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Das Reichskabinett geht an die Arbeit.

Das Programm der heutigen Kabinettssihung. Keine Ausdehnung -es Zigaretten­monopols. - Oie Hauszinssteuer. Oie Arbeitslosenversicherung. Ausländsanleihe zur Belebung des Arbeitsmarkts? - Parteien und Reformprogramm.

Berlin. 23. Sept. (LU.) Das Reichs­kabinett beginnt am heutigen Dienstag mit der ersten Beratung der Rescrentenentwürfe, die auf Grund des vor einigen Wochen veröffentlich­ten Reformprogramms in den Ressorts ausge­arbeitet worden sind. 3n diesem Zusammenhang sind neuerdings Meldungen aufgetaucht, daß die Reichsregierung das Zigarettenmonopol erneut zu einer stärkeren Finanzierung des Haus­haltsbedarfs heranzuziehen gedenkt. Bon zu­ständiger Seite werden diese Mitteilungen ener­gisch dementiert. In unterrichteten Krei­sen nimmt man an, daß die Meldungen über eine weitere Ausgestaltung des Zigarettenmono­pols von den am Monopol selb st in­teressierten Stellen lanciert worden ist. Das Kabinett ist sich grundsätzlich auch dar­über einig, daß trotz dec starken finanziellen Anforderungen des bevorstehenden Winters d i e Steuerschraube nicht mehr angezo­gen werden soll.

3m Mittelpunkt der morgigen Kabinettssitzung steht die Finanzreform. 3m einzelnen sind die Grundzüge der dazu notwendigen Gesetz­entwürfe bereits festgelegt. Wie man hört, ist dabei auf die Abänderung der Haus­zinssteuer zurückgegriffen worden, wonach nunmehr den Ländern nur noch 50 Pro­zent davon für den Wvhnungsbau- markt zur Verfügung gestellt werden sollen, während der Re st zur Senkung der Realsteuern, insbesondere der Gewerbe­steuer, verwendet werden soll. Lieber die Sa­nierung der Arbeitslosenversicherung haben sich der Reichsarbeitsminister und der Reichsfinanzminister bereits geeinigt. Es scheint, daß die einprozentige Beitragserhö­hung. die geplant ist, auf keine ernsteren Schwierigkeiten stoßen wird. In diesem Zusam­menhangs soll auch die Frage der Entlastung des Arbeitsmarktes und das Arbeitsbeschaffungs­programm Erörterung finden, da man schon jetzt weitere Wege suchen will, um der im Winter drohenden Steigerung der Arbeitslosigkeit vor­zubeugen. Da von der Reichsregierung jedoch keine weiteren Mittel für diese Zwecke zur Verfügung gestellt werden können, dürste man auf den Weg der Auslandanleihe zurückgreifen. Das Reichskabinett beabsichtigt, nach Möglichkeit be­reits in der heutigen Sitzung zu einer Klärung dieser Probleme zu kommen, um dann sofort die Parteiführerbesprechungen aufzuneh­men.

3n den Kreis dieser Besprechungen sollen , alle Parteien einbezogen werden, von denen man vielleicht annehmen kann, daß sie zu sach­licher Mitarbeit bereit sind. Der Kanzler wird also außer mit den Parteien, die das Kabinett bisher stützten, bestimmt mit den Sozial­demokraten verhandeln. Man nimmt aber an, daß die Sondierungen sich auch auf die

Rechtsopposition erstrecken werden. Dabei ist jedoch bisher keineswegs davon die Rede, daß es um Koalitionsverhandlungen geht. Vielmehr scheint der Kanzler unter Ver­handlungen über diesachliche Mitarbeit der Parteien" zu verstehen, daß er versuchen will, über den 3nhalt der Gesetzesvor­lagen eine Einigung zu erzielen, die es einem Teil der bisherigen Opposition erlaubt, ihnen im Reichstag ihre Zustimmung zu geben.

