Nr. 150 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)Samstag, 6. Zuni 1951
Die Goiilosen-Propaganda.
Don Pfarrer Kornmann-Laubach.
Die republikanische Regierung in Spanien, die noch kein Parlament hinter sich hat, hat jetzt ähnliche diktatorische Mahnahmen ergreifen müssen, wie vorher die königliche unter Alfons XIII. Freilich sind die Gründe des Handelns bei den beiden sehr verschieden. Jetzt hat es sich darum gehandelt, dem Ansturm entfesselter und wohl auch verhetzter Massen gegen Einrichtungen der katholischen Kirche zu wehren. Daß man dort, soweit wir jetzt wissen, 105 Kirchen und Klöster in Flammen hat aufgehen las. sen, beweist zur Genüge die brutaleArt des Kampfes gegen Kirche und Religion. Unter denen, die diese Dinge vorbereiteten, war seiner Zeit der Mörder des früheren Ministerpräsidenten Dato, der dann nach Moskau flüchtete und dort mit offenen Armen ausgenommen ward. Jetzt wird er an Be- dcutung überragt von einem gewissen Andreas N i n, der mit etwa 500 Agenten Moskaus in Spanien „hinter den Kulissen" an der Arbeit ist. Schon hat Moskau seine Glückwünsche anläßlich des Kirchen - und Klö st er st urmes in Spanien ausgesprochen, — man siebt damit in die Hintergründe jener ganzen Ereignisse hinein!
Der bolschewistische Bazillus liegt auch in Deutsch land in der Luft und bedroht viele mit Infektion. Ein Beispiel dafür aus der jüngsten Zeit — und nicht einmal ein besonders schlagendes —, war die Maifeier, die das Kulturkartell der modernen Arbeiterbewegung in der Festhalle in Frankfurt am Main veranstaltete. Links von einer großen Bühne, so sagt ein Bericht der „Rhein-Mainischen Volks, zcitung" darüber, war dort das überlebensgroße Bild eines Grvßfabrikanten zu sehen, rechts vor ein paar angedeuteten Kirchtürmen die verzerrte Dar- stellung eines Geistlichen: vor diesem Hintergrund wurde dargestellt, wie die Menschheit unter der Herrschaft einer Erobererkaste leidet. Der Schrei nach dem Erlöser brach auf. Mönche und andere Ge> stallen in Ordenstracht „verbrüderten" sich dann mit der herrschenden Gesellschaftsschicht und hatten für das geknechtete Bolk nur falschen „Trost". Stücke aus dem Meßbuch wurden psalmodierend vorgetragen, auf dem Hintergrund erschien hell ein Kreuz als Projektion, und ein Sprechchor stieß den Ruf aus: „Tod den Pfaffen!" — Man ist stark versucht, sich zu fragen, wie man glauben kann, mit so o r i. mitiven Mitteln zu „wirken": oder man könnte sich auch abgestoßen fühlen von der entstellenden und sachlich ungerechten Art einer solchen Darbietung. Man könnte ja schließlich auch zu erkennen geben, daß man sich von einem solchen „Schauspiel" verletzt und beleidigt fühlt, aber es fällt hier wohl nicht schwer, sachlich und ruhig zu bleiben, und lediglich einerseits die große Taktlosigkeit solcher Darbietung festzunageln, anderseits allerdings mit aller sachlichen Schärfe zu betonen, daß solcherlei Darbietungen weder eines „Kultur- k a r t e l l s" noch einer wirklich modernen Arbeiterbewegung würdig sind. Denn das Weltbild, das jenen Darbietungen zugrunde lag, kann doch heute kein ernstlich Denkender als das wirkliche hin- stellen wollen!
