Einzelbild herunterladen

Samstag, 12. Dezember Ml

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 291 Drittes Blatt

Wirtschaft.

Wochenbericht vom Frankfurter produktenmarkt.

Die Tendenz am Frankfurter Eetreidemarkt war die gatize Woche hindurch wieder außerordentlich ruhig. Die Llnternehmungslust litt unter der herrschenden Llnsicheryeit. ebenso warf die neue Notverordnung der Reichs reg ierung ihre Schatten voraus, so das) die Zurückhaltung noch verstärkt wurde. Die Umsätze hielten sich daher in den engsten Grenzen und gingen über die Deckung des notwendigsten Tagesbedarfes nicht hinaus. Die Preise gaben allgemein weiter etwas nach.

Am Drotgetreidemarkt blieb das An­gebot ziemlich knapp, war jedoch für die schwache Nachfrage mehr als ausreichend. Die Preise für Weizen und Roggen gingen abermals um je 4 Mark per Tonne zurück. Die Notierung für Weizen stellte sich aus 222,50 Mark, für Roggen auf 221,50 Mark. Das Geschäft in Ausland- weizen war wegen der unsicheren Preislage eben­falls außerordentlich gering.

Am H a f e r m a r k t zeigte sich wenig In­teresse. Der Preis gab erneut um 2,50 Mark nach und notierte am letzten Börsentage mit 155 bis 160 Mark per Tonne.

Am G e r st e m a r k t blieb die Notierung mit 175 bis 180 Mark per Tonne, wohl unter dem

Geschäftsgang, rückläufige Preise und stärkerer Lieberstand waren die Folge. Die Preise senkten sich bei Ochsen, Färsen und Bullen um je 1 Mark, während die vorwöchentliche Notierung für Kühe aufrecht erhalten blieb.

Nachdem bereits in der Vorwoche für Kälber die Preise etwas anziehen konnten, blieben sie in der abgelaufenen Wcche unverändert. Mit einer nennenswerten Belebung des Kälbermarktes kann auch in den nächsten Tagen kaum gerechnet werden. Der Auftrieb war mit 1591 Stück um rund 210 Stück größer: nach schleppendem Ge­schäft wurde der Markt jedoch geräumt.

Auch am Schafmarkt haben die Preise in­folge des stärkeren Auftriebs (655+130 Stuck) wieder eine Einbuße um 2 Mark erfahren, da die Nachfrage sehr gering war.

Ein verlustreiches Geschäft wies auch der Schweine markt auf, woran vor allem die wesentlich stärkere Beschickung mit 6508 Slück (6172) Schuld sein dürfte. Der Absatz gestaltete sich stets sehr schleppend, so daß großer Heber» stand verblieb. Die Preise senkten sich für alle Gewichtsklassen um rund 4 Mark für den Zentner.

Im einzelnen notierten pro Zentner Lebend­gewicht in Mark: Ochsen al) 30 bis 32, a2) 26 bis 29, bl) 22 bis 25. Bullen a) 27 bis 29,

b) 22 bis 26. Kühe a) 23 bis 26, b) 20 bis 22, c) 14 bis 19. Färsen a) 30 bis 32, b) 26 bis 29, c) 22 bis 25. Kälber b) 40 bis 42, c) 36 bis

39, d) 28 bis 35. Schafe a) 24 bis 26, b) 20 bis

23, c) 15 bis 19. Schweine b) 41 bis 43, c) 40

bis 42, d) 38 bis 40, e) 34 bis 38, g) 33 bis 38.

Neue Oevisenverordnung.

