Nr. 74 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)______________Zreitag, 28. Mär; (930
London-Moskau.
Don unserem E. E.-Derichterstatter. Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
London, März 1930.
Einer der wichtigsten außenpolitischen Programmpunkte der Arbeiterregi?rung . bei lieber- nähme der Macht im Juni d. I. war die Wie - derherstellung der diplomatischen Beziehungen Englands äu Moskau. Außenminister Henderson hat diese Aufgabe mit Geschick erledigt, so daß im Spätherbst zunächst ein Sowjetbotschafter in der Person von S 0 k a l - yik 0 w nach London kommen konnte. Die diplomatischen Beziehungen waren damit wieder hergestellt, die für die Wiederherstellung wirklich normaler Beziehungen maßgebenden Fragen, wie Anerkennung der Borkriegsschulden durch die Sowjetregierung, bindende Verpflichtungen in der Propagandafrage, blieben jedoch ungeregelt. Dach den Absichten der brillschen Regierung sollten die Derhandlungen über alle ausstehenden Fragen unmittelbar nach Eintreffen des Sowjetbotschafters in London und des neuen brillschen Botschafters in Moskau beginnen. Seither sind Monate vergangen und es ist noch immer sehr still über den Fortgang etwaiger Derhandlungen. Diese Tatsache beleuchtet besser als alle theoretischen Versicherungen, daß die englisch-russischen Beziehungen zunächst noch sehr viel zu wünschen übrig lassen und daß auch die Arbeiterregierung mit ihrer betont rußland- freundlichen Einstellung große Schwierigkeiten in Moskau fand. Ob diese Rußlandfreundlichkeit allerdings heute noch so groß ist, wie sie es im Juni v. I. war, mag mit Fug und Recht bezweifelt werden.
Eine einwandfreie Beantwortung der Frage, warum die Annäherung zwischen London und Moskau inzwischen so geringe Fortschritte ge- macht hat, ist nicht ganz leicht. An dem guten Willen der britischen Regierung hat es gewiß nicht gefehlt! auch die tatsächlichen Ereignisse geben keinen sllchhalllgen Anhaltspunkt für diese Entwicklung. In der für die Haltung Englands wichtigsten Frage, der propagandistischen Tätigkeit Moskaus, ist mit einer einzigen Ausnahme, jener Einführung der Dritten Internationale in England durch das mehr oder weniger unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinende neue Kommuni st en blatt „Daily Worker" nichts geschehen, was eine neue Verstimmung Englands gegen die Sowjetregierung rechllertigen würde. Dem neuen Sowjetbotschafter Sokolnikow muh man sogar nachsagen, daß er, vorläufig wenigstens, die einzig richtige Haltung wählte, mit der er in führenden englischen Kreisen einigen Eindruck machen konnte, nämlich stärkste Zurückhaltung in allen politischen wie wirtschaftlichen Fragern Für die ungünstige Entwicklung der englisch-russischen Beziehungen sind internationale Faktoren maßgebend und unter ihnen vor allen Dingen zwei Erscheinungen: erstens die allgemeine wirtschaftspolitische Haltung der Sowjetmachthaber und zweitens die seit Monaten im Gange befindlichen sowjetrussischen Religionsverfolgungen. Durch beide Fragen wird Großbritannien nicht unmittelbar berührt, aber sie haben naturgemäß die britische Oeffentlichkeit rein gefühlsmäßig sehr stark beeinflußt! um so mehr, als die gegenwärtigen Vorgänge in Sowjetrußland sehr weitgehend als ein Ausdruck der inneren Schwäche des bolschewistischen Systems angesehen werden. Di^ Beurteilung der fowjetrussi- schen Vorgänge in England stützt sich weitgehend auf deutsche Quellen, da man weiß, daß Deutschland viel genauere und zuverlässigere theoretische Kenntnisse übet Sowjetrußland besitzt und auch ziemlich einzigartige praktische Erfahrungen gemacht hat. Die englische Reaktion auf Störungen der Beziehungen zwischen Deutschland und Sowjetrußland, wie sie leider jetzt eingetreten sind, ist daher stets sehr groß, ohne daß hieraus
gefolgert werden dürfte, daß England in dem einen oder anderen Sinne aus dem Wechsel in den deutsch-russischen Beziehungen Vorteile zu ziehen versuchen würde. Das war vielleicht einmal richtig, als noch nach allgemeiner Lieberzeugung eine starke Wahrscheinlichkeit für die Konsolidierung des bolschewistischen Regimes bestand. Mit der heute vorherrschenden gegenteiligen Lieberzeugung, daß der Zusammenbruch der Bolschewistenherrschaft schneller zu erwarten sein wird, als man noch vor kurzer Zeit zu hoffen wogte, interessiert die Haltung Deutschlands gegenüber Moskau und ebenso umgekehrt das Verhalten Moskaus gegenüber Deutschlands gewissermaßen als eine Art Musterbeispiel für die Eowjetpolillk.
Wenn die Sowjetregierung sich In den letzten Monaten bei mehreren Gelegenheiten in der rück-
Als die Religionsverfolgungen in stärkerem Maße einsehten, war sonach ein günstiger Boden für spontane Rückwirkungen in England vorhanden. Dem Appell des Pap st es haben sich die beiden anglikanischen Erzbischöfe und der katholische Kardinal D 0 u r n e sofort angeschlossen. Für sich allein wäre die Belastung der englisch-russischen Beziehungen, durch diese Religionsverfolgungen noch nicht sehr gefährlich. Im Verein mit den allgemein wirtschaftlichen Vorgängen aber ist die anti-sowjet- russische Front in Großbritannien wieder zu beträchtlicher Stärke angewachsen. 3n Moskau setzt man sich wie stets über diese Tatsache hinweg durch besonders zahlreiche und verletzende englandfeindliche Karikaturen. Die im Kreml herrschenden überllugen Theoretiker mit ihren phantastischen Gedankenkonstrukllonen ohne jedes
Mrcom Ändei in Genua die Lichiervvn Sidney an
Oben: Marconis Experimentierjacht „Elektra", von der aus Marconi 3000 Lampen in dem 16 000 km entfernten Sidney entzündete. — Unten: Die Funkstation an Bord der „Elektra". — Rechts: Marquefe Guglielmo Marconi, der Pionier der Funken- telegraphie.
sichtslosesten Weise über ihre in Konzessionsverträgen mit Deutschland eingegangenen Verpflichtungen hinwegsehte, so wird daS in England als ein allgemeines Symptom der Sowjetherrschaft gewertet und beeinflußt, demenllprechrnd die Haltung großer Kreise. Wenn man auf der anderen Seite in London sieht, wie in den letzten Monaten gerade diejenigen deutschen Wirtschaftskreise, die in Sowjetrußland wichtigste Pionierarbeit geleistet haben, von ihren Vertragspartnern in Moskau wirtschaftlich fallengelassen und moralisch verprügelt werden, dann rundet sich das Bild ab, das für England den Ausgangspunkt für seine Haltung gegenüber Moskau ergibt. Wir sehen so, daß die englisch-russischen Beziehungen sich in einem experimentellen Stadium befinden und durch die deutschen Erfahrungen stark beeinflußt werden.
gesunde Verhältnis zur Wirklichkeit waren nie in der Lage, Deutschland zu begreifen, obwohl zwischen Deutschland und Rußland sehr alte kulturelle. wirtschaftliche und politische Beziehungen bestanden. Sprache, Sitten und Gebräuche stnd zahlreichen führenden Persönlichkeiten auch des bolschewistischen Regimes bekannt, aber das innere Wesen Deutschlands ist ihnen fremd geblieben und wird ihnen fremd bleiben. In noch stärkerem Grade gilt das natürlich für England, dessen Mentalität den Moskauer Theoretikern ein Buch mit sieben Siegeln ist.
Außenminister Henderson hat seit dem Herbst in keiner anderen Frage so viel Mühe gehabt, seine parlamentarischen Gegner zufriedenzustellen, wie mit der russischen. Seit Monaten vergeht keine Woche, in der nicht in einer der beiden Kammern, meistens sogar in beiden, eine
Rußlandaussprache stattfindet. Die Gegner der Anerkennung der diplomatischen Beziehungen haben im Verlaufe zahlreicher Verhandlungen beträchtlich an Terrain gewonnen, nicht nur dem Buchstaben, sondern auch den Tatsachen nach. AuS dem im Herbst geplanten großzügigen A u S - fuhrkreditplan ist nichts geworden, die bn- tische Industrie ist in ihrer Ruhlandbegeisterung wieder stark gedämpft und die auf die Wiederherstellung der Beziehungen zu Moskau allgemein gesetzten wirtschaftlichen Hoffnungen sind erheblich herabgedrückt worden. Die Regierung weiß das sehr wohl und es ist anzunehmen, daß auch ihre innere Dereitwllligkeit, die Wiederherstellung der Beziehungen mit Moskau zu verteidigen, nicht mehr die gleiche ist wie im vorigen Jahr. Ministerpräsident Macdonald ist trotz seiner zweifellos großzügigen Einstellung in Fragen von wirklicher Bedeutung im Grunde seines Herzens ein empfindlicher Mann. Seine Ruhlandlieoe wird durch die ständigen verunglimpfenden Karikaturen aus Moskau nicht gefördert. Auch Henderson, weit mehr robust und weniger empfindlich, weih die ständigen Liebesbezeugungen aus Moskau richtig zu werten. Das Gefamtkabinett beurteilt die Dinge, wenn nicht alles trügt, nicht viel anders. Es ist nur allzu verständlich, daß es unter diesen Umständen vom Kabinett als eine immer weniger beneidenswerte Aufgabe empfunden wird, eine Po- lillk zu verteidigen, die von dem Vertragspartner selbst ständig ironisiert und von der Opposition als zu weitgehend, vom eigenen linken Flügel als unzureichend angegriffen wird.
Was aber ist der Erfolg dieser Politik? Der englische Handel.hat von der Wiederherstellung der Beziehungen bisher wenig profitiert und hat auch geringe Aussichten, in absehbarer Zukunft ein wirklich ins Gewicht fallendes Geschäft zu machen. Das große ethische Ziel, das der Arbeiterpartei in chrem Drängen auf Wiederherstellung der Beziehungen früher vor- schwebte, den Bolschewismus nach und nach zu bekehren, Rußland auch unter der gegenwärtigen Moskauer Herrschaft wieder in die Gemeinschaft der Rationen zurückzuführen, ist als undurchführbar erkannt. Wenn die Regierung trotzdem so lange wie irgend möglich einen neuen Bruch zu vermeiden sucht, so deshalb, weil sie hierdurch die inneren Schwierigkeiten vermehren würde. Der Anreiz, den Moskau auf Großbritannien auszuüben vermag, ist aber auf dem Rullpunkt angelangt, England wird nicht für neue militärische Interventionen gegen das Sowjetregime zu haben sein, wenn die diplomatischen Ik^ziehungen wieder in die Brüche gehen sollten. Aber es wird zu seinem Teil bereit sein, den wirtschaftlichen Jsolierungskampf fortzuführen, sobald begründete Aussichten bestehen, die Bolschewisten hierdurch auf die Knie zu zwingen. Wann dieser Zeitpunkt gekommen sein wird, ist noch ungewiß, aber es ist gar keine Frage, daß die gegenwärtigen Verfallserscheinungen in Moskau nicht nur mit verstärkter Aufmerksamkeit, sondern in weiten Kreisen auch mit neuen Hoffnungen verfolgt werden.
Taten für Samstag, 29. März.
Sonnenaufgang 5.44 Ähr, Sonnenuntergang. 18.27 Llhr. — Mondaufgang: 5.50 Llhr, Monduntergang 17.40 LLHr.
1733: der Märchendichter Joh. Karl August Musäus in Jena geboren: — 1826: Wilhelm Liebknecht in Gießen geboren: — 1840: der Afrikaforscher Emin Pascha (Ed. Schnitzer) in Oppeln geboren: — 1850: der amerikanische Schriftsteller Edward Bellamy in Chicepee Falls geboren: — 1863: der Schriftsteller Georg Freiherr von Ompteda in Hannover geboren: — 1918: der Rovellist Timm Kröger in Kiel gestorben.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr Samstag nachmittag geschlossen.
AUigatorbaby gefällig?
Von Otto Flechsig.
Kürzlich berichtete die italienische Zeitung „(Sortiere della Sera" aus Kairo: „Prinz Mohamed Sidi hat seiner Mutter von einer Europareise einen kleinen, 45 Zentimeter langen Alligator mitgebracht, den er in Berlin gekauft hat."
Man wird sich wundern, daß Prinz Mohamed Eidi den Alligator gerade in Berlin gekauft hat, da doch Alligatoren am Strande der Spree eigentlich nicht beheimatet sind. Eine Anfrage bei der Direktion des Berliner Zoos klärt den Reugierigen auf.
Ich besuche die Firma, die mit Krokodilen, Alligatoren und Schlangen handelt. Llnweit des Alexanderplatzes hat sie ihren Sih. „Fünf Treppen. Fahrstuhl" höre ich, und erwarte, daß sich dort die Bureauräume befinden werden. Doch, da oben im fünften Stock eines typischen Bureauhouses. ist eine Fülle von Getier aller Art: schon im Empfangszimmer sieht man große und kleine Eidechsen, Schildkröten und bunte, exotische Fische. Feuchte Wärme herrscht in dem Raum.
Ich spreche mit einem der Leiter des Llnter- nehmens. Auf meine Frage, wer denn hier kaufe, zeigt er mir einige im Laufe des Tages eingcgangene Briefe: vom Londoner Zoo, der eine seltene Alligatorenart bestellt, vom Breslauer Zoo, den eine australische Schildkröte interessiert. Lind der Pariser Zoologische Garten verlangt eine ganze „Kollektion" von Kriechtieren „Llnsere Hauptabnehmer aber sind die Artisten, nicht die Zoologischen Gärten. Der Bedarf eines Zoo ist verhältnismäßig gering, weil die Kaltblüter bei sachgemäßer Pflege ein sehr langes Leben haben und sogar zuchttähige Junge zur Welt bringen. Die Artisten dagegen müssen bedacht sein, ihrem Publikum möglichst oft neue Tiere zu zeigen."
„Warum läßt sich eigentlich der Londoner Zoo die Alligatoren nicht direkt aus Amerika kommen? Dann brauchte er doch den gewiß teuren Transport nur für eine kürzere Strecke zu bezahlen."
..Das ist richtig. Aber wir verfügen über eine jahrzehntelange Erfahrung im Tiertransport, so daß der Empfänger mit einem gesunden und einwandfreien Tiermaterial rechnen kann. Dazu kommt, daß wir als größte Handlung für exotische Tiere in Europa dem Interessenten jederzeit das gewünschte Tier liefern können."
„Wo bringen Sie denn in Berlin die großen
Alligatoren, Schlangen und solche Tiere unter?" „Die können Sie sich gleich ansehen: sie sind auch hier oben."
„Wie kommen denn die hier herauf?"
„Die Alligatoren und Krokodile werden einzeln in Kisten transportiert, die ihrer Länge entsprechen 'Beim Transport im Fahrstuhl stellen wir die Kisten einfach hoch."
„Wie teuer ist denn ein ausgewachsener Alligator?"
„Bis zu einer Länge von 1,50 Meter können Sie den Zentimeter mit etwa 1 Mark veranschlagen Von 1,50 Meter an kostet jeder weitere Zentimeter etwa 3 Mark und steigert über drei Meter auf ungefähr 10 Mark. Abgesehen von ganz seltenen Arten können Sie diese Preise getrost als Grundlage annehmen." Der Alligator des Prinzen Mohamed Sidi wird also ungefähr 45 Mark gekostet haben.
Ich erhalte efnen Prospekt, die ..Reptilienliste Rr. 175". Er verzeichnet „Alligator-Babys" schon für 25 Mark: sie sollen „kugelrund" sein und „aus der Hand fressen". Schlangen sind billig: die meisten Arten kann man schon für 4 bis 10 Mark erstehen Landschildkröten in größeren Exemplaren scheinen recht selten zu sein, denn der Prospekt verzeichnet sie mit bedeutenden Preisen. Run werde ich in einen großen überheizten Raum geführt, der ganz voller Bassins und Käfige steht. Hier werden die Krokodile, die Alligatoren und die tropischen Schildttöten „auf Lager gehalten". Im Winter ist der „Vorrat" geringer, weil der Transport durch Kälte zu schwierig und zu kostspielig ist und ein Risiko bedeutet, dem sich weder die Tierhandlung noch ihre Kunden aussetzen wollen. Ein Wärter nimmt ab und zu ein „Alligator-Baby" heraus: sie sehen wie unsere Eidechsen aus: sie sperren hungrig das Maul auf, aber statt des Fressens steckt ihnen der Wärter seinen Finger hinein.
„Was die Tiere fressen? Die Krokodile und Alligatoren fressen am liebsten lebende Tiere. Am billigsten sind weiße Ratten, die in Berlin für Laboratoriumszwecke gezüchtet werden. Aber für unseren Massenverbrauch sind auch die Ratten noch zu teuer, weshalb wir meistens Pferdefleisch verfütteru. Ein ausgewachsenes Krokodil vertilgt in der Woche dreißig bis vierzig Pfund. Das kostet die Woche zwanzig Mark. Die Schlangen müssen lebendige Tiere bekommen, meistens geben wir ihnen Mäuse."
„Was geschieht mit den Tieren, die krank werden?"
„Wir sondern sie ab und kriegen sie meistens
wieder gesund. Den Kaltblütern amputieren wir im Rotfall auch einmal ein Glied. Freilich, ein gewisser Prozentsatz — besonders der jungen Tiere — stirot uns auch, aber der Ausfall ist nicht so groß, weil die Häute verkauft oder ausgestopft werden können."
„Werden Sie nie von den Schlangen oder Alligatoren gebissen?"
„Das kommt eigentlich nie vor. Die Tiere verlieren in der Gefangenschaft von ihrer Angriffslust. Rur vor frisch importierten Schlangen müssen wir uns sehr hüten. Man kann ihnen kaum das Futter hineinwerfen, ohne daß sie hochschnellen. Aber unsere Hebung schützt uns vor der Gefahr, gebissen zu werden."
Roch ein Rundgang durch diesen Zoo im fünften Stock eines Berliner Geschäftshauses, ein Blick auf die bunten schillernden Fische der Tropen, die trägen Schildkröten und die großen und kleinen Echsen, die sich vielleicht vor wenigen Wochen noch an den Hf em des Rils, des Mississippi oder des La Plata sonnten.
Dann steigt man die Treppen hinunter, liest im Vorbeigehen .....& Co., Stoffe und Leinen",
„.. G. m. b. H., Verwaltungsbureau" und ähnliche Schilder nüchternen Erwerbslebens und freut sich, daß auch ein Bureauhaus in der City abseitige Geheimnisse bergen kann: lebendige Zeugen ferner tropischer Erdteile.
lieber Georg Büchner,
TJn der Reihe der vom Goethe-Bund gemeinsam mit dem Stadttheater veranstalteten dramaturgischen Einführungsvorträge sprach gestern abend im Kunstwissenschaftlichen Institut Professor Dr. Vietor, der Literarhistoriker der Landesuniversität, über Georg Büchner, dessen Dramen „Woyzeck" und „Leonce und Lena" heute abend aufgeführl werden. Der Borlragende entwarf, nach einem entwicklungsgeschichtlichen Rückblick, ein sehr lebendiges, geistig umrissenes Bild des früh- verstorbenen hessifck)en Dichters, indem er ihn in seine Zeit hineinstellte und zugleich aufzeigte, wie Büchner weit über die Grenzen seiner Zeit hinaus lebte und dachte: wie er, im Gegensatz zu seiner Umwelt, dem „Junyen Deutschland", einen ganz neuen Ton in die Literatur einführte und über so ziale Erkenntnisse verfügte, die erst einer viel spateren Generation allgemeiner Besitz wurden: Büch- nei; als Naturwissenschaftler, aktiver Polittker und revolutionärer Dichter ist, wie dargelegt wurde, eine Erscheinung, die erst etwa 60 Jahre später am Platz gewesen märe. Der Vortragende entwickelte bann
aus dem weltanschaulichen Bilde des jungen Studenten die in Gießen zum Ausbruch gekommene schwere Lebenskrise und ihre geistige und seelische Lösung: er gab eine Darstellung der hessischen Lili- putrevolution, an der Büchner teilhatte mit dem „Hessischen Landboten": anschließend eine Würdigung des dichterischen Werkes, beginnend mit einer feinsinnigen Analyse des „Danton", der als revo- lutionäres Propagandastück mißverstanden wurde, während er in der Tat aus tieferer Gesetzmäßigkeit herausgewachsen war: hier ist Büchner der lieber« minder der Kunstsphäre des deutschen Idealismus, im „Woyzeck" dann gibt er, damals etwas ganz neues, ein erstes proletarisches Drama; mit dem melancholischen Lustspiel „Leonce und Lena" nimmt er Abschied von der Romantik. Zusammengefaßt: Büchner als ahnungsvoll-vorzeitige Erscheinung feiner Epoche, Typus des ersten deutschen Europäers. — Der ausgezeichnet stilisierte und formulierende Vortrag, mustergültig in der Klarheit des Aufbaus wie in der Herausarbeitung der geistesgeschichtlichen Voraussetzungen, gab ein so erschöpfendes Bild Büchners, wie es in der zeitlichen Begrenzung irgend möglich war. Das zahlreiche Auditorium dankte mit lebhaftem Beifall.
Hochschulnachrichten.
Der durch die Emeritierung von Pros. Stefan Cord an der Hniversität Köln erledigte Lehrstuhl der romanischen Philologie ist dem ordentlichen Professor Dr. Leo Spitzer in Marburg angeboten worden. Spitzers Arbeiten liegen auf dem Gebiete der romanischen Sprachgeschichte, allgemeinen Sprachwissenschaft, Sprachphilosophie. — Der Regierungsrat im Reichs- gesundheitsamt und Privatdozent an der Hniversität und an der Technischen Hochschule in Berlin Dr. Eduard K e e s e r, der einen Ruf nach Rostock erhalten hat, wird das Ordinariat für Pharmakologie sowie die Leitung des Pharmakologischen Instituts an derR 0 st 0 cker Hniversität als Rachfolger von Prof. E. Frey am 1. April d. 3. übernehmen.
Rektor und Senat der Technischen Hochschule zu D a r m st a d t haben auf einstimmigen Antraa der Abteilung für Bauingenieurwesen dem ordentlichen Professor der Ingenieurwissenschaften und Vorstand des Bautechnischen Laboratoriums an der Technischen Hochschule in München Dipl.-Ing. Heinrich Spangenberg in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die Konstruktion und Ausführung weitgespannter Massiobrücken die Würde eines „Doktor-Ingenieurs ehrenhalber" verliehen.


