Nr. 252 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 28. Oktober (950
Die bulgarisch-iialienische Königshochzeit.
Feiertag in Assisi.
Don unserem römischen E-Korrespondenten.
Assisi. 25. Oktober.
Dierzigtausend Fackeln...
Die Kerzen gehen nach dem Gewicht: siebentausend Kilo haben wir gekauft!
Elektrische Illuminierung, nein, das paßt nicht zu unserer Stadt, das ist kalt und seelenlos.
So sagten die Leute und steckten Assisi in Brand. Die seraphische Stadt fiel in Lichterverzückung. Dann ging die mächtige Ebene zwischen Perugia und Spoleto in Flammen auf, um den Monte Subasio zuckte die wabernde Lohe, ganz Umbrien st andin Feuer. Denn die Bauern hatten an allen Ecken und Enden riesige Reisigbündel entzündet, der königlichen Braut zu Ehren. Es war, als ob der beizende Rauch den glasklaren Abendhimmel zerfressen hätte — grau und griesgrämig zog der Hochzeitsmorgen auf.
Eine solche Rächt hatte das Felsennest des Heiligen noch nicht erlebt, die „Stadt des Schweigens" noch nie einen solchen Verkehr. Er überflutete die engen mittelalterlichen Straßen und rampenartigen Berggassen wie ein Wolkenbruch und es war keine genügende Kanalisation vor- hmrden, ihn aufzunehmen und abzuleibm. Wo die dreißigtauseno oder fünfzigtausend Fremden übernachteten, wer will das sagen. In toeitem Umkreis war kein Hotelzimmer mehr aufzutreiben. Die Automobile folgten sich Gummi an Gummi. Minister mußten die Ellbogen brauchen, um vorwärts zu kommen, die Soldaten schlugen bei den Mönchen ihr Biwak auf. Und hinter allen beleuchteten Fenstern bückten sich dunkle Mädchen- köpse und rotgearbeitete Augen über Stickereien für die Aussteuer. Hundert Presseleute fragten mehr, als ein Heiliger antworten tonnte, dreißig durften im Brautzüge mitmarsch eren.
Mussolini war erst am Rachmittag in Rom abgefahren, steuerte wie üblich seinen Wagen selber und kam schon am Abend angerast. Die drei Hofzüge setzten sich in Pisa in Bewegung imt> punkt 9 Uhr kam endlich durch bk schürfe Absperrung Ruhe in das unfranziskanische Treiben, in die Stadt der Grauen Brüder, wo sonst eine hohe Uniform Aufsehen erregt und jetzt Fürsten sich drängten wie arme Pilger. Ihrer fünfzig oder mehr zogen mit Gefolge zu der oberen Basilika hinauf, geführt von einem offenen Wagen, in dem ein bleiches, junges Mädchen in mystischer Versunkenheit saß, die königliche Braut. Es regnete, es regnete stark, aber es regnete Blumen.
Vor Jahren verfiel Johanna von Savoyen dem geheimnisvollen Zauber von Assisi, wo der Aermste der Armen gelehrt. Sie hatte nur den einen Wunsch, über dem Grabe des Heiligen zum Altäre schreiten und an seinem Sarkophage beten zu können, bevor sie als Königin eines fernen Landes die Heimat verließ. Schon lag das Schiff unter Dampf, das sie noch am gleichen Tage von Brindisi toegtragen sollte ...
Jedem theatralischen Pomp abhold, bangte sie um ihr Heiligtum. „Verschandelt mir bloß mein Assisi nicht!" mahnte sie die Zeremonienmeister und Präfekten. Keine schweren Portieren, nicht Purpur und Fransen! Keine Tribünen für die Gäste und fein sogenanntes Festkleid für die altehrwürdigen Paläste und Klöster und Kirchen! Aber als sie sich der Stadt näherte und ihr Blick auf ein einziges Meer von Grün und Weiß und Rot fiel — denn die bulgarischen Farben sind auch die italienischen —, da mußte sie doch lächeln. Das Völkchen, das sonst nur ärmliche Pilger und neugierige Fremde zu sehen getommt, wollte halt auch was haben von dem historischen Ereignis.
