Nr. 289 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)
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Drei deutsche Nobelpreisträger 1931.
Von unserem Stockholmer Mitarbeiter.
Heute werden in Stockholm die diesjährigen Nobelpreise verteilt.
Zum dreißigsten Mal seit Bestehen der Nobel- Stiftung werden am 10. Dezember 1931, dein Todestage des Stifters, in Stockholm die Zinsen des Nachlasses an diejenigen verteilt, die, nach den Bestim- mnngen des Testaments ausgewählt wurden, weil sie iin verflossenen Jahr „der Menschheit von größtem Nutzen" gewesen sind. Nur wenige Nobelfeste sind vergangen, ohne daß Deutsche unter den P r c i s't r ä g e r n waren; Deutschland steht mit 3 7 Preisen weitaus an der Spitze aller Länder. Und in diesem Jahre wird die Preisverteilung im schönen Saal des Stockholmer Konzerthauses sogar ein eigentlich deutsches Fest sein: da der Physikpreis in diesem Jahre nicht verliehen wurd?, da der Literaturpreis dem verstorbenen schwedischen Dichter Karlfeldt zuerkannt wurde und da der Preisträger des Friedenspreises erst am 10 Dezember verkündet wird, werden es allein drei Deutsche sein, die den Preis aus der Hand des schwedischen Königs entgegennehmen: die Chemiker Professor Carl Bosch und Professor Friedrich Bergius lind der Mediziner Professor Warburg.
Die Nobelstiftung, die der Erfinder des Dynamits, der gesamten Kutturmenschhcit vermachte, ist eine weitverzweigte Institution. Der Grundfonds beträgt jetzt 31,50 Millionen schwedische Kronen; die Zinseinnahmen beliefen sich im Vorjahr auf 1,28 Millionen. Davon sind satzungsgemäß ein Zehntel dem Kapital zuzuschlagen, etwa ein Viertel betragen die mit der Preisverteilung entstehenden Unkosten und aus dem Rest werden zu gleichen Teilen die fünf Preise verteilt, nachdem die nicht geringen.
in den letzten Jahren aber sehr ermäßigten Steuern beglichen worden sind. Die Stiftung verfügt weiter über einen Baufonds in Höhe von 3 Millionen, aus dem später ein großes Verwaltungsgebäude mit einem Festsaal errichtet werden soll, sowie über einen Fonds von etwa 7 Millionen Kronen, der aus den nicht verteilten Preisen angesammelt wird, und dessen Zinsen Stipendien für wissenschaftliche Arbeiten und Forschungen zugute kommen. Aus dieser Stiftung sind auch zwei Institute für Physik und Chemie, die Nobel-Bibliothek und das Friedensinstitut der Nobel-Stiftung gegründet worden.
Die Verteilung der Preise hat der Stifter in die Hand von vier Körperschaften gelegt. Die Preisträger für Physik und Chemie erwählt die Schwedische Akademie der Wissenschaften von 1730, der 100 schwedische und 75 ausländische Mitglieder angehören; das Karolinische Medicochirurgische Institut entscheidet über den medizinischen Preis. Der Literaturpreis wird von der schwedischen Akademie der 18 Unsterblichen verliehen, während über den Friedenspreis der norwegische Reichstag — Stör- thing — verfügt. Jede dieser Körperschaften hat eine besondere Kommission eingesetzt, die die eingegangenen Vorschläge zu prüfen hat. Außer den Mitgliedern dieser Körperschaften haben auch noch eine große Anzahl anderer Institutionen und Personen ein Vorschlagsrecht.
Vierzehn deutsche Gelehrte erhielten den Chemie- Preis, zehn den Physik-Preis, sechs den medizinischen, fünf den Literatur-Preis und zwei den Friedens-Preis, und zwar Dr. Strefemann, der ihn 1926 mit Briand teilte — der Preis für 1925 wurde gleichzeitig an Chamberlain und D a -
Das Haus der Nobelpreisstiftung in Stockholm. — Im Kreis: Alfred Nobel, der Stifter des Nobelpreises.