Eine starke Strömung bei uns in deutschen Santen geht jetzt dahin, die Machtmittel des Staates einzusetzen im Abwehrkampf gegen den Radikalismus und die Roheit der Propaganda der Gottlosig- feit. Man darf aber doch einmal fragen, ob die „Dienste", die damit den Kirchen geleistet würden, wirklich zu begrüßen sind. Werden staatliche Maßnahmen nicht vielleicht den völlig unerwünschten Reben-„Erfolg" haben, daß die weitesten Kreise in unseren Kirchen, vor allem die Scharen der — sagen wir einmal — Mitläufer sich bei solchen staatlichen Maßnahmen sehr bald beruhigen werden? Werden nicht in unseren Gemeinden der Gegenwart, wie sie nun einmal sind, vielleicht viele sein, die angesichts des „Schutzes", den der Staat gewährt, sehr schnell bereit sind, über den letzten, entscheidenden Ernst dieser Probleme hinwegzugleiten? Wäre es nicht, sozusagen pädagogisch, richtiger, man wartete einmal ruhig ab, bis der Widerwille gegen den brutalen Ansturm der Gottlosigkeit wirklich bei vielen erwachte? Wäre es nicht
Wilkins, her rasende Forscher, u Boot „Nautilus" zum Nordpol gestartet.
Von Otto llrmacher.
Das Unterseeboot des Forschers Sir Hubert Wilkins hat, wie gestern bereits gemeldet, Neulondon verlassen. Eine der aufregendsten Expeditionen — der Versuch, den Nordpol unter Wasser zu erreichen — hat damit ihren Anfang genommen.
Nur ein tollkühner Mensch kann es wagen, im Llnterseeboot die Polargegend aufzusuchen, unter dem Eis hinwegzufahren, um am Nordpol mit dem Doot aus dem Wasser zu tauchen. Die Einwände gegen ein solches Unternehmen liegen auf der Hand. Wie weicht man mit dem Unterseeboot Eisbergen aus? Woher weih man. ob es gerade in hiesem Jahr am Nordpol offenes Wasser gibt? Wie bestimmt man unter dem Cis den Nordpol, wie findet man den richtigen Augenblick, um emporzutauchen? Sir George Hubert Wilkins kennt alle diese Schwierigkeiten. Er ist kein Laie, kein Phantast, der sich die Pvlargegend mit ihren Schrecken. Ihrer Oede und ihrer Trostlosigkeit nicht vorzustellen vermag und aus ünfenntnig das Leben aufs Spiel seht. Dieser Mann hat den Nordpol überflogen und die Antarktis erforscht. Er hat an berühmten Expeditionen teilgenommen und in allen Erdteilen Abenteuer bestanden. Er ist in Wahrheit tollkühn, da er mit dem Tod vor Augen ein Unternehmen beginnt, über das fast alle Sachverständigen den Kopf schütteln .
Wilkins ist jetzt 43 Jahre alt. Er stammt aus Sudaustralien und hat in Adelaide die Schule besucht. Damals träumte er nicht von großen For- schungsrei ei. sondern sehnte sich danach ein Künstler zu werden. Er wollte Cello und Geige spielen lernen, er wollte auch ein großer Sänger werden. Kaum hatte er die Schulbank verlassen, ging er mit Einwilligung seiner Eltern nach Deutschland und studierte hier Musik7 Aber WiUins war nicht dafür geschaffen, jeden Tag in ein Konservatorium zu gehen, in Notenheften zu blättern und Finger- übrntgen zu machen. Er unterbrach das Studium und ging auf eine Weltreise. Als junger Mann von etwas über 20 Jahren hatte er schon die ganze Welt mit Ausnahme von Japan und China gesehen. Stets zog es ihn dahin, wo die Welt am unruhigsten war. Während der Dalkankriege war er in Mazedonien — Kriegsberichterstatter der
bester, dieser Ansturm bewirkte bei all denen, die in diesen Zeiten in ihren Kirchen stehen und ihr Leben mit Gott leben, oder doch auf dem Wege dahin sind, eine neue Erweckung, und triebe alle zu ernsthafter Besinnung und Arbeit an sich selbst, — zu Einkehr und Butze und Tat?!
Wir begrüßen es, wenn der Staat von sich aus etwa Maßnahmen ergreift, um die Freiheit der Ueberzeugung zu sichern und rohe Kampsesweise der Weltanschauungen gegeneinander unter Strafe stellt, aber wir in unseren Kirchen wollen ja nicht in den gefährlichen Irrtum verfallen, als seien damit auch nur entfernt die Aufgaben „gelöst", die uns heute mit dem wachsenden Ansturm der Gottlosigkeit gestellt sind. Auch in Rußland ist die Religion unter Staatsschatz gewesen, — und wir sehen heute, wie dieser Schutz sich in das Gegenteil verkehren kann, wenn die politische Gewalt in andere Hände übergeht. Darum müssen wir, um unseres Gewissens willen, einmal aufrufen dazu, daß man sich nicht allzu früh schon wieder „beruhige", sondern den Ansturm der Gottlosigkeit auch in deutschen Landen s o ernst wie nur möglich nehme, daß man .sich besinne auch die tief-inneren Kräfte religiöser und sittlicher Art, die in uns und unserem Glauben ruhen, — Kräfte, auf deren Aktivierung es ganz anders ankommt, als auf staatliche Maßnahmen in dieser Richtung.
