Einzelbild herunterladen

Rr. 279 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheflen)

Zreitag, 28. November 1950

Oie Schweiz und Versailles.

Oer $reijonenfrieg mit Frankreich. - Oie deutsche Kapitalflucht.

sah" eine Rechnung, die nie aufgeht. Deswegen wird auch diese Art Kapitalflucht so lange dauern­den Charakter tragen, wie die Steuerpolitik Deutschlands nicht den Erträgnissen der Arbeit Rechnung trägt.

KO

_*

... A

tA

4.

Don unserem v.-Derichterstatter.

.............

.. . .

Die neueste Schöpfung der Dofnierroerfe: Do 8 auf der Pariser Internationalen Luftfahrtausstellung.

---

Dach den Septemberwahlcn war in etlichen deutschen Dlättern zu lesen, dah die Kapital­abwanderung aus Deutschland sprunghaft in die Höhe geschnellt sei. Man ist hier aber allgemein der Auffassung, dah diese Kapitalabwanderung nur vorübergehender Ratur sein kann, da sachliche Gründe, d. h. berechtigtes Mißtrauen

8

Gewiß wird fortwährend darauf hingcwiesen, daß die deutsche Währung international hin­reichend gesichert sei, um einer erneuten Infla­tion vorzubeugen. Dies trifft aber nicht den Kern, auf den es hier ankommt: nämlich die Frage, ob es besser ist, das Kapital in der Schweiz Lei niedrigen Steuern und niedriger Verzinsung wenigstens zu erhalten oder ob das Kapital in Deutschland bei hoher Verzinsung w e g g c - steuert wird. Es handelt sich bei dieser, nicht durch eine plötzliche Rerventrise, wie cs für einige Kurzsichtige vielleicht die Wahlen waren, hervorgerufenen Kapitalflucht, also nicht um das mangelnde Vertrauen zur deutschen Währung, sondern eher um das mangelnde Vertrauen zur deutschen Finanzpolitik. Die Schweiz ist über diesen Kapitalzustrom durchaus nicht glück- l i ch. denn er schafft eine anormale Geldflüssig- kcit und bringt eine überaus große Verantwor­tung mit sich. Wenn deshalb die Steuerpolitik des Reiches so geändert würde, daß dieser Ka-

Die Goldreserven Amerikas hätte besitzen müssen. Man hat auch gesehen, wie die bisherige Aus- gaben-Politik des Reiches, 'der Staaten und der Gemeinden ruinierend den deutschen Staatssäckel zerfraß, und man verfolgt mit größter Aufmerk­samkeit den Versuch, »wenigstens eine gewisse Ordnung in die innerdeutsche Finanzgebarung zu bekommen trotz der ungeheuren Reparations­belastung. Dor allem eins beobachtet man in der Schweiz mit Interesse und mit Sorge, die deutsche Kapitalflucht!

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Zürich, Rovernber 1930.

Weit in der Dergangenheit liegt eine Zeit, in der unsere Dorväter, trutzig wie die Türme der Dlpen, zusammenkamen, um Aum Schutze ihrer Dechte gegen gewaltige Rachbarn den Bund zu schließen, der ihnen Freiheit und Zufriedenheit gab. Auch heute noch dräuen die Gipfel der Derge, aber die Zeiten sind andere geworden. Wir jungen Eidgenossen schwinge-i die Streitaxt nicht mehr wie unsere Ahnen, aber auch wir ha­ben mitgehvl^en, einen Dund zu schließen, der uns schützen fQtl; uns und unsere Grenzen. Wir hoken eine neue Zeit und wir ha- I^n Völkerbund. Wie wird er und der G e cicht^hof im Haag Recht sprechen in dem Streit zwischen dem Kleinen und dem Großen, zwischen der Schweiz und Frankreich?

