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nr. 160 Erster Matt

181. Jahrgang

Samstag, 11. Juli 1931

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Die Scholle Olonau.Bezugspreis:

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Dolrtrk Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filier, sämtlich in Dietzen.

Erpresser.

DaS einjährige Moratorium dc« Hoovervlans ist nach dem Abschluß der Pariser Derhand- lungen in Ärafl getreten. Aber es wäre töricht, sich darüber täuschen au wollen, daß die Ein­sparungen, die der Aufschub der Tribulza-lungen aus die Dauer eines wahres für uns bedeutet, groß genug wären. unS über die Konsolidierung der kurzfristigen Schuld de- Reiche- noch irgenv- welche tot terg: hendenWünfch: zu befriedige. Ver­mutlich werden sie nicht einmal dazu ganz auS- reichen, denn wir dürfen nicht vergessen, datz der Zinsendienst für die Dawes- und Boung- anleihe und andere Tributkredite in Höhe von insgesamt 996 Millionen Mark weiterläuft. Im­merhin wird eS vielleicht gelingen die De- mühungcn des Reicbsbankpräsidenten Dr. Luther zielen ofserrbar dahin die kurzfristige Ver­schuldung durch die weniger gefährliche Form langfristiger Anleihen zu ersehen und es damit unseren Auslandglaubigern, namentlich den Fran­zosen in Zukunft zu erschweren, jederzeit durch umfangreiche Kündigung ihrer Gelder die deutsche Wirtschaft art den Rand des Abgrundes zu stoßen und die deutsche Politik durch ihr Spiel mit den silbernen Äugeln unter Druck zu sehen. Von einem .Feierjahr", wie die um ein zugkräftiges Schlagwort selten verlegene ameri­kanische Presse das Hoover-Moratorium gern nennt, können und dürfen wir nicht sprechen. Dazu haben die Franzosen zu viel Wasser in den Wein des Präsidenten gegossen, dazu sind die auch nach dem zeitweiligen Fortfall der Tributannuität noch verbleivenden Velastungen zu grob für den ausgebluteten deutschen Staats- und Wirtschaftskörper

Paris war nur ein Dorpost enges echt im groben Äampf um die Revision der Tribute, das die Amerikaner als um ihre Äapitalanlagen besorgte Gläubiger gagen die Franzosen durch- ?;efachten haben, denen weniger an einem zah- ungSsähigcn Schuldner liegt, als an einem poli­tisch und wirtschaftlich dauernd niedergehaltenen Deutschland. Die Amerikaner haben in wochen­langem zähem Ringen nur Teilerfolge er­zielen können. Aber so viel ist immerhin erreicht: btc Welt, vor allem der Gläubiger Amerika', beginnt einzusehen, Deutschland, auch wirtschaft­lich das Herz Europas, kann seine weltpolitische Ausgabe nicht erfüllen, bleibt politisch und wirt­schaftlich ein Ärisenherd erster Ordnung mit stärk­ster Infektionsgefahr nach allen Seiten, solange man das deutsche Volk wie einen gemeingefähr­lichen Verbrecher in Fesseln hält, seine Wirt­schaft durch die Vorbelastung mit unsinnigen Milliardentributen vom freien Wettbewerb aus dem Weltmarkt, aber auch als Kunden für die eigene Produktion ausschaltet und seine sechzig Millionen arbeitsamer und intelligenter Menschen durch Hunger und Verzweiflung dem politischen Radikalismus in die Arme treibt. Wenn die Er­kenntnis dieser Zusammenhänge in diesem Krisen- sommer zu dämmern begonnen hat und sogar mit dem Hoover-Moratorium eine unerwartet frühe Frucht zeitigte, so haben wir allen Anlah. das Gisen zu schmieden, solange es heib ist. Das beißt, das . Feierjahr" muß dazu genützt werden, innerpolitisch unsere finanzielle Rüstung, die sich schon in den Vorpostengefechten als zu leicht erwiesen hat. für den uns bevorstehenden Kampf zu stärken und außenpolitisch den Revisionsgedan­ken mit aller Energie vorwärts zu treiben.

