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Nr. 250 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Samstag, 25. Oktober WO

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Wer ist Adolf Sitter?

Don Dr. Alfred Oetig.

Wer den Nationalsozialismus verstehen will, muß sich zuerst mit der Person des Begründers und Ler- künders dieser jungen Lehre befassen. Nur der merkwürdige Lebenslauf .Hitlers, seine Herkunft und Entwicklung geben Ausschluß über Inhalt und Ziel seiner Bewegung. Noch decken sich weitgehend die Begriffe Adolf Hitler und Nationalsozialismus, noch ruhen in der Hand dieses Mannes die Lose, die über die Frage entscheiden, ob cs gelingt, dem Nationalsozialismus in der Zukunft die Giftzähne auszubrechen und faine positiven Seiten für den Staat fruchtbar zu machen.

Adolf Hitler ist jetzt 41 Jahre alt und bis heute unverheiratet. Er wurde 1889 in Braunau am Inn als Sohn eines Zollbeamten geboren, der Staats­angehörigkeit nach Oesterreicher, dem Blute nach zum niederbayerischen Stamm gehörend. Hitler war erst wenige Jahre alt, als sein Vater in das deutsche Passau auf die österreichische Zollstation versetzt wurde, von wo er kurze Zeit später nach Linz kam, um dort frühzeitig in Pension zu gehen und sich in der Nähe des oberösterreichischen Markt­fleckens Lambach ein kleines Gut zu kaufen, das er selbst bewirtschaftete. Hitlers Vater war ein un­ruhiger, unsteter Geist, Sohn eines armen kleinen Häuslers; er lief als junger Bursche mit drei Gul- | den Wegzehrung von zu Hause fort, nach Wien, um ein Handwerk zu lernen, das ihn nicht be­friedigte; nach 23 Jahren gelang es ihm glücklich, kleiner Beamter zu werden. Der Sinn seiner Mut­ter war ganz auf den Hausstand gerichtet, auf die Erziehung der Kinder, die es trotz der engen Ver­hältnisse zu etwas bringen sollten.

Adolf Hitler selbst besuchte die Oberrealschule bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr. Nach dem Wil­len seiner Eltern sollte er studieren und Beamter werden. Hiergegen sträubte er sich mit einer Ener­gie, die feine Eltern schließlich zum Nachgeben brachte. Er wollte Maler werden, aber erst auf Grund eines schweren Lungenleidens durfte er die Realschule verlassen und die Akademie besuchen. Als er dreizehn Jahre alt war, starb sein Vater und zwei Jahre später seine Mutter. Von diesem Tage an erhielt seine Entwicklung einen scharfen Knick, der ausschlaggebend für ihn geworden ist. Mit einem Koffer mit Kleidern und Wäsche fuhr er nach Wien und fiel bei der Aufnahmeprüfung in die dortige Malerakadcmie durch mit der Begründung, daß feine Fähigkeiten vornehmlich auf dem Gebiet der Architektur' lägen. Zu einer Prüfung für die Bauakademie kam es nicht mehr. Durch den Tod der Eltern fah sich Hitler gezwungen, sofort sich selbst sein Brot zu verdienen.

Es folgten fünf Jahre voll Elend und Jammer, ausgefprochene Hungerjahre. Hitler wurde Hilfs­arbeiter und später kleiner Tüncher, arbeitete auf zahllosen Baustellen und löste sich sozial vollkommen von seiner bisherigen Welt, in der er aufgewachsen war. In den Jahren 1909 und 1910 verbesserte sich fein Los insofern, als er sich als selbständiger kleiner Zeichner und Aquarellist durchzuschlagen vermochte, wenn auch gegen kümmerlichen Lohn, immer noch in der Hoffnung, einmal Architekt werden zu können. Im Jahre 1912 siedelte er, 23 Jahre alt, endgültig nach München Über, nach der Stadt, die schon immer der Traum feiner Jugend gewesen war. 1914, während der Mobilmachung, trat er

