die Einsichtigen wollenM a tz- nah m e n sehen, die in die Wirklichkeit eingreifen und sie bessern.

Für die Behandlung der Abrüstungs­frage trägt von vornherein und ganz allein der Völkerbund die Verantwortung. Die Satzung des Völkerbundes hat der Welt die Ab­rüstung verkündet; sie ist dem Völkerbunde bei seiner Entstehung als Hauptaufgabe zugewiesen; sie ist eine Schicksalsfrage, die sich auf der bevor­stehenden Konferenz entscheiden muh. Grandis grundsätzliche Ausführung über das Verhältnis zwischen der friedlichen Streitschlichtung, der Ab­rüstung und der Sicherheit habe ich mit großer Genutuung gehört. Wenn Grandi die Ansicht vertritt, daß die friedliche Streitschlichtung und die Abrüstung zusammen die entscheidenden Mit­tel zur Erhöhung der Sicherheit darstellen, so kann ich dem nur mit aller Entschieden­heit zustimmen. Alle Bemühungen um die endgültige und uneingeschränkte Beseitigung des Krieges bleiben Stückwerk, solange nicht das System der friedlichen Streitschlichtung vom Völkerbünde so ausgebaut ist, daß auch für die schwersten politischen Interessengegensätze eine ge­rechte und willige Regelung gewährleistet ist.

3n der Uebeqcugung, daß nicht Rüstung, son­dern Abrüstung Sicherheit bringt, liegt ein entscheidendes Merkmal der im Völkerbund or­ganisierten Staatengemeinschaft gegenüber den früheren Methoden der internationalen Politik. Die Sicherheit der Staaten ist nur dann eine Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens, wenn alle Staaten an ihr in glei­chem Maße teilhaben. Die völkerbunds- fahung kennt nur einerlei nationale Sicher­heit für alle Bundesmitglieder. Sicherheit, begründet auf Uebergewichl der Rüstung, bedeutet stets Unsicherheit und Ge­sa h r für die anderen an Rüstung unterlegenen Länder. Sie sät Mißtrauen und läßt unver­meidlich den Gedanken des Rüstungswettlaufes wieder aufleben. Wie sehr das Gefühl der mili­tärischen Schutzlosigkeit gegenüber stark gerüsteten Rachbarn aus der Seele einer Ration

lastet und ihr ganzes Leben bedrückt, das weih jeder Deutsche, der die Auswirkungen solcher Zustände am eigenen Volke beobachtete. Der Schlußstein des Gebäudes einer Friedens­organisation kann erst gesetzt werden, wenn durch einen vorherigen Ausgleich der Rüstungen sichergestellt ist, daß eine Bundesgewalt nur in pari­tätischer Weile gegen jedes Bundesmitglied, nicht aber mit Hilfe bestimmter stark gerüsteter Staaten gegen andere angewandt werden kann. Die Durch­führung der Abrüstung, wie sie Artikel 8 der Völker­bundssatzung vorsieht, bildet deshalb die Voraus­setzung, ohne die an einen Ausbau des Zwangs­verfahrens des Völkerbundes nicht gedacht werden kann. Das eigentliche Thema der Herabsetzung der Rüstung^, darf auf der Konferenz nicht abhängig gemacht werden von Fragen, die erst nach Durch­führung der Abrüstung gelöst werden können. An­gesichts der gewaltigen Unterschiede im Rüstungs­stande würde eine bloße Limitierung der Rüstungen auf dem jetzigen Stand eine Anerkennung dieser Rüstungsunterschiede bedeuten und wäre einem Scheitern der Konferenz gleichzuseken. Vor mehr als einem Jahrzehnt hat man einer An­zahl von Staaten, darunter meinem Lande, unter dem Drucke eines verlorenen Krieges die Verpflich­tung zur Verminderung der Rüstungen auf einen Minimalstand auferlegt. Die Verpflichtung ist feit langem ausgeführt. Deutschland hat keine schwere Artillerie, keine Militärflugzeuge, keine Tanks, keine Unterseeboote. Deutschland ist zum Teil sogar unter den ihm auferlegten Ziffern des Ver­trags von Versailles geblieben.

