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Nr. 2 Zünftes Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)

Samstag, 5. Januar 1951

Oer Urheberschutz.

Nachdem der Reichsrat die einjährige Verlänge­rung des Urheberschutzes a b g e l e h n t hat, ist die ganze Frage in Deutschland noch ungeklärt. An sich beruht der Urheberschutz aus der Verner älebereinkunft vom Jahre 1886. Als Grund­satz wurde damals aufgestellt, daß jeder einem der Derbandsländer angehörige Urheber in allen anderen Staaten das interne Urheberrecht ge­nießen solle. Diese Uebereinkunft ist durch die Pa­riser Zusahakte vom Jahre 1896, durch die Ber­liner Konferenz aus dem Jahre 1908 und das Verner Zusatzprotokoll von 1914 ergänzt und 1928 in Rom auf einer Konferenz nochmals einer bis­her noch nicht ratifizierten Revision unterzogen worden. Der Verner Uebereinkunft gehören im ganzen 33 Staaten an. Zuletzt traten im Jahre 1922 Ungarn, Brasilien und Danzig, im Jahre 1924 Syrien und Palästina, im Jahre 1927 Ru­mänien, Irland und Estland sowie 1928 Finnland vbei, während sich USA. bisher niemals zum Bei» » tritt entschließen konnte.

Natürlich wollte man drüben auch den Urhebern fremder.Länder einen gewissen Schuh gegen Nach­ahmung gewähren, machte diesen aber von be­stimmten Bedingungen abhängig Und zwar verlangt Amerika, daß der Verfasser irgend eines künstlerischen Werkes die Eintra­gung des betreffenden Erzeugnisses in d g s -!i e g i ft e c of Copyright z u Washing - ton zu veranlassen habe. Zu bi-fern Zwecke muh ein entsprechender Antrag aus vorgeäruckten For­mularen gestellt und dieser Antrag itach Washing­ton eingereicht werden. Die Vermittlung besorgt kostenlos das Amerikainstitut zu Berlin. Die Ein­tragung selbst erfolgt nicht kostenlos, sond'rn kostet zwei Dollar und drei Reichsmark, also insg-samt 11,40 Mark pro Erzeugnis. Gleichzeitig müssen von dem zu schützenden Werk zwei Exem­plare nach Waihington eingeschickt werden. Bei Büchern, Photographien, Karten, Kupferstichen, Holzschnitten und Kompositionen ist das nicht wei­ter schwer, aber man kann schließlich nicht zwei Exemplare einer Dronzebüste oder eines Marmor­denkmals oder eines Oelgemäldes einsenden. In diesem Falle sind die betreffenden Werke zu photo­graphieren und zwei Abzüge einzuschicken. Gleich­zeitig ist eine genaue Beschreibung der Dinge not­wendig. Dann genießt jeder Ausländer den glei­chen Urheberrechts chuh nie eder Am riianer, und zwar gemäß dem amerikani,chen Urheberrechts­gesetz vom Jahre 1909 für 28 Jahre und für dessen Erben aus weitere 28 Jahre.

In allen andern Ländern gilt der Schuh für ein Werk 50 Jahre nach dem Tode des Ver­fassers. Nur D e u t s ch l a nd macht eine Aus­nahme, indem es nur einen Schutz auf 30 Sa£re nach dem Tode des Urhebers gerantiert. Nach den neuesten Bestimmungen gilt die An­bringung des Namens eines Autors als Rechtsvermutung für dessen Autorschaft. Das heißt, wenn ein Buch herauskommt, als dessen Verfasser August Lehmann genannt wird, dann nimmt man ohne weiteres an, daß August Leh­mann auch der Verfasser sei. Sollte ein anderer der Verfasser sein, dann muß er dafür sorgen. Daß der falsche Name gestrichen und der seine hineingeseht wird. Alle Länder gestatten kosten­losen Nachdruck in verschiedenen Fällen. So dürfen Artikel aus Zeitungen, Zeitschriften, Abschnitte aus Büchern u. dgl. mehr abgedruckt werden, wenn die Quelle zu Beginn des Abdrucks ange­geben ist. Sind die betreffenden Artikel usw. da­durch geschützt, daß darüber steht:Nachdruckver­boten", dann ist ein Weiterdrucken auch mit Quel­lenangabe nicht gestattet. Erlaubt sind dagegen Hinweise und Anführungen einzelner Stellen in selbständigen Artikeln uitb Büchern. Völlig kosten­los abgedruckt werden kennen Speisekarten, Inse­rate, Theaterz?tteln, Fahrpläne, allgemeine Nach­richten aus aller Welt, Reden in Versammlungen, Parlamenten, Zeugenaussagen vor Gericht u. dgl. mehr. An sich wäre natürlich zu wünschen, daß auch dieVereinigtenStaaten tem Ber­ner ilebereinfommen beitreten würden, denn dann wäre der gaiue Umstand mit dem Copyright nicht nötig. So lange USA. sich aber fern hält, muß man schon so handeln, wie es vorgeschrieben wird, oder man läuft Gefahr, daß die Arbeiten drüben vervielfältigt werden, ohne daß der Autor auch nur einen Cent bekommt.