Der hartnäckige Widerstand, den die Franzosen her Hooveraktion entgegengestellt haben, resul­tiert aus dem durchaus richtigen Gefühl, daß der Vorschlag des amerikanischen Präsidenten ge­eignet war. in das Tributstzstem eine Dresche zu schlagen. Und die leidenschaftliche Emphase, mit der Kabinett. Parlament und öffentliche Meinung in Frankreich wieder und wieder die Heiligkeit der Verträge" betonen und in den Pariser Verhandlungen die Integrität des Doungplanä verteidigt haben, ist vielleicht der schlagendste Beweis dafür, daß selbst die Fran­zosen im Innern ihres Herzens davon über­zeugt sind, daß es nach einem solchen ..Feierjahr" keine Rückkehr zum Poungplan geben kann. Und wir sagen, daß Hoover-Moratorium würbe jeden Sinnes entbehren, wenn nach Ablauf von kurzen zwölf Monaten, die bestenfalls dem deutschen Volke durch Ausschöpfung der letzten inneren Reserven, durch schärfste Anspannung seines Kredits und durch Uebernahme harter, bis an die Grenze des Erträglichen gehender Entbehrungen die Möglichkeit geben, seine öffent­lichen Finanzen leidlich in Ordnung zu bringen, dann daS alte Tributsystem wieder in Kraft treten würde, dessen fehlerhafte Konstruktton und un­mögliches Zahlengebäude die Krisis heraufbe­schworen hat. deren Fieberschauer die Welt durch­rasen. Auch die 2üncrilancr sind offenbar der gleichen Meinung. Die Entsendung des ameri­kanischen Botschafters in Brüssel zu der nach London einbenifcncn Konferenz der Sachverstän­digen ist wohl ein Beweis dafür, daß die Ver­einigten Staaten ernstlich aus ihrer Lethargie aufgerüttcU sind und ihre seit der Riederlage Woodrow Wilsons in Versailles geübte Politik der splendid Isolation nicht so bald wieder auf- zunehmen gedenken.

So günstig diese Hinwendung Washingtons zu Europa auch für uns im Kampfe um die Revision des Voungplans sein mag. so wenig entbindet sie uns von einer eigenen, zielsicheren und klug wägenden Politik. Denn das Eine dürfte in den letzten Wochen wohl auch den glühendsten Ver­fechtern einer deutsch-französischen Verständigung klar geworden sein, daß die Franzosen mit dem ganzen Elan und der ganzen nationalen Ge­schlossenheit. deren sie fähig find, wenn sie gtau-

Luthers pariser Besuch.

Schwierige Krediiverhandlungen. Oie Franzosen stellen politische Forderungen.

Paris, 10. Juli (TU.) Reichsbankpräsi­dent Dr. Luther hatte eine lange Aussprache mit dem Gouverneur der Bank von Frankreich, der Luther jjum Frühstück bei sich behielt. Die ge­samte französische Presse erklärt einmütig. Frank­reich sei zur Bewilligung von Anleihen nur unter der Bedingung bereit, daß die Reichsregierung positive Garantien für eine Aenderung ihrer bisherigen auswärtigen Politik gebe. Gemeint ist dein: vor allem die Zollunion mit Oesterreich uni) der Bau des Panzerkreuzers. Da der Gou­verneur der Bank von Frankre ch gestern abend eiinelangeUnterredungmitdem Fi­nanzminister hatte, kann man annehmen, daß er s:ch die Bedingungen der französischen Regierung zu eigen gemacht hat. Reichsbank- präside>nt Dr. Luther hat einem französischen Finanz blatt folgende Erklärung abgegeben:

Ich komme nach Paris nuralsReichs- ba-nkpräsident. Ich habe eine lang- friftlge Kreditoperation im Auge, deren Umfang ausreichend sein würde, um Deutschland zu gestatten, sein normal-finan­zielles Gleichgewicht wiederzufinden. Dor langen Monaten habe ich bereits der Dank für Internationale Zahlungen die Rot- wend'.gkeit entwickelt, auf die Politik der lang­fristigen Kredite zurückzukommen. Diese Politik ist heute wichtiger denn je."

Die Pariser Presse widmet den Besprechungen Dr. LulherS eine Aufmerksamkeit, wie nur bei ganz großen Ereignissen. Unter Ueberschriflen wie .Deutschland sordert 25 bis 30 Milliarden", oderDr. Luther sieht fieberhaft nach Krediten" weisen die Blätter daraus hin, daß der Augen­blick für Frankreich gekommen sei. po­sitive Garantien von Deutschland zu ver­langen. Diese Garantien, die sich im wesentlichen aus die Einstellung des Panzerkreuzerbaues (I) und den Derzicht auf das Zollabkommen beziehen sollen, werden vomParis soir" noch dahin er­weitert. daß man von Deutschland auch Zvn Ab­schluß eines Ost-Locarnos verlangen müsse. DerTemps" widmet der Besprechung der deutschen Finanzlage einen längeren Artikel. Er schreibt u. a.: Deutschland sei allein für seine schlechte Finanzlage verantwortlich. Es habe von jeher über seine Mittel gelebt und be­finde sich nun vor dem Bankerott. Ein großer Teil von Verantwortung falle aber auch den Rechtskreisen in Deutschland zu. die durch ihre Propaganda jedes Dertrauen untergraben hätten.

