Donnerstag, 27. März 1930
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Ur. 73 Zweiter Blatt
Monako in Aufregung.
Von 6. Llngern-Sternberg.
Leit mehr als .zweihundert Jahren herrscht das Fürstenhaus der Goyon de Motignon G r i m a l d i über Monako. Jaques Francois Goyon de Mali g n o n heiratete die einzige Tochter des letzten Fürsten aus bcm Hause Grimaldi und vereinigte in seiner Person die beiden feudalen Fürsten- geschtechter. Er verband auch die Laster und Tugenden jener im Zeitobgrund versunkener Jahre. Die Fürsten von Monako waren kühn und tapfer gewesen, ritterlich aber auch treulos, sic waren auch vor dem Dolch und Giftbecher nicht zurückgeschreckt, aber dennoch führte Monako unter ihrem Szepter ein idyllisches Dasein als weltvergessenes Küstenländchen am Mittelmeer. Erst unter der Regierung des klugen Fürsten Karl III. tritt es in die Neuzeit ein und gewinnt mit einem Schlage Berühmtheit.
Nachdem nämlich in Homburg die Spielkasiaos geschlossen worden waren benutzte Fürst Karl die Gelegenheit um mit dem damals bekannten Spiel- unternehmer Louis Blanc 1863 einen Vertrag ab- zuschließen, durch den das arme Monako aller Sorgen enthoben wurde und der einen Goldstrom ins Land brachte. Blanc erhielt eine Konzession, in Mont« Carlo das Spielkasino zu errichten. Prachtvolle Gärten wurden angelegt, Luxushotels nnirben erbaut, und zwar alles auf Kosten des Kasinos, das außerdem verpflichtet war, dem Fürsten eine Jahresrente von einigen Millionen Franken zu zahlen. Die Untertanen wurden aller Steuern und Abgaben enthoben, die der Spieltempel für sie zu entrichten hatte, außerdem wurden sie mit Freigas, Elektrizität und Wasser versehen. Die Regierungsform zwar blieb absolut, aber niemand beklagte sich darüber, da es allen sehr gut ging und der Fürst nicht daran dachte seine- Macht zu mißbrauchen. — Der Nachfolger Karl III., Fürst Albert, war ein sehr ge lehrter Herr, der sich um die Ozeanforschung verdient machte, auf seiner Jacht große Seereisen unternahm und in Monako ein vortreffliches ozeangraphisches Museum gründete. Der jetzige Fürst Louis zieht es vor in Paris zu leben. Er Hot seine Tochter Charlotte mit dem Grafen Pietre von P o l i g n a c verheiratet, der den Titel eines Prinzen von Monako an nahm, und hat ihn zum Regenten des Son- nerlländchens bestellt.
?lber nun begann ein doppeltes Unglück über Monako hereinzubrechen. Prinz Pierre vcrstaird es nicht, sich mit seinen „Untertanen" zu stellen, es gab Unstimmigkeiten in der Regierung, und das schlimmste, er verstand es auch nicht, sich mit seiner Frau, der Erbprinzessin zu stellen, die es vor wenigen Wochen vorzog, mit einem Freunde durchzugehen, um das eintönige Leben im schönen Fürsten- schloß an der Riviera gegen das Hotelleben auf französischem Boden zu vertauschen und auf Trennung iyrer Ehe zu Magen. Wenn die bösen Zungen recht haben, fließt in den Adern der schönen Prinzessin mütterlicherseits Zigeunerblut. Ihr über schäumendes Temperament ließ sich auf die Dauer nicht bändigen, sie zog sich, wie es sckou manche andere Prinzessinnen vor ihr getan haben, aus der steifen Etikette in die Freiheit des Privatlebens zurück. Wohl ist ihr Sohn Ruinier erbberechtigt, aber die Gemüter der Untertanen sind erregt und seit einiger Zeit hort man in Monako das Wort „R e o o lu tl o n".
