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draildungdesLebens

Vornan von Käte Lindner.

(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)

10. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Groh sahen ihre Augen zu der hohen Gestalt <ruf, die da so einsam am Stamm einer Palme lehnte, und die Augen redeten eine deutliche Sprache und sagten:Du gefällst mir". Ihre Handtasche glitt aus ihren Händen und lag plötz­lich mitten auf dem Weg. Aber als Petrowitsch sie ihr mit einer artigen Verbeugung reichte, lag eisige Abwehr auf seinem Gesicht.

-Ich danke Ihnen, mein Herr", sagte sie mit einem koketten Lächeln,ich war recht ungeschickt."

Aber da keine Antwort kam und der Angeredete nur wieder mit einer stummen Verbeugung zurück- trat, preßte sie die Lippen auseinander und ging weiter.

Welch ein plumpes Manöver, dachte Petro­witsch. Ob sie sich nicht alle gleich sind, ob es nun Miß Galvestone ist oder Lady Balymore oder eine andere. Immer versuchen sie dasselbe. Lind mir ist doch jedes Talent für ein loses Liebesspiel verlorengegangen, ich mag nicht.. Die blonde Deutsche ist die einzige, die eine Ausnahme macht. Auch sie trägt wohl schwer am Leben, gleich mir, und wenn sie zehnmal reich ist und Herr Liskow den aufmerksamen Gatten mimt, Schwermut bedrückt ihr Leben, und diese stille Schwerinut macht sie mir interessant.

Aus dem Teeraum klangen jetzt die Töne der Jazzmusik.

Aus in den Kampf, Kyrill Petrowitsch, gehe hinein und lächle, mache ihnen schöne Augen und bezwinge deine Abneigungen. Wie es sich gehört für den Tänzer, der befohlen wird. Verwünscht, daß du nichts anderes kannst, Sascha Semjonow, um dieses elende Leben zu fristen. Jeder Haseir- arbeitcr hat es besser, er braucht nicht schonen Damen den Hof zu machen, er braucht seinen Gefühlen keinen Zwang aufzulegen. Er knirschte mit den Zähnen, als er durch die Halle schritt, schaute nicht rechts noch links.

Welch ein böses Gesicht, hu, man fürchtet sich ja vor Ihnen, Signore Petrowitsch." Aus einem der Klubsessel erhob sich Miß Galvestone und legte ihre Hand auf seinen Arm beim Weiter­schreiten. Sie war eine sehr große, auffallende Erscheinung, blond und rosig, ganz Sportsdame, und benahm sich sehr frei.Hören Sie, dieser himmlische Walzer, der soeben beginnt. Wir wol­len ihn tanzen, kommen Sie."

Er verneigte sich stumm und reichte ihr den Arm. Als sie den Teeraum betraten, richteten sich sämtliche Lorgnons nach dem Eingang.

Diese Dollarprinzessin macht durchaus kein

Hehl aus ihrer Leidenschast für den schwer­mütigen Aussen", flüsterte Lady Dalhmore soeben Frau Liskow zu.Ich glaube, sie hat ihn draußen abgesangen, nur aus dem Vestreben heraus, ihn für sich zu haben und es den anderen zu zeigen. Shoking, sehen Sie nur, wie sie ihn anhimmelt, er aber ist wie Eis und kommt nie aus seiner Ruhe. Will er sie nun reizen dadurch, noch ver­liebter machen in sich oder wie sollte man sich sonst diese steinerne Auhe deuten? Miß Gal- vestane soll sehr reich sein und vollständig un­abhängig. Sie benimmt sich ganz so, als wolle sie diesen Herrn Petrowitsch mit ihrer Hand beglücken, zeigt sich doch ganz öffentlich mit ihm, auch wenn er nicht von Berufs wegen hier be­schäftigt ist. Ein anderer würde in einem solchen Fall und bei diesen Perspektiven, die sich ihm als Gatten der schwerreichen Amerikanerin er­öffnen, doch längst Feuer gefangen haben oder doch wenigstens so tun. Er aber behandelt sie mit der sich immer gleichbleibenden Höflichkeit, die er allen anderen auch erzeigt. Das verstehe wer kann. Ich bin nun zu dem Schluß gekommen, daß diese scheinbare Ruhe nur ein schlaues Manöver seinerseits ist, um sie noch verliebter in sich zu machen."