Zweihundert Jahre deutsches Feuilleton.

Don Or Ernst Meunier.

Das deutsche Feuilleton sieht im Januar 1931 auf Aenau 2OU Jahre seines Bestehens zurück. Wenn man von einzelnen Vorläufern und sporadischen Ansän- gen feuilletonistischer Darstellung und feuiUetonifti- scher Stoffe in den Zeitungen des 17 und tm An­fänge des 18. Jahrhunderts abfieht, kann man den Beginn des deutschen Feuilletons in dem sogenann­ten Gelehrten Artikel des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten und im Unterhal­tungsteil des Höllischen Jntelligenzblattes annehmen. Beide, der Gelehrte Artikel des Hamburger Blat­tes und das Feuilleton der Höllischen Zeitung, sind im Jahre 1731 mit großem Erfolg ins Leben ge­treten; sie haben auf die ganze deutsche Presse eine beispielhafte Anregung ausgeübt und im weitesten Umfange zur Nachahmung Veranlassung gegeben.

Was enthielt das Damalige Feuilleton? Die Zeitung des 17. Jahrhunderts war eine reine Nach­richtenzeitung. Sie berichtete hauptsächlich über Kriegsereignisse, politische Händel und Naturkata- Strophen Der Versuch, ein Spiegelbild des kultu­rellen Zustandes und Geschehens zu aeben, war in ihr noch nicht spürbar. Es war deshalb eine un­gewöhnliche Tat, die der Hamburgische Korrespon­dent durch die bewußte und dauernde Aufnahme Der Bücherkritik im Jahre 1731 als erste deutsche Zeituna ausführte. In der üblichen steifen und um­ständlichen Gelehrtensprache, die das ganze 18. Jahr­hundert hindurch in den Zeitungen ihr Wesen ge­trieben hat, wurde in diesem Gelehrten Artikel ein Ueberblitf über wissenschaftlichenNeuerscheinungen auf Dem Büchermarkt gegeben. Nicht zuletzt Diesem Gelehrten Artikel" hat es Der Hamburgische Korre­spondent zu verdanken gehabt. Daß er ständig an Auslage zunahm unD Den ersten Weltersolg eines deutschen Blattes erzielt hat. Der Hamburgische Kor- responDent Drängte balD Die bis dahin allgewaltige niederländische Presse zurück und bahnte so auch Dem jungen deutschen Feuilleton den Weo in die Welt.

pariserJahres-Bilanz 4930.

Von unserem §

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenl Paris, 31. Dezember 1930

Das Jahresende brachte die beklemmende Ge­wißheit. dieW eltwirtschaftskrise ha auch Frankreich ersaßt. Glaubt man dem frühe­ren Finanzminister Paul Reynaud, io ist es unrichtig, von einer Weltwirtschaftskrise zu spre­chen, er meint, jedes Land habe seine eigene Krise. Das ist Dialektik und kann nicht darüber Hinwegtrösten, daß Paul Reynaud, der mit Hiobs- Prophezeiungen das Finanzministerium betrat, es mit denselben Hiobsprophezeiungen auch verließ. Die Krise ist noch nicht einmal da, sie wird für Frankreich erst kommen.

