Druderstaat, mit dem wir wie vor dem Kriege, so auch heute in idealer Kultureinheit leben, freundschaftliche Beziehungen mit allen unseren Bachbarn. Gerade durch diese neutrale Politik haben wir überall Vertrauen gewonnen und am sichersten im Sinne der Aufrechterhaltung des Friedens in Mitteleuropa gewirkt.
Nervosität in Paris.
Anfchlutzforgeri des „Tcmps".
Paris, 23. Febr. (Tel.-Un.) Die Berliner Reise Schobers beunruhigt den „Temps", der in ihr einen neuen Schritt aus dem „verbotenen Weg" zum Anschluß erblickt. Es sei bedauerlich, daß die Anschlußfrage sowohl von deutscher als auch von österreichischer Seite nurauseinem mystischenGefühlher- aus betrieben würde, gegen bas die Vernunft nicht aufkäme. 2m Augenblick scheine man sich allerdings in Berlin und in Wien a b w a r - t e n d verhalten zu wollen, da Deutschland wichtigere Aufgaben zu erfüllen habe, als öffentlich für eine Berschieoung der Machtverhältnisse in Mitteleuropa einzutreten. Die Aussichten für den Anschluß hingen von der Festigkeit der Mächte ab, die den Versailler Friedensvertrag abgeschlossen hätten. Der Kanzler Schober sei Realist genug, um die wahre Sachlage zu erkennen. Er bemühe sich vorläufig, die parallele Entwicklung der beiden Rachbarstaaten zu fördern, indem er das Staatsleben beider Völker nach Möglichkeit einander angleiche. Das .Reue Wiener Journal" hätte durchblicken lassen, daß Schober als eine Art Vermittler zwischen Deutschland und Italien verhandelt habe.. Hoffentlich seien diese Vermutungen falsch, da für Oesterreich nur schwere Dachteile aus einem derartigen diplomatischen Schritt erwachsen könnten.
Chautemps über sein Programm
Paris, 24. Febr. (WTB. Funkspruch.) Ministerpräsident Chautemps erklärte einem Vertreter des „Quotibien" u. a.: „Die neue Regierungskoalition ist kein Kartell der Linken. Zwischen den Linksparteien find keine vorherigen Vereinbarungen getroffen worden. Ich habe auf der Grundlage eines klar formulierten Programms ein Ministerium bilden wollen, das alle republikanischen Stimmen auf sich vereinigt. Ich kann weder sagen, daß ich irgendeine Verpflichtung übernommen hätte, noch daß die Sozialisten eine solche übernommen hätten. Auf die Frage, ob die Unter st ützung der Sozialisten sicher sei, antwortete Chautemps: „Ich weiß nur, daß sie sich bereit erklärt haben, jede radikale Regierung zu unterstützen, die sich die Durchführung eines radikalen Programms zur Aufgabe macht." Zur Außenpolitik erklärte Chautemps, daß er den Poungplan unmittelbar nach Deutschland ratifizieren lassen wolle. Auf die Frage, ob dieser Ratifizierung die Rheinlandräumung folgen werde, antwor- tete der Ministerpräsident: sobald die vorgeschriebenen Bedingungen erfüllt sein werden, wird gemäß den präzisen und unwiderruflichen Verpflichtungen geräumt werden.
In den Wandelgängen der Kammer verlautet, die neue Regierung wolle hinsichtlich der Steuerermäßigungen sich von den Vorschlägen des Finanzausschusses der Kammer« leiten lassen. Ebenso werde die Regierung bereit sein, die Pensionsberechtigung der ehemaligen Kriegsteilnehmer bereits vom 50. Lebensjahre ab anzuerkennen, was der ehemalige Finanzminister CH6- ron bekanntlich abgelehnt hatte. Hinsichtlich der Londoner Konferenz werde das neue Kabinett unter Leitung Briands das von der französischen Delegation begonnene Werk fort- setzen. Außerdem beabsichtigte Chautemps die vom Kabinett Tardieu geplanten Amnestiemaßnah- men, die vor allem die elsässischen Auto- nomisten betrafen, zu erweitern.
