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Nr. 259 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhellen) Donnerstag, 5. November 1931
Randnoten.
Herr Treviranus scheint das Erbe Gue- rards mit dem festen Vorsatz übernommen zu haben, aus dem Reichsverkehrsministerium wieder ein Ressort zu machen, das seinen Ramen mit Recht trägt und durch kräftige Mitarbeit dafür sorgt, daß wir auf dem Gebiete des Verkehrs wieder ein gut Stück vorwärtskommen. Das darf man jedenfalls einigen Aeuherungen des früheren Ostkommissars entnehmen, die zwar kein Programm darstellen, aber doch erkennen lassen, das; sich Treviranus noch nicht im Räderwerk der Verwaltungsmaschine verfangen hat, sondern noch über den Dingen steht und neue Aufgaben aufzuzeigen vermag. Steigerung des in- und ausländischen Reiseverkehrs ist seine Parole, die er beim Einzug in sein neues Amt ausgegeben hat. Wobei aber gleich hinzuzufügen ist, das; ihm der Gedanke vollkommen fern liegt, im deutschen Volke eine kostspielige Reiselust zu erwecken. Er will etwas anderes. Was wir nicht nur heute, sondern auch für alle Zukunft brauchen, sind Auslandgelder, die nicht nach Deutschland hineinzupumpen sind, sondern auf natürlichem Wege yereinfliehen müssen.
Einer dieser Kanäle ist der Fremdenverkehr, den zu heben sich die Reichsbahn und die Städte schon heftig bemühen. Welchen Ruhen hat es aber, Fremde in einen „K u r o r t" zu locken, der enttäuschen und die Fremden wieder vertreiben muh, weil er sich nur damit begnügte, sich diese Vezcichnung zuzulegen. Hier soll auf gesetzlichem Wege eine reinliche Scheidung eintreten, damit jeder Reisende von vornherein die Garantie erhält, dah der von ihm aufgesuchte Kurort auch wirklich alle Voraussetzungen, die man von einer derartigen Erholungsstätte verlangen darf, aufweist. Damit wird nicht nur der zahlungskräftige Ausländer vor Enttäuschungen bewahrt, sondern ebenso der deutsche Reisende, dem sogenannte Kurorte schon oft einen Strich durch seine Erholung gemacht haben. Dankenswert ist es, dah sich Treviranus auch um einen Abbau der Reiseunkosten bemühen will, die es namentlich kinderreichen Familien unmöglich machen, während der Ferienzeit chren Wohnsitz zu verlassen.
Dann denkt der neue Verkehrsminister aber auch an ein G l ü ck s s p i e l g e s e h. Es ist bekannt, dah sich verschiedene westdeutsche Kurorte seit langem um das Recht der Eröffnung von Spielbanken bemühen. Sie wollen damit den Wünschen ihrer ausländischen Gäste entgegenkommen und gleichzeitig verhindern, dah die Ausländer ihr Geld in französischen oder belgischen Badeorten lassen, statt es in Deutschland auszugeben. Glücksspiele sind durch Reichsgeseh verboten, es muh also der Reichstag zu Rate gezogen werden. Natürlich gibt es gewichtige Bedenken gegen die Zulassung von Glücksspielen. Sie lassen sich aber überwinden, wenn nur wenige Spielbanken eingerichtet und sie auherdem scharf kontrolliert werden. Es schadet wirklich nichts, dah auch wir etwas von dem Goldstrom abbekommen, der in Monte Carlo zusammenflieht. Auherdem wird noch jenen deutschen Spielern, die sonst ihr Geld im Ausland zu verlieren pflegen, Gelegenheit gegeben, es in Deutschland zu lassen.
