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Rr. 124 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien) Mittwoch, 28. Mai (930
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 28. Mai 1930.
Provinzialausschuß-Sihung.
Am Samstag fand im Regierungsgebäude zu Dießen unter dem Dorsitz von Provinzialdirektor Graes eine öffentliche Sitzung des Provinzial- auSschusses der Provinz Oberhessen statt.
Es wurden folgend« Derwaltungsstreit- fachen verhandelt:
1. Flaschenbierhandel der Fritz Detter Ehefrau Ernestine geb. Horst in Gießen, An der Kläranlage 80; hier: Antrag des Kreisamts Gießen auf Alntersagung des Gewerbebetriebes.
2. Klage des Preuß. Dezirksfürsorgeverbandes Metzlar gegen den Landessürsorgeverband Hessen, vertreten durch den Dezirksfürsorgever- band des Kreises AlSfeld, wegen Erstattung von Pflegekosten für Johann Schoop.
3. Klage des Preuß. Dezirksfürsorgeverbandes Limburg gegen den Landessürsorgeverband Hessen, vertreten durch den Dezirkssürsorgever- band des Kreises Friedberg, wegen äleber- nahme von Krankenhauspflegekosten für Eduard Fröhlich.
4. Berufung des Heinrich Jüngling inOr - t e n b e r g gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Büdingen i. S.: Entschädigung für an ansteckender Blutarmut erkrankte Pferde; hier: Klage des Heinrich Jüngling in Ortenberg gegen den hessischen Minister des Innern in Darmstadt.
Der Provinzialausschuh erkannte durch Urteile zu Recht:
Zu 1. Der Ernestine Detter zu Gießen wird aus Grund des § 35 Absatz 4 der Reichsgewerbe- vrdnung der Kleinhandel mit Bier untersagt. Die Kosten des Dersahrens fallen der Genannten zur Last. Streitwert 500 Mark.
Zu 2. Vertagung dieser Sache.
Zu 3. Die Klage wird als unbegründet zurückgewiesen. Die Kosten des Dersahrens fallen dem Kläger zur Last.
Zu 4. Die Berufung wird als unbegründet zurückgewiesen. Die Kosten des Verfahrens fallen dem Berufungskläger zur Last. Streitwert 600 M.
n in m Tonners ag 9 .a-
Sonnenaufgang 3.53 Uhr. Sonnenuntergang 20.02 Uhr. — Mondaufgang 4.15 Uhr. Monduntergang 22.02 Uhr.
1500: der portugiesische Seefahrer Bartholomen Diaz am Kap der Guten Hoffnung gestorben; — 1809: der Philosoph Oswald Spengler in Blankenburg geboren; — 1923: der Maler und Zeichner Adolf Oberländer in München geboren.
Taten für Freitag, 30. Mai.
Sonnenaufgang 3.52 Uhr. Sonnenuntergang 20.02 Uhr. — Mondaufgang 5.09 Uhr, Monduntergang 20.02 Uhr.
1265: der italienische Dichter Dante Alighieri in Florenz geboren; — 1431: die Jungfrau von Orleans. „Scanne d' Arc", wird in Rouen verbrannt; — 1640: der Maler Peter Paul Rubens in Antwerpen gestorben; — 1778: der französische Dichter und Schriftsteller Francois Marie Arouet de Voltaire in Paris gestorben; — 1853: der Maler Vincent van Gogh in Croot Zundert in Brabant geboren.
Gictzener Wochcnmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 140 bis 150, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140. Wirsing 25 bis 30. Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 15 bis 20, gelbe Rüben 10 bis 12. rote Rüben 10 bis 12, Spinat 10 bis 15, Römischkohl 10 bis 15, grüne Bohnen 60 bis 70, Spargel 40 bis 85, Erbsen 35 bis 40, Misch-
Konstanze.
Vornan von Karl Heinz Doigt. Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister. Werdau. 23 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Peter wurden Konstanzes Besuche bald unentbehrlich. Er spürte dumpf, daß sich hier ein letzter Halt bot, der ihn vor dem Versinken ins Bodenlose rettete.
