Nr. 501 Grftes Blatt
180. Zahrgang
Mittwoch, 24. Dezember 1950
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Beilagen:
Die 30u|trierU Viehener FamUienblLtt« tzermal im Bild Die Scholle
ÄonaU'BejngsDreis: 2.20 9teid)smarh und 30 Äetd)6pfennig für Träger» lohn, auch bei dichter» scheinen eing einer Vhimmmi Difolgt höherer Gewalt.
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Lhefredakteur
Dr (Jnebr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr ^.Ibpriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumichein und für den Anzeigenteil Max Filter, fämtlid) in (Biefje-
Dennoch Weihnachten!
Eine unpolitische Weihnachtsbetrachtung Don D. Dr Cordier,0. ö. Professor derTheologie an der Universität Gießen.
Kann man in diesem Jahre wirklich Weihnachten feiern? Verbietet ilnAiftligen unter unteren Volk-aenossen nicht einfach die Not, die bittere, harte No'. daS Weihnachts est? Dringen nicht ungezahlte andere diesmal einfach nicht den Mut zu einem ^.eihnachtsseste aus. sei es aus Verbitterung. Vergrämung, Enttäuschung über das, waS daS ablaufende 3ahr ihnen gebracht oder auch nicht gebracht hat, sei es aus ernster Sorge um daS Kommende, einer Sorge, die eine fröhliche Weihnachtsstimmung nicht aufkommen lassen will? Don einer festlichen Gebefreudigkeit gar nicht zu reden, für die einfach die Mittel fehlen, oder wenn wirtlich vorhanden, eben aus Sorge um die dunkle Zukunft zurückgehalten werden! Wir verstehen cs schon, wenn vielen unter uns — und eS sind nicht die schlechtesten, die so empfinden — Weihnachten dieses Mal sehr, sehr ungelegen kommt, wenn sie am liebsten dieses altgewohnte Fest unterschlagen, aus dem Kalender streichen würden, denn es will nicht passen zu unserer gegenwärtigen Lage. Wir können es auch verstehen. wenn sie Weihnachten beschränken möchten auf ein Fest für die Kinder. Ten Kindern schuldet man ja auch in dunklen Tagen etwas Festfreude, denn was können schließlich unsere Kinder für die Nöte, die uns Erwachsene von allen Seiten umgeben? — Vielleicht bequemt man sich auch zur Weihnachtsfeier um der Sentimentalen willen, die es ja nun einmal unter uns gibt und die an einem solchen Tage auch einmal etwas ernster genommen werden sollen als zu anderen Zeiten, -dm Ende entdeckt man zum Weihnachtssest bei sich selbst eine solche sentimentale Lider, und schämt sich für einige Stunden nicht einmal ihrer! Oder aber man läßt daS Weihnachtssest für dieses 3ahr aus sehr nüchternen Gründen ernsthaft gelten, weil es für einen Augenblick unseren Wirtschafis narkt belebt hat; weil eS das wenige Geld, das noch unter unS ist, durch viele Hände rollen läßt, weil es noch rasch ein wenig die Kassen füllt, ehe man zum Jahresabschluß kommt!
Ob das alles wirklich ernsthafte Gründe für eine Weihnachtsfeier in diesem Notjahr sind? Ob wir nicht angesichts des Sparprogramms, das unS wieder in bescheidenere Verhältnisse zurückführen soll, angesichts der allgemeinen Abbaus Maßnahmen nicht auch beim Weihnachtssest mit dem Abbau ernsthaft beginnen sollten? Ob wir nicht mit einer Weihnachtsfeier in diesem Jahre, welche ^Überlegungen sie auch immer rechtfertigen mögen, dennoch denen ins Gesicht schlagen, für die in ihrer Not kein Weihnachtslicht leuchtet und die sich in der Verzweiflung ihrer Lage zu keiner Festfreude erheben können?