Gegen die Zurückziehung der Kredite.

Der Vorschlag einer internationalen Ltabilisierungsanlcihc für Deutschland.

London. 11. Juli. (1DIB. Funkfpruch.) Wie .Financial Tieros berlchlet, Hal gestern eine Sitzung der Londoner Akzept- und Bankhäuser fkallgefunden, in der Mittel und Wege besprochen roorden seien, der Zurückziehung von Krediten aus Deutschland Einhalt z u tun. Man glaubt,

datz diese Sitzung eine unmittelbare Folge des Besuchs des Reichsbankpräsiden, len Dr. Lulher in London sei. In dieser Sitzung rourbe beschlossen, ein Uebereinfommen zrol- schen den Banken herbeizuführen und roeilere Kre­ditkündigungen nicht vorzunehmen.

DerManchester Guardian erklärt, von den höchsten Vankkreisen roerde gegcnroärllg eine Internationale politische Aktion zur Sicherung der finanziellen Stabilität Deutschlands verlangt. Die Zeit sei vorüber, roo Anleihen in Tleuyork oder London von Wirkung sein könnten. Selbst eine Aktion der Zentralbanken innerhalb Ihres Rahmens sei heut» von geringem wert. E i n großer internationaler Kredit der Zentralbanken mit Garantie der Re­gierungen sei das, roas gegenwärtig erwogen werde.Deutschland benötige eine Hilfe, ungefähr nach der Art der internationalen A k - Hon für Oe st erreich im Jahre 1922, roo eine Anleihe auf allen Kapitalmärkten mit Garantie der

Regierungen in den Anieihezenlren aufgenommen wurde, sei die dem Blatt mlfgetellle Ansicht einer hohen Autorität.

Zwischen Dr. Luther und der Bank von England habe diese Woche ein freier und sorgfältiger Ge­dankenaustausch stattgesunden. Auch die Bank von Frankreich habe freimütig mit den Zentralbanken Englands und Deutschlands zusam­mengearbeitet. Ls sei anerkannt worden, datz die Aktion daraus gerichtet sei, die störenden Be­wegungen französischer Privatbanken zu zügeln, die Kredite von Deutschland zuriickzögen. Die Aussichten für Zusammenarbeit der drei sühren- den Banken in Basel sei daher hoffnungsvoll. Im Augenblick könnten die Zentralbanken hier noch nichts weiter tun, als der Reichsbank die benötigten ausländischen Mittel zur Verfügung stellen, um die Stabilität der Mark zu erhalten und eine Internatio­nale Anleihe nach dem Beispiele Oesterreichs vorzu­bereiten.

Was ist mit den politischen Garantien?

Oie englische presse weicht zurück. Oie alten Forderungen werden verhüllt aufrechterhalten.

London, 11. Juli. (CTIV. Funkspruch.) Das Echo, das die britische Anregung zu einer großmütigen Geste Deutschlands durch Aufgabe der Zollunion und des Baues wei­terer Kreuzer in der deutschen Presse gefunden hat, nimmtDaily herald zum Anlaß, in einem Leitartikel folgendes zu bemerken: wir bedauern, datz unsere Aufforderung zur Mitarbeit an der Bei­legung der europäischen Schwierigkeiten in der Ber­liner Presse schlecht ausgenommen worden ist. wir wollen mit allem Tlachdruck betonen, datz unsere Anregung nicht mit der französi­schen Aufforderung nach polnischen Garantien als Gegenleistung für finanzielle Hilfe identisch ist, sondern das absolute Ge­genteil dazu ist. wir betrachten einen versuch, die gegenwärtige Krise zur Erpressung po­litischer Zugeständnisse von Deutschland oder zum Diktat von Bedingungen zu benutzen, als ebenso schmachvoll roie u n - nütz. Deutschland muh frei von Zwang sein; aber gerade deshalb fordern wir es dringend auf, eines feiner stolzesten Privilegien, das der Freiheit, aus­zuüben zum allgemeinen Wohl. Deutschland hat jetzt eine Gelegenheit für eine solche Geste, versäumt es diese, bann wirb es seine Jeinbe entzücken, seinen Kritikern Recht geben unb seine Jreunbe enttäuschen.