Mitten in die innerpolitische Umgruppierung und die Borbereitungen der neuen Tagung des Unterhauses ist in England die Verössenliichung eines Berichtes gefallen, den der gemeinsame Ausschuh beider Häuser des Parlaments über die Frage des afrikanischen Kolonialbesitzes erstattet hat. Er findet im Augenblick in England wenig Aufmerksamkeit, aber er verdient es doch, dah er nicht einfach im Papierkorb verschwindet, weil er politische Feststellungen von großer Bedeutung trifft, an denen auch Deutschland stark beteiligt ist. Wir haben in Versailles unsere Kolonien verloren, angeblich weil wir uns der kolonisatorischen Tätigkeit als unwürdig erwiesen hätten, und dieser
Francis de Croiffei: „Liebe und Film".
Uraufführung am Gietzcner Ltadtthcater.
Der französisch-belgische Schriftsteller Francis de C r o i s s e t, eigentlich Franz von Wiener, ist 1877 in Brussel geboren; von seinen Lustspielen, teils in Prosa, teils in Versen, sind zu nennen: „Cherubin" (1901); „Le paon" (1904); „Le bonheur, mesdames" (1905); „Paris-New York" (1907); „Le retour" außerdem wurde sein gemeinsam mit ic geschriebenes Kriminalstück „Arsöne Lupin" (1908) ziemlich bekannt. Das vieraktige Lustspiel „Pierre ou Jack", das in der Uebersetzung von Otto Eisenschitz unter dem Titel „Liebe und Film" hier uraufgeführt wurde, ist, wie man hört, in Paris ein großer Erfolg und hat bereits die 250. Aufführung hinter sich.
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Die vier Akte bilden eine merkwürdige, bei uns verhältnismäßig seltene Mischung von Idyll und Reportage, von Komödie und Posse, von Romantik und Realistik, von Ironie, Satire und echtem Gefühl; es ist manchmal so, daß der Zuschauer zwischen Lachen und Schluchzen schwanken möchte und kaum Zeit findet, sich für das eine oder das andere zu entscheiden. Aber es war wohl gar nicht auf eine solche Entscheidung abgesehen; vielleicht gerade auf die Vielfältigkeit und Gegensätzlichkeit der Eindrücke und Empfindungen, — während am Ende als unangreifbare Gewißheit d s Bewußtsein bleibt, ein handfestes Theaterstück erlebt zu haben.
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Es beginnt mit einem Stimmungsbild, dessen behaglich ausgepinselte Zuständlichkeit aus dem Marseiller Hafenidyll im „Marius" unter die Dächer von Paris versetzt scheint. (Man fühlt sich mehrfach an ben bekannten Film von Rens Clair erinnert.) Pierre Verdier hat auf dem Rummelplatz zwei junge Mädchen kennengelernt und auf seine Dachbude eingeladen. Pierre ist ein junger Mann ohne Beschäs- ligung, aber technisch begabt, mit großen Plänen und einer richtigen Erfindung in der Schublade. Es trifft sich gut: Marguerite und Jeanne arbeiten in einer Autofabrik; sie werden den Jungen dort anbringen. Pierre hat sich gleich in Marguerite verliebt. Sie mag ihn auch, aber — aber da ist schon einer mit älteren Rechten: Jack. Jack ist beim Film, und Marguerite möchte aus ihrer Fabrik heraus auch zum Film. Jack jedoch hat sie schlecht behandelt,
wertvolle Raub ist bann unter die Siegerstaaten verteilt worden, wobei England nicht nur Südwestafrika, sondern auch das ehemalige Deutsch- Ostafrika in Form einer Mandatsoerwaltung schluckte. Franzosen und Engländer haben sich inzwischen davon überzeugt, daß die Methoden, nach denen Deutschland seine Kolonialpolitik betrieb, vorbildlich waren. Wenn die Eingeborenen heute noch mit großer Treue an uns hängen, ist das ein Beweis für die Zweckmäßigkeit unserer Einrichtungen, aber auch dafür, daß sie menschlich gut behandelt worden sind, besser als heute. Und der wirtschaftliche Standard, den unsere Kolonien hatten, ist von unseren Nachfolgern bis heute noch nicht erreicht.
