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u( Bismarcks^

90 Millionen Deutsche in der Wett!

Heidelberg am Mississippi, Leipzig in Australien. - Oie Brüder der auöge- wanderten Deutsch-Russen. - Wo die me.sten Ausländsdeutschen leben.

Don Rudolf Bier.

Dissen Sie, wo Heidelberg, Breslau und Lerp- lin liegen? Die Frage bezieht sich freilich mcht auf die bekannten deutschen Städte am Neckar, in Schlesien und in Sachsen, denn es gibt immer noch mehr Orte dieses Namens. Heidelberg hecht ein kleines Dorf am Mississippi, es gibt^ emrn gleichnamigen Ort im Kapland, eine Stadt Het- delberg in Transvaal und schließlich eine ebenso benannte Ortschaft von etwas über 703 (Sin- wohnern in dem australischen Staat Dictorta; Breslau findet der verwunderte Netsende un Staate Neuyork in der Nähe der Stadt Suffolk, aber auch im Staate Texas und schließlich in der kanadischen Provinz Ontario: in Australien, und und zwar in Tasmanien, gibt es einen Ort mit dem Namen Leipzig, und eine Siedlung desselben. Namens besteht im Staate Neuyork. 3n aller Welt gibt es Orte, die deutsche Städtenamen tragen und in denen die Nachkommen deutscher Auswanderer wohnen. 3m 3nnern des brasilia­nischen Urwaldes kann man mitunter ein Dorf finden, dessen Häuser aussehen, als ob sie in der Nähe von Stuttgart erbaut worden seien, und dessen Einwohner unverfälscht schwäbisch sprechen: die Hausfrauen verstehen, Spätzle zu kochen, und die Dorfjugend singt schwäbisch« Dolkslieder. Ganz ähnlich sehen die deutschen Siedlungen aus, die in Mngom, in Rumänien, am Schwarzen Meer, an der Wolga und sogar in Sibirien liegen. Es sind jedoch nicht kleine Splitter des deutschen Volkstums, die in die Ferne versprengt worden sind: die Grenzen des Deutschen Reiches umschließen nämlich nur zwei Drittel aller Deutschen, während viele Millionen Schwaben, Badenser, Pfälzer, Hessen, Sachsen und Niederdeutsche in allen Ländern Europas und auch in anderen Erdteilen eine neue Heimat gefunden haben. Man schätzt die Zahl der Deut­schen in der ganzen Welt auf 90 bis 93 Millionen Menschen!

Aber nicht alle ausgewanderten Deutschen gehen der Heimat dauernd verloren. Wir haben es gerade erlebt, daß ein Teil der Nachkommen jener Deutschen, die sich in Rußland nieder­gelassen hatten und in Sibirien viele Gene­rationen als Bauern lebten, jetzt nach Deutsch­land zurückgekommen ist, teils um sich hier nie­derzulassen, teils um von hier aus nach Amerika zu gelangen. Seit dem Krieg sind aber nicht nur einige tausend deutsch-russische Dauern nach Deutschland zurückgekehrt, sondern weit über eine Million Menschen hat es vorgezogen, die Wohn­sitze im Ausland abzubrechen, um sich im Deut­schen Reich eine neue Existenz zu grünfrm. Un­gefähr 200 030 Ausländsdeutsche, d h Personen, die noch die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen, sind zurückgewandert, darunter vielleicht 20 000 Kolonialdeutsche. Aus Elsaß-Lothringen kamen 120 000 und aus den übrigen abgetretenen Ge­bieten über eine halbe Million Deutsche. Aber auch viele Männer und Frauen, die längst Bürger fremder Staaten geworden waren, ver­suchten es, in Deutschland wieder Anschluß an ihr ursprüngliches Deutschtum zu gewinnen. Don den hunderttausend Menschen deutschen Stam­mes, die zurückkehrten, ist vielleicht ein Drittel inzwischen wieder abgewandert. Außerdem kamen 25 000 Deutsch-Balten, von denen 5000 das Deutsche Reich inzwischen wieder verließen. Das Auslandsdeutschtum ist nicht als eine in den neuen Heimatländern vollständig zur Ruhe ge­kommene Schicht anzusehen: es erfolgen viel­mehr stündig neue Wanderungen der Ausländs­deutschen, und es besteht auch ein gewisser Aus­tausch zwischen den deutschen Siedlungen in frem­den Ländern und dem Deutschtum in Mittel­europa.

Am engsten sind natürlich jene Deutschen mit der deutschen Kultur verflochten, die nahe den deutschen Grenzen wohnen. Mehr als sechs Mil­

lionen Oesterreicher sind nur durch den Paß von ihren Brüdern in Bayern zu unterscheiden. Die zweieinhalb Schweizer, die die deutsche Sprache sprechen, sind politisch sehr früh ihre eigenen Wege gegangen, aber kulturell stets mit Deutschland verbunden geblieben. 3n der Tschecho­slowakei gibt es rund dreieinhalb Millionen Deutsche, in Polen eine Million, im Memelland 140 000 und im Freistaat Danzig 365 000. 40 000 Deutsche wohnen in Dänemark, 103 033 in Hol­land, 120 000 in Belgien und 1 630 000 in Elsaß- Lothringen. 3n den westlichen Ländern Europas halten sich die Deutschen meist als Kaufleute auf. 3n Frankreich, England, Spanien und Por­tugal wohnen zusammen rund 75 000 Deutsche, eine ganz geringfügige Zahl, wenn man zum Vergleich die deutschen Kolonien auf dem Balkan heranzieht. Allein in Rußland lebt eine Million Menschen deutscher Abkunst, zum erheblichen Teil in Gebieten, die früher zu Ungarn gehörten. Ungarische Staatsbürger waren auch sehr viele der 600 000 Deutschen, die zur Zeit in 3ugo- slawien leben nach manchen Schätzungen sind cs sogar 800 000. Dazu kommt etwa eine halbe Million Schwaben, die in Ungarn geblieben ist. Besonders die rumänischen und die jugoslawischen Schwaben haben sich in den letzten 3ahren dem Deutschtum wieder merklich genähert, als Ant­wort auf den nationalen Druck, der auf sie aus- geübt worden ist. Auch in 3talien gibt es heute, nach der Abtretung von Tirol und Triest, große deutsche Siedlungen mit etwa 250 030 Seelen. Neben diesen großen Ziffern will es nichts be­deuten, daß in Bulgarien etwa 5000, in der europäischen Türkei vorwiegend in Konstan­tinopel rund 1000, in Griechenland 503 und in Albanien sage und schreibe 53 Deutsche woh­nen. 3n den nordeuropäischen Ländern Nor­wegen, Schweden und Finnland leben je 4033 bis 5000 Deutsche.

Besonders bemerkenswert ist das deutsche Ele­ment in Rußland, wo sehr alte deutsche Kolonien bestehen. Man kann von drei Wellen deutscher Einwanderung in den europäischen Osten spre- d)cn. 3n der zweiten Hälfte des 18. 3ahrhunderts wanderten die deutschen Dauern unter der Herr­schaft der Kaiserin Katharina II. an die Wolga, fünfzig 3ahre später zog n sie in der Regie ungs- zeit Alexanders I. an das Schwarze Meer, und in der Mitte des vorigen 3ahrhunderts besiedel­ten deutsche Dauern Wolhynien. Aus diesen Niederlassungen entstanden ringsum Tochterkolo­nien: die Söhne der ersten Siedler, denen das ursprünglich eingeräumte Land zu eng wurde, wanderten bis in den Kaukasus, in den ilral und tief nach Sibirien hinein. Heute gibt es im Gebiet der Sowjetunion knapp anderthalb Millionen Deutsche, davon etwa 430 003 in der Ufraine, etwas weniger an der Wolga, 43 000 in der Krim, über 30 000, in Transkaukasien, fast ICO 000 in Nordlaukasien und vielleicht 75 003 in Sibirien. Aber sogar in der Kirgisensteppe und im Fernen Osten, im Amurgebiet, findet man deut­sche Siedlungen, Meder die Abstammung dieser deutschen Dauern unterrichtet man sich am besten durch einen Besuch im Leningrader staatlichen Mundartenarchiv. Auf Schallplatten sind dort 3000 Volkslieder mit 1003 verschiedenen Melo­dien gesammelt, und die'e Lieder verraten, daß an der Wolga ehemalige Hessen und Pfälzer wohnen, während sich daneben an den Küsten des Schwarzen Meeres Schwaben, Badenser, Elsässer, aber auch Niederdeutsche und Danziger Mennoniten finden. Als die Auswanderer sich in Rußland niederliehen, wurden ihnen viele Vorrechte zugesichert, die ihnen aber in den letzten 3ahrzehnten vor dem Krieg wieder ge­nommen wurden. Man wollte sie zu richtigen Russen machen. 3eht ist ihnen wieder gestattet worden, deutsche Schulen zu errichten und die deutsche Sprache vor Gericht zu benutzen.

Der überwiegende Teil der deutschen Auswan­derer ist freilich nicht in den 2000 deutschen Dörfern der Sowjetunion zu suchen, sondern in den Vereinigten Staaten. Dort wohnen etwa neun Millionen Deutsch-Amerikaner, die in der Mnion geboren sind, und über anderthalb Millionen, die aus Deutschland einwanderlen. Wenn die Nachkommen aller Deutschen, die sich in den 'Ver­einigten Staaten niedergelassen haben, ihr Deutschtum ebenso bewahrt hätten wie die 630 000 brasilianischen oder die 6)033 argentini­schen Deutschen, so müßte es heute- in der Union vielleicht 18 oder 20 Millionen Deutsch-Ameri­kaner geben. Aber im Lause der Generationen sind aus diesen Deutschen echte Vankees gewor­den. 3n Kanada gibt es eine halbe Million, in Mexiko 4003, in Uruguay 6330, in Paraguay 5v0u und in Chile weit über 20 000 Deutiche. Wenig bekannt ist es. daß sogar in Australien weit über 100 003 Menschen deutscher Abkunft leben, viel mehr, als in den früheren deutschen Kolonien und in der südafrikanischen Union.

Oberheffen.

65 3af)re Spar- und Vorschußküsse zu Oaubrinyen.

§ Saubringen, 27. 3an. Der hiesige Spar- und Vorschußverein feierte in den letzten Tagen sein 6 5. Stiftungsfest. Aus diesem Anlaß hatte die Kasse alle Mit­glieder und eine Reihe von Gästen zu einem Familienabend am vergangenen Samstag in den vollbesetzten Saal von Gastwirt Weimer ein- geladen.

Sn seiner Ansprache begrüßte der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Kasse, Bürgermeister Preis, die Erschienenen und legte die Gründ« dar, warum der Vorstand des Spar- und Dor­schuhvereins beschlossen hatte, den 65. Geburts­tag der Kasse zu feiern. Der Tag des goldenen Jubiläums konnte nicht begangen werden, da er in die Kriegszeit fiel. Anschließend überbrachte der Redner die Glückwünsche der Gemeinde. Dies« ist dem Vorschuhverein seit seinem Bestehen größtem Danke verpflichtet, da er den größten Teil in der fortschrittlichen Entwicklung unseres Dorfes auf sein Konto buchen kann.

Für die Schule sprach Lehrer Deppler der hervorhob daß zwischen dem Subiläums- verein und der S )ulc durch die Begründung der Schulsparkasse im Jahre 1925 ein besonders an­genehmes Verhältnis besteht. Die Einladen der Schulsparkasse zeigen mit jedem Sahre ein beträchtliches Anwachsen, so d.tz die Svarpfennige der Schulkinder mit Zinsen schon die stattliche Summe von fast 7030 Mark erreicht haben. Er wünschte der Spar- und Vorschuhkasse eine wei­tere günstige Aufwärtsentwicklung.

Dekan G u h m a n n (Kirchberg) sprach von der Gründung der Kasse und bezeichnete diese als eine echt christliche Tat. Shr stets gemein­nütziges Wirken habe immer die sichtbarsten Er­folge gezeitigt. Er schloß mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland.

Sn längeren Ausführungen überbrachte als­dann Oberrevisor Hartmann von Giehen, zu dessen Revisionsbezirk Daubringen gehört, die Glückwünsche des Verbandes der hessischen land­wirtschaftlichen Genossenschaften, Darmstadt. Er gab dann einen geschichtlichen Meberblick über die Entwicklung des gesamten Genossenschaftswesens in Deutschland, besonders auch unseres Bezirks und in Hessen. Hierauf schilderte er die beruf­lichen Richtungen der Genossenschaften, deren Begründer: Schulze (Delitzsch). Haas (Darmstadt) und Friedrich Wilhelm Raiffeisen waren. Die auherordentlich hohe Zahl der Genossenschafts­vereine in Deutschland bilde einen Hauptfaktor im Wirtschaftsleben.

Anschließend entwickelte der langjährige und derzeitige Direktor des Vereins. Wilhelm A l - b a ch, ein anschauliches Bild der Entwicklung des Spar- und Vorschuhvereins von seinen ersten Anfängen, gestützt auf noch vorhandene Akten, bis heute. Am 23. Sanuar 1865 wurde di« Kasse auf Anregung des damaligen Psarrassistenten Davidsohn in Kirchberg bei Wirt Geißler gegründet. Die überwiegende Zahl der ersten

Mitglieder stammte von Daubringen, die Minder­heiten aus den Dörfern des Kirchspiels Lollar. Staufenberg, Ruttershausen und Mainzlar. AuS diesem Grunde wurde auch bei der erstmaligen Bildung des Kasienvorstandes der damalige hie­sige Lehrer Büttner, der sich ebenfalls um das Zustandekommen des Spar- und Vorschuß- Vereins sehr verdient gemacht hatte, zum ersten Vorsitzenden gewähll und damit der Sih der Kasse nach Daubringen verlegt. Sdeal veran­lagte Männer haben seit dieser Zeit, meist ehren­amtlich, die Geschäfte der Kasse versehen und diese zu der beachtlichen Höhe cmporgeführt, auf die sie heute mit Recht stolz sein kann. Don Rückschlägen (Snflation) ist die Kasse nicht ver­schont geblieben, aber die führenden Männer haben in verständnisvoller und zielbewußler Ar­beit das Dereinsschiff sicher und glücklich ge­steuert. Den Haupta iteil daran hat neben den anderen verdienten Vorstands- und Aufsichts­ratsmitgliedern der Direktor W- Alb ach. der nun bereits 33 Sahre das Direktoramt innebat. Die Zahl der Mitglieder hat inzwischen die stattliche Höhe von 157 erreicht. Die Eeschäfls-

' anteile betragen 50 Mark. Die Summe der Spareinlagen ist bereits auf rund 90 000 Mark angcwachfen. Der Wohlfahrtseinrichtung des Vereins Kleinkinderfreund" hat die Kasse bei ihrer Gründung und auch noch einige Sahre danach namhafte finanzielle Mnterstühung ge­leistet. Die große Zahl der Baulustigen feit Kriegsende hat in dem Spar- und Vorschuß- Verein einen hilfreichen Förderer gefunden.

Mm die Ausschmückung des Abends hat sich in besonderer Weife Dr. B a l f e r und Frau ver­dient gemacht. Klaviervorträge, zwei- und vier­händig, Einzel- und Chorlieder, humoristische Darbietungen jeglicher Art. wechselten wirkungs­voll miteinander ab. Einzelne Programmpunkte zu nennen, würde in der Fülle des Dargebotenen zu weit führen. Sie fanden lebhaften Beifall, ebenso auch die Darbietungen der mehr als 70- jährigen alten Vorstandsmitglieder Hch. Wei­mer II. und W. Albach, des Direktors der Kall«, in ernsten und heiteren Gedichten. Bürger­meister Preis, als Aussichtsratsvorsihender. sprach allen Mitwirkenden, die sich um die Aus­gestaltung des Abends verdient gemacht haben, den Dank des Spar- und Vorschußvereins aus. Di« Veranstaltung des 65. Stiftungsfestes der Sparkasse kann als wohlgelungen bezeichnet werden.

Vogelsberger Sangervereinigung.

T Gedern, 28. San. Am letzten Sonntag tagte im Dergwirtshaus die Cßertreterber- fammlung derVogelsberger Sän­ge r v e r e i n i g u n g". Sämtliche Vereine hatten Vertreter entfanbt Rach dem ChorBleib deutsch, du herrlich Land am Rhein" eröffnete der Bundesvorsihende, Lehrer Ströhinger (Ober-Lais), die Tagung. Er wies darauf hin, daß vor 25 Sahren dieVogelsberger Sänger­vereinigung" durch Lehrer Hofmann (Vol- kartsham), jetzt in Büdingen, ins Leben gerufen wurde. Rach Erstattung des Geschäfts­berichtes erfolgt« durch Herrn Hofmann (Ge­dern) die Rechnungsablage, die mit einem Gut­haben von mehr als 403 Mark abschloß. Rach einem Bericht des Vorsitzenden über die Mnter- schlagungen beim Vorstand des Deutschen Sänger-

Eine wertvolle Artikel-Serie, die einer selten besuchten und kaum bekannten Provinz Italiens gewidmet ist und unter dem Titel

Herbst in Apulien von einem der berufensten Schilderer südlicher Landschaft, dem Dichter Albert H. Rausch nach seiner letzten Reise für uns geschrieben wurde, beginnt am Samstag, 1. Februar, im Feuilleton zu erscheinen.

Gießener Ettavttheater

Louis Verucml:Tu wirst mich heiraten!"

Dieses Stück mit dem kategorischen Smperativ wobei man nicht unbedingt gleich an Kant zu denken braucht ist nicht das Beste, was D e r - neuil gemacht hat.

Zwar kommt auch hier ein Bett vor (wie könnte Verneull ein Stück ohne Bett schreiben!), zwar triumphiert auch hier die Ge.lebte über die Ver­lobte. zwar winimelt es auch hier von Frechheiten, Anzüglichkeiten und Frivolitäten, aber damit ist cs ja schließlich nicht getan: das Beste an Ver­neull war nie das spezifisch Pariserische seiner Stosse, sondern die Machart und der Zuschnitt seiner Stoffe, und wir kennen Stücke von ihm, die besser sahen und korrekter gearbeitet waren.

Die Fabel: der Sieg der illegitimen Freundin über die rechtmäßige und vom Familienrat vor­gesehene, standesgemäße Verlobte. Sieg auf der ganzen Linie. Der Einbruch in die adelsstolze, aber etwas degenerierte feindliche Front geschieht mit Hilfe eines geschickt vorgetäuschten Auto­unfalles.

Das Motiv ist nicht neu, aber es ist noch immer wirksam. Verneull ist hier überhaupt nicht gerade wählerisch in seinen Mitteln: er verschmäht nicht einmal (im dritten Akt, der an sich das Glanzstück sein sollte) einen ungenierten Ab­stecher in die bewährtesten Schwank-Regionen. Wenn man nämlich statt des ältesten Sohnes, den man nach dem raffinierten Plänchen der unter­nehmungslustigen Geliebten finden sollte, den jüngsten Sohn unschuldigerweise und nächtlicher­weile aus einem Kabinett neben dem (obligato­rischen) Schlafzimmer hervorzieht.

An sich läßt sich natürlich lustspielmähig aus dem Einfall allerlei machen: und es gibt auch eine ganze Reihe drolliger und witziger Situa­tionen.

Wie die freche Person in das hochfeudal« Elternhaus ihres Freundes und zukünftigen Ehe­gatten eindringt, sich dort häuslich niederläht, alle Welt tyrannisiert, die Familie gegeneinander aufhetzt und ausspielt, sich den Hof machen läßt, nicht zu vertreiben ist und mit allen erlaubten

und unerlaubten Mitteln auf ihr (an sich recht ehrbares) Ziel, den bekannten Hasen der Ehe lossteuert,: das gibt eine Menge gut aus- genutzter Möglichkeiten Smmerhin ist das Motiv nicht wie ein Gummiband zu strecken, es hat seine Grenzen, und vier Akte wollen gefüllt sein. Man gewinnt den Eindruck, daß Verneull nicht recht zu Stuhle kommt mit seiner Lösung und es geht gegen Ende alles ein wenig umständlich und langwierig zu.

Die Regie von Sannert, der an sich eine unterhaltsame und teilweise ganz witzige Auf­führung herausbrachte, hätte da an manchen Stellen, besonders nach der Pause, ein wenig nachhelfen und im Tempo zulegen sollen: im übrigen kann man einverstanden sein, zumal recht angeregt gespielt wurde.

Marianne M? wes, die Eindringlingin mit der Autopanne und der unbezähmbaren Sehn­sucht nach der standesamtlichen Legitimierung ihrer Beziehungen zuni Sohne des Hauses, war in bester Form und gab amüsante Proben eines vielseitigen und typisch weiblichen Schauspieler- tums. Man sah vieles, wenn nicht alles, im voraus kommen, aber man sah es mit Ver­gnügen kommen.

Wesener wird in letzter Zeit immer besser: sein Etienne, ein Tartüff im Westentaschenformat, war, besonders in den ersten Szenen, charmant. Auch Sannert (als der ältere Bruder, auf den es abgesehen ist) war durchaus in feinem Element. Hais, Schuber t-Sünglng, Zingel, Doering, Linkmann vervollständigten die Gesellschaftsszenerie im Salon.

Freundlicher Beifall. Dr. Th.

Lochschulnachrichten.

Es haben Berufungen angenommen: Professor Dr. Arthur Baumgarten in Basel auf den Lehrstuhl für Strafrecht an der Mniversität Frankfurt an Stelle des Geheimen Sustiz- rates B. Freudenthal, und Professor Dr. Paul Mehner in Tübingen auf den Lehrstuhl der Botanik in Greifswald als Nachfolger von Prof. Soh. Buder. Prof. D. RudolfButt- mann in Marburg hat den an ihn ergan­

genen Ruf auf den Lehrstuhl der neuteftament- lichen Wissenschaft an der Mniversität Leipzig abgelehnt. Der Oberingenieur Dr.-Sng. Fried­rich Hübener an der Technischen Hochschule in Berlin hat einen Ruf an die Technische Hoch­schule in Darmstadt als ordentlicher Pro­fessor des Maschinenbaues zum 1. April 1930 erhalten und angenommen.

Oer goldene Raine.

Ton Kurt Rudolf Treubett.

Man hat mal Totenkopfhusar werden wollen. 2Iber das ist lange her. Man hat mal Herz auf Schmerz gereimt, das ist noch viel länger her. Man hat mal ein Mädel liebgehabt, aber man weiß kaum noch ihren Namen. Der Name ist geblieben wie ein Rosenblatt im Album.

Man hat später noch andere tennengelernt, die diesen Namen trugen, denn es ist ein einfacher schö­ner Name, nicht aus der Filmbranche, sondern ge­wachsen im Garten vor dem Haus, solch ein Name, aber es gibt nur einmal diesen Namen.

Man hat ihn geflüstert, geseufzt, geschrien. Man hat ihn gekostet, ihn auf der Zunge zergehen lassen wie eine Frucht aus südlichen Gärten. Man hat ihn in die Sterne geschrieben und auf unzählige Briefe. Im Sommerwind hat man ihn über die Felder gesummt.

Dann hat man ihn vergeßen.

Er war verloren wie ein goldener Ring und man hat ihn wieder gesucht und ihn geputzt und ihn funkeln lassen, diesen goldenen Namen.

Hunderttausende sprechen ihn gleichgültig aus. Das Dienstmädchen mag so heißen oder die Waschfrau oder jie Tochter vom Portier.

Manchmal, des Abends, wenn der Name über den Hof gerufen wird, möchte man fortgehen, in ein Cafö, wo fremde Mädchen sitzen, die man morgen wieder vergessen kann.

Manchmal des Nachts, wenn das Meer der Groß­stadt leise ins Zimmer rauscht und die Lampen sum­men über den Straßen, weht der goldene Nam« her...

Man träumt, sie kommt...

Nach fünf Jahren oder zehn, wenn es einem besser geht, wird man wohl heiraten und in einem 1 Gefühl, so wie: es ist ja nicht ganz recht, aber man

kann nicht anders als gegen die Wünsche der 23eh wandtschast feinem ersten Töchterchen diesen Namen geben.

Gebundene Geschöpfe.

Von Alfred Brust.

Nachdruck verboten.

Plötzlich fällt durch die atmende Still« dieses lieblichen Nachmittags sehr hoch aus dem tiefen Blau ein Ruf wie Silber. Mnd dann noch ein­mal .. .Mnd eine gcmz« Kette von silbernen Rufen klirrt hernieder, sich wiederholend, sich weiter­tragend aus den gereckten Hälsen der in pracht­vollem Geschwader nordwärts strebenden Wan­dergänse. Kühn, frei, zielstoßend und überwäl­tigend trifft Ton um Ton Ohr und Herz der emporgerichteten Wesen.

Fünf Hausgänse, die int sumpfigen Feldgraben ruderten und klatschten, stehen, die Köpfe er­hoben, auf schlammigem Grund. Alles an ihnen ist Lauschen auf jene hochgemuten Grüße der reisenden Schwestern. Lautlos äugen sie hinaus in das Blau des Himmels, die Rufenden zu er­spähen. Dunkles Ahnen von gelähmtem Können ringt sich ihnen aus Blut und Instinkt. Sie rühren 'das beschmutzte Gefieder, spreizen die schweren Schwingen. Aus ihren Gurgeln stoßen sie blecherne Schreie hervor. Mnd auf einmal zwingen die schlagenden Flügel die fetten Körper empor: mit großem Geschrei tragen sie sich ein Stück übers Feld. Sie sinken erschöpft auf ihre breiten Füß« zurück. Stehen wieder lautlos mit hochgereckten Köpfen. Horchen und äugen. Schon weit, weit find die wandernden Schwestern dahin. Nur ganz leise noch gehen die fernen Rufe her von der Straße der Vögel. Mnd endlich verhaucht auch das letzte zitternde Schwingen.

Doch immer noch stehen die gebundenen Gänsr im Feld und lauschen hinaus. Mnd «s vergeht lange Zeit noch, daß sie so stehen. Vergessen sind Hunger und Schmutzgraben und stinkender Stall. Es ist, als hätten sie eine erschütternd« Weihe erfahren. Vielleicht, daß sie weinen, vor Sehn­sucht, wie sie es können.

Eie stehen ganz still... Jetzt haben sie ihre Schnäbel, eins nach dem andern, unter die Flügel gesteckt. Fünf gebrochene, traurige Geschöpfe.