Berlin, 11. Dez. (WTB.) Nachdem die Reichsbank sich entschlossen hat, für diejenigen Handels» und Industriefirmen, die zur Kurs­sicherung für Warengeschäfte Devisen auf Termin zu kaufen oder zu verkaufen wünschen, den Abschluß von Devisentermingeschäs» t e n zu vermitteln, sind in einer 9. Durchführungs­verordnung zur Devisenordnung jetzt derartige, durch Vermittlung der Reichsbank abgeschlossene Geschäfte für zulässig erklärt worden. Gleich­zeitig wurde die Verpflichtung, fällige Zins­scheine der Reichsbank anzubieten und bei der Einlösung solcher Zinsscheine für Rechnung von Ausländern ein Affidavit beizubringen, auch auf Gewinnanteilscheine ausgedehnt. Ferner wird durch die Verordnung klargestellt, daß auch die an einigen deutschen Plätzen im Freiverkehr gehandelten Auslandsbonds nur mit Ge­nehmigung der Devisenbewirtschastungsstellen er­worben und veräußert werden dürfen. Schließ­lich ist Blattgold, dos bisher vorwiegend als Fertigfabrikat angesehen wurde, in die Devisen­bewirtschaftung einbezogen worden.

Einfluß der Stützungsaktion, bei sehr wenig Ge­schäft gegen die Vorwoche unverändert.

Der M e h l m a r k t stagnierte fast vollkommen, während in früheren Iahren das Weizenmehl­geschäft vor dem Wechnochtssest immer sehr große Abrufe zu verzeichnen hatte. Auch eine weitere Ermäßigung der Preise führte keine Belebung herbei. Ebenso ist der Absatz in Roggenmehl merk­lich zurückgegangen. Die Preise schwächten sich all­gemein um eine halbe Mark ab. Die Forderungen betrugen für Weizenmehl südd. Spez. 0 mit Aus- kauschweizen 35,25 bis 36.25 Mark, do. Sonder- mohlung 33,50 bis 31,50 Mark, für Weizenmehl niederrhein. Spezial 0 mit Auslandweizen 35.25 bis 36,00 Mark, für Sondermahlung 33,50 bis 34.25 Mark, Roggenmehl 60prozentige Ausmah» lung stellte sich auf 30,75 bis 32.00 Mark, alles je KO Kilogramm frei Fra-"urt.

Kleieuid Futterm: hlk nfn hr Pr ise trotz des sehr geringen Angebots nicht behaup­ten und gaben um eine viertel bis eine halbe Mark nach. Nur Treber, sehr knapp offeriert, konnten ihren Preisstand der Vorwoche mit 13 Mark per 100 Kilogramm behaupten. Man for­derte für Weizenkleie 8,50 bis 8,40 Mark, für Roggenkleie 9 bis 9,25 Mark, für Futtermehl etwa 9,50 Mark. Rauhfuttermittel wurden wie folgt notiert: Heu füdd. 5,00 bis 5,25 Mark. Weizen- und Roggenftroh 3,75 bis 4,00 Mark je ICO Kilogramm.

Kartoffeln lagen bei sehr ruhiger Tendenz im Preise mit 2,75 Mark unverändert.

Wochenbericht vom Frankfurter Schlachiviebmarki. Die abgelaufene Woche brachte dem Frank­furter Schlachtviehmarkt allgemein ein weiteres Abflauen des Geschäfts und mehr oder weniger starke Preisrückgänge. Neben dem starken An­gebot an Wild und Geflügel blieben auch die Hausschlachtungen nicht ohne Einfluß. Dazu kom­men die für die schwache Kaufkraft der Bevöl­kerung viel zu hohen Auftriebe, die die Preise we'ter drücken.

Der Auftrieb am Rinder markt war mit 1725 Stück gegen die Vorwoche mit 1791 Stück nur unwesentlich schwächer beschickt. Schleppender

Die deutschen Börsen.

Frankfurt etwas fester.

Frankfurts. M., 11. Dez. Die Stimmung des heutigen telephonischen Freiverkehrs war allge­mein etwgs fester, nachdem bereits in den gestrigen Abendstunden eine leichte Erholung ein­getreten war. Die umfangreicheren Abgaben in Farbenaktien, die in den letzten Tagen zu beob­achten gewesen waren, haben aufgehört, und bei der Spekulation machte sich wieder eher etwas Deckungsneigung bemerkbar. Auch die feste Ten­denz des Rentenmarktes trug dazu bei, daß die Aktien heute eine nach oben gerichtete Kurs­bewegung zu verzeichnen hatten. Die Mehrzahl der genannten Kurse lagen gegenüber gestern um durchschnittlich 2 Prozent fester, eine Anzahl von Spezialwerten hatte darüber hinaus noch Kurs­steigerungen um bis zu 4 Prozent auszuweisen. Am meisten konnten Reichsbank-Äksien (plus 4 Proz.) profitieren, aber auch Siemens waren mit plus 3 Proz. gut gefragt. Montan- und Bankaktien lagen meist unverändert, z. T. ergaben sich leichte Kursavancen um bis zu 1 Prozent. Die Llmsah- tätigteit zeigte gegenüber den letzten Tagen eine leichte Belebung.