Der Münchener Korrespondent der volks­parteilich orientiertenDeutschen Allgemeinen Zeitung" gibt im solgcnden auf Grund sorg­fältiger Studien ein Lebens, und Entwick- lungsbild des Führers der nationalsozialisti­schen Bewegung, das auch für die von Wert sein wird, die dem Nationalsozialismus skeptisch und ohne Sympathie gegenüber- stehen. Denn uns deucht, nichts wäre in der heutigen Situation für das Bürgertum kurz- sichtiger, als sich über die politischen Stim­mungen der Gegenwart unzureichend 31 terrichten oder gar den politischen G aus Unkenntnis zu unterschätzen.

mit voller Absicht nicht in die österreichische, sondern in die bayerische Armee ein. Zum erslknmal sieht er den Rhein, als er mit den Freiwilligen des Regi­mentes List in die Flandernschlacht fährt. Hitler hat den ganzen Weltkrieg als Infanterist mitge­macht, wurde am 7. Oktober 1916 in der Somme- schlacht schwer verwundet, kam dadurch zum ersten- mal zurück nach Deutschland, ins Lazarett von Beelitz bei Berlin, und auf dem Umweg über das Ersatzbataillon in München Anfang März 1917 wieder zu seinem Regiment an die Westfront. Im Jahre 1918 machte er die beiden ersten und die letzte Offensive mit und ist erlöst, als der Stellungs­krieg aufhört und endlich auch hn Westen der An­griffskrieg wieder beginnt. September 1918 kommt er zum drittenmal an die ^pernfront Am 14. Ok­tober 1918 erhält er südlich von Wervick an der Mer eine schwere Gasvergiftung und kommt nach Pasewalk in Pommern ins Lazarett, wo er die Re­volution erlebt. Es war eine Gelbkreuzveraistung, die ihn längere Zeit blind machte, und ihm die Möglichkeit nahm, später wieder den Beruf eines Zeichners zu ergreifen.

Im November 1918 kehrt Hitler nach München zurück, und nun beginnt bald feine politische Lauf­bahn, an die er erstmals im Jahre 1917 gedacht hatte, aus Empöruna darüber, daß seinem Gesühl nach der Krieg von Deutschland aus nicht energisch genug geführt und im Innern nicht streng durch- gegriffen wurde. Es kommt seine Bekanntschast mit Gottfried Feder, der dann die Grundlagen eines Parteiprogramms entwirft. Hitler wird im Früh- fahr 1919Bildunasoffizier" in der Reichswehr, er hält fturfe und Vorträge bei den Mannschaften ab; in dieser Eigenschaft soll er einen Abend der neu gegründetenDeutschen Arbeiterpartei" be­suchen, um über deren Ziele dienstlichen Bericht zu erstatten. Er entschließt sich dann bald selbst für die Partei, in der er ein geeignetes Wirkungsfeld für seine Ideen und Ziele sieht. Hitlers provisorischer Mitgliedsschein trug die Nummer 7. Er ist das siebente eingeschriebene Mitalied und reißt sehr bald die Führung an sich. Am 24. Februar 1920 findet die erste öffentliche Massenkundgebung der jungen Bewegung in München statt, die Ersola hat und zum erstenmal die Aufmerksamkeit auf Adolf Hitler lenkt.

Dieser äußere Ablauf von Adolf Hitlers Leben bis zum Eintritt in die Politik läßt erkennen, daß er in zwei verschiedenen Welten ausgewachsen ist, daß er mitten in seinen Bildungsjahren gewaltsam von der einen in die andere versetzt wurde, und daß dieser scharse Bruch in seinem Leben entscheidend für feine Laufbahn geworden ist. Als Knabe be­geistert er sich an dem Nürnberger Buchhändler Johann Philipp Palm der in seiner Vaterstadt Braunau 1806 auf Befehl Napoleons wegen Ver- breitung einer FlugschriftDeutschland in seiner tiefen Erniedrigung" erschaffen worden war. Als Gymnasiast im deutschen Passau und im österreichi­schen Linz werden die Freiheitskriege und der Deutsch-Französische Krieg seine Lieblings- leftüre, und schon damals wird ein großdeutsches Sehnen in dem Schuljungen wach, der zu beiden Seiten der deutsch-österreichischen Jnngrenze aufge­wachsen ist, das Verlangen nach einer Ueberwin- düng derJnnlinie", nachdem 1871 mit der Bis- marckschen Reichsgründung die Mainlinie beseitigt worden war. Geschichte wird seine große Leiden- schäft. Er beginnt, das Habsburgische Kaiserhaus zu hassen, wegen seiner Slawenfreundlichkeit. Da­mals schon wird er Gegner der deutschen Bünd­nispolitik.