Konstanze kam in fein Atelier und es geschah, daß sie drei, vier Stunden lang still in einer Ecke sah und zusah. wenn er malte.
Er schien nur noch in ihrer Anwesenheit schaffen zu können. —
Es war dann ganz still in dem kleinen, lichtdurchfluteten Raume. — In Peters grauen Augen blitzten Eifer und Begeisterung. Er nahm seine halbvollendcten Arbeiten wieder auf. Zuweilen tauchte er einen Blick in Konstanzes große Augen. Das war ein Schöpfen neuer Kräfte aus einem unversiegbaren Bronnen.
„Sie sind dazu berufen. Frau Konstanze", sagte er begeistert, „einen Künstler zum Höchsten zu steigern. Ihre Gegenwart inspiriert mich."
Sie lächelte beglückt und dachte, daß Kurt Helbing einst etwas Aehnliches gesagt habe, vielleicht nur mit ein wenig anderen Worten. Sie sah Peters geschickten Pinsel über die Leinwand gleiten. Wenn er malte, war sein Blick in sich gerichtet. — Durchforschte er das wette Land seiner Seele?
„Wann wird er sprechen?" fragte sich Konstanze und wartete ungeduldig auf die Stunde, da er sich offenbaren würde. —
Einmal trat es ein, dah sie Peter nicht zu Hause antraf. „Herr Uhlstädt ist vor etwa zwei Stunden ausgegangen", sagte die Nachbarin mit unfreundlichem Gesicht. — Run, sie würde wie- verkommen.
Auch am Abend war er nicht daheim. — »Hat er etwas hinterlassen?" fragte Konstanz« die Rachbarin. Sie verneinte und schlug bedeutsam hie Tür zu.
Konstanze kam am nächsten Tag wieder. Er war nicht da. Abermals klingelte sie beunruhigt, völlig vergeblich an der Rebentür. — Sollte er krank sein? — Sie konnte kaum den nächsten Tag erwarten. — Endlich öffnete er ihr. — Das erste was ihr auffiel, war das seltsame Zucken in seinem Gesicht.
„Ich war täglich da", sagte sie und ärgerte sich über den vorwurfsvollen Ton in ihrer Stimme.
„Ich war ein paar Tage bei einem Freund in Dachau", sagte er und sah sie nicht an. „Ich freue mich, dah Sie da sind", versicherte er, indem sie den Hut ablegte. „Ich hat« eine ganz
Gesetzliche Regelung der Trichinenschau in Hessen.
Der hessische Inenrninister hat dem Landtag einen Gesetzentwurf zugeleitet, durch den auch in Hessen die Trichinens cha u gesetzlich geregelt werden soll. Während in anderen Ländern, beispielsweise in Preußen und Sachsen, die Trichinenschau schon lange (Preußen seit 1902) einheitlich gehandhabt wird, war sie in Hessen bisher den örtlichen Behörden überlasten. Außer den großen Städten schrieben für die gewerblichen Schlachtungen einzelne Kreise oder aber, wo diese sich nicht dazu entschließen konnten, auch kleinere Städte und Landgemeinden die Trichinenschau teils obligaw- risch, teils fakultativ vor. So bestehen in Hessen jetzt schon annähernd 3 0 Polizeiver - o Tönungen, die die Trichinenschau örtlich regeln und die ungefähr die Hälfte aller gewerblichen Schweineschlachtungen erfassen. Neuerdings laufen weitere Anträge auf Einführung der örtlichen Trichinenschau. Nicht zuletzt sind bie|c Bestrebungen auf die beteiligten Kcwerbekreise selbst zurückzuführen, die große Schwierigkeiten beim Absatz ihres Fleisches und ihrer Fleischwaren nach nichthessischen Gebieten haben, in denen die Trichinenschau eingeführt ist, die aber die Art der Trichinenschau, wie sie in Hessen durch Polizeiverordnung geregelt ist, vielfach nicht als genügend anerkennen.