Es hatte nämlich schon vor einigen Monaten eine Revolution in Monako gegeben. Es war allerdings nur ein „Revolutiönchen", ein Sturm im Waffcr- glas, wie es dem Sonnenlande ansteht, aber immer
hin muhte die Polizei einige Schreckschüsse abgeben und die Leibgarde des Fürsten, die in ihren prunkvollen Uniformen schützend vor dem Palast aufzog, bot ein mehr malerisches, als martialisches Bild. Der Aufruhr hatte weniger einen politifd>en als einen wirtschaftlichen Hintergrund. Die Bewohner Mona- kos beklagten sich darüber, daß sie vom Spielkasinounzureichend mit Freigas und Elektrizität beliefert würden und fühlten sich in ihren Rechten geschmälert. Der Fürst, der es mit der mächtigen Spielleitung nicht verderben wollte, hielt sich trotz aller Revolutionsanzeichen neutral. Er achtete auch nicht auf eine Deputation, die mit einer Art von Ultimatum nach Paris reifte, um ihn dazu zu bewegen, feine ständige Rcfiben,} wieder nach Monako zu verlegen, er ließ Prinz Pierre und seine Tochter allein mit den Regierungs- forgen fertig werden.
Der Aufruhr brandete aber nicht vom Schloß in Monako über Condom ine nach Monte Carlo herüber: obwohl kaum ein Kilometer die offizielle Fürstenresidenz vom berühmten Paradies an der Riviera trennt, so kümmert sich doch das Publikum, das dort unter den Palmen spazieren geht, das Kasino besucht und am Abend den Cymbaln und Geigen der Zigeunerkapelle lauscht, nicht allzuviel um die Politik im Fürstentum. Warum auch? Dort hat sich eine Sonderwelt erschlossen, die abseits von den Wegen der Konvenienz liegt, auf denen die Menschen sonst in ihren Sorgen und Pflichten zu wandeln pflegen. Dort gibt es keine Warnungstafeln mit moralischen Vorschriften. Diese Welt liegt losgelöst vom Anker der Pflicht, sie ist eine Täuschung neben anderen Täuschungen. Es ist das betörende und giftige Wunderland des Hasard. Am Aoulettetisch sind Staatsminister und Abenteurer gleichberechtigt, und die Damen der bürgerlichen Wohlanständigkeit vermengen sich un
gezwungen mit der Halbwelt. Es gibt in Monte Carlo Frauen und Männer, denen dos Hasard zum Lebensinhalt geworden ist. Ihnen ist das Hasard Beruf und deshalb sind sie nur halbe Menschen. Aber es gibt auch wirkliche Spieler, für die das Hasard Schicksal ist. Das Hüpfen der Aoulettekugel beflügelt jenen tollkühnen Wut, den der Spieler kennt, wenn er „va banque“ seht. Banknoten und Schips enthalten ein subtiles Gift, das sich in das Herz frißt. Die Bahn der Roulettekugel erscheint unwiderruflich, wie die Bahn eines Sternes, vor ihr schwinden die gewohnten Hemmungen und Impulse und manchen ersaht vor den magischen Feldern des Roulettetisches ein Schwindel wie bei einem Aetherrausch.
Monte Carlo ist auch eine Pilgerstätte von Abenteurern beiderlei Geschlechts, von Touristen, die ein Erlebnis suchen, und allerlei Zugvögeln, die sich in den goldenen Maschen des Kasiiws verfangen. Für sie alle sind die dynastischen Schwierigkeiten des Herrscherhauses von Monako nur insofern von Bedeutung, als sie Stofs für Unterhaltung bieten und der örtlichen Chronik mehr Farbe verleihen. Die Saison geht ihrem Ende entgegen, sie ist in den Rachkriegsjahren nicht mehr so glänzend wie sie es vor nych ein paar Jahrzehnten war, als noch die russischen Grobfürsten alljährlich an die Riviera reifen und Ansummen verausgaben konnten. Die Grand Seigneurs sind rar geworden und die Stahl- und Eisenkönige aus den Bereinigten Staaten, die sich nur selten in Monako zeigen, bilden einen schlechten Ersah. Monako hat noch immer den süßen Luxus seiner Umgebung beibehalten, im Spielkasino hüpft wie immer die kleine Elsen- beinfugel über das Rouletterad, aber es liegen Schatten über dem Fürstentum. Der Hofskanoal im kleinen Ländchen bietet eine willkommene
I Abwechslung.