Alle, wie wir kamen und standen, alle waren übernächtigt, aber selbst von den Zuschauern, die sich schon nachts angestellt hatten, wankte und- wich nicht einer, als die aufgeschwollenen Wolken
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Links: Das Brautpaar verläßt nach der Trauung das Kloster von Assisi. — Rechts: Die königlichen Hochzeitsgäste im Brautzug: Vorn: Zar Ferdinand von Bulgarien mit Königin Helena von Italien, dahinter der König von Italien mit Königin Sofia von Griechenland.
in dem Augenblick, wo die Braut am Arme chres Vaters die Kirchenschwelle überschritten hatte, zerbrachen wie Flaschen.
Drinnen im Tempel wiederholte sich die von der römischen Kronprinzenhochzeit her bekannte Zeremonie. Rote Kissen vor dem Altar, sechs Dronzeleuchter und Blumen in alten umbrischea Keramikschalen, sonst kein Schmuck. Sicheren Schritts unbeweg ich die Züge, gcht d ieD r a u t durch das doppeltgetürmte Spalier mitfühlender oder kritisierender Augen. Ihr folgt König Doris, der die Königin von Italien führt. Darauf Zar Ferdinand mit der Kronprinzessin Maria I o s €, dann der Kronprinz Humbert mit seiner Schwester Mafalda, der Prinz von Hessen mit dem letzten, noch un° vermählten italienischen Königstöchterlein — ein Diadem nach dem andern. Schließlich der Duce, der Außenminister G r a n d i, Uniformen, Fräcke.
Stilecht, das heißt franziskanisch Messe und Trauung. Kein Kirchenfürst und kein Prälat zelebriert, sondern der Kustodus der Kirche, Pater R i s s o. Er richtet die entscheidende Frage auf Italienisch an den Bräutigam, und der König antwortet militärisch: Si! Die Braut muß zuerst die väterliche Einwilligung einholen. Erst als Viktor Emanuel ihren fragenden Blick mit Kops- ikicken beantwortet, sagt sie gleichfalls mit fester Stimme ihr Ja. Aber dann geht es chr doch nicht anders als einem tiefveranlagten bürgerlichen Mädchen auch, sie führt das Spihentuch an die Augen. Die Ringe find gewechselt. Pater Risso hält, das ist wieder das kleine Assisi, eine Ansprache und versäumt nicht, nach den Vorschriften des lateranischen Versöhnungsvertrages dem jungen Ehepaar seine Pflichten vorzulesen, wie zum Beispiel Artikel 132, der die Ehefrau zur Unterstützung des Mannes verpflichtet, wenn dieser keine Mittel mehr hat.
Als Königin von Bulgarien verläßt Johanna von Savoyen die Basilika. Als Brautgeschenk der Franziskaner hat sie ein winziges Stückchen vom Dettelgewand des Priesters der Armut erhalten — ergreifender konnte kein Symbol fein. Run schreitet sie am Arme ihresMannes, vom ersten Sonnenstrahl angelächelt, den Weg der Päpste hinunter zur unteren Kirche, steigt
hinab — das sehen wir nicht — in die rauhe kalte Gruft, in die düster wuchtenden Gewölbe, Abschied zu nehmen von Franz von Assisi.
Damit ist das Mysterium, wie sie es erträumt, zu Ende. Was noch folgt, ist nichts anderes als eine höfische Hochzeitsfeier. Evviva! Evviva! Gin Orkan von Stimmen, ein Sturm von Hüten und Tüchern und Fahnen. Dreihundert weihe Mädchen ebben vor und zurück wie Brandungswellen. Königsmarsch und Faschistenhymne. Fahrt zum Rathaus, Ziviltrauung, Erscheinen auf dem Balkon.