Von links nach rechts: Geheimrat Bosch (Chemie). Professor Warburg (Medizin), Professor Bergius (Chemie).
wes verliehen — und Professor Quidde, der ihn mit B u i s s o n tellte. Schon bei der ersten Ver- teilung wurden drei Deutsche ausgezeichnet: Röntgen, van't Hoff und v. Behring im Jahre 1901. Heber den Kreis der Fachgelehrten hinaus bekannt find auch die deutschen Preisträger Cin - st ein, Ostwald, Haber, Nernst, Koch, Ehrlich. Mit dem Literaturpreis ausgezeichnet wurden Professor Mommsen, Professor Enden, Paul Heyse, Gerhart Hauptmann und Thomas Mann. Da gerade der Literaturpreis die Oef- fentlichkeit besonders interessiert, seien hier auch die übrigen Preisträger genannt: Prudhomme, Björn- son, Mistral, Echegard, Sienkiewiez, Carduzzi, Kipling, Selma Lagerlöf, Maeterlinck. Tagore, Romain Rolland, Werner v. Heidenstam, Gjellerup, Pontop- pidan, Carl Spitteler, Knut Hamsun, Anatole France, Benavente, Peats, Reymont, Bernhard Shaw, Grazia Deledda, Bergfon, Sigrid Undset und Sinclair Lewis. Schon bei der ersten Preisverteilung wurde übrigens Widerspruch laut; schwedische Studenten richteten damals an Leo T o l st o i eine Adresse, um ihm zu sagen, daß sie ihn für den Würdigsten hielten; aber er hat den Preis ebenso wenig bekommen wie Ibsen oder St rind- berg.
Die nationale Verteilung der bisher verliehenen über 150 Preise zeigt Frankreich mit 25 Preisen an zweiter Stelle; es folgen England mit 23, Schweden mit 11, die Schweiz und die Vereinigten Staaten mit 10, die Niederlande mit 7, Dänemark und Oesterreich mit 6, Belgien und Italien mit 5, Norwegen mit 4, Spanien, Polen und Rußland mit 3, 2 und einem.
WeihnichtsspendefürdieKriegSblmden
Der Bund erblindeter Krieger (Untergruppe Gießen und anschließende Vachbarkreise) beabsichtigt zum Weihnachtsfest eine Sammlung vorzunehmen, durch die den erblindeten Kriegskameraden eine kleine Freude in ihr ewiges Dunkel gebracht werden soll. Jeder Sehende erlebt täglich die Wunder der Natur, sieht und kann den Werdegang der Schöpfung verfolgen. Jeder Sehende denke einmal an jene, die vom Kriege am härtesten betroffen wurden. Der Bund beabsichtigt nicht, eine Haussammlung zu veranstalten, sondern er wendet sich, wie alljährlich, an seine Freunde und Gönner mit der herzlichen Bitte, die Gaben an die Obcrfürsor- gerin Schwester Anita Her mannt) (Stadt-
haus, Gartenstrahe 2, Zimmer 12) zu überweis sen. Geldspenden können an die gleiche Adresse, oder auf das Konto der erblindeten Krieger bei der Bezirkssparkasse Gießen, oder auf das Postscheckkonto von Konrad Biedenkopf, Kriegsblinder, Grünberg, Hessen. Nr. 49 157 Frankfurt am Main eingezahlt werden. Für jede, auch die kleinste Gabe, sind die Kriegsblinden dankbar.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 10. Dezember 1931.
Oer bunte Weihnachtsteller.
Wie der Christbaum, so gehört auch der „bunte Weihnachtsteller" zu den Wahrzeichen eines richtigen deutschen Weihnachtsfestes. Dor allem die Kinder mögen den bunten Teller nicht missen, der gewöhnlich mit Aepfeln, Pfefferkuchen. Mandeln, Nüssen oder gar mit Marzipan angefüllt ist. Das sind sämtlich nahrhafte und gut schmeckende Dinge.
Der deutsche Weihnachtsapfel ist uns allen willkommen wegen seines erfrischenden Geschmacks, er enthält aber außerdem vor allem Zuckerstoffe, Säuren, Vitamine und Mineralsalze, die ihm einen hohen Nährwert verleihen. Sowohl in der Mundhöhle, wie im Wagen entfaltet er eine desinfizierende Wirkung und regt ferner die Darmtätigkeit an, was in den Weihnachtstagen häufig von besonderem Werte ist. In diesem Sinne wirkt meist auch der Pfefferkuchen.
