Nr. 211 Zweiter Blatt
^uiiiiersiag, iü. September (93X
«oießenet Anzeiger vvenerai-Anzeiger jur ryDerpenei.,
Achen, eine Stadt im Werden.
Bei den modernen Hellenen. — Athens Erweiterung zur Millionenstadt.
Don unserem O.-Korrespondenden.
Athen, tm Auguit
Hochsommer in Athen! Die Sonne brennt und leuchtet. 2lll«S glänzt unter ihrem hellen Schein. Man glaubt sich gleichzeitig in einem Filmatelier und in einem Backofen, so hell und so heiß trocken ist es zugleich. AuL der Srde strömt ein dumpfer Geruch nach Derbranntem. Der Asphalt ist weich, und ginge man mit geschlossenen Augen, man würde glauben, bah man auf dicke, orientalisch« Teppiche tritt. Die Straßen sind fast leer, man bleibt so lange zu Hause wie nur möglich Die meisten Aemter schlichen um 14 Uhr, die Geschäfte sind von 13 bis 17 Uhr geschlossen. Man sitzt zu Hause mit geschlossenen 3aloufien. man ruht erschöpft in irgendeinem Kaffeehau-, trinkt Wasser. Wasser und dazwischen auch einen herrlichen türkischen Kaffee, der vor dem Einschlafen schützt und schimpft, so man noch dazu Kräfte hat, aus diese furchtbare Hitze. Und beneidet diejenigen, die fortgegangen sind nach den Inseln oder nach .Europa", wie man hier den ganzen Westen nennt! Denn alle, die es sich leisten können, sliehen rechtzeitig vor dieser unvorstellbaren Hitze. ... ~
Dur unten im Pyräus ruht kernen Tag und keine Stunde die Arbeit Der Hafen hat immer viel zu tun und die Schisse, die ein- und auSlaufen. fragen nicht nach dem Stand des Thermometers. Ucber eine Stunde brauchen die geschickten Piloten, um sie durch das unentrinnbare Gewirr von Passagier» und vor allem Handel^- dampfern an den Kai zu leiten. Denn der PyrLuS besiht seit einem Jahr einen richtigen Kai. an dem die Passagierdampser anlegen können. Dort schon macht man die Beobachtung, die man überall und in allem immer und immer wieder hier machen muß; der Hasen, die Stadt sind zu klein geworden für die riesig gewachsene Bevölkerung. Der Hafen, der bis zum Kriege einem bescheidenen Verkehr dient«, kommt heut« an dritter Stelle im Mittelmeer, er steht gleich hinter Marseille und Genua I Und die Stadt — deren Damen unwillkürlich an die Akropolis, an Plado und Sokrates erinnert, und die doch heute kaum noch mit alledem zu tun hat — Athen, das gerade grob und organisiert genug war für eine Bevölkerung von 200 000 Seelen, ist zu klein geworden für eine Einwohnerzahl, die di« 800 000 übersteigt und bald dieMrllivnerreichen wird! Darum fehlt es auch an allem und lange Jahre des Krieges und deS Elends der aus Kleinasien lawinenartig hereingebrvchenen Flüchtlinge haben Griechenland kaum Zeit und Geld gelassen, um schnell daS Dotwendige nachzuholen.
Aber nicht nur dieses merkt man, sondern auch den Kampf, den bei solcher Entwicklung unvermeidlichen Kampf zwischen Altem und Deuem, zwischen Okzident und Orient, zwischen Tradition und Modernismus, zwischen orientalischer Beschaulichkeit und westeuropäischem Tempo! Eine Stadt im Werden, eine Stadt, die heute eine Werkstatt ist!