Zu dieser gleichen Angelegenheit bemerkt der Daily Telegraph, er sei zu der Erklärung ermäch­tigt, datz die britische Regierung nicht bestrebt gewesen sei, Deutschland irgendwelche

politischen Bedingungen für die ihm Im hoooer- abfommen zu gewährenden Erleichterungen auf­zuerlegen. Kein politischer Druck soll von London aus Berlin ausgeübt werden. Anderseits, wenn Berlin die Möglichkeit sähe, gewisse Jlotlen- ausgaben und den Abschlutz der Zollunion während der Dauer des Moratoriums aufzuschieben, so würde einesolcheGestewillkommengeheitzen werden.

Die Rotte der VLI.

Die nächftcnAnfgaben desVerwaltungSralS

Basel, 10. Juli. (WTD.) Der nächsten 6t t- jungte« VertoaltungsratS der Bank für internationale Zahlungen, die am 13. Juli am Sih der Dank in Basel stattfindet, wird infolge der durch die Annahme des Hoover-Plans auf» geworfenen Probleme mehr Bedeutung beigemes» sen, als den unmittelbar vorangegangenen Sit­zungen, vor allem deshalb, weil die DIZ. jetzt eine sehr wichtige Rolle zu spielen hat. Die Leiter der verschiedenen Zentralnotenbanken, die voraussichtlich am kommenden Montag in Ba­sel vollzählig vertreten sein werden, befinden sich zum Teil bereits auf dem Weg nach Basel. Im Vordergrund der Arbeiten des DerwaltungSratS der DIZ. dürsten die Dertragsregelun- gen stehen, die für die Inkraftsetzung deS Hoover -Planes unbedingt erforderlich fhtb, insbesondere ein Vertrag zwischen Frankreich und der DIZ. über die An legung eine - Ga­rantiefonds durch Frankreich für den Fall, daß Deutschland im Einvernehmen mit dem

ben, es ginge um die Sicherheit Frankreichs und die Wahrung ihrer Hegemonie in Europa, jeden Duchstaben der Verträge, in denen sie die Frucht ihres Sieges geborgen wähnen, zäh und erbittert verteidigen werden, ilnb daß es auch in Eng­land immer noch Kreise gibt, die trotz Drünings Besuch in Chequers und Macdonalds Sekun- dantendicnstc beim Hooverplan bereit sind, fran­zösischen Wünschen weitgehend zu entsprechen, wenn sich dafür irgendein Vorteil für die britische Politik herausschlagen läßt, dafür haben wir ja in diesen Tagen erst einen Vorgeschmack be­kommen. In das Pariser Protokoll haben die Franzosen einen Schlußpassus eingeschmuggelt, der ihnen die Möglichkeit einer Kontrolle über die Verwendung der Deutsch­land gestundeten R e p a r a t i o n s g e l- der offenlassen soll. Präsident Hoover hat ver­sucht. den Franzosen die Waffe aus der Hand zu schlagen. Er hat vom deutschen Reichskanzler eine Erklärung erbeten und auch erhalten, daß Deutschland nicht daran denke, seine Rü­stungsausgaben zu vermehren, sondern die ge- ftunbeten Gelder restlos zur Sanierung seiner Etaatsfinanzen verwenden werde. Trotzdem geht das Kesseltreiben weiter und England beteiligt sich lustig an diesem Erpresserseld^ug. oder grenzt es etwa nicht an schamlose Erpressurig, wenn brittsche Blätter kaum noch verhüllt an Deutschland die unerhörte Zumutung stellen, es möge als Gegen­leistung für das ihm gewährte Moratorium und als seinen Beitrag zur Verbesserung der europäi­schen Atmosphäre ..freiwillig" den W e i t e r b a u des neuen Panzerschiffes während des Feierjahres einstellen und die deutsch-öster­reichische Zollunion aufschieben?