Durch den frühzeitigen-Tod seiner Eltern folgt dann in seinem 15. Lebensjahre ein plötzlicher so- zialer Abstieg. Hitler kommt auf der Baustelle in Wien als ungelernter Arbeiter in engste Berührung mit dem Marxismus und mit sozialem Elend. Wenn er sich auch von den Vorstellungen seiner bisherigen bürgerlichen Welt während seiner harten Wiener Schule weitgehend lossagte, so feiten ihn doch seine Jugendideale vor allen marxistischen Versuchungen. Er stellt sich in Opposition gegen seine sozialdemo- kratischen Arbeitskollegen, verliert mehrmals seine Posten, wird Märtyrer und gerät in jene Haß-

ftimmung gegen denMarxismus", die ihm bis zum heutigen Tage treu geblieben ist. Wie in der Kindheit so auch hier ein ungeheurer Bildungstrieb oder besser Lerntrieb. Hitler verschlingt in hungrigen Nächten die ganze sozialistische Literatur und kommt zu der Ueberzeugung, daß der Terror der Sozial- demokratie nur gebrochen werden kann, wenn ihm ein noch größerer Terror entgegengesetzt wird, ein Grundsatz, der ja heute noch bei den National­sozialisten Geltung hat. Hier in Wien erst macht sich Hitler Gedanken über die jüdische Frage. Er kommt in Berührung mit Vertretern des galizischen Judentums, und an Hand dieser extremen Erschei­nungen bilden sich die Wurzeln seiner Judenfeind- schast. In den täglichen Auseinandersetzungen mit marxistischen Arbeitern auf der Baustelle macht Hitler eine glänzende Schule der Beredsamkeit durch; schon damals beschäftigt er sich mit dem Problem der Massenbeeinslussung und Massensugge- stion, das ihn während des Weltkrieges nicht mehr losläßt, und das er heute so erfolgreich zu meistern versteht.

Aber erst die Wut über die Revolution des Jahres 1918, die ihm fast die Besinnung raubte, ließ den Entschluß in ihm reifen, als Redner oder als politischer Führer den Kamps gegen die «ozial- demokratie als Lebensberus zu ergreifen, deren Führern er die ganze Schuld an unserem Unglück beimißt. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Hitler mit Leib und Seele Soldat war, wie er

Ja auch bewußt in die deutsche Armee eintrat und dadurch seine Staatszugehörigkeit verlor. Hiller schildert selbst, wie er vom Schützengraben aus alle politischen Vorgänge aufmerksam versolgte, aus den letzten Kriegsjahren stammt sein unversöhnlicher Haß gegen das Parlament.

Von Hitler stammt das umstrittene Wort:Ich weiß, daß man Menschen weniger durch das ge­schriebene Wort als vielmehr durch das gesprochene zu gewinnen vermag, daß jede große Bewegung auf dieser Erde ihr Wachsen den großen Rednern und nicht den großen Schreibern verdankt." Wenn auch Hitler bei seiner Eroberung der Massen vor­nehmlich, und ossentsichtlich nicht ohne Erfolg, nach diesem Grundsatz verfährt, so verwahrt er sich doch entschieden, nur alsTrommler" gewertet zu wer­den; er hält sich offenbar für fähig, als Staatsmann Deutschlands Los mit seinen Methoden zu bessern.