Es ist in der Tat allerlei zum Abbau reif am deutschen Weihnachtssest, und vielleicht wird uns das Notjahr, in dem wir stehen, zum Anlaß, mit fester Hand zuzugreifen und abzustoßen, was uns am Weihnachtssest zum Aergernis geworden ist. Müssen wir es uns erst vom „*3unb der Gottlosen" sagen lassen, wie kitschig-sentimental, wie innerlich unwahr so vielfach unsere Weihnachtsfeiern geworden sind? Wir leben in einer viel zu sachlichen Zeit, als daß wir es uns ungestraft gestatten könnten, mit Kerzenschein und Flittergold, mit ein paar frommen Weisen auf dem Grammophon oder im Radio eine weiche Weihnachtsstimmung hervorzuzaubern, die einfach nicht zu uns nüchternen Gegenwartsmenschen paßt und mit der es uns ja selbst im Grunde nicht ernst ist! Unsere Zeit verlangt in allem echten Wirkllchkeitssinn. Wir können darum nicht rasch aenug Schluß machen mit der Herabwürdigung deS Weihnachtsfestes zu einer sentimentalen Stimmungsanregung, ganz gleichgültig, in welche „selige" Stimmung es uns versetzen soll, ob wir uns an Weihnachten in die seligen Gesilde des Kinderlands traumhaft verpflanzen lassen wollen (.v selig, 0 selig, ein Kind noch zu fein"!) oder ob unS die sanften Klänge von .Stille Nacht, heilige Nacht" hinüberleiten sollen in die beschwingten Tanzsreuden einer geselligen Weihnachtsunterhaltung oder was dergleichen Stimmungszau- ber mehr ist. Vielleicht haben wir heute ein Empfinden für den Spott, den jede Herabwürdigung deS tiefsinnigsten aller Feste heraassordert. Wenn wir schon Weihnachten feiern wollen, dann wollen wir eS wenigstens „wahr" feiern, das heißt seinem eigentlichen Sinn gemäß. Tlnd dieser Sinn ist weit entfernt von jeder Oberflächenstimmung und seichten Sentimentalität, hinter der sich nur die eigene innere Leere verbirgt.
linieren Altvordern war Weihnachten die Besinnung auf bitter ernsten Lebeirskampf, den Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gut und Böse, zwischen Göttern und Dämonen. Ihre Weihnachtsbräuche sollten das versinnbildlichen. Sie sollten das Zeugnis eines starken, männlichen Glaubens sein: des Glaubens an den endlichen Sieg des Lichtes über alle dunllen, dämonischen Gewalten. 3n der Zeit der kürzesten und dunkelsten aller Tage gab man. allem äußeren Anschein zum Trotz, jubelnd den Glauben weiter, daß der Tag dennoch den Sieg behält über die Nacht, daß die Sonne dennoch stärker ist als alle Dunkelheiten, daß die Gottheit den- noch das letzte Wort behält und nicht die Dämonen! Um dieses starken, frohen Glaubens willen hat das Christentum das Lichtfest unserer Väter zum Träger letzter chrisllicher Erkenntnisse zu erheben vermocht. Es ward zum Träger des Glaubens der Christenheit an das ewige Licht das in Christus in unsre dunkle Welt gekommen ist und das die Finsternis in uns und um uns
Heiliges Fest — heilige Bande.
Krauengedanken am Heiligen Abend des Notjahres 1930.
Wir haben einige an besonderer Stelle stehende Frauen befragt, worin sie den aktuellen Sinn dieses Weihnachtsfestes 1 9 30 erblicken. 3m folgenden geben wir ihre Antworten wieder, deren 3nhalt man auf die einheitliche Formel bringen kann: Dieses Weihnachtsfest 1930 hat in noch viel stärkerem Maße als in früheren 3ahren die Aufgabe, e i n F e st der Familie, der Desinnung und Rückkehrzur Familie zu fein.
Besinnung!
