Nr. 177 Zweiter Blatt
Polen
und seine Nachbarn im Osten.
Don E. von llngermGlermberg.
Trotzdem die Weltgeschichte gegen Polen grausam war und daS Königreich als selbständigen Staat vor etwa 150 Jahren von.der Landkarw Europas verschwinden lieh, so ist die Weltgeschichte doch auch ein Weltgericht gewesen. Polen war ein Unruheherd Europas. Erst als Rußland. Preußen und Oesterreich die polni- schen Länder austeilten, kehrten Frieden und Ruhe ein. ES war eine historische Ungerechtigkeit möglich, aber wenn man in Betracht zieht, waS gerade Preußen für die einst unter polnischer Hoheit stehenden Landstriche getan, wieviel Kultur und Wohlstand eS ihnen geschenkt hat, so ist dos Unrecht damit ausgeglichen worden. Das nach dem Weltkriege wiederaus- erstandene Polen scheint aus den Lehren der Geschichte nichts gelernt zu haben. Mit keinem seiner Rachbarn versteht eS in Eintracht zu leben, es ist in seinem chauvinistischen Ehrgeiz und in seiner Großmannsucht wieder zum Gefahrenherd Europa- geworden. Wenn sich Polen früher darüber beklagte, daß seine Volksgenossen unterdrückt würden, so hat eS kn seiner Ländergier sich jetzt deutsche, litauische, weißrussische und ukrainische Gebiete einverleibt, und sträubt sich, seine Pslicht den Minderheiten gegenüber zu erfüllen.
DaS Bündnis mit Frankreich ist der Eckstein der Innen- und Außenpolitik Polens, wobei Frankreich der gebende und Polen der nehmende Teil ist. 3m Weltkrieg waren es die Deutschen, die Polen befreiten. Später allerdings ließen sich die Polen von Frankreich ausrüsten, bezahlen und verpflegen, ohne jedoch einen ernsthaften Kampf an der Seite der Alliierten geführt zu haben. Die mit Frankreich- Hilfe aufgestellte Armee Hallers hat hauptsächlich dazu gedient, die Ukrainer zu unterdrücken und aus Polen ein Dölkergefängnis für die Fremdstämmigen zu machen.
Das Verhältnis Polens zu Deutschland ist genug am bekannt, Polen strebt danach, die Ungerechugkeiten von Versailles au verewigen und möchte am liebsten auch noch Ostpreußen dem Reiche entreißen. Die Spionageaffären und Grenzzwischenfälle beweisen, daß die Warschauer Regierung noch weit davon entfernt ist, mit Deutschland zu einem erträglichen Zusammenleben zu kommen.
Mit seinem litauischen Rachbar lebt Polen noch immer mehr oder weniger in einem Kriegszustand. Wohl haben der frühere litauische Ministerpräsident Prof. Woldemaras und Marschall Pilsudsky unter dem Druck der Verhältnisse in Genf einen Händedruck ausgetauscht. Die offizielle Fiktion des Kriegszustandes zwischen den beiden Rachbarländern wurde aufgehoben, aber an den tatsächlichen Verhältnissen hat der Händedruck nichts geändert. Roch immer liegen an der Wilnagrenze die Schützengräben ousgeschültet und die Schildwachen beschießen sich. Die direkten Verhandlungen, die auf Anregung des Völkerbundes zwischen Kowno und Warschau in Königsberg, Berlin usw. stattfanden, endeten wie dos Hornberger Schießen und der Konflikt blieb in seiner ganzen Schärfe bestehen. Zwischen Polen und Litauen sind dieGrenzen gesperrt, die diplomatischen Beziehungen sind nicht aufgenommen worden und die Wil- nafrage bleibt nach wie vor als Gefahren- komplex im nächsten Osten bestehen. 3n Kowno wurden kürzlich auf den Straßen antipolnische Demonstrationen veranstaltet, die Fenster der in polnischer Sprache erscheinenden örtlichen Zeitung wurden eingeworfen, und wie üblich wurde dem Völkerbundsrat eine Klage gegen Polen eingereicht, die aber, wie das bereits früher geschah, unbebachtet blieb. Man hat sich im Völkerbund immer gescheut, den litauisch-polnischen Konflikt so ernst zu nehmen wie er wirklich ist. Man will so tun, als ob es sich um örtliche Gegensätze handle und nicht um ein Problem von gefährlicher internationaler Bedeutung. Wenn
Deutsch fein!
Don Wilhelm Schäfer.
»Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun I" Das soll zunächst wohl bedeuten, daß der Deutsche sich einer Sache hinzugeben bereit sei, auch wenn sie ihm keinen Ruhen oder gar Schaden brächte. Das wäre nun freilich eine Art Selbstruhm, dessen Begründung eine allgemeine menschliche Eigenschaft als seine besondere Tugend in Anspruch nähme: denn wenn es irgendeine Scheidung der Raturen gibt, so jene, wo die einen ihr stolzes: .Ich dien!" auf die Fahne geschrieben haben, und die andern ihr freches: »Ich genießeI"
Wer aber das Wort über diese erste Bestürzung hinaus bedenkt, wird seinen verzwickteren Sinn finden. Eine Sache um ihrer felbft willen tun, heißt sich ihr unbedingt hingeben, also so, daß die eigenen Wünsche nicht mehr mitsprechen. Anscheinend wird alles Gute so getan; indessen, wer seinen Dingen auf die Finger zu sehen geübt ist, weiß von der Lust des Guten, die der Lust des Bösen nicht nachsteht. Schließlich wäre das Gute, das ich um seiner selbst willen täte, nur eine erfüllte Pflicht, nicht wirklich Gute, das meiner gleichwohl nicht entbehren kann.
Rur der Gute kann Gutes tun, und gerade er weiß, wie bedenklich alle gute Tat an sich ist. Sie wirklich zu vollbringen, bedarf es ciher Freiheit, die mehr als Hingabe, vielmehr ihr Gegenteil, nämlich Einsatz ist. Hingabe heißt sein Selbst verlieren, Einsatz heißt, es gewinnen.
Dos stolze .Ich dien!" als Einsatz meiner Persönlichkeit har seine Kehrseite in der Hingabe, die eben die Bedenklichkeit in dem .eine Sache um ihrer selbst willen tun“ ist.
Die mächtige Herrin aller Hingabe ist bekanntlich die Liebe, in der Askese ist sie bis zur bewußten Opferung meines Selbst gekommen. Wenn diese Opferung Gott zu Liebe geschieht — also nicht etwa um himmlischen Lohn — ist die Entselbstung zugleich der ganze Einsatz meines Selbst. Aber außer Gott gibt es viele Dinge in der Welt, die ich lieben, in die ich verliebt sein kann; und jeder dieser Lieben steht der Weg von der Reigung zur Leidenschaft offen.
Leidenschaftlich bedeutet in allen Fällen, sich an eine Sache verloren haben; ich besitze ihren Gegenstand nicht, sondern er besitzt mich, Und da keine Sache in der Welt Io töricht» ist. baß
Donnerstag, 3s. Zull 1950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Polen es auch in Abrede stellt, so wäre es doch, sollte sich die Möglichkeit bieten, nicht abgeneigt, auf Grund historischer und machtpolitischer Erwägungen sich Litauen wirtschaftlich und politisch einzufügen, hat doch Marschall Pilsudsky erklärt, daß et in einer schlaflosen Rächt daran gedacht habe, den Truppen den Befehl au geben. in Litauen einAurüdcn und ähnlich, wie es General Zeliegowsky getan hatte, als er nach dem Frieden von Suwalky Wilna überfiel, den Konflikt durch einen Gewaltstreich zu lösen.
Sind die Beziehungen zwischen Polen und Litauen ausgesprochen feindliche, so sind auch die Beziehungen Polen- zu seinem großen Rachbar im Osten, zu Rußland, psychologisch und politisch belastet. Seit 3wan des Grausamen Zeiten haben Polen und Rußland nicht friedlich nebeneinander leben können. DaS Schicksal entschied sich gegen Polen. 3e mehr der russische Koloß erstarkte, desto mehr schwand die Macht Polens, bis Warschau schließlich nicht mehr al« der Sitz eines russischen GeneralgouvemeurS war. Das wiederauferstandene Polen, das sich nach dem Frieden von Riga rein russischer Landstriche bemächtigte, weiß, daß früher oder später Rußland sich wieder ergeben und die geraubten Länder zurückf ordern wird. Es liegt deshalb im Interesse Polens, Rußland so schwach wie möglich zu sehen, es zerstückeln und im Bolschewismus verkommen zu sehen. Die .Gazeta Polska" spricht diesen Gedanken offen au«, sie meint, welche Regierung auch immer in Rußland die Bolschewiken ablösen würde, möge sie zaristisch, demokratisch oder sozialdemokratisch sein, sie werde sich doch niemals mit dem Verlust der in Riga abgetretenen Provinzen einverstanden er Hären, der Bestand Polen- müsse von einem
erstarkenden Rußland bedroht fein. Dieser Auffassung widersprechen allein die Rationaldemo- traten, die den Erbfeind Polen« in Deutschland sehen und darauf bringen, mit jedem Rußland, auch mit dem bolschewistischen, in guten Beziehungen au leben und, selbst unter Opfern, eine volle Verständigung herbeizuführen. Auch von einer selbständigen 11 traine wollen die Rationaldemokraten nicht- wissen, da sie unter deutschen Einfluß geraten und für Polen eine Gefahr sein würde. Andererseits fühlt sich Polen gegenüber dem Vordringen de« Bolschewismus al- Dorposten der europäischen Zivilisation und Kultur. Dor Warschau wurde 1920 da- Andrängen der Roten Armee ausgehalten und Europa vor einer Katastrophe bewahrt. Seitdem ist die polnisch-russische Grenze ein ÄriegSlager geblieben, in dem sich nicht nur die Soldaten zweier Staaten, sondern auch zwei Weltanschauungen feindlich gegenüberstehen. Zwischen Polen und seinen Rachbarn im Osten gibt es keine stabilen Beziehungen. Für alle ileberrafdringen stehen die Tore offen, und hinter jedem Ereignis lauert die Gefahr einer Katastrophe. Alle die Korridore und Etaatengebilde. die teil« au« Haß und teil« aus Unkenntnis im Osten geschaffen wurden — der Korridor von Wilna nicht weniger als der Korridor, der Deutschland durchschnei- det —, haben keinen endgültigen Sinn. Die polnischen Grenzsteine liegen nicht an der richtigen Stelle. Weder daS Bündnis mit Frank- rcnch, noch der Besuch Grandis in Warschau, fall- er mehr als eine Höslichkeitsvisite ist, tonnen an dieser 'Tatsache etwas änbem. 3m Osten steht eine große Abrechnung bevor, die hoffentlich am Verhandlungstisch und nicht mit Kanonen erzwungen werden wird.
Serbiens erste Königin als Bettlerin in Pans.
Glanz und Elend der Königin Aaialie. — Oes ersten Gerbenkönigs Liebes» abenteuer. — Aus den Gpihelberichten des Wiener Staatsarchivs.
Don Werner Falcte.
3n einem berüchtigten Lokal des Pariser Quartier Latin wurde soeben eine Bettlerin verhaftet; auf der Polizei stellte sich heraus, daß die einundsiebzigjährige Frau die ehemalige Königin Ratalie von Serbien, König MilanS Gemahlin und Mutter des ermordeten Königs Alexander ist.
Wenn Ratalie Obrenowitsch Memoiren schreiben würde! Die Welt würde aufhorchen, die Historiker müßten ihre Bücher verbessern, weil ihnen vieles in der serbischen und der österreichischen Politik in einem anderen Licht erschiene. Der Lebensroman der greifen Bettlerin, die mehrmals die Pariser Gerichte beschäftigt hat, ist aber nicht allein politisch aufschlußreich. Gr beginnt in einer Zeit, in der Serbien türkisch war und die Belgrader Gesellschaft einen Grad von Verkommenheit erreicht hatte, wie man sie selbst auf dem Balkan nur selten antraf; er ist reich an Liebesabenteuern, enthält ein Kapitel Mutterliebe, das mit Kindesraub endet, erzählt von einem betrügerischen Ehemann und ist moralisch genug, zum Schluß Glanz und Glend. Schuld und Sühne einander gegenüberAustellen. QKit einem Wort: dieses Schicksal gleicht einem übertriebenen Filmmanuskript, vom Leben geschrieben. von Personen der Weltgeschichte aufgeführt.
3n der Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die moldauischen Bojaren noch unumschränkte Herrscher in ihrem Gutsbereich, kleine Götter und große Autokraten. Einer von ihnen war Johann Keschko, der als slawischer Rationalist in russische Dienste trat und es dort bis zum Obersten brachte. Er heiratete eine Prinzessin Sturdza. Die Sturdzas sind ebenfalls alte moldauische Bojaren, die schon vor vielen Jahrhunderten in Urkunden erwähnt werden. Im Jahre 1822 wurde einer von ihnen von der Pforte zum Fürsten der Moldau ernannt, und später wurde ein anderes Mitglied der Fa
milie in dieser Würde auch nach der LoSlösung der Moldau von der Türkei bestätigt. Ratalie, die am 14. Mai 1859 in Florenz als Tochter des Bojaren und russischen Obersten Keschko und der Prinzessin Sturdza geboren wurde, stammte also aus vornehmer Balkanfamilie. Sie war ein wunderschönes Mädchen, in das sich Fürst Milan von Serbien verliebte. Am 17. Oktober 1875 fand die Hochzeit statt, an der das ganze Land Anteil nahm, und als Ratalie ein Jahr daraus, am 14. Oktober 1676, einem Sohn das Leben schenkte, wuchs ihre Popularität außerordentlich. Ein glückliches Leben schien vor ihr zu liegen. Der Thron, den sie bestiegen hatte, war freilich mit Blut besudelt. Rach der Ermordung Michael Obreno» witschs am 10. Januar 1868, die Wohl auf die Verschwörung eines Karadjordjewitsch zurückzu- führen war, wurde der vierzehnjährige Milan Obrenowitsch von der Rationalversammlung zum Fürsten von Serbien gewählt. Zunächst regierte an seiner Stelle ein Regentschaftsrat. Als Fürst Milan dann, mündig geworden, selbst die Zügel der Regierung ergriff, verbesserte sich Serbiens politische Lage sehr schnell. In Awei Kriegen gegen die Türkei wurde die Unabhängigkeit erkämpft und das Gebiet vergrößert. Ratalie war nun keine Dasallenfürstin mehr, sondern die Gemahlin eines unabhängigen Herrschers. Sie wollte noch höher steigen. Am 6. März 1882 wurde Serbien zum Königreich erklärt, und aus der Fürstin Ratalie wurde eine Königin.
Aber Serbiens erste Königin war nicht glücklich. Milan war kein guter Familienvater. Mätressen zogen in den Könrgspalast ein, das Geld wurde beim Glücksspiel durchgebracht, manches Schmuckstück muhte ins Ausland verkauft lverden. Es gibt eine eigenartige Skandalchronik, in der die Einzelheiten dieses unglücklichen Familienlebens ausgezeichnet sind; das sind die Spitzelberichte, die im Wiener Staatsarchiv liegen, und
lelebt; Ratalie wohnte
lange vorher getrennt gelebt; Ratalie wohnte meist in FlorenA oder in Wiesbaden und zog dort auch ihren Sohn auf. Einige Monate vor der
zu bewahren.
Die schöne Königin Natalie durfte Serbien nach der Scheidung nicht mehr betreten. Sie zog nach Bukarest, aber es dauerte nicht lange, bis auch der
Scheidung, im Juli 1888, wurde ihr der Kronprinz Alexander auf diplomatisches Ersuchen der serbischen Regierung in Wiesbaden f o 11 genommen, sozusagen mit Hilfe der deutschen Polizei. Das war ein harter Schlag für die Königin, die in Belgrad mit Krämern und reich- getoorDenen kleinen Leuten verkehrte, nur um Die Stellung ihres Sohnes au festigen und die Dynastie auch in der Zukunst vor einem Sturz
Exkönigin Natalie von Serbien in glücklicheren Tagen, auS denen hervorgeht, daß Milan zu einer bestimmten Zeit der Gemahlin PrvticS den Hof machte, dann wieder zur Gattin eine« Belgrader Kaufmanns überging und gelegentlich auch in anrüchigen Häusern Serbiens und des Auslandes gesehen wurde. Die Spitzel schilderten, welche Wucherer König Milan Geld liehen, wie hoch die Zinsen waren und waS als Sicherheit gegeben wurde. Denn ohne Pfand wurde diesem König nichts geborgt! Rur Kaiser Franz Joseph lieh dem benachbarten Herrscher größere Summen »auf sein ehrliches Gesicht hin". Er verfolgte habet politische Ziele, und Milan trieb tatsächlich eine der Donaumonarchie angenehme Politik, sehr zum Aerger der Königin, die alS Tochter eines russischen Obersten ihren Einfluß in russischem Sinne geltend zu machen suchte. Ilm König Milan die Peinlichkeit zu ersparen, bei seinen ständigen Geldverlegenheiten Bettelbriefe an Franz Joseph zu schreiben, schickten die Oester- reicher in gewissen Abständen einen gewissen Herrn von E. an den Belgrader Königshos, und dieser österreichische Aristokrat verstand es, dort mit heiterster Miene viele hunderttausend Kronen an Milan I. im Spiel zu verlieren.
Ob Herr von C. wohl noch lebt? Er müßte Wunderdinge vom Belgrader Hofleben erzählen können, denn Milan pflegte seine Meinung nicht au verbergen und weidlich über seine Frau, deren Lebensführung und seinen mißratenen Sohn Alexander zu schimpfen. Die Königin verhielt sich übrigens nicht ander-; sie ließ kein gute« Haar an ihrem Mann, nannte ihn öffentlich einen Schürzenjäger, Spieler und Hochstapler, wollte sich aber dennoch nicht von ihm scheiden lassen. 3m Oktober 1888 sprach die serbische Synode, trotz dem Protest der Königin, d i e Scheidung aus. Das Königspaar hatte schon
sie nicht ihre Liebhaber, ihre in Leidenschaft Hörige haben konnte, so kann meine Hingabe ebensowohl der Tugend wie dem Laster dienen, sie kann ebenso groß wie närrisch sein.
Briefmarken sammeln oder Karten spielen um der Sache selbst willen ist nicht ohne die Bedenklichkeit, daß mein Selbst in dieser Hingabe vergeudet wird. Erst, wo ich mich einsetzen kann, liegt in der Sache ein Wert meines Tuns. 3n der größten Hingabe des deutschen Wescms lag auch sein stärkster Einsatz: die mittelalterliche Gläubigkeit und ihre Reformation sind so viel Deutschheit wie Christentum. Soll der Sah ein Ruhm sein, mühte er lauten: Deutsch sein, heißt eine Sache mit dem ganzen Einsatz feiner selbst, also auf Tod und Leben tun. Aber sich hingeben und sich verlieren an tausendundeins Dinge, ist die deutsche Gefahr.
Eifersucht.
Don Hans Webau.
1.
»Guten Tag. Adolf, sagte Fedor. »3st deine Frau zu Hause?"
»Aber natürlich", nickte Adolf. »Sie wartet schon auf dich. Wollt ihr musizieren oder Karten spielen?“
»Ich weih noch nicht", murmelte Fedor. »Willst du denn nicht bei uns bleiben?“
.Rein", sagte Adols. »Du muht mich entschuldigen. Ich gehe zu Bett. Doris meinte, es wäre für meinen Schnupfen besser."
.Deine Frau ist rührend besorgt um dich“, lächelte Fedor. .Dann also auf Wiedersehen!“
.Auf Wiedersehen!“
II.
.Ranu", fragte Adolf, als er die Haustür auf* schloß. »Was ist denn los?"
.Ach“, sagte Frau Doris, »Fedor hat ein paar Bekannte cingclahen. Seine Wohnung ist reichlich eng. Du hast doch nichts Dagegen?"
.Richt im geringsten", wehrte Adolf ab. .Ich Denke, wir gehen dann gleich zu Bett, wie?“
.Das ist natürlich nicht möglich", schüttelte Frau Doris Den Kopf, »ich habe die Haus- frauenpflichten übernommen.“
»Schön', nickte Adolf, »da werde ich also allein — — —“
.Das kß auch nicht gut möglich"» lächelt«
Frau Doris. »Wir haben nämlich da- Schlafzimmer als Bar eingerichtet."
.Als Dar eingerichtet?" staunte Adolf. »Aber wo soll ich denn —“
.Dielleicht gehst Du in- Hotel?“ schlug Frau Doris vor.
»DaS ist ein Gedanke!“ nickte Adolf. Wiedersehen also. Unterhaltet euch gut.“
.Auf Wiedersehen!"
III.
.Aber liebes Kind", empfing Adolf Frau Doris, »wo warst du so lange? 3ch warte schon seit 8 Uhr auf dich, und letzt ist es drei Uhr nachts.“
.Ich war mit Fedor im Theater", sagte Frau Doris, .dann haben wir soupiert und dann —“
.Und bann?“
»Dann haben wir noch ein bihchen geplaudert.“
»Ich verstehe zwar nicht", schüttelte Adolf Den Kopf. »Dah ihr immer noch etwa- zu erzählen finDet, aber ich freue mich, dah Fedor dir so viel Zeit widmet.“
,3ch finde Das auch sehr nett“, murmelte Frau Doris.
.Er ist eine Ausnahme von Der Regel", fuhr Adolf nachdenllich fort. .Wenn jemand heiratet, wird er fast immer von den Freunden seiner 3unggesellenzeit verlassen. Fedor aber ist mir treu geblieben. Wir fühlen uns, muh ich schon sagen, inniger verbunden als je.“
.Gewiß“, sagte Frau Doris, »du hast ganz recht."
IV.
.Wo ist Fedor“, fragte Adolf und hing feinen Mantel an die Garderobe.
»Fedor ist nicht da", sagte Frau Dori«.
.Richt da?" wunderte sich Adolf. ,3ßt er Denn heute mittag nicht mit uns zusammen?“
.Rein", schüttelte Frau Doris Den Kopf. .ES wurde telephoniert, daß sein Onkel Eduard in Potsdam im Sterben liege. Er hat sich dein Motorrad auSgebeten und ist nach Potsdam gefahren.“
Adolf blickte feiner Frau starr ins Gesicht. »Was hat er sich ausgebeten?" flüsterte er.
»Dein Motorrad“, sagte Frau Doris.
.Das ist doch nicht dein Emst?“
»Aber natürlich.“
Da schoß Adolf das Blut ins Gesicht. »Mein M v t o r r a d?“ sagte er, und ferne Stimme fing an zu zittern. .Wein Motorrad? Das ich feinem
Schlosser anvertraue, das ich selbst repariere, pflege, reinige? Das gibt es nicht. Fedor tut ja, als ob er hier Der Herr im Hause ist!"
.Aber Liebling", lächelte Frau Doris, .wa« ist Denn schon Dabei?“
.Rein, bitte sehr!“ hob Adolf die Stimme. .Das lasse ich mir nicht gefallen. Haltet ihr mich für einen Esel? 3ch gebe dir mein Wort: Wenn Fedor heute abend kommt werde ich ihm mit aller Deutlichkeit zu versteyen geben, daß ich gegen eine Einschränkung seiner Besuche bei unS nicht daS geringste einzuwenden habe."
Was ist Schikane?
Zwar kann jeher Mensch grundsätzlich seine Rechte unbeschränkt ausüben, soweit dadurch nicht das Gesetz oder Rechte Dritter eingeschränkt werden; es gibt aber einen Fall, in Dem diese Ausübung nicht zulässtg ist, und zwar dann, wenn eine Schikane vorliegt. Dieses Schikaneverbot tritt in Straft, wie Dr.Mühlam in der Leipziger .Jllustrirten Zeitung" aussührt, wenn die Ausnützung eines Rechtes nur den Zweck haben kann, einem andern Schaden zuzufügen. Der Begriff der .Schikane" läßt sich am besten an einigen Beispielen erläutern: Em Grundstückseigentümer gräbt ohne eigenes 3ntereffe einen Brunnen ab, nur um dem Rachbarn Schaden zuzufügen. DaS darf er nicht. Oder: Fernand errichtet auf feinem Grund und Boden einen Bau, nur um dem Rach* bam Licht und Luft zu entziehen. Ein folcher.Reid* bau" ist verboten. Ein Dater gibt einem Kind einen Domamen, den feine Frau nicht leiden kann, nur um diese zu ärgern. Sie kann Abänderung verlangen. Jemand, der von feiner Frau Herausgabe de- Kindes fordern kann, tut dies erwiesenermaßen nur, um ihr Schmerz zuzufügen; dann braucht sie das Kind nicht herauSzugeben. Ein Fall, der vom Reichs- gerußt entschieden wurde, drehte sich um den Besuch des Grabes der Mutier durch den Sohn. Der Dater, ein Schlohherr, der mit dem Sohne in Feindschaft lebte, hatte ihm daS Betreten der Grabstätte verboten. AIS der Sohn im Klagewege den Besuch zu jeder beliebigen Zeit forderte, wandte der Dater ein, er sei herzlcidind, und es rege ihn auf, wenn er den Sohn sähe. Dieser Einwand wurde anerkannt, aber für Schikane erklärt, daß er dem Sohne überhaupt Den Besuch verbiete. Das Gericht setzte fest, daß der Sohn das Grab am Geburts- und Todestag der Mutter sowie am Ostersonntag und am Aller hei- ligentag zwischen 11 und 12 Uhr vormittags besuche» tonne.