Daß damals die Absicht bestand, uns den Kolonialbesitz für immer zu nehmen, darüber ist kein Zweifel möglich, nur dem Einfluß der Vereinigten Staaten ist es zu verdanken, wenn wir die Kolonien offiziell dem Völkerbund abtreten mußten und der Völkerbund von sich aus eine Mandatsverwaltung einsetzte, die nach dem Wunsche der ehemaligen Ententestaaten stillschweigend in eine Annexion übergehen sollte. Ganz so leicht ist bas jetzt, wo Deutschlanb seine Ansprüche auf bie Rückgabe ber Kolonien mit stei- genber Berechtigung anmelbet, nicht mehr zu machen. So große Verletzungen bes geschriebenen Rechts verträgt ber Völkerbund kaum. Es ist ja auch unverkennbar, daß England und Frankreich schon nachdenklich geworden sind, ob sie nicht klüger täten, uns einen Teil des Besitzes zurückzugeben.
Trotzdem hat das amtliche England lange mit dem Gedanken einer Annexion Ostafrikas ge
spielt, hat sich sogar ein Gutachten erstatten lassen, worin die Annexion vorbereitet werden sollte. Hm so bedeutsamer ist es, wenn der Parlamentsausschuß jetzt von diesen Plänen a b r ü ck t. offiziell aus finanziellen Gründen, tatsächlich aber doch, weil er die politischen und moralischen Folgen eines solchen Gewaltstreichs fürchtet. Aber auch er sucht vorläufig nur nach Formen, um die Verwaltung zu verewigen, so daß nur ein juristischer Hn ter schied gegenüber der vollkommenen Annexion sich ergeben würde. Ein Blick auf die Karte zeigt, weshalb England auf Ostasrika so großen Wert legt. Je unsicherer die Position in Indien und in Aegypten wurde, desto notwendiger war es für England, sich rechtzeitig nach einem Ersatz umzusehen. Den glaubt es in dem ungeheuren Gebiet des Sudan gefunden zu haben, und seit einem Jahrzehnt wird in aller Stille daran gearbeitet, den Sudan nicht von Rorden, also von Aegypten her, sondern von Süden, von Dritisch-Ostasrika aus zu erschließen. England sähe dann am Oberlauf des Ril und hätte damit die Möglichkeit, jederzeit Aegypten abzudrosseln, wenn es irgendwo politische Schwierigkeiten machen sollte. Bei diesen Plänen bedeutet unter Hmständen Deutsch- Ostafrika eine gefährliche Flankenbedrohung Wenn trotzdem das Parlament jetzt die Annexion ablehnt, dann ist das ein erfreulicher Fortschritt in der politischen Erkenntnis, daß es auf die Dauer doch nicht geht, Deutschland einfach aus der Reihe der Kolonialvölker auszu- schliehen.
Wahlen ohne Parteien.
Südslawien unter verkappter Militärdiktatur.
Von unserem L. 8.-Derichterstatter.
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Belgrad, Ende Oktober 1931.
Es sind seltsame Dinge, die man a u f einer Reise durch Jugoslawien hört, so seltsam, daß man geneigt wäre, sie ins Reich der Fabel zu verweisen, würden sie nicht mit ausnahmsloser Hebercinstimmung bestätigt. Da hatte vor wenigen Wochen die europäische Presse geschrieben, dah das Belgrader Regime liquidiert und durch eine Verfassung erseht worden sei, die alle bürgerlichen Freiheiten wieder ausleben lasse. Auch sei ein Gesetz erschienen, das . ieunbeein- fluh te Durchführung von Reuwahlen gewährleiste. Doch wenn man an Ort und Stelle danach fragt, begegnet man nur eisigen und finsteren Mienen oder erlebt Ausbrüche von henz- mungsloser Leidenschaft, bei denen sich Anklagen gegen das Regime überstürzen. Der Rü Itritt des Kabinetts und die Verfassung werden als ungeheurer Bluff bezeichnet. Lug und Trug sei das Gerede von Freiheit, denn es habe sich i n Wirklichkeitnichts geändert. JmGegen- teil, es sei nur schlimmer geworden. Die Polizei sei grausamer, die Zensur schärfer und die Knebelung des Bürgers ärger als je zuvor. Hnd trotz Verfassung und anderen schönen Dingen gäbe es auch jetzt keine Möglichkeit zur Abwehr oder auch nur zum leisesten Protest ...
