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Dienstag, 6. Oktober 1931

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)

Nr. 235 Zweites Blatt

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Gerhardts rS-Kitometer-Lauf inBertm

Wie bereits gestern gemeldet, hatte der 1900er Gerhardt beim Championat der Streckenläufer des SC.Komet" Berlin am vergangenen Sonntag wieder einen ausserordentlichen Erfolg zu ver­zeichnen. Das über 25 Kilometer Bahn füh­rende Bennen nahm einen äußerst dramatischen Verlauf. Zuerst sah es so aus, als ob niemand dem Titelverteidiger und deutschen Rekordhalter Brauch (SC. Charlottenburg) gewachsen sei, denn der SLLer lies dem übrigen Feld aus und davon und hatte bei 15 Kilometer alles über­rundet. Dann zeigte es lich jedoch, daß er sich ein bißchen zuviel zugemutet hatte. Sein Laus wurde wesentlich matter, und als erster kam B r ä - ficke < Berlin- auf. In der viertletzten Runde ging dieser an Brauch vorbei. Gerhardt lag zu dieser Zeit noch über 200 Meter zurück. Er setzte nun zu einem fabelhaften Spurt an, durch den er alsbald an die zweite Stelle kam. Der 1900er wurde schneller und schneller, Dräsicke zu errei­chen war jedoch unmöglich. Der Berliner konnte sich mit knapp 40 Meter Dorsprung ins Ziel ret­ten. Brauch hielt den dritten Platz, dann folgten Schneider (Hirschberg), Geißler (SC. Charlotten­burg- und Boß (Osram).

Spielvereinigung 1900 Gießen.

Breidenbach (Liga) 1900 (Liga) 1:1 (1:1).

Die Gießener bestritten dieses Meisterschaftsspiel in nahezu kompletter Ausstellung. Wilhelmi fehlte. Breidenbach gab einen wesentlich besseren Gegner ab, als man auf Grund des Tabellenstandes ver­mutete. Mangelndes technisches Können wurde durch Schnelligkeit und Energie erseht. Der zuver­lässige Torwart und die beiden schlagfertigen Der- teidiger trugen die Hauptlast des Spieles. Im Angriff überragten die beiden Außenstürmer.

Der Spielverlauf sah 1900 gleich von Anbeginn in guter Zusammenarbeit leicht überlegen, schon nach einigen Minuten glaubten die Gießener den Führungstreffer erzielt zu haben (der Schiri zog jedoch seine dementsprechende Entscheidung zurück). 1900 lag weiterhin im Angrifs und erzielte aus einem Eckball von Schlarb durch prachtvollen Kopfstoß des Mittelläufers Lippert den Füh­rungstreffer. Die Freude dauerte aber nicht lange und die Platzherren hatten ausgeglichen. Ein ra­santer Durchbruch des Rechtsaußen führte durch den Halbrechten zum Gegentreffer. 1900s Ver- teidiger zeigten in der Folge manchmal bedenk­liche Schwächen, der Sturm verlor an Zusammen­hang. Dis zum Wechsel ereignete sich aber nichts mehr.

Rach der Pause spielte 1900 bergauf. Der aus­geglichene Kamps wogte auf und ab und brachte abwechselnd beide Tore in Gefahr. Es fehlte aber am placierten Torschuß, s o daß die beiden Hüter verhältnismäßig wenig in Aktion zu treten brauchten. Henrich verschoß . zwei Meter oorm Tor eine klare Chance. Es zeigte sich im Verlaufe des Spiels immer mehr, daß die beiden Stürmer­reihen sehr schußunsicher waren. Beide Hinter­mannschaften kämpften denn auch mit Ausbietung aller Kraft zur Haltung dieses Resultats. Die Torersolge blieben denn auch aus. Schiedsrichter Schneider (Marbach) war für diesen scharfen Kampf der richtige Mann.

Die 3. (Lehrmannschafti hatte mit fünf Ersatz­leuten in Dutenhofen schwer um den Sieg zu kämpfen, der denn auch mit 2: 1 sehr knapp aus­fiel Die Elf lieferte das schlechteste Spiel der Saison, da sich die Ersatzleute wenig anzupassen wußten.

