Wirbleins Leben!
Vornan von Anna Fink.
Llrheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister. Werdau, S.-A.
4. Fortletzung. Nachdruck verboten.
Das Essen verlies recht schweigsam. Barbara machte keinen Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Sie ah und trank wenig und langsam. Ab und zu lieh sie ihre Augen zu Reginald hinübergehen, um dann ihren Mann zu betrachten.
Wie korrekt er war! Er bemerkte eher als Darbara, Zah Reginald keinen Tee mehr in der Tasse hatte, er sorgte wie eine aufmerksame Hausfrau für den Gast, dessen plötzliches Hereinschneien zu mitternächtlicher Stunde ihm — das wußte sie genau — doch absolut nicht recht war. Aber das war es: Es konnte etwas noch so unangenehm für Bernhard Much sein, mit Tatsachen wurde er mit geradezu erstaunlicher Korrektheit fertig. Diese Beherrschung stand ihm höher als alles andere, und er war darin ein Meister.
„Man kann ihn nie aus der Fassung bringen", dachte Barbara und seufzte.
Reginald hingegen war in feinem Benehmen viel freier und ungezwungener. Er hatte ehrlichen Hunger und ah mit Sammlung und Hingabe.
„Als ob er seit langer, langer Zeit zum ersten Male an einer richtigen Tafel sähe", dachte sie bei sich.
Sie ahnte nicht, wie sehr ihre Gedanken das Richtige trafen. Es war tatsächlich seit Monaten das erstemal. dah Reginald in einer gepflegten Umgebung, an einem sorgfältig gedeckten Tische ah. Er stellte bei sich selber fest, wie wohl das tat.
„Wie alt waren Sie, als Sie mit Barbara befreundet waren, Herr Contius?" unterbrach Herrn Muchs Stimme die Stille.
„Ich glaube, acht Iahre. Barbara war damals neun Iahre, ein Jahr älter als ich", gab Reginald zur Antwort. „Wir waren Rach- barskinder, und, wie das so geht, haben wir alles miteinander geteilt, Freud und Leid."
„So jung sind Sie noch?" sagte Much in ehrlichem Erstaunen. „Ich hätte Sie mindestens um drei bis fünf Iahre älter als meine Frau geschäht. Sie sehen älter aus."
„Mag sein. Man hat so allerhand erlebt", sagte Reginald lächelnd.
Barbara sah von ihrem Teller auf und zu Reginald hinüber. Jetzt, wo er sich wieder etwas zu erholen schien, hatte sein Gesicht einen frischen, straffen Ausdruck, nur seine Augen machten einen älteren Eindruck, etwas Müdes lag darin. „Beinahe wie bei Bernhard", dachte sie bei sich.
„Ich denke, wir gehen zur Ruhe, wenn wir satt sind", sagte Bernhard Much. „Morgen ist auch noch ein Tag."
Reginald nickte zustimmend.
„Karl", wandte sich Barbara an den eintretenden Diener, „ist das Fremdenzimmer zurechtgemacht?"
„Jawohl, gnädige Frau", sagte dieser.
Roch ehe Barbara etwas zu Reginald sagen konnte, meinte Bernhard Much: „Dann bringen Sie Herrn Contius auf sein Zimmer. „Ich glaube Sie werden der Ruhe bedürfen, nicht wahr?^' fragte er lächelnd den Gast.
„Gewiß", erwiderte der, „ich mache kein Hehl daraus."
„Gute Rächt, Reginald. Schlafe Wohl und träume etwas Angenehmes. Es geht in Erfüllung". sagte Barbara lächelnd.
Er verbeugte sich und ergriff ihre dargebotene Hand. „Ich danke dir." Dann wandte er sich an Herrn Much. „Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Gastfreundschaft."
Beide schüttelten sich die Hände. „Ja. schlafen Die sich gut aus, Herr Contius. Sie versäumen nichts."
Reginald folgte dem wartenden Diener. Der führte ihn zwei Treppen empor und öffnete eine Tür.
„Bitte schön, Herr."
Er drehte das Licht an. Reginald'war erstaunt über die Eleganz des Raumes. Das Zimmer war ganz in blau gehalten. Ein großes breites Bett stand an der einen Wand, ein Rachtschränkchen daneben, an der anderen war ein Arrangement von einer Ottomane, davor ein niedriges Tischchen nach Art der türkischen Rauchtische, ein paar bequeme Sessel rings um dieses. Ein großer Schrank und ein Regal mit einigen guten Büchern darauf vervollständigten die Einrichtung. Der ganze Raum war mit dicken Teppichen ausgelegt.
„Bitte, hier ist das Wasch- und Badezimmer", sagte der Diener und öffnete eine Seitentür. Reginald schaute hinein. Tatsächlich: Ein kleines hübsches Badezimmer mit Waschtisch.
„Danke", sagte Reginald. „Man sorgt in diesem Hause gut für seine Gäste."
„O ja. Es kommen ja man auch meistens keine", war die Antwort.
„Wieso?" fragte Reginald.
