Nr. 121 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 24. Mai 1930
Wandern und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Würzburg.
Don Hans Morgenstern.
Diese uralte .Herbipolis", Residenz der .Herzogin von Franken", der 3ungfrau Maria nenn» lieft, Würzburg, mit seinen Türmen und Kuppeln, seinen heimeligen Gassen unZ> Wohnhösen, dazu dem mächtigen Schloß fürstlicher Bischöfe und dem an Kunstschätzcm aus allen Epochen reichen Dom, mit seinen feierlichen, prunkenden Barock-Fassaden überall und seinen Heiligenbildern an allen Ecken, mit zopfigen Bürgerhäusern und gotisch strebenden Mauern, mit der putzigen älten Brücke über den Main und gegenüber der dräuenden Marien-Feste, — dieses ganze romantisch-fröhliche, ehrwürdig-heilige, an historischen und künstlerischen Lieberraschungen und architektonischen Kontrasten so reiche Würzburg muh jedem deutschen Menschen, der es einmal sah und durchging, zum berauschenden, unvergeßlichen Erlebnis werden. Wobei, um in Würzburg ein Mysterium zu erleben, keineswegs Bedingung wäre, wie viele Freinde es tun, vom Bahnhof aus spornstreichs ins Dürgerspital zu rennen, von dessen Portal das Zeichen des Heiligen Geistes grüßt, und in diesen Gewölben von den berühmten, die beseligenden Geister .mündiger" Frgnkenweine bergenden Bocksbeuteln nicht wieder loszukommen.
Würzburg scheint dem Besucher ein großes Freilicht-Museum sämtlicher Baustile geworden, von ältester Romantik bis zu modernen Machenschaften. Zumeist und am auffälligsten ist Würzburg eine Hochburg des Barock. Aber Würzburg ist nicht nur Barock. 3m Mittelalter, bevor dte Fürst-Bischöfe absolut souverän wurden, haben auch die Bürger gebaut. Besonders um Iden Marktplatz herum, wo die breitgelagerte Horizontale, die von fröhlichstem Rokoko-Leben überstuckte Fassade des Falkenhauses in so wundervollem Gegensatz zu der vertikal und schmal himmelanstrebenden Gotik der bürgerlichen Marien-Kapelle steht. An dieser Hallenkirche, die wie ein Reliquienschrein anzusehen ist, wurde von 1377 bis 1479 gebaut. Das Portal ist mit grotesken Fratzen und entzückenden botanischem Ornamenten geschmückt. Aber aus den schlanken Fenstern schaut dunkle Melancholie, die Seele Tilman Riemenschnei- (berg, des Spätgotikers, der zu Ende des 15. Jahrhunderts Pfleger dieses Gotteshauses war und später, als Würzburger Bürgermeister, wider alle praktische Vernunft sein Schicksal mit der untergehendcn Sache der revolutionären Dauern verknüpft hat. 3m 3nnern der Kirche als bedeutendstes Werk Riemenschneiders sein Bild des Konrad von Schaumberg: trotz gotischer Auffassung doch schon ein von uns durchaus modern empfindbares, psychologisch zu verstehende- Gesicht. Des Künstlers zwei herrliche Figuren Adams und Evas (von 1493) sind nun im Fränkischen Museum zu sehen, in einem eigenen Riemenschneider-Saal, der wegen seiner erfreulichen Anordnung nicht übergangen werden sollte.
Es war eine höchst lebendige, tolle, revoltierende Zeit. Dann zog der Absolutismus auch
der fürstlichen Bischöfe herauf und mit ihm daS Barock. Für Würzburg Barock als sinnliche Derfchmelzung der Antike mit katholischem Christentum. Das frühe Barock des 3talienerS Pedrini mit der Kirche Stift Haug (1670 bis 1691): grandiose Proportionen, starke Kontraste, der beiden Türme in den Himmel züngelndes Leben wird durch die lastende Kuppel zu irdischer Bodenständigkeit hinabgedrückt. 11 nD der noch frühere Turm der Universität wie Zyklopenarbeit hochgeschichtet. Das bunte Falke n h a u S ist spät (1735), schon Riedergang, Rokoko sogar von außen. Dann das köstliche 3nterieur der Rokoko-Apotheke im 3 ulius -
Spital. Der hohe Dom gibt eine intensive 1 Lleberraschung. Er ift als romanische Basilika 1188 geweiht und macht die herrlichste Ansicht von hinten auf Chor und Querhaus. Das 3nnere aber feierliches Barock von berauschender Großartigkeit in Weiß und Gold! Und an die düstere Mauer ist noch ein spielerisches Schmuckkästchen gebaut, die berühmte Schönborn-Kapelle, reinstes und edelstes Barock von Balthasar Reumann (1729 bis 1733).