Sehr hochwertige Nahrungsmittel stellen die Nüsse dar. Sie sind reich an Fett und Eiweiß, enthalten aber nur sehr wenig Zuckerstoffe. Werden Nüsse in üblicher Weise verzehrt, so sind sie häufig schwer verdaulich, well der Magen mit den von den Zähnen nicht genügend zermahlenen Brocken nur schwer fertig werden kann. Werden Nüsse und Mandeln dagegen gerieben, oder als Brei verabreicht, so ist ihre Verdaulichkeit besonders gut. Das Kratzen im Halse, der Hustenreiz und die Heiserkeit, die fich nach dem Genuß größerer Mengen von Nüssen einstellen, rühren her von dem Gehalt der Nüsse an ätherischen Oelen. Derartige kleine Unannehmlichkeiten wird man leicht durch den Genuß mäßiger Mengen vermeiden können.
Mäßigkeit empfiehlt sich auch beim Verzehr von Mandeln, von denen besonders die bitteren Mand.ln, wenn auch in kleinsten Mengen, einen
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Neffen Kind bin ich?
Roman von Fr. Lehne.
(Urheberschutz durch C. Ackermann. Nomanzentrale Stuttgart.)
25 Fortsetzung
Nachdruck verboten
Die Dämmerung wob ihre feinen, grauen Schleier, die Umrisse der Gegenstände verwischend. Von der Straße her fiel das gelbliche Licht einer Laterne in einem schmalen Streifen auf den bunten Teppich.
..Soll ich Licht machen?" fragte Ebba leise.
„Nein, Kind, noch nicht, ich liebe die Dämmerstunde!"
Minuten vergingen in Schweigen.
Da sagte Ebba leise--„gestern abend! Oh
gnädige Frau — Ihre Lady Macbeth —! Erschütternd war sie! Bis ins Innerste hat sie mich ergriffen!"
„Die Lady ist eine Nolle, dre ich nur mit tiefstem inneren Widerstreben übernehme — und dennoch packt sie mich dann wie keine andere; sie macht mich seelisch und körperlich förmlich krank; alles gebe ich darin, was ich kann und was in mir lebt!" __
„Man fühlt es bei jedem Wort! Ganz mutlos und verzagt werde ich; denn so werde ich niemals spielen können!" bemerkte Ebba schüchtern.
Ach, Kind, haben Sie erst einmal etwas erlebt, das Ihnen die tiefsten Tiefen Ihrer Seele aufwühlt — sei es durch Glück oder Jammer, Leidenschaft oder Not, Schuld oder Neue — dann ist das Letzte da, was der Künstlerschaft die Vollendung gibt! Dieses Allerletzte kann nie gelernt werden, das muh das Leben geben! Zum echten, wahren Künstler reift man erst durch schmerzhaftes, eigenes Erlebe — das Herzblut kostet es oft! Wohl Ihnen, ba„ Sie es noch nicht kennen! Ich, als Mensch, in meinem mütterlichen Fühlen für' Sie. wünsche wohl, daß Ihnen das, was dieses Letzte der Kunst erfordert, daß es Ihnen erspart bleibt! Künstlerwege sind Dornenwege, die wenige ganz zu Ende gehen können, weil das Herz zerrissen und die Füße wund werden! Künstler tragen oft eine unsichtbare Dornenkrone —" . r , .
Ich will sie gern tragen, wenn ich das Bewußtsein haben darf, daß ich eine wahre Künstlerin werde —" . .
Ja Kind, Sie werden es, und ich bin sogar stolz darauf, daß ich Ihre Lehrerin bin! Fabelhaftes haben Sie jetzt schon gelernt, und wenn es Herbst wird, sind Sie fertig; ich kann Sie bann nichts mehr lehren! In Ihnen ist der göttliche Funke — sonst würde ich Ihnen längst von der Bühnenlaufbahn abgeraten haben! Cs ist manchmal, als ob ich mich sehe, da ich jung war! -- Es ist doch wohl mehr als Zufall gewesen, daß wir uns damals trafen
Ja, was wäre wohl ohne Ihre Güte aus I Pfarrer Sturms! Herr Pfarrer war in öern : aeworden, gnäbige Frau?" sagte Ebba leise. Dorfe, wo mein Vater Lehrer ist, Geistlicher Er
hat mich miterzogen, hat mich konfirmiert! Unb so beliebt unb angesehen war er, bah bie Ge- meinbe ganz traurig war, als er sich pensionieren ließ unb bann fortzog — mein Bruder ist sein Nachfolger geworden —“
Frau Angela saß da, die Hand gegen die Stirn gepreßt, mit Mühe ihre Gedanken sammelnd. Dieses Mädchen, das sie aus Barmherzigkeit aufgenommen, kannte ihre Eltern? Welcher Zufall! Doch ehe sie sich dazu äußerte, mußte sie erst
mir geworden, gnädige Frau?" sagte Ebba leise. „Vielleicht wären Sie doch wieder nach Hause
weiter hören!