Die 4. Mannschaft ließ sich auch von ihrem schärfsten Rivalen, Lollars 2. Els, im Siegeszug nicht unterbrechen. Rach hartem Kamps entschie­den die Dlauweißen das Treffen mit 2: 0 für sich (Halbzeit 0- 0.) Spielerisch wurde beiderseits wenig geboten. ______________________

Mannschastskampf 1.33afl. A5.3/K. gegen Spiel-Vereinigung 1900.

Sporlwerbetag auf dem Sportplatz der Spv. 1900.

Am kommenden Sonntag findet auf dem Sport­platz der SpB. 1900 eine großzügig aufgezogene Sportwerbeveranstaltung statt.

Morgens findet ein Iugendklubwett- kampf 1 900 Sportverein Wetzlar statt, der mit vier Mannschasten nach Gießen kommen wird. Anschließend trägt die 1. Hand­ballmannschaft ein Derbandsspiel gegen T.- und Sportverein Butzbach aus. Ein besonderes Er­eignis verspricht der Mannschastswett- kampfl. Bataillon 1900 zu werden, der aus Leichtathletik, Fußball und Handball besteht. Beide Teile verfügen über spielstarke Mann­schaften. Auf dem Gebiete der Leichtathletik wird man die besten Sportler Gießens am Start sehen. (Gerhardt, Scharf, Gugel, Mohl, Müller, Weil, Bepperling, Steines, Peters usw.) Mit größter Spannung sieht man einem 6er Rasenrad­ballspiel entgegen, das im gleichen Rahmen stattfindet, und zu dem der Gießener Radfahr­verein von 1885 den Weltmeister Rad- Club 1 89 5 Frankfurt zum Gegner ver­pflichtet hat Die Frankfurter haben in der letzten Jahren zweimal die deutsche Meisterschaft errun­gen und gewannen vor einigen Wochen die Welt­meisterschaft in Bern vor Belgien, Frankreich und der Schweiz. Die Reichswehrkapelle wird die Veranstaltung durch musikalische Darbietungen be­reichern.

Leichtathletische VereinSmeisterschasten des VfB.

Den Abschluß der Saison bildeten die am ver­gangenen Sonntag auf dem Waldsportplatz durch- gesührten leichtathletischen Dereinsmeisterschaften. Die Kämpfe nahmen bei zahlreicher Beteiligung einen flotten Verlauf. Die erzielten Leistungen sind recht zusriedenstellend. Die Besetzung in den Läufen der Aktiven und -^-Jugendlichen war in­folge Erkrankungen schwach, desto bessere Leistun­gen sind in den Wurfkonkurrenzen zu verzeich­nen. R o h l gewann auch in diesem Jahre den Zehnkampf. Die Ergebnisse folgen.

JR(£.Germania" 1899 Gießen.

1 Sieger beim Radballturnier in Aranksurt-Oberrod.

Die 1. Radballmannschaft des RC.Germania" 1899 Gießen (A. Baum und W. S t o m m e l) konnte am vergangenen Sonntag wieder einen schönen Erfolg erringen. Unter 14 Bewerbern aus Oberrad, Frankfurt-Dockenheim, Mainz, Aschaffenburg, Wiesbaden, 1885 Gießen und Kelk­heim wurden sie in der 6-Klasse überlegen Sieger mit einem Gesamttorverhältnis von 53:9 Toren. Im ersten Vorspiel wurde Kelkheims 1. Mannschaft mit 17:3, Kelkheims 2. Mannschaft mit 11:3, im Zwischenspiel Aschaffenburgs 1. mit 13:1 und im Endspiel die Mannschaft vonWan­derlust" Frankfurt-Dockenheim mit 12:2 Toren geschlagen. Diese Ergebnisse geben die Aeber- legenheit der Gießener Germanen deutlich^ wie­der. Durch ihre bestechende und faire Spiel­weise hatte sich die Mannschaft viele Sympathien erworben. Etwa 500 'Zuschauer wohnten den Wettkämpfen bei