Im ganzen Staat hört man dasselbe Lied. Heberall wird betont, dah das Regime formell zwar abgedankt habe, dah aber alle Maßnahmen getroffen seien, die ausschließliche Macht jenen Männern zu belassen, die auch vor dem Rücktritt des Kabinetts die Gewalt in Händen hatten. Mit allen Mitteln bleibe der Wicke des Volkes auch weiterhin von der Führung der Staatsgeschäfte ausgeschlossen.
Diese Darstellung stammt nicht nur von kroatischer Seite, von der sie nicht besonders über- raschen würde, sondern wird von den Serben vorbehaltlos geteilt. Was schon lange gerüchtweise bekannt war, ist jetzt Gewißheit geworden. Serbien
ist mit fliegenden Fahnen in das Lager der Oppo- sition übergegangen. Dieser allgemeinen Stimmung entsprach es nur, dah sämtliche ehemaligen Parteien ein Hebereinkommen trafen, demzufolge sie sich an den Wahlen am 8.Rovember nicht beteiligen werden.Wenn das Hebereinkommen auch einen durchaus negativen Beschluß darstellt, so ist es doch klar, dah nur der stärkste Druck imstande war, eine so einmütige Haltung zu bewirken. Man muh sich nur vorstellen, was es heißt, Serben und Kroaten in irgendeiner Frage unter einen Hut zu bringen. War doch der Parteienhaß nirgends so stark wie in Südslawien, wie es auch nirgends so beispiellose Szenen gab, wie in der ehemaligen Skup- schtina.
Sicherlich hat die Regierung viel zur Einigung der Parteien beigetragen. Das Kabinett hatte ja von Anfang an beabsichtigt, allein in den „Wahlkampf" zu gehen. Es war überzeugt, daß es sich eine vernichtende Riederlage holen müsse, auch wenn nur eine einzige Oppositionsliste auf. tauche. Das Wahlgesetz war infolgedessen auf ein konkurrenzloses Auftreten zugeschnitten. Seine Vorschriften waren derart, dah sie nur von jenen Parteien erfüllt werden könnten, die vom gesamten staatlichen Apparat unterstützt würden. Abgesehen von der Bestimmung, dah die Wahlen unter Ausnahmegesetzen durchzu uhren seien und abgesehen von dem Hmstand, dah alle ehemaligen Parteien verboten wurden, hatte man auch das Auftreten einer oppositionellen Gesamt» Partei unmöglich gemacht, denn niemand hätte dafür die 80 030 unanfechtbaren Hnterschristen beschaffen können, die gleichmähig in allen Teilen des Staates aufzubringen gewesen wären. Denn es gibt weite Gebiete, wie z. B. Mazedonien, wo jeder, der solche Hnterschristen sammeln wollte, sich fein Todesurteil spräche, und jeder der die Hnterschrift gäbe, sich sein Grab schaufeln würde. Die Hnterschristen wären dann angefochten worden, ohne daß die Toten ihre Gültigkeit hätten
läßt seit langem nichts von sich hören. Und als Scanne sich taktvoll zurückzieht, sinkt Marguerite dem stürmisch verliebten Pierre in die Arme.
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Alles scheint gut zu gehen: Pierre kommt in der Autofabrik an, seine Erfindung taugt etwas, in drei Wochen will er Marguerite heiraten — da trifft ihn doppeltes Unglück: sein Patent ist bereits ange- mclöet. Und Jack, aus Hollywood unerwartet zurück, hat sich gerade einen Zwölfzylinder gekauft, sieht Marguerite, — und Marguerite, die eben noch Pierre ihrer Treue versicherte, kann Jacks brutaler Männlichkeit nicht widerstehen; der Film ist stärker als die Liebe: sie folgt Jack, und die große Karriere beginnt.