Wie man sich diese Verhandlungen in Zen­trumskreisen denkt, darüber ist ein Leitartikel in derGermania" aufschlußreich, der sich mit den Forderungen auseinanderseht, die derVor­wärts" angemeldet hat. DieGermania" stellt fest, daß die Anhänger des Zentrums durch die Wahl gezeigt hätten, daß sie zum Reichs­kanzler Dr. Brüning das Höch st maß von Vertrauen haben. Das Blatt knüpft

daran den Rat für die Sozialdemokratie, sich nicht auf das hohe Roh zu setzen und nicht in demselben Augenblick, in dem sie durch den Vorwärts" Vernunft predigt, Parteiforde- rungen aufzustellen, von denen Dr. Breitscheid in einem Genfer Interview schon jetzt erklärt habe, daß die anderen Parteien dafür nicht zu haben fein würden. DerVorwärts" hatte gesagt, es komme jetzt für die Sozialdemokratie darauf an, ihre taktische Stellung aus­zunutzen. Dazu bemerkt dieGermania":Vor lauter Taktik ist das deutsche Volk in seine ganze Rot geraten. Wir sind der Meinung, daß sich diese Methoden wirklich überlebt haben. Die Parteien bereiten sich anscheinend auf das Feilschen vor, das leider die Charakteristik der letzten Parlamentszeit ge­wesen ist. Törichter könnte der neue Reichs­tag feine Arbeit nicht beginnen.

Reichsernährungsminister Schiele verzichtet auf fein Reichstagsmandat.

Berlin, 22. Sept. Der Reichsernährungsmini - ster Schiele hat soeben der Oeffentlichkät mit­geteilt, daß er auf einReichstagsmandat verzichten werde, obwohl er in vier Wahl­kreisen und auf der Reichsliste der Christlich-Ra­tionalen Landvolk- und Bauernpartei gewählt ist. Dieser Schritt ruft in parlamentarischen Kreisen um so größeres Erstaunen hervor, als wohl zum erstenmal ein prominenter Abgeordneter unmittel­bar nach der Wahl sein Mandat weiter- aiebt. Für Schiele sind dabei in erster Linie Erwägungen agrarpolitischer Ratur maß­gebend gewesen, denn der Reichsernährungsmini- ster ist offenbar der Meinung, daß er für die Interessen der Landwirtschaft besser wirken kann, wenn er gegenüber seiner Partei die Hand­lungsfreiheit hat. Bekanntlich hat sich Schiele in letzter Zeit sehr stark dafür eingesetzt, daß eine Verbreiterung der Regie­rungsfront nach rechts eintritt. Er will für die Bemühungen, die er an dieser Stelle an­zusetzen beabsichtigt, offenbar die volle Dewe- grmgsfreiheit haben. Selbstverständlich werden auch in den Kreisen der eigenen Partei gegen diesen Schritt Bedenken geäußert, zumal sich eine gewisse Enttäuschung bei der Wählerschaft gel­tend machen muß. Es wird dies Sache des Reichs­ernährungsministers fein, diese Bedenken zu zer­streuen. Aus seinem Schritt geht aber auch hervor, daß das Kabinett Brüning durchaus nicht die Absicht hat, vor dem neugewählten Reichstag die Waffen zu strecken. Es will vielmehr den Kampf aufnehmen und seinem Reformpro­gramm zum Erfolg verhelfen. Wäre dem nicht

so, dann hätte Schiele es vielleicht doch vorge- zogen, das Reichstagsmandat anzunehmen.