„Warum sind Sie anderen Sinnes geworden?"
„Weil mich Pfarrer Sturm ganz bestimmt wieder nach Hause gebracht hätte, und das eben konnte nicht sein!"
„— und der Grund —?“
Es fiel Ebba schwer, weiterzusprechen. Sie seufzte tief.
Geduldig wartete Frau Angela, Ebbas Hand in der ihren haltend und immer sacht darüber streichelnd.
„Nun, mein Kind —“
„Gnädige Frau, — ich — ich — der junge Graf in unserem Dorfe liebte mich, ich war auf dem Schlosse wie zu Hause; mit der Komtesse Inga hatte ich schon als Kind gespielt — und ich dachte — ich sei seine Braut — denn sonst hätte ich doch nie — ich bin doch nicht leichtfertig."
„Das weiß ich, mein Kind! Und was weiter? Zwar — ich kann mir denken, wie es kam: der Standesunterschied! Darum hat die erste Liebe ein so jähes Ende nehmen müssen! Aber es ist nicht das Schlimmste! Sie werden überwinden —"
Ebba preßte ihr Gesicht an Angelas Knie. „Das alles war es ja nicht! Der Graf war nicht so hochmütig; wie ein Kind hat man mich gehalten auf Schloß Reinshagen —"
„Wo — ?" fragte Angela erregt.
„In Reinshagen! Es ist ein hübsches Dorf; das Schloß liegt eine Viertelstunde davon! Mein Vater ist Lehrer dort! Nein, nicht mein Vater—I“ Sie zitterte unb brach schluchzen!) aus — „Das ist's ja eben! Der Lehrer ist gar nicht mein Vater — ich habe gar keine richtigen Eltern! Balb nach meiner Geburt haben sie mich ausgesetzt! Eines Morgens fand ber Lehrer Lenz mich in seinem Garten — ich bin — nur — ein Finbelkinb —“
Ein tiefes Stöhnen kam von Angelas blassen Lippen.
Angela lehnte sich vergehend zurück. Das war zu überwältigend, was sie da eben gehört! Ihre an jahrelange Selbstbeherrschung gewöhnte Natur war dieser Ueberraschung doch nicht gewachsen!
„Ein — Findelkind — Sie —?“ tonlos hauchten es ihre Lippen.
Ebba kniete. •
Ihr Gesicht berührte beinahe ben Boden.
,2a, ein Findelkind bin ich!" wiederholte fie
gefahren!"
„Nein, gnädige Frau, lieber wäre ich gestorben!" rief Ebba fast heftig.
„Kommen Sie einmal her, Kind — so! Ganz nahe! Nun frage ich Sie, bitte ich Sie: können Sie nicht ein wenig Vertrauen zu mir haben? Ich will gewiß nicht in Sie drängen! Aber ich meine, eine Aussprache müßte Sie doch erleichtern! War es wirklich so schlimm, was Sie veranlaßte, Ihre Eltern zu verlassen? Glauben Sie, ich ahne nicht, daß der Name Ebba Sommer, ben Sie mir genannt, nicht Ihr richtiger Name ist? Darum habe ich Sie nie so angerebet —!" Ebba wurde rot.
Leise sagte sie — „Verzeihen Sie mir, gnädige Frau! Vorhin sagten gnädige Frau, daß man nur durch schmerzhaftes, eigenes Erleben zum echten, wahren Künstler reift! Dann mühte ich eine große Künstlerin werden!"
„War es doch eine Herzensangelegenheit? In Ihrem Alter kann eine solche gar nicht so tiefgehend fein — dafür nimmt man sie aber um so tragischer! Aber darum läuft man nicht von zu Hause fort."
„Es war auch nicht das Schlimmste, obwohl ich sehr gelitten!"
So sprechen Sie, Kind! Ich habe für alles Verständnis — und sei es das Schlimmste."
Der blonde Kopf des jungen Mädchens senkte sich tief; ihre Hände falteten sich im Schoß. Sie kämpfte mit dem Verlangen, sich einmal auszusprechen und sich endlich ihre Qual vom Herzen herunterzuschreien — doch Scheu hielt ihr den Mund verschlossen. Wie, wenn diese gütige »rau sich von ihr wenden würde —? Aber nein, sie würde es nicht tun! Dazu dachte sie zu groß! Sie war Künstlerin, stand im Leben — sie urteilte gewiß nicht kleinlich und engherzig!