Aber Jeanne ist auch noch da; sie hilft dem ganz verzweifelten Pierre über die schlimmste Zeit hinweg. (Hnd es stellt sich heraus, daß sie ihn wirklich liebt.) Pierre wird Ansager beim Radio Paris; eine verhaßte Tätigkeit. Jeanne hilft ihm, wo sie kann. Ihn ekelt der Reklamebetrieb, der ihm vollends unerträglich wird, als er das berühmte Filmpaar Iack und Marguerite dem Publikum vorzustellen hat; er muß die süßlich verlogene Liebesszene der beiden in der gleichzeitigen Tonfilmaufnahme mitansehen und benutzt die Gelegenheit, zwischen Wettermeldungen und Geschäftsanpreisungen der ehemals Geliebten gründlich die Meinung zu sagen. Pierre, dem die Rerven durchgehen, mißbraucht das Mikrophon und ein die junge Generation aufrufendes Manifest der eben neugewählten Regierung, um feine Erfindergabe in den Aether hinauszuschreien, auf daß vielleicht irgendwo ein Millionenmäzen ihn höre.
Ach, es mißlingt. Hnd auch mit Jeanne kommt es zum Bruch, weil sie glaubt, dah Pierre trotz allem die einst geliebte Marguerite nicht vergessen könne. Hnd zuallerletzt — merkwürdiger Kreislauf — ist auch der arme Pierre, mit Hilfe eines mitleidigen Freundes, beim Tonfilm untergekommen: etwas verwahrlost schon und halbverhungert. Man stellt ihn als Hilfsarbeiter ein, und das erste, was er unter den Jupiterlampen erlebt, ist eine Liebesszene zwischen Jack und Marguerite. Die Ausnahme klappt nicht, wird wiederholt und ist endgültig „geschmissen", als Marguerite unter den Hmstehenden plötzlich Pierre erblickt, die Fassung verliert und seinen Ramen herausschmettert — statt dessen, der in ihre Rolle gehört. Hnd als die beiden in einer Pause
allein bleiben, hat Pierre endlich den Triumph einer armseligen Vergeltung: er lacht ihr hemmungslos ins Gesicht.
Darüber fällt der Vorhang, und es bleibt die Frage, ob Jeanne, die eine Trennung von Pierre nicht ertrug, die ihn immer noch liebt, an ihn glaubt und ihn überall sucht — ihn finden werde in der grellbeleuchteten Welt des Scheins und ihm helfen werde, ein neues Leben aufzubauen ... unter den Dächern von Paris. —
Die Hraufführung, vom Intendanten Dr. P r a s ch inszeniert, war eine großzügig angelegte, schon in der äußeren Aufmachung sehenswerte Regiearbeit, die den wechselnden und umspringenden Stimmungen und Tonlagen des Stückes feinfühlig nachging: erst ausmalend, leicht und spielerisch, um in schneller Steigerung das verklingende Dachstuben-Jdyll in zugespitzten Dialog und dramatische Konzentration übergehen zu lassen. Die Fabrikszene oes zweiten Aktes klang hart und sachlich und endete (im Sinne des Stückes) schon jenseits der Lustspiel-Grenze. Mit sichtlichem Vergnügen an der Entfaltung großer Szenen waren die beiden, stellenweise fast an die Groteske streifenden Schlußakte beim Radio Paris und im Tonfilmatelier ausgespielt; hier sah man, was rein theatralisch aus dem in vielen Zwischentönen schillernden Stück an unmittelbarer Rampenwirkung herauszuholen ist.
Die geschickt und großzügig aufgebauten Dekorationen von Löffler unterstützten die Regie aufs beste; sie trafen die Atmosphäre ber möblierten Bude im fünften Stock so sicher wie bie kühle Sachlichkeit bes Fabrikhofes unb bie technischen Raffinessen im Senberaum unb im verschwenderisch ausgestatteten Aufnahmeatelier. Auch bie schwierige Beleuchtung (L. K e i m) klappte einwanbfrei.
