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Samstag, 4. April Ml

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)

Hr.79 Drittes Blatt

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Nachdruck verboten.

Fortsetzung.

Wollen Sie auch noch leugnen? Eie sind ja ein ganz raffinierter Verbrecher! Wie toar'5 denn mit dem Sektsrühschoppcn drunten in der Ton­halle?"

,Ach so! Mein Gott, das eine Glas! Daran hab' ich schon gar nicht mehr gedacht."

Vach dem Bericht des Kollegen Thiery ist's nicht bei dem einen geblieben, mein Vcrehrtester."

..Hat also der Doktor wirklich gepetzt? So 'ne Niedertracht!" entrüstete sich der ertappte Sünder.

3a, ja wir haben hier einen wohlorganisier­ten Ucbcrwachungsdienst für unsichere Kanto­nisten!" scherzte Wigand und erhob sich.Also seien Sic hübsch artig. Gott sei Dank, daß wir aber nicht lauter böse Sünder haben wie Eie, son­dern auch brave Patienten, die uns Freude machen." Gr nickte lächelnd zu Fräulein Zindler hinüber, die mit schwärmerischen Augen, über das Lob strahlend, zu ihm aufblickte.Die Damen sind überhaupt viel besser da hat man doch auch Erfolge! Passen Sie auf, Fräulein Zindler, bald können wir Sic nach Hause schicken kernge­sund." Herzlich schüttelte er ihr zum Abschied die Hand, ebenso sich auch von dem jungen Berger verabschiedend. Dann machte er Ursula eine for­melle Verneigung und ging weiter, seinen Re­präsentantenpflichten nachzukommen.

wesen! Ach, sie hätte sich verkriechen mögen, ir­gend in einen dunklen Winkel und weinen, wei­nen! Wie unsäglich verlassen war sie doch!

Schon wollte sie sich hinausstehlen aus der Ge­sellschaft, vor all den neugierig spähenden Blicken, auf ihr stilles Zimmer, aber da fiel ihr wieder ein: Sie durfte Fred ja nicht allein lassen in der Stimmung, in der er sich befand.

Aber wie ihn vor Unheil bewahren? 3hr War­nen fruchtete ja nichts, reizte ihn nur viel mehr. Wenn sic hier einen Menschen gekannt hätte, dessen Hilfe sie hätte in Anspruch nehmen können einen Menschen von Energie und Autorität! Aber sie hatte ja niemanden.

3n ihrer Herzensangst liest Ursula die Blicke von der Saaltür aus, wo sie stand, durch den gro­ßen Raum schweifen: doch vergeblich blieb ihr Suchen. Verzweiflung wollte sie beschleichen in- zwischen verrann die ^it, Fred trank vielleicht in seinem Aerger jeh gerade darauf los, und das schwerste Unheil zog tj über sie beide herauf da fiel Ursulas Blick plötzlich auf Wigand, der ge­rade aus sie zugeschrittcn kam.

Ursulas erste Regung war die, ihm schnell noch auszuweichen, aber im selben Augenblick durch­zuckte sie ein Gedanke, ihr selbst unverständlich und doch zwingend: Er mußte ihr Fred bewah­ren, er, der Arzt des Hauses mit dem Gewicht seiner Autorität! Und wenn auch ihr Stolz sich dagegen aufbäumte, denn diese Stunde zwang alles andere nieder. Sie sah jetzt nicht den Men­schen, sondern nur den Arzt in ihm.

So trat sie denn schnell auf Wigand zu. Diese unerwartete Annäherung machte ihn so bestürzt, dah er sich jäh verfärbte: Was wollte sie von ihm? Er hörte sein Herz schlagen, wie sie nun das Wort, hastig und doch stockend sprechend, an ihn richtete:

..Verzeihen Sie" das lächerlich formelle .Herr Doktor', wollte ich hier, ohne Zwang vor Zeugen, nicht über die Lippenaber ich brauche 3hrcn ärztlichen Beistand, oder, richtiger gesagt. mein Mann braucht ihn. Sie wissen ja. wie gefährlich für ihn auch der kleinste Exzeß werden kann, und er hat sich hier festgesetzt mit anderen Herren beim Spiel und Wein. Ich habe leider nicht die Macht, ihn sortzubringen" all ihr Unglück verriet sich in diesen wenigen Wortenbitte, tun Sie es! Wenn irgend möglich, in scherzhafter Form, im Notfall aber mit voller Energie. Aehnliche Vor­fälle haben ihm schon schwersten Schaden ge­bracht!'