Der Todfeind des Marxismus ist trotz des Widerstandes der bürgerlichen Welt emporgekom- men, mit der ihn im Innern noch viel verbindet, er ist lange Zeit von den bürgerlichen Parteien heftiger bekämpft worden als von der Sozialdemo­kratie. Sollte es nicht doch gelingen können, diesen Mann zur nutzbringenden Mitarbeit am Staate hcranzuziehen und die Energien und die nationale Begeisterung, die er in einer so begeisterungsarmen Zeit zu entfachen versteht, in vernünftige Bahnen zu lenken und für eine Besserung unserer Verhält- nisse einzuspannen?

Arbeitslöhne und Warenpreise.

Don Dr. Gustav Cassel, ehem. Professor der Nationalökonomie an der Universität Stockholm.

Eine Herabsetzung der Geldlöhne in Zusammenhang mit dem starken Preissa11 auf dem Warenmarkt erscheint unter allgemeinen wirtschaftlichen Gesichtspunkten als eine Selbstver- ftändlichkeit, ihre Durchführung stößt jedoch auf starken Widerstand. Die Frage, inwieweit es mög­lich sein kann, trotz des gewaltigen Sinkens der Warenpreise seit Mitte vorigen Jahres die Geld- löhne aufrechtzuerhalten, ist in diesen Tagen Gegen- stand einer lebhaften Diskussion in der ganzen Welt, und es ist offenbar von außerordentlicher praktischer Bedeutung, daß der wirkliche Inhalt dieses Pro­blems klargelegt wird.

Die Forderung, daß die Geldlöhne unverändert aufrechterhalten werden sollen, trotz des Preisfalls auf dem Warenmarkt, ist in der Tat gleichbedeutend mit einer Forderung auf Steigerung der wirklichen Arbeitslöhne. Es ist also vor allem zu prüfen, ob d i e Voraussetzungen für eine allgemeine Steigerung der Reallöhne gegenwärtig vorhanden sind.

Nach der kräftigen Deflation, die die Inflations­periode der Nachkriegszeit zum Abschluß brachte, und die in der allgemeinen Senkung der Waren­preise in 1920/21 zum Ausdruck kam, lag ein ähn- liches Problem vor. Damals zeigten sich gewisse Möglichkeiten für eine Steigerung der Ar­beitslöhne durch außerordentliche technische Fortschritte, besonders auf dem Gebiet der Maschinenindustrie, und durch organisato­rische Verbesserungen in der Produktion und im Transportwesen. Die Arbeiter ernteten die Früchte dieser sogenannten Rationalisierung in der Form wesentlich gesteigerter Reallöhne. 'Es wäre indessen sehr verfrüht, sich vorzuftellen, daß ähn- liches jetzt ohne weiteres wiederholt werden kann. Ohne Zweifel wird die Produktionsfähigkeit der Welt immer noch weiter steigen. Die Fortschritts- geschwindigkeit wird sich aber aller Wahrscheinlich­keit nach innerhalb normaler Grenzen halten, und die außerordentliche Steigerung der Reallöhne im vergangenen Jahrzehnt wird als eine Einzel» erfcheinung dastchen, die nur unter Ausnahme­verhältnissen möglich war.

Die Forderung nach einer Aufrechterhaltung der heutigen Geldlöhne ist, wo sie ohne Rücksicht auf vorliegende wirtfchaftliche Möglichkeiten hervortritt,

ein r e i n e r. M a ch t o n s p r u ch. Die Auffassung der Lohnsrage als einer Machtfrage ist ja charak­teristisch für den Sozialismus und feine wirklich­keitsfremde Einstellung zum Wirtschaftsleben. Von dieser primitiven Auffassung fort hat die Arbeiter­bewegung einen langen Weg zurückzulegen, ehe sie darüber zur Klarheit kommt, daß die Lohnsrage int Grunde eine wirtschaftliche Frage ist, und daß die Höhe der Löhne entscheidend davon ab­hängig ist, wieviel die Konsumenten für Arbeitsleistungen, die sie in letzter Hand in An­spruch nehmen, zu zahlen bereit sind.