Auf dem Kongreß der kommunistischen Gottlosen Deutschlands in Leipzig, zu Beginn des Monats Mai ward ein „Arbeitsplan" für 1931 aufgestellt, demgemäß eine Verdoppelung der Mitgliederzahl, die Erzielung von 300 000 Kirchenaustritten, die Bildung von Kampfgemeinschaften in allen Schulen, die Schaffung von Kindergruppen und dergleichen erstrebt wird. In den Arbeiterhäusern sollen plan-
„□Horning Post". Aber Wilkins hatte nicht die Absicht, beim Journalismus zu bleiben. Was er eigentlich werben wollte? Ein besttmmter Plan war nicht vorhanden. So etwas überläßt man dem Zufall.
lind der Zufall machte den jungen Australier mit dem Polarforscher Stef ansson bekannt, der im Safjre 1910 einen verschollenen Eskimostamm aufgefunden hatte und nun eine neue Expedition vorbereitete. Stefansson brauchte einen Filmphotvgraphen, und Wilkins hielt sich für geeignet. Von 1913 bis 1916 durchzog Wilkins als Degleiter Stefanssons mit dem Hundeschlitten unbekanntes Gebiet. Er ließ sich von dem Polarforscher in die Naturwissenschaften einführen, erwarb vor allem meteorologische Kenntnisse, lernte aber auch ein Schiff zu steuern und brachte eins der kleineren Schiffe der Expeditton, den „North- Star", Dom Winterhafen zum Sommerquartter, wobei er sich zugleich als Kapitän, Steuermann und Maschinist betätigte. Der Musikstudent, der inzwischen Kriegsberichterstatter gewesen war und nun Eskimos filmte, bildete sich nebenbei auch zum tüchtigen Säger aus, der einen Wolf zu schießen, abzuziehen und kunstgerecht zu zerlegen verstand, die letzte Fleischfaser von den Knochen schabte und säuberlich den Speck aus einem Bärenfell herausholte. Dabei war er ein unermüdlicher Arbeiter, der vom frühen Morgen bis in die Nacht am Werke sein konnte.
Wilttns empsing bei Stefansson die beste Schulung, die ein Polarforscher genießen konnte. Ihm wurde gezeigt, wie man naturwissenschaftliche Beobachtungen mit größter Genauigkeit aufzeichnet, er erfuhr, worauf bei der Scustrnlung von Tierarten und Pflanzenarten zu achten ist, er machte sich mit der photographischen Technik in Polargegenden bekannt, und Stefansson belehrte ihn auch darüber, welche Nolle das Luftschiff und das Flugzeug bei der Erforschung der Eisregionen eines Tages zu spielen berufen sein würden. Nun kam Wilttns nach Europa zurück und hoffte, Gelegenheit zur Teilnahme an einer anderen Expeditton zu finden. Doch in Europa war Krieg. Ein Abenteurer vom Schlage dieses Australiers konnte sich in Kriegszeiten nicht mit der Vorbereitung einer friedlichen Expeditton abgeben, Wilttns wurde Kampfflieger. Mit seinem Flugzeug wagte er die verwegensten Angriffe und photographierte aus den Lüften die Stellungen des Gegners. Bei Sturmangriffen ging er mit der Truppe vor und
mäßig Aussprachen über den Kirchenaustritt ver- anftaltet werden: wo ein Kirchenneubau errichtet wird, soll das in der Presse, wenn nötig, in bcson- ders zu schassenden Orts- oder Häuserblock.Zeitun- gen, gegen die Kirche ausgenutzt werden (gewiß unter Hinweis auf den angeblichen „Reichtum" der Kirche in dieser Zeit größter Nöte): wo ein Geistlicher sich etwas zuschulden kommen läßt, da soll natürlich dieser „Pfaffenskandal" recht ausgenutzt und ausgeschlachtet werden. Und schließlich soll eine planmäßige und organisierte Beobachtung der verschiedenen kirchlichen Organisationen einsetzcn. Diese Pläne sind deutlich genug: daß man sich nicht auf Theorien beschränkt, beweist z. B. die Tatsache, daß es bereits Fälle gegeben hat, in denen Arbeitslose vom Arbeitsamt weg per Lastauto gegen billiges Geld zum Amtsgericht befördert wurden, damit dort der Kirchenaustritt erklärt wurde. Bereits wird diese Methode auch zum Zusammenholen von Arbeitern auf den Dörfern „empfohlen".