Es ließe sich, vom Standpunkte des Psychologen aus, sehr viel über die Tatsache sagen, daß Frank­reich nun wirt cha tlich seine Ausnahmestellung alä letzte Insel der Prosperität" verlor. Die Franzosen sind zwar Individualisten und wenn schon das Schlimme unvermeidlich ist, bann wollen sie noch immer lieber ihre eigene, spezielle Krise haben, als unter der allgemeinen Krise der Welt­wirtschaft doppelt leiden. Aber das tut nicht mehr viel zur Sache. Die Wirkungen der Krise waren in der Innenpolitik bereits zu fühlen. T a r d i e u und Mne Regierung waren politisch die Opfer der Krise, das Wort Prosperität war das Verhäng.ns Tardicus. Mit einer virtuosen Effekt­hascherei, die belfer in die Kammer als in den Senat gepaßt hätte, warf ihm ein Senator das Schicksal einer der ältesten französischen Banken vor, die einhundertsiebenundvierzig Jahre allen politischen Erschütterungen standhielt und unter der Politik der Prosperität zugrunde ging.

Der Glaube an Amerika ist mit dem Glauben an die alleinseligmachende Prosperität verschwunden. Die ersten Anzeichen der Krise genügten, um die keimende amerikanische Welt­anschauung auf französischem Boden verschwinden zu lassen. Denn Amerikanismus war kein politi­scher Begriff in Frankreich, es war eine Art fee lische - mehr seelische als praktische Einstel­lung zur Außenwelt, die in den Kreisen der In­tellektuellen und der Jugend sich b.ei zumachen be-

"Derichterstatter.

gartn. Sie hatte ihre Vertreter in der Literatur unö in der Politik, im gesellschaftlichen Leben und sogar in den Kreisen der Wirtschaft. In der Poli­tik hieß dieser Vertreter Andre Tardieu...

Eine Mode ist verschwunden, bald werden manche junge Franzosen aus ihre Kleider mit amerikanischem Schnitt verzichten und selbst die viel gerügte Mode der Eoetails könnte eines Tages nachlassen. Davon sind wir zwar noch ziem­lich weit entfernt, aber die Ereignisse gehen ja so schnell. In diesem Falle hat man den Eindruck, daß dem Franzo'en, wenigstens der Mehrheit, die amerikanische Einstellung seelisch ganz be- sondersfremb war. Die Jugenb, die so gerne den amerikanischen Einflüssen erlag, wird so schnell nichts neues finden. Das ist bedauerlich, die alte Generation scheint es aber nicht zu bedauern; wohl nirgends in der Welt wird mit so viel Freude - wenn auch ohne Boshaftigkeit auf die Krise der amerikanischen Mentalität hrnge- toiefen. Das mag für viele Anbeter dermesure, des französischen Maßhaltens in allen Dingen, einen Trost bereiten. Nicht alles, was aus Ame­rika in den letzten Jahren importiert wurde, war gut, manche Dinge und Lebensgewohnyeiten stehen ganz tief unter dem Niveau des .Corned Bees". Aber dem aufmerksamen Beobachter muh es doch so scheinen, daß es vergessen wird, daß im Grunde genommen nicht Amerika, sondern Eu­ropa versagte. Wir wollen an den nied.r chn et° ternden Ziffern, die auch hier über amerikanische Arbeitslo igkeit und Bankerotte von Mund zu Mund gehen, nicht zweifeln. Sie sind schon ganz gewiß richtig, und die Tesch.migungsversuche der Washingtoner Regierung, welche durch die un­wahrscheinlichsten Kanäle an die europäische Öffentlichkeit gelangen, lassen und kühl. Aber wenn es ein Land gibt, das seine spezielle, eigene individuelle Krise hat - wirb verstehen das Wort jetzt nicht ausschließlich im wirtschaftlichen Sinne - so sind es die USA. Damit sollen die berühm­ten weltwirtschaftlichen Zu ammenhänge nicht ge­leugnet werden, im Gegenteil; aber die Krise in Europa ist unendlich verwickelter, die Ursachen

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Unruhen in Briiisch-Hinienndien.