In lokal geschützten Gewerben, die keine Rücksicht auf Konkurrenz zu nehmen brauchen, gibt es einen gewissen Raum für die Behandlung der Lohn­frage als einer Machtfrage. In hohem Grade gilt dies von den Arbeitern des Staates und der Ge­meinden. Die Ausnutzung solcher Möglichkeiten hak in der Tat seit dem Kriege bereits zu einer sehr bedenklichen Erscheinung auf dem Arbeitsmarkt und in der Preisbildung geführt. In verschiedenen Län­dern hat man die Lohnfrage zum Gegenstand eines Schlichtungsverfahrens gemacht und da­mit einen Weg eingefchlagen, der nur allzu leicht dazu führt, daß die Löhne diktiert werden an­statt von den Gleichgewichtsbedingungen der Wirt­schaft bestimmt zu werden. Gegenwärtig treten die Gefahren einer solchen verhängnisvollen Behänd- lung des Lohnproblems besonders in Deutschland hervor. v .

Treibt man mit Macht die Löhne über das wirt­schaftlich zulässige Niveau hinaus, so muß die Folge notwendig Arbeitslosigkeit werden, gleichwie der Fabrikant mit seinen Waren sitzen bleibt, wenn er die Preise höher hält, als die Marktlage es ge- stattet. Die Erfahrung der letzten Jahre hat in einer Menge von Ländern diesen Zusammenhang zwischen Lohnansprüchen und Arbeitslosigkeit mit einer Deutlichkeit hervortreten lassen, die nichts zu wünschen übrig läßt. Gleichzeitig sind die so­zialen Lasten in die Höhe getrieben worden, ja vielleicht noch schneller als die Arbeitslöhne. Wenn eine solche Steigerung des Preises der Arbeit parallel mit einer gewaltig steigen- den Arbeitslosigkeit geht, müßte jedermann sehen können, daß irgend etwas verkehrt ist, und daß man auf einen Weg gekommen ist, der sich

Mit Knigge durch England.

Don Or. Ferdinand Tau.

In England grüßt stets die Dame zuerst. Gin Herr, der eine Dame zuerst grüßen wollte, be­ginge eine unmögliche Taktlosigkeit. Herren unter sich grüßen nie durch Hutabnehmen - höchstens der Heine Kommis seinen sehr hochgestellten Chef. Herren nicken sich zu oder winken mit der Hand. Der Herr, der eine Dame grüßt, lüftet leicht Den Hut, so wie man in Deutschland Den Portier grüßt. Tiefe Der- Beugungen losen bei Engländern größte Heiterkeit aus. Man verschlucke vor einer Englandreife ein Lineal.

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Oluf der Straße wird links gegangen und links gefahren. Man weicht links aus und überholt rechts. Während in Deutschland die Dame stets auf der rechten Seite des Herrn geht, geht sie in Eng­land auf der inneren, also den Häusern zugewandten Seile des Bürgersteiges. Außen, nach dem Fahr- damm zu, geht Der Herr.

In Theatern und Kinos wird die Garderobe nicht abgegeben. Man nimmt die Garderobe mit auf den Platz. Herren rollen den Mantel zusammen und legen ihn unter den Sih auf Den fast stets mit Teppich versehenen Fußboden. Den Hut hängt man an einen Haken, der sich gewöhnlich an der Rück- lehne des Bordersihes befindet. In fast allenTheatern und Kinos darf auch geraucht werden, ohne daß Des­wegen Kinovorstellungen feuergefährlicher sind als in Deutschland.

Man beschwere sich nicht, wenn im ersten englischen Hotel, in Dem man übernachtet, der Hausdiener hemdsärmelig,noch dazu in schwarzen Hemds­ärmeln erscheint. Diese schwarzen Hemdsärmel ge­hören zur Uniform der Hausdiener und sind in ganz England und Irland üblich.

Das englische Frühstück ist immer ziemlich reich­lich. Aber entgegen einer vielfach in Deutschland ver­breiteten Meinung gehören Hammelloteletts niemals zum ersten Frühstück. Es besteht vielmehr aus Por- ridge, einer Art Haferbrei, der mit Milch gegeßen wird, gebratenem Fisch oder Schinken mit Eiern oder gebratenem Speck mit Spiegeleiern, und der unver­meidlichen Orangenmarmelade mit Toast.