In einer zwei Stunden entfernt liegendem Privatvilla warten dreihundert Gedecke und die ganze Straße ist mit Blumen übersät.
Die kleine Maria hat der Schwester die lange Schleppe in der Kirche zurechtgelegt, die Edelleute verstanden das nicht. Jetzt fährt sie versonnen über die Blumen Sie ist die letzte — wer wird der Ritter sein, der sie holt?
Oer „Kalte Markt" zu Homberg.
= Homberg, 27. Oft. Der bedeutendste Markt Hombergs ist der Kalte Markt. Er hieß ursprünglich Simon- und Iubae-Markt. Zum erstenmal findet sich die Benennung „Kalter Ma.kt" in den Stadtakten vom 5. September 1756. Roch im Jahre 1554 war ein Viehmarkt für den „Warmen" und den „Kalten" Markt verboten. Mehr als hundert Jahre später, am 13. Januar 1681, wurde der Stadt durch landgräfliche Huld das Recht verliehen, zwei weitere Krämermärkte in Verbindung mit Viehmärkten abzuhalten, nämlich im Monat Januar Sebastianis- markt und im April Oftermartt. Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, wann der Kalte Markt erstmalig als Krämer- und Viehmarkt abgehalten wurde. Landgraf Georg II. erließ im Jahre 1645 ein Verbot, Jahrmärkte an Sonn- unb Feiertagen abzuhalten. Deswegen fielen bie Markttage in bet Regel auf Mittwoch. Daß heute noch bic Bewohner ber Umgegend so stark sich am Marktleben beteiligen, hat feinen Ursprung in der Hauptsache in ber Gröhe des ausgedehnten Postbezirks Homberg. Ferner wgr hier ein Kasten- rechner für die Kirchengemeinden der weitesten Umgegend angestellt, und der Kaminfegerbezirk
erstreckte sich auf den Landgerichtsbezirk Homberg. Auch gefta-tete die nahe Landesgrenze jeglichen Verkehr mit den preußischen Rachdarn, so dah Homberg der Mittelpunkt für Hande l und Ver keh r ber ganzen Umgebung wurde. Schon im Jahre 1065 war Hohunburch in Urkunden verzeichnet und wird dort als älteste Stadt im Kreise Als.eld erwähnt. Die hohe Burg hielt nämlich die Feinde ab. Dort fanden die Bürger Schuh bei stürmischen Zeiten. Im Jahre 1360 wird Homberg uf ber Ohm als Stabt genannt unb gehörte halb zu ben angesehensten bes Hessen!andes. Damals war fein Reichtum bedeutender als heute. Die Wohlhabenheit wurde durch den regen Fleiß der Bürger vermehrt, besonders durch die sechs Zünfte, die es im Jahre 1587 gab. Das handwerkslose Land war auf bie Erzeugnisse ber Zünfte angewiesen. Die Preise hierfür setzte ber verewigte Zunftmeister fest, wodurch freilich ber freie Wettbewerb unterbunden toutbe. Durch bie „freien" Märkte sollte ein Wettbewerb im Können unb Vollbringen angebahnt werden, so bah Bürger und Bauer bei größter Auswahl preiswert kaufen konnten.
Der diesjährige Kalte Markt war vom besten Wetter begünstigt unb erfreute sich eines guten Besuches. Zahlreiche Stände hatten auf dem Marktplätze Aufstellung gefunden. Kleidungsstücke, Gebrauchsgegenftände aller Art, Zuckerfachen waren ausgestellt. Die „wahren Jakobs" hielten durch ihre marktschreierischen Redensarten die Käufer im Banne und fanden Absatz. Aber es dürfte dem aufmerksamen Besucher nicht entgangen fein, daß das Geschäft doch unter der schlechten wirtschaftlichen Lage litt. Das Karussell, die Schießbude und sonstige Schaubuden sehl.en in diesem Jahre. Der Auftrieb an Ferkeln betrug 436 Stück. Für 6 bis 8 Wochen alte Ferkst wurden pro Kopf 15 bis 20 Mk. unb für 8 bis 12 Wochen alte 20 bis 32 Mk. gezahlt.