Dann das Größte wohl in Würzburg: Balthasar Reumanns Dau der Residenz (Rohbau 1720 bis 1744), die ungemein imponierende Manifestation absoluter Fürstenmacht der Schön-
borns und der Greiffenklaus, kalt durch vornehm- grauen Stein, durch den weitgepflasterten Dor- Hof in das Pathos der Distanz gerückt. 3m 3n- nern das berühmte Treppenhaus, das durch T i c- polos riesiges Deckengemälde in ätherische Unendlichkeit erhöht wird. Hier die Malerei alS technischer Faktor, die Architektur ergänzend, und doch wieder geistig, nämlich die Materie annullierend. 3n der verwirrenden Fülle der Säle und Gemächer unvergeßlich der Spiegelsaal, den man in Kerzenbeleuchtung sehen müßte, der Weiße Saal, der Kaiser-Saal, und die von TiepoloS genialisch überschäumender Sinnlichkeit au-ge- malte Hofkirche.
Aus städtischer Snge, auS der Rachbarschaft deS alten, romanischen Rathauses, deS sogenannten GrafeckartbauS (mit Wenzelsaal) tritt man ungeahnt in die freie Luft des FluhraumS, geht über die alte Mainbrücke, die unter dem Schönborn mit vierzehn Heiligenfiguren pathetisch geschmückt wurde, und sieht nun vor sich die hoch thronende Zitadelle, die Zwingburg der Bischöfe, die M a r i e n - F e st u n g in den fränkischen Sonnenhimmel ragen, ©teile Brrghänge. kantige Bastionen, tiefe Gräben, graue Mauern, finstere Tunnels. Aber prächtige Tore. So daS Dcherenberger Tor, in dessen Gräben anno 1525 die stürmenden Bauern Haufen verblutet sind. Und daS Reutor Schönborns. Und das St.-Mi- chaels-Tor aus schwerer Renaissanca, von einem Echter 1606 geschichtet. Trotzdem drangen 1632 die Schweden ein und haben gehörig gebrcurd- schaht. Der runde Masiculiturm braut wie eine Engelsburg für sich. 3m 3nnem bunt zusammengewachsene Architekturen aus allen Stil- Epochen, darunter viele reizend feine Details wie die romanische Bibra-TreppeI Auch die preußischen Granaten von 1866 haben Spuren zurück- gelassen. Aber vom Pavillon deS hoch schwebenden FestungsgartenS geht der entzückte Rundblick über die zeitlose Schönheit der wundervollen Stadt und der weitlinigen, fanftbergigen, wein- tragenden Frankenlandschaft, durch Die sich hell der Mainfluß schlängelt.
Reisewinke.
Zugspitzbahn:
Die Erösfnung der bayerischen Zugspihbahn wird voraussichtlich Mitte 3uni erfolgen. Gleise und Oberleitung sind bereits bis in unmittelbare Rahe des Tunnelmundes am Zugspitzplatt (2650 Meter hqch) verlegt, wo auch der Hotelbau rüstig fortschreitet. Eine der Hilfsseilbahnen für den Arbeiter- und Materjaltransport ist schon außer Betrieb, und in den nächsten zwei Wochen werden auch die übrigen — eoenso wie die Da- taden» und Werkstattanlagen am Riffelriß und an den Tunnel,fenstern" — abgebaut werden.
Genesungsheim in Bad Ems.
Das Genesungsheim für Gelehrte und Künstler in Bad Ems sieht am 30. Mai der zehnjährigen Wiederkehr seines Bestehens entgegen. Das Heim, ein der Preußischen Domänen Verwaltung gehörendes, im Kurpark gelegenes Haus ist dem Derein Genesungs-
Wanderfahrten.
Fronhausen — Schmelz — waldhcms — vünsberg — Bieber.
Wir fahren mit dem Frühzug nach Fronhausen, durchschreiten das wohlhabende Dorf mit seinem interessanten Kirchturm und folgen hinter dem Ort schwarzen Punkten, die uns über einen bewaldeten Höhenrücken zur lieblich im Salzbödetal gelegenen Schmelz bringen. Nachdem wir das Tal überschritten haben, beginnt der gelbe Punkt, dem wir jetzt folgen. Stets durch Wald steigen wir langsam zur Höhe, wo sich uns ein hübscher Rückblick nach den Marburger Bergen bietet, gehen an einem alten Grenzweg entlang, an dessen Ende wir wieder abwärts schreiten, um zum Saifwasen zu gelangen. In diesem idyllischen, tief eingeschnittenem Wiesengrund errichtet eben die Gemeinde Kirchvers eine Badeanstalt. Wir überschreiten das Tälchen bis zur Höhe des Buchenbühl, genießen hier einen entzückenden Blick über das Berstal nach den Gladenbacher Bergen und kommen auf schönen Waldwegen zur gastlichen Försterei Waldhaus. Nach genügender Erholung folgen wir jetzt roten Keilen, gehen an der ehemalig preuß.-hessischen Grenze entlang und gelangen in steilem, aber kurzem Anstieg auf den Dünsberg {Sonntags sind oben Erfrischungen zu haben). Bon der Plattform des Turmes herrlicher Rundblick. Schwarze Punkte geleiten uns nach unserem Endziel Bieber, das wir nach etwa 4%ftünbi- ger Wanderung erreichen.
