Nr. 502 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag, 27. Dezember lO3Ü
von einem gereimien Augsburgischen dekennlms.
Don Pfarrer Kornmann in Laubach.
Das Jahr 1930 darf nicht zu Ende gehen, ohne daß der Tatsache gedacht ist, dah in dem alten Laubacher Gesangbuch von 1756 ein Augsburgisches Bekenntnis im Bersmah zu finden ist. 3m Solms-Laubachi- schen Gesangbuch, ..zum Gebrauch bey öffentlichem Gottesdienst wie auch zur Beförderung der HauS-Andacht, in gegenwärtiger Ordnung und 5c*m eingerichtet, und mit Landes-Herrlchaft- licher Genehinhabung zum Druck befördert von 3ohann Valerius Ludwig Bieder. Hochgräfl. EolmS-Laubachifchen Consistorial-Rath und Hof- Prediger". findet sich dieses Lied unter Ur. 993 — das Gesangbuch hat bezeichnenderweise 1000 Lieder! — Das Lied hat die Melodie ,.O Gott, du frommer Gott die ersten 21 Verse haben die entsprechenden Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses zum Inhalt.
Wir stellen — auswahlweise — ein paar Artikeln des genannten Bekenntnisses die entsprechenden Verse des Dolms-Laubachilchen Gesangbuches gegenüber, um einen objektiven Vergleich zwischen Bekenntnis und Lied, und eigne Llrteilsbildung des Lesers darüber zu ermöglichen. Zunächst der 1. Artikel: von Gott. Das Auasburgische Bekenntnis sagt dazu: „Erstlich wird einträchtiglich gelehrt und gehalten, ... dah ein einig göttlich Wesen sei, welches genannt wird und wahrhaftiglich ist Gott, und sind doch drei Personen in demselbigen einigen göttlichen Wesen, gleich gewaltig, gleich ewig, Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist, alle drei ein göttlich Wesen, ewig, ohne Stück, unermessener Macht, Weisheit und Güte ohne Ende, ein Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbare Dinge ..." Dieser 1. Artikel ist folgendermaßen gereimt:
..Wir glauben, dah Ein Gott, Dah aber drei Personen Gott Vater. Sohn und Geist In einem Wesen wohnen, Gleich ewig, weis' und gut. Don gleicher Ehr' und Macht, Die alles, was da ist.
Aus nichts hervvrgebracht."
Schon hier erkennt man die meisterliche Beherrschung des „Stoffes" — die ganz prächtige Knappheit und Kürze der Ausdrucksweise, die
allem wesentlichen indes nicht den geringsten Abtrag tut. — Sehr fein ist z. B. auch der Artikel lX umgestaltet: er lautet im Bekenntnis: „Don der Saufe wird gelehrt, dah sie nötig sei, und dah dadurch Gnade angeboten werde: dah man auch die Kinder taufen soll, welche durch solche Taufe Gott überantwortet und gefällig werden..Im Lied lautet der entsprechende Vers:
„Die Taufe ist die Tür Zum wahren Reich der Gnaden, Darinnen soll man auch Die kleinen Kindlein baden.
Denn unser Heiland ruft: Bringt, bringt sie her zu mir, Sie sind mir lieb und wert, Das Himmelreich ist ihr." Bemerkenswert erscheint auch der XVI. Artikel des Bekenntnisses: „Von Polizei und weltlichem Regiment wird gelehrt, dah alle Obrigkeit in der Welt und geordnete Regimente und Gesetze, gute Ordnung, von Gott geschaffen und eingesetzt sind, und dah Christen mögen in Obrigkeit-, Fürsten- und Richteramt ohne Sünde sein, nach kaiserlichen und anderen üblichen Rechten Urteil und Recht sprechen. Uebeltäter mit dem Schwerte strafen, rechte Kriege führen, streiten. kaufen und verkaufen, aufgelegte Eide tun. Eigenes haben, ehelich sein usw. ...“ Hören wir, was das Lied daraus gemacht hat:
„Die Obrigkeit hat Gott Verordnet und gesetzet. Daher wird sie mit Recht Der Ehre wert geschähet. Es kann und darf ein Christ In solchem Stande sein, Auch schworen, ehlich sein, Und mit zu Felde geh n."
Und so liehen sich noch mancherlei Verse beibringen, um zu zeigen, was alte Zeit mit diesem Bekenntnis anzufangen wuhte. — Die Verse 22 bis 25 einschließlich sind scbarf antirömisch gehalten, was niemand überraschen kann. In diesen vier Versen sind die Artikel XXII bis XXVIII des Augsburgischen Bekenntnisses zusammengefaßt, — hier klafft also die Artikel- und Verseinteilung auseinander. Aber das tut
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Die Weihnachtsbescherung der Heilsarmee.
der bedeutsamen Sache selbst keinen Abbruch. Der Vers 26 ist dann der Schlußvers, der das Gedächtnis dieses Bekenntnisses und Bekenntnis- liedes besonders einprägen möchte.
Das Lied ist es wert, dah hier, wenigstens in Bruchstücken, ein kleiner Eindruck davon vermittelt und dah es damit der völligen Vergessenheit entrissen werde. Schade nur. daß der Verfasser dieses „Augsburgischen Bekenntnisliedes" nicht mehr zu ermitteln zu sein scheint: er verdiente, um des einzigartigen Versuches Witten, dem Bekenntnis wirkliche Volkstümlichkeit zu geben, unvergessen zu bleiben!
Gießener Winckelmannfest.
Das Archäologische Institut der Landesuniversität Gießen hatte zu einem Winckelmannfest in den Großen Hörsaal des Dorlesungsgebäudes geladen, der fast bis auf den letzten Platz gefüllt war. Zuerst wies Dr. Rudolf Herzog, Professor der klassischen Philologie, mit wuchtigen Worten auf die Bedeutung der Winkelmannfeste hin, die seit 100 Jahren von dem Archäologischen Institut in Rom, seit 90 Jahren in Berlin, jetzt am deutschen archäologischen Institut in Athen und an den meisten deutschen Universitäten — vor dem Krieg auch einige Male in Gießen — gefeiert wurden, um zu betonen,, dah der im Dezember 1717 geborene Begründer der antiken Kunstwissenschaft nicht nur der gesamten Altertumswissenschaft, sondern als Wegbereiter des Reuhumanismus dem ganzen deutschen Volk gehört.
Hierauf zeichnete Dr. Victor, Professor für deutsche Philologie, in tiefschürfenden, fein geschliffenen Sähen das Bild Winckelmanns als Mensch und als deutscher Klassiker. Als Sohn eines armen Schuhmachers in einer Hütte aufgewachsen, setzt er es durch, dah er auf eine höhere Schule kommt und studieren kann. In Dresden bildet er sich zum Kunstkenner unter der Führung von Malern. Endlich kommt er nach Rom, um den Preis des Religionswechsels, als Bibliothekar des Kardinals Albani, dann als päpstlicher Antiquar und Oberaufseher aller Altertümer in Rom. Auf der Rückkehr von einer Reise in die Heimat wird er, 51 Jahre alt, ermordet, nachdem fein Werk vollendet war. Dieses Werk besteht vor allem in zwei unsterblichen Schriften, den „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" (1755), und in der „Geschichte der Kunst des Altertums" (1764). Die erste spricht den Grundgedanken aus, die andere stellt aus ihm heraus Geschichte dar. Ihr einziges Thema ist die antike Kunst, die Winckelmann als die einzige erlcheint, die ganz rein Wahrheit und Schönheit verwirklichte. Rur hier findet er große Gesinnung in schöner Form ausgesprochen. Winckelmann hatte keinen Sinn für das bewegte, aber formlose Pathos der Barockkunst seiner Zeit. Ihrem maßlosen Ausdruck, ihrer formlosen Leidenschaft stellte er das berühmte Wort entgegen: „Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterwerke ist eine edle Einfalt und stille Große, sowohl in der Stellung als im Ausdruck". Er sah hier den Gipfel der Kunst, weil hier der Gipfel des Menschentums war. Mit dieser Schönheitslehre wurde Winckelmann der erste deutsche Klassiker. In der Auseinandersetzung des deutschen Geists mit dem Geist des Altertums entfaltete sich der deutsche Idealismus, das neue Ideal von Größe, Geistigkeit und Statur. Das unvergleichliche Werk der klassischen Dichtung verdanken wir der heiligen Hochzeit von deutschem mit antikem Gent. Ohne Winckelmann wären das Werk Goethes, Schillers Hölderlins, Herders und Humboldts Kulturphilosophie und das Meiste der deutschen Romantik, die modernen Geschichtswissenschaften nicht das geworden, was sie sind.
An die beiden Vorredner anknüpfend, betonte Frau Dr. Bieber, Professor der klassischen Archäologie, dah die Winckelmannfeste den Zweck hätten, im Sinne des Begründers unserer Wissen
schaft einem weiteren Kreis Rechenschaft über dio Resultate der archäologischen Forschungen abzulegen. Die Wissenschaft bringt auf dem von ibnt gewiesenen Weg immer weiter vor. Er saßte die älteste Periode der griechischen Kunst bis Phidias als eine Einheit zusammen, wir scheiden heute in ihr eine ganze Anzahl von Kunstepochen, von denen die beiden der archaischen Kunst von etwa 600 v. Ehr. bis zu den Perserkriegen und dio frühklassische Kunst bis Pbidias in neu gefundenen Denkmälern mit herrlichen Lichtbildern vorgeführt wurden. Das erste Bild zeigte gleich einen unschätzbaren Reugewinn, eine vor zwei Jahren aus dem Meer geborgene überlebensgroße originelle Bronzeftatue, das älteste Bildwerk, da- die Idee einer überirdisch mächtigen, unüberwindlichen Gottheit zum Ausdruck bringt. Unter den spätarchaischen Bildwerken ist die Sihstatue einer Göttin im Berliner Museum die Vertreterin der Hochblüte jonischer süßer Anmut und Reife. In die Frühzeit führt eine stehende Göttin in Berlin, ein altattisches Marmorwerk. Blockartigo geschlossene, ganz abstrakte, aber ungeheuer ausdrucksvolle Formen verbinden sich mit einzelnen, der Ratur entlehnten Zügen zu einem krassen, übertrieben lebendigen, urwüchsig derben, aber geistig hochstehenden Bild. Roch älter sind Sphingen, Gorgonen, Bestien, die in der allerältesten Zeit die Giebel und Dächer der griechischen Tempel füllten. So übersehen wir erst jetzt die starke Entwicklung, die in dieser von Winckelmann noch als Einheit gefaßten Periode vor sich gegangen ist: von unbeholfener Auseinandersetzung mit dec von Dämonen und Bestien erfüllten und gefürchteten Ratur, über urwüchsige Wucht zu naiver, dann immer bewußterer Fröhlichkeit und Verfeinerung. Aach den Perserkriegen verschmelzen Kraft, Frische, Strenge und Anmut dank der Schöpfungskraft der attischen Künstler zu der herben Große der Frühklassik, die sich dann erfti zu der eigentlichen Klassik abklärt, die Winckelmann als „edle Einfalt und stille Größe" gekennzeichnet hat.
Die inhaltreichen Ausführungen der drei Redner wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Wenn die kommenden Winckelmannfeste auf gleicher Höhe stehen, so werden sie eine Bereicherung des geistigen Lebens unserer Stadt bedeuten.
Oberbeffen.
Gemeinderat in Grünberg.
+ Grünberg, 23. Dez. Die Gemeinde- ratssihung am Montagabend war infolge des Fernbleibens von sechs Gemeinderäten nicht! beschlußfähig. Auf Grund des Artikels 104, Absatz III der Landgemeindeordnung hatte daher Beigeordneter Keller zu einer eiligen Sitzung mit der gleichen Tagesordnung auf Dienstagabend eingeladen. Laut Artikel 104 der Landgemeindeordnung ist eine derartige Sitzung beschlußfähig, auch wenn nicht die vorgeschrieben« Zahl von zwei Drittel der Gemeinderäte anwesend ist.
Der Zuhörerraum war stark besetzt, da man allgemein auf das Verhalten der sechs Gemeinderäte gespannt war. Erschienen waren neun Gemeinderäte, da von den sechs fehlenden der vorigen Sitzung sich diesmal drei eingesunden hatten. Diese blieben aber nur während der Verhandlung der beiden ersten Punkte der Tagesordnung im Saale. Dann protestierten fie dagegen, daß der Beigeordnete nicht dem schriftlich ein gereiften Wunsche der sechs Gemeinderäte nachgekommen sei und auf die gestrig« Tagesordnung außer einer anderen Sache di« Dürgermei st erwähl gesetzt habe. Der Beigeordnete rechtfertigte sein Verhalten mit dec Erklärung, dah er absichtlich die Bürgermeister- Wahl nicht auf die Tagesordnung gesetzt habe, da zu dieser Zeit der Einspruch noch nicht erledigt gewesen sei und er in ein schwebendes Verfahren nicht habe eingreifen wollen. Hierauf verliehen die drei Gemeinderäte dio Sitzung.
Heber die Beschaffung von Deckungsmitteln für im Rechnungsjahr 1930 bereits entstandene und noch entstehende W o h l - fahrtslasten berichtete der Gemeinderechner
Arnold Mendelssohn.
Zum 75. Geburtslage des Komponisten.
Als ich vor einigen Wochen den Meister in Darmstadt auffuchte, hatte er gerade eine Zuschrift erhalten, in der die Frage aufgeworfen wurde, weshalb sein Schaffen unserer Gegenwart geistia so nahe stehe, obwohl man in Hinsicht auf fein Alter und die durchlebten vielfältigen Entwicklungsperioden der Musik eher geneigt sein könnte, das Gegenteil anzunehmen. Darauf feine Antwort: „Ich habe mein ganzes Leben lang quer gestanden: hätte ich mich der Zeit angepaßt, so hätte ich Schiffbruch gelitten; so aber lernt man und nimmt an.“ Das treffende Bekenntnis einer zielbewußten, in sich geschlossenen Persönlichkeit, die, mit offenem Blick für alles Gegenwärtige, an bestimmten als recht erkannten Grundsätzen unabänderlich festhält, ohne je der Mode etwa des Artistisch-Llebersteigerten, des Impressionistischen zu verfallen, und die in ihrem Heranreifen ihre eigene Erschließung findet. Der heutigen Jugend fühlt er sich besonders nahe, „in der Ablehnung jener gewissen Philisterromantik, die seiner Generation das „Schöne" bedeutete, ihm aber von jeher als verlogen tief verhaßt war".
Damit fällt er das Urteil über alle, die ihn Irgendwie in eine Beziehung zur Romantik setzen wollen. Seelenschwörmerei, völliges Aufgehen im Subjektiv-Gefühlshaflen ist ihm fremd. Deshalb wirb man ihn auch nicht zu den sog. „absoluten" Musikern rechnen können: er braucht für fein Schaffen stets ein anregendes Medium; sei es im Worte gebundene Bildhaftigkeit, fei es eine begriffliche Bezogenheit. Aus dieser Veranlagung ist seine Hinwendung zur Dokalmusik zu erklären. Sein Vokalstil ist ein Verschmelzungsprozeß des bildhaft-symbo- lisch-geistigen Gehaltes des Textlichen mit organisch- logischer Gesügtheit des Musikalischen, ohne sich bei allem Eingehen auf die Bildhaftigkeit des Textes in abschildernder formal zerflatternder Programmmusik zu verlieren. Von dieser Einstellung aus erscheint für ihn das Problem der Form an sich bedeutungslos. Seine Dokalform erwächst auf organisch fundiertem Grunde des Textes als ein sinn- volles musikalisches Geschehen. — Selbst die Fuge, die man oft nur als einen formal-dynamischen Ablauf ansieht, wirb, bei ihm zu einem geistigen Ge- staltungsprozeß. <oo findet z. B. in feiner Motette zum IruuhiiisMt das Problem der Dreieinigkeit
in einer Tripelfuge feine Verkörperung, deren drei Themen „Gott-Vater", „Gott-Sohn", „Gott, den Heiligen Geist" symbolisieren. Nachdem diese drei Themen in der Durchführung immer wieder von neuen Seiten beleuchtet worden sind, ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit aus diesem musikalischen Prozeß, daß sie als „Eins" erkannt werden, und so mündet diese Fuge in der homophonen Zusammenfassung: „Und diese drei sind Eins." Ein überzeugender Fall der völligen Uebereinftimmung der Formbildung mit dem gebundenen, geistigen Gehalt.
So vermochte er der Motette, die in dem musikalischen Schaffen der letzten zwei Jahrhunderte nicht immer die gebührende Beachtung gefunden hatte, und die, mit wenigen rühmlichen Ausnahmen. oft nur noch Anspruch auf Würdigung einer formalen Tüchtigkeit der Schaffenden erheben konnte, wieder eine Stellung zuzuweisen, die der Produktion vor 200 Jahren würdig an die Seite treten kann: so in den vierzehn Motetten der „Geistlichen Chormusik", so in der „Deutschen Messe" als einer musikalischen Darstellung des evangelischen Gottesdienstes, so in einem seiner jüngsten Werke, dem „Gebet des Herrn", einer musikalischen Verklärung des Vaterunsers.
Cs würde zu weit führen, auf das umfangreich« Schaffenswerk Arnold Mendelssohns an dieser Stelle ausführlich einzugehen, z. T. ist es ja auch schon gelegentlich seines 70. Geburtstages geschehen. Räher liegt die Frage, weshalb das Werk Arnold Mendelssohns noch nicht in dem Umfange die Würdigung erfahren bat, wie man seiner Persönlichkeit hohe Ehrungen erwiesen hat. Abgesehen von der musikalischen Vorfeier des 70. Geburtstages gelegentlich des Oberhessischen Musik- festes in Laubach (1925) ist hier in Gießen in den letzten Jahren kaum etwas von nennenswerter Bedeutsamkeit geschehen. .Sjtcr gilt es nachzuholen. Dem Männergesang hat er gerade in den letzten Jahren mit ben Dolkslieder-Dearbeitungen aus dem Locheimer Liederbuch und dem jüngstens bei Schott in Mainz erschienenen Folgen würdige und erreichbare Aufgaben gestellt; ganz abgesehen von den größeren begleiteten Werken. Lind gar den gemischten Chören ist ja der Hauptteil seines Schaffens gewidmet. Dazu ein umfangreiches Liedwerk und eine Reche von Gaben für die Kammermusik. Wenn cs schon im entferntesten Winkel unseres Vaterlandes, in Mendelssohns Geburtsstadt Ratibor, möglich war, durch ein groß an
gelegtes Musikfest in vorbildlicher Weise den Meister zu ehren, um so mehr erscheint das verpflichtend für das Inland. Richt schone Worte, sondern nur die Tat kann für ihn werben. Das betätigte mir in den letzten Tagen eine Zuschrift von Pros. Karl Straube, dem Direttor des Thomanerchors in Leipzig: „Dieser Meister hat wirklich lange genug auf Anerkennung warten müssen, um so schöner, daß er es selber noch erleben darf, wie feine große Kunst, nämlich die a-cappella-Werke, mit der Zeit das Herz des Volkes gewinnt und wenigstens hier in Leipzig seine Gestalt zu einer volkstümlichen gemacht hat."
Möge Gott ihn uns noch recht lange in rüstiger Gesundheit und voller Schaffenskraft erhalten! Möge seinem Werk die Auswirkung beschieden sein, die ihm mit Recht zukommt! Dr. H.
Das schlichte Gemüt.
Von Bruno Manuel.
Darietebesucher müssen lachen. Ihr seelischer Zustand benötigt Heiterkeit. Deshalb richten es die Direktoren so ein, daß jeder Gang des artistischen Menüs einen Schuß Komik enthält.
Fraglich ist nur, ob auch Rechenkünstler Heiterkeit entfesseln können. Denn der beklagenswerte Emst der Mathematik läßt keine Komik zu. Rechcr künstler müssen achtstellige Ungetüme multiplizieren. Sie ziehen mit phänomenaler Richtigkeit Quadratwurzeln. Wo kann da ein Mensch Humor entfalten!
Damit aber Darietebesucher auch über einen Rechenkünstler lachen, ist das schlichte Gemüt zugegen. Das schlichte Gemüt sitzt im Parkett und bringt den Rechenkünstler in Verlegenheit. So was amüsiert die Darietebesucher.
Wenn ich behaupte, der Rechenkünstler käme dadurch in Verlegenheit, ist das natürlich übertrieben. Er tut nur so. Denn in Wahrheit kann das schlichte Gemüt dem Rechenkünstler nicht das Wasser reichen.
Man darf ihm Zahlen nennen, die er augenblicklich zur dritten Potenz erhebt. Doch welchem Darietebesucher ist mit höherer Mathematik gedient? Sogar das schlichte Gemüt findet dergleichen Probleme rechtschaffen langweilig. Lind es fragt mit ungeheurer Dreistigkeit den Rechenkünstler:
.Können 6ie auch eine andere Aufgabe lösend"
Damit kommt gleich ein sympathischer Zug in die Dorstellung. Hofsentlich gibt es eine Ausgabe, die der Rechenkünstler nicht lösen kann. Wenigstens wünschen das die Darietebesucher. Auch das schlichte Gemüt ist von dem Wunsch durchdrungen. Es will dem Rechenkünstler auf den Zahn fühlen und gibt ihm folgendes Exempel auf:
„Wenn ich ein Haus habe, das 17 Meter lang und 19 Meter hoch ist, und wenn dieses Haus 52 Fenster und einen hochherrschaftlichen Eingang hat, was kostet dann eine Zweizimmerwohnung in der dritten (Stage?"
Sehr mit Recht hebt bei dieser Frage beispielloses Gelächter an.
Der Rechenkünstler zeigt ein gefrorenes Lächeln. Die Aufgabe ist ihm sichtlich peinlich. Ec legt die Denkerstim in Falten und erklärt sich außerstande, ein derartiges Exempel zu lösen. Er behauptet auch, dies fei keine Rechenaufgabe, sondern allenfalls ein Witz. Wogegen natürlich das schlichte Gemüt energisch protestiert. Lind versetzt:
„Dann werde ich sie Ihnen lösen: die Wohnung kostet 80 Mark."
Das schlichte Gemüt wird gebeten, auch eine Erklärung beizufügen. Was prompt erfolgt.
„Die Sache ist doch sehr einfach: ich wohne nämlich in der Wohnung.“
Man brüllt. Parkett und Ränge biegen sich. Jeder will das schlichte Gemüt sehen. Cs bleibt natürlich unsichtbar. Wahrscheinlich, um nicht van dem Rechenkünstler erschossen zu werden. Er hat eine begreifliche Wut. Er hat sie täglich. Denn das schlichte Gemüt ist sein Partner. Mit ihm steht und fällt die ganze Rümmer.
Ziegelsteine.
Der berühmte Psychiater K r a e p e l i n besuchte eines Tages eine Heilanstalt, in der Arbeitstherapie getrieben wurde. Im Schweiße ihres Angesichts fuhren die Kranken in Schubkarren Ziegelsteine. Am Schluß der Kolonne endlich kam einer mit einer umgekehrten Schubkarre. Kraepelin fragt ihn: „Warum haben Sie Ihre Karre denn umgedreht?" — „2>as wissen Sie nicht?" — „Nein, das weiß ich nicht." — „Dann will ich es Ihnen sagen", meint der Kranke mit überlegenem Gesicht. „Wenn ich den Karren richtig halte, wie die anderen Idioten hier, ladet man mir auch Steine hinein, und ich muß mich damit abplagen. Aber ich bin doch nicht oettüdtr