Taten für Mittwoch, 29. Oktober.
Sonnenaufgang 6.46 Uhr, Sonnenuntergang 16.41 Uhr. — Mondausgang 14.29 Uhr, Monduntergang 22.30 Uhr.
1790: der Pädagoge Adolf Diesterweg in Siegen geboren; — 1918: Auflösung der österreichisch- ungarischen Monarchie.
4 500 Bauern spielen Schach.
Besuch im Schachdorf Ströbeck.
Bon Hans Brückner.
Wie ich von ber kleinen Eisenbahnstation frühmorgens durch bic Hauptstraße bes Dörfchens Ströbeck schlenbere, sehe ich vor ber Warnungstafel „Schule" zwei kleine Jungen. Wie Kampfhähne gehen sie aufeinander los unb beide find mit großen Brettern bewaffnet. „Vorspiel des Zeichenunterrichts", vermute ich. Aber bie angeblichen Reißbretter haben weihe unb schwarze Quadrate.
„Wozu habt chr benn die Bretter hier, Jungens". erkundigte ich mich.
„Schach", erklärt einsilbig der ältere der Raufbolde.
„Aber jetzt braucht ihr doch keine Schachbretter!"
„Doch, wir haben Schachstunde."
Die Sache macht mich neugierig. Dis jetzt habe ich noch nicht gewußt, bah Schach ein Schulfach ist. Vielleicht hat man es aber in ben letzten Jahren bazu gemacht. Ober haben mich am Enbe diese Rangen beschwindelt? Während ich so vor der Schule stehe, merke ich. daß auch die anderen ankommenden Jungens unb Mabels Schachbretter bei sich tragen. Manche klemmen sie unter den Arm; die Kleinen, für die das Drett länger ist als der Arm, müssen sie hoch halten. Ueberall sieht man die 64 Felder. Die Schachstunde, das neueste Unterrichtsfach der deutschen Volksschule, muh ich mit ansehen. Der Lehrer lächelt. Höflich meint er: „Sie sind im Irrtum, mein Herr. Das hat mit dem Lehrplan der Schulen nichts zu tun. Es ist lediglich eine Besonderheit unseres Ortes." Er lädt mich ein, einer Schachstunde beizuwohnen. Es ist eine Stunde für bie Fortgeschrittenen. „Es wirb nicht so interessant werben wie sonst", entschuldigt er sich. „Aber, wenn Sie morgen wiederkommen wollen, ba nehmen wir bie ganz Kleinen vor; das ist bann bebeüTcnb unterhaltender. Die Abc- schützen erhalten nämlich die Grundlagen des Spiels praktisch und theoretisch erklärt, und es ist sehr interessant zu beobachten, wie überlegen bie meisten lächeln, wenn man anfängt, ihnen bie Grunbzüge beizubringen. Dauernd» greifen sie selbst vor, benn sie haben ihre Kenntnisse schon in der Familie erlangt"
Ich setze meinen Spaziergang fort. An einem Haus auf der Dorfstraße macht mich ein Schild aufmerksam: „Gasthof zum Schachspiel." Auf der Straße vor dem Gasthof steht ein Bauernwagen. Die Pferde fressen gerade ihren Hafer aus den umgehängten Säcken, und der Kutscher sitzt quer auf dem Bock mit einem Bauern. Beide neigen sich zueinander. Eine Frau, mit einem Kind auf dem Arm steht daneben, ein Radfahrer auf der anderen Seite. Was geht da vor? Ich stelle mich dazu. Riemand scheint mich zu bemerken; bie beiben auf bem Bock finb in eine Schachpartie vertieft. Der Kutscher hat gerabc mit ber Dame einen vorteilhaften Zug gemacht, unb fein Partner kratzt sich verlegen hinter ben Ohren. Da flüstert ihm bie Frau mit bem Kinb auf dem Arm etwas zu und macht ihm einen Zug vor, wie er mit Dem Turm ben Verlust toicber wettmachen kann. Der Rabsahrer ist auf bes Kutschers Seite unb weiß noch besseren Rat. In fünf Minuten ist bic Schlacht entfliehen. Der Kutscher sagt: „Schach matt.“ Cs ist höchste Zeil. Die Pferbe finb mit Fressen fertig, bie Fuhre mutz weitergehen. Die Figuren werden zusammengetafft und unter ben Sitzkasten geschoben. Der Bauer verabschiebct sich mit ben Worten: „Morgen Revanche!"