Der Diener wollte nicht recht mit der Sprache heraus.
Reginald drückte ihm ein Geldstück in die Hand.
„Mir können Sie es schon erzählen. Die gnädige Frau habe ich schon gekannt, als sie noch so klein war." Reginald gab das Maß mit der Hand an.
„Ach nee, nee. Wirklich?" Karl bekam bei allem Respekt einen ganz gerührten Ton. „2a, ja, was unsere Gnädige ist, die hat ein goldenes Herz, 'n bißchen verdrehte und ausgefallene Einfälle hat sie ja, aber sonst — nee, nee."
„Ra, und der Herr?" fragte Reginald interessiert.
„ Per — ein gerechter Herr ist er ja — oft ein bißchen zu strenge. Rur seiner Frau sollte er man was mehr Bewegungsfreiheit lassen. Die möcht sich nicht umdrehen ohne seine Erlaubnis. Lind die Eltern von ihr sind geradeso. Aber wissen Sie" — das flüsterte der Brave ganz geheimnisvoll — „er ist ja viel zu alt für sie. Lind sie hat ihn ja auch nur aus Mitgefühl geheiratet, weil ihr Alter dumme Sachen gemacht hatte, und damit er aus der Patsche kam. Aber aus Liebe — nee, nee, da macht mir keiner was vor. Gute Rächt, Herr, wünsche wohl zu ruhen!"
Damit drehte Karl sich um und ging etwas verlegen hinaus. Eigentlich gehörte es sich ja nicht, so viel zu schwatzen. Daran war aber auch nur das Trinkgeld schuld, das er in die Hand gedrückt bekommen hatte. Das mutzte ein nobler Herr sein. Wenn auch das Aeutzere ein wenig abgeschabt war — wer weih? In Romanen kam so etwas auch vor. Gähnend ging Karl in seine Kammer.
Reginald starrte, nachdem der Diener gegangen war, lange auf einen Punkt.
„So — so", sagte er halblaut, „so steht's hier. Konnte es mir denken. Die Bärbel ist für so was wie geschaffen, für solchen Opfermut, nein, Opferwut könnte man es schon nennen. Ra, mir soll's gleich sein. Er macht keinen unsympathischen Eindruck. Rur nicht ganz das Richtige für die Bärbel..."
Damit ging er ins Badezimmer, entkleidete sich, nahm ein heißes Bad und legte sich zu Bett. Fünf Minuten später schlief er.
Barbara Much hatte sich, als Reginald gegangen war, zu ihrem Manne gewandt.
„Ich will schlafengehen", sagte sie.
„Ich hätte dich gern noch einen Augenblick gesprochen, Barbara", war die Antwort ihre- Mannes.
„Hat das nicht Zeit bis morgen?" fragte sie.
„Rein. Es behagt mir wenig und hat mich erstaunt, daß du Herrn Contius mit du an* redest. Ich wünsche doch, daß du ein wenig mehr Zurückhaltung walten läßt."
Barbara zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Ich kenne ihn schon seit unserer Kinderzeit, und er ist mir immer noch der altvertraute Kamerad. Sei doch nicht so kleinlich!"
„Kleinlich?" erwiderte Bernhard Much. „Du bist doch inzwischen meine Frau geworden. Lind das ändert alles!"
„So, meinst du?" fragte Barbara. „Es ändert manches, aber nicht alles. Gute Rächt!"
„Komm, Barbara, sei nicht gereizt. Geh schlafen. Wir können morgen, wenn du dich ausgeruht hast, weitersprechen."
Bernhard Much streckte der Frau beide Hände hin. Sie sah ihn etwas zweifelnd an. Er sah in diesem Augenblick wirklich gutmütig und freundlich drein. —
Mit einem leichten Seufzer legte Barbara ihre Hände in die seinen und schüttelte sie kräftig. „Schlaf wohl, Bernhard." Ein flüchtiger Kutz streifte seine Wange.
Schon war sie an der Tür und hinaus. Er sah ihr verloren nach. Da öffnete sich die Türe noch einmal, und durch einen schmalen Spalt rief Barbara mit ihrer hohen, hellen Stimme sehr energisch: „Lind ich nenne ihn doch du." Sie drückte die Tür ins Schloß und lief rasch die Treppe hinauf nach ihrem Schlafzimmer. Das war so ihre Art, etwas zu erreichen, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hatte.
Bernhard Much stand, nachdem Barbara gegangen war noch lange und schaute durchs Fenster in den stillen Garten. Alte Bedenken und Zweifel stiegen wieder in ihm auf. Hatte er recht getan, Barbara durch diesen Zwang an sich zu binden? Gewiß, er liebte sie, aber er war sich viel zu klar über die Tatsache, dah sie ihn nur mit der Absicht geheiratet hatte, den Eltern eine wirtschaftliche Hilfe zu bieten, sie aus schweren Sorgen zu befreien. Lind was hätte aus ihr werden fallen, wenn er ihr nicht durch diese Ehe ein materiell glückliches und sorgloses Leben gesichert häjte?
(Fortsetzung folgt.)
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