Razzia auf Radiostörer!
Wie Deutschlands 4 000 Junlhelser arbeiten. - Interview mit Direktor Wagner von der Berliner Hunlstunde. - Wacklige Glühbirnen, elektrische Klingeln und Grammophone als Störenfriede.
Von Or. Zrih Ellmann.
Jeder Radiohörer lennt die scharfen, knackenden oder sausenden Geräusche, das dumpfe Brummen oder das unharmonische, eintönige Singen, die verhaßten Störungen, die plötzlich aus dem Lautsprecher ertönen und einen Vortrag, den Gesang eines Künstlers, die musikalischen Darbietungen eines guten Orchesters unliebsam begleiten. Diese Rebengeräusche sind auf elektrische Wellen zurückzuführen, die fast unabsichtlich erzeugt werden nur aus politischen Gründen kommt zuweilen das Gegenteil vor: die rumänische Regierung z. D. hat in Bessarabien jetzt Sender ausgestellt, deren einzige Aufgabe es ist. propagandistische russische Vorträge zu übertönen. Die Störungen, die den deutschen Rundfunkhörer ärgern, sind anderer Art: sie stammen von vielen hunderttausend elektrischen Apparaten, von Straßenbahnen und Industrieanlagen, die das weite Qlertjermeer ganz gegen ihren Willen mit Wellen verseuchen, die Lautsprecher mit Disharmonien erfüllen und den Radiohörern das Leben verbittern. Der Kampf gegen diese Störenfriede, schon seit Jahren geführt, war bisher deshalb ziemlich aussichtslos, weil der Radiofreund,
manchmal mit der Erbitterung eines modernen Michael Kohlhaas, einzeln in den Streit zog und gegen das Heer der Feinde nichts ausrichten konnte. Run wird dieser Kamps organisiert, und dieser Tage hat der „Ausschuß für Radiostörungen" in einem großen Kriegsrat erörtert, wie mit mehreren tausend Helfern und mit dem schweren Geschütz eines vom Reichspostzentralamt geschaffenen Prüfgerätes ein Bernichtungs- feldzug gegen alle (Störungen geführt werden kann.
Heber die Taktik, die dabei angewandt werden soll, gibt Direktor Wagner von der Funkstunde bereitwillig Auskunft. Wie er ausführte, wurde ganz Deutschland in 1 2 4 0 Störbezirke ein* geteilt. In dem Gebiet jeder einzelnen Sende* station find „Arbeitsgemeinschaften für Funkhilfe" gebildet worden, die den Hörern bei der Beseitigung der Störungen helfen wollen. SHe Leitung in diesem Kamps um die Reinheit des Aethers haben die zuständigen Postämter inne, an die man sich im ganzen Reich um Hilfe wenden kann, wenn die ileberfälte störender elektrischer Wellen zu heftig werden. Alle Mel
dungen werden registriert und an den Obmann des betreffenden Bezirkes weitergeleitet, der wieder die Funkhelfer aufmerksam macht. Es gibt zur Zeit etwa 4000 solche Helfer, größtenteils fachlich gut ausgebildete Radioamateure, Händler, Installateure oder Postbeamte. Ihre Tätigkeit ist zunächst ehrenamtlich, doch erhallen sie ihre Barcncslagen vergütet, und falls sie Erfolg haben, können sie auch auf eine Prämie rechnen.