Lassen wir uns durch ein äußerlich ruhig scheinendes Bild nicht täuschen über das, was werden kann und ernstlich vorbereitet wird. W i r sind es, auf die es ankommt! Möchten wir nicht zu spät erwachen, sondern wirken, solange es Tag ist! Es hat jetzt wenig Wert, die Tatsache zu beklagen, daß es Regierende wie Massen gibt, die heute am Christentum vorbeigehen: das Rechte wird wohl dies sein: daß wir an unsere Brust schlagen, uns fragen, wieso es soweit hat kommen können, auch unsere Schuld erkennen, vielleicht versuchen, gutzumachen, jedenfalls aber den besten Willen daransetzen, der hohen Sendung der Kirche gerecht zu werden. Und das könnte heute etwa heißen: das Evangelium so unpolitisch wie möglich zu verkündigen und — zu leben!
hielt in der Hand statt die Waffe die Kamera. Kaltblütig bis zum Aeuhersten, kurbelte er auch in der größten Gefahr und entwickelte noch am selben Abend die Ausnahmen. Ein großes Bilderwerk, das die australische Negierung nach dem Krieg herausgegeben hat, zeigt die ßeifhmgm dieses Draufgängers.
Als der Krieg beendet war. hielt es Wilttns nicht länger bei der Truppe. Die Aussicht, irgendwo als Fliegeroffizier ein gewiß auch abenteuerliches Leben zu führen, schien ihm nicht verlockend. 1920 ging er mit der Brittschen Antarktischen Expedition in die Südpolargegend, und im folgenden Jahr begleitete er den großen Südpolforsck^r Sir Ernest Shackleton, der am 13. August 1921 von Southampton eine neue Südpolexpeditton antrat. Nur acht Personen nahmen an dem Unternehmen teil. Die Fahrt ging zuerst nach Trinidad, hatte aber von vornherein unter vielen Zwischenfällen zu leiden. Am 5. Januar 1922 starb Schack- leton an Bord seines Schiffes an den Folgen einer Angina. Wilttns brachte die Leiche seines Freundes nach Montevideo, wo sie von t*en Behörden übernommen und nach England übergeführt wurde. Der Australier hatte nur noch wenig Geld, und neue Fvrschungsexpedittonen werden nicht in jeder Woche unternommen. Aber er hatte Glück. Er erhielt eine Anstellung bei einer Expedition, die in Bolivien und Peru Ausgrabungen machte, und so reifte er denn schnurstracks in die tropischen Urwälder. Das Britische Museum in London wurde auf den kühnen Mann aufmerksam und schickte ihn in das tropische Australien, um dort interessantes Material bei Kannibalen und Fetisch- anbetern zu sammeln. Nun streifte er durch den australischen Dusch, durchwanderte Neu-Guinea, fürchtete sich vor nichts und kam mit den Papuas ebenso gut aus wie früher mit den Eskimos. Don 1923 bis 1925 war er auf diese Weise in Australien und der Südsee beschäftigt.