In Restaurants und Hotels ist es üblich,Trink­geld er zu geben. Allerdings meist nicht so viel wie in Deutschland. Im Lokal legt man es schämig neben

Den Teller, ehe man den Raum verläßt. Ein Pence auf den Schilling genügt..

IDenn der Kellner den Gang zum zweiten Mal anbietet, so antwortet man nicht:thank you,toenn man nichts mehr will; man bekommt auf diese Ant- wort hin rettungslos noch eine Riesenportcon auf den Teller.Thank you bedeutet nämlich .ja", das Gegenteil heißt:no, thank you.

In jedem Hotel findet der Reisende auf dem Waschtisch ein neues Stück Seife. Man vermeide es aber, bei öfterem Wechsel der Hotels diese ©elfen- stückchen zu sammeln. Das ist shocking. Die Hotels pflegen die gebrauchte Seife neu zu kochen und zu formen. e

Das englische Eßen ist im allgemeinen ziemlich eintönig. Ramentlich der Lunch. Der ruhende Pol in der recht mangelhaften Flucht der verschiedenen Speisen ist Der unvermeidliche Käse zum Rachtisch. Er wird nicht mit Brot gegeßen, sondern mit Keks. Manchmal hat man den Eindruck, als ob es in ganz England nur eine Sorte Keks gäbe.

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Mit Bindfaden sind die Kaufleute sehr sparsam. Kleinere Pakete werden mit großer Fixigkeit ge­flegelt. Kaust man etwas Obst, so saßt der Berkauser die Tüte an Den beiden oberen Zipfeln und schleudert sie zum Entsetzen des europäischen Käufers zwei- oder dreimal um sich selbst, so daß rechts und links je ein wie ein Eselsohr abstehender Wickel entsteht.

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Wenn man einen Laden betritt, so sagt man nicht ,Guten Tag". Daran ist der Ausländer sofort zu ernennen. Wenn man ihn verläßt, so grüßt man auch nur Dann, wenn es Der Verkäufer tut: sonst geht man ebenso stumm hinaus wie hinein. Herren behalten Den Hut im Laden stets auf.

Der englische Sonntag ist für jemand, der nicht in eine Familie eingeführt ist, noch immer sehr langweilig. Die Lokale sind geschloßen und m Heineren Hotels bekommt man nur mit Mühe etwas zu eßen. Mittlere und größere machen natürlich eine Aus­nahme. Auf den Eisenbahnen fahren kaum halb so viel Züge als an Werktagen. Ganz so 'chUmm ist es allerdings nicht mehr wie zu Bismarcks denen. Er hatte das Unglück, an einem Sonntag rn Eng- land zu landen, und als er vergnügt pfeifend das Land betrat, entrüstete sich ein englischer Polizist mit Den Worten: .Pfeifen ist am Sonntag verboten .

Die englischen Dienstboten sind sehr freundlich, wollen ebenso freundlich behandelt fein und meiden die Arbeit, wo sie nur irgend können. Bessere Häuser behaupten, vier Dienstboten nötig zu haben, wenn sie vor Dem Kriege zwei hatten. Eine besondere Abscheu haben Dienstmädchen gegen Elieselpuhen. Bei einem Weg über regennaße Felder lehmig ge­wordene Stiefel stehen am nächsten Morgen un­berührt vor der Zimmertür. Man packe daher Stiefel- Dürften ein.

Politik macht feinen Spaß ...