Einen Augeirblick hatte Wigand ein Gefühl der Enttäuschung durchzuckt: Narr, der er war! Dah er hätte wähnen können, sie wollte ihn ansprechen, um ein Wert der Aufklärung, ja vielleicht eine Bitte um Verzeihung in unbewachtem Moment an ihn zu richten: Darrn aber hatte dies erste Gefühl einem anderen Platz gemacht. Eie appellierte an den Arzt in ihm, da hatte alle persönliche Emp-

findlichkeit zu schweigen, und aufmerksam hörte er ihre Worte an. die Blicke fest auf ihre vor Erre­gung zitternden Züge geheftet. Er sah in ihr nur die hilfesuchende, bedauernswerte Frau eines Pa­tienten, der sein ärztliches Interesse gebührte.

Wo sitzt Ihr Gatte?"

Seine Worte mit der daraus klingenden festen Entschlossenheit slöhten Ursula Trost ein. Sie hatte sofort die Gewißheit, er war der Mann, zu helfen.

Hinten im Billardsaal."

Gut gehen Sic, bitte, immer voraus auf Ihr Zimmer: in zehn Minuten spätestens haben Eie Ihren Mann oben."

Mit einer Verbeugung verabschiedete sich Wi­gand und eilte dem bezeichneten Raum zu. Ge­senkten Hauptes schritt Ursula Drenck die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf, wie er sic geheißen batte. Ihr war seltsam zumute. Eigentlich wollte sie sich auflehnen über seine knappe, befehlende Art. mit der er auch über sie verfügte: aber, son­derbar, sie konnte nicht. War es nur ihre Ab­gespanntheit nach all den Erregungen des heu­tigen Abends? Eie hätte sich über sich selbst är­gern können, daß sie sein Dirigieren so ruhig hinnahm. ja, dah es ihr fast Wohltat, mit fester Hand geleitet zu werden mit einer Hand, von der man wußte, sie tat das Richtige und brachte es kraftvoll zum guten Ende.

Wigand hatte auf dem Wege zu Drencks Tisch rasch ein paar Worte mit dem Kellner am Büfett gesprochen, nun trat er an den Spieltisch.

..Ah. beim Spielchen? Das ist recht! Aber selbstverständlich doch bei. einem kurgemähen klei­nen Skat oder Bridge, nicht?" Er lieh sich auf dem Polster der Nischenbank neben den Angere­deten nieder.Eie kennen ja unsere Hausgcsehe und wissen, dah aus Hasardspiele die Todesstrafe steht!" scherzte er.

Selbstverständlich, Doktor! Wir haben hier bloß einen soliden Pfennigskat gemacht." Rasch ließen die Spieler die großen Geldhaufen in den Hosentaschen verschwinden, nur Drenck lieh in trotziger Herausforderung fein Geld auf dem Tische liegen. Höchst egal, was der Doktor da von ihm dachte! Er war doch hier in keiner Kor­rektionsanstalt und konnte tun und lassen, was ihm besagte! Es paßte ihm überhaupt ganz und gar nicht, daß der Mensch, der Wigand, da jetzt zu ihnen an den Tisch kam und schon wieder bas eben erst erneut in Gang gekommene Spiel störte. Um seinen Aerger hinabzuspülen, griff Drenck zum Glas, es war leer, und wie er die Flasche nahm, "gewahrte er, auch sie war ausgetrunken.

He" er winkte dem Kellner.

Diensteifrig eilte der Angerufene herbei, aber et erklärte:

Ditte sehr um Entschuldigung, doch ich darf nichts mehr bringen."

jFortsetzung folgt.)

OieTroiverordnunggegenAusschreiiungen

Ausführungsbestimmungen für Hessen.