Moderne Einrichtungen — man baut, Siemens und Sommerfeld bauen eine Untergrundbahn. die den PyräuS mit dem reizenden Dorort Kisissia verbinden soll, daneben sieht man immer noch den ehrwürdigen Pferdekarren, der von jeher zum Transport von Möbeln, Gemüse. Fleisch und — warum denn nicht? — auch Menschen dient! Bankpaläste sieht man stolz über alte, halbverfallene Baracken — di« Häuser sein sollen — mit fünf, mit sechs, mit sieben Etagen in den Himmel ragen! Die ©traben in der Innenstadt sind wunderbar asphaltiert, man glaubt sich in Paris oder Berlin, grobe Chausseen, die in di« Umgebung
führen, blitzen vor Sauberkeit. — Ader, o weh! ®e&t man ein paar Schritte daneben, betritt man eine der Hundert« von Debenstrahen, schon tritt man dezimeterties in den Staub oder den Dreck ungepflasterter natürlicher Wege. Warum? Don einem Tag zum anderen tarnen hunderttausend Fluch Hinge nach Athen, und waS fte am dringendsten brauchten, waren nicht ©traben, sondern Häuser. Und dies« hat man gebaut. Mit bewundernswerter Schnelligkeit, mit aufvpfe- rung-sreubigem Eifer Danze neue Vier- t e l von 40— 50 000 Einwohnern find um Athen wie die Pilze aus dem Boden gewachsen. Und diese Tausetrde. die bitterste Dot gekannt und tiefste Derzweislung durchgemacht haben, erwiesen 'ich mit der Zeit als ein höchst wertvolles, vorwärtStreibendes Element, ©i« haben dem wirtschaftlichen Leben des Landes einen neuen Schwung verliehen Sie haben neue Industriezweige — Teppichweberei. Seidenzucht, Töpferei usw — inS Land gebracht ähnlich den Hugenotten, welche vor Jahrhunderten neue Industrien, neue Kenntnisse nach Deutschland und den Dieder- landen brachten
Kaum in einem anderen geographischen Punkt der Welt wird soviel gebaut und gebuddelt. An jeder Ecke werden di« ©traben aufgerissen, wird repariert, gebaut und zugemacht. Leider ohne viel System, woran weniger die Stadtverwaltung als die verschiedenen ausländischen Gesellschaften schuld sind, die ohne jede Verständigung miteinander, jede für sich die ©traben aufreiben, offen lassen, wieder mangelhaft zudecken, um sie bald wieder aufzureiben. Diese Gesellschaften haben eS oft unter harten Bedingungen unternommen, Athen mit Wasser, mit elektrischem Strom, mit gut angelegten Straßenbahnen, mit modernen Omnibussen, mit Lichtreklame und was noch dazu gehört. zu versorgen. Wohl ist dies alles tellweis« vorhanden, aber in zu kleinem Ausmaß«, in zu altem Zustande. Die Wasserversorgung, die für 200 000 Menschen kaum reichte, ist heute bei einer Bevölkerung von 800 000 Menschen zu einer Katastrophe geworden. Man hat wohl Meerwasser nach Athen kommen lassen, um damit wenigstens die ©traben zu sprengen Das süb« Wasser aber ist enorm knapp. So knapp, hab es in den meisten Bezirken wöchentlich zweimal nur auf eine Stund« von dem f©genannten Wasser- tyrann — einem Manne mit einem groben Was- serschlüssel — herausgelassen wird! Wenn der Tyrann von toeitem sichtbar wird und die Kinder mit lautem Gejohle feine Ankunft begrüben, dann stürzen sich die Frauen und die Mägde auf die Handpumpen, denn das bißchen Wasser hat keine genügende Pression, um von selbst auf die Dächer in die eigens dazu hergerichteten Reservoirs zu fließen! Eine amerikanische Gesellschaft hat es übernommen. Athen mit Waffcr zu versorgen. Man hat das Tal von Marathon, in das zwei Flüsse münden — Charadro und 3ama- vaS —. die bisher ins Meer flössen, mit einem enormen Damm abgesperrt, wodurch sich ein grober Stausee gebildet hat. Wenn das Werk in zwei oder drei Jahren b<enbet sein wird, wird Athen statt der 6 Millionen Tonnen Wasser, mit dem es sich bisher begnügen mußte. 40 Millionen Tonnen zur Verfügung haben! Dafür aber zahlen schon seit 5 Jahren die Athener WasserzinS an die Gesellschaft für das Wasser, das noch kommen soll!
Eine englische Gesellschaft, die Power & Trac- tion, sorgt andererseits für Kraft, Licht und Verkehr. Große Kraftwerke werden gebaut, neue Straßenbahnlinien, modernste Omnibusse angeführt, Tausende von neuen Leitungen gelegt.
Die Riesenüberschwemmungen tn Yorkshire (CEngL).