Ich würde ihm derartige Absichten niemals zutrauen", sagte Acnate Liskow,seine Schwer­mut und öftere Geistesabwesenheit ist echt, und ich glaube, er weiß nicht einmal, daß es gerade diese Schwermut ist, die ihn den Damen hier so interessant und gefährlich macht. Vielleicht liegt ein schweres Schicksal hinter ihm,' vielleicht ist er gar nicht der, als der er hier austritt. So viele Existenzen vernichtete doch die russische Aevolution, und er sieht aus, als bedrücke ihn seine jetzige Position hier schwer. Ich kann mir nicht helfen, ich wittere immer ein Geheimnis um seine Person, und Miß Galvestone wird es ähnlich gehen, wie mir. Lind wenn sie wirklich aus den Gedanken käme, ihren Landsleuten eine Lleberraschung zu bereiten und ihnen Herrn Pe­trowitsch als ihren Gatten zu präsentieren bei ihrer Rückkehr, es sieht ja ganz so aus, so würde ich ihm einen derartigen Glücksfall nur von Herzen gönnen."

Man beschäftigt sich wieder sehr eingehend mit uns beiden, Signore Petrowitsch", sagte Miß Galvestone zu ihrem Tänzer und schmiegte sich fester in seinen Arm.Ich liebte es sonst nie­mals, so der Zielpunkt vieler Blicke und Klat­schereien zu sein, ich höre diese Damen förmlich die abfälligsten Aeuherungen über mich aus­tauschen, aber es ist mir ganz gleichgültig. Wie klein doch die Welt ist, Signore, immer und überall dasselbe. Man Natscht hier im Savoy- Hotel genau so widerwärtig und gemein, wie auf der Gasse einer Kleinstadt. Wie singt doch Dasilio im Barbier von Sevilla? Die Verleumdung, sie ist ein Lüftchen...!"

Er sah sie nur an, die da so fordernd und immer voll einer leisen -Erwartung zu ihm auf sah

und auf irgendeine Antwort wartete. Aber sie kam nicht. Miß Galvestone tat ihm leid, sie for­derte durch ihr Benehmen die Klatschsucht ihrer lieben Mitmenschen geradezu heraus, aber das konnte er ihr doch nicht sagen. Seine leisen, ge­legentlichen Warnungen hatten nichts genützt. Sie hatte seine Gesellschaft nur noch öfter gesucht.

Der Tanz war zu Ende.

Ditte führen Sie mich an den leeren Tisch dort in der Ecke, Signore. Vielleicht können wir ein wenig plaudern, ich bin müde, habe den Vor­mittag mit Rudern zugebracht. Schade, daß Sie nicht mitkommen konnten, bis nach Sirmione hin­über bin ich mit dem Ruderboot gefahren. Es war ein himmlischer Tag und Sirmione ein köst­licher Aufenthalt, wenn es heiß ist. Kommen Sie doch morgen mit mir hinüber, der Vormittag ge­hört Ihnen doch ganz."

Er sah nachdenklich in ihr erregtes Gesicht, seine Gedanken waren eben wieder auf der Wander­schaft gewesen, kaum hatte er gehört, was sie gesagt hatte. An Tatiana hatte er soeben denken müssen. Hatte Miß Galvestones Haar nicht gerade jetzt, hier in der unsicheren Beleuchtung, denselben goldigen Schimmer, wie es Tattanas Haar ge­habt, nur noch intensiver, leuchtender. Tattana, dachte er mit dem leisen Schmerz, der immer da war, wenn er durch irgend etwas an sie erinnert wurde. Immer lag er auf der Lauer, bereit, ihn unempfindlich zu machen allen Lockungen gegen­über, die neue Liebe ihm bot. Tattana... wie war dein Haar so weich und fiel nieder auf deine weihen Arme, hüllte dich ein wie ein goldener Mantel, Tatiana...

Woran denken Sie, Signore Petrowitsch... Ihre Gedanken waren soeben nicht hier, waren weit fort..." sagte Miß Galvestone, und leichte Gereiztheit klang aus ihrer Stimme.

Er aber wurde einer Antwort überhoben. Ein Page kam und flüsterte Petrowitsch zu:Die Frau Contessa wünschen zu tanzen. Dort drüben, an dem Tisch links neben der Palme."