Ein Seehund wandert durch Paris...
Von E. B. Oancy, Paris.
„Ein Knie geht einsam durch die Welt." . . . Christian Morgenstern, dein Stern erbleicht vor dem Tageslicht der Ereignisse. Dein verloren durch die Welt irrendes Knie ist keine Sensation mehr für uns, die wir die denkwürdigen Stunden des Seehundes miterleben durften. „Ein Seehund wandert durch Paris..." Wie anders klingt das! Dröhnt hierin nicht das Pathos des Ereignisses? Schreit gier nicht jedes Wort die Tragik des ganzen Lebens in die Welt? Die Tragik der ewig Suchenden? Der Einmaligen, Einsamen? Der Unverstandenen?
Und das Ende der Geschichte ist —
Aber ich will es nicht wie mein aller Lehrer machen, der mir einmal einen Aufsatz mit den Worten zurückgab: „Dancy, dein Aufsatz sängt gleich damit an, daß du am Ende den Punkt vergißt!" Ich will trockene Fakta berichten, chronologisch geordnet. Die Sprache der Dinge ist beredter als die des Feuilletonisten.
„Monsieur l'agent, ein Seehund geht in den Straßen von Paris spazieren!" Ein aufgeregter Bürger stieß diese Worte teils heraus, teils vertraute er sie flüsternd den Ohren eines Polizisten an, der gerade Dienst in der nüchternen und respck- tabeln Umgebung der Avenue Victor Hugo hatte. Der Polizist war ungläubig. Ungläubig und mißtrauisch wie die Polizisten aller Länder.
Unglücklicherweise fand der Polizist zudem in der Gestaltung und Färbung der Rase des Sprechers ein gewisses Etwas, dos seine besondere Aufmerksamkeit erregte. Kurz entschlossen nahm er ihn beim Arm und brachte ihn trotz aller energischen und umfaßenden Proteste an einen ruhigen Ort, wo er die Gastfreundschaft des Staates genießen konnte und den Ausgang einer Anzeige wegen Trunkenheit abwarten muhte. Das ist keine Kleinigkeit in Frankreich. Man kann Gefängnis und als Gelegenheitsangebot eine Geldstrafe von nicht weniger als fünf Francs aufgebrummt bekommen.
Aber als „Monsieur l’agent" auf feinen Posten nurückkchrte, was sah er zu seiner Konsternation und Ueberraschung? Einen Seehund, einen leibhaftigen, nackigten Seehund, der stolz und eitel vor einer bewundernden Menge paradierte.
Das normale Leben eines Seehundes in Paris ist bestenfalls eine nicht sehr aufregende Angelegen- hell. Aber für den Reklameseehund des Fischladens an der Avenue Victor Hugo im besonderen war es eine langweilige und etwas peinliche Sache. In seinem Falle bestand es in endloser Monotonie aus nichts anderem als dem Balancieren oder Richt- balancieren eines Zelluloid-Balls. „Balancieren oder nicht Balancieren, das war hier die Frage." Ein
Die finanzielle Seile des polenabkommens
Beratungen des Houngausfchusses des Reichstags.
Berlin, 22. Febr. (VDZ.) Nachdem die allgemeinen politischen Fragen des deutsch-polnischen Liquidationsabkommens in den vereinigten Young-Ausschüssen des Reichstages behandelt worden waren, wurde die Vertraulichkeit der Aussprache ausgehoben und die Beratung der finanziellen Seite des Problems begonnen.
Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer nahm zu den beiden Fragen Stellung, nach welchen Grundsätzen die Entschädigung der Personen erfolgen solle, welchen nach dem deutsch- polnischen Abkommen die Gellendmachung ihrer Ansprüche vor dem Gemischten Schiedsgericht versagt sei und.weiter zu der Frage, welche Ansprüche Preußen an das Reich wegen des abgetretenen Staatseigentums erhoben habe. Die Reichsregierung beabsichtige, die Auseinandersetzungen zwischen dem Reich und Preußen über die Preußen durch den Versailler Vertrag erwachsenden Verluste an nutzbarem Staatseigentum und die damit zusammenhängenden Fragen durch ein besonderes Reichsgesetz (Abrechnungsgesetz) zu regeln. Reichsregierung und preußische Staatsregierung sind sich darüber einig, daß das Gesetz auf dem Grundsatz der gleichmäßig m Behandlung aller Länder aufgebaut werden soll. - Allen Personen, auf deren Ansprüche wir in dem Abkommen, wenn auch notgedrungen, so doch aus freien Stücken verzichtet haben, soll eine ausreichende Entschädigung gewährt werden. Sie sollen nicht schlechter gestellt werden, als wenn das Abkommen nicht abgeschlossen worden wäre und sie ihren Anspruch vor dem deutsch-polnischen Schiedsgericht hätten durchfcchten müssen. Mit Rücksicht auf die ungünstige Finanzlage des Reiches kann die Entschädigung n i cht bar, sondern in Schuldverschreibungen gewährt werden. Aus unserer Stellungnahme gegenüber den Polengeschädigten kann ein Rückschluß auf die Fälle der Liquidationsgeschädigten, die vollkommen anders gelagert sind, nicht gezogen werden.
Von den Regierungsparteien wurde ein Antrag eingebracht, dem Artikel III eine Fassung zu geben, nach welcher Reichsangehorige, die durch
den deutsch-polnischen Vertrag einen unmittelbaren Vermögensnachteil erleiden, eine angemessene Entschädigung erhalten sollen. Hierbei sollen die Geschädigten nicht schlechter gestellt werden, als wenn die Entschädigung nach den für die bisherige Rechtsinstanz maßgebenden Rechtsnormen festgestellt worden wäre. Als Entschädigung wird eine verzinsliche, in das Reichsschuldbuch einzutragende Forderung gewährt, deren Verzinsung und Amortisation der Reichsfinanzminister mit Zustimmung des Reichsrats und nach Anhörung eines Reichstagsausschusses bestimmt.
Abg. LI l i tz k a (Z.) setzte sich für eine Entschädigung aller derjenigen Reichsangehörigen ein, die durch die verschiedenen politischen Ereignisse im Osten Schaden erlitten haben.
Abg. v. Lindeiner- Wildau (Chr. Rat. Arb.Gem.) beantragte die Annahme einer Entschließung, nach welcher die Beträge, die an den für Die Durchführung des Kriegsschädenschlußgesetzes in Aussicht genommenen Entschädiaungskapital von 1388,1 Millionen Reichsmark gespart werden, z u ©unften der Liquidations- und Gewaltgeschädigten zu verwenden sind, wobei insbesondere die entwurzelten und wiederaufbauenden Geschäd'gten berücksichtigt werden sollen, deren Wiederaufbau durch die Umstände des Einzelfalls, insbesondere auch durch die Art der Ent- schäd gung bisher verhindert oder erheblich beeinträchtigt worden ist.
Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer stellte den Ausführungen des Abg. Ulitzka gegenüber fest, daß die Forderungen, die bereits abgefun- den seien, nicht wieder aufleben könnten, gleichviel, auf welcher Grundlage sie beruhten und in welchem Zusammenhang mit dem Krieg und den Kriegsfolgen sie ständen. Hier müsse es bei der getroffenen Regelung bleiben. Der Antrag Lindeiner decke sich inhaltlich mit der Auffassung der Reichs- regierung. Diesen Wünschen, die im Rahmen des Kriegsschadenschlußgesetzes liegen, könne Rechnung getragen werden.
Hessen und der Anschluß.