Berittene Polizei gehl gegen Die Ausftandl|chen von Burma vor. Schwere Unruhen ereigneten sich kürzlich in Burma im Tharrawaddy-Gebiet (Hinterindien), wo sich Die Eingeborenen, alles arme Reisbauern, in Den Dschungeln verschanzten unD einen Kleinkrieg gegen Die Kolonialtruppen eröffneten. Etwa 10 000 Mann englischer SolDaten wurDen in aller Eile in Das bedrohte Gebiet entsandt.

hier sind viel mannigfacher als jenseits befl Ozcans

Die Krise der Abrüstung und das Ver­sagen der Liquidierung des Krieges im wahren Sinne des Wortes ist eine in erster Linie europäische Angelegenheit. In Paris liegen die Splitter des wirtschaftlichen Systems. Autarkie genannt man verstand hier darunter die wirtschaftliche Selbstgenügsam­keit Frankreichs mit seinen Kolonien. Die kolo­niale Ausstellung, diese grohzü nge Manifestation des plus grande hrance des größeren Frank­reich wird, ohne daß man an Kosten und Ar­beit spart, vorbereitet. Aber die kolonialen Aktien sind entwertet und fast unverkäuflich. Don der Auflegung der kolonialen Anleihe hort man, obwohl sie von der Kammer angenommen wurde, nichts mehr, und die größte Finanzierungsbank für die Kolonien (Societe Financiere Coloniale | muß saniert werden. In der Kammer ist der Kampf der Richtungen längst zu eine n pers nl ch n Kämpf entartet, das Kabinett Steeg führt ein mühevolles Dasein inmitten einer Opposition, und die mit so viel Emphase verkündeten Grundsätze der Außenpolitik beginnen bedenklich zu schwanken.

Die nächste Völkerbundstagung wird Antwort auf die Frage geben, ob die neue politische Ent­wicklung in Frankreich, die unter dem Druck der internationalen Fragen zustande kam, sich über diese internationalen Probleme auch Rechenschaft gibt und aus ihnen, wenn auch noch fo zaghaft, einen Schluß zu ziehen wagt. Nämlich Öen Schluß, daß Frankreich aus eigenem Interesse in den Neubau Europas einwilligen und an ihm mitarbeiten muh. Dis jetzt sind dafür noch nicht viele Anzeichen vorhanden. Das Jahr 1930 ging zur Neige, ohne in dieser Richtung etwas Positives gebracht zu haben. Es hat nur Be­stehendes erschüttert. Die Prvp cyeiungen für daS Jahr 1931 klingen pessimistisch, die Lage ist tat­sächlich nicht rosig, aber gerade in solchen Zeiten könnten neue Sbecn einen günstigen Boden finden.

Wichtige Lohnsteuerbestimmungen.

Dom Finanzamt Gießen wird uns mit­geteilt:

Bei Abführung der Lohnsteuer in bar oder durch Hebertoeifung: a) Arbeitgeber, die im Kalenderjahr 1930 die Lohnsteuer ihrer Arbeit­nehmer in bar ober durch Uebertoeifung abge» führt haben, müssen für jeden am 31. Dezember 1930 in ihrem Dienst stehenden Arbeitnehmer iem Finanzamt die Steuerkarte 1930 mit der vollzo­genen Lohnsteuerbescheinigung auf der Rück,eite derselben übersenden. Die Ueberfenbung hat bis zum 20. Januar 1931 an das Finanzamt zu erfol- ?en, in dessen Bezirk der Arbeitnehmer am 0. Oktober 1930 feinen Wohnsitz gehabt hat. Tis Steuerkarten dürfen also diesen Arbeitnehmern nicht ausgehändigt werben, b) Für die übrigen im Jahre 1930 bei ihnen beschäftigt gewesenen, aber vor dem 31. Dezember 1930 ausgeschiedenen Arbeitnehmer müssen die Arbeitgeber bis zum gleichen Zeitpunkt den Finanzämtern, in deren! Bezirk die Steuerkarte 1930 ausgeschrieben wor­den ist, Lohnsteuerüberweisungsblätter übersenden. Dordrucke zu den Lohnsteuerüberweisungsblättern werden von den Finanzämtern unentgeltlich aus- gegeben.

Bei Verwendung von Steuermarken:Ar- beitnehmet, für die tm Kalenderjahr 1930 Steuermarken verwendet worden find, sind ver­pflichtet, die in ihrem Besitz befindlichen Steuer­karten für 1930 mit den mit Marken beklebten Einlagebogen bis zum 20. Januar 1931 bei dem Finanzamt abzuliefern, in dessen Bezirk sie am 10. Oktober 1930 gewohnt haben.