Ein sonberbares Dorf! Ich gehe in bie Wirtsstube bes Gasthofes. Ich sehe mich zum Frühstück und verlange eine Karte. Es ist eine Ansichtskarte von diesem kleinen Dörfchen: Hauptstraße in Ströbeck mit Schachturm. Als Motto ist ein kleiner Vers darauf zu lesen:
Bei Halberstadt im Westen und zwischen Harz und Huy, Da liegt das Dorschen Ströbeck mit seiner Schachpartie.
Wie ich erfahre, stammt dieser Vers aus einer uralten Chronik, denn dieses Ströbeck ist bereits seit Hunderten von Jahren in seiner Umgebung als das Schachdorf bekannt. Wer der erste war, der das Brett mit den 64 Feldern hierherbrachte unb das königliche Spiel einführte, wissen sogar die alten Chroniken nicht mehr, Rur eins weiß man bestimmt: es ist schon sehr, sehr lange her. In diesem „Gasthof zum Schachspiel" zeigt man mir stolz ein Schach- brett, das in die Wand des großen Saales eingelassen ist und hinter einer Glasvitrine die silbernen Figuren. Der Große Kurfürst war es, der es vor fast 300 Jahren dem Dorfe als Wahrzeichen schenke. Und durch das Fenster
der Gaststube zeigte man mir den alten Turm, den „©eß ad) türm“, in dem bereits bie Wcn- benfürsten ihre Mußestunden mit bem * scharfsinnigen Spiel verbrachten. Man zeigt mir auch einen großen Saal, heute als Tanzsaal benutzt, dessen Parkett in 64 scharze und weiße Felber cingetcilt ist. Cs ist ber Schachsaal für Spiele mit lebenben Figuren. Minbestens einmal jährlich finbet hier das große Turnier statt. Die besten Spieler bes Dorfes rücken ihre kostümierten Figuren nach allen Regeln ber Schachkunst, bis bas „Schach matt" ertönt. Wie man mir erzählt, bauert eine solche Partie oft mehrere Stunden, manchmal bis spät in bie Nacht hinein, unb bie Zuschauer verlieren keine Minute bie Gebulb, zuzusehen. Denn es gibt in Ströbeck fein aufregenderes Ereignis, als wenn bie Schach- großen, bic Aljechins und Bogoljubows von Ströbeck, ihre Kräfte im Schachwettstreit messen.