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In dem geschmeidig zusammenspielenben Ensemble hatte Raimunb Schelcher bie große unb anspruchsvolle Rolle bes Pierre, mit ber er wohl bie überzeugenbste Begabungsprobe in feiner bisherigen Wirksamkeit ablegen konnte; biefer Pierre ist nicht in einem Atem zu spielen, zwar anfteigenb, aber nicht grablinig, sonbern mit mancherlei Untertönen unb Schwankungen. Schelcher entwickelte ihn sehr glaubhaft aus bem weichen, schüchternen, degeiste- rungsfäyigen Jungen zu ben großen unb leiden- schaftlichen Ausbrüchen eines doppelt getäuschten unb aufgewühlten Gefühls.
bestätigen können. Aber auch das Wahlergebnis ist auf Grund des Gesetzes völlig unkontrollierbar. Die Abstimmung erfolgt nur mündlich, so daß jeder Beleg sowohl für die Zahl der erschienenen Wähler als auch für die Verteilung der Stimmen fehlt. Cs würde zu weit führen, die Gesetze zu analysieren, die nicht nur diese, sondern auch zahlreiche andere Fußangeln enthalten, von denen jede einzelne jegliche Oppositionspartei lahmlegen müßte.
Es ist daher kein Wunder, wenn die Erbitterung im Staate groß ist. Slowenien, Kroatien, Bosnien und ganz Serbien sind gegen das Belgrader Regime und werden voraussichtlich Wahlenthaltung üben. Rur in den Minderheitsgebieten, wo der behördliche Druck schon immer am rücksichtslosesten war, also in Mazedonien und in der Wojwod- schaft, kann man mit stärkerer Beteiligung rechnen. Einzig und allein in einigen dalmatinischen Städten hat das Kabinett eine begrenzte Zahl von Anhängern, die aus Furcht vor Italien jede Belgrader Regierung stützen. Aber wenn auch in Mazedonien, in der Wojwodschaft und in Dalmatien die Bevölkerung vollzählig zur Wahl antreten sollte, betrüge die Beteiligung noch keine 30 v. H. In den anderen Gebieten aber dürften die Behörden doch nicht den Mut zum „Durchgreifen" aufbringen, und so werden die Lokale leer und verlassen bleiben. Es ist auch nicht nötig, in dieser Form die Massen unter ein neues kau- dinisches Joch zu zwingen, sondern es kommt für Belgrad nur darauf an, vor den Pariser Finanzleuten und dem anleihezeichnenden Publikum als unbestrittene Sieger dazustehen. Hnd da dieses Ziel sich auch mit Hilfe der Adreßbücher als Grundlage des Abstimmungsergebnisses erreichen läßt, wird wohl alles ohne Gewalt verlaufen.
Die Zensur arbeitet ja Tag und Rächt und erstickt alle ungünstigen Rachrichten. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie leer der Inhalt südslawischer Zeitungen geworden ist. Auch die auswärtigen Pressevertreter stehen unter stärkstem Druck. Ihre Telegramme werden nicht befördert, die Telephongespräche abgehorcht, eingeschriebene Briefe beschlagnahmt. Rühen diese Warnungen nichts, lanciert man gegen sie heftige Angriffe in den Blättern. Drohungen und Schmähungen find die Folgen einer sachlichen, wenn auch noch so unendlich vorsichtigen Berichterstattung. Wir- ken die Einschüchterungsversuche nicht, geht man mit Ausweisungen vor. Die Zahl sämtlicher fremden Berichterstatter ist bereits auf ein halbes Dutzend zusammengefchrumpft. Erst kürzlich traf einen deutschen Journalisten wieder der Befehl, das Land binnen drei Stunden zu verlassen. So hofft man auch, das Ausland unter Zensur zu stellen und die Methode des Scheins vollkommen zu gestalten!
3m freiwilligen Arbeitsdienst.