Der politische Prozeß um die sog. Freizonen im Gebiet Hochs avoyens, der in wenigen Tagen vor dem internationalen Gerichtshof im Haag zu Ende gehen soll, ist nicht allein für die Schweiz von größter Bedeutung. Er wird auch anderen Staaten ein Bild internationaler Rechts­sicherheit oder -Unsicherheit verschaffen. Seit nahe­zu zehn Iahren versucht Frankreich ein Recht zu bestreiten, das der Schweiz 1829 von den in Wien versammelten Mächten zugesprochen wurde. Der damals dokumentierte internationale Wille gab durch den Zonenvertrag der Schweiz dauernde territoriale Rechte zur Bewahrung der südwestlichen schweizerischen Ecke vorIsolierungundAbkapselung. Rie- mals seither und von niemanden wurde diese Ab­machung angefochten, bis Frankreich bei Schaffung des Versailler Vertrages merkte, wie gut eigent­lich das Essen schmeckt, Lind weil es schon beim Regulieren von Grenzen war, korrigierte es auch gleich die Zonengrenze nicht zu seinen Un- gunsten selbstverständlich! Zu dieser Zeit erfuhr man dann auch von der Auslegung des Artikels 234, der das Verhältnis zwischen der Schweiz und Frankreich regelte und fragte sich auf Grund des Vorgehens Frankreichs, ob die Schweiz auch einen Krieg verloren habe. Run, die Schweiz hat sich während zehn Iahren redlich Mühe gegeben, den Zankapfel friedlich aus der Welt zu schaffen. Vergeblich! Lind jetzt darf die übrige Welt mit der Schweiz darauf gespannt sein, ob außer dem Versailler Vertrag auch noch andereVerträge Anspruch auf Anerkennung erheben dürfen.

Wir Schwizer sind derzeit mit einer Abrüstung beschäftigt nicht von Kriegsmaterial, das wir kaum besitzen, sondern mit einer parlamen­tarischen Abrüstung. Wir als älteste De­mokratie wollen den neuzeitlicken Demokratien be­weisen, daß nicht die Zahl der Volksvertreter, sondern deren Einigkeit das Regieren leich­ter macht. Vorläufig sollen im schweizerischen Ra­tionalrat allerdings nur acht Sessel verschwinden. Das heißt auf 22 000 Eidgenossen entfällt ein 'Ab­geordneter. Aber immerhin: von 198 Räten blei­ben dann nur noch 190. Lind daß dies nicht nur zur Ersparung des Sesselholzes geschieht, ist sicher! Ob diese Parlamentsabrüstung auch in Deutschland Schule machen wird? Man hat hier in der Schweiz nicht unbeachtet gelassen, wie d i e de utsche Finanzpolitik bisher jedes Ex­periment probiert hat, um einer Reparationsver­pflichtung nachzulommen, zu deren Erfüllung es

in die deutsche Währung allein durch den AuS- gong der Wahlen nicht existiert. Auf die Dauer wird dieser Kapitalflüchtling mit dem niede­ren Zinsfuß, den er anläßlich der kürzlich aufgelegten Convertionsanleihen nachweisbar ge­zeichnet hat, sich nicht zufrieden geben und man rechnet in der Schweiz auch mit einer allmonatlichen Wiederabwanderung der auf Grund des Wahlergebnisses in die Schweiz gebrachten Kapitalien. Reben dieser vorüber­gehenden, zur Zeit auch noch anhaltenden Kapi­talflucht aus Deutschland in die Schweiz, die man nicht zu überschätzen braucht, existiert aber schon seit Jahren eine anhaltende und immer mehr zunehmende Kapitalflucht, die rein steuerpolitisch begründet ist, und die hier auch als wirtschaftlich durchaus zwangs­läufig betrachtet wird. Hier ist die Frage: Llnerschwingliche Steuer oder niedriger Zins-

pitalzufluh aufhörte, so würde das niemand mehr begrüßen als die Schweiz.