Wenn dem Funkheiser eine Beschwerde gemeldet wird, so begibt er sich an die Störungsstelle und untersucht dort, ob das Aergernis wirllich aus einen auhenliegenden Umstand zurückzuführen ist und nicht etwa auf einen Fehler in der Empfangsanlage, die ihn nichts angebt Er läßt sich dann darüber berichten, ob der Hörer irgendwelche Dermutungen über den Sih der Storung hegt, und prüft nun, ob der Verdacht zutrifft. Wird die Quelle des Uebels gefunden, so versucht der Helfer, den Störer gutwillig zu einer Aenderung des bestehenden Zustandes zu veranlassen: er hält ihm vor, daß es nicht nur unrecht ist, andere Leute ihres Vergnügens zu berauben, sondern daß Apparate, die Funken streuen, meist auch unwirtschaftlich arbeiten, die 'Abstellung der Störung also einen Persönlichen Vorteil bringe.
Man kann den Störer auch gesetzlich zur Abhilfe zwingen, aber von diesen Druckmitteln wird nur ungern Gebrauch gemacht: in Frage kommen dabei die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches über Besitz st örung und der Paragraph 23 im Fernmeldegeseh, der die Priorität elektrischer Anlagen behandelt und besagt, daß bei Störung einer Anlage durch die andere die zuletzt errichtete beseitigt werden muß. Freilich kann man diesen Paragraphen nur anwenden, wenn der Radioapparat eher ausgestellt war als die störende Anlage. Von vielen Seiten wird nach einem Gesetz gerufen, das die Rundfunkhörer besser als bisher schützt. Die Franzosen gehen in solchen Fällen energischer vor: so wurde kürzlich aus der Stadt Bapaume gemeldet, daß dort ein Hörer seinen Rachbarn verklagte, weil dieser unabsichtlich durch ein elektrisches Grammophon Funken streute, und der Beklagte wurde nicht nur zur Beseitigung der Störungsquelle, sondern darüber hinaus zur Zahlung von 500 Frank Schadenersatz verurteilt. Ferner wurde festgesetzt, daß die Störung spätestens acht Tage nach der Urteilsverkündung beseitigt sein müsse, andernfalls seien für jeden Tag weitere 50 Frank zu zahlen. Gewiß wären auch die deutschen Hörer erfreut, wenn die Gerichte in dieser Beziehung weniger Spaß verstehen würden. Immerhin wird auch hier meist entschieden, daß die Störung beseitigt werden muß, falls dadurch dem Beklagten nicht unbillig hohe Kosten entstehen.
Richt immer wird dem Funkhelfer feine Arbeit dadurch erheblich erleichtert, daß ihm der Beschwerdeführer die Störungsquelle nennen kann. Der Radiofachmann verwandelt sich bann in einen Detektiv, der das Hebel erst einmal heraus- finden muß, ehe an seiner Beseitigung gearbeitet werden kann. In 'Berlin verwendet man für diesen Zweck kleine Autos, die im Innern eine Rahmenantenne mitführen. Rähert man sich mit dem Wagen dem funkenbildenden Apparat, lo verstärkt sich das knackende ober sausende Geräusch im Lautsprecher, und man kann den Sitz der Störung allmählich einkreisen, bis man ihn erkennt. Mindestens so wichtig ist es aber, daß in Zukunft nur noch elektrische Apparate aufgestellt werden, die keine Störungen verursachen
Nichols und Browne: »Schwingen über Europa".
Uraufführung
im Krauifurter Lchauspiclhaus.
Es gibt ein Stück von Shaw, „Zurück zu Methu feilem", darin findet man schon, zum Teil ganz ähnlich wie hier, den Sprung in die Zukunft der Menschheit: und man findet dort auch die blutige Satire auf das englische Kabinett, geschrieben von einem Engländer, — schonungslos.
Es gibt ein anderes britifdjes Stück, „Ueberfahrt" von Bane, das gipfelt in der Vorstellung eines modernen Weltgerichts, in einer schrecklichen Demaskierung der menschlichen Seelen kurz vor dem Tode.
Und es gibt ein heute längst vergessenes deutsches Stück, „Die Gewaltlosen " von Ludwig Rubiner (er= Ichienen um 1920), das ist erfüllt von der Idee der Befreiung und Befriedung der Welt.
Das neue Stück nun, eben in Frankfurt ausge- sührt, vereinigt alle diese Elemente wesentlich in sich: den Sprung in die Zukunft, die politische Satire, die menschliche Tragikomödie und den .Kampf nm eine Idee.
Es heißt „Schwingen über Europa" („Wings over Europe") und ist in Neuyork fast anderthalb Jahre lang im Guild-Theater gespielt worden: das konnte zunächst nur gegen das Stück iprechen. Aber man merkt bald, daß auch von drüben gelegentlich Brauchbares kommt; dieses Schauspiel hat etwas zu sagen, und es lohnt sich auch für uns, es zur Diskussion zu stellen.
Seine Verfasser sind Robert Nichols und Mau- iiec Browne. Nichols ist ein euglisck)er Dichter, in seiner Heimat als Lyriker und Dramatiker aner- auint; Browne ist ein amerifanifdjer Regisseur. Leide schrieben — im Geiste Shelleys, von dem hier mehrfach die Rede ist — eine Tragikomödie mit Her Fabel in neuer Form, eine Zukunftsmusik, ine Utopie.
Politisch? Nein, jedenfalls nicht im landläufigen, ngen Sinne. Aber ein Stück aus Weltanschauung und aufrichtiger Gesinnung: mutig, unbefangen und im festen Glauben daran, daß der Unterfing des Abendlandes nur eine pessimistische Phcm- :asie Spenglers sei. Der Inhalt der drei Akte mit uuei Worten: Kampf des Geistes gegen die Mate- : ie. Oder: Inbrunst und Trägheit des Herzens. In der Tat ein uralles Thema und nie zu Ende dis- . üiert — feit Jahrhunderten in der Weltliteratur.
Ein blutjunger Physiker, zufällig der Neffe des britischen Premierministers, tritt eines Tages im Jahre ISMO mit einer ungeheuerlichen Entdeckung vor die in der Londoner Downingstreet versammel- ien Mitglieder des englischen Kabinetts. Er behauptet über nichts Geringeres zu verfügen als über die Energie im Atom.
Zunächst begreift kaum einer der Diplomaten, was das bcbeiitct. Allmählich dämmert es: Revo
lutionierung des bestehenden physikalischen Weltbildes. Ein Mensch kann Steine in Brot, und Holz in Gold verwandeln. Ihm ist in die Hand gegeben, aufzubauen und zu zerstören. Die entscheidende Epoche des Planeten bricht an. Der Entdecker will seine Idee zur Befriedung der SBklt auswerten
Die Diplomaten erfassen nach anfänglichem Un glauben, Spott und Hohn die ganze Tragweite des Ereignisses. Experimente Überzügen von der Wahrheit der unerhörten Behauptungen. Jetzt ist der junge Mann lein Kuriosum und keine lächerliche Figur mehr, sondern ein Wert, ein Wille, riesengroß, noch kaum abzuschäyen ... und sehr gefähr- iid). Macht steht gegen Macht. Geist gegen Ungeist. Idee gegen (Bemalt. Herz gegen Faust. Die Regierung muß über die Entdeckung gebieten zum Heile des Imperiums und zur vollkommenen Beherrschung der Welt. „England for ever!"
Der junge Mensch weigert sich. Er will seine Entdeckung zur Befriedung der Menschheit einsetzen. „Die Menschen müssen zu ihrem Glück gezwungen werden!" Kampf beider Parteien. Ultimatum. Die Regierung besteht quf der Vernichtung des entscheidenden Apparates. Vergeblich. Sie wollen den Jungen verhaften, lebenslänglich einsperren, unschädlich machen. Der droht die ganze Stadt in die Luft zu sprengen. In der furchtbaren Viertelstunde, knapp vor dem erwarteten Tode, glauben die Politiker einen Ausweg gefunden zu haben: der ahnungslos cintrefenbc Erfinder wird vom Kriegsminister ^nie- dergefchossen und stirbt mit einer chemischen Formel auf den Lippen.