Aus wirtschaftlichen und gesundheitlichen Gründen wird deshalb eine
für da» ganze Land einheitliche Regelung der Trichinenschau
durch dieses Gesetz angestrebt. Die verhältnismäßig seltenen Fälle der Feststellung von Trichinen bei Schlachttieren dürfen über die außerordentlich große Gefahr im Einzelfalle für die gesamte Bevölkerung nicht hinwegzutäuschen, da durch den Genuß des Fleisches eines einzigen mit Trichinen behafteten Tieres erfahrungsgemäß Hunderte von Menschen an Trichinosis erkranken können, mit einem sehr hohen Prozentsatz von Todesfällen.
Das Gesetz sieht die amtliche Untersuchung auf Trichinen nicht nur für Schweine, sondern f ü r
alle Tiere vor, deren Fleisch zum Genuß für Menschen verwendet werden soll, und die als Zwischenträger der Trichinose beim Menschen in Be- tracht kommen können. Trichinenepidemien, wie sie erst in neuester Zeit, besonders in dem Stuttgarter Fall bekannt geworden sind, der einer großen Anzahl von Menschen das Leben gekostet hat, machen es notwendig, den Kreis derjenigen Tiere, die der Trichinenschau unterliegen, möglichst weit zu halten. Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschait sind als solche Tiere zu bezeichnen: Wildschweine, Hunde, Katzen, Bären, Füchse, Dachse, Marder, Iltisse und Igel, sowie auch das Flußpferd. Da die Erkenntnisse der Wissenschaft sich aber im Laufe der Zeit an- dern können, soll die Bezeichnung dieser Tiere nicht durch das Gesetz, sondern durch Bekanntmachung des Innenministers erfolgen. Diese Bekanntmachung wird der Bevölkerung, soweit die Tiere überhaupt für den menschlichen Genuß in Frage kommen, als Warnung dienen können.
Auch das nach Hessen eingeführte Frisch- ober zubereitete Fleisch dieser Tiere soll nach dem Gesetzentwurf fünftig der Trichinenschau unterliegen, sofern es zum Genuß für Menschen bestimmt und nicht bereits amtlich auf Trichinen untersucht worden ist.
Die Höhe dek Gebühren für die Durchführung der Trichinenschau soll für das ganze Land ein- h.eitlich festgesetzt werden. Die Durchführung soll in engster Anlehnung an die Fleischbeschauorganisation erfolgen, da gerade die in Hessen hierüber bestehenden Vorschriften sich bcson- ders bewährt haben. Es ist beabsichtigt, in Bezirken mit gehäuften Untersuchungen nach Möglichkeit Kriegsbeschädigte mit der Trichinenschau zu beauftragen. Im allgemeinen wird die Trichinenschau von den bereits vorhandenen Fleischbeschauern übernommen werden.
Es ist voraussichtlich damit zu rechnen, daß das Gesetz nach Verabschiedung durch den Landtag am 1. Oktober 1930 in Kraft treten kann.
gcmuse 10 bis 15, Tomaten 60 bis 80, Zwiebeln 8 bis 12, Meerrettich 50 bis 70, Schwarzwurzeln 40 bis 60, Rhabarber 10 bis 15, Kartoffeln 41/z bis 5 (der Zentner 3,80 bis 4 Mk.), Aepfel 10 bis 15, Dörrobst 30 bis 35. Kirschen 80 bis 100, Honig 40 bis 50, junge Hähne 120 bis 130, Suppenhühner 100 bis 120, Rüsse 50 bis 70 Pf. das Pfund; Tauben (Stück/ 70 bis 80, Eier 10, Blumenkohl 50 bis 100, Salat 10 bis 15, Salat» gurken 50 bis 80, Ober-Kohlrabi 20 bis 25, Lauch 5 bis 10, Rettich 20 bis 25, Sellerie 10 bis 40 Pf. das Stück, Radieschen Bd. 10 bis 15 Pf.
*• Verkehrs- und Verschönerungsverein Gießen. Der in der jüngsten ordentlichen Generalversammlung gewählte Ausschuß des Verkehrs- und Derschönerungsvereins Gießen hielt gestern abend eine Sitzung ab, an der erstmalig auch Mitglieder des Vorstandes des früheren Verschönerungsvereins teilnahmen. Als wichtigster Punkt standen Wahlen auf der Tagesordnung. Durch einstimmige Wahl wurde der geschäftsführende Vorstand des Verkehrs- und Verschonerungsvereins wie folgt gebildet: Stadtratsmitglied Schwieder 1. Vorsitzender, Oberforstmeister Dr. Schütz 2. Vorsitzender, Derwaltungssekretär Maus Schriftführer, Kaufmann Loeb Rechner, Redakteur B l u m s ch e i n, Beigeordneter Dr. H.a m m, Forstrat Ricolaus, Hotelbesitzer S «chw a b und Kasfeehausbesitzer Schwarz als Beisitzer. Dieser Kreis von Herren soll neben der Er
ledigung der laufenden Geschäfte seine besondere Arbeitskraft der Derkehrswerbung widmen. Reugebildet wurde im Rahmen des Gesamtausschusses ein älnterausschuh für Verschönerungsfragen, der aus folgenden Herren besteht: Oberforstmeister Dr. Schütz, Forstrat Rico l a u s, Geheimrat Professor Dr. Witter- maier, Kaufmann und Stadtratsmttglied Wilhelm Horn, Steuerinspektor K l e m m r a t h , älhrmachermeister Marx und Hotelbesitzer Schwab. Dieser Unterausschuß soll seine Tätigkeit vor allem der Verschönerung unserer Stadt und der nächsten Umgegend widmen; er wird dabei im Rahmen des Gesamtvorstandes arbeiten. Wetter wurde der Beschluß gefaßt, in diesem Jahre wieder einen Blumenschmuckwettbewerb zu veranstzalten, an dem die Beteiligung für alle Bürger offen ist. Räheres wird in den nächsten Tagen noch bekanntgegeben werden.
*’ Heeresfachschule für Verwaltung und Wirtschaft. Von der Heeresfachschule Gießen wird uns berichtet: Am 23. Mai fand die diesjährige Abschlußprüfung II unter dem Vorsitz von Oberfachschulrat Prof. Schneider aus Stuttgart statt. Alle drei Prüflinge haben bestanden. Am 24. und 26. Mai fand die Abschlußprüfung I unter dem Vorsitz von Fachstudiendirektor B o u ch h o l h statt. Es haben ebenfalls alle 15 Prüflinge bestanden. Rach- stehende Anstellungsbehörden hatten je einen Vertreter in den Prüfungsausschuß entsandt: Reichsbahn, Reichspost. Reichsfinanzverwaltung, Hessi- sches Ministerium für Kultus und Bildungs
wesen, Hessischer Städtetaa. Hessischer Landgemeindetag und di« Industrie- und Handelskammer.
ee Reu« Beitra gsmarken in 6er Qln* gestelltenversicherung. Mit Wirkung vom l.Iuli ab werden neue zweifarbige Beitragsmarken der Angestelttenverslcherung auS- gegeben. Die Gülttgkeitsdauer der bisherigen Beitragsmarken läuft mit dem 30. Juni ab; sie dürfen also zur DettragSentrichtung für die Zeit nach dem 30. Juni nicht mehr verwendet werden. Die bisherigen Beitragsmarken werden von der Post nur bis einschließlich 30. Juni abgegeben. Wer nach diesem Zeitpunkte noch Beitrage für die Zeit vor dem 1. Juli zu entrichten hat, erhält nur noch die neuen Marken. ES ist ratsam, etwaige Beitragsrückstände noch vor dem l.Iull zu beseitigen. Unbeschädigte Stücke der bisherigen Beitragsmarken können, soweit zur DeitragS- entrichtung für die Zctt vor dem 1. Juli eine Verwendungsmöglichkeit nicht mehr vorhanden ist, bei der Post bis zum 30. September gegen neue Beitragsmarken der Angestelltenversicherung umgetauscht werden.
** Diebstähle. Entwendet wurden von einem Herrenrad, das im Dolksbad untcrgcfteUt war, eine Dynamolichtmaschine, Marke „Radsonne"; ein Paket mit Wurstwarcn aus einem Wagenabteil der Reichsbahn auf der Strecke Rödgen—Gießen und aus einem Personenkraftwagen eine Aktenmappe mit Inhalt, eine blaue Pserdeoorführdecke mit zwei Schnallen und weißem Besatz, eine graue und eine graugemufterte Wolldecke. Mitteilungen an die Krimmalpolizei erbeten.
Tagung der Erwerbs- und Wkrtschastsgenoffenschasten.
Am 23. und 24. Mai fand in Homberg a. d. Efz« der 6 7. Verbandstag des Verbandes Hessischer Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften e. D. mit dem Sitz in Kassel unter Leitung des Derbandsdirektors Letschert (Kassel) statt. Weit über hundert auswärtige Vertreter waren zu der Tagung erschienen.
Die erste Versammlung am 23. Mai brachte u. a. den Bericht des Derbandsrevisors über die bei den einzelnen Genossenschaften vorgenommenen Revisionen. Die Ausführungen, die sich ins- besondere mit den Ausgaben der Dorttandsmitblieder und des Aufsichtsrats befaßten, ferner mit der Buchführung und Innenorganisation der Genosien- schäften, sowie mit deren Kreditpolitik, fanden die einhellige 3uftimmung der Versammlung. Im Anschluß hieran wurde über
die Gründung eines Zweckoerbandes mH dem
Wiesbadener und Darmftäbkr Revisionsverband
und über die Satzung dieses Zweckverbandes beraten. Aufgabe dieses neuen -Zusammenschlusses soll der Ausbau der Verbandsgeschäfte und eine Vertiefung der Verbandsrevisionen sein. Die Versammlung stimmte der Gründung, sowie den Statuten zu. Die Entschließung des Wiesbadener Verbandes, an dessen Zustimmung nicht zu zweifeln ist, steht noch aus. Der Darmstadter Verband hat seine Zustimmung bereits auf seiner Tagung in Groß-Gerau am 11. Mai erteilt.
Ebenso wurde eine Stützungsaemein- schäft der Kreditgenossenslhaften des Deutschen G e n o s s e n s ch a f t s o e r b a n d e s gutgeheihen.
Am zweiten Derhandlungstaae erstattete Der- bandsdirektor Letschert tn Anwesenheit zahlreicher Staats-, Gemeinde- und anderer am Ge- deihen der Genossenschaften interessierter Vertreter den
Geschäftsbericht.
Er besprach die allgemeine schwierige Wirtschasts-
seltsame Beobachtung gemacht. Ich kann nämlich kaum noch ein paar Tage ohne Sie sein." Er lachte und es klang unmelodisch und rauh.
Sie fühlte sofort, daß in diesem Mann irgend etwas vorgegangen fein müsse. Seine Blicke waren unstet, und ein flackerndes Licht lohte im tiefsten Grunde seiner grauen Augen. — Der herbe Zug um seine Mundwinkel war vertieft. Sein Gesicht schien blasser. Seine Krawatte war nachlässig gebunden und die Manschetten waren nicht ganz sauber.
„Würde er nun sprechen?" — Er blieb schweigsamer denn je. — — —
Dann saß sie still da und er malte. Es waren die letzten Striche zu einem großen Gemälde, „Erlösung" betttelt-
Konstanze kam langsam näher, er rückte die Staffelei in eine günstigere Beleuchtung und nun stand sie lange vor dem fast vollendeten Gemälde.
Er empfand beglückt ihre verstehenden Blicke.
„Dieses Werk ist Ihr Werk, Frau Konstanze", sagte er nicht ohne Pathos. „Run weiß ich, ich könnte ohne Sie nichts mehr schaffen."
Er sah, wie sie sekundenlang schwärmerisch die Augen schloß, wie damals, da ihre Hand auf seinem Scheitel gelegen hatte, weißt du noch?
Run würde er sprechen. Es würgte ihn in der Kehle und entriß ihm die Worte. Die Gegenwart dieser Frau beherrschte ihn. Ihre Blicke flössen zusammen, wurden eins in zärtlicher Vertiefung. Da nahm er fie ganz vorsichtig in seine Arme. Ein andachtsvolles Küssen war cs. — Da wurden die Stunden des Glücks in Klein-Giesow zur Wirklichkeit. — Es gab eine Auferstehung versunkener Liebe.
Täglich kam Konstanze. Sie wartete noch immer auf Erfüllung ihres Wunsches, Peters Geheimnis zu erfahren.
„Er hat kein Vertrauen", dachte sie traurig, ohne die Geduld zu verlieren. —
„Ich werde ein paar Tage nicht da sein", sagte er einst. Er wich ihrem forschenden Blick aus und ergänzte: „Ich werde nach Dachau fahren zu meinem Freund."
Er nennt nie den Rainen des Freundes, empfand Konstanze von leisem Mißtrauen gequält, aber sie unterließ es, mit weiteren Fragen in ihn zu bringen. —
Sie konnte die Stunde nicht erwarten, da er zurück sein würde. — Morgen also! — Run, auch dieser Tag würde vergehen! —
Als er ihr öffnete, erschrak sie. Seine Hände waren feucht und ohne jede Kraft. Er sah krank aus und seine Bewegungen hatten etwas Mn- beherrschtes. Er schien um Jahre gealtert tn den wenigen Tagen. 3n dieser Stunde entdeckte Konstanze das erste graue Haar bei Peter.
Er beherrschte nur schwer feine Erregung, zerbiß das Mundstück seiner Zigarette, spuckte dm
beherrscht. Das Flackern in feinen Augen war geschwunden.
Als sie gegangen war, stand er lauschend an der Tür. Rachdem ihre Tritte im EttegenhauS verhallt waren, eilte er zum Fenster. Dort ging sie über den schmutzigen Hof. Ein paar Männer standen vor dem Tor der Roßschlächterei und geftifulierten heftig. Der eine hielt eine Peitsche in der Hand und schien zu schimpfen. Peter sah, wie Konstante ihre Schritte beschleunigte. Run nahm sie der Torbogen, der nach der Straße führte, auf.
Peter zog sich mit schnellen Griffen die Samtjacke aus, vertauschte sie mit einem dunkleren Rock. Den Lleberziehcr hängte er über den Arm. Dann stand et wieder regungslos und schien zu lauschen. Er setzte den Hut auf und verlieh die Wohnung.
In dem Keller der „Leda Rhmskh" war das Spiel schon in vollstem Gang.
Leda kam ihm freudig entgegen, wiegte den Kopf hin und her, so daß die unechten Perlen- vhrringe schaukelten und drohte mit dem dicken Zeigefinger, an dem einige Similiringe in schamlosem Geglitzer strahlten.
„Sie waren lange nicht hier, Wertester? — Es ist alles in bester Laune heute."
Peter fühlte einen Etel in sich hochsteigen. Mit diesem wenigen Geld konnte er nicht in den Bolton-Klub gehen, wo nur um höchste Einsätze gespielt wurde. Er hatte sich fest vorgenommen, diese dreihundertfünfzig Mark zu verzehnfachen. Wenn ihm das gelungen war, würde er gehen. — Er würde gewinnen! Es war Konstanzes Geld, und dieses Geld mußte ihm Glück bringen!
„Es ist doch nichts zu befürchten?" fragte er die ihn führende Leda.
„Sie können ganz unbesorgt fein, Herr Ahlstädt", flötete sie mit einer verdächtig freundlichen Stimme. „Wir haben die Wachtposten verstärkt. Die Polizei hat keine Ahnung."
Am Ende des langen, feuchten und finsteren Ganges den sie entlang schritten, öffnete Leda Rhmsky eine Tür. Als Peter eintrat, fühlte er augenblicklich ein Dutzend glühender Augen auf sich gerichtet. Schon war man ganz bei der Arbeit". Die Karten flogen auf den Tisch. Scheine und hartes Geld wanderten über das grüne Tuch.
„Wünschen Sie was zu trinken?" fragte Leda und spitzte die dicken Lippen.
„Selbstverständlich! — Was ist da?"
„Etwas ganz Vorzügliches. Wird nur an Stammgäste abgegeben. Pommerh de Rormandie." Eie legte die nicht ganz sauberen Fingerspitzen xufammen, küßte fie, verdrehte die Augen und sagte: .Einfach Puppe und billig. Fünfundzwanzig Mark."
„Her damtt!" rief Peter und war froh, dies« Person endlich los zu fein.
(Fortsetzung folgt.)
Tabak aus und ging unruhevoll in dem dürftigen Raume auf und ab.
Konstanze bemühte sich, gleichgültig zu fragen: „Wie war es in Dachau, Peter?"
„Ich bin gern dort", antwortete er sehr schnell und riß sogleich das Wort an sich. „Was hast du erlebt in diesen Tagen, Konstanze? — Wie geht es Äurt?“
.Helbing meidet mich offensichtlich."
„Ich weih, dah er dich liebt", sagte Peter und versuchte ein mühseliges Lächeln hervorzubringen.
„Seine Liebe ist hoffnungslos." Sie umfing ihn mit einem zärtlichen Blick, in dem Besorgnis war.
Er schien ihre Worte zu überhören, ging mit langen Schritten auf und ab und hatte ein kleines, törichtes Lied auf den Lippen. Schließlich griff er zum Pinsel, rückte die Staffelei zurecht, nahm die Palette. Plötzlich legte er den Pinsel fort.
„Es geht nicht!" rief er verzweifelt und ohne Beherrschung. Er warf sich in einen Stuhl und starrte verstört vor sich hin. „Sprich! Schütte dieser Frau, die dich versteht, dein Innerstes aus", so raunte es in ihm. Er schüttelte untoUlig den Kopf und vertrieb diese Stimme.
„Was ist es?" fragte Konstanze mit ganz milder Stimme und trat dicht vor Peter hin.
„Ich bin ... Ich will dir erklären ... Es ist ... ein einziger geringfügiger Geldbetrag kann mich retten.
„Ist es ba&?“ In der Frage lag Abwehr und Freude zugleich.
Er nickte. Er wagte nicht, sie anzusehen.
„Warte einen Augenblick!" Eie überlegte. „Wieviel brauchst bu'F*
Er sah sie unsicher und voller Argwohn an.
„Hundert Mark."
»Du mußt warten. — Ich komme bald wieder. — Eine Stunde vielleicht." Schon war sie gegangen. —
»Da ist Geld!" rief sie, als sie wenig später wiederkam. „Sieh an, eine stattliche Summe!“ Sie war glücklich und lachte mit hellen Augen.
Er sah das Geld mit gierigem Blick.
„Willst du mir nicht erklären, Konstanze .. .** „Ich habe mich von einem Ring getrennt.“ „Ich danke dir. Ich werde dir selbstverständlich das Geld bald toiebergeben. — Willst du einen Schuldschein?"
Er schob die sieben Fünfzigmarkfdjeine mit einer gleichgültigen Gebärde, wie sie nur dem berufsmäßigen Spieler eigen ist, in fein Schubfach.
»Du hast mir wirklich einen großen Gefallen getan, Konstanze. Ich hoffe, daß ich dir schon übermorgen das Geld zurückgeben kann."
Sie beobachtete, daß sein ganzes Wesen ruhiger geworden war. Sein MieinuspÄ war wieder
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