Don Frau Obeischulrai Dr. Hildegard Wegsche.der:
3ene wunderbare Vereinigung des Weihnachtsfestes, das zugleich ein Lich'lest am dunkelsten Tag und ein Jubelfest der Kinder ist, en'bält eine ticiO vymvollr, beten Reia^um man noch lange nicht ausgeschöpft hat. Erwachsene und Kinder werden eins in einem kindlich reinen Glauben, — dies erzeugt eine Harmonie und ein Nahe- kommen älterer und junger Menschen, wie es niemals der Alltag und auch kein anderes Freudenfest herbeiführen kann. Das Weihnachtsfest ist eine 3nsel in einer grauen Zeit, in der das mühselige Kämpfen um die Existenz Menschen mutlos und unfähig zu machen scheint, jene Kraft aufzubringen, die notwendig ist, ein echtes Familienleben zu gestalten. Es gilt, diese Weihnachtstage auf der 3nfel der Freude und des Glaubens zu nutzen, Dande der Liebe und Zuneigung zu befestigen und neue zu knüpfen, die die Familie umschließen und stark machen sollen.
Die Zeit und die Entwicklung der Gesellschaft haben vieles an der Familie zerstört. Wenn dieses Weihnachtsfest die Aufgabe erfüllen kann, Eltern und Kinder, die Familie enger z u s am - menzufchließen, so bedeutet das einen ungeheuren Gewinn, einen großen Reichtum. Den Gedanken des Weihnachtsfestes zu verwirklichen, ist besonders in diesem Winter ber Not eine der wichtigsten Pflichten für alle diejenigen, die in ihrem Tun einen allgemeinen Snrn für das Leben der Menschen suchen.
Oer Ginn
der Weihnachtsbotschast.
DonFrauMinisierialra<HeleneWeber,MdB.:
Wie soll man dieses Weihnachtssest feiern? Wir waren in den letzten Jahren vielfach dazu übergegangen, Weihnachten allein zu einem Tag der Geschenke zu machen. Man überbot sich fast in Geschenken. 3m tiefsten Grunde lag darin eine Gefahr der Deräußer.ichung, Detrieb.amleit, der äln- zufriedenheit. Vielmehr, als auf die im bescheidenen Umfang berechtigten Geschenke kommt es daraus, an, daß man sich zu Weihnachten mit ideellen Dingen, mit dem Bekenntnis der Sam i - l i e beichenkt. Es ist der Sinn des Weihnachtsfestes, fein eigenes 3ch völlig hintanzustellen und zurückzusinden zu den Menschen unserer nächsten Umgebung, von denen uns Sorge und Arbeit zumindest räumlich entfernt haben. Daß man gerade am Weihnachtstage Zeit für einander hat, Freude und gleiches Erlebnis zusammen
empfindet, schafft heute vielleicht mehr als je die Grundlage für ein Familienleben überhaupt.
Di« tiefsten Weihnachtsgedanken, die man unserer Zeit immer wieder ins Gedächtnis zurück- rufen muß. sind zwei frohe Botschaften. Die eine ist die von den Kindern und die andere ist die von den Menschen, die guten Willens sind. Beide müssen heute in das HauS jeder christlichen Familie getragen werden. Die Zeit und besonders die wachiende Not des letzten 3ahres hat es mit sich gebracht, daß in weiten Kreisen des deutschen Volkes ein Mißtrauen gegenüber diesen Botschaften eingetreten ist, das im Grunde nichts anderes sein kann als ein hoffnungsloses Verzagen. Deshalb hat das diesjährige Weihnachtsfest einen ganz besonderen Sinn und eine be'on- bete Ausgabe. Die Botschaft von den Kindern und den Menschen, die guten Willens find, an die deutsch« Familie ergehen zu lassen, zur Selbstbesinnung, zu neuer Kraft.
AuS beiden Botschaften strömt auch heute für Deutschland immer noch eine unermeßliche Kraft, die wir nur begreifen müssen: Daß der Mensch vom Kind« aus erneuert wird und daß der gute Wille uns alle miteinander versöhnt. Werdet an diesem Weihnachtssest eins mit den Kindern, werdet wie fiel
Deutsche Familie — Weihnacht 1930.