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Kugeln und Kegel

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Ola Wendels Millionenerbe.

Vie letzte Enkelin eines vor über hundert Zähren nach Amerika ausgewanderten Deutschen stirbt ohne Nachkommen.-100 Vollarmill onen tzir wohltätigeZwecke.

Vie Exzentricitaten einer reichen Familie.

Don unferem A. ®. A. -Berichterstatter.

ihres Vaters in jenen Tagen nicht. Kurz danach halte Ella einen Schlaganfall erlitten, dem fte er­lag. Erst als man zwei Krankenschwestern hervei- holte, ward eine Fvrnsprechleituna in das HanS gelegt, damit der Arzt im Notfälle rasch herbei- gerufen werden könne. Am Sterbelager der Ein­siedlerin standen nur der Arzt, eine Pflegerin und die mit Ella Wendel befreundete Tochter eines ihrer Anwälte. Verwandte konnten feine ber beigerufen werden. Es sind keine da. Zu­weilen find DendelS aus Deutschland hier auf­getaucht. die glaubten, Erbansprüche geltend machen zu können. Aus ihren Hoffnungen wird wohl nichts werden.

Wie armselig, fast baufällig das 1856 errich­tete Wende 1 fche Hau,s an der Fünften Avenue ist. läßt sich daraus ermessen, dah da-Ge­bäude selbst von der Steuerbehörde nur auf sechs­tausend Dollar, das Grundstück dagegen auf 3 684 000 Dollar bewertet ist Aach dem Testament Rebecca Wendel-Ewopes soll eS in den Besitz des von Daniel Drew gegründeten Theologi­schen Seminars übergehen, was gleichbedeu­tend mit seinem baldigen Verschwinden ist. Die Wendeis waren hauptsächlich an Landbesitz inter­essiert. an den darauf stehenden Gebäuden war ihnen wenig oder gar nichts gelegen. Wenn die Pächter irgendeine Verbesserung, eine Moderni­sierung wünschten, mutzten sie selbst für die Kosten aufkommen. Dabei waren die Besitzer unnach­sichtig in der Durchführung der Bestimmung des Pachtvertrages, daß in keinem ihnen gehörige,r Haufe Theater gespielt oder gar eine Dchankwirt- schast betrieben werde. Selbst die Anbringung elektrischer Reklame- oder Firmenschilder duldeten sie nicht.

Kirchengemeinden, die Tierschuhgesellschaft, die Vereinigung zur Verhütung von Blindheit", di­verse Erziehungsanstalten, Kindergärten. Mis- sionsverbände und eine Reihe Krankenhäuser wer­den sich in die Millionen teilen, die drei Gene­rationen der Wendcls in 120 Jahren zusammen- gerafft und von denen sie selbst so gut wie nichts gehabt haben.

gebracht toerben müssen), hat ebenfalls bei den Polizeiämtern oder Polizeiverwaltungen zu er­folgen. In den Gemeinden ohne Polizeivcrwal- tungcn oder Polizeiämter find sie den jeweils zuständigen Kreisämtern zur Kenntnisnahme vor­zulegen. Zur Erleichterung der technischen Abwick­lung dieser Bestimmung ist folgende Bestimmung getroffen worden:

Sollen Plakate und Flugblätter politischen In­halts in einem größeren Bezirk Hessens der Oef- sentlichkeit zugänglich gemacht werden dann kön­nen sie auch dem Landeskriminal-Polizeiamt zur Kenntnis vorgelegt werden. Diese Vorlage wird durch einen entsprechenden Druckvermerk auf den einzelnen Plakaten oder Flugblättern kenntlich ge­macht. Auch in anderen Fällen kann die Vorlage bei der zuständigen Stelle mit deren Genehmigung durch einen Druckvermerk kenntlich gemacht werden.

3. Die übrigen Bestimmungen regeln die Zu­ständigkeit für Verbote von Versammlungen. Aus­zügen und Lastwagenfahrten bzw. ihre Genehmi­gung unter Lagen, ferner die Auflösung von Ver­sammlungen und Auszügen oder die polizeiliche Beschlagnahme von Plakaten. Flugblättern und Druckschriften sowie die Auflösung von Vereini­gungen bzw. den Erlatz von ilniformnerboten.