Dazu schreibt die Deutsche Tageszei­tung, das Organ des Reichslandbunds, u. a.: Die Entscheidung über die verstärkte Fortfüh­rung des agrarpolitischen Kurses dec letzten Mo­nate wird in der nächsten Entwicklung geradezu zum Zentralproblem der innerdeutschen Politik werden. Die von Minister Schiele als notwendig immer wieder betonte Front st ellung aller staatsbürgerlichen Kräfte gegen den Marxismus muh sich als Grundlage einer Lösung dieses Zentralproblems darstellen, wobei freilich die Einsicht Voraussetzung ist, die er durch seinen Mandatsverzicht nach außen hin dokumentiert, haß solche Aufgaben nicht im engen Rahmen des Parteiismus oder gar des Rationalismus zu be­wältigen sind, sondern daß es dazu des Zusam­menwirkens und der Verständigung über die Parteien hinweg bedarf. Wir haben oft genug unser Bedauern darüber ausgesprochen, daß die deutsche Landwirtschaft durch diesen un­zeitigen Wahlkampf sich viel zu sehr zum Spiel­ball einseitiger parteipolitischer Interessen hat machen lassen. Wenn der Reichsernährungs- minister als amtlicher berufener Vertreter der landwirtschaftlichen Interessen den aus solcher Entwicklung drohenden Gefahren gegenüber ge­wissermaßen Panier aufwirft, indem er sich be­wußt über jegliche Parteipolitik stellt, so tut ec damit einen Schritt, dessen Richtigkeit zu erweisen weniger bei ihm als bei seinem eigenen Berufs stände selber liegt.

Die Miing des Studenten Weste! vor Gericht.

Berlin, 22. Sept. Linker großem Andrange des Publikums begann im Großen Schwurgerichts­saal der Prozeß wegen der Erschießung des nationalsozialistischen Studen­ten Hör st Wessel. Die Anklage lautet auf vorsätzliche Tötung, Beihilfe dazu und Begünstigung nach der Tat. Die Hauptangeklag­ten sind der Tischler Albrecht Höh ler, ge­nanntAli", der Arbeiter Erwin Rückert und der Arbeiter Joseph K a n d u l s k i.

Wessel, der in der RSDAP. eine Rolle spielte, wurde am 14.Januar in seinem Zimmer von Höhler erschossen. Zwischen Wessel und seiner Wirtin, Frau Salm, die sich unter den Angeklagten befindet, waren Streitigkeiten entstanden, da es Frau Salm nicht recht war, daß die Braut des Wessel bei ihm wohnte. Rach einer Auseinandersetzung soll Frau Salm in ein kommunistisches Lokal gegan­gen sein und dort erzählt haben, daß Wessel kommunistische Mitgliederlisten bei sich habe. Darauf wurde beschlossen, eine Ex - p e d i t i o n nach der Wohnung Wessels zu un­ternehmen. Ali Höhler wurde telephonisch her­beigerufen. In Begleitung der Arbeiterin Else Cohn, die wegen Beihilfe angeklagt ist, be­gaben sich die Täter in die Küche der Frau Salm, wo sie ihre Pi st ölen luden. Die Tür zu Wessels Zimmer fanden sie verriegelt. Auf mehr­maliges Klopfen öffnete Wessel die Tür. Höhler gab Feuer und traf Wessel in das Ge­sicht. Die Eindringlinge durchsuchten dann einen Schrank und nahmen eine Pistole, die sie dort sanden, mit. Ali Höhlers Komplicen haben sich dann die nötigen Informationen von kommunisti­schen Funktionären aus dem Karl-Liebknecht- Haus geholt. Diese rieten Höhler, wenn er ver­haftet werden sollte, nicht die Partei zu belasten, sondern die Tat als Eifersuchts­handlung hinzustellen. Höhler wurde in der Bähe Berlins in der Villa eines Kaufmannes Sanders v e r st e ck t. Mit Geldmitteln der Roten Hilfe brachte Sanders den Höhler in seinem Kraftwagen zur tschechischen Grenze. Als ihm drüben sein Geld ausging, kehrte er nach Berlin zurück und wurde in der Wohnung eines Gesinnungsgenossen verhaftet.

Die Angeklagte. Frau Salm, gab an, ihr ver­storbener Mann sei Kommunist gewesen. Sie selbst aber sei unpolitisch eingestellt. Auf

Wunsch Wessels sei dessen Braut, Fräulein Jänicke, solange in der Wohnung ge­blieben, als sie verreist war, da er jemanden haben wollte, der die Wohnung sauber machen sollte. Als sie zurückkam, erfuhr sie, daß Wessel Fräulein Jänicke ohne ihr Wissen polizei­lich an gemeldet hatte. Er weigerte sich, für die Braut Miete zu bezahlen und selbst die Wohnung zu verlassen. Deshalb habe ihre Schwiegermutter ihr geraten, sie solle sich a n d i e Freunde ihres verstorbenen Mannes wenden, damit Wessel sehe, daß sie auch Hilfe habe. Der Vorsitzende hielt der An­geklagten entgegen, daß sie die Wohnung Wessel ganz überlassen gehabt hätte. Sie hätte sie ihm verkauft, und als sie wider Erwarten zurückkehrte, hätte man sie ausEnt- gegenkommen vorläufig ausgenom­men. Die Angeklagte bestritt das. Wessel habe ihr wohl 200 Mark im voraus gezahlt: er sollte aber außerdem noch monatlich 32.50 Mk. be­fahlen. Sie sei dann nach der Dragonerstraße in das Lokal, in dem auch schon ihr Mann die kommunistischen Versammlungen besucht hätte, gegangen und habe sich an Max Ja m- br owski, der ein Freund ihres Mannes ge­wesen war, gewandt. Sie bat ihn, ihr zu helfen, daß Wessel ausziehe.

Auf die Frage des Vorsitzenden, ob sie dabei nicht gesagt habe, daß Wessel ein Faschist sei, der dauernd Versammlungen in der Woh­nung abhalte und zwei Waffen und einen Gummiknüppel bei sich trage, erwiderte die An­geklagte:Das habe ich gesagt: und dar­über haben sich die Leute im Hause aufgehalten." Im weiteren Verlauf ihrer Vernehmung gab die Angeklagte an, am Tage nach der Tat sei ihr von einem Rachbarn ein Zettel übergeben worden, der sie ins Karl-Liebknecht-Haus bestellte. Dort habe ein Herr zu ihr gesagt:Die ganze Sache ist doch nur ein Cif ersuchtsa kt zwi­schen zwei Zuhältern gewesen. Höhler ist doch als Zuhälter bekannt." Sie habe darauf erwidert, Wessel sei kein Zuhälter. Aus die Frage des Staatsanwalts gab die Angeklagte nach anfänglichem Ausweichen zu, daß Iam- browski, als er den Hamen Wessel hörte, ge­sagt habe:Das ist ja der langgesuchte Wesse l."

Abrüstungsausschuß der Dölferbunbsoerfammlung in den allernächsten Tagen eingebrachl werden. Der vorbereitende Abrüstungsausschuß soll alsdann An­fang November d. 3. voraussichtlich ju einer weiteren Tagung zusammentreten. Da jetzt in den grund­legenden Aragen der Abrüstung, insbesondere über die Einbeziehung der ausgebildeten Reserven und des Kriegsmaterials in die geplanten Abkommen, die Gegensätze zwischen der englischen und der französischen Auffassung unverändert an­dauern, wird voraussichtlich ein einheitlicher Ent­wurf nicht zustande kommen. 3n den Hauptfragen dürfte demnach die Entscheidung der Kon­ferenz selbst überlassen bleiben. Die größte Schwierigkeit der Konferenz wird in der Jeff- sehung der Ziffern für den Rüstungs- sl a n d der einzelnen Länder liegen. Die Konferenz wird voraussichtlich in Genf Rammen treten. Zur Teilnahme sollen auch die dem Völkerbund nicht an­gehörenden Mächte, wie die vereinigten Staaten, Sowjetruhland und die T ü r - k e l eingelnben werden.

Qualitätsverbesserung -er -rutschen Eierpro-uktion.