... wenigstens bei uns nicht. Wir haben den Parlamentarismus. Aber kein Mensch ist mii ihm zufrieden. In England dagegen jedermann. Warum? Der bedeutende Anglist Prof. Dr. Wilhelm Dibelius gibt in einem Beitrag zum Rovernberheft von Delhagen & Kla - sings Monatsheften die Antwort. Er schreibt u. a.: ..Im Gegensatz zu Deutschland und allen anderen parlamentarisch regierten Staaten gibt es in England, dank einem andern Wahl­recht, in Der Regel nur zwei Parteien; mehr als vier sind es noch nie gewesen. Immer bilVt sich eine geschlossene Regierungspartei und eine ge­schloffene Opposition heraus. 3n Deutschland und anderen parlamentarisch regierten Ländern Da­gegen ist es eigentlich immer nur zu Koalitions­regierungen gekommen. Eine solche ist aber stets verhältnismäßig schwach. Der leitende Staats­mann. der an Der Spitze der Koalition steht, ist darauf angewiesen, es mehreren Gruppen gleich­zeitig recht zu machen, und dies wird gewöhn­lich nicht lange gehen. Ein englischer Minister­präsident ist eine sehr viel stärkere und einfluß­reichere Persönlichkeit als sein Kollege tn Frank­reich oder Deutschland; wenn er eine politische Entscheidung gefällt hat, so braucht er nur selten einen Ausstand in feinem eigenen Lager zu fürchten. Eine politische Laufbahn, die eine so große Machtfülle bietet, reizt infolgedessen Die stärksten Talente des Landes viel mehr als eine ähnliche Laufbahn bei uns. Die so oft gehörte Klage, daß die tüchtigsten Menschen in Deutsch­land nichts mit Politik zu tun haben wollen, ist durchaus verständlich, und sie wird nicht nur in Deutschland, sondern auch in den meisten an­deren Ländern mit vielen Parteien erhoben. Bon alters her hat dagegen in England die parlamentarische Machtfülle die all er stärkst en Menschen des Landes angelockt. Das dtoet- Parteiensystem hat noch andere Borzüge. Jede Partei ist natürlich stolz auf die großen Manner,

die sie hervorgebracht hat, aber jede Partei muß zugestehen, daß die Hälfte der großen Männer der englischen Geschichte auf feiten der Gegner gewesen ist. Das gibt dem parlamentarischen Kampf eine besondere Würde. Der Minister­präsident ist natürlich der erste Mann Im Staate, gleich hinter ihm kommt aber als zweiter Mann im Staate der Führer der Opposition, denn er ist bis vor kurzem Ministerpräsident gewesen und wird es sehr bald wieder sein; er ist der beurlaubte Herrscher. Beim Zweiparteiensystem kann daher Der Parlamentarismus niemals in das unglaublich häßliche und kleinliche Gezänk ausarten, das wir auf dem Kontinent so oft sehen."

Lochschulnachrichten.

Der ordentliche Professor des Maschinenbaues an der Technischen Hochschule zu Darmstadt, Dr.-Ing. Enno Heidebroek, hat unter äußerst günstigen Bedingungen einen ehrenvollen Ruf an die Technische Hochschule zu Dresden erhalten. Es wird wohl kaum möglich sein, den ausgezeich­neten Lehrer und Forscher der Darmstädter Tech­nischen Hochschule in Anbetracht der Derhältnisse in Darmstadt zu erhalten. Prosessor Heidebroek, der 19 Jahre hindurch erfolgreich an der Tech­nischen Hochschule gewirkt und sich um Die Hoch­schule und die Studentenschaft besonders verdient gemacht hat, wird dem Ruf an die Technische Hochschule Dresden zum 1. April 1931 Folge leisten.

Der durch die Emeritierung von Pros. Dr. Julius Richter in der theologischen Fakultät der Universität Berlin erledigte Lehrstuhl für Missionswissenschast ist dem a.o. Professor da­selbst, D. Dr. Johannes Witte, angeboten worden. Pros. Witte habilitierte sich 1921 in der Berliner Theologischen Fakultät für Missions­wissenschaft und erhielt hier 1927 die Beförderung zum nichtbeamteten a. o. Professor. Die Jenaer Theologische Fakultät ernannte ihn 1917 zum Ehrendoktor. Der Privatdozent an der Don­ner Universität, Gerichtsassessor Dr. Erich Schwinge, ist vom Kultusminister beauftragt worden, im Wintersemester 1930/31 in der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Uni­versität Kiel die zur Zeit unbesetzte Professur für Strafrecht in Borlesungen und Hebungen zu vertreten.

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