Als leitende Beamte des Staates, die neben den Organen, Behörden und Einrichtungen desStaa-

Ein paar Stunden waren hingegangen: eine be­lebte Stimmung hatte sich der meisten Teilnehmer an der Abenduntcrhaltung bemächtigt. Nur Ur­sula war ernst geblieben. Alle Versuche Fräulein' Zindlers, sie auszuheitern, waren vergeblich ge­blieben. -

Herzlichen Dank, Kleinchen! Eie meinen es so gut. Dankbar hatte ilrfula ihre Rechte gedrückt. Aber geben Sie sich keine Mühe mit mir cs wird heute doch nichts mehr. Ich hab' so Tage-, wo meine Nerven versagen da Hilst alles nichts. Lassen Sie sich nur nicht in Ihrer guten Laune stören. Ich muh übrigens auch endlich mal nach meinem Mann sehen. Für ihn ist es nicht gut, zu lange allein zu bleiben."

Ursula verlieh ihren Platz und suchte in den Ne- benräumen nach Drenck. Endlich entdeckte sie ihn hinten, in einer Nische des Billardzimmers, mit mehreren Herren am Tisch beim Kartenspiel.

Drenck war so bertieft in sein Spiel, dah er ihre Annäherung gar nicht bemerkte: erst nun, wo sie ihn leise anrief, sah er auf. Ursula hatte im Herantreten wahrgcnommen, dah die Herren

Abschluß, die an Exzentrizität von keiner anderen in ganz Amerika übertroffen oder auch nur er­reicht wird. Die sechs Schwestern, die einst­mals in dem spukhaften, verwahrlosten Hause le fr ten, standen dermaßen unter der Fuchtel ihres Bruders, daß nur eine einzige, und sie erst in spä­ten Jahren, sich seinem Gebote, niemals zu heiraten, zu widersetzen wagte. Und keine traute sich, vom großväterlichen und väterlichen Erbe cinStückzuveräuhern. In dem Hause gab cs fein Telephon, keine modernen Möbel oder Teppiche. Elektrischlicht nur in den Dienerfchafts- räumen. Die Mehrzahl der Fenster war mit Bret­tern vernagelt. Es gab keinen Fahrstuhl, keinen Epeisenaufzug. Bis vor wenigen Jahren bedien­ten sich die sechs Schwestern zu ihren seltenen Spazierfahrten einer altmodischen Kutsche. Erst als der Kutscher, der seit 29 Jahren im Dienste der Familie gestanden hatte, starb, wurden die Pferde durch zwei Automobile ersetzt, die, wenn sic in unseren Tagen auf der Fünften Avenue er­schienen, ihrer Altertümlichkeit wegen mehr Aus­sehen erregten als die uralte Karosse, die noch heute in dem Schuppen hinter dem Hause steht. Die Schwestern besahen keinerlei Schmuck. Ihre Kleider waren altmodisch. Je höher der Wert ihres über ganz Neuvork hin verstreuten Landbesitzes stieg, desto fr: galer wurde ihre Le­bensweise. Luxus war cbenio verpönt wie äußer­liches Gepränge, und die Tausende, die gestern, als das Ableben der letzten Wendel be farmt wurde, beim Vorübergehen einen Blick auf das düstere Haus warfen, gewahrten, daß sogar das traditionelle Blumenbukett mit der violetten Bandschleife an der Tür, das sonst einen Todes­fall in dem Hause ankündigt, fehlte.

Bruder John wußte das Erbe nicht nur zu wahren, er mehrte cs auch. Die Einkünfte aus den hunderten Häusern wurden wiederum in Grundbesitz angelegt, immer nach der Maxime:Neuyork rückt alle zehn Jahre um eine Meile nordwärts vor. also kauft im Norden, wo die größte Wertzunahme zu erwarten ist." Die Wcndels kauften hauptsächlich den Broadway ent­lang. und hier rangiert der heutige Besitz vvn^ der Einzelbaustelle bis zum ganzen Häusergeviert. Die allein in Manhattan bclcgenen Grundstücke waren letztes Jahr zur Besteuerung auf f a ft fünfzig Dollar Millionen veranschlagt, aber das Gesamtvermögen, einschließlich der Lie­genschaften außerhalb Alt-Neuyvrks, ist erheblich über einhundert Millionen.