Aber die Eisregionen der Erde lockten Wilkins mehr als die Tropen. Ende 1925 begann er, Versuche mit Flugzeugen zu machen, um Polarflüge vorzubereiten. Er stürzte mehrmals ab, brach sich dabei auch einmal einen Arm. Anfang Mai 1926 stieg er dann mit einem winzigen Augzeug zu Fairbcmks in Alaska auf, um nach der Darrow- spitze zu gelangen. Seine Expeditton war zuerst von außerordentlichem Mißgeschick verfolgt. Ein Journalist, der sie als Sonderberichterstatter begleitete, wurde durch eigene Unvorsichtigkeit von einem Propeller erfaßt und getötet Einige Tage
Neuyorker Senator Wa gner bereits Gesetzvor- fd)läge über Altersversorgung, Arbeitsnachweis, Arbeltslofenhilfe, Krankenversicherung usw. eingeleitet. Was geschah? Man ließ die Dinge einfach ruhen, rosten in Washington. Jetzt hat die Depressionsnot Dampf aufgemacht. Senat und Rcpräsen« tantcnhaus begannen mit sozialer Politik und faßten Beschlüsse. Was geschah dann? Der Präsident legte sein Beto gegen diese Beschlüsse ein, und alles war vergebliche Mühe gewesen. Selbst Republikaner geben als inneren Grund dieser Maßnahme an, cs dürfe kein Demokrat sein, der vor dem Lande die Ehre habe, solche wichtige Gesetzgebung eingeleitet zu haben.
Vor zwei Monaten, als man die Arbcitslosenwhl offiziös mit 4 Millionen angab, es aber sicher fünf Millionen waren, beantragte der Demokrat R o - b i n f o n im Senat, die Bundesregierung möge 25 Millionen Dollar zur Unterstützung bereit stellen. Ein Schrei der Entrüstung ging darob Furch das ganze Land. In der Presse erschien die große Schlagzeile: Nur kein Dole! — Ja, was ist das? „Dole" ist Drückebergerei auf Staatskosten. Man wies auf die Auswüchse in Europa hin, und die Regierung erklärte, es sei unamerikanlsch, Staatsgclder zur Wohltätigkeit zu verwenden: dies sei Sache der Privaten. Man schickte das Rote Kreuz vor, cs sollte 10 Millionen sammeln. Ob sie zusammengekommen sind, weiß man nicht. Aus Angst vor dem „Dole" wurden die 25 Millionen abgelehnt, bei 5 Millionen Arbeitslosen, und Friedhofsstille folgte. Heute sieht sich die Stadt Reuyork allein schon genötigt, solche Summen zur Unterstützung bereit zu halten. Unglaublich fast! Wofür im verarmten und geknebelten Deutschland Milliarden geopfert werden, dafür hat man im reichen Amerika noch keine 25 Millionen übrig. Und die Masse, die buntgemischte, nimmt alles ruhig hin, sie lebt in dem Gedanken: denen draußen geht's noch schlechter! - Die, welche diese Gegensätze am klarsten erfassen, sind jene Nachkriegseingewanderten, die fast einzigen politisch Intellektuellen in der bunten Masse, die man daher am liebsten über den Ozean zurück- schickte.
Jetzt hat die Depression das steuerliche Ereignis gebracht, daß bereits 7 00 Millionen Defizit in der Bundeskasse find. Die mittleren und unteren Steuerschichten sind die großen Leidtragen, den. Demgegenüber steht eine Tatsache, die alles besagt: 1921 zählte die Union 32 Steuerzahler mit einem Einkommen von 1 Million Dollar, 1929 waren es 492 und jetzt sind es 541, aber die Lohn- gelber sind in 1930 gegen 1929 um 9 Milliarden Dollar gesunken.
Der jetzt abgetretene 71. Kongreß hat 10 Milliarden Dollar verausgabt und ist damit unsterblich geworden. Auch darin sieht man ein Zeichen werdender Unsicherheit. Man hat z. B. den Farmern den überproduzierten Weizen für 175 Millionen abgekauft und kann ihn jetzt nicht loswerden. Senator B o - r a h schlug bereits vor, den Weizen den hungernden Chinesen zu schenken. Jetzt marschiert der agrarische Süden auf, die Demokratenhochburg, die 1928 zu Hoover überlief, und erklärt, im nächsten Jahr geschlossen für Coolidge gegen Hoover eintreten zu wollen.
Vor zwei Wochen fanden sich die Unabhängigen der beiden alten Parteien in Washington zusammen, um ein fortschritliches Programm für die nächstjährigen Wahlen zu besprechen. Ihr Führer ist der greise Republikaner N o r r i s von Nebraska, der 1928 aber offen für den Demokraten Smith eintrat. Man hat ihn aufgefordert, auszutreten: er mag nicht. Man hat ihn aufgefordert, neu zu gründen, er mag auch das nicht aus so und soviel Gründen. Also alles in allem, ein heilloser Wirrwarr.