Das Dors hat kaum 1500 Einwohner, aber nicht ein einziger ist unter ihnen, ber nicht ein Schachspieler wäre. Schon bie kleinen Kinder in ber Wiege spielen nicht mit Puppen unb Rasseln, sondern mit bem König, ber Dame, dem Turm unb ben übrigen Figuren. Wenn wirklich einmal eine Figur verschwinbet, bann ist gleich reichlich Ersah zur Stelle.' Der Dorsbrechsler kann seinen ganzen Betrieb mit dem Anfertigen von Schachbrettern und Figuren aufrechterhalten; auch in feiner Werkstatt wirb nach Feierabenb noch rasch eine Partie Schach heruntergespielt. Die Familien werben hier danach eingeteilt, wer mit wem im Echachverhältnis steht. Es gibt alte Veteranen, bie feit einem Menschenalter miteinanber spielen. Auch sie haben nur bie Partie übernommen, bie ihre Väter anfingen unb finb wie ihre Ahnen von ber Wiege bis zum Grabe Partner einet Remispartic. Im Dereinszimmer des Gasthofes sieht man keine anderen Spiele, nur Schach. Alte Bauern sitzen einander gegenüber mit bem weisen Schweigen unb ben Denker- micnen von „Schachverstänbigen“. Wenn man sich biefe Dorfbewohner etwas genauer betrachtet, so haben sie alle etwas Seltsames in ben Zügen. Sie sehen klüger und überlegender aus als bie Einwohner anderer Dörfer. Sogar bie Frauen, bie boch mit ihren Haus- unb Gartenarbeiten beschäftigt finb, tragen diese Miene zur Schau. Oft sieht man sie auf den Höfen inmitten eines gackernden Schwarmes Hühner auf einer Küchentreppe mit Nachbarinnen eine Partie Schach spielen. Der Mann scheint auch gar nicht böse zu fein, wenn er nach Hause kommt unb die Suppe
etwas angebrannt ist. Er hat es nicht viel besser gemacht, denn inzwischen hat er in ber Schmiede- Werkstatt auf dem Amboß mit bem ersten Gesellen seine Schachkenntnisse verwertet. Ja, sogar bie Mobe bieses kleinen Dorfes erinnert an bie schone Leibenschaft. Die Frauen unb bie kleinen Jungens, bic zukünftigen Schachmeister, gehen in tarierte Stoffe gekleidet. Alles erinnert an bas schwarz-weiße Brett. Unb wenn bas Wetter schön ist, liegen bie Jungens nicht mit Murmeln unb Kreiseln auf ber Straße, sondern mit dem Brett und zweimal 16 Figuren.
Die Ströbecker sind überzeugt, daß sie nur eine Nachahmung der persischen Dörfer find. Sie stellen sich vor, daß in der Heimat des Schachs jedes Dorf ein Ströbeck ist. Mir scheint aber, bah sie irren. Ich habe noch nie etwas bavon gehört, baß irgenbein persisches Dors sich um bas Schachbrett gruppiert hätte wie gerade dieses Dörfchen zwischen Harz und Huy. Cs ist das einzige dieser Art in der ganzen Welt. Cs träte gar nicht zu verwundern, wenn dieses kleine Dors eines Tages den Weltschachmeister hervorbrächte. Doch haben die Ströbecker nicht den Ehrgeiz, mit ihrem Können in bie große Welt hinauszutreten. Sie verrichten ihre tägliche Arbeit in ber Werkstatt, im Gaben, im Garten, auf bem gelb genau fo wie ihre Väter unb Großväter cs taten, unb nach der Arbeit sehen sie sich zu einer Partie, damit sie die Tradition erfüllen, die Freude am Spiel und am scharfen Nachdenken genießen.
Wink mit dem Zaunpfahl.
Ein reicher Herr in Leipzig kam einmal zu dem hervorragenden Chirurgen Thiersch, ber übrigens ber Schwiegervater Adolf von Harnacks war. Er wollte sich operieren lassen, aber Thiersch nur fragen, wen er ihm wohl in Paris empfehlen könne. „Der beste Chirurg dort dürfte Doyen fein", erwiderte Thiersch etwas verstimmt. Doch der andere Nagte weiter, ob er wohl einer besonderen Empfehlung bedürfe, wenn er die Dienste dieses berühmten Arztes in Anspruch nehmen wolle. „Nein, das ist nicht nötig", sagte Thiersch. „Sie gehen einfach hin, und Doyen wird Sie dann gewiß fragen, wo Sie wohnen. Wenn Sie ihm dann antworten: In Leipzig, dann wird er Ihnen sicher sagen: „Sie Rindvieh, wenn Sie in Leipzig wohnen, warum kommen Sie dann zu mir und lassen sich nicht lieber von Thiersch operieren. B.