Zinanznoi und Eigenstaailchkeii. — Das Problem der Lastenverieilung in Hessen und Preußen.
Darmstadt, 23. Febr. (Wolff.) Die Frage der hessischen feigen ft aatlid)Feit ist in der letzten Zeit von verschiedener Seite aus behandelt worden. Nicht nur in den Versammlungen der verschiedenen Parteien und in der Presse, sondern auch im Hessischen Landgemeindetag ist sie in einer Entschließung gestreift. Die Lastenverteilung zwischen Land i|n b Gemeinden beschäftigt die Oeffent- lichkeit im gleichen Maße. Die folgenden Ausführungen, die anscheinend auf Informationen von amtlicher Seite zurückzuführen sind, ziehen auf Grund exakten statistischen Materials die Verbindungslinie zwischen beiden Problemen.
Die Ausgabe der hessischen Selbständigkeit ist keine erst in der letzten Zeit aufgetauchte Forderung. Sie war bereits Wahlparole beim letzten Landtagswahlkampf, aber damals nicht zugkräftig. Vor allem wohl deshalb nicht, weil das Endziel (Aufgehen im Reich, Anschluß an Preußen oder ein sonstiges Land) nicht geklärt erschien. Inzwischen ist, nicht zuletzt durch den Verlauf der Länderkonferenz, der Eindruck stärker geworden, daß die Frage der Reichsgliederung nicht mit Resolutionen zu lösen ist. datz sie nicht nur Wünsche, sondern auch die
Kraft eines politischen Willens voraus- setzt. Wenn im Hinblick auf die kommenden Wahlen bereits heute schon die gleiche Parole auftritt, so doch in einer durch die inzwischen gemachten Erfahrungen abgewandelten Form. Es sind Stimmen laut geworden, die nicht mehr den Einheitsstaat, sondern den Anschluß an Preußen fordern. Das hessische Sparprogramm scheint die Stimmung in dieser Richtung zu verstärken, nicht ohne daß dem zugleich der ernstliche Einwand entgegengehalten wird, man könne Gegner einzelner Sparmaßnahmen sein, sollte aber doch die Objektivität aufbringen, die Gesundung der hessischen Finanzen nicht zu hindern. Den „Anschlußfreunden auf jeden Fall" wird die Frage vorgelegt, ob sie nicht einsähen, daß die hessische Frage nur Im Verhandlungswege gelöst werden kann, und daß es für solche Verhandlungen nicht förderlich ist, wenn man die Regierungen durch Volksbewegungen unnötig festlegt. Deswegen hat sich auch der Finanzausschuß des Hessischen Landtages, dessen Mitglieder sicherlich genau über die Finanz- und Lebensfragen Hessens unterrichtet sind, gegen jede Verquickung der F i -
Drittes gab es nicht, konnte es nicht geben. „Das muß erst bewiesen werden", dachte unser Seehund, ein Philosoph, bei dem am Anfang des Denkens der Zweifel stand. Und in seiner Unternehmungslust durch das schöne Wetter bestärkt — es goß buchstäblich in Strömen — beschloß Alphonse sich ein wenig Zerstreuung zu verschaffen. Sanft und anmutig lehnte er sich gegen das Glasfenster, das ihn von der großen weiten Welt um ihn herum trennte, ihn trennte, bevor es den dringenden Bitten des Seehundes gehorchend... brach. Hinaus planschte er, hinaus auf das Pariser Pflaster und laut trompetete er seine Freiheit in alle Welt!