Bc nzmverbrauchs-Wetibewerb mit Korbwagen

Vor längerer Zeit brachte die Ford Motor Company für ihre Händler einen Denzin-Prü- fungsapparat heraus, der eine einwandfreie Fest­stellung des Brennstoffverbrauchs gewährleistete An Hand dieses Apparates wird nun ein Den- zinprüfungswettbewerb in den Tagen vom 7 bis 11 Oktober zur Durchführung kommen

Reichslreffen der deutschen Reiierjugend in Äerlin-Mleben

Ausgezeichnete Leistungen waren auf dem Reichstreffen der deutschen Reiterjugend in Ruhleben zu sehen, das erstmalig vom'Reichsverband für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts veranstaltet wurde. D.e jugendlichen'Reiter und Reiterinnen zeigten in Turnieren und (Jinaelporfulirungen ijr Fünfjährige saßen zu Pferde wie bewährte Schulreiter. - Oben: die Siahrige Helga Gohde das lungste Turniermitglied des Treffens, siegte bei der Reiterprüfung für Teilnehmer b.s 12 Jahre. Unten links die 16jährige Vera Wolff bestand die Olympiade-Dressurprufung und wird m Los Angeles an der Olympiade teilnehmen. Rechts: der 8jährige Rudi Hirsch und der biahrige Curt Sackl vom akademischen Reitklub Halle erhielten erste Preise.

Dor den Augen des Fahrers hängt eine Prüf­uhr, ein kleiner Handgriff setzt die Pumpe in Tätigkeit, wenn das Eichglas voll ist, wird um­geschaltet (zugleich der Kilometerstand genau ver­merkt), und der Wagen fährt nun nur aus dem i/2-Liter-Inhalt des Eichglases. Ist dieses leer, so wird im gleichen Augenblick wiederum der Kilometerstand abgelesen. Die zurückgelegte Strecke entspricht dem Verbrauch eines halben Liters Brennstoff. Sodann wird dieselbe Strecke zurück- gesahren, um Steigung, Gegenwind usw. auszu­gleichen. Damit kann jeder Fordwagenbesitzer fest­stellen, wie viel oder wie wenig Betriebsstoff sein Kraftwagen beansprucht. Raturgemäß wird es bei diesem Wettbewerb auch mit an der Ge­schicklichkeit des Fahrers liegen, mit wenig Be­triebsstoff eine möglichst große Strecke zurück­zulegen. Räheres über den Wettbewerb in der heutigen Anzeige.

Gießener Reichswehr an der Mosel.

Die Sportabteilung der 3./15. JR., verstärkt durch einge Leute der 1./15. JR., weilte vor kurzem in Traben-Trarbach an der Mosel und trug dort gegen den Trarbacher Turnverein 1861 einen leichtathleti­schen Wettkampf sowie ein Faust- und ein Handball­spiel aus Der gezeigte Sport stand auf sehr beacht­licher Höhe Es gelang den Gießener Soldaten, große Erfolge zu erringen. Der leichtathletische Wett­kampf wurde mit 115.<72 Punkten überlegen ge­wonnen. Nachstehend die P u n k t e r g e b n i s s e

und Höch st lei st ungen in

den einzelnen Kon-

kurrenzen:

Trarbacher To.

3./15. JR.

Höchst­leistung

100-Meter-Laus

12

9

11,4 Sek.

1500-Meter-Laus

6

15

4:28,4 Sek.