Am Rentenmarkt setzten sich die Kurs­steigerungen fort. Durch besondere Festig­keit zeichneten sich Gold- und Liquidationspfand­briefe aus, denen die Bestimmungen der Not­verordnung über erleichterte Ablösung von S» pothekenschuldma zugute kamen. Die KurLbesferuw- gen betrugen von 4 bis 6 Prozent. Gefragt waren. ferner diejenigen Werte, die von der Konversion nicht betroffen werden. Altbesitzanleihe lagen 2, Reichsschuldbuch,orderungen etwa 1,5 und verschie­dene kommunale Werte bis zu 2 Prozent fester.

Oie gestrigen Devisenmärkte.

An den internationalen Devisenmärkten hat sich das englische Pfund gestern vormittag unter kleinen Schwankungen weiter leicht be­festigen können: man wollte weitere Stützungs­käufe für Londoner Rechnung seststellen. Gegen den Dollar befestigte sich das Pfund auf 3,317s.

gegen Amsterdam auf 8,22, gegen Zürich auf 17,00, gegen Paris auf 843/s und gegen die Mark auf 14,00. Der Dollar lag eher etwas leichter, die M a r f war leicht befestigt: in Amster­dam zog sie auf 58,55, in Zürich auf 121,50 und in Paris auf 601 an.

Am Nachmittag war das Geschäft ziemlich ruhig. Die Mark lag eher etwas fefter, da die Erklärungen Dr. Brünings vor der Auslandpresse einen günstigen Eindruck auf den Markt machten. In London zog die Mark auf 13.93 an, in Amsterdam auf 585/s. in Zürich stellte sie sich auf 121,40 und in Neuyork auf 23,72s',- Das englische Pfund war unver­ändert mit 3 "l3 ,i gegen den Dollar, 8,20 gegen den Gulden, mit 84,31 gegen Paris und mit 17,02 gegen Zürich. Der Dollar war weiter etwas leichter, die Norddevisen konnten sich gut behaup­ten, dagegen lag Iapan recht schwach. Durch den Rücktritt des Kabinetts sind Befürchtungen wegen des Goldstandards aufgetaucht.

Devisenmarkt Berlin Frankfurt a. M.

11 .Dezemd'r

12-Dezember

Amtliche

Dotierung

Amtliche Dotierung

Geld Arie'

fM'

Brie

Helsiugsor» .

6.034

6.106

5.744

5 756

Wien . .

54.95

55 05

52.95

53.05

Prag . .

12-47

12.49

12 47

12.49

Buvaveü . .

73 28

73.42

70.93

71,07

Sosia . .

3.057

3.063

3.057

3.063

ßollanB . .

170.03

170.37

170.23

170.57

£610 . .

75.67

75.83

76.67

76,83

StoDenhflfle«.

76 62

76.7?

78.02

78,18

Stodholtn

76.62

76 78

78 02

78,18

London . .

1388

13.92

14.15

14 19

Buenos Aires

1033

1.037

1.048

1.052

Neunori

4.209

4.217

4.209

4.217

Brüliel. . .

58.54

58.66

58 64

58.76

Italien. . .

21-58

21.62

21.68

21.72

Paris . . .

16.50

16.54

1652

16 56

Schweiz . .

81 97

82.13

81.97

82.13

Spanien . .

34 72

34.78

35.06

35.14

Danzig . .

81 97

82.13

81.97

82.13

Japan . .

2.058

2.062

2.058

2.062

Nw oe Jan..

0.249

0.251

0,244

0.246

Jugoslawien. Liiiabon

7.393

12 84

7.407

12.86

7,393

12.89

7,407

12-91

Banknoten.