Auf der anderen Seite darf eine für die deutsche Wirtschaft verhängnisvolle indirekte Folge der deutschen Kapitalflucht nicht vergessen werden: wenn der deutsche Kapitalbesitzer in die Finanzpolitik des Deutschen Staates, verschärft durch die hohen Sozial- und Steuerlasten, kein Zutrauen mehr hat, wer wollte sich wundern, wenn die ausländ ische Finanz, für die doch noch die ständige politische Llnsicherheit Deutschlands eine wesentliche Rolle spielt, sich hütet, an deutsche Unternehmen langfristige Kredite zu vergeben? Da aber Geschäft Ge­schäft ist und die schweizerischen Danken von den hohen Zinssätzen Deutschlands auch profi­tieren wollen, gewähren sie deutschen Darlehens- suchcrn Kredite in allerdings kurzfristigen, aber sonst in allen möglichen Formen. Ein außer­

ordentlich umfangreiches Geschäft! Aber das ift ein Kreislauf, weil man ruhig annehmen darf, daß alle die kurzfristigen Darlehen aus den deutschen Kapitalsluchtgeldern her­rühren, die dann unter irgendeiner Ichweize- rischen Flagge segeln. Daß neben der 'Beein­flussung des deutschen Geldmarktes dieser Ka­pitallauf, auch volkswirtschaftlich betrachtet, für Deutschland nicht bedeutungslos fein kann, wird hier ohne jede Einschränkung zugegeben. Es be­hauptet auch niemand, dah durch diesen Kreislauf die Kapitalflucht für Deutschland an verhängnis­voller Bedeutung verloren habe ...

Bleibt noch zu erwähnen die BIZ. Auher jenen Personen, speziell den Dankleitern, di« an den Provisionen der internationalen An­lechen mitinteressiert sind, wird nach hiesiger nüchterner Ausfassung kaum jemand Freude an diesem Institut erleben. Denn dos sic das bislang ungelöste Goldproblem lösen wird, ist nicht zu erhoffen, da die Wäh­rungspolitik in letzter «Linie immer durch die Wirtschaftspolitik bedingt ist. Die Rot der Welt ist groß, aber wir sind davon überzeugt, daß cs ihr besser gehen wird, wenn das G e s p e n ft des Versailler Vertrages beerdigt ist und die Völker einen Weg zur Zusammen­arbeit finden.

Oer Etaatskonimiffar in Frankfurt am Main.

Zwangsweise Einführung der neuen Steuern in Frankfurt.

WSR. Frankfurt a. 2R , 27. Rov. Rachdcm die Stadtverordnetenversammlung die Zustim­mung zur Deckung des zusätzlichen Dedarss des Wohlfahrtsetats wiederholt abgelehnt hat, hat sich der Regierungspräsident in Wies­baden veranlaßt gesehen, durch einen Beauf­tragten die Genehmigung der Stadtverord­netenversammlung zu den Deckungsvorlagen d?s Magistrats zu ersetzen. Don dem Regierungspräsi­denten sind die 2krtrcter der öffentlichen Wirt­schaftskorporationen zuvor gehört worden. Sämt­liche Dorlagen des Magistrats sind gemäß den Dorlagen vom 19. September, 6. Oktober und 18. Rovember dadurch Gemeindebeschluh gewor­den. Das bedeutet, dah die Zuschläge zur Ge - werbeertragssteuer mit Wirkung vom 1. April von 450 auf 550 Prozent, die Filtat­st e u e r auf 660 Prozent, die Grundver­mögenssteuer von 225 auf 275 Prozent und mit Wirkung vom 1. Dezember die Gewerbe- Lohnfummensteuer von 1500 auf 1650 Prozent erhöht werden. Ferner wird die G e - meindegetränkesteuer mit Wirkung vom 1. Dezember d. I. eingeführt, sowie zum gleichen Datum der neue Elektrizitätstarif. So­weit Genehmigung durch den Bezirksausschuß notwendig ist, wird diese nachgesucht werden.

Daten für Samstag, 29. November.

Sonnenaufgang: 7.39 Llhr, Sonnenuntergang: 15.57 Llhr. Mondaufgang: 13.31 Llhr, Mono­untergang: 0 Llhr.

1780: Maria Theresia in Wien gestorben. 1802: der Dichter Wilhelm Hauff in Stuttgart geboren. 1839: der Dichter Ludwig Anzen­gruber in Wien geboren. 1844: der Rovellist Timm Kröger in Halle (Holstein) geboren. 1856: Reichskanzler Theobald v. Dethmann Holl- weg auf Hohenfinow geboren.