Berlin, 22. Sept. Im Zusammenhang mit der endgültigen Aufhebung des zollfreien Gefrierfleischkontingentes am 1.Okto­ber, für das seinerzeit der Reichsernährungsminister den minderbemittelten Schichten einen Ersatz ver­sprochen hat, ist jetzt ein sehr radikaler Vorschlag aufgetaucht, mit dem man sowohl diese Ersatzfrage teilweise lösen will, als auch der Qualitäts­verbesserung in der Landwirtschaft dienen möchte. Die Regierung bemüht sich bereits seit meh­reren Jahren um die Verbesserung der deutschen Eierqualität mit dem Ziel, die Einfuhr auf diesem Gebiet möglichst zu drosseln. Bei diesen Be­mühungen stößt man aber immer auf die große Schwierigkeit, daß von den 83 Millionen Hühnern rund 40 Millionen unter dem Durchschnitt der Legetätigkeit bleiben, also volkswirt­schaftlich gesehen, unrationell sind, da mit dem glei­chen Aufwand bei gleicher Hühnerzahl eine starke Produktionssteigerung möglich wäre. Es müßten also diese 40 Millionen deutscher Hühner durch b e s s e r r a s s i g e Tiere ersetzt werden. Da nun mit dem Wegfall des Gefrierfleischkontingentes ab 1. Oktober ein Ersatz benötigt wird, hat man den Vorschlag gemacht, daß mit Hilfe der dafür ohnedies notwendigen Reichsgelder statt anderem Fleisch zunächst der Landwirtschaft wenigstens e i n Teil der 40 Millionen schlechten Lege­hühner abgenommen wird und den min­derbemittelten Fleischoerbraucherkreisen zugeführt würde. Dabei müßten die Verkäufer verpflichtet werden, unter Kontrolle qualitätsraffige Legehühner aufzuziehen. Für den Gefrier- fleischersatz wäre auf diese Weise ein auf Jahre hinaus reichendes Fleifchkontingent gewonnen, da die 40 Millionen Hühner etwa 5 Millionen dz Fleisch ergeben würden und selbst in den Zeiten der stärksten Gefrierfleischeinfuhr, wie 1927, das Kontingent nur 1,25 Millionen dz betrug. Dem Projekt stehen natürlich eine ganze Reihe großer Schwierigkeiten gegenüber, wie vor allem der we­sentlich höhere Preis des Hühnerfleisches als

etwa anderweitiger Gefrierfleischersatz. Allerdings hat dieser Vorschlag gegenüber anderen Projekten, wie etwa der Hereinnahme von Renntierfleisch aus Finnland, den Vorzug, daß man bei einem wich­tigen Zweig der deutschen Landwirtschaft mit der Qualitätsverbesserung vielleicht an der Wurzel beginnt.

Die Arthur-von-weinberg-Medaille für Verdienste um die Gewerbe-Hygiene.

In der Breslauer Llniversität fand anläßlich der erstmaligen Verleihung der von der Deut­schen Gesellschaft für Gewerbe- Hygiene gestifteten Arthur von-Weinberg-Me- daille für Verdienste um die Gewerbehygiene ein Festakt statt. Die ersten Träger der Medaille sind: der Staatssekretär des Reichsarbeitsmini­

steriums Dr. Geib, Berlin: der Präsident des Reichsgesundheitsamts Geheimrat Dr. Hamel. Berlin: Professor Dr. Cur schm an n, Wolfen: ©. Haupt, Hannover: Geheimer Rat Professor Dr. K. B. Lehmann, Würzburg und Geh. Oberregierungsrat Dr. Ley mann, Berlin.

Der Ozeanflieger v. Gronau beim Reichspräsidenten.