Aber die andern haben zu früh triumphiert: die Idee läßt sich nicht erschießen: und der Erfinder hatte sich zuvor gesichert. Die Entdeckung ist inzwischen in den Besitz einer auswärtigen Macht gelangt, die sie besser zu verwalten weiß, al5_ die Herren von Downingstreet es gewollt hatten. Statt des erwarteten Wellunterganges kommt die Meldung von außen: man werde mit Hilfe der Entdeckung einen Völkerbund schaffen in Genf, der mehr fei als ein unmaßgebliches, politisches Wunschbild ... man werde die Abrüstung in aller Well verkünden und werde sie erzwingen wissen.
Schon brausen Flugzeuggeschwader über England, die Proklamationen unters Volk zu werfen. Der Prophet ist tot. Aber sein Werk lebt. Und die metallenen Schwingen der Flieger über Europa sind wie ein Symbol der auf unsichtbaren Flügeln über der Well schwebenden, großen 3bee. —
Die Satire (gegen die Borniertheit eines englischen Kabinetts) ist in diesem Stück so unmißverständlich, bitter und erbarmungslos wie bei Shaw. Aber sie bleibt hier nicht Selbstzweck, wird nicht Ulf ober Farce, sondern sie hat einen ernsthaften toinn, und deshalb sind die Minister in diesem Schauspiel keine Marionetten, sondern immer noch ernftgenommene und ernstzunehmende Charaktere. Die Satire bewahrt die menschlichen Maßstäbe und
verzichtet auf die verzerrende und entstellende Karikatur. Die Versammlung wirkt immer — ohne an Umriß zu verlieren bis zuletzt — als Kabinett ... und nicht als Wachsfiguren-Kabinett.
*
Der Blick in die Zukunft und von einem vorge- g(stellten zukünftigen Zeitpunkt zurück in unsere (Gegenwart regt die Phantasie an und ist erregend noch in der Phantasie. Die ungewöhnliche Perspektive ist aber nicht nur ein theaterwirksamer Trick, sondern zugleich ein Regulativ für die Bewertung des Stückes und feiner Idee. Sie zwingt 511 r Nachdenklichkeit, erläutert einmal ganz sinnfällig die Relativitätstheorie und kann davor bewahren, über die Möglichkeit ober Unmöglichkeit der Erfindung länger zu grübeln, als es notwendig ist.
Es kommt ja nicht so sehr auf die praktische Durchführbarkeit eines Experimentes an wie auf die beispielgebende Verdeutlichung sehr alter Gegensätze in der menschlichen Wett. Nicht so sehr auf die Utopie wie auf den guten Willen zu dem, was heute noch utopisch erscheint. 2tuf den guten Witten, auf die ehrliche Gesinnung, auf den leidenschaftlichen Glauben an die Zukunft.
Die menfd)lidK Komödie cnblith: Weltuntergang 1940, von Downingstreet aus gesehen. Wären die Minister als Marionetten oder Wachsfiguren gestaltet, würde die unheimliche, tragigrotesfc Szene des dritten Aktes, eine Viertelstunde vor dem Tode, in eine bizarre Thectterfarce Umschlagen. Weil aber diese britischen Diplomaten durchaus als wirkliche Menschen aufgefaßt und hingestellt werden, behält die hier einsetzende allgemeine Demaskierung des letzten Stündleins ihren Sinn.
Hinter den kühlen, lächelnden Diploinatengefich- lern kommen die kleinen Seelen zum Vorschein, hinter dem Staatsbürger und Wellpolitiker ganz einfach der Mensch ohne Rang, Titel, Würde und Nationalität. Man erlebt mit Bestürzung, wie zwölf gutgekleidete Herren Haltung und Nerven verlieren. Nur einer bewahrt Fassung und Gleichmut und lieft in seinem Shelley. Bei den andern bricht das kleine Privatleben erschreckend hervor. Einer will seine Frau noch einmal sehen. Ein macht unter hysterischem Gelächter ein Geständnis. Einer legt Patience. Einer fängt an zu tanzen. Einer springt, iibeiroältigt von plötzlichen Visionen aus dem Weltkrieg („damals, vor zwanzig, fünftindzwanzig Jahren^) auf den Tisch und schießt mit einem eingebildeten Maschinengewehr einen deutschen Kampfflieger herunter...