Er erhob sich, neigte sich leicht über Miß Gal­vestones Hand und eilte davon. Sie nagte zornig an der Unterlippe. Welch' unwürdige Positton für einen Mann seiner Qualitäten, dachte sie. Die Frau Kontessa wünschen zu tanzen... und er mußte auf Befehl mit dieser Pute da drüben, die soeben lächelnd aufstand, davonwirbeln. Lächer­lich, dem muhte nun endlich ein Ende gemacht werden. Er wagte niemals, ihr von Liebe zu sprechen... nun ja, das war wohl begreiflich, und wenn sie noch so entgegenkommend ihm gegen­über war, er in seiner Stellung würde nie das erste Wort finden. Also muhte sie es tun... Ihre Landsmänninnen angelten sich, wenn sie in Europa reiften, irgend einen verarmten, deut­schen Baron oder gar einen Fürsten, der mit weiter nichts mehr als mit einem klingenden Rainen und Titel aufzuwarten hatte. Run, sie würde eben eine Ausnahme mad>en... Rur aus Liebe, ohne jede Rebenabsicht würde sie heiraten.

und jeder würde das wohl begreifen können, der Kyrill Petrowitsch sah. Hatte fie nicht Geld genug, auch einen ganz armen Mann ohne Titel und Ramen Herz und Hand zu reichen? Roch nie hatte eine Leidenschaft sie so vollständig be­herrscht, wie es hier der Fall war. Riemanb drüben würde es je erfahren, in welcher Positton sie ihren Gatten kennengelemt hatte. Er würde drüben ein sehr würdiger Repräsentant aller der Unternehmungen fein, die ihr Vater der einzigen! Tochter als großes Erde hinterlassen hatte. Brauchten ihre Werke nicht schon längst einen Herrn, trotz aller Vorzüglichkeit der langjährigen Beamten, die ihr Vater noch eingestellt hatte? Rur diese merkwürdige Zurückhaltung des Russen, die aber nur als Bescheidenheit anzusprechen war, hatte sie unsicher gemacht. Würde er nun . morgen mit hinüber nach Sirmione kommen?

in all der Einsamkeit der dunklen Zypressenhaine würde sie ihm morgen sagen, wie seiner unwürdig feine Stellung hier fei und was alles er mit ihrer Hand erringen würde. Und daß es ihr ganz gleich sei, ob sie drüben in ihrem Vater­lande einen hochklingenden Ramen führen oder nur eine einfache Mistreß Petrowitsch werden würde. In all' ihrer Unabhängigkeit könne sie tun und lassen, was sie wolle. _

Dann würde seine Leidenschaft über fte kommen wie ein Feuer..., so viel verborgenes Feuer schien in ihm zu fein, zugedeckt von Leid und schwerem Schicksal. Riemals hatte er ihr von seiner Vergangenheit gesprochen, nun würde er sein Herz auf tun vor ihr. In beide Hände wollte sie es dann nehmen, und ihre Liebe sollte es wieder zum Blühen bringen... Was für eine unmögliche Person übrigens, die sich ihn zum Tanz befohlen hatte. Eine Contessa hatte der Page gesagt... na, wie eine Gräfin sah diese Dame wahrhafttg nicht aus. Es war doch zum Lachen, welche Witze sich das Schicksal zuweilen leistete.

Denselben Gedankengang verfolgte Petrowittch, als sich die kleine Frau in seinen Armen wiegte. Cs war dieselbe Dame, der er vorhin im Palmen­garten die Tasche auf geh oben hatte. Und ihr Begleiter, der toie* ein dunkler Schatten da hinten am Tisch saß, war ein unsympathischer Geselle, aber entschieden von vornehmeren Allüren. Seine schwarzen Augen fuhren unruhig über die An­wesenden hin, verfolgten die Tanzenden und schienen scharf zu beobachten. Die Tänzerin in Petrowitschs Armen sprach nicht, lächelte nur immer zu ihm auf, ein stereotypes, nichtssagendes Lächeln. Ihr schien der Tanz viel Freude zu machen. Als Petrowitsch sie zu ihrem Platz zurück- führte, hörte er beim Gehen ihren Begleiter sagen:Ich hoffe, du hast nun-deiner Tanzleiden­schaft Genüge getan, Ieanne, ich habe nicht Lust, mich hier lange aufzuhalten. Trinke deinen Tee, dann wollen wir gehen."

(Fortsetzung folgt.)

M*"

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