Frau Angela beobachtete ihren Schützling; sie drängte mit feinem Wort mehr, da sie merkte, baß bie wiberstrebenben Lippen sich ihr jetzt offnen wollten.
Unb ba sagte Ebba leise:
„Damals, als mich gnäbige Frau trafen, war ich in größter Verzweiflung! Ich wußte nicht, wohin — ins Elternhaus wagte ich nicht zurück- zukehren —“ . .
„Hatten Sie außer Ihren Eltern feine Der- toanbten, zu benen Sie einstweilen gehen konnten — als so allein unb unerfahren in bie Frembe — bei Ihrer Jugenb unb Schönheit welche große Gefahr —!" fragte fie.
„Für einen Augenblick hatte ich überlegt, ob ich nicht Zuflucht bei meinem väterlichen Freunb, Pfarrer Sturm" ...
Da fuhr Angela in größter Erregung zusammen.
„Bei wem, sagten Sie —?"
„Bei Pfarrer Sturms! Ach, gnäbige Frau, ich \ kenne keine lieberen, gütigeren Menschen al«
in selbstquälerischer Verzweiflung — „bas ärmste aller Geschöpfe."
Vor Angelas Augen schwamm es wie ein dichter Nebel.
Dieses Mädchen, das sie aus Mitleid zu sich genommen, das ihr gleich beim ersten Sehen eine so starke Sympathie eingeflößt — dieses Mädchen war — sie hätte in ihrer Erschütterung laut auf- schreien mögen — doch feinen Ton vermochte sie über die Lippen zu bringen. Mit geschlossenen Augen lag sie in ihrem Stuhl; die Arme hingen schlaff herab. Ihr ganzes Denken sammelte sich auf den einen Punkt: Du hast deine Tochter gefunden! Deine Tochter!
Ebba entging Angelas Erschütterung nicht, trotz der tiefen Dunkelheit im Zimmer.
„Das ist die Tragik meines Lebens!" sagte sie; „ich kann ja nichts dafür, gnädige Frau, verachten Sie mich darum nicht!" bat sie in rührender Demut; sie muhte sich Angelas Erregung ja auf ihre Weise deuten! Ja, wer Ebbas Lebens- geschichte erfuhr, mußte als fühlender Mensch dadurch aus dem Gleichgewicht kommen, und Frau Angela hatte ein fühlendes Herz! Aber daß sie so gar nichts dazu sagte! Beinahe wie Furcht sahte es Ebba an.
„Weiter!" hauchte da Angela.
Lind Ebba berichtete von ihrer glücklichen Kindheit, von der Liebe und Sorgfalt, mit der man sie im Schulhause unb auf bem Schlosse gehütet unb erzogen.
mit Komtesse Inga zusammen bekam ich Unterricht, unb unsere Kinberfreunbschaft haben wir mit in unsere Mäbchenzeit hinübergenommen! Graf unb Gräfin Reinshagen waren sehr gütig gegen mich, obwohl ich nur ein Finbelkinb war."
unb — unb wie haben Sie bas erfahren?" flüsterte Angela tonlos, „hatten — Ihre Eltern — sich später — gemelbet?“
„Meine Eltern!"
Der bittere Ton, in bem Ebba diese Worte aussprach, zerschnitt Angela das Herz.
„Meine Eltern — nein, die hatten sorgfältig jeden Anhaltspunkt verwischt! Auf bem Schulhofe hatte mir eine Mitschülerin, als sie Streit mit einer anberen hatte, höhnisch bas Wort „Findel- finb“ zugerufen! Ich war ungefähr neun Jahre alt! Meine Kinbheit hat es mir vergiftet; wie eine Ausgestohene, Verfemte kam ich mir vor, obwohl meine Pflegeeltern, Pfarrer Sturms, unb bie Herrschaften auf bem Schlosse alles taten, mich jenes häßliche Wort vergessen zu machen! Aber es saß unb fraß! Das eine weiß ich wenigstens, bah ich ehelich geboren bin! In bem Korbe, in bem man mich ausgesetzt, lag cm Zettel in Maschinenschrift, bah ich auf ben Quunen Ebba getauft unb ein eheliches Kinb sei! Reich müssen meine Eltern auch gewesen sein, beim es lag viel Gelb, bas für meine Erziehung verwendet werden sollte, in bem Brief!"
(Fortsetzung folgt)