Inzwischen behilft man lich mit kleinen elektrischen Kraftftatlvnen, die von Privatingenieuren betrieben werden, mit alten Straßenbahnwagen, die man billig von der Stadt Wien gekauft hat, mit verheerenden Omnibussen, mit Fvrdmotor und einheimischer Karosserie, in denen, besonders bei dem Zustand der ©traben, der Fahrgast jeden Augenblick fürchten muß, sein Leben zu verlieren. Deben diesen furchtbaren Wagen, die mit ohrenbetäubendem Lärm und atemberaubendem Gestank wie apokalyptische Tiere durch Straßen und Wege rasen und alle möglichen charakteristischen Damen wie ..Blitz", .Donner". „2IMer", .Hoffnung" oder gar »Tod der Bummler" führen, laufen aber auch ganz modern« Omnibusse, die nur mit den Grunewaldwagen der Berliner Verkehr sgeseilschäft zu vergleichen find! Sine Stadt im Werden!
Die Eigentümlichbeit Athens macht sich aber nicht nur in Bezug auf Straßen und Verkehrsmittel bemerkbar, sie liegt in allem. 3n der Mentalität des polizeilichen Reviervorstehcrx. einer Straß«, bei dem ich mich nach der Hausnummer der Wohnung einet bekannten Familie erkundigte. „Sind es Verbrecher?" fragte er mich neugierig. Und auf meine erstaunte und empörte Verneinung erwiderte er: »Ja. wie wollen Sie dann, daß ich diese Familie kenne? Die Polizei beschäftigt sich nur mit den Verbrechern!" Heilig- Freiheit!
Eine weiter« Eigentümlichkeit Athens, die dem Fremden sofort puffällt, ist die Menge der Sarggeschäfte. die man auf Schritt und Tritt an jeder Straßenecke findet. Die Toten werden in Athen — wohl wegen des heißen Klimas — mit einer erstaunlichen Schnelligkeit begraben. Die Sarggeschäfte. auf denen meisten- das Bild von Döcklin »Die Toteninsel" oder andere eigens dazu fabrizierte Gemälde mit Engeln, Teufeln, Schiffen, Lokomotiven, Folterinstrumenten und schönen Frauen (wobei sich die Frage drängt, ob diese Bilder die Vergänglichkeit alles Irdischen oder die himmlischen Strafen bzw. Freuden darstellen sollen) und recht ermun
ternde Inschriften in der Art .Immer bereit, kommen Sie, wann Sie wollen" oder .Hier werden alle Utensilien für die grob« Reise verkauft", .Bedienen Sie sich nur" hängen, sind Tag und Dacht offen! Ihre Besitzer, von der TageSarbeit ermüdet, schlafen oft darin. In einem dieser freundlichen Läden lag der Besitzer auf dem Boden: da der Raum zu klein war. lag sein Körper im Laden, während fein Kopf auf der Straffe ruhte. Ein anderer hatte es sich bequemer gemacht: er lag ganz einfach wohlgestreckt unb weich gebettet In einem grofien, eichenen ©arg!
Doch genug vom Tod«. Kommen wir nun zu freundlicheren Dingen und sprechen wir einmal auch von den Athener Frauen. Sie sind schön, berückend schön und so elegant, gepflegt und wohlerzogen, wie man sich eben nur Athener Frauen vor stellen kann. Di« Athenerin im allgemeinen übt keinen Beruf auS, es sei. sic wär« dazu durch Dot getrieben oder sie gehöre eben zu jener kleinen, aber sich täglich vermehrenden, intellektuellen Elite, die in der Berufsarbeit der Frau einen kulturellen Fortschritt und einen gesellschaftlichen Gewinn erblickt Im allgemeinen aber ist der Traum jedes Ath ner Mädchens d i e Heirat Die Brüder arbeiten, um der Schwester eine Mitgift zu schaffen und heiraten felbst nicht, bevor die Schwestern versorgt sind. Das gesellschaftliche Leben ist hier sehr stark. Man opfert gerne und viel, wenn eS fein muß, um gesellschaftliche Geltung zu erringen. Dur feiten und nur in einigen Kaffeehäusern sieht man Frauen sitzen. Die allein. Dafür findet man sie täglich bei privaten Tee- und Abendgesellschaften. Der Athener ist gesellig. Gr liebt nicht allein zu bleiben unb es gibt kaum eine Familie, so bc- scheiben sie auch lebe, bic nicht den Abend mit Freunden verbringt. Es wird viel unb mit Srreube in Athen geflirtet. Doch die Sitten sind immer noch ernst, die Frauen unb Mädchen werden immer noch streng gehalten und wohl be- । hütet: junge Mädchen besserer Kreise dürfen kaum allein, selbst am Tage nicht, auSgehen. An- ' sprechen auf der Straße gilt als eine Beleidi-
Die Fahrt zur Leipziger Reffe
Eine Aaubergeschichte aus alten Tagen.