Senator W h e e l e r aber, einer der wirklich Aufrechten im Lande, fordert entschlossen die dritte Partei. Er präsentiert folgendes Programm: Arbeitslosenspeisung durch Städte, Staaten und Bundesregierung: Aenderung der Verfassung, daß der Kongreß in der Lage ist, die Arbeitszeit zu beschränken: Einführung der Arbeitslosigkeit-, Kranken- und Altersversicherung: Hebung des Ausfuhrhandels durch Zollsenkungen: kommunalen Betrieb von Wasser- und Elektrizitätswerken: Verhinderung
später wurden zwei Flugzeuge schwer beschädigt. Die Schlittenabteilung litt bei 30 Grad unter Null furchtbar. Dessen ungeachtet stieg Kapitän Wilttns zusammen mit dem Leutnant Cielson auf, war eine Woche verschollen, führte aber seinen Flug programmäßig durch. Im Mai 1926 wurde der Nordpol zum erstenmal überflogen — aber von Dhrd. Das ließ Wilttns nicht ruhen. Jahrelang bereitete er sich mit Eielson auf weitere Flüge vor, und am 21. April 1928 überflogen beide den Nordpol. In 21 Stunden gelangten sie von Alaska nach Spitzbergen. Die Schwierigkeiten, die: dabei zu überwinden waren, und von Wilttns ausführlich geschildert worden sind, waren ungeheuer. Zum Schluß wurde auch das Denzin knapp. Ein Orkan, Schneegestöber, keine Gelegenheit zum Landen — jedes erdenkliche Mißgeschick stellte sich in den Weg und wurde überwunden. Und noch im selben Jahr machte Wilkins eine gelungene antarktische Expedition im Flugzeug. Cs war der erfolgreichste Vorstoß in die Antarktis seit Amundsen. Am 19. Dezember 1928 entdeckte Wilkins in neunstündigem Flug Geheimnis um Geheimnis. Er stellte fest, daß Grahamsland aus drei Inseln besteht. Cs ist unmöglich, hier all« wissenschaftlichen Ergebnisse dieser gelungenen Expedition zu nennen. Jedenfalls bewies Wilttns, daß er den schwierigsten Aufgaben gewachten ist. Aber der Ehrgeiz und die Unternehmungslust dieses Mannes. der Spvrtgeist gehaart mit wissenschaftlichem Forscherdrang, und d'e Lust am Experiment sind mit den gelungenen Expeditionen noch nicht befriedigt worden. Etwas ganz besonderes soll vollbracht werden, und darum verfiel Wilkins, der übrigens auch Lufschiffreisen im Zeppelin mitgemacht hat, auf den oft erörterten und niemals für ausführbar gehaltenen Plan, das Unterseeboot in den Dienst der Polarforschung zu stellen.
Hochschulnachnchien.
Zu ordentlichen Professoren an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin wurden ernannt: der Honorardozent Direktor des Instituts für Zucker. Industrie in Berlin Dr. Oskar Spengler und der Honorarprofessor Direktor des Instituts für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation in Berlin Dr. Friedrich Hayduck : Dr. Spengler übernimmt den Lehrstuhl für Zuckerindustrie, während Dr.Hayduck der Lehrstuhl für Gärungsgewerbe Übertragern
Rann Deutschland Hilfe von Amerika erivarlen?
Von Wilhelm Winter-Neuyork.
In diesem Artikel zeigt ein unbefangen urteilender Deutsch-Amerikaner das Amerika von heute. Er zeigt es als das, was es ist, als Warnung vor dem, was man in Deutschland gern erwarten möchte. Ueberall nur amerikanische Interessen. Darum nur keine falsche Hoffnungen auf Hilfe von drüben, sondern beherztes Anpacken unserer Probleme durch uns selbst! D. Red. Die Deutschen setzen in der Kriegsschuldfrage den Reparationen usw. ihre Hoffnungen zuerst auf Amerika. Von Europa aus oder von Deutschland aus gesehen, zweifellos verständlich. Am deutlichsten hat dies jünaft noch Dr. Schacht — eine Autorität auch in Amerika — bargeftellt. Und es soll vorab gesagt sein, es gibt viele Rechtdenkende in Amerika, die solchem Wunsche sympathisch gegenüberstehen. Dabei bleibt es aber auch. Diese Leute können nicht, wie sie vielleicht möchten.
