Nr. 75 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)Samstag, 29. März (950
Das Ehrenbreitste n-Reichsehrenmal.
Don Dipi.-Zng. K A. Zichner, Wiesbaden, Vorsitzendem der Mitlelrheinischen Gesellschaft zur pflege alter und neuer Kunst.
Frei flattern die Fahnen auf dem Ehrenbrert- stein! Elf Jahre feindlicher Besatzung ertrug di« Stadt und die Länder am Zusammenfluß von Mosel und Rhein. Koblenz, „das Deutsche Eck", und gegenüber der wuchtige Fels mit seiner reichen geschichtlichen Vergangenheit: der Chrenbreitstein!
Die vorzügliche Lage des Ehrenbreitstein wird schon von alten Chronisten, Matthias Merian, Sebastian Münster, Johannes Trithernius u. a. gepriesen, von landschaftlich seltener Schönheit erhebt sich steil der Fels gegenüber der Ein. mündung der Mosel in den Rhein, beherrscht nicht nur den Fluhlaus des Rheines auswärts und abwärts, sowie auch das Mündungsgebiet der Mosel mit den Ortschaften an den Ufern, sondern steht, weithin sichtbar, eine mächtige Wand, gewaltig und stark, dominierender Ao- schluh der weiten Ebene des Koblenzer Beckens
Die alten Stiche und Bilder der früheren Jahrhunderte, insonderheit die beien Stiche in Merians Topographie, lassen die große Schön- heil des erhabenen Felsens, sowie auch feine besonders in fortisikatorischer Hinsicht vortreffliche Lage in überraschender Deutlichkeit erkennen. Während der bekannteste Feld im mittleren Rheinl^us. die Lorelei, an einer starken Krümmung des Stromes just an der schmälsten Stelle des Rheines steil aussteigt, hat der Ehrenbreit- stein die seltene freie Lage gegenüber der Ebene und der Moselmündung Ruch der Hammerstein und die Erpeler Leh nächst der Lorelei wohl die zwei bekanntesten und markantesten Felsen am Rhein, können sich in bezug auf die weithin sichtbare Lage nicht mit dem Ehrenbreitstein vergleichen Das Einzigartige dieser Felserhe- bung gegenüber der Moselmündung ist eben die seltene Bereinigung der markanten Gestalt der Bergformation mit der weithin sichtbaren Lage, die den Berg zu einem Kulminationspunkt der gesamten Landschaft macht, diese beherrschend und — gleichsam auch im Effekt für den Beschauer — das gesamte Landschaftsbild zu einem Höhepunkt steigernd und zusammensasfend.
Es liegt daher nahe, diesen von der Ratur in seltener Schönheit geschaffenen Punkt der rheinischen Landschaft mit dem Gedanken der Errichtung des Reichsehrenmales am Rhein in Zusammenhang zu bringen Ist doch dieser Punkt nicht nur durch feine natürliche Auszeichnung dazu offenbar geradezu besonders geeignet, erfüllt er dank feiner Lage doch auch alle die an einen solchen Platz zu stellenden anderen Forderungen. Mit dem Begriff des Reichsehrenmales bedingungslos verknüpft ist der Gedanke an Feiern, die von einer sehr großen Menge Menschen hier an diesem Gedächtnisplatz stattfinden sollen und stattfinden werden Unterbringungsmöglichkeiten für große Menschenmasfen sind daher eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Geeignetheit eines Platzes zum Reichsehrenmal. Solche Unterbringungsmöglichkeiten sind nun aber nur in größeren Städten und nicht in kleinen Orten vorhanden. Die meisten anderen der in engerer Wohl stehenden projektierten Plätze für das Reichsehrcnmal bieten in den in der näheren und weiteren Umgebung gelegenen kleinen Ortschaften — erwähnt seien nur die zwei den Zeitungsnachrichten gemäß von den Kommissionen sehr bevorzugten Plätzen Bad Berka in Thüringen und Lorch am Rhein — keine irgendwie den zu erwartenden Anforderungen genügenden Unterbringungsmöqlichkeiten Hier dagegen Koblenz. Lützel-Koblenz. Ehren- breitstcin. Rieder- und Oberlahnstein, Ballendor und die sehr nahe gelegenen Städte Engers Sayn und Reuwicd garantieren geradezu eine reibungslose Unterbringung selbst sehr großer Massen ohne Errichtung non Zelten oder Baracken
Alle diese Orte sind nicht nur durch Eisenbahn oder Schiss, sondern auch durch elektrische Straßenbahnen und mehrere große Strahenzüge, aus denen sich ein starker Automobilverkchr neben Fußgängerverkehr ermöglicht, auf das beste mit einander verbunden, da gemeinsame Interessen dieser Ortschaften hier ein gemeinsames Wirtschaftsgebiet geschaffen hat. Wie anders und geradezu erschwerend ungünstig in Berka oder Lorch! Schiff. Straßenbahn und Autostraße mögen für den Nahverkehr in Frage kommen, während für weitere Entfernung doch nur die Eisenbahn in Betracht kommen kann. Auch hier ist die Lage von Koblenz geradezu vorbildlich günstig wie kaum ein anderer Platz, außer vielleicht Berlin oder Leipzig, in Deutschland geeignet, bietet die Lage von Koblenz und Riederlahnstein als Eisenbahnknotenpunkte die beste Gewähr für den hemmungslosen Antransport großer Menschenmasfen von Westen münden die Woseltalbahn und 'die Eiselbahn, von Rorden die rechts- und linksrheinischen Eisenbahnlinien, denen entsprechend von Süden ebenfalls die
beiden Rheintalstrecken aus Koblenz-Lahnstein zustreben, in die etwas oberhalb bei Boppard bzw. bei Braubach die Seitenlinien vom Hunsrück und vom Taunus einmünden: die Westerwaldbahn stößt bei Engers auf die Rheinstrecke und das Lahntal entlang führt die Dahn, welche das Gebiet um Koblenz mit den östlich gelegenen Teilen Deutschlands verbindet. Rur etwa zwei Stunden entfernt liegen Köln. Düsseldorf und das men- schenreiche Industriegebiet, dessen Bewohner den Rhein so sehr lieben und alljährlich ihre Er- holungs und Vergnügungsfahrten zu vielen Tausenden an den Rhein machen, und ebenfalls nach einer anderen Richtung, auch knapp zwei Stunden entfernt, liegt Frankfurt mit Mainz und Wiesbaden und Darmstadt Vorzüglichste Verbindungen nach allen Seiten werden schnellsten und größten An- und Abtransport stets gewähr
leisten und einen ständigen regen Besuch des Reichsehrenmales, der doch erwünscht ist und erstrebt wird, immer sichern. Dieses Verkehrs- Problem, das bei Berka und Lorch nie befriedigend gelöst werden kann, ist bei Koblenz bereits gelöst und von vornherein vorhanden In dieser Hins.ch. liegt Bad D^ika zwar wesentlich günstiger als Lorch, wo im engen Rheintal schon kleine Ansammlungen unbedingt erhebliche Störungen des gesamten Verkehrs Hervorrufen müssen, auch hat die Lage Berkas im Mitte.punkt Deutschlands natürlich den durch die geographische Lage gegebenen Vorteil, daß der Platz von den Grenzen des Reiches aus fast gleich weit entfernt liegt. WUl man aber — und so geht die Meinung der allermeisten — einen durch geschichtliche Hcbcr- lieferung gleichsani geweihten Platz für das Reichschrenmal, und will man dieses Gedächtnis- mal für die im Weltkriege Gefallenen mit dem Schickfalsstrom des Deutschen Reiches in Verbindung bringen, dann muß man auch einen Platz am Rhein wählen, der nicht nur diese historische Bedingung erfüllt, wie es neben Ko- blenz-Ehrenbreitstein auch Caub oder Hammerstein tun, sondern auch dieser wichtigen verkehrs- technischen Forderung gerecht wird. Die Lage des Ehrenbreitsteins ist also nicht nur landschaftlich und geschichtlich bevorzugt, sondern auch im Hinblick auf diese mit dem Problem des Reichsehrenmals unbedinat auls cnnftc nerbunb-’no ncrt-'Fr*-
technische Seite außerordentlich günstig. Als Platz also erfüllt das Projekt „Koblenz-Ehrenbreit- stein" in jeder Beziehung alle Anforderungen.
Was nun die Ausgestaltung des Ehrenbreitstein zum Reichsehrenmal anbetrifft, so finden sich auch hier unvergleichliche Vorteile gegenüber den anderen Projekten, auch gegenüber den beiden besonders bevorzugten. Berka und Lorch. Die verschiedenen Projekte haben saft alle ihre besonderen Vorteile, ein Spezialgedanke wird von diesem oder jenem besonders glücklich und günstig verwirklicht So ist sicherlich der Gedanke „Toteninsel" nirgends so vortrefflich zu lösen, wie auf einer Rheininfel, fei diese nun Lorch oder Hammerstein ober eine andere. Die Verbindung der beiden Lorcher Inseln, der größeren im Rorden und der kleineren im Süden, auf der ein sarkophagartiges Monument als eigentliches Ge-
Üer neue Reichskanzler Dr. 'Brüning (Zentrum). Hinter ihm Staatssekretär Dr. Pünder.
dächtnismal errichtet werden soll, hat viel De- stechendes, die zweite größere Insel soll dann zur Abhaltung von Kampfspielen zu Ehren der Gefallenen benutzt werden, ähnlich wie einst in Hellas die Kampsspiele $u Olympia veranstaltet wurden, ein Plan, der in Anbetracht der nicht allzugrohen Fläche der Insel nicht absolut einwandfrei gelöst werden kann. Heberhaupt widerspricht der Jnselcharakter in seiner Abgeschlossenheit, Zudringliche abwehrend, diesem Stadion- gedanken, wird es doch außerdem auch immerhin stets sehr erhebliche Schwierigkeiten bereiten, Menschenmassen mit Rachen undFäh bo'en zu der Insel überzusehen, die Gefahr des Ertrinkens sei hierbei nur beiläufig erwähnt. Daher können die meisten anderen Projekte, weil durch den Raum nicht beengt, diese Forderung nach Kampfbahnen für die Ehrcnfpiele weitaus besser erfüllen. Die großen Flächen auf dem Plateau hinter dem Ehrenbreitstein, der alte ehemalige Exerzierplatz und die weitere Umgebung würden hier eine geradezu ideale Lösung möglich machen.
Ob die Idee ..Toteninsel", die antiter Vorstellung entlehnt ist, nun so überragend wichtig für den Reichsehrenmalgedanken ist. mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls wird diese Idee wohl nicht nur der Lage wegen, sondern wohl auch aus Inneren Motiven heraus von den meisten anderen Projekten durch die der germanischen Vorstellungswelt entnommene Ide« „Heiliger Hain" verdrängt. Schon Tacitus berichtet, daß die Germanen ihre Götter und Helden in Hainen verehrten. Und diesem Gedanken versucht die Anlage bei Bad Berka Gestalt zu geben. Wer das Derkaer Gelände kennt, das für das Reichs- ehrenmal auserfehen ist, wird sich des _ tiefen Eindruckes erinnern, den der aus etwa fünfzigjährigem Fichtenwald bestehende „Heilige Hain" auf ihn gemacht hat, durch den eine etwa 100 und mehr Meter lange Schneise zu einem Platz führt, wo das „Ewige Feuer" zum Gedächtnis der Gefallenen brennen soll. Der Gedanke, ein ewig brennendes Gedächtnisfeuer im heiligen Hain hat etwas unsagbar Ergreisendes Feierliche Stille und Andacht gewährende Waldesruhe, * nie erlöschendes Feuer, nie erlöschende Erinnerung an die Opfer des Krieges. Rur ist der Einwand erhoben worden, daß er gesüh's- mäßia nicht angängig sei, irgendeinen Walddistrikt durch Gesetz zu einem Heiligen Hain zu machen, ein Heiliger Hain müsse gepflanzt werden und seine Bäume müßten durch Pflege von Generationen erst gleichsam hoben- und erdverbunden geheiligt werden, ein Gedanke, der sicherlich tiefe Innerlichkeit bezeugt. Die Hochfläche hinter dem Ehrenbreitstein böte Raum genug zur Anpflanzung eines solchen Haines, wo jedes Regiment seine Eiche pflanzen könnte, Eichen statt der Derkaer Fichten wären als Kriegergedächtnisbäume außerdem auch noch zu bevorzugen.
Das Projekt deS Weserberglandes will in der in dem betrefsenden Waldbezirk gelegenen alten Burg jedem Heeresverband ein Zimmer einräumen, in dem er besonders Erinnerungsgegenstände unterbringen und aufstellen kann, damit die Besucher, seien es nun Angehörige der betreffenden Heeresgruppe, der betreffenden Armee oder des betr. Regimentsverbandes oder auch Fernstehende anderer Verbände hier noch einmal sichtbar vor Augen was an Heldentaten geschehen ist. Dieser Gedanke der in etwas an Ruhmeshalle anklingt ist sicherlich sehr beachtenswert, da er doch mit der aus Tatsachen eingestellten Zeitauffassung rechnet und den Gedanken des Reichsehrenmales nicht lediglich gesühl mäßig auffaßt. Die Bauwerke aus dem Ehrenbreitstein und das alte Kurfürstliche Schloß, le^thin als Kaserne benutzt, bieten eine große Zahl von Räumen, die mühelos mit verhältnismäßig geringen Kosten zu einem Ruhmeshaus unseres Heeres und unseres kriegleidenden Volkes umgestaltet werden könnten. Also auch hier wieder erfüllt der Ehrenbreitstein, was selbst Lorch und Berka nicht erfüllen können. Dor allen Dingen aber sei noch
Gießener Gtadttheater
tocorq Büchner .
„Woyzeck". — „Leoncc un Lena"
Cs ist, wie schon im Ecnlührungsvortrage betont wurde, ein freudig anzuerkennendes Verdien! bei Thcaterleitung. daß man nun endlich einmal, nach jahrelangem vergeblichen Warten, eine Auslührung Georg Düchners erleben darf,. eines der wenigen großen und echten Dichter hessischer Herkunft, den überdies gerade mit Gießen mehr als zufällige und oberfläch- liche Beziehungen verbanden
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Es ist jetzt bald ein rundes Jahrhundert vergangen, seit Büchner, noch nicht 24jährig. starb, und es ist nicht abzuschähen. was alles mit diesem viel zu frühen Tode zerbrochen, für immer verloren und ins Grab gesenkt wurde. Wie eine Meteorbahn steht, hell aufftcigenb und jählings in Rächt versinkend, die steile Lcbenskurve dieses Menschen über seiner Zeit. Ein im Kosmos versprengtes, vorausleuch- tendes Gestirn späterer Generationen, einsam über der kleinen und engen Welt, aus der es heraufstieg.
Was lag hinter ihm und blieb zurück, als er starb? Die venia legendi in Zürich, der Steckbrief des großherzig ichen Hnl.r,uä)ungsrichters in Darmstadt die F.ucht vor politischer Verfolgung nach der trotz dem .Landboten" gescheiterten, hessischen Miniaturrevolution, die Liebe seiner trauernden Braut und seiner wenigen Freunde, ... und eine Handvoll Werke, die. damals fast ohne Vergleich, revolutionierend, prophetisch und wegweisend, den Stempel des Genies an sich tragen. Die Dantontragödie, ein Lustspiel, die fragmentarische Novelle „Lenz" und die genialischen Szenenfetzen eines Torso den mühselige Forschung erst wieder leserlich machen und in eine sinnvolle Ordnung zusam- menfügen mußte Das ist das Wichtigste in seiner Hinterlassenschaft.
Wie jener ältere Jakob Michael Reinhold Lenz im Schatten Goethes.. und wie der unglückliche Zeitgenosse Christian Dietrich Grabbe aus Detmold steht auch Büchner eigentlich noch immer außerhalb der großen Entwick'ungslinien in der Geschichte der deutschen Literatur, m der Chronik des deutschen Theaters und Dramas abseitig und einsam, leuchtend nur Im Feuer
seiner eigenen, verzehrenden Leidenschaftlichkeit, die erst spät den befreienden Ausdruck ins Dichterische fand,... und überstrahlt, wie jene beiden, vom großen Gestirn Shakespeares Dies verbindet die drei ein Funken seines Wesens sprang in sie über, an ihm muß man sie messen, einen Abg'anz seines künstlerischen Elementargeistes findet man immer wieder in den stürmischen Szenenfolgen ihrer dramatischen Visionen.
Hart in die Linie hinein, die von Lenz zu Grabbe führt, und von Grabbe über Wedekind zum Expressionismus — unmittelbar in diese sprunghaft-abseitige Entwicklung stellen sich auch die Dramen Büchners, die beiden Trauerspiele zumal.
Im , W o y z e d" beherrscht, ähnlich wie in den .Soldaten" von Lenz, ein atemraubendes Tempo die abgehackte j.h ings umspringende Szenerie, die wiederum in ihrer Verkürzung, ihrem ruck- haften Auftauchen und Verlöschen — kur; in der ganzen Unbekümmertheit ihrer Dramaturgie an die theatralischen Unmöglichkeiten bei Grabbe erinnert Doch wirkt der ..Woyzeck" noch gespenstiger und spukhafter als die . Soldaten" von Lenz, weil die Ereignisse im Fragment noch 'chärfer und unmittelbarer ans Tragische her- angerüd! sind Wie die Strophen einer grausamen Volksballade huschen die Bilder vorüber, hänfelfängerifd) fast, wie eine Moritat Uebri- gens beruht das Drama wirklich auf einer Der- führungs- und Eifersuchtsaffäre, die dann mit Mord und Totschlag endigte.
Auch der „Woyzeck" ist ein Soldatenstück: fein allerdings sehr unheroifcher Held ist ..Friedrich Johann Franz Woyzed. Wehrmann. Füsilier im 2. Regiment, 2. Bataillon. 4. Kompagnie, geb. Mariä Verkündigung d 20. Juli —Aber während Lenz ein bürgerliches Trauerspiel getrieben hatte, schus Büchner hier, als sehr früher Vorläufer der Naturalisten, eine prole- taritc Tragödie, ein Nachtstück. einen Menschenuntergang auf der Schattenseite des Lebens, die Katastrophe eines armen Teufels, der ohne Tugend ist. eben weil er arm ist „Es ist keine Kunst ein ehrlicher Mann zu fein, wenn man täglich Suppe. Gemüse und Fleisch zu essen ha.t"
Hier geht es um triebhafte Elementarkräfte, um das alte, ewig zwilchen Haß und Liebe ge- spannte Verhältnis der Geschlechter: und hier er- weist sich der Wonzeck" als eine motivische Umkehrung der »Soldaten", die ein junge- Mädel
ins Verderben hetzen: Woyzeck dagegen geht am Weibe zugrund, an seinem eigenen Weib: freilich ist er schon reif dazu, mürbe gemacht, gequält und verhetzt durch die irrsinnigen Experimente einer verbohrten Mediziners, durch seinen apoplektischen Hauptmann und einen brutalen Tambourmajor. —
Die Ausführung (Regie:T annert) war von starker, geschlossener Wirkung: ein kluger Einfall, die Szenen hinter einem Transparent spielen zu lassen, in grauem Dunstnebel, verwischt, fil- houettenhaft, mit tiefen Schlagschatten: so kam der balladeske Stil der Tragödie am besten zur Geltung
Hebet die Reihenfolge der einzelnen Bilder kann — bei der auch heute wohl noch nicht völlig gesicherten Textsormulierung — gestritten werden. Wir stimmen, obwohl sie von der besten kritischen Ausgabe erheblich abweicht, der gewählten Fassung im allgemeinen zu: nur würden wir den unorganisch angehängten Epilog streichen und das Ganze am Teich beginnen lassen, so daß durch die Korrespondenz des ersten und letzten Bildes auch eine gewisse äußere Rundung zu erzielen wäre.
Es wurde gut gespielt. Fasso11 war selten sv sicher, einfach und eindringlich wie hier in der Rolle des atmen, gedrückten, verhetzten, von allen primitiven Instinkten und bösen Geistern umgetriebenen Soldatenbarbiets Lieselotte Fuhrmann umtiß mit knappen, festen Strichen die zwischen Weibsteufel und Maria Magdalena schwankende Gestalt der roten Marie. Hais (Doktor), eine expressionistische Marionette, Bold (Hauptmann): Arzdorf (Tambour- major): Frau Prasch-Grevenbetg, die als großmütterliche Märchenerzählerin den Beschluß machte. —
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Nach der Pause gab es „Leonce und Lena". Das schwächste der drei Dramen, romantisierendes Lustspiel, ein wenig aus dem eigentlichen Stil Büchners ausbiegend, wiewohl auch dieses Stüd manche shakespeaiesietenden Züge auf - weist melancholisch vergrübelt, in Wortspielereien verfangen, von satirischen Lichtem überblitzt. erinnert es in seinem oft ein wenig gequälten Humor an Grabbes infernalisch« Lite- raturfarce. •
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Sv unscheinbar, dünn und unkompliziert die flüchtig abgehaspelten Fäden einer greifbaren
Handlung laufen — Flucht, Begegnung und Bereinigung zweier märchenhaften Königskinder —, so zwiespältig und wechselnd sind Stimmung und Ton in der Szenenfolge: neben bürftigen Scherzen und derbem Narrenhumor findet sich die zarte, lyrisch verschwebende und verträumte Anmut kleiner Liebesszenen... und dann wieder eine bissig ausfallenLe, sozialrevolutionäre Satire, die im „Danton" oder im „Landboten" stehen könnte, wenn sie nicht durch eine groteske Ueberstürzung ins Possenhafte gemildert und verwässert würde.
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Die Schwierigkeiten der Inszenierung liegen auf der Hand. Die wiederum von T a n n e r t geleitete Ausführung war in Einzelheiten entzückend, litt aber unter der Behäbigkeit des Tempos und den schleppenden Verwandlungen, umsomehr als die Zwischenaktmusik, an sich sehr gefällig, in der eintönigen Wiederholung ermüdet.
Die oben angedeuteten Wefensmerkmale von „Leonce und Lena', die zwiefpältige, unausgeglichene Instrumentierung des Lustspiels kamen in der Wiedergabe nicht recht heraus: hier waren alle Szenen von einer gleichmäßigen, mulitalifd) ahoroierten Heiterkeit erfüllt, die zwar liebenswürdig klang, aber vielfach doch eben weniger von Büchner als etwa aus den romantischen Bezirken Eichendorffs zu stammen schien
Für den Leonce war W e s e n e r der gegebene Darsteller, hier ist eine Mischung aus Blasiertheit und Verliebtheit, aus Witz und loderet Phantasie zu spielen, die er sehr artig und amüsant zustande bringt, neben ihm war Hais als Valerio der beste Mann in der Ausführung, er gab im Sinne des Mottos zum ersten ?ltt einen wahrhaft shakefpeareschen Harren. Jn- geborg Scherer: anmutige Prinzessin Lena vom Reiche Pipi: 2 old. Serenissimus in Pluderhosen. König Peter vom Reiche Popo: Marianne Mewes (Rosetta) und Link- mann (Hofmeister) mögen noch erwähnt fein.
Die Aufnahme der beiden Werke war geteilt; während der „Woyzeck" offenbar starken Eindruck machte, schien nur ein geringer Teil des Publikums an dem besonderen Humor des Lustspiels Gefallen zu finden. Da sich die Aufführung wider Erwarten bis gegen Halbzwölf hinzog. dürfte sich - um Störungen durch vorzeitigen Aufbruch zu vermeiden — ein früherer Anfang sehr empfehlen. _ _ hth. d