Oer Dreizehnte.

Roman von Anny von panhuys

Copyright 1929 by Verlag Bechthold Braunschweig

14. Fortsetzung Nachdruck verboten

Eva lachte auch. Aber sie empfand das Er- Quälte, Llnechte ihres Lachens, und sie sann, wenn Hans Felsen wüßte, wie berechtigt fein Gefühl gewesen.

Aber ihm sollte der Glaube an ihre Liebe er­halten bleiben. Sie hatte ihm versprochen, die Seine zu werden, nun muhte sie ihm ihr Wort hal­ten. Oh, hätte sie vor kurzem gewußt, was sie heute wußte, dann würde sie dem Freund aus Kindertagen erklärt haben: Ich habe einen ande­ren lieb!

Sie aber hatte gemeint, Prirno Duero wäre längst verheiratet. Lind auch, dah sie Prirno Duero etwas gegolten, hatte sie nicht gewußt.

Sie schritt neben Hans Felsen her und lieh ihn erzählen, au! welche Art ihr eigenes Häuschen innen umgebaut werden sollte, ehe sie Hochzeit hielten, aber es kam ihr dabei immer schwerer vor, Hans Felsens Frau zu werden.

«Ich bin sehr müde", entschuldigte sie ihre Schweigsamkeit.

Er sagte: «Bitte, kündige doch deine Stellung. Schiebe es nicht auf. Im frühen Frühling heiraten wir und bis dahin hast du auch mit den Vorberei­tungen dafür zu tun. Meine Eltern sind meiner Ansicht. Wozu sollst du reichen Leuten Iuwelen verkaufen. Du bist selber ein Juwel, Eoalein, bist mein schönster Schmuck. Weihnachten feiern wir unsere offizielle Verlobung. Mutter meint, sie hätte sich auch am Heiligabend verlobt."

Meine Eltern find der Ansicht! Meine Mutter meint!...

Fast kindlich klang es aus dem Munde des Mannes.

Eva dachte, er war ein lieber anständiger Mensch, und sie würde wohl nie den Wut aufbrin­gen, ihm eine Enttäuschung zu bereiten. Aber was ihr noch gestern möglich schien, zeigte heute ein ganz anderes Aussehen. Weil Primo Duero allzu offen zu chr gesprochen, nachdem sie chm auf feine Frage erklärte, sie wäre verlobt.

Vor dem Gartentürchen vor Evas Haus verab­schiedete sich Hans Felsen von ihr. Eva sagte hastig: «Wir haben im Geschäft sehr viel zu tun, also ängstige dich nicht, falls ich deshalb morgen vielleicht wieder den Zug versäumen sollte."

Er nickte: «Gut, Eva, ich will mich nicht ängsti­gen - aber kündige deine Stellung. Gerade her­aus, Evalein, ich bin, feit ich weih, du willst meine Frau werden, ganz toll eifersüchtig."

Es war, als ob ihr die Worte nachliefen durch den Garten ins Haus.

Dennoch ertappte sie sich zugleich dabei, dah sie sich auf den nächsten Tag freute. Auf das Wieder­sehen mit Prirno Duero.

Sie fand keine Ruhe in dieser Rächt. Wie hatte Prirno Duero zu ihr gesagt?

Sie brauchte nicht darüber nachzugrübeln, denn es hatte sich in ihr Gedächtnis wie mit Flammen­schrift eingebrannt: «Sie sind verlobt und werden bald heiraten. Sie lieben Ihren Verlobten und ich kann Ihnen deshalb heute wohl bekennen, ich wußte zum Beispiel damals, vor zwei Jahren am Rosenmontag, wirklich nicht genau, wohin mich mein Herz zog. Zu meiner Kusine Montserrat oder zu Ihnen!"

O tat es weh, sich auszumalen, wie so ganz anders alles gekommen wäre, wenn sie damals gewußt, was sie heute wußte. Die kleine ge­schwätzige Paguita Casanovas trug viel Schuld daran.