Den Verpflichtungen, die Deutschland im Iahre 1919 übernahm, steht das bindende Ver­sprechen der anderen Staaten gegen­über, daß die Entwaffnung Deutschlands dazu die­nen soll, die allgemeine Abrüstung der

anderen Staaten einzuleiten; die deutsch- Abrüstung solle der erste Schritt für eine allge­meine Abrüstung sein. Zwölf Iahre sind seit­her verstrichen, und seit fünf Iahren gehört Deutschland dem Völkerbund an, ohne datz diese Versprechungen eingelost wor­den sind. Wenn jetzt endlich die Abrüstungskonfe­renz zusammentritt, so kann vom deutschen Volke nicht verlangt werden, daß es sich mit einer Legali­sierung der gegenwärtigen Rüstungsverhältnisse abfindet. Eine starke, wirksame Verminderung der Rüstungen der stark gerüsteten Staaten ist daher für Deutschland die unerläßliche Vorbe­dingung für das Gelingen der Konferenz.

Der Ausgangspunkt muh die Gleichbe­rechtigung aller Staaten sein, so dah innerhalb der Völkergemeinschaft nicht mehr mit zweierlei Maß gemessen wird. Es muß für alle die gleiche Methode bei der Herabsetzung und Limitierung der einzelnen Rüstungsfaktoren gel­ten. Wäre dies nicht der Fall, so würde die Kon­vention nicht die psychologischen und moralischen Voraussetzungen erfüllen, unter denen das deutsche Volk ihr beitreten kann. Ich stimme mit Herrn Grandi überein, daß der Gedanke einer Rü­stungspause geeignet sein kann, die Vorbe­dingungen für die Konferenz zip verbessern und ihre Aufgabe zu erleichtern. Ich hoffe, dah es gelingt, diesem Gedanken für die in Betracht kommenden Staaten praktische Gestalt zu geben. Versagt der Völkerbund gegenüber dieser Aus­gabe, dann hört er auf das zu sein, was die Völker und wir alle von ihm ertoarten. Ein Scheitern der Abrüstungskonferenz würde dem Völkerbund die moralische Autorität nehmen in einer Welt politischer Spannungen, die nach einem friedlichen und zweckvollen Aus- | gleich suchten.

Gandhi betritt europäischen Boden.

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Unzählige von Neugierigen und Zeitungsreportern aus allen Teilen der Welt erwarten im Hafen von Marseille die Ankunft des Mahatma Gandhi. Gandhi ist sofort weitergereift und bereits in London angekommen, wo er an den Beratungen der 2.Indien-Konferenz teilnimmt.

Nie erste Rede in London.

London, 12. Sept. (TU.) Die Abfahrt Gandhis aus Folkestone erfolgte unter reger Beteiligung der Bevölkerung. Auf den Straßen hatten sich viele Taufende versammelt, die den Jndersührer lebhaft begrüßten. Seine Ankunft in London vollzog sich ohne weiteres Aufsehen. Lauter Beifall und Heilrufe der Inder empfingen Gandhi im Haus der Quäker, wo ein großer Empfang ftattfanb, als er in weißem Lendentuch und Mantel mit nackten Beinen in Begleitung feiner Freunde (dar­unter des Dekans von Canterburry sowie der von

ihm unzertrennlichen Miß Slade, der Tochter eines englischen Admirals) den Saal betrat. Entsprechend den Gewohnheiten der Quäker wurde die Versamm­lung mit einem Schweigen von mehreren Minuten eröffnet. Der Vorsitzende gab bekannt, daß Be» grußungstelegramme von Macdonald, Baldwin, Henderson und vielen anderen führenden Personen eingegangen seien und hieß dann Gandhi herzlich auf englischem Boden willkommen.

Gandhi entschuldigte sich in seiner Antwortrede, daß er sitzend sprechen müsse, weil er nicht die physische Kraft habe, dies im Stehen zu tun. Er legte dann dar, wie er in den letzten 40 Jahren die indische

Nie Brentanos.

Aus der Familiengeschichte eines alten Geschlechts.

Von Peter Warmund.