Berlin. 11 Dezember

Geld

Sric?

AMeiilangche Sloten.......

4.20

4,22

Belgische Sloten ........

58,38

58,62

Dänische Noten.........

76,45

76.75

Snfllifche Noten.........

13.84

13,90

stronzösische Noten........

16.47

16,53

Hollänvische Noten........

169,66

170,34

Italienische Noten........

21,56

21,64

Norwegiiche Noten........

75.5)

75,80

Deutlch-Seslerretch, * 100 Schilling

Rumänische Noten........

2.48

2,50

Schwedische Noten........

76,45

76,75

Schweizer Noten.........

81,79

82,11

Spanische Noten.........

34,58

34,72

Ungarische Noten . . ...

Reichsbankdiskont 7 v. h.» Lombardzinsfuh 8 v. h.

Sezirksfchöffengericht Gießen.

* Gießen, 11. Dez. Ein Handelsmann aus Lichenroth hat mehrfach Blankoakzepte entgegen der Vereinbarung mit höheren Beträgen ausgefüllt, in einem Falle auch ein Akzept gefälscht und sich so allerdings nicht sehr beträchtliche Bermögensoor- teile oerschafst. Er erhielt eine Ge f ä n g n i s ft r a f c von sechs Monate n.

Ein Arbeiter aus Gießen erhielt wegen Dieb­stahls einer Taschenuhr, die er einem Arbeits­kameraden entwendet hat, sechs Monate Ge­fängnis. Strafschärfend kam in Betracht, daß er bereits fünfmal wegen Diebstahls vorbestraft ist.

Jördert das heimische Gewerbe, kaust am Platze!

Ebenfalls wegen Rückfalldieb st ahls wurde ein Dienftknecht zu vier Monaten (9 e f ä n 9 - n i s verurteilt. Er hat einem Arbeitskollegen eine Hose gestohlen.

Ein noch unbescholtener Kaufmannsgehilfe hat einem Mitangestellten unter Anwendung eines Nach­schlüssels einen Geldbetrag aus der im Pult ausbe­wahrten Kassette entwendet, um Spielschulden zu be­zahlen, die er als Ehrenschulden empfand. Strafe wegen schweren Dieb st ahls vier Monate Gefängnis.

Um sich Arbeitslosenunterstützung, auf die er in der verlangten Höhe keinen Anspruch hatte, zu ver­schaffen, hat ein Kellner eine Meldekarte g c - fälscht und dem Arbeitsamt Gießen norgelegt. Do es sich um eine öffentliche Urkunde handelte, war die Mindeststrafe, auf die erkannt werden mußte, drei Monate Gefängnis.

Ein Gefreiter des hiesigen Bataillons war ange­klagt, ein a u f T ä u s ch u n g berechnetes Mittel am gewandt zu haben, um sich der Erfüllung feiner Ver­pflichtung zum Dienst ganz oder teilweise zu ent­ziehen. Das Gericht kam auf Grund der Beweis aufnahme zu der Ueberzeugung, es handele sich nur um eine einfache Urlaubsüberschreitung und sprach den Angeklagten frei.

Weil er in einer Beschwerde gegen einen Beamten beleidigende Ausdrücke gebraucht hatte, wurde ein Kaufmann zu einer Geldftrafe von fünfzig M a rk verurteilt.

Kunst und Wissenschaft.

Orden pour le merite.

Nach dem Ableben des zweiten Vizekanzlers, Ex­zellenz Prof. Dr. Ulrich von Wilamowitz-Moellen- dorff, ist von den Ordensrittern der derzeitige Rek­tor der Universität Berlin, Professor der indi- dischen Philologie, Geh. Regierungsrat Dr. Heinrich Lüders zum zweiten Vizekanzler des Ordens pour le merite für Wissenschaften und Künste ge­wählt worden.

Meßen Kmd Mich?

Vornan von Fr. Lehne.

(Urheberschutz durch C. Ackermann, Romanzentrale

Stuttgart.)

27 Fortsetzung

Nachdruck verboten.