3n den Augen des Pariser Gesetzes — und gerade jetzt ist Mr. Chiappe, der Poli'eipräsident, sehr scharf in dieser Hinsicht — gibt es zwei Arten von Straßenunterhaltung: solche, die den Verkehr hindert, und solche, die den Verkehr nicht hindert, ilnb nun muß der Unterschied zwischen einem Seehund und einem Straßen- länger sorgfältige Berücksichtigung finden. Ein Straßenmusikant kann oft - wenn nicht immer — zu seinen Gunsten anführen, daß er mit dazu beiträgt, Derkehrsansammlungen zu zerstreuen. Aber nicht so ein Seehund. Alphonse begnügte sich nicht damit, mit bester Unterstützung durch seine musikalischen Fähigkeiten soviel Leute wie möglich um sich zu versammeln, sondern beantwortete alle Versuche der Polizei, ihn in seiner schützenden Glitschrigkeit zu ergreifen, mit einem unsympathischen Hohngelächter.
Die Menge wächst und beginnt allmählich bedrohliche Proportionen anzunehmen. Meinungen prallen aufeinander, Diskussionen entstehen. Einige schlugen vor, daß die Angelegenheit vor den Minister des Auswärtigen gebracht wird, mit der Begründung, daß der Seehund ein lästiger Ausländer sei und in sein Ursprung land gehöre. Ernsthafte und Fleißige benutzten die Gelegenheit, um darüber zu entscheiden, ob er ein „ Fisch" oder ein »Tier" sei. Andere wollten die Kavallerie der republikanischen Garde alarmiert wissen, mit dem Auftrag, ihn quer durch Paris nach dem „Jardin des Piantes“ binzutreiben. Ein paar Engländer stellten das Thema: »Wann ist ein Seehund kein Seehund?" Amerikaner brachten eine Resolution ein „für größere und bessere Seehunde". Ein abgehärteter Skandinavier erzählte große Geschichten über Seehundjagden in antarktischen Regionen, wäbrend ein Deutscher einen Vertrag über das Thema »Der Seehund in Theorie und Praris" hielt. Ein Franzose amüsierte durch eine Dissertation: „Der Seehund und seine Amouren", ein Russe, der den größten Teil der Unterhaltung mit angehört hatte, reichte den Vorschlag ein, bte Angelegenheit nach Gens zu verweisen.
Die Wenge vergrößerte sich Immer mehr. 3m- mer mehr trompetete Alphonse. Aber bann: was 1 Menschen nicht vermochten — Alphonse vermochte
es. Er verfügte sich mit einem Schlußsolo in sein altes Heim, um dort seine bevorzugte unb einzige Beschäftigung toieber aufzunehmen. Heute ist ein Labenfenster in der Avenue Victor Hugo vorläufig mit Wachs repariert. 3rmen sitzt der unartige Alphonse. Unter seinen Zuschauern kann man manchmal einen kleinen rotnasigen Mann erblicken.
Kuliffen-Gcherze.
Die „Tücke des Objekts", die auch in der Welt des schönen Scheins so manchen Streich spielt, macht auch vor der Bühnenmusik nicht halt, wie einige Erlebnisse beweisen, die Ludwig D a r n a y aus seiner langjährigen Erfahrung erzählte. Einst gastierte er in Moskau als „Hamlet" unb vermißte auf der Probe die Bühnenmusik. Der Direktor aber versicherte, am Abend der Vorstellung würden seine Anordnungen genau ausgeführt werden, und so bestellte er sich denn für das erste Auftreten des Königs Claudius eine dreimalige Fanfare. Aber wer beschreibt sein Erstaunen, als den König, da er mit dem trauernden Hamlet die Bühne betritt, in schmetternden Trompeten die nicht gerade ins alte Dänemark passende Melodie begrüßte. „Hoch soll er leben! Hoch soll er leben! Dreimal h och."
. 3n Magdeburg trat Barnah als Gast im „Wallenstein" auf. Auch hier waren die Musiker nicht »Ur Probe erschienen, unb in der Abendvorstellung ertönte beim Abschied Maxens die Bühnenmusik, die von einem Militärorchester hinter den Kulissen gespielt wurde, mit der cbenfalls der Situation nicht grade angepaßten Kindermelodie. „Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr!" Der verzweif- lungsvolle Ausruf von Max: „O wären's doch die schwedischen Hörner!" gewann dadurch eine unbeabsichtigt komische Bedeutung.
* • *
3n der Musikstadt Leipzig wurde unter der Direktion des bedeutenden Regisseurs Dr. August Förster für das Gastspiel Darnays Guy- kows „Uriel Acosta" angesetzt. Diesmal war die Bühnenmusik auf der Probe vorhanden, aber bei dem Fest im Hause Bänderstraalens spielte die Musil zu Anfang des zweiten Aktes - das Ständchen aus dem „Don Juan“. Als Darnah in die Kulisse tarn, sagte er ironisch zu dem eifrig taktierenden Kapellmeister. „Der Sadduzäer von Amsterdam und Mozart? Allen Respekt!" Der in der Geschichte nicht sehr Beschlagene fragte ängstlich, ob das falsch sei. Worauf ihn Barnah dahin aufklärte, daß
nanzfragen mit den Fragen des An- | d) [m f f e s gewandt.
Gs lohnt sich aber, einmal zu prüfen, ob Hessen beim wirklich durch den von bestimmten Kreisen geforderten Anschluß an Preußen so viel gewinnt, als man sich in der Oeffentlich- keit davon verspricht. Gewiß würde mancher in seiner Stellungnahme vorsichtiger unb sicherer werden, wenn er wüßte, was in den finanziellen Verhältnissen des Landes dadurch geändert würde.
Die Kosten fü r die allgemeine Verwaltung des Landes, d. y. für die obersten Staatsorgane, die Volksvertretung und die innere Verwaltung ohne Polizei betrugen auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet
als reiner Finanzbedarf f in Hessen in Preußen
1926/27 3,78 RM. 3,32 RM.
1927/28 3,98 „ 3,76 „
als Zuschuhbedarf
in Hessen in Preußen 1926/27 2,39 RM. L79 RM.
1927/28 2,39 „ 3,30 „ (!)
Für ein späteres 3ahr liegen Vergleichszahlen noch nicht vor. Diese Zahlen müssen überra en und sind geeignet, die übertriebenen Vorstellungen von der teuren Verwaltung der mittleren Länder im Gegensatz zu dem Grohstaat Preußen auf"ihr richtiges Maß zurückzuführen. Der durch Steuern aufzubringende Zuschutzbedarf ist in Hessen sogar geringer als in Preußen, obwohl die hessische Verwaltung bei der Aufteilung der Mifgaben zwischen Land und Gemeinden mehr belastet ist als die preußische. Der Unterschied zu ungunften Preußens erklärt sich daraus, daß in einem kleineren Lande die Zentralverwaltung zugleich die Aufgaben der Wittelinstanzen mitversieht.
Auch in den hessischen Städten, Gemeinden und Gemeindeoerbänden müßten die Dergleichszahlen, 3. B. mit Preußen, manches au denken geben. Würde die Verteilung der feinkommen., der Körperschafts., Umsatz, und Kraftfahrzeugsteuer zwischen Land und Gemeinden nach dem preußischen Schlüssel erfolgen, so bekämen die hessischen Gemeinden etwas 6 Millionen mehr als bisher. Berücksichtigt man außerdem noch die Grund- und G e b ä u d e st e u e r, die all- gemeine Gewerbesteuer und die Sonder« gebäudesteuer — letztere soweit sie zur Deckung des allgemeinen Finanzbedarfes dient — so wür- den die Gemeinden im ganzen 6,8 Millionen mehr erhalten. Dagegen hätten sie jedoch für die Schulen allein 15,7 Millionen Mark mehr aufzubringen, unter Berücksichtigung der Gebühren immerhin noch 14,3 Millionen mehr. Beim Wohlfahrtswesen ohne Errverbslosen- fürsorge hatten sie unter Berücksichtigung der Gebühren nahezu 4,7 Millionen Mark mehr auszubringen, im Verkehrs wesen, b. i. allgemeine Bauoerwallung, Straßen, Wege, Wasser- strahen und Verkehrsförderung 0,4 Millionen Mark mehr; nur bei der Polizei nahezu