John führte in der Familie das Regime eines Despoten. Er verbot seinen Schwestern das hei­raten, weil er keine Zersplitterung des Vermögens wollte. Nachdem Rebecca sich als Fünfzig­jährige mit einem Gelehrten namens Swope. ver­heiratet hatte, versuchte auch eine der jüngeren, Georgiana. der brüderlichen Fuchtel zu ent­rinnen und mietete sich in einem hiesigen vornehm men Hotel ein. John brachte cs fertig, sie von einer Sheriffs-Jury für geisteskrank er­klären zu lassen, worauf sie in einer Pflege­anstalt untergebracht wurde. Das Obergericht stieß die Entscheidung der Unterinftanz um; Georgiana verklagte ihren Bruder auf 50 000 Dollar Scha­denersatz, doch wurde die Klage außergericht­lich beigelegt und die Schwester zog wieder in I ihr altes Heim im Familienhause.

jeder ein Häufchen Papiergeld, darunter auch grö­ßere Scheine, vor sich liegen hatten: anstatt des harmlosen Bridge hatten sie also ein Hasardspiel gewählt. Doller Besorgnis sah Ursula auch, wie Freds Wangen vom Spiel erregt glühten, ein wei­terer Blick zeigte ihr eine größere Anzahl Wein­slaschen auf einem Neben tisch sicherlich hatte auch ihr Mann davon schon mehr als ein Glas getrunken.

Don Angst getrieben, trat sie auf die Spieler zu sie kannte die Herren flüchtig als Haus­genossen und ihre Worte, die scherzhaft klin­gen sollten, verrieten die geheime Aufregung.

Also hier muh man dich finden, Freundchen! Aber nun ist s genug, meine Herren, geben Sic mir den treulosen Gatten wieder, den Sie mir lange genug entzogen haben."

Ah, die gnädige grau, ritterlich sprang einer der Herren sofort auf, und auch die anderen bei­den Herren warfen die Karten auf den Tisch, um die dazukommende Dame zu begrüben. Aber das war nicht nach Drencks Geschmack. Er hatte in der letzten Viertelstunde anhaltend Pech gehabt, und nun, wo er zum ersten Male eine große Chance hatte, kam natürlich seine Frau und ver­darb ihm alles.

Aergerlich warf er die Karten auf den Tisch. Ich hatte dir doch gesagt, dah ich ein Spielchen machen wollte: nun hast du mir glücklich den großen Schlag verpfuscht!"

Eine Röte stieg in Ursulas Gesicht.

..Verzeih, das konnte ich ja natürlich nicht ah­nen. Eie sagte cs fast ängstlich, um ihn nicht noch mehr zu reizen.Aber ich habe über zwei Stunden dort allein gesessen."

So ein Missetäter! ' scherzte der alte Geheim­rat. Drenck mit dem Zeigefinger drohend.

Mein Gott, du warst doch in Gesellschaft!" warf dieser nod) immer grollend ein.

Wir hören selbstverständlich nun auf", ver­sicherte der Geheimrat und zog einladend einen Stuhl heran.Wollen uns gnädigste Frau nicht die Ehre erweisen?"

Aufhören? Nein, Herrschaften, davon steht nichts geschrieben! Ich will meine Revanche haben!"

Mit Nachdruck und einer drohenden Schärfe im Ton warf es Drenck hin. Ursula kannte diesen Ton nur zu gut: So sprach er immer, wenn er getrunken hatte. Sie lehnte daher die Einladung ab; sie wollte sich nicht noch weiteren Taktlosig­keiten Freds aussehen, der sie eben mit einem bösen, funkelnden Blick angesehen hatte. Sv sagte sie denn:

Dielen Dank, aber ich will die Herren nicht stören", unb entfernte sich wieder.