Der Nationalökonom Lujo Brentano, der eben in München gestorben ist, zählt zu den Aus­läufern einer berühmten und altverdienten Fa­milie. Peter Anton Brentano, der aus Tre- mezzo in Oberitalien stammt, wanderte im 18. Iahrh. nach Deutschland und gründete in Frank­furt a. M. das Handelshaus Brentano, aus dem nun hinfort weniger Handelsherren als Herren des Geistes und der Dichtung hervorgehen sollten. Zwar sind die sechs Kinder Peter Antons aus erster Ehe nicht weiter hervorgetreten, aber er schloß eine zweite mit Maximiliane von L a Roche, der Tochter der damals berühmten Lln- terhaltungsschriftstellerin Sophie von La Roche, und kam so mit einem Schlage zu Beziehungen zur schönen Literatur des damaligen Deutschland. Am Rhein, am Fuße des Ehrenbreitstein, lag im Tal das Landhaus der La Roches. Als Goethe auf seiner Rheinreise im Herbst 1772 dorthin kam, war er von der sich eben entfaltenden Schönheit der jungen Maximiliane betroffen:Die schwär­zesten Augen und eine Gesichtsfarbe, die nicht reiner und blühender gedacht werden konnte". Er faßte eine herzliche Zuneigung zu dem jungen Mädchen, die damals noch ein halbes Kind war; durch diese Beziehung und durch eine seltsame Verknüpfung sollte der Italiener Peter Anton Brentano sogar in die Weltliteratur eingehen.

In Goethe hatte nach der Wetzlarer Zeit der Werther" eine feste Gestalt gewonnen. Es fehlte nur an einem Vorbild für Lottens Mann: das Schicksal lieferte es Goethe in dem Augenblick, als er es brauchte. Maximiliane wurde auf Drängen guter Freunde, die äußere günstige Ver­hältnisse für Glück hielten, mit Brentano im Ia- nuar 1774 in Frankfurt verheiratet, und Goethe wurde der peinliche Auftrag zuteil, der jungen Gattin das neue Dasein in der fremden Stadt angenehm zu machen. Maximiliane war an den Umgang mit bedeutenden Menschen wie an Selbst­verständliches gewöhnt ihr Mann war Italie­

ner und zudem weiter nichts als Geschäftsmann. So litt die neue Ehe schon unter inneren Kon­flikten, und es kam, was kommen mußte: Bren­tano wurde auf Goethe, der vergebens zu ver­mitteln und auszugleichen suchte, eifersüchtig. Aber schon in den ersten Tagen hatte Goethe die weitere Entwicklung für denWerther" ge­funden, der argwöhnische Italiener gab die We­senzüge zu der Albert-Gestalt des Romans her, und so konnte Goethe das Buch beenden.

Aus dieser Ehe stammten acht Kinder, von denen Kunigunde die Gattin des berühmten Iuristen S a v i g n h wurde; die Geschwister Cle­mens und Bettina aber, in denen sich das Blut zweier Rassen in aller Unausgeglichenheit ver­mischte, gingen alsdie Geschwister Brentano" in die deutsche Kunst- und Zeitgeschichte ein. Ihnen waren verschwenderische Gaben in die Wiege ge­legt worden, zugleich aber mangelte ihnen alles, was diese Fülle hätte ausreifen lassen können. So entzieht sich auch die Natur Clemens Bren­tanos jedem Zugriff, sein Dasein erfüllt sich in Einfällen, Visionen, Improvisationen, jeder An­laß bringt ihn in Schwingungen, aber in alledem ist keine Stetigkeit, und man weiß nie, wann ein Erlebnis das andere verdrängen wird. So wurde Clemens zum Kaufmann bestimmt, aber er ging nach seines Vaters Tode zu den Romantikern nach Iena und Heidelberg, war mit den Brü­dern Grimm, mit Görres und Achim von Arnim eng befreundet, mit dem er zusammen die DolksliedersammlungDes Knaben Wunder­horn" herausgao; er schrieb seinenGodwi", einen der phantastischsten und undurchsichtigen Romane dieser Zeit, aber auch eins der entzückendsten deutschen Prosastücke, dieGeschichte vom braven Kasperl und schönen Annerl" und das echte Mär­chenGockel, Hinkel und Gackeleia", um dann als geborener Katholik die Wendung zur strengen Gläubigkeit zu nehmen und am Krankenlager der Katharina Emmerich (einer der Vorläuferin­nen Therese Neumanns) die Visionen und Er­leuchtungen der stigmatisierten Iungfrau auszu­schreiben.

