Wirble ins Leben!
Roman von Anna Fink.
Llrheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau, 6.-QL
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Barbara dachte einen Augenblick: „Ist das auch keine Falle, in die man mich hineinlockt? Aber sie verwarf den Gedanken sofort wieder.
Hier war ein Mißtrauen nicht am Platze.
Sie muhten etwa eine Viertelstunde bis zu der Pension gehen.
• Fernando bemühte sich nach Kräften, die Signora gut zu unterhalten. Er erzählte, daß er Faschist sei, begeisterter Anhänger des „Duce , den er anbete. . ..
Er berichtete von den Hebungen, der straffen Zucht, der sie alle unterstellt wären.
Varbara hörte mit halbem Ohr den Erzählungen zu. , .,
„Napoli ist wunderschön, Signora , sagte ihr junger Begleiter. „Der Golf und dann Capri, der Vesuv. Sie werden mir recht geben, Daß Italien das herrlichste Land ist, Signora."
Barbara hatte das nicht bezweifelt. Sie muhte lächeln über das Feuer des jungen Menschen, der kaum der Kindheit entwachsen zu sein schien. Aber sein Geplauder empfand sie wie eine angenehme Musik. t .
„Hier sind wir, Signora," sagte er und blieb vor einem kleinen Hause in einer* stillen Straße stehen.
Er zog die Aachtglocke, denn das ganze Haus lag schon im Dunkeln.
Aach einigen Minuten wurde Licht gemacht und die Haustür geöffnet.
Ein Mann trat heraus.
Fernando wechselte einige Worte mit ihm, dann verabschiedete er sich ritterlich wie ein junger Edelmann von Barbara.
„Sie können ein Zimmer bekommen und werden hier gut untergebracht sein. Ich gehe wieder zurück."
Er hob die Hand nach Faschistenart, und Barbara befand sich in der Diele des Hauses.
Ein junges Mädchen, das ein unverfälschtes Schweizer.Deutsch sprach und etwas verschlafen aussah, führte Barbara in ein kleines, freundliches Zimmer, das stark nach gescheuertem Boden und frischer Wäsche duftete.
Barbara zog den Geruch tief ein und fühlte sich geborgen.
Das Mädchen zc« sich mit kurzem Gruß zurück, nnd Barbara lag nach zehn Minuten m den Kissen.
* *
Der andere Morgen fand Barbara ausgeschla- fen und erquickt am Frühstückstisch des Speisezimmers. Vorläufig wollte sie noch nicht über die Zukunft nachdenken, das kam früh genug.
Sie ließ sich danach ihr deutsches Geld in italienisches umwechseln und bezahlte mit zehn Lire ihre Rechnung.
Danach blieben ihr noch etwa fünfzig Lire.
Es reichte also noch für ein paar Tage, wenn sie sich einteilte. >
Sie muhte lächeln.
Sie, Frau Barbara Much, sah jetzt hier in Italien und war glücklich über fünfzig Lire, die ihr ganzes Vermögen darstellten.
Sie fühlte sich beinahe in ihre Kindheit oder Iungmädchenzeit verseht. Da kam man sich mit zwanzig Mark wie ein Krösus vor.
„Was soll ich beginnen?" fragte sie sich und dachte ernsthaft nach.
Sie stellte fest, dah sie schreckliche, geradezu unbezwingliche Lust hatte, nach Aeapel zu fahren. Eigentlich war es sträflicher Leichtsinn. Sie hätte sich um eine Stelle bemühen, sich ein möbliertes Zimmer nehmen müssen, dann hätte es, vorausgesetzt, dah sie Glück gehabt hätte, vielleicht gerade gereicht.
So blieben ihr vielleicht noch zwanzig Lire, wenn sie in Aeapel ankam.
Barbara fühlte ein unerklärliches Bedürfnis, leichtsinnig zu sein.
So begab sie sich hinunter, zog sich zum Reisen an und stieg auf die nächste Tram, die nach dem Bahnhof ging.
Sie hatte Glück.
Es ging gerade ein Zug nach Aeapel ab.
Sie nahm eine Fahrkarte fter dritten Klasse, die in Italien die niedrigste ist.
Selten hatte ihr eine Fahrt so viel Abwechslung und Spaß gemacht. Alte Bauern fuhren mit, die Senatovengesichter aus der Zeit des alten Rom hatten. Kleine niedliche Kinder krabbelten zwischen den Reisenden herum.
Römerinnen und Frauen aus der Llmgegend Roms, der Campagna, mit geraden Aasen, fein geschwungenen Augenbrauen und einem brennend roten Mund saßen mit stolzer Haltung auf den bescheidenen Holzbänken.
Manch wohlwollender Blick, manch freundliches Wort flog zu Barbara hin.
Lind es dauerte auch nicht lange, dann war sie mitten im Gