Einzelbild herunterladen

Nr. 226 Zweiter Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)

Samstag, 27. September 1950

Deutschland in Genf.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der tfniDcrfifdf Äerlin, Mitglied der deutschen Dölkerbundsdeiegation.

Weltpolitisch am bedeutsamsten auf der Döl- kcrbundStaaung sind bisher die beiden eng - lischen Festlegungen. -Der Handelsmini­ster Graham erklärte, daß trenn Englands Wünsche auf 3 o II abbau nicht erfüllt würden, eS den Weg zum Reichszollverein, xum Abschluß deS englischen Weltreichs gegen die anderen gehen müsse. Lind der Außenminister Henderson verkündete, daß England daS Ab­kommen über Anpassung der DölkerbundSsahung an den Kcllogg-Pakt und das über finanzielle Hilfeleistung an angegriffene ober bedrohte Staa­ten erst ratifizieren trerbe, trenn ernsthaft etwa- in der Abrüstungsbewegung geschehe. Namentlich die zweite Festlegung ist bedeutsam. Denn sie besagt natürlich umgekehrt, dost England äu den aus den beiden Abkommen sich ergebenden Verpflichtungen bereit ist, wenn Frankreich in der Rüstungsbeschränkung wirklich vorwärts geht. Indem Henderson damit etwas über die bisher von England eingehaltene Linie, keine weiteren Verpflichtungen zu übernehmen, hinauS- geht, stellt er zugleich durch dieses Druckmittel einen inneren Zusammenhang her, der auch für Deutschlan d der gegebene ist und Don ihm immer betont wird.

Dieser Zusammenhang klang auch in der gro­ßen Rede deS deutschen Außenmini­sters wider. Selten hatte Wohl ein Vertreter eines Staates in einer so schwierigen Situa­tion zu sprechen, wie Dr. Curtius es unmittel­bar unter dem Eindruck der deutschen Reichstags- Wahlen in In- und Ausland zu tun hatte. Buhige Beurteilung wird anerkennen müssen, daß er die schwere Aufgabe geschickt und wirksam gelöst hat. Denn zunächst kam es daraus an, diePantk, die mit dem deutschen Wahlausfall im Ausland entstanden war und sich inzwischen auch im Rückgang deutscher Werte ausgedrückt hat, nicht noch größer werden au lassen. So ist es doch auch wirklich nicht, daß nun nach dem 14. September in Deutschland alles brunter unb trüber ginge und die Außenpolitik gänzlich um« gestürzt wurde! Darum stellte Curttus in aller Ruhe, aber nachdrücklich fest, daß die große Politik für uns manche Enttäuschung ge­bracht habe, daß aber die grundsätzliche Haltung Deutschlands zum Völkerbund nach wie vor durchaus positiv sei. Daß damit nicht alles, namentlich nicht alles zur weiteren deutschen Dölkerbundspolitik gesagt ist, ist ja klar. Mehr aber brauchte zunächst nicht gesagt zu werben.

Im weiteren würbe das deutsche Pro­gramm : Verhütung der Kriegsursachen (also Artikel 19), Abrüstung Minderheitenschutz (dessen Behandlung auf Deutschlands Druck viel größeren Umfang annahm, als die andere Seite wünschte), Paneuropa Wirtschaftsfragen doch mit aller wünschenswerten Deutlichkeit ent­wickelt. Deutschlands Position wurde bezogen und steht fest. Wieviel daraus zu machen ist das hängt viel weniger von der Geschwindigkeit rind Energie des Auftretens in Genf ab, als von der Frage, was dann in Deutschland hinter einem Außenminister oder Vertreter die­ses Programms steht. Das aber ist die offene Frage, die sich jedermann auch in Genf heute stellt!

Mir scheint, als habe die Beurteilung der Curtiusschen Rede in Deutschland ihren großen Teil über die Wirtschaftskrise allzusehr in den Hintergrund gedrängt. Hier wurde die Weltkrise und die deutsche Krise, auch mit brr ileberlaftung burch die Reparationszahlungen, die Verbundenheit Europas in der Wirtschafts­not und darum die Rotwendigkeit der curopäi- schen Korporation bis zum Gedanken einer euro­päischen Wirtschafts- unb Zollunion umfassen!)

Oer Oreysus-Film.

Lichtspielhaus Vahnhofstraßc.

Für die ältere Generation ist die Affäre Drey- fus, welche um die Iohrhundertwenbe. von Frank­reich ausgehend, die europäische Oefsentlichkeit in Atem hielt unb zu leidenschaftlichem Für unb Wiber erregte, ein miterlebtes Stück Weltge­schichte.

Den Iüngeren unter uns ist sie allenfalls bem Rainen nach unb vom Hörensagen flüchtig be­kannt, ohne baß man sich der Zusammenhänge ober gar der Einzelheiten eines zwölfjährigen erbitterten Kampfes erinnerte.

3m vorigen Iahre erst hat sich bic dramatische Literatur des Stoffes bemächtigt: ein Schauspiel Die Affäre Dreyfus", nach den Akten gearbeitet, ging in Berlin wochenlang über, bic Bühne. Unb nun, nachbem ber Fall burch bic Veröffentlichung her Memoiren des Herrn von Schwartzkoppen, ehemaligen Militärattaches bei ber deutschen Bot­schaft in Paris, noch einmal aktuell geworben ist, wendet sich ber Tonfilm, unter ber Leitung von Richard Oswald geschaffen und mit einem großartigen Ensemble erster Schauspieler beseht, an die breiteste Oesfenlichkei.

Er entrollt, den historischen Vorgängen folgend. Chronik. Drama und Reportage zugleich Zug um Zug das erregende und erschütternde Bild eines unerhörten Rechtsbruches, eines politischen Skan­dals von phantastischem Ausmaß und einer menschlichen Tragödie, die nichts von ihrer an- klägerischen Wucht verloren hat, obwohl der Vor­hang längst über die letzte Szene fiel,... eines Trauertpieles, dessen Held noch heute lebt, als TOjäbriget Greis in Paris.

Der tragische Held ist Alfred Dreyfus. Haupt­mann im französischen Generalstab, aus dem Elsaß gebürtig, jüdischen Glaubens. Im Iahre 1894 wird er. auf Grund gefälschter Indizien, un­schuldig verhaftet, des Landesverrats angeklagt, degradiert und zu lebenslänglicher Verbannung auf der Teufelsinsel verurteilt. In der Heimat kämpften Frau und Bruder des Gefangenen zu- fmrnnen mit Zola, ©lemenceau, Oberst Picquart 3aures und andern gegen eine fanatische, mit ben gemeinsten Mitteln arbeitende, in ihrem Prestige schwer bedrohte Militärkamarilla für die Linschuld des Hauptmanns.

hervorgehoben. Freilich werden weitere deutsche Kundgebungen dazu, die notwendig sind, leb­hafterer Farben unb größerer Rach - drücklichkeit bebürfen. Denn man will auch in ben Kreisen deS Dölkerbunbes dergleichen noch nicht recht hören. Man will nicht einsehen, baß bic beutsche Rot auch europäische Rot ist, weil auS ber Rot einmal hervorgehende innere Erschütterung ober gar Umwälzung in Deutsch- lanb unweigerlich, aus Gründen, die ja gar nicht aufgezählt zu werben brauchen, weithin über Europa ausstrahlen würde. Man staunt immer wieder, wieviel gerade über notwendige europäische Zusammenarbeit geredet wird und wie wenig die gemeinsame Rot ber gegenwärtigen Krise bic Isolierung ber einzelnen Gliedstaaten Europa- gegeneinander überwindet.

Daß dazu freilich Briands Paneuropa- Idee mit ihrer rein französisch-politischen Ziel­setzung nicht der geeignete Ausgangspunkt ist. hatten schon die 26 Antwortnoten gezeigt, die Briands Cinzelvorschläge so zerzaust haben, daß von ihnen wenig übrig blieb. Eo mußte Briand zufrieden sein, daß ein Stubienfomitee eingesetzt wird, bas bis zur nächsten Versamm­lung einen Plan entwerfen soll. Aber das ist nun wirklich sehr wenig! Wenn die Anhän­ger des Paneuropa-Gedankens schon das als einen Fortschritt ansehen, sind sie bescheiden. Aber immerhin: vom deutschen Standpunkt ist damit wenigstens nichts Schädliches ober Gefährliches herausgekommen. Und die Verschärfungen der Krise, die ber Winter Aunächst ohne Zweifel brin­gen wird, werden auch bic Regierungen veran­lassen, bic Arbeit in biefem Stubienkomitee etwas mit Dampf zu betreiben. Eine Reihe von Pro­blemen wird nun wirklich zu sogenannten kol­lektiven Lösungen spruchreif, wobei die Regierungen und die Führer des Wirtschafts­lebens einander in die Hände arbeiten müssen, zu wirklich praktischen und nutzbaren Erlebnissen. Im übrigen werden diese Fragen als rein wirt­schaftliche ja in der Wirtschaftlichen Kommission deS Völkerbundes weiterbehandelt, wobei freilich auch mehr Wert daraus gelegt wird, d i c Schwierigkeiten (Zoll, Meistbegünstigung) herauszuarbeiten, als zu positiven Verständigun­gen und Lösungen zu drängen. Was dafür die Stellungnahme Englands gerade unter einem ßabourtabinett bedeutet, würde eingangs schon gesagt.

In der Minderheitenfrage erreichte die Behandlung durch Deutschland jedenfalls, daß sie ausführlich zur Sprache kam und ein ganzer Teil der Völkerbundsstaaten bic regel­mäßige Behandlung der Minderheitenfragen für erwünscht hält. Den Gegnern gelang nicht, ihren Standpunkt durchzusetzen, daß die unausgesetzte Erörterung der Minderheitendinge den Frieden störe, daß man erst einmal abtoarten müsse, wie das letztes Iahr beschlossene Verfahren sich bewähre und dergleichen mehr. Es ist die klare Absicht von Frankreich, Polen, der Kleinen En­tente. in solcher Weise dies Problem totzu- machen. Das gelingt nicht, wenn Deutschland so auftritt, wie es das diesmal tat. Mehr als das kann man in der heutigen Situation billiger­weise nicht verlangen.

Denn die Ocfamtfituation lastet ja auf ber diesmaligen Tagung in Genf und lähmt die Völkerbundsarbeit. Alle drei Hauptregierungen sind schwach. Was in bezug auf Frankreich freilich nur heißt, daß Briands Position (nicht die des Kabinetts Tardieu) schwach ist. und daß er in allem, was er sagt und tut. mehr nls jemals seit der Konferenz von Cannes nach Paris und auf bic Gegner schauen muh, die sehr bereit sind, ihn zu stürzen. Die eng­lische Regierung hat keine feste Mehrheit im Unterhaus, die anderen Parteien haben es in der Hand, jederzeit Reuwahlen zu erzwingen. Und bic Position ber deutschen Vertre­tung ist naturgemäß schwach, angesichts des Wahlergebnisses und der Unsicherheit, was überhaupt in Deutschland nun wer«« den wird.

Die Wiederaufnahme des Prozesses führt zur Verurteilung Zolas wegen Verleumdung und zur Freisprechung des wahren Schuldigen, eines aus der Fremdenlegion in die Armee gekommenen Majors Esterhazy. Rachdem der Oberstleutnant Henry. Hauptzeuge gegen Dreyfus, das aufsehen­erregende Geständnis der Fälschung belastenden Materials abgelegt und im Gefängnis Selbstmord begangen hat, kommt es zu einem neuen Prozeß, in dem Dreyfus abermals für schuldig erklärt und zu zehn Iahren Gefängnis verurteilt wird.

Zwar wird er im gleichen Iahre, da er vor dem völligen Zusammenbruch steht, begnadigt: aber erst sechs Iahre später erzwingt er die völlige Rehabilitierung, um die er und die Seinen bis zum Aeuhersten gekämpft haben: das Urteil wird ausgehoben, Dreyfus wird als Major wieder in die Armee aufgenommen und erhält das Kreuz der Ehrenlegion. Esterhazy war rechtzeitig nach England geflohen, wo er 1920 im Alter von 77 Iahren gestorben ist.

Dies ist, in großen Zügen, der Verlauf der berüchtigten Affäre Dreyfus. Der Film rollt sie von Anfang an noch einmal auf, im Bild, im Wortlaut, Szene für Szene, wie wenn man das Ganze aus einem historischen Archiv nur hätte herauszunehmen und auf die Leinwand zu proji­zieren brauchen. wie ein lebendig geworde- nes,Aktenprotokoll.

Die blendende Regie Oswalds inszeniert die Vorgänge ganz impressionistisch; sie setzt mosaikartig, schnell wechselnd und über­springend von einerPartei" zur andern, Szene an Szene, Bild an Bild: manchmal nur einen ganz kurzen, aber jeweils bedeutsamen, aufschluhgebendcn, charakterisierenden Ausschnitt. Dann, mitten hinein, als Pfeiler der Handlung, die großen Prozesse, in denen der eigentliche Kampf bis aufs Messer ausgetragen wird. Durch diese Regieführung ist nicht nur äußere Thca- tralik und innere Spannung im Handlungsablauf erreicht, sondern es wird auf diese Weise auch sehr eindringlich das ganze verwirrende Ge­flecht von Beziehungen im Prozehhandel und feine unheimliche Hintergründigkeit geklärt und beleuchtet.

Der Ton ist in diesem Film, wo so vieles auf das gesprochene Wokt ankommt, ein unbezweifel­barer Gewinn, ja fast eine Rotwendigkeit. Und man wird mit Genugtuung feststellen, daß die

Das ist eine Frage, die man sich in London und Paris sehr vorlegt. Das Fallen der deutschen Bonds in London ist ein Zeichen, daß bic City die Lage in Deutschland für unsicher hält. Der kommunistische Antrag auf Aufhebung der Zahlungen aus dem Poungplan stellt überhaupt die deutsche Außenpolitik und den deutschen Aus­landkredit in Frage und wäre der erste Schritt zu wirtschaftlichem und finanziellem Selbstmord. Die Panik hat fich ja nun im Ausland etwas gelegt, aber das Verständnis für daS, worauf e s a n k o m m t, ist darüber draußen nicht ge­wachsen. Ein Blatt wie die ..Times" kritisiert unser Argument, daß es nicht möglich werden «könnte, den Radikalismus im Zaume zu halten, trenn nicht die Lasten Deutschlands erleichtert würden. Es meint, erst müsse bewiesen wer­den. daß Deutschlano wegen der Reparations­zahlungen mehr als andere Länder unter der wirtschaftlichen Depression leide, und Deutsch­land werde die Belastung besser tragen, wenn feine Finanzen in besserer Ord­nung wären. Für wen in aller Welt ist noch ein Beweis dafür nötig, daß ein Land mit einer Zusatzbelastung in solcher Höhe, bei deren Berechnung schon nicht einmal feine Leistungs­fähigkeit überhaupt berücksichtigt wurde, mehr unter Arbeitslosigkeit und Absatzstockung leibet, als ein anderes ohne diese 2aft? Man stelle sich die Situation Englands vor, die der deutschen so ähnlich ist. mit einer Zusatz- I e i ft u n g von zwei Milliarden Mark im Iahr! Herriot schreibt über die Lage in Deutschland, auch ohne Einsicht, daß diese von den anderen Zugeständnisse und Opfer verlangt im Interesse des europäischen Gesamtfriedens. Amerika­nische Blätter, z. B. ..Rcw Bork World", pre­digen angesichts des Ernstes der deutschen Si­tuation England und Frankreich Verantwortung, die die Sicherheit der republikanischen Regie­rung in Deutschland durch eine entsprechende Politik verstärken könnten. Aber keine Spur der Erkenntnis findet fich in ber Reuyorker Presse Dafür, daß die Lieberbelastung deS Poung- plans (durch Zugrundelegung ber interalliierten Schulden als Maßstab für Deutschlands Last) durch Amerika zustandegekommen ist

und wie die Passivität unb Zurückhaltung der Hooverschen Politik die europäische FricdcnS- politik lähmt, bie entscheiden!) ja ohne Mit­wirkung der Vereinigten Staaten nicht vorwärts kommen wirb unb kommen kann. Rur selten ist eine Stimme wie bie Stcnders inRcw Ehrv« nick, der einen Grund für das riesige An­wachsen des Rationalsozialismus' auch in bem Gefühl sieht, daß Deutschland zwols Iahre nach bem Krieg immer noch a l S in­ferior. a l s nicht gleichberechtigt b c- handelt werde, gezwungen. Tribute zu zahlen unb entwaffnet zu bleiben. <

Mit Recht hieß eS im ,.T em p s" (18. Sep­tember): ..Riemanb kann wissen, wie Europa bei der nächsten Zusammenkunft des Völker- bunbes 1931 auSfehen wirb. Aber cinS ist fieber: bie politische Entwicklung Europas wirb wesent­lich davon abhängen. was sich in ben nächsten Monaten in Deutschland ereignen wirb." Der ber untrennbar engen Verbundenheit Deutsch­lands mit Europa unb Europas mit Deutschland hängt bas aber nicht nur davon ad, was man in Deutschland dazu tut. sondern auch davon, waS von Europa, dH. von den in ihm maß- gebenben Hauptmächten, b. h. wiederum von Frankreich dazu getan wirb. Darauf hinzuwirken scheint uns die erste Ausgabe einer deutschen Außenpolitik, bie sonst für die nächste Zeit durch bie inneren Auseinandersetzungen an Aktivität sehr gehindert sein wird. Man kann keine aktive Außenpolitik auf lange Sicht machen, oder weiterreichendc diplomatifchc Aktionen an­legen. wenn bic Dinge so auf bcS MefscrS Schneide stehen wie bei unS. Dem deutschen Außenpolitiker fehlt dabei einfach der Rückhalt! Soll er aber und das ist jetzt seine erste: Pflicht Darauf binarbeiten, Daß das Ausland, insonderheit Frankreich, bic Verbunbenhcit mit. Dem Deutschen Schicksal begreift unb banach han- belt, fo muß er allerdings b i c Sicherheit haben. Daß bie beutsche Außenpolitik nicht in Aben­teuer gestürzt wirb, bic mit einer einfachen Regation ber nun einmal Iciber vorhandenen Gegebenheiten unb Gebundenheiten Die Existenz des Staates und feiner Volkswirtschaft selbst auf das Spiel fetzen würden!

Hakenkreuz und Likiorenbündel.

Von unserem römischen ^.-Korrespondenten.

Wenn wir auch vieles anberS sehen, als unser römischer Korresponbcnt von seinem Standpunkte aus, so halten wir Doch seine Ausführungen über bie welt­politische Lage für interessant genug, um sie unseren Lesern trotz Der abweichenden Auffassung bekannt zu geben.

Rom. Ende September.

Wer aus Dem plötzlichen Aufstieg ber Rational­sozialisten auf einen ebenso plötzlichen gewalt­samen LImsturz in DeutschlanD folgert, weil auch Die Schwarzhemden eine Revolution machten und die Braunhemden keinen anderen Ehrgeiz hätten, als ihnen nachzueifern, der ver­gißt. daß der Faschismus auf lcgalcmWege zur Macht gelangt ist. daß sich Mussolini auf Demokratischen Steigbügeln in Den Sattel schwang unD auf parlamentarischem Wege seine Gegner aus ber Welt schaffte. Mit Hilfe des Mchrheits- fystems. Freilich wurde cs auf diese Weise ad absurdum geführt.

Als Mussolini zum ersten Male seine Kandida­tur aufstellte und jämmerlich durch fiel. Da brauchte er für Den Spott nicht zu sorgen. Man fqgte ihn genau so tot wie Hitler nach Dem Münchner Putsch. Das zweitemal rückte er mit ein paar Du henk) Abgeorbneten ins Parlament ein, einer hoffnungslosen Minberheit, wie Die Feinbe DesBanditen" nicht mübe wur­den. zu versichern. Lind seine Partei war noch immer in lächerlicher Minberheit. als er von

technische Wiedergabe fast durchweg erfreulich klar unb klangrein gelungen ist.

Die schauspielcrifche Besetzung des Films ist so außerordentlich gut. daß sie allein schon den Besuch zu einem kaum je erlebten Genuß macht: Denn es wird auch in Berlin nur in sehr seltenen Fällen Vorkommen, daß man in einem Theater etwa Kortner, Bassermann und George neben­einander vorgesetzt bekommt. von der großen Zahl Der übrigen, hochqualifizierten Kräfte ganz zu schweigen.

e

Kortners Hauptmann Dreyfus ist in seiner einfachen, wehrlosen Menschlichkeit eine erschüt- tembc Gestalt: das Bild eines völlig ahnungs­los überfallenen, überrumpelten, vergewaltigten und von der Meute der Gegner fast zu Tode gehetzten Mannes, Dem nur der unerschütterliche Glaube an seine Unschuld bie Kraft gibt, Den furchtbaren Kampf bis zum siegreichen Ende zu bestehen. Die Szenen der Clkrurteilung, Der öffentlichen Acchtung unb später ber Wieder- begegnung mit seiner Frau wirb man lange nicht vergessen.

Wundervoll gibt Bassermann die noble, ritterliche und kämpferische Figur des Obersten Picquart: ein entschiedener Höhepunkt ist dann die große Schwurgerichtsrede Zolas, den George, in vcrblüfscnder Maske, zum leiden­schaftlichsten und geistigsten Gegner ber über­mächtigen Wilitärpartci erhebt.

Von den übrigen seien nur bie wichtigsten Ramcn genannt: Homolka, der den schuftigen Major Esterhazy mit einem aufreizenden Zy­nismus umgibt; Grete Mosheim, die tapfer und unermüdlich für ihren Gatten arbeitende Cucie Dreyfus: Fritz Rasp unb Ferdinand Hart: Die famosen Generalstäbler Path de Elam und Henry; ferner Bildt (Glemenceau), Henckels und Kämpers (Verteidiger), Ferdinand Bonn (Mercier), Ledebur>is- Dcffre) und Ziener (Bertillon).

Der Film läuft seit gestern im Lichtspielhaus: niemand sollte versäumen, ihn zu sehen und zu hören: er zählt zu den stärksten Leistungen, die der deutsche Tonfilm bisher hervorgebracht hat.

r

Der liberalen Mehrheit diktatorische Voll­machten so etwas wie Den berühmten Ar­tikel 48 ber deutschen Verfassung verlangte. Man gewährte sie ihm. Schließlich wurde Die faschistische Partei Die stärkste, sie hatte Die absolute Kammermehrheit und benützte sic: die Mehrheit entzog durch regelrechten Abstim- mungsbeschluh Der Minderheit die Mandate. An diesen grausamsten Witz Der Geschichte des Parla­mentarismus darf man sich heute wohl erinnern, wie es denn überhaupt für manche Leute gut wäre, trenn sie Die Vorgeschichte der nationalen Lim* wälzung in Italien nachlesen würden. So man­ches. was jetzt in Deutschland verwunderlich er­scheint, hat hier sein Vorbild. ,

Lind vielleicht sind eben die Verhältnisse stär­ker als Die guten Vorsätze. Wie war eS möglich, Daß die Schwarzhemden ber Straße mit dem riesigen Heer ber Roten aufräumen konnten? Weil die Regierung der Mitte, als Der Kommu­nismus immer gefährlicher vordrücktc. stillschwei­gend die Bewaffnung der Faschisten gc ft a 11e lc, ja förderte, um eine billige Polizei zu haben. Sie ließ die Extreme auf* cinanberprallcn in der Berechnung, auf diele Weise sich selber zu retten, ähnlich wie man sich in Deutschland der nationalen Freischaren be­dient. um den Bolschewismus niederzuwerfen. Kaum geschehen. Durfte der Mohr gehen. In Italien Dagegen war er inzwischen zu st a r t geworden.

Oer reiche Onkel aus Amerika.

Wer ist einflußreicher, ein Banditenführer Der Chikagoer ilntcrtoelt oder ein faschistischer Gruppen­führer? So lautet zur Zeit in Rom Die Frage all Derer. Die sich in langen Betrachtungen über Den Ausgang Des Familienstreits bei den Corsanos er­gehen. Wie es zum Auswerfen dieser seltsamen Frage kam? Ia, ber Anlaß zur Entstehung des Streites überhaupt war seltsam genug. Der Ursprung liegt weit-weit zurück. In Der Zeit vor Dem Weltkriege herrschte in Der Familie wieder einmal großer Zwist. Einer der Corsanos, ein junger kräftiger Bursche, wollte partout nicht arbeiten, und suchte sich bei seinen Angehörigen durchzuftesten.So argumentieren jedensalls die italienischen Corsanos. Er aber war anderer Ansicht, er wollte sich nicht ausbeuten lasten und deshalb zog er aus. Gr wanderte aus, nach Amerika. Lind hier gab sein Schicksal ihm recht. Gr zeigte sich als tüchtig und brachte es im Lause Der Zeit zu einem wohlhabenden Mann. Run sah er Die Zeit gekommen, sich an seiner Familie zu rächen. Denn Der Groll fraß noch an ihm. Eines TageS erhielten also Die zahlreichen zurückgebliebenen Fa- milienmitglieDer Des Corsanos eine Mitteilung aus Amerika, für jeDen von ihnen liege auf Der Bank eine Anweisung auf 5000 Lire bereit. Es sei nur das Geld abzuholen. Die Freude war groß. Lind derAmerikaner', er ist doch ein guter Kerl! Man hat ihm unrecht getan! Eine Abordnung sollte sämtliches Geld für Die ganze Familie ein kassieren. Der Tag kamunD sie kehrte mit leeren Taschen zurück, wie sie hingefahren war. Die Schecks hatten keine Deckung. Ein Corsano sei der Bank unbekannt.- Ein Familienrat sollte nun über das weitere be­schließen. Daß man sich diese Provokation nicht ge­fallen lasten wollte, darüber herrschte vollständige Einigkeit. Aber wie demAmerikaner' beikommen? Da entsann sich einer, daß er in Chikago einen Freund habe. Der wiederum einen guten Freund eines bekannten Führers Der Hntertoelt zu seinen Bekannten zählte; und ein anderer, ein faschistischer Gruppenführer wollte seine.Beziehungen'zumAus- toärtigen Amt spielen lasten. - Richtig wurden in» offizielle .diplomatische' Schritte eingeleitet unb richtig bekam derAmerikaner' eines TageS einen Brief, einen äußerst höflichen Brief, besten Inhalt zwar nie genau bekannt wurde, ber aber die volle Linterschrift eines bekannten, eines sehr bekannten Führers bet Chikagoer Hntertoelt getragen haben soll- Lind richtig lagen binnen einer sehr kurzen Zeit auf derselben Dank nicht 5000,- sondern 10000 Lire für jeden der Familienangehörigen der CorsanoL zur Auszahlung bereit.