Don Dr. Marie Elisabeth LüderS:
Schicksal und Zukunft der deutschen Familie sind unlösbar verbunden mit dem Schicksal und der Zukunft des deutschen Volkes überhaupt. Wenn die politische Frau in diesem 3ahr Weihnacht feiert, dann ist dieses Fest für sie innig verbunden mit der Schicksalsfrage der deutschen Familie. 3n einem Augenblick, in dem die Tagespolitik für kurze Zeit ruht, in dem ein Helles Fest, ein Fest der Besinnung auf die Familie gefeiert wird, ist es notwendig, auch politisch einen Augenblick zu verweilen bei den großen Problemen der deutschen Familie, dessen materielle Lösung die Voraussetzung jeder ethischen Entwicklung ist. An diesem Weihnachtstage möchten wir es aussprechen: die deutsche Familie ist in Gefahr! Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit bedrohen sie. 3n den Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern sind eine Halbe Million Kleinwohnungen mit 3,5 Millionen Menschen überfüllt, in der Krisensürsorge befinden sich zwei Drittel Familienväter, die Zahl der Eheschließungen und Geburten geht ständig zurück, weil keine Lebensmöglichkeiten mehr vorhanden find. All diese Dinge werden uns täglich in der Politik in diesem oder jenem Zusammenhang vorgesetzt. Aber nur ganz selten hat man die Möglichkeit, der deutschen Oefsentlichkeit die Notwendigkeit politischer Maßnahmen unter ganz großen Gesichtspunkten, von einem grundlegenden Begriff ausgehend, zu erflären. Weihnachten ist eine solche Gelegenheit, um so eher, als der Zusammenhang Weihnachten und Familie mehr als eng ist. Wenn ihr deutschen Menschen in diesem 3ahr Weihnachten feiert, denkt vor allem daran, daß die weihnachtliche Besinnung auf die Familie sich nicht erschöpfen darf im eigenen Familienkreise, sondern daß dieses Weihnachtssest 1930 eine Te- finnung auf das Allgemeingut der deut
schen Familie fordert, das durch Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot in Gegenwart und Zukunft unmittelbar bedroht ist.
Die Weihnacht deines Kmdes.
Don Ed.th Gerwin, Leiterin eines großen Kinderhorts:
Hast du es dir schon -einmal richtig ungeschaut, das Gesicht deines Kindes.wenn es eine Weihnachtsgeschichte hört oder wenn eS am Heiligabend vor dem Lichterbaum steht? 3n dieser Zeit, die zur Beschäftigung mit materiellen Dingen drängt, haben auch die meisten Mültet zu wenig Zeit, ihr Kind so zu sehen, wie eS gesehen werden muß: erfüllt von einer so ungeheuren Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit, erfüllt von jenem unerschütterlichen Kinderglauben, der ausreicyen muß, um ein ganzes Leben mit Optimismus zu erfüllen.
Heute, ihr Eltern, ist Weihnachten: Für die Kinder ein Märchen, ein Hebergang in jene« Land der Lichter, von dem sie sonst nur in ihren Bilderbüchern lesen. An diesen Weihnachtstagen wird der Grundstein zu all dem gelegt, was die Menschen später einmal an Gefühl und Glauben besitzen. Hnd es wird gleichzeitig auch jener Sinn für Familie und die Werte der Familie in daS Herz des Kindes gelegt, ohne den der Mensch ein Heide oder zumindest eine Waise bleibt. — Heute, ihr Eitern, ist Weihnachten, und es ist euch Gelegenheit gegeben, den Kindern mehr zu schenken, als ihr ihnen durch sorgfältigste Erziehung das ganze 3ahr über geben ckönnt: den Sinn für Familie, ein Erlebnis der Familie, daS den Kindern ein Besitz für das ganze Leben ist.
Das Weihnachiswunder: der Glaube.
Don Frau Ministerialdirektor Margarethe Oammann, Vorsitzende des Deutschen Frauenbundes: 3n jedem Lahr ist das Weihnachtsfest ein neues, erstmaliges Erlebnis: Die uralten Wahrheiten, die in den Begriffen der Zuneigung und der Freude wurzeln, werden einmal im 3ahr für uns zu neuem Erlebnis, kristallisieren sich in immer reineren und schöneren Formen: am Weihnachts- Sag. Die Lieder, die Lichter, die strahlenden. Augen der Kinder schaffen einen unsagbar starken Eindruck, der uns im 3nncrften derart erschüttert und uns mit so elementarer Gewalt zu naiven, gläubigen Menschenkindern macht, daß dieser Tag 'wie kein anderer dazu geeignet ist, die Saat der Liebe in dem Boden der deutschen Famllie aufzunehmen, von dessen Frucht Gesellschaft, Staat und Nation lebt. Es ist der innerste Gedanke des Weihnachtsfestes, die Menschen zu lehren, daß es eine Erneuerung, eine Entwicklung nur dann geben kann, wenn der Mensch von feinem Standpunkt im alltäglichen Leben immer wieder zurückkehrt zum Anfang, zum Glauben und zur Hoffnung des Kindes. Die Möglichkeit zu solcher Rückkehr, die Quelle solcher Anschauung ist die Familie, und deshalb ist das Weihnachtsfest im tiefsten Sinne ein Familienfest, weil nur aus der Familie heraus daS Weihnachtswunder des Glaubens in jedem 3afjte neu erstehen kann.
brechen will. Von etwas ganz Starkem, etwas ganz Realem will also das christliche Weihnachtsfest Kunde geben: von der Gewißheit, daß das Dunkle, das Schmutzige, das Gemeine weder in unserem eigenen Leben noch im Leben der Völler die Oberhand behallen darf. 3n dem Christus, dessen Geburt die Christenheit an Weihnachten feiert, soll dies Dunkle, Schmutzige. Gemeine vom Himmel her gebrochen sein! Freilich, es kommt darüber zu hartem, schwerem Kampf! Die Mächte des Dunkeln drängen sich im Leben des Christen immer wieder empor. Die dunkle Nacht scheint immer von neuem den frohen Tag seines Lebens in der Kraft des Erlösers verdrängen zu wollen. Es bedarf des starken Glaubens an den Mächtigeren und Stärkeren, in dem wir die Verheißung des endlichen Sieges des Lichtes besitzen. Keine braven, weichen Stimmungen einer frommen Seelenhaltung dürfen uns über den Ernst unserer Lage als Menschen und Christen Hinwegtäuschen: wir haben das neue Licht nur im Glauben an den Lichtbringer! Die neue Sonne überwindet das Dunkel unsrer Nacht nur mit ihrem eigenen Schein! Mit mildem Kerzenglanz und gebefreudiger Weihnachtsromantik schaffen wir die Dunkelheiten unseres Lebens noch nicht aus der Welt. Aber Kerzenglanz und Gebefreudigkeit können ein bescheidener Dank, ein froher Hinweis darauf sein, daß ewiges Licht in die Welt gekommen und wir von den Strahlen dieses Lichtes zu neuem Leben gerufen sind. An Weihnachten will darum ein starker, männlicher Glaube das erste Wort haben. Erst dieser Glaub« gibt der Liebe, von der wir an Weihnachten so gerne reden, den rechten Grund. Es ist der Glaube an den Einbruch der reinigenden, leuchtenden, erlösenden Gottes kraft, die sich mit Christus der Well geschenkt hat und die die Well erneuern will. Wahrhaftig ein ernsthaftes Angebot an unsere Menschheit!
Wieviel Dunkel, Verzagtheit, Bitternis, Verzweiflung in Wirklichkeit ringsum! Wieviel Not, Jammer, Elend, das zum Himmel schreit! Dennoch Weihnachten? Die Welt, die Christenheit könnte anders aussehen, wenn wir Weihnachten ernster nähmen als es zu geschehen pflegt. Es will uns wappnen für die harten Wirklichkeiten des Tages! Es will uns ausrüsten für den Kampf mit den finsteren Gewalten unseres Lebens. Es begnügt sich nicht mit dem f rommen Rausch einer flüchtigen frohen Stunde. Es will uns binden an das Licht, das ein ganzes Leben in einen neuen, in einen ewigen Schein hineinziehen will. Weil wir vom Angebot eines solchen Lichtes wissen, darum und nur darum, dürfen wir auch in diesem Notjahr Weihnachten feiern. Mit unfern irdischen Weihnachtskerzen stehen wir gar leicht in der Gefahr, uns selbst in ein helles Licht zu rücken, den darbeirden Bruder aber ins Dunkel zu versetzen. Das göttliche Licht ist anderer Art. Es zeigt uns alle, Arme und Reiche, Sünder und Gerechte, in ein und derselben Beleuchtung. Vor diesem Licht ist unser aller Starrd, wer wir auch fein mögen, der Starrd der Armut, der Not; ist unser aller Schreiten ein Tasten in der Finsternis! Wir alle find als Kinder der Nacht auf dieses Licht angewiesen. Es ist aber auch dazu bestimmt, daß wir alle ohrr« Ausnahme in seinen Schein treten sollen. 3e mehr uns unser Dunkel, unsre Not und Verkehrtheit zum Bewußtsein kommen, um so eher greifen wir nach dieser Leuchte, um so sicherer wird unser Griff. 3a, vielleicht muß erst einmal eine ganze Reihe irdischer Weihnachtskerzen ausgelöscht sein, damit das eine große Weihnachtslicht in unserem Leben brennen kann. 3ft dem so, bann darf uns das Notjahr einen befonberen Dienst tun. Es kann uns nach dem Lichte fragen lehren, das keine Not auSzulöschen vermag, ja das gerade in der Not feine besondere Leuchtkraft entwickelt.
Stehen wir im Glanze dieses Lichtes, bann vergeht uns der Dünkel, wir hätten in der Notzeit mit Weihnachtskerzen und Gabentisch in Wirklichkeit etwas vor denen voraus, die sich weder Baum nochTisch anWeihnachten rüsten können oder rüsten wollen. Wir bleiben dem Weihnachtslichte gegenüber alle in der Armut. Gewiß, äußere Armut ist an Weihnachten doppelt bitter. Aber innere Armut, durch äußeren Schein verkleidet, ist besonders verhängnisvoll. Sie wird, besonders an Weihnachten, zur grausamen Selbsttäuschung. Aus gemeinsamer Armut sollen wir an Weihnachten die Hände zum Licht emporstrecken dürfen! Gemeinsam darf uns Armen das ewige Licht leuchten!
Don dem Erlöser der Welt sagt der Apostel: Er ist arm geworden um unfert willen, auf daß wir durch seine Armut reich würden (2. Kor. 8. Vers 9). 3m Stalle zu Bethlehem sieht es nicht nach Reichtum, vielmehr nach Armut, Not, Elend aus. Aber über dieser Armut steht das Gloria in excelsis, der Reichtum der göttlichen Gabe! 3m Blick auf diese Armut und auf diesen Reich, tum braucht uns Not und Armut unterer Tage fein Hindernis zu sein, „dennoch" Weihnachten zu feiern! Wenn wir den Sinn des Weihnachtsfestes in den Zeiten unserer Armut und Not nur in der rechten Weis« verstehen wollen! Paul Gerhardt hat uns in feinem schönen Weihnachts- ued, .Fröhlich soll mein Herz« springen", dieses .dennoch" des Weihnachtsglaubens in feiner feinen Weise im Hinweis auf das Kind in der Krippe gedeutet:
»Die ihr arm seid und elende. Kommt herbei, füllet frei Eures Glaubens Hände!
Hier sind alle guten Gaben Hnb das Gold, dran ihr sollt Eure Herzen laben.“