Mit einem todunglücklichen Gefühl schritt Ursula dahin. In ihrer Vereinsamung zwischen all den fremden Leuten hier, hatte sic sich zu dem Gatten retten wollen und das war dcr Empfang ge-

Kreuzweg der Liebe

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(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Neuyork, Ende Marz 1931.

Auf dem uralten DreifalttgfeitS-Friedhofe im Norden der Insel Manhattan, dem Ruheplatz der ältesten Familien Neuyorks, öffneten sich nicht weit vom Erbbegräbnisse dcr Astors die Pforten eines Mausoleums, um die irdischen Ueberrestc einer Frau auszunehmen, an deren Hinscheiden die ganze Stadt ein Interesse nimmt, wie es seit Menschengedenken dem Schwinden feiner mit der Geschichte der Metropole der neuen Welt auch noch so eng verwachsenen Persönlichkeit entgegen­gebracht worden ist. Dabei gibt es unter der Mil- lioncnbcDölferuag Neuyorks nicht fünfzig, die fich rühmen tonnten, Ella Wendel je von An­gesicht geschaut zu haben, nicht fünfundzwanzig, die ihr Heim, daS letzte Privathaus an der Fünf­ten Avende unterhalb der 42. Straße, je betre­ten hätten. Auch ist es nicht der Umstand, daß die fast Achtzigjährige ein auf weit über einhundert Dollarmillionen bewer­tetes Vermögen, zumeist in Liegenschaften, hinterlassen hat, der so reges Interesse Teil­nahme kann man nicht sagen an ihrem Tode wachruft: cs ist vielmehr das Erlöschen eines Na­mens. um den sich eine Legende rankte, deren Wurzeln über ein Jahrhundert lang den Boden unserer Stadt durchwuchert haben.

Ella Wendel war die letzte der sechs Enkelinnen Johann Gottlieb Wcndels, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts aus Deutsch­land c i n g c wa ndert war, sich zusammen mit seinem Landsmanne Johann Jakob Astor im Pelzhandel erfolgreich betätigt und sich bann, ebenso wie Astor, mit dem er verschwägert war, dem Erwerb von Grundstücken zugewandt hatte. Und was einmal in Wendelschen Händen war. blieb darin bis auf den heutigen Tag. drei Generationen hindurch, und niemals ist auch nur ein einziges Stück freiwillig veräußert worden. Jetzt freilich wird das anders werden. Denn die sechs Schwestern und ihr bereits vor 16 Jahrein verstorbener Bruder John Gottlieb haben keine Leibeserben hinterlassen, und wenn Ella nicht an dem Testament ihrer, vorigen Juli verstorbenen Schwester Rebecca gerüttelt hat, geht das ganze Erbe in die Hände von Wohltätigkeits­gesellschaften. Kirchen, Missionsverbänden und öffentlichen Anstalten über.

Und damit wird auch über kurz oder lang ein Wahrzeichen Alt-Neuyvrks schwinden, das mehr als schlichte Stadthaus der Familie an der Nordwestecke der 5. Avenue und 39. Straße, auf dessen in der Reihe der Turmbauten und Prunk­häuser der vornehmsten Straße der Stadt um so krasser hervorstechende Dürftigkeit die Ausrufer der Rundfahrt-Autobusse ihre Fahrgäste mit den Worten aufmerksam zu machen pflegten: «... und hier sehen Sic das Haus der Mysterien, von einer einzigen alten Jungfer, ihrem Pudel- Hund und ihrer Dienerschaft bewohnt, das ein­zige Haus an der ganzen Avenue, das auch um die Millionen, die schon dafür geboten worden sind, nicht zu haben ist... und, meine Herrschaf­ten. versäumen Sie ja nicht, einen Blick auf die im 5>ofc hängeirde Wäsche zu werfen, denn so was sehen Sie an der Avenue nicht wieder..." usw.