Das ist dieselbe üble Taktik, die Frankreich stets verfolgt hat und der nun England eifrig Sekundantendienste -leistet: wirtschaftliche Erleich­terungen für Deutschland durch politische For­derungen zu kompensieren und damit so oder fo die Faust an der Gurgel zu behalten. Diese ost erprobte Methode hat diesmal aber noch ihre besonders gefährliche Seite für Deutschland im Hinblick auf die Hoover-Aktion. Der Präsident

der Vereinigten Staaten hat sich offenbar für sein Eingreifen in Europa ein Programm zu­rechtgelegt. das Zug um Zug burchgeführt wer­den soll. Schon zugleich mit seiner Zustimmung zum Pariser Protokoll kündigte Hoover eine neue Initiative Amerikas in der Abrüstungsfrage an, und zwar mit der Begründung, daß das Wettrüsten der Groß­mächte mit dem ständigen Steigen der Rüstungs- auSgaben eine schwere Belastung der StaatS- finanzen und damit ein sehr wesentlicher Grund für die WWtschaftskrisis sei. Die Bewilligung eines Rachtrogskredits von 2,3 Milliarden für den forcierten Ausbau der Befestigungen an der Ostgrenze durch die französische Kammer mag d^m Präsidenten eine kleine Illustration zu sei­nen lieberlegungen geliefert haben. Dabei ist Frankreich in der beneidenswerten Lage, seine Rüstungen zum weitaus größten Teil aus ben deutschen Reparationen bezahlen zu können, da der Wiederaufbau der im Kriege be­setzt gewesenen Gebiete, dem die Reparations­zahlungen bekanntlich dienen sollten, ja längst abgeschlosien ist und Frankreich dafür keine bes­sere Verwendung weiß, als sie in Forts. Ka­nonen, Tanks und Bombenflugzeugen anzulegen. Andere weniger begünstigte Mächte müssen dieses Wettrüsten indessen mit dem Gelbe ihrer Steuerzahler finanzieren, was mit wach­sender Wirtschastskrisis selbst in Amerika und Englarrd mehr und mehr zu einer Unmöglichkeit wird.

So hängen Reparationen und Abrüstung eng zusammen. Diesen Vorwurf spürt auch Frankreich aus der Dovtschaft Hoovers heraus, es wittert Unheil und 6egmnl sofort mit einer überaus geschickt angelegten Entlastungsoffensive. Schon Die gerade während der Anwesenheit des Ameri­kaners Mellon in Paris in der Kammer ange- forderten Kredite für neue Rüstungen zur See wurden von dem französischen Marineminister mit de n Ersatzbauten der Reichs­marine begründet, die Frankreich angeblich zwängen, seine Flotte zu txrrftärlen. Auf ein paar handgreifliche Verleumdungen und Un­

wahrheiten bürste eS dabei nicht ankommen. Man rechnet mit der sprichwörtlichen und seit den Tagen Wi-lsons ja oft zu unserem Schaden er­wiesenen Unkenntnis europäischer Verhältnisse bei den Amerikanern. Man braucht Ablenkung von den eigenen Rüstungen unb sucht den Ameri­kanern nun mit dem Hinweis auf die neuen deut­schen Panzerschiffe, die die alten, uns nach dem Waffenstillstand belassenen Kästen ersetzen sollen, Sand in die Augen zu streuen. In Wahrheit hal­ten sich die deutschen Schiffsneubauten streng im Rahmen des Versailler Diktats. Die reichen kaum aus, um im Ernstfall« das von der Pvlen- flut rings umbrandete Ostpreußen zu schützen. Daß sie für die französische Flotte, Die im Jahre 1930 insgesamt rund 500 000 Tonnen und rund 600 Geschütze zählte, eine Be­drohung sein können, wie es die sranzösifche Regierung ihrem Volke und dem staunenden Ausland« weißmachen will, ist eine faustdick« Lüge, die nicht einmal die leichtgläubigen Ameri- taner ernstlich für bare Münze nehmen werden. Aber den Franzosen genügt es vorerst einmal, Mißtrauen au säen, dessen Frucht sie später gelegentlich der Abrüstungskonferenz oder wei­terer Reparationsbesprechungen zu ernten hoffen. Und die Engländer stellen sich gerne zur Ver­fügung. in dieselbe Kerbe zu hauen. Daß habet derDaily Herald", das Blatt der Labourpartei, in erster Reihe marschiert, verdient als beson­ders pikant angemerkt zu werden. Vielleicht gibt dies doch der deutschen Sozialdemokratie zu denken, die mit ihrer jahrelangen Hetze gegen die Panzerkreuzer unsere Position außetorbenb» ltch erschwert hat. Die kommenden Konferenzen und Winisterzusammenkünfte werden und in ste­tem Kampf gegen diese Verknüpfung politischer und wirtschafblicher Probleme feßen müssen, der nicht dadurch erleichtert wird, daß man von Frankreich und anscheinend auch von England aus Deutschland in der Abrüstungsfrage den Amerikanern als das entant terrible präsentiert. Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode und es wird einer sehr Rügen und energischen Politik bedürfen, diese- Gewebe zu zerreißen.