Von Heinz (Steauweit.
Diese Geschichte hat sich zugetragen, als die Eisenbahn noch auf keiner Strecke die Gaue Deutschlands durchfuhr, als aber immerhin schon Postkutschen, vierspännig und zweispännig, über die weiten Landstraßen klapperten, mit dem Wappen ihres Fürsten aus dem gelben Derschlag und mit dem biedern Schwager auf dem Bock, der in fein Horn blies, so oft ihn die Schönheit einer Landschaft oder Nähe einer Stadt dazu bestimmten. Damals lebte denn in Hamburg ein Kaufmann der Jens Avenftrup hieß, unb* der (einem Namen insofern in aller Welt hohe Achtung verschaffte, als seine Wollballen ihrer Güte wegen ein begehrter Artikel aller Schneider, Weber und Spinnereibesitzer wurden. Alljährlich pflegte Jens Avenftrup mit einer eigenen Postkutsche zur Leipziger Messe zu fahren, er konnte sich diesen ?großzügigen Handel leisten, und die Habenpoften einer reichen Bilanzen tarnen nicht ihm allein zugute, seine Firma gab bald vierhundert Menschen Brot, die Besatzung der Schisse und die Schreiber der Kontore mit eingerechnet. — Nun geschah es um die Sommerwende des Jahres 1800, daß Jens Avenftrup wieder einmal seinen Reisewagen mit Gepäckstücken belud, denn seine neuen Wollmuster sollten in Leipzig gezeigt werden: also machte er sich von Hamburg aus über Helzen und Salzwedel auf den Weg. Auf dem Bock schwang der neu angcftcUte Kutscher Olius seine knallende Peitsche, vier kräftige Pferde zogen das schaukelnde Gefährt am Ufer der Aller und Oker entlang. Wer aber konnte dem tüchtigen Kaufmann prophezeien, daß ein Räuberabenteuer seiner friedlichen Karosse auflauerte — jeder, ber ben Hergang biefes Ueberfaßs zu erfahren neugierig ist, muß gewißlich staunen, wenn ihm folgen- bcs berichtet wirb:
Dicht weit von der Stadt Goslar nämlich pfiff Avenftrup aus dem Wagenfenster seinem Kutscher Olius zu, er möge für einen Augenblick die Gespanne bremsen, er wolle sich ein wenig die Beine vertreten. Und Olius tat, wie befohlen wurde. Jens Avenftrup schlenderte ein wenig abseits: als er aber zurückkam, harmlos und selbstverständlich seinen Wagen wieder zu besteigen, traute er seinen Augen nicht Der Kutscher hatte di« geladenen Pistolen (jeder Reifende srchr damals mit Waffen) aus dem Wagen genommen und hielt sie seinem Herrn entgegen unter Drohungen solcher Art Wenn er, der Kaufmann Jens Avenftrup nämlich, nicht unverzüglich den vornehmen Rock mit seiner betreßten Kutscherkluft tausche, würde er ein Kind des Todes fein. Jawohl, der Pferdelenker Olius
habe auf die Gelegenheit nur gewartet, die Rolle I mit feinem Herrn zu wechseln: Jens Avenftrup habe jetzt Olius zu heißen, und Olius nenne sich | für die Folge nur noch Jens Avenftrup. AlleS Geld, alle Papiere, alle Wollmuster und Gepäckstücke mühten ebenso in den Besitz des neuen Eigentümers übergehen wie der Wagen und die vier braunen Pferde! —
Da der Kaufmann Jens Avenftrup sich an- schickte. dem frechen Kutscher eine Maulschelle zu geben, drückte dieser schon feine Pistole gegen den Boden ab, zum Zeichen, dah er zu jeder Abwehr fähig und entschlossen sei. Was blieb dem bedrohten Kaufmann übrig, als dem Räuber vorläufig zu willfahren: darum wurden die Röcke gewechselt, mit ihnen aber auch die Damen, die Rechte und die Pflichten. Grollend und wehrlos kletterte Avenftrup als Kutscher auf den Bock, im Wagen aber machte sich der hinterlistige Olius breit, ja er rechnete sich schon aus, wie hoch in Leipzig seine Beute werden könnte, wenn er als gewichtiger Kaufmann die Mesfegelder kassierte, und wenn er, mit pfiffigster Umficht versteht sich, so flink wie möglich als reicher Dabob über die Grenze ins Ausland verduften würde.