Der Reichspräsident empfing den Ozean- flieget Oberleutnant zur See a. D. v o n G r o n a u sowie dessen Kameraden. Die Flieger berichteten dem Reichspräsidenten über die Einzelheiten ihres Amerikafluges. Der Reichspräsident sprach ihnen seine Anerkennung für ihre hervorragende Leistung aus, beglückwünschte sie zu ihrem schönen Erfolg ui'.d überreichte ihnen als Zeichen seiner Anerken­nung sein Bild mit Unterschrift.

Aus der pwvinzialhaupista-t.

Gießen, den 23. September 1930.

Kreisausschuß Gießen.

Am Samstag fand im Kreisamt eine Sitzung des Kreis ausfchusses des Kreises Gießen statt, in der über Schadenersatz- ansprüche einer Anzahl Einwohner von Ob­bornhofen gegen dieHefrag" verhandelt wurde. Die Hefrag hatte von der Gemeinde Obbornhofen einen Brunnen, den Obborn, zum Preise von 40 000 Mark käuflich erworben, um das abfließende Wasser nach Wölfersheim zu leiten. Eine Anzahl Einwohner von Obbornhofen fühlte sich durch den Verkauf und die Ableitung des Obborn insofern geschädigt, als nach ihrer Ansicht die auf ihren Grundstücken befindlichen Brunnen durch die Bohrungen an der Obborn- Suelle versiegt seien. Sie verlangten daher auf 'rund der § 6 ff. des Bachgesetzes Schadenersatz. Da eine bereits im Jahre 1928 versuchte gütliche Regelung nicht zu erzielen war, wurde zunächst ein Gutachten des Kulturbauamts Gießen ein­geholt. In der Verhandlung vor dem Kreis­ausschuß wurde vor allem festgestellt, daß infolge des Kaufs des Obborn durch -die.^Hefrag der Gemeinde die Möglichkeit des Baues einer Wasserleitung gegeben wurde, zu der die Hefrag das erforderliche Wasser liefern muh. Außerdem hat die Hefrag durch die Gewährung eines Dar­lehens der Gemeinde die Durchführung der Kanalisation erleichtert. Weiter kam sowohl in dem Gutachten des Kulturbauamts, wie auch in den Ausführungen des Vertreters der Hefrag zum Ausdruck, daß die Privatbrunnen duch Boh» rungen der Bergwerksdirektion Wolfersheim be­reits nahezu versiegt waren, bevor die Hefrag den Obborn käuflich erwarb. Zudem könne von einer erheblichen Schädigung der Kläger, infolge Vorhandenseins der Wasserleitung, keine Rede sein. Demgemäß lautete auch die Entscheidung des Kreisausschusses, nach einem nochmaligen vergeblichen Äergleichsversuch des Vorsitzenden, auf Abweisung der Klage unter Belastung der Kläger mit den Kosten.

Oer Zugendherbergswerbeiag in Gießen.

Der Himmel hatte am Sonntag ein Einsehen. Als die Jugend anläßlich des Jugend- herbergswerbetages sich zum LI m z u g aufstellte, setzte der Regen aus und fing erst wieder an, nachdem alles zu Ende war. In bunter Mannigfaltigkeit sahen die zahlreichen Zuschauer die Gießener Iugendgruppen an sich vorüberziehen. Ein buntes und schönes Bild. Plakate und Festwagen riefen in immer wechseln­der Art der Gießener Bürgerschaft zu:S ch a f f t uns Jugendherbergen und fördert das Iugendwandern".