Ebba hatte auf dem Kanapee neben dem Pfar­rer Platz nehmen müssen; sie hielt seine Hand in der ihren und strich immer leise darüber him Scheu undCidbe lagen in ihrem ganzen Gehaben. Ach, sie ahnte wohl, daß er sie in seinem Innern heftig tadelte, als Frau Angela jetzt auf eine Frage der Pfarrerin den Hergang ihrer beider­seitigen Bekanntschaft in vorsichtig gewählten Worten erzählte.

Der Pfarrer äußerte sich vorläufig gar md)t dazu, was Ebba beunruhigte; sie wagte auch keine Frage nach den Eltern und Christel zu tun, und merkwürdigerweise erwähnten die Pfar­rersleute niemanden, so sehr Ebba es innerlich Loch wünschte. _

Nach dem Kassee ging man ein halbes Stünd­chen spazieren. Me alte Dame wollte Ebba das reizend gelegene Städtchen zeigen, und in ihrem Innern lebte nebenbei das heimliche und leicht begreifliche Verlangen, mit ihrem Besuch ein wenig zu prunken! Das StGdtchen war nur klein: jedermann kannte sich: man grüßte nach allen Seiten und wurde von allen Seiten gegrüßt! Eine ältere Dame blieb stehen: man wechselte

einige liebenswürdige Worte.

ah, die Frau Tochter und gewiß ein Fräulein Enkelin? Fabelhaft ähnlich sieht das junge Fräulein der Frau Mama!"

Nein, Frau Sanitätsrat, es ist nur eine liebe Bekannte, aUerbim $ uns lieb wie ein Kind! So alt wie Fräulein Lenz ist, so lange kennen wir sie schon, gelt Ebbachen?"

Nicht?" sehr erstaunt klang es,ich glaubte es wahrhaftig; denn eine solche Aehnlichkeit zwischen zwei Fremden"

Angela, die sonst so Beherrschte, suhlte unter den vergleichenden Blicken der alten Dame das Mut in ihre Wangen steigen. Dann trafen ihre Augen die des Vaters, und ihre Verwirrung flieg--wie eigen er sie plötzlich ansah! Oder

bildete sie sich das nur ein? Ach, wie war sie nervös geworden!

Beim Abendessen sprach Pfarrer Sturm wenig. Seine Augen wanderten dafür unablässig von Angela zu Ebba und wieder zurück; es lag ein so eigener, suchender, grübelnder Ausdruck darin.

Tatsächlich wie die beiden sich doch so ganz fremden Frauen glichen! Dieselben strahlenden blauen Augen, das gleiche, goldschimmernde Haar, der Schnitt des Mundes sogar das Lächeln ganz so sah die Tochter aus auf den letzten Bil­

dern, die man von ihr wie ein Heiligtum ver­wahrte!

Es war merkwürdig!

Ebba hatte ihre Bangigkeit verloren. Sie war ganz glücklich, bei Pfarrer Sturm zu sitzen ein Stück Heimat war ihr dieses trauliche, wohlbe­kannte grüne Zimmer! Sie hatte sich gleich nütz­lich gemacht, hatte den Tisch abgedeckt, dafür Aepsel und kleines Gebäck auf den Tisch gesetzt, sowie ein Fläschchen mit gutem Likör.

Gemütlich plaudernd sah man um den ovalen Tisch. Wie ein Bann war es von ihr genommen, daß Pfarrers ihre Flucht aus Reinshagen noch gar nicht gestreift hatten! Sie erzählte von den Eltern, von den Familien im Dorfe, von Bruder Christel, wie er sich bemühe, es dem Herrn Pfarrer nachzutun, vom Schlosse, von Komtesse Inga.

Inga1 Der Pfarrer nickte mehrmals vor sich hin,Komtesse Inga hat ihren Eltern auch großen Verdruß bereitet" er sagteauch! Ebba wurde unwillkürlich rot.Komtesse Inga reifte gleich nach Neujahr ohne weiteres von Dresden nach Reinshagen zurück! LlebrigenS sind die Herrschaften seit dem 10. Februar wieder dort; es muß etwas mit Komtesse Inga gewesen fein, das Ihnen den Aufenthalt in Dresden verleidet hat! Sie waren im Ianuar in der Schweiz; doch die Komtesse hat in Reinshagen bleiben müssen; man hat sie nicht mitgenommen!