Bettina aber wurde die Freundin der Karoline von G ü n d e r o d e, die in einem Anfall von Schwermut ihrem Leben im Rhein ein Ende machte; sie ist die Verfasserin vonGoethes Brief­wechsel mit einem Kinde" (1835), der einer Ver­

herrlichung Goethes dienen sollte, sie ist schließ­lich die Gattin des Dichters Achim von Arnim, nach dessen Tode sie mit Plänen und Schriften hervortrat, die unklar, ungeordnet und unkonse­quent wie ihre ganze Art bleiben muhten. Von ihren sieben Kindern ist Gisela, später die Gattin Herman Grimms, auch als Dichterin bekannt geworden, und sogar Herman Grimm, der zu­letzt Bettina mit am nächsten gestanden hat, hielt es für unmöglich. Fremden eine Vorstellung ihres unruhigen Wesens zu geben. Aber er sagte von ihr:Nicht einen Augenblick wüßte ich aufzu­finden, wo ich sie kleinlich oder für ihren eigenen Vorteil bemüht gesehen hätte. Sie gleicht Goethe darin, bei dem auch jede Handlung von dem glei­chen Licht innerer Erleuchtung beschienen war. Nur von wenigen vornehmen Geistern hat das zu allen Zeiten gesagt werden können".

Zu den Geschwistern Clemens' und Bettinas gehört auch der weniger bekannte Bruder Christian, dessen Söhne der Philosoph Franz und der jetzt verstorbene Nationalökonom Lujo Bren­tano waren. Aber auch unter den anderen Kin­dern aus der Ehe des Italieners Brentano mit Maximiliane La Roche scheinen einige hoch­begabte von Geist und Empfindung gewesen zu sein. Von Lulu sind fromme Lieder gedruckt wor­den, und Clemens selbst hielt seine Schwester Sophie, die früh im Hause Wielands starb, für noch begabter als die Schwester Bettina. Don den Brentanos aus erster Ehe, den Halb­geschwistern also, war Franz ein Freund Bee­thovens und Goethes. Lind endlich reicht die verzweigte Familie bis in die jüngste Gegen­wart: Irene Forbes-Mosse und Elisabeth von H e h k i n g sind Enkelinnen der Bettina, Töchter von Armgard, vermählter Gräfin Flem­ming.

Oochschulnachrichten.

Der durch die Emeritierung des Geh. Medizinal­rates Pros. Ios. Iadassohn an der Llniversität Breslau erledigte Lehrstuhl der Hautkrank­heiten ist Dr. Mar Seiner, außerordentlichem Professor und Oberarzt der Hautklinik daselbst, angeboten worden.

Das Aeffchen.

Von Walter Heih.

Abend in einer stillen Seitenstraße. Ein Dutzend Menschen, die Hälse reckend, vor einem hell erleuchteten Schaufenster.

Drinnen fitzt in einem hohen Drahtkäfig ein Aeffchen, ein ganz kleines. So eins, wie man e8 oft sieht. Aber heute ist es etwas Besonderes. Iemand gab ihm von drinnen her einen kleinen runden Spiegel so einen, wie ihn die Damen in ihrem Täschchen haben, mit Zelluloid auf der Rückseite.

Das Aeffchen betrachtet den neuen Gegenstand. Auf einmal sieht, der Kleine darin sich« Rein... einen Äffen. Ein Wesen feiner Art, den langersehnten und entbehrtenSeinesglei­chen". Ein Lächeln geht über fein Gesichtchen, nur ein kaum merkliches Zucken der Lippen. Aber gleich darauf haben Stirn und Gesicht wieder den alten Sorgenausdruck. Sein Händchen will hinein­fassen in das Loch... aber das geht nicht. Das Loch ist zu.

Die Sorgenstirn wird noch faltiger. Dann dreht das Aeffchen den kleinen Gegenstand dieses seltsame Loch herum. Aber da ist kein Asse, da ist nur die glänzende Fläche. Vielleicht steht irgendein Wort daraus aber das sagt ihm ja nichts.

Wieder wandert der Spiegel vor die Apgen. Lange! Das kleine Gehirn denkt und grübelt.

Run tastet die freie Hand weit in die Luft... in den Raum hinter dem Spiegel. Llnsicher, schwankend, denn der Kleine sieht ja nicht, wohin er greift. Er blickt unverwandt in das Loch. Leise bewegt er die Lippen. Ein paar Laute, die uns farblos ohne Sinn erscheinen und die doch für den anderen Affen, den er im Loch sieht, heißen würden:Komm... komm... komm zu mir.

Ein Dutzend Menschen stehen vor dem Fenster. Ieder trägt in sich ein Weltbild. Einer nur ein räumliches, der andere ein seelisches. Lind in jedem dieser Weltbilder ist irgendwo ein Loch. Etwas sehen wir darin. Etwas, was wir ersehnen. Aber immer ist etwas davor, das uns hindert, hindurchzufassen... und das den da draußen hindert, zu hören, wenn wir rufen; »Komrn.^ ztomm... komm zu mir!