Die tiefe, weiche Rachtstille aber lullte sie all­mählich ein und sie träumte von den zwei blauen Brillanten. Primo Duero schenkte sie ihr als Hoch­zeitsgabe.

Auf der Fahrt nach Berlin am nächsten Morgen nahm sie sich vor, dah mit dem Treffen heute abend endgültig jede Skrbmbung zwischen Primo Duero und ihr zu Ende sein müsse, aber der Tag schien zu schleichen, gar zu langsam kam der Abend heran

9.

Es war um die Mittagsstunde. Trübselig und grau spannte sich der Himmel über die Millionen­stadt. Primo Duero ging langsam durch die Leip­ziger Straße und blieb vor dem breiten, pompös wirkenden Schaufenster des Juweliers Goldener stehen Er war nicht der einzige Beschauer. Ein paar Herren und Damen drängten sich eng zusam­men und unterhielten sich lebhaft über ein paar wundervolle Ohrgehänge, denen der günstige Platz in der Mitte des Schaufensters angewiesen wor­den war.

In einem hocheleganten, geöffneten Etui mit schwarzer Samtpolsterung lag das Geschmeide, um derentwillen er hierhergereist war. Aus künst­lerisch verschlungenem breiten Ra.ikenwerk, das sich aus kleinen weihen Brillanten zusammensehte, löste sich eine kurze schmale Perlenschnur und dar­an war an jedem Ohrgehänge ein haselnußgroher Brillant befestigt, der in unerhört prachtvollem Feuer leuchtete. Dem selbst der trübe, wolkenbe­deckte Himmel nicht das Glänzen und Funkeln zu trüben vermochte.

Die Ohrgehänge waren Künstler arbeit, das gab Primo Duero zu, aber daran lag ihm nichts. Für ihn handelte es sich darum, festzustellen: Waren die zwei blauen Brillanten, die er hier vor sich sah. dieselben, die eine Vorderhand seinem Vater

gestohlen? Lieberlegen brauchte er nicht. Er be­zweifelte, dah es sich um andere Steine handelte, er war sicher, die Brillanten, die da so dicht vor ihm lagen, daß er danach hätte langen können, wenn die Scheibe nicht dazwischen gewesen wäre, waren dieselben, die der geheimnisvolle rote Clown nach der furch baren Tat am Rosenmontag mit sich genommen hatte.

Prirno Dueros Körper durchlief ein Schauer. Er war seiner Sache sicher. Also durfte er hoffen, durch die sprühenden, leuchtenden Steine endlich die Spur des Mörders zu entdecken Er war sehr erregt. Wer war die Prinzestin Montirossi, die diese beiden Edelsteine an Goldener verkaufte und wie war sie in ihren Besitz gelangt?

Eva erschrak sehr, als Prirno Duero den Laden betrat. Damit hatte sie nicht gerechnet. Aber er tat, als kenne er sie gar nicht.

Albert Goldener, der ein gutes Geschäft wit­terte, stand schnellstens vor dem Fremden, fragte nach feinen Wünschen. «Ec möchte gern die Ohr­gehänge mit den blauen Brillanten näher be­trachten, da er sie vielleicht kaufen würde."

Albert Goldener erwiderte dem eleganten, sehr gebrochen deutsch redenden Herrn, «die Ohrge­hänge wären bereits verkauft, ein Fürst schenke sie seiner Braut als Hochzeitsgabe."

Goldener fügte hinzu: «Wenn ich nicht irre, mein Herr, sind Sie Spanier? Ich bin der Sprache nicht mächtig, aber eine meiner Angestell en spricht es fließend." Schon hatte ec Eva herbeig winkt, die zögernd und mit Herzklopfen der Aufforde­rung folgte.

Prirno Duero tat weiter, als hätte er sie nie zuvor gesehen

«Fragen Sie, bitte, Ihren Chef, Sennorita", sagte er, «ob es nicht möglich wäre, die Ohr­gehänge von dem Käufer zurückzuerwerben, wenn ich ein höheres Angebot mache."

Eva übersetzte Albert Goldener die Frage wört­lich. Die Antwort lautete, «das dürfte eine Lln- möglichßtit fein, da Fürst Därburg, der Käufer, sehr reich wäre. Er selbst würde es niemals wa­gen, seinen vornehmen und besten Kunden darum zu befragen.

Aber ansehen, von ganz nahe ansehen möchte ich den Schmuck, er ist herrlich gearbeitet. Viel­leicht kann ich andere Ohrgehänge nach diesem Muster hier anfertigen lassen", lieh Primo Duero übersetzen

Lind er erreichte, was er wünschte. Er durfte sich den Schmuck von ganz nahe betrachten

Jetzt vermochte er mit vollständiger Sicherheit festzustellen, die großen, bläulich schimmernden Brillanten waren die gleichen, die vor zwei und einem halben Jahre aus dem Kassenschrank seines Vaters geraubt wurden Jetzt hatte er sich Gewiß­heit verschafft.

Welch ein eigentümliches Empfinden es war, die Steine vor sich zu haben, die fein Vater noch an feinem letzten Lebenstag in den Händen ge­halten hatte! Er überlegte. Sollte er ganz offen mit Goldener sprechen? Er war nahe daran, und es wäre auch wohl am klügsten und richtigsten. Aber es würde doch ein eigentümliches Licht auf Eva Hirtberg werfen, weil sie beide getan, als wären sie einander niemals vorher begegnet. Wie durfte er sich nun plötzlich als der Sohn ihres früheren Chefs vorstellen.

Er sah Eva an und selbst in diesem Augenblick, da er so völlig von seinen Gedanken in Anspruch genommen war, durchzuckte es ihn wie wehmütiges Bedauern, daß sie die Braut eines anderen war. Er hatte in letzter Zeit öfter daran gedacht, zu hei­raten, weil er sich manchmal so von Herzen nach einem Menschen sehnte, der ihm nahestand, mit dem er sich über alles, was ihn beschäftigte, aus­sprechen konnte. Alles, was er einmal unklar übet Eva empfunden, war jetzt mit starker Gewalt wie­der erwacht und bedrückte ihn.

Er las in den Augen des blonden Mädchen- eine Frage und er deutete sie richtig.

Auf Spanisch sagte er: «Ich werde mir einmal gründlich überlegen, ob ich mich entschließen soll, ein paar ähnliche Ohrgehänge für eine Verwandte anfertigen zu lassen. Ich komme dann wieder." Er warf noch einen Blick auf den gleißenden Schmuck. «Es sind die beiden blauen Brillanten, die mir so besonders gefallen! meinte er, aber die erste Hälfte des Satzes: Cs sind Die beiden blauen Brillanten! klang doch betonter.

Eva verstand sofort: diese erste Hälfte deS Satzes war die Antwort auf ihre stumme Frage gewesen.

Mit dem Versprechen, sich recht bald zu ent­schließen, ob er ein paar Ohrgehänge in dieser Sorm nacharbeiten lassen würde, ging Primo Duero, nicht ohne das blonde Mädchen noch ein­mal mit einem langen Blick betrachtet zu haben. Sogar Goldener fiel es auf.

QSte der Fremde gegangen war, meinte er ein Ditzen nörgelnd: «Der Spanier schien mir am Sd>!ub mehr Interesse für blonde Weiblichkeit zu haben, als für die Ohrgehänge!"

Eva fühlte, wie sie rot wurde. Aber sie schob gewaltsam alle persönlichen Gedanken beiseite. Viel wichtiger war es, sich jetzt völlig darüber ttar zu werden, was es bedeutete, daß Primo Duero die Steine als die bei dem Mord seines Vaters geraubten Mauen Brillanten erkannt hatte. Run bestand wirklich wieder die Möglichkeit, den Mörder zu finden.

Sie faim den ganzen Tag immer über dasselbe nad> und auch darüber, auf welche Weise Primo Duero feine Rachforschungen wohl betreiben würde.

(Fortsetzung folgt),