Ich kann mir den Grund ungefähr denken, Herr Pfarrer!" sagte Ebba leise,die Frau Gräfin bestand darauf, daß sich Inga mit dem Sohne einer Freundin verlobte, einem Baron Drandeck! Inga wollte aber nicht, weil sie einen anderen liebt! Lind dieser andere ist unser Christel, Herr Psarrer!"

Die alten Leute waren überrascht.

Nun, eine schlechte Wahl hat da Komtesse Inga nicht getroffen", meinte der Pfarrer,aber diese Llnbotmäßigkeit der Kinder gegenüber ihren Eltern ist durchaus nicht zu entschuldigen! Frau Gräfin hatte mir zweimal geschrieben; allerdings nichts Näheres über Inga doch aus ihren Zeilen konnte man manches herauslesen deutete mir die Meinungsverschiedenheit mit Inga an!

Hat Frau Gräfin auch von mir?" stockend, blutübergossen stellte Ebba die Frage, weil sie das Verlangen hatte, sich in diesem Fall vor den Pfarrersleuten zu rechtfertigen.

Ja, mein Kind" der Pfarrer sah Ebba sehr ernst anüber dich hat sie mir allerlei mit­geteilt I Da war das Thema, das Ebba ge­fürchtet! Es stürzten ihr die Tränen aus den Augen.

Was Frau Gräfin auch geschrieben haben mag es war nicht so, Herr Pfarrer!"

..Auch von deinen Eltern habe ich zwei Briefe, Ebba! Briefe, die mir das Herz zerrissen haben! Kind, hast du gär nicht bedacht, was du ihnen mit deinem unbesonnenen Fortgehen angetan hast

Christel weiß alles ich schreibe doch öfter! Aber nach Hause kann ich vorläufig nicht!"

Warum nicht, Ebba?"

Wenn ich erzählen dürfte?"

Sprich, mein Kind! Du kannst dir wohl den­ken, daß es mich verlangt, endlich klar in dieser Angelegenheit zu sehen, die deine Eltern so namenlos unglücklich gemacht hat!"

Stockend, unter Tränen, erzählte Ebba von allem, was ihr widerfahren bis zu dem Augen­blick, wo Frau Angela sie im Zuge getroffen und mit sich genommen.

Ebba bleibt nun auch bei mir! Ich habe sie lieb gewonnen. Sie bringt mir Jugend und Sonne in mein Haus!" sagte Angela hastig.

Habt ihr beide denn nicht an Ebbas Eltern gedacht, wie sie sich abhärmen und nach ihrem" Kinde sehnen?" fragte der Pfarrer vorwurfsvoll.

Sott man wieder mit Fingern auf mich zeigen? Nein! Erst will ich etwas sein und etwas können."

Ja, man wird mit Fingern auf dich zeigen, Ebba, aber nicht, wenn du kommst, sondern wenn du wegbleibst! Jetzt wird geraunt und getuschelt! Jetzt wird gesagt, sie wagt sich nicht nach Hause; sie wird wohl ihren guten Grund haben, weg­zubleiben! Deine Eltern, Ebba, gehen Passions­wege! Lind kommst du wirklich nach einem Jahre wieder nach Reinshagen zurück, so wird man erst recht tuscheln und wird dich nach deinem Kinde fragen, Ebba

Nein!"

Es war ein Schrei tiefsten Entsetzens, den Ebba ausstieh. Sie stand aufNein I" Sie tau­melte und wäre gefallen, wenn Angela sie nicht gestützt.

Es ist so, Ebba!" sagte der Pfarrer sehr ernst, man hält dich für eine Verlorene! Welchen Grund sonst könnte dein hartnäckiges, unerklär­liches Fernbleiben haben? Die Rücksicht auf deine Eltern und auf dich selbst gebietet dir, unver­züglich nach Reinshagen zurückzukehren, wenn du nicht namenloses Elend auf deine Eltern häufen willst und auf deinen Bruder, denke, an welch erhabener Stelle er steht und du, seine Schwester

Mein Gott, mein Gott" stammelte Ebba; wie eine Irrsinnige starrte sie vor sich hin, daran habe ich doch nicht gedacht

Ebbas Verzweiflung schnitt der alten Dame ins Herz. Fast vorwurfsvoll wandte sie sich an den Gatten:

Lieber Mann, mußtest du ihr das sagen?"