Mittlerweile hatte Jens Avenftrup den Wagen nach Goslar gelenkt, wo er übernachten wollte, aber der schlaue Olius zwang ihn wiederum mit der Pistole, die Pferbe bis Harzburg zu treiben, well Avenftrup in dieser Stabt keine Bekannte hatte. In Harzburg stieg Olius mit ber Geste eines großen Mannes im teuersten Gasthof ab. Avenftrup mußte wohl ober übel bie Koffer schleppen, bie Pferbe versorgen unb ben Wagen waschen. — Um Mitternacht aber schlich sich ber rechtmäßige Kaufherr heimlich aus bem Gasthof, er alarmierte bie Stabtwache, pochte auch ben Amtmann aus bem Schlaf unb klagte allen fein Mißgeschick, um aber zunächst einer nächtlichen Ruhestörung wegen angeschrien unb schließlich gar auf ber Stelle mit Arrest bestraft zu werben. Dennoch: Im Arresthaus gelang es ihm, beim Hauptmann einiges Gehör zu finben, er versprach bem nachdenklichen Soldaten eine hohe Belohnung für den Fall, daß die Entlarvung des zwar vornehm gekleideten, doch in Wahrheit höchst schurkischen Kutschers bald gelingen sollte.
Eo kam es. daß am frühen Morgen schon der Amtmann von Harzburg in eigener Person und mit feierlichen Kleidern angetan im Gasthof erschien, den ehrendesten Hamburger Kau'herrn Jens Avenftrup (alias Kutscher Olius, um eine Audienz zu bitten. Selbstverständlich war Olius frech genug. mit lächelnder Miene den arretierten Häftling einen albernen Betrüger zu schelten, da dieser mit ihm, dem berühmten Kau manne Jens Avcn. strup, nicht das mindeste zu tun habe. Tatsächlich legt Olius ohne Bedenken die Papiere seines
Herrn als Zeugnisse und Beweise für die Richtigkeit seiner Behauptungen vor. Und der Amtmann von Harzburg lieh sich täuschen, er entschuldigte sich gar umständlich, den ehrenfesten Hanseaten so verkannt und behelligt zu haben, die ganze Ge- ichichte sei ihm sofort verdächtig gewesen, denn die Röcke von Herr und Diener paßten doch jedem wie auf den Leib gegossen, nur der Verhaftete könne der Kutscher fein, nur der Reifende im Gasthof der richtige Jens Avenftrup aus Hamburg. Was weiter? Der Kaufmann brummte t > mer noch im Arresthaus, immer noch beteuerte er den Soldaten der Wache seine Unschuld Da kam, den geheimnisvollen Skandal endgültig aufzuklären, der erfahrene Hauptmann auf einen klugen Gedanken Ohne dem einen oder dem andern von den Streitenden die Gründe zu verraten, schickte er den Verhafteten am Mittag in den Gasthof, er solle doch seinen .Herrn" bitten, sofort zur Wache zu kommen. Der betrogene Avenftrup erfüllte diefe Ditte, nach wenigen Minuten schon stand er mit dem dreisten Olius vor dem Hauptmann. Und dieser zeigte beiden ein Hufeisen mit den Worten, die ©ach« scheine zwar belanglos, aber es könnte doch sein, dah Herrn Avenstrups Pferde dieses Ding vom Hinterhuf verloren hätten Sofort nahm Olius das Eisen in die Hand und lachte überlegen, dies fei kein Stück vom Hinterhuf, sondern das Eisen vom Dorderhus. Damit ging Olius stolz aus dem Wachthaus, aber der Hauptmann pfiff ihm nach unb rief. .Halt, Kutscher, noch eins ...!"