Mit Ella Wcndels stillem Einzug in die Farni- liengruft kommt die Geschichte einer Familie zum

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WEN. Darmstadt, 2. April. Zur Ausfüh. rung der Notverordnung des Reichsprälidenten vom 28. März 1931 zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen hat das Hessische Gesamtmini­sterium folgende Bestimmungen getroffen:

1. Die Anmeldung der öffentlichen politischen Versammlungen und Auszüge unter breiem Him­mel sowie der Lastwagenfahrten zu polittschen Zwecken hat innerhalb der üblichen Dienststunden bei den Polizeiämtern und Polizeiverwaltungcn zu erfolgen. In denjenigen Gemeinden, die keine Polizeiämter oder Polizciverwaltungen haben, hat Die Anmeldung bei den Kreisämtern zu er­folgen. Dabei genügt nicht die allgemeine Angabe der Gemeinde und des Tages der Veranstaltung, sondern es sind auch die Stunde der Veranstal­tung, der Versammlungsraum und -platz, bei Aufzügen und Fahrten auch die einzelnen Straßen, die berührt werden, genau anzugeben. Erstreckt sich eine anmeldepflichtige Veranstaltung über mehrere Amtsbezirke, so ist sic unter Angabe dieser Tatsache bei jedem einzelnen örtlich zu­ständigen Amte anzumelden. Cs sei darauf hin- gcwiesen, daß diese Anmeldung nach der Verord­nung spätestens 24 Stunden vorher geschehen muß.

2. Die Vorlage von Plakaten und Flugblättern politischen Inhalts idie nach der Verordnung sämtlich ebenfalls 24 Stunden vor ihrer Ver­öffentlichung den Polizeibehörden zur Kenntnis

DaS einzige Lebewesen abgesehen von der Dienerschaft, das John in dem . misteriösen Hause" an der Fünften Avenue duldete, war To­bey, der kleine weihe Pudel seiner Schwester Ella. Tobey hat seine Herrin überlebt. Dcr wie­vielte feiner Art er ist, ließe sich nur aus der Zahl dcr Gräber auf dem Landgut der WendelS in Irvington am Hudson (oft ft eilen, wo seine Vor­gänger, die alle weiße Pudel waren und alle Tobey geheißen haben, begraben sind.

Rebecca, die Professor Swope heiratete, lernte ihren späteren Gatten in der Dreifaltigkeits­kirche an Broadway und Wall Street, mit deren Paftor Swope sie befreundet war, kennen. Als John davon erfuhr, tat er sein möglichstes, um den Schwestern den Kirchenbesuch abzugewöhnen. Zu Lebzeiten verwaltete er daS gesamte Vermögen allein. Nach seinem Tode übertrugen die über­lebenden Schwestern dies Amt Frau Swope. deren durch ihre Widersetzlichkeit bewiesene Willens­stärke sic vertrauten. Rebecca segnete im Juli vorigen IahreS das Zeitliche. In ihrem Testa­ment traf sie Verfügung über die Verteilung des Erbes. Und da Ella, die jetzt Verschiedene, ihr ganzes Leben lang gewohnt war. sich von anderen beherrschen zu lassen, ist kaum anzunehmen, dah sie an den letztwilligen Anordnungen der Schwe­ster auch nur das geringste geändert hat.

Für den von einem drei Meter hohen Zaun umgebenen Hof neben dem Wendelschen Wohn­hause an der Fünften Avenue bot ein Grund­stücksmakler vor einigen Jahren achthunderttau- scnd Dollar. Die Schwestern lehnten ab. mit der Begründung, dah ihr Tobey dann keinen Auslauf mehr hätte, denn auf die Straße könne man ihn doch nicht lassen. Auf diefe Straße hat Ella vorigen Montag zum letztenmal hinausge- blidt Man sah sie an hinein Fenster eine« dcr oberen Stockwerke stehen. Aus demselben Fenster haben die sechs Schwestern auf den Leichenzug Abraham Lincolns, auf Hunderte Paraden und Umzüge hinabgeschaut. Es war ihr Schulzimmer. Hier hatten sie Lesen, Schreiben, Rechnen gelernt. Mehr nicht. Mehr brauchte man nach Ansicht

an

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Asbest- Platten 1,2,3,4 and 5 mm, nieder am Lager.

CarlSchunck MW prompt unb billigt C Rübsamen I Fernipr.SSM- 12076P