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Mit Barnah. zusammen war in Mainz ein junger Schauspieler Ramens Kühn engagiert, der in jugendlichen Liebhaberrollen viel Talent zeigte. Seine Rolle hatte er immer gewissenhaft studiert, aber bei dem raschen Wechsel des Repertoires, bei dem er fast jeden Abend mit einer andern Geliebten auf der Bühne stand, wurde es ihm nicht leicht, die Vornamen seiner Schönen zu behalten, und so kam es öfters vor, daß er seine angebetete Emma als Anna oder seine geliebte Philippine als 3osephine anredete. 3n modernen Stücken war das nicht weiter auffällig und erregte nur das Lächeln der Kenner. Aber schlimm wurde die Sache in klassischen Werken und führte eines Abends zur Katastrophe. Goethes „Egmont" wurde gegeben, und Kühn als Drakenburg rief im letzten Akt seinem Klärchen mit Donnerstimme ver'.weilungsvoll warnend au: „Lieschen! L i e s che n!" Worauf das Publikum mitten in der tragischen Stimmung in ein schallendes Gelächter ausbrach.
Mozart etwa 100 3ahre nach dem Tode Uriels geboren worden sei. Auf die Frage, was denn nun gespielt werden sollte, meinte der Gast, es forme ja ruhig etwas von Mozart sein, aber es müsse etwas wenig Bekanntes sein, und ebenso gut eigne sich dazu ehoaS von Dach ober Händel oder Haydn. „So? Haydn, das haben wir ja," murmelte der Kapellmeister b friedigt Und als am Abend die Festmusit einsehte, da spielte das Orchester in Amsterdam des 17. Jahrhunderts ebenso feierlich wie gemütlich: „Gott erhalte Franz den Kaiser." -
0,6 Millionen weniger. Das sind insgesamt unter Berücksichtigung der Gebühren 18,8 M llionen mehr. Dem Weniger an Steuern von 6,8 Millionen stünde ein Mehr an La st en von 18 8 Millionen Mark gegenüber, so daß sich die Gemeinden und Gemeindeverbände im ganzen u m 12 M i l« lionen schlechter stünden als bisher.
Diese Zahlen sind gerade nicht sehr ermutigend für den Anschluß an Preußen, denn den Gemeinden bliebe nur der Ausweg, entweder ihre Steuern und Gebühren zu erhöhen oder einen radikalen Abbau vorzunehmen. Vielleicht waren dem hessischen Landgemeindetag diese Tatsachen bekannt; denn in seiner letzten Entschließung sprach er im Zusammenhang mit der Notwendigkeit der Schaffung eines dezentralisierten Einheitsstaates mit keinem Worte von einem Anschluß an Preußen.
Als Agnes S o r m a die Rolle der Desdemona im „Othello" zum ersten Male spielte, war sie aufgeregt, und so versprach sie sich an einer entscheidenden Stelle in bedenklicher Weise. Als der Mohr im vierten Akte in voller Raserei der Eifersucht mit den Worten „Ha, was bist du?" auf sie zustürzte, antwortete sie statt der Worte „Dein unschuldiges, getreues Weib", im Tone der sichersten Ueberzeugung: „Dein schuldiges, ungetreues Weib!" ib.
Hochschulnachnchten.
Der ordentliche Professor für deutsches, bürgerliches und Handel recht an der Universität Kiel Dr Karl August Eckhardt hat einen Rus an die Handelshochschule Berlin erhalten; ihm wurde der neuerrichtete Lehrstuhl für Privatrecht und Derkehrsrecht angeboten. — Professor Dr. Günther 3achrnann In Köln hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der klassischen Philologie an der Universität Leipzig abgelehnt.
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