Auf den Pfiff schon drehte sich Olius trotz seines vornehmen Rockes um, während der richtige Kaufmann unbekümmert sitzen blieb. Olius fragte verlegen, was los sei. aber statt einer Antwort legte man ihm die Handgelenke sofort in Ketten, denn ein echter hanseatischer Wollkönig hätte nie und nimmer auf einen Pfiff gehört, noch weniger auf den Titel eines Kutschers: und auch die mit überlegenem Stolz geäußerten Kenntnisse vom Hinterhuf oder vom Vordereisen (der Hauptmann hatte beides nur aus List verwechselt!) dürften nur einem zünftigen Pferdelenker geläufig sein. Was nützten also die getauschten Kleider, wo immer nur und in diesem Falle zumal — das wahre Wesen des Menschen sich mit einer anderen Stimme of'en- bart? Das ist eine große Lehre.
Der Kutscher Olius ergab sich knirschend in fein Schicksal, er bedurfte keiner weiteren Ueberführung mehr. Wer für den Rest der Leipziger Reise nun Herrn Avenstrups Pferde lenkte, steht in der Chronik dieser längst erloschenen Firma nicht mehr ver. zeichnet. Auch schweigt sich die Geschichte des Hauses über die Strafe aus, mit der die Untat eines Kutschers gesühnt wurde, der sich zu erhöhen ver- meinte, während er sich in Wahrheit zum gemeinen Straßenränder erniedrigte.
Unbekanntes von Schopenhauer.
Im ©eptemberheft der ©üddeutschen Monatshefte. das soeben ausgegeben wird, erscheint ein umfangreicher Beitrag von Arthur Hübscher über ..Unbekannte- von Arthur Schopenhauer", der eine Fülle neuen und bedeutsamen Materials zur LebenSgeschichte deS Philosophen enthält. An der Spitze stehen eine Reihe bisher unveröffentlichter Briefe Johanna Schopenhauers, die uns die Entwicklung des Verhältnisse- von Mutter und Sohn in ganz neuem Lichte zeigen. Es folgen unveröffentlichte Briefe unb Mitteilungen aus dem Kreis der ersten Anhänger und Freunde Schopenhauers (Adam von Doß, Becker, ÄiUer), die besonders für das letzte Jahrzehnt seines langsam ausgehenden Ruhms neue Aufschlüsse bieten. Ein im vollen Wortlaut abgedruckter Brief des Frankfurter Jüngers Aug. Kilzer berichtet, mit zum Teil bemerkenswerten Abweichungen von den bisherigen Darstellungen, von der letzten Lebenszeit, der Krankheit und dem Tode Schopenhauers. Wir entnehmen ihm die folgenden Stellen:
„Schopenhauer fühlte sich schon im Laufe de- Sommers') nicht ganz wohl: er klagte über Athembeschwerden, die ihn hinderten feine Spahiergänge in (der) gewohnten rafchen Weise zu machen und deren Grund er in Blähungen -u finden glaubte. Er confultirte auch den Arzt (Hofrath Dr. ©tiebel) der die Sache anfänglich leicht nahm. Im September suchte ihn auch eine Lungenentzündung heim, die jedoch geheilt war, nach Aussage des Arztes, als er Sonntag, Montag. Dienstag und Mittwoch — 16. bis 19. September — ganz bettlägerig wurde. Donnerstag, 20ten, war er wieder so weit wohl und Freitag, 21ten, stand er nur wenig später als gewöhnlich auf, Neidete sich an, ging ins Wohnzimmer, ließ sich Wasser zur Bereitung seines Kaffee- kommen und hieß feine brave Dienstmagd (Margarethe bchnepp aus Heidelberg, feit etwa zwölf Jahren in feinen Diensten) das Schlafzimmer in Ordnung bringen. Diese war kaum hineingegan- gen als der Arzt kam, gegen den sie sich äußerte» daß ihr ihr Herr heut gar nicht gefalle. Der Arzt trat ins Wohnzimmer, ging aber sogleich ins andere und sagte zur Schnepp: was sagst du von deinem Herrn? — dein Herr ist tobt! unb so schied ber Meister — 81/« Uhr — von einem Lungenschlage getroffen (im Canapee) einsam, wenn auch von sorglicher Hülfe umgeben, wie er gelebt hatte!!..
•) 1860.