Ja, ich mußte es! In ihrem eigensten Inter­esse! Lind nun hoffe ich, daß Ebba auf ihre Pflicht sich besinnt! Ich bin glücklich gewesen, daß ich es ihr habe sagen können!"

Ebba war ganz verändert.

Weggewischt aus dem lieblichen Gesichtchen jede Spur von Frohsinn. Wie töt lagen ihr die Augen im Kopf, mühsam wurde ihr daS Sprechen,

Ja, Herr Pfarrer, ich will fahren! Bestimmen Sie den Tag!" sagte sie mit schwerer, beinahe lallender Stimme.

Ich freue mich, Ebba, daß du so viel Einsicht hast! Morgen werde ich gleich schreiben und deine Eltern auf dein Kommen vorbereiten.

Vater, wenn du darauf bestehst, daß Ebba sofort zu ihren Eltern reift, werde ich Ebba be­gleiten und nehme sie mir dann wieder mit! Die Hauptsache, daß sie sich dort gezeigt und daß man sie gesehen hat! Soll sie dauernd wieder in Reins­hagen bleiben und in ihrem Dorfe versauern? Sie hat ja noch gar nichts von der Welt gesehen."

Ob deine Welt zu sehen, so erstrebenswert ist? Ob für Ebbas Frieden ihr Dörfchen"

Ach, Vater", fiel ihm Angela schnell ins Wort« froh um den Widerspruch,gerade das weltver­gessene Dörfchen hat Ebba den Frieden genommen und hat sie fortgetrieben! Lind bei mir ist sie gut ausgehoben! Ich werde sie hüten und hegen, daß ihr nichts Llnreines zu nahe kommt! Sie ist jetzt schon mein Sonnenschein geworden1 Bei mir soll sie das Häßliche vergessen, was sie bis jetzt erlebt hat

Angela legte ihren Arm um Ebbos Schultern, und mit einer unaussprechlich zärtlichen Bewegung zog sie das junge Mädchen an sich. Das Licht der Lampe fiel auf beider Gesicht das ältere wurde von dem milden Schein merllich verjüngt eine erschreckende Aehnlichkeit trat zwischen Angela und Ebba zutage, als ihre beiden Kopfe so dicht aneinander lagen.

Der Pfarrer sprang auf.

Gewal.sam schüttelte er die sich ihm aufd: äugen­den Gedanken ab. Lind dennoch ließen sie sich nicht bannen; sie kamen wieder! Hatte Angelo nicht damals bei ihrem ersten Besuche gesagt: ein Kind habe ich geboren, ein Töchterchen aber ich habe es nicht behalten dürfen!"

Waren diese Worte nicht sehr doppeldeutig? Es überlief ihn, die Tochter mußte ihm Rede stehen eher kam er nicht zur Ruhe: er wußte ja so wenig von ihrem Leben! Dieses Rätsel mußte ihm gelöst werden!

Die alte Dame war müde von den ihr doch ungewohnten Aufregungen des Tages. Der Pfar­rer riet ihr, zu Bett zu gehen: lieber möge Ebbo noch ein Weilchen bei ihr sitzen bleiben; sie könne sich dann noch allerlei berichten lassen; ihr Körper habe dann aber wenigstens seine gewohnte Ruhe!

Pfarrer Sturm war mit seiner Tochter allein.

..Wie Mütterchen doch an Ebba hängt und Ebba an euch!" bemerkte Angela.

Ist es ein Wunder, da wir sie seit ihrer frühesten Kindheit kennen und sie mit erzogen haben? Ist es ein Wunder, daß uns dieses arme Kind ans Herz gewachsen ist und wir ihm dop"e.l'e Liebe erweisen wollten, die ihm die eigene Mutter vorenthalten?"

(Fortsetzung folgt.)