Nähere Auskunft erteilen die Finanzämter.

Daten für Samstag, 3. Januar.

106 v. Ehr.. Marcus Tillius Cicero in Arpinum geboren, 1829: Der Philologe Konrad Duden auf lut Bofsigt bei Wefel geboren; 1912: der Histo­riker und Dichter Felix Dahn in Breslau gestorben.

Daten tür Sonntag, 4 Januar.

1849: Franz Xaver Gabelsberger, Begründer der deutschen Stenographie, in München gestorben; 1880: der Maler Anselm Feuerbach in Venedig ge­storben; 1913: General Graf Alfred von Schlieffen in Berlin gestorben.

Nach dem Vorbild des Hamburgischen Korrespon­denten führten in kurzer Zeit die meisten damals bestehenden politischen Nachrichtenzeltungen einen Gelehrten Artikel ein. Besonders bekanntgeworden ist die Tätigkeit Lessings für den Gelehrten Ar­tikel der Vossischen Zeitung in Berlin Durch Lessing errangen sich die Zeitungen in ihrem literarischen und kritischen Teil nicht nur Ansehen und Anerken­nung in der Gelehrtenwelt, sondern sie standen von nun ab auch gleichberechtigt neben den Zeitschriften, vor allem neben den sogenannten moralischen Wo­chenschriften da. Der Einfluß der Zeitung auf die Verbreitung der Literatur, besonders der Belletristik, war durch Lessing begründet.

Neben den Nachrichtenzeitungen gab es aber da­mals die sogenannten Jntelligenzblätter. Das waren Zeitungen, Die in Der Regel von Den einzelnen deut­schen Staaten ins Leben gerufen waren, um An­zeigen zu veröffentlichen. Der Staat beanspruchte nämlich damals für die Veröffentlichung bei An­zeigen ein Monopol. Diese Jntelligenzblätter wurden aber wenig gekauft; von Anzeigen allein kann eine Zeitung nicht existieren. So entstand zur Anlockung einer Leserschaft in diesen Jntelligenzblättern die andere Seite des Feuilletons: statt des Gelehrten Artikels der unterhaltende Teil. Es war das Ver­dienst des Kanzlers der Universität Halle. Peter von Ludewigs, dieses unterhaltende und belehrende Feuilleton im Jahre 1731, also ebenfalls vor 200 Jahren, im Höllischen Jntelligenzblatt begründet zu haben. Ludewig wandte sich mit diesem Feuilleton unmittelbar an die breite Masse der Leserschaft Sein Bestreben war, das Wissen der Hallenser Professo­ren für die Abonnenten seines Blattes fruchtbrin­gend auszuwerten. Er legte deshalb den Hauptwerk auf die Aktualität. Ihn interessierten weniger wissen­schaftliche Abhandlungen und gelehrte Untersuchun­gen als irgendwelche praktischen Kenntnisse für den gemeinen Mann Auf feinen Gedanken fuRi das publizistische Lebenswerk eines der größten deutschen Zeitungsmänner, Justus Mösers, der in seinem 1766 von ihm begründeten Osnabrücker Jntelligenz­blatt in vorbildlicher Weise die Aufgabe, einen brei­ten Leserkreis durch das Feuilleton anzuregen, zu unterhallen und dadurch zu leiten, gelöst hat.

Beide Entwicklungen, der Gelehrte Artikel der

Nachrichtenzeitung und das unterhaltende Feuille­ton der Jntelligenzblätter, laufen etwa bis zur Jahr­hundertwende, also etwa bis 1800, nebeneinander her. Dann hat das unterhaltende Feuilleton den Gelehrten Artikel zurückgedrängt; der Gelehrte Ar­tikel verschwindet und aus dem unterhaltenden Feuilleton erwächst langsam, immer in Anlehnung an die damalige Literatur, das romantische Feuilleton. Bei den meisten Zeitungen durch­setzte in der Zeit zwischen 1800 und 1830 der Unter­haltungsstoff den ganzen sogenannten politischen Teil und drängte den Nachrichtenteil in eine Ecke. Damals setzte sich die st ä n d i g e T h e a t e r k r i - t i k in der deutschen Presse durch. Die Zeitungen fanden in ihr einen gewissen Ersatz für die gehemmte politische Betätigung. So wird das Theater unter dem Einfluß und unter Anführung der damal gen Presse ein Tummelplatz zum Austrag politischer Ge­sinnungen. Die damalige Periode des Feuilletons ähnelte in vielem den Zuständen, die jetzt in der Zeitung bestehen. Auch damals erlebte man ein Ueberhandnehmen des Feuilletons, es gab Zeitun­gen, die überhaupt nicht mehr die Politik erwähnten und sich nur den schönsten Künsten, dem Theater und anderen geistigen und kulturellen Aufgaben widmeten. Diese erste, sich ganz deutlich abzeichnende Feuilletonisierung der Zeitung endete sofort, als eine neue politische Zeit heraufzog. Bereits die fran­zösische Revolution von 1830 warf ihre Wellen nach Deutschland hinüber Das Volk und damit die Zei­tung politisierten sich. Die deutsche Revolution von 1848 brauchte zur Vorbereitung rund zwei Jahr­zehnte. Im Feuilleton wurden von Jahr zu Jahr mehr politische Töne angeschlagen, bis es in der Revolutionsaera 1848 49 fast völlig verschwand.

Nach dem Ausklang der Revolutionsjahre beginnt für das Feuilleton eine neue Epoche, die man am sachgemäßesten als die Zeit des bürgerlichen Feuilletons bezeichnen kann. In dieser Zeit erobert sich das Feuilleton alle Zweige der Kritik; der sogenannten Zeitungs-Essay wird geboren; und es bildet sich mehr und mehr die Sitte aus, einen Zeitungsroman zu bringen. Damit hängt aufs engste die Bildung des Feuilletonsunter Dem Strich" zusammen. Die Jahrzehnte von 1850 bis 1880 darf man wohl als die bisher größte Zeit des

deutschen Feuilletons betrachten, weil die Stand­punkte damals, von der Zeitung her gesehen, als gesichert galten und das Feuilleton, wenigstens in den großen Zeitungen, ein gewisses gleichförmiges geistiges Gesicht zeigte und wahrte. Wie man im politischen Leben den deutschen Einheitsstaat in jenen Jahrzehnten erkämpfte, so suchte man im Feuilleton Den deutschen Kulturbegriff in seinen mannigfachen Ausdrucksformen darzustellen. Am einheitlichsten ist bas unbestreitbar in jener Epoche Levin Schücking in der Kölnischen Zeitung gelungen. Er hat in demselben Maße oorblldlich für die Bildung eines deutschen Feuilletons als eines Inbegriffs des deutschen Kulturstrebens gewirkt, wie sich 100 Jahre vor ihm Lessing in der Vossischen Zeitung dafür eingesetzt hatte, daß sich die Zeitun­gen der deutschen Literatur angenommen und sich von Da ab für sie oermanDt haben.

Diese ruhmvolle PerioDe des deutschen Feuilletons endete etwa um 1880. Dann entstanden in allen deutschen Städten neue Zeitungen, die bald in Die Führung hineinwuchsen und eine große Leserschaft um sich sammelten. Mit dem Aufbau dieser Zeitun­gen ging gleichzeitig eine Veränderung des Feuille­tons Hand in Hand. Die große moderne Tageszei­tung bildete sich aus, so wie sie im allgemeinen heute noch besteht. Und in dieser modernen Tageszeitung ist die sichtbarste und wesentlichste Tatsache Der Ent­wicklung unbestreitbar roieDer Die Feuilletonisierung. Ueberall herrscht heute in Der Zeitung wenn nicht ausgesprochen Das Feuilleton, so Doch Die feuille- tonistische Form Die Feuilletonisierung Der Zei­tung ist ihre Eigenschaft, jeDen Stoff allgemein ixt» ftänDIid) und allgemein interessant zu machen. Sie äußert sich Deshalb hauptsächlich in Dem Bestreben Der Zeitung, niemals langweilig zu fein unD zu­gleich doch jeben einzelnen Leser der Zeitung anzu­regen. zu unterhalten, kurz jedem das Seine zu geben Die Tatsache der fortschreitenden Entwicklung der heutigen Zeitung zu feuilletonistischen Methoden, Stoffen und Formen, zur Anschaulichmachung alles Geschehens ist zugleich das deutlichste Zeichen für die interessantere, lebendigere, gefälligere Ausgestaltung der modernen Presse überhaupt.