Nach ein paar — entscheidenden — Minuten sind sie bann alle wieder „normal": beherrschte, kühle, korrekte, englische Diplomaten. Aber die eine Szene hat doch die Fadel dem engen Bezirk einer britischen Zukunftsphantasie (die uns gleichgülttg fein könnte) entrückt und die Auseinandersetzung, um die es hier geht, zu einer allgemeinen und gleichnishaften Gültigkeit erhoben. —
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Die von Arthur Sa k heim, bcm ersten Dramaturgen bes Schauspielhauses, geleitete Auffüh
rung war ausgezeichnet: interessant, spannenb, gei ftig belebt; ganz sicher in der Mischung von Witz und Emst, von Anfang bis zu Ende im Kontakt mit einer angeregten Zuhörerschaft.
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Das sehr feinfühlig aufeinanber abgestimmte, große Ensemble entfaltete sich blendend im dauernd umspringenden, federnden Spiel und Gegenspiel. Im Mittelpunkt der Szene stand die sympathische und überzeugende Leistung Paul Verhoeoens, der sich mit einer fast verbissenen Leidenschaftlichkeit in die Ideen des genialen Erfinders Lightman einge- fiihll hatte.
Aus dem Minqterrat hob sich die von Taube sehr nobel, elegant und geistig gefaßte, zweideutig schillernde Figur des Staatssekretärs Vaughan als des wichtigsten Gegenspielers imponierend heraus.
Von den übrigen: Engels (Premier), Schneider (Lord-Kanzler), Spanier (Staatssekretär für Krieg). — Waller Sinje hatte ein klares, fachliches Bühnenbild geschaffen. —
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Das merklich interessierte Premiärenpublikum imhm die Neuigkeit mit lang anhaltendem Beifall entgegen.
hth.
„Katharina Knie" - ein Film.
Carl Zuckmayers Seiltänzerstück gehört nicht zu seinen dichterisch stärksten Leistungen; aber es ist ein tüchtiges imb wirksames Theaterspiel und gab ähnlich wie früher „Der ftöh- liche Weinberg" - mancherlei brauchbare Anregungen zu einem gediegenen Spielfilm. Dieser, von Karl Grüne in gepflegter Regie nach einem Manuskript von H v l l e r i n g gedreht, lehnt sich in großen Zügen an die im Schauspiel festgelegten Vorgänge an, baut die Rothacker- Episode breit aus und überträgt den stellenweise etwas langatmigen und mehr lyrisch-idyllisch als dramatisch wirkenden Text mit sparsamem Aufwand an Titeln in kräftige, klare Bilder — zwar ohne die Fabel völlig auszuschöpfen und ohne dem Ganzen mehr innere Spannung zu geben, als das Schauspiel sie aufbringt. Immerhin zeigt die bildhafte Schilderung allerlei stimmungsvolle, bald cmfte, bald heitere, bald im guten Sinne romantische Szenen, die allenchalben auf geschmackvollem Riveau bleiben. Die schauspielerischen Leistungen ersehen im Film — wie schon früher im Theater; bei der Berliner Premiere spielte Bassermann den alten Knie — vieles, was der Dichter schuldig blieb. Dor allem die bedeutende Menschengestaltung Eugen Klöpfers, der den Vater Knie gibt, ist von starker und unmittelbare Wirkung. Carmen Boni, eine bisher kaum bekannte Schauspielerin, äußerlich ein wenig an die Dergner erinnernd, stellt sich mit der Rolle der jungen Katharina sympathisch vor. Außerdem: S 0 ko losf (eine b riflante Charge), Peter Voß, Adele Sandrock, Kämpers und Frida Richard. — Der Film läuft seit gestern im Lichtspielhaus. —r—