In Weimar hat der Jungdeutsche Orden mit der Einführung des freiwilligen Arbeitsdienstes Erfolg gehabt. Zur Planierung des Flugplatzes konnte der erste Trupp von 40 Mann eingesetzt werden. Es besteht die Hoffnung, daß auch für die übrigen 50 Freiwilligen noch Arbeit beschafft werden kann. Die Planierung des Flugplatzes ist für ben Anfang besonders geeignet, da die Arbeit leicht ist und keine Dorkenntnisse verlangt. Die Geräte unb Feldbahnen werden von der Stadt zur Verfügung gestellt. Jeder Arbeitsfreiwillige erhält pro Tag 2 Mk. in bar, ein kräftiges Frühstück, 60 Pf. Gutschein zum verbilligten Bezug von Raturalien und Kleidung. Am Schluß des Dienstes wirb auf Wunsch ber Gutschein auch in bar ausbezahlt. Die Arbeitszeit beträgt 7 Stunden. Die Sozialversicherungen werden nicht von dem Freiwilligen getragen. Auf bem Flugplatz ist eine heizbare Wohnbaracke. Die Arbeitsfreiwilligen wählen aus ihren Reihen einen Führer, ber alle Verhandlungen mit dem (Stadtbauamt führt.
InHamm i. W. ist ein jungdeutsches Arbeitslager mitBodenkulturarbeiten amRordrande der Industriestadt eingerichtet. Träger der Arbeit ist das
Von ben beiden jungen Mädchen wirkte Elisabeth Wielanber in ber Rolle ber Marguerite am unmittelbarsten in ben ersten Akten, wo sie instinkt- mäßig um bie Entscheibung ihres Daseins zu kämpfen hat; vor allem in ber Schlußszene bes zweiten Aktes. — Sehr fein, anfangs ganz leicht unb verhalten, bann immer intensiver unb wärmer im Bekenntnis ihrer großen Liebe: bie Jeanne von Edith Berger.
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Eine markante Kontrastfigur zu Pierre war ber Jack, ben Hauer spielte: unromantisch, geschäftstüchtig, gerissen; sachlich bis zur Brutalität bes Zugriffs, mit bem er bie schmale Marguerite seinem Willen gefügig macht. — Eine gemüt- unb humorvolle Studie war ber Mativaux von Bruck; gut auch ber sehr französisch wirkenbe Fauvette voll H e y s e r, ber betriebsame Filmregisseur Kühnes unb ber aufgeregt schwabronierenbe Rabiobirektor bes Herrn V o l ck. In Episodenrollen: Nieren (Cartier); F a s s o 11 (Maharadscha); Wahlen (Hilfsregisseur) unb Geiger als Photograph. —
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Der Beifall, schon nach bem zweiten Akt kräftig, steigerte sich zum Schluß, bis ber Jntenbant mit ben Hauptbarstellern erschien, ben Dank bes Premieren- Publikums entgegenzunehmen. — Die Aufführung würbe durch eine Werbeansprache bes ersten Spielleiters F a s s o 11 eröffnet. hth.
Zeitschriften.
— Die Süddeutschen Monatshefte (München) widmen ihr neuestes Sonderheft unter dem Titel „Rietzsche" einer umfassenden Hntcr- suchung mit bisher unveröffentlichten urkundlichen Velegen aus der Feder Josef Hofrnillers. Zu den noch dunklen Punkten im Leben Riehsches bringt Hofiniller wichtige Aufhellungen und urkundliche Belege. So besonders zu Riehsches Frühzeit, seiner mit 25 Jahren schon erreichten Professur an der Basler Hniversität (die Hofmiller für das zentrale Hnglück in Riehsches Leben hält), zu seinem Verhältnis zu Richard Wagner, zu den Frauen und vor allem zu feiner Krankheit. Er veröffentlicht wichtige Stellen aus Briefen von Gast an den Verfasser und Stellen aus dem „Antichrist", die bisher stets unterdrückt worden waren. Auf die Entstehung des Wiederkunft- gedankens und des Hebermenschen fällt neues Licht.