Gießen — Ganseburg — Reiskirchen — Bersrod — GroßenBuseck.
Wir gehen vom Schützenhaus die Grünberger Straße entlang, kommen am Wasserbehälter vorbei, in dessen Nähe wir einen hübschen Blick über das Lahntal nach den Burgen, dem Dünsberg und den anschließenden Höhen haben und gelangen nach VA* stündiger schöner Waldwanderung zur Ganseburg mit einfacher, aber guter Einkehr. Auf unserem Weitermarsch erblicken wir bei guter Sicht die Höhen des Vogelsbergs. Wir kommen an den ersten Häusern von Reiskirchen vorüber und folgen der Straße nach Winnerod. Nach einiger Zeit verlassen wir am Wegweiser die Straße, um den Weg nach links auf die Höhe zum Wald einzuschlagen. Oben an- gelangt genießen wir einen schönen Ausblick, na- menllich auf das im Grund gelegene Winnerod mit seinem altersgrauen Kirchlein. Bald Darauf kom
men wir auf die Landstraße und auf dieser nach dem vor uns liegenden Bersrod (Wirtschaft Becker). Nunmehr folgen wir blauen Dreiecken, auf die wir schon vor Bersrod gestoßen sind, gelangen nach Beuern, wenden uns hier linksum, nunmehr ohne Zeichen, die aussichtsreiche Straße nach unserem Endziel Großcn-Buseck einzuschlagen. Dauer der Wanderung 4S Stunden.
Tageswanderung in den Vogelsberg.
GießcH ab: 5.36 Uhr mit Sonntagskarte: Schotten an 7.30 Uhr: durch die Stadt, Richtung Rudings- hain. Gleich hinter Weberei Schütz und Weitz nach i Stunde links ab, an zwei Mühlen vorbei. Hinter der letzten zwischen Hecken links und eingefriedigter Hutweider rechts (Heckcnweg) durch Fußpfad bis Schule R. Hier rechtsum mit dem gelben Strich bis zum Wald. Nidda springt rechts und links über Felsen. Etwa 20 Minuten die Straße weiter (links hohe Schupohütte), bis eine Schneise von links nach rechts ziehend unsere Straße schneidet. Links hängt Schild ,^>ainerwaldweg". Hier rechtsum, Nidda parallel weiter bis Nidda-Uebergang Nach dem Ueberschreiten blaues Dreieck halblinks aufnehmen, dis Hoherodskopf. 2% Stunden. Schönster und bequemster Weg zum Hoherodskopf. Man kann auch noch um 8.21 Uhr in Gießen ab- fahren, 10.21 Uhr Schotten, 12.30 Postauto nach R. Bon hier aus wie oben, bequem Wi Stunde. Rückweg: Grüner Ring über Michelbach und Schotte, blauer Strich über Bilstein, Stadtwald, Luginsland, Schotten (sehr zu empfehlen), 1% bjn>. 1} Stunden: oder: vom Hoherodskopf gelb Kreuz über Herchenhainer Höhe nach Hartmannshain. Zug ab: 19.01 Uhr nach Ilbeshausen durch Schw. Fluß- tat nach Hochwaldhausen—-Ilbeshausen. Wegbezeiä). nung rotes Kreuz: Weg fast gleich: VA bis 1} Stunden. Ilbeshausen ab: 18.26 Uhr (Zusatzkarte bis Hartmannshain).
1 'Tageswanderung von Schotten aus.
Sonntagskarte ab Gießen, Samstag nach Schot- ten-Eichelsdorf aussteigen. Gleich hinter dem Bahnhof links den breiten Weg hinauf nach dem'Wald, immer Dann Der Bahn, Dem Tal entlang. BalD trifft man rotes Kreuz: Aussicht! Reipperts. Prächtiger Blick nach Dem Gebirge: rotes Kreuz weiter nach Schotten. Uebernacfttung. (IugenDherberge.) Sonntag wie oben. 1} StunDen.
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