Bis zur Präsidentenwahl im Herbst 1932 hat das Land übergenug mit sich selbst zu tun. Es wird da- her allen internationalen Komplikationen bis dahin möglichst auszuweichen suchen.
Der politische Jammer in Deutschland ist der, daß der Parteien zu viele sind. Der Jammer in Amerika ist genau gegenteilig. Die beiden alten Parteien, die Republikaner und die Demokraten, erscheinen abgearbeitet und zeigen deutliche Zeichen des Verfalls: aber es will nicht gelingen, die immer wieder geforderte liberale Reformpartei ins Leben zu rufen. Die runden Zahlen der Präsidentenwahl von 1928 waren: Republikaner 21 Millionen, Demokraten 15 Millionen, Sozialisten 3 Millionen. Bei der Wahl 1924 erzielte die neue progressive Partei unter La Follette 5 Millionen Stimmen, ein beachtens- wertes Ergebnis. Aber La Folletta ist tot und damit auch diese Neugründung. Bemerkenswert ist noch die Stimmenzahl der letzten Gouoerneurswahl im Staate Neuyork: Republikaner 1,5 Millionen, Demokraten 1,6 Millionen, Sozialisten 35 000, diese also nur 1 v. H. Es besteht zwar eine Gruppe politisch Intellektueller, die die neue Reformpartei im Sinne La Follettes anstrebt, aber sie kommt zu keinem praktischen Erfolg. Nach deutschen oder fron-
zösischen Begriffen müßten aus den beiden alten Parteien längst 5 bis 6 Parteien geworden sein, so weittragende politische, prinzipielle Gegensätze roei- sen sie in ihren Reihen auf. Daß dies noch nicht geschehen ist, ist das wunderbare Geheimnis der amerikanischen Politik. Zündstoff ist genug vorhan- den, aber jedermann fürchtet die Explosion.
Diesen Verhältnissen liegt eine völkerpsychologische Tatsache zugrunde. Der politische Geist ist in einem Einwandererland von Grund aus anders geartet, als im Auswandererland, im Stammland. Wer die Heimatscholle verläßt, betritt das neue Land feiner Wahl mit dem Vorsätze, all und jedes daranzusetzen, persönlich vorwärts zu kommen. So vieles, was dem Emigranten daheim nicht paßte, nimmt er draußen willig in den Kauf, weil er muß. So macht es der Italiener, der Pole, der Ungar, der Engländer, der Schwede usw. Warum soll es der Deutsche nicht tun? (Von den Schwarzen, Gelben und Braunen ganz abgesehen.) Das bunte Völkergemisch in Amerika hat dem Lande mancherlei merkwürdige Vorteile gebracht. Das ganze beherrscht ein ungeschriebenes Gesetz, ein untrügliches Empfinden: W i r müffen uns oertragen! Zwei Drittel der Zu- gewanderten kam und kommt aus Ländern, die geringere Daseinsmöglichkeiten bieten; warum sollten sie nicht zufrieden sein? Die Heimatlande des dritten Teils sind heute durch den Krieg und seine Folgen — bis auf wenige Ausnahmen — so sehr mitgenommen worden, daß es meist die nackte Verzweiflung war, die die Leute ins fremde Land trieb. Alles dies bestärkt die amerikanische Masse in dem Ge- fühl „geborgen" zu sein. Und wenn heute die Wirt- schaftsdepression noch so drückt, das Bewußtsein herrscht immer vor: denen da draußen geht's noch viel schlechter!
Es ist genau ein Jahr her, da wurde in Washington die Arbeitslosenzahl mit rund 1 Million offiziös angegeben, im Senat aber wurde bereits von 3 bis 4 Millionen gesprochen. Präsident Hoover fand damals den Mut, zu prophezeien, in zwei Monaten würde die Krise überwunden sein. Jetzt muß man die Zahl offiziös bereits mit 6 Millionen zugeben. Vor zwei Jahren hat der in Wiesbaden geborene