Eröffnet wurde der Zug durch Trommler und Pfeifer der Iunggefolgschaft des Iungdeutschen. Ordens. Darauf folgte die Feldküche, in origi­neller Weise mit Hilfe eines Leiterwägelchens, eines rauchenden Ofens und eines Kochtopfs dargestellt durch Reudeutschland. Der Koch war wirklich ein Held, wie er tapfer im Rauch aus- und seinen Topf festhielt. Ebenfalls auf einem Handwagen führte die deutsche Freischar ein Herbergsbett in vorschriftsmäßiger Ausrüstung mit, in dem ein junger Freischärler Proben im Dauerschlaf vorführte. In geschlossener Abtei­lung kamen dann: Reudeutschland, Deutscher Pfadfinderbund, Deutsche Freischar, Wander­vogel, Deutscher Bund. Daran schlossen sich an: Bibelkränzchen, Jüdische Pfadsinder, Jüdische Iugendgruppe, Wehrloge des Guttemplerordens und die sozialistische Arbeiterjugend. Die zweite Abteilung des Zuges eröffneten die Musikanten des WandervogelsHöhenflug", der auf einem großen Rollwagen unter dem Motto:Die Ju­gendherberge, unsere zweite Heimat" Leben und Treiben in der Jugendherberge darstellte. Man sah da einen Gasherd, Tisch und Stühle, ein Herbergsbett und eine Gruppe, die in geschickter Weise zeigte, wie dieses Gerät in der Herberge benutzt wird. Linker den nun folgenden Schul­gruppen des Vereins für das Deutschtum im Ausland zeigte die Gruppe der Oberrealschule auf einem hübsch geschmückten Wagen ein großes naturgetreues Modell der Jugendherberge auf dem Hoherodskopf. Drum herum hatte sich eine Schar Wanderer gelagert. Der evangelische Ver­band weiblicher Jugend zeigte auf einem Fest- fragen eine Wandergruppe beim Abkochen, die Erstaunliches im Daueressen leistete. Den Schluß bildete der Bund deutscher Iugendvereine. Der Zug, in dem annähernd 600 Buben und Mädchen gezählt wurden, bewegte sich in der vorgesehenen Weise durch die Straßen der Stadt und wandte sich dann zum Brandplah, wo sich die Jugend im Viereck aufstellte. Dort sprach Dr. F l o r k e der Jugend den Dank der Iugendherbergsorts- gruppe für ihre Mithilfe an dem Werbetag aus und ermahnte sie, mitzuhelfen in der Jugend- Herbergsarbeit, damit das Werk für, mit und durch die Jugend weiterhin wachse und gedeihe.

Gießener Wochenmarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 160180, Matte 3035 Pf. das Pfd.: Eier 1314 Pf. das Stück: Käse 10 Stück 60 bis 140 Pf.: Wirsing 10-12, Weißkraut 68, Rotkraut 1015, Gelbe Rüben 1012, Rote Hüben 10-12, Spinat 15-20, Dohnen 15-20, Llnter-Kohlrabi 68, Feldsalat 100-120, To­maten 1020, Zwiebeln 1012, Meerrettich 50 bis 60, Kürbis 810, Kartoffeln 4,5, Falläpfel 810, Aepfel 2035, Birnen 1530, Dörrobst 3035, Zwetschen 2025, Honig 4050, Rüsse 5060, Pfirsiche 4070, Brombeeren 4045, Preißelbeeren 4550, Junge Hähne 100110, Suppenhühner ICO110 Pf. das Pfund: Tau­ben 5070, Blumenkohl 3070, Salat 1015, Salatgurken 1020, Einmachgurken 24, En­divien 1015, Ober-Kohlrabi 68, Lauch 5 bis 10, Rettich 1015, Sellerie 1020 Pf. das Stück: Radieschen 1015 Pf. das Bund: Kar­toffeln 4 Mk. per Zentner.

Bornotizen.

TageskalenderfürDienstag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Es gibt eine Frau, die dich niemals vergißt". Aftoria-Lichtspiele:Das Land ohne Recht" undRibo, der Rächer".

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** Verbotenes Gelände für das D r a a) c n st e t g n. Im neuesten Amtsverkündigungs» blatt ist eine Polizeiverordnung veröffentlicht, die das Steigenlassen von Drachen in der Umgebung bes Verkehrslandeplatzes von Gießen verbietet. Dor nicht allzu langer Zeit hatte sich bei einem ging« 3«ug, das sich über der Stadt befand, eine Drachen»