Kugelstoßen

6

15

12,40 m

Kugelschocken

6

15

17,90 m

Steinstoßen

5

15

7,90 m

Speerwerfen

11

10

41,70 m

Diskuswerfen

6

15

40,30 m

Hochsprung

10

10

1,65 m

Weitsprung

10

11

6,25 m

Außer diesen Wettkämpfen wurde außer Punkt­wertung Handgranatenwerfen und eine 5 X 100- Meter-Staffel ausgetragen. Beim Handgranaten­werfen teilten sich Unteroffizier Gm g e l und Ober« gefreiter Mohl die Punkte. Beide warfen 66,70 Meter, eine für die ungünstigen Abwurfverhältnisse ausgezeichnete Leistung. Ebenso wurde die 5 X 100« Meter-Pendel-Staffel nach spannendem Kamps knapp gewonnen. Das Faustballspiel ging mit 36:38 Fehlerpunkten an den Gastgeber. Das am Nach­mittag ausgetragene Handballspiel^hatte eine große Zuschauermenge angelockt, die das Spiel mit großem Interesse verfolgte. Das unentschiedene Ergebnis 2:2 ist für die junge Mannschaft der Sportabteilung fehr schmeichelhaft, denn der Gastgeber ist Meister im Moselgau und verfügt über eine sehr schnelle upb kampferprobte Els ____________

Vorposten am Eismeer.

Von per Gchwenzen

(Rachdruck, auch mit Quellanangabe, verboten!)

B i 1 l e s j o r d (Finnmarken), Herbst 1931.

Das einzige Motorboot war von einem Wan­derprediger gechartert worden. Also kam es, daß ich rudern durfte. . Der Bootsmann hatte mir vorsorglich ein paar Riemen mitgebracht Die Rußschale machte vor Wind und Flut unter dop­peltem Ruderschlag ganz große Fahrt. Steine, Klippen, Felsen, Steine - die ganze Schöpfung sieht hier aus wie ein ungeheurer Materialstapel, der nicht mehr so recht zur Verwendung kam -, lorenweise wurden die Blöcke ins Meer gekippt und liegen in der Anarchie eines ewigen Feier­abends hier herum....

Remak-Olje", groß prangt die Reklameschrift an einer Felsenwand, Tankstelle für Fischerkut­ter, wir sind am Ziel. Der Handelsplatz Kvalsund taucht aus. Zwei weiße Häuser, ein paar rote Schuppen, viele dachstuhlähnliche Gestelle, darin die Stockfische hängen. Die Hälfte der Gebäude, die hier in weiter Einsamkeit stehen, kriecht noch aus langem Landungssteg ins Meer hinaus als hätte sie sich mit der anderen Hälfte entzweit und wartet auf den nächsten Dampfer, um die Hei­mat zu verlassen.... Eine Giebelinschrift ver­kündet:

Post

Dampf kibsexpedision Handel L. Herneh.

Das ist einer diefx.c Handelsplätze, auf die sich die Regierung bei der Erschließung Finnmarkens stützt, private Initiative, die sozusagen ehrenamt­lich die Behörden vertreten darf. Dieser Kauf­mann hat neben Unterhosen und Lakritzen die Reichspost, das öffentliche Telephon, er gibt Wet­termeldungen und die Rotizen der Fischbörse durch, er regelt mit seinen zwei Booten den Personen­verkehr, er hat den gesamten Ex- und Import des Distriktes in der Hand. Man fragt sich nur im ersten Augenblick, wem er das alles eigentlich mitteilt, verkauft und vermittelt. Denn es ist auch nicht der Schatten einer Kundschaft oder der Rauch eines Hauses zu sehen, außer dem Schornstein von nebenan - und der steht auf dem Konkurrenz­laden, der da kaum 30 Schritt entfernt liegt, etwas kleiner und ganz ohne Post und sowas...

Die Kundschaft verteilt sich in Abständen von vielen Kilometern oder Meilen rings auf die Berge. Lappen, die mit ihren Zelten ihrer rie­sigen Renntierherde folgen, in die Winkel und Duchten der Küste: die Eismeerfischer, die in den Fjorden liegen, die See-Lappen, die in ihrenErd- Hütten längs der Küste leben. Die Fischer löschen ihre Dorschfänge hier und verproviantieren sich, die Lappen kommen Tagemärsche weit daher, um Renntiersleisch gegen Stosse, Zucker und Kastee zu tauschen. Hin und wieder kommt ein richtiger Dampfer und holt die getrockneten Fische für die Italiener ab. Das alles hat der Herr Kaufmann Herneh zu überwachen und zu regeln. Der Han­delsmann macht alles Alles ausgezeichnet und daher selbstverständlich ohne Aebereilung. Er steht in Hemdsärmeln aus der Drücke und verhandelt mit uns.

Ein Hotel? Cm Gasthaus? Hier gibt es nur zwei Häuser, meines und das andere da, da wohnt die Konkurrenz, der andere Kaufmann. Da werde ich Sie gleich mal rüberbringen. Bei mir geht s nicht. Ich male gerade. Alle Zimmer aus­geräumt."

Er denkt eine Weile nach Es ist ihm nicht recht, daß er in diesem Falle als Hotelier ver­sagen muß. Es gäbe da einen Ausweg, wenn die Herren eben als sportliche Touristen vorliebneh- mcn wollen. Er hat da 20 Kilometer, ganz in der Rähe, oben in den Bergen, eine Hütte an einem Forellenwasser Erst aber müsse man essen. Vor­sichtig über gemalte Treppen in die Küche. And auf einem Brett in die gute Stube, denn man soll die Familienbilder besehen. Das also wären die Großeltern seiner Frau, sie kamen aus Sachsen heraus nach Hammerfest. Man hat Verwandte in Leipzig Ich blicke aus dem Fenster, eine Renn­tierherde grast mit der nervösen Eile, die diesen Tieren eigen, einen Abhang hinan. Es gibt Renntierbraten und Multer, die rötlich gelbe Deere der nordischen Hochmoore.

Wir packen also wieder aus und ziehen mit Mückenschleiern überm Hut in die Berge. Die steilen Hänge sind mit dichtem Pelz von allerlei Bodenpslanzen. Moosen, Farnen, Gräsern und Blumen gedeckt, leuchten in grausilbernen, satt- und zartgrünen Tönungen, hier und da wehen ein paar Krüppelbirken im Wind. Unten am Flußlaus jagen die Renntiere aus der Flucht vor einer Mückenwolke, springen ins Wasser, sehen in herrlichen Sprüngen über Blöcke und Gehölz und fliehen endlich, ein undeutlicher Schatten aus dem Grau gleichfarbigen Mooshanges, in den Schutz des Höhenwindes hinauf.

Das erste, was in der Hütte geschieht, ist die Flagge zu hissen. Dann wird der Petroleumkocher entzündet und Kaffee gekocht und auf das kleine Dergwasser hinausgerudert und Forellen gefan­gen. So, mit Fischsangen, Braten, Essen, Aus­waschen vergeht angenehm der Tag. Man kann aus den hellen Bergen umherstreisen und gegen den Wind eine äsende Renntierherde beschleichen. Als wir aus dreißig Schritt heran sind, seht sich das Heer in Trab, ein wirrer Wald von Geweihen, Böcke. Kühe und helle Kälber. Weit über tausend Tiere stürmen zu Tal.

Gegen Morgen kommt ein Mann. Er kommt die 20 Kilometer daher, um mitzuteilen, daß soeben jemand angerufen habe, ob der Handelsmann viel­leicht mal eben ans Telephon kommen möchte. Ja, der Handelsmann muß wohl oder Übel, also rüsten wir allmählich zum Aufbruch. Ein herrlicher Herbsttag steht über den Bergen, den Wassern, dem atmenden Flußlauf. In einer Symphonie von grünen und silbergrauen Tönen fließen und über­schneiden sich die Hänge, wölben sich Kuppen und hin und wieder blitzt hinter einem Laieinschnitt der Fjord, zarte blaue Gipfel stehen im Dunst der Ferne. Der 68jährige Kaufmann Herneß ist unzufrieden, daß et aus der Ratur in die Zivili­sation der Häuser und Schuppen am Fjord zurück muß. Dazu geht man zwanzig Kilometer, um schon am nächsten Tag wieder ins Geschäft zu müssen? Er ist so unglücklich wie ein Berliner Bankier, der übers Weekend verhindert wird, seine Villa in Rikolassee auszusuchen. Für ihn sind die paar Schuppen ein Betrieb: das Te e.hon w rd schrillen und ihn mit den englischen Fischpreisen beunruhi­gen, er wird an die große Welt angeschlossen fein, und die grandiose Einsamkeit dieser Bucht, die uns fast bedrückt, scheint ihm erfüllt von Dorschen, Salzsäcken, Ahrzeiten und Zahlen ...

Es war das Postamt von Hammerfest, das da angerufen hatte. Man brauchte die Adresse des Lappen Joseph Josephson Döljo. Aergerlich so­was! Wo kriegt man den Döljo jetzt her? Vielleicht liegt er 20 Kilometer ostwärts überm Fluh oder auch westwärts? Das ist nicht so gut zu wissen ... Auch Peer Johannes Rilsen-Rangoo weiß es nicht. Rangoo ist mit seinem Hund gekommen, erstens, weil er Tabak für seine Pfeife wünscht und auch Kaffee könnte mau brauchen, hatten die Frauen gesagt. Da ist er rasch die 20 Kilometer dahergekommen.

Das Motorboot ist wieder da! Der Prediger ist irgendwo in einer Gamnie bei einem Seelappen geblieben. Wir laden Rangoo ein, mit uns bis Reppafjord zu fahren. Er nimmt dankend an.

Jeder Lappe nimmt von einem Reisenden oder Touristen alles an, denn er hält den Fremden für unermeßlich reich. Rangoo selbst versteuert nach der Behauptung des Handelsmannes über 50 000 Kronen, denn er besitzt über 2000 Renn­tiere. Er hockt in seiner blauwollenenKoste" und der dreizipseligen Lappenmütze dekorativ auf einer Tonne in der Sonne, Diogenes am Eismeer. Er hat Zeit.

Der alte Oelmotor fängt an zu bellen, ebenso der Hund des Rilsen-Rangoo. Er liebt viele Mei­len Land und haßt jeden Fußbreit Wasser. Rangoo klemmt ihn unter den Arm wie eine Aktentasche und entert an Bord. Oben auf der Brücke steht der wackere und geschäftige Verwalter der Einsam­keit, der Handelsmann, vor seinem Schuppen und winkt Auch Der Konkurrent steht in der Türe und schwenkt ein Tuch. In seiner Eigenschaft als Verkehrsunternehmer hat unser Wirk bei sich ein Eilgespräch nach Billefjord bestellt.

Die Herren fahren jetzt mit einem Motorboot in den Reppafjord. Dann gehen sie über die Berge und so zwischen 18 und 21 Ahr holt ihr sie mit dem Auto ab."

So reist man hier. Auf Fußpfaden, die es erst zu finden gilt, geht man, durch Flüsse, durch Moore. And dann steht irgendwo so gegen Abend ein Auto, so weit nämlich der Weg schon vorstößt. Rur muß man es finden. Angefähr da, - sagt der Handelsmann, und macht ein Kreuz in die Karte. Eingezeichnet ist der Weg noch nicht. Ja, wenn erst die Wege fertig sind, dann wird es ja bequem hier und dann kommt die Post und der Staat und Cook und Konfektion hierher - dann stehen die Häuser ausgerichtet und abgezählt. Die Lappen binden sich den Schlips um den Hals und grüßen mit der Six-Pence-Mütze ehrfurchtsvoll das siegreiche Europa.

Öod)fd)ulnachnd)ten.

Ernannt wurde der Privatdozent Dr. Udo Weg­ner in Göttingen vom 1. Oktober 1931 an zum ordentlichen Professor der Mathematik an der Tech­nischen Hochschule in D a r m st a d t. Professor Weg­ner ist an der Darmstadter Hochschule Nachfolger des Geh. Hofrats Professor Dr. Friedrick) Dingeldey.

Professor Dr Hermann Emde in Basel hat den an ihn ergangenen Rus auf den Lehrstuhl der pharmazeutischen Chemie an der Universität K ö - n i g 5 b e r g als Nachfolger von H. Matthes an­genommen.

Professor Dr. Viktor Heß in G r a z ist als ordentlicher Professor der Experimentalphysik an die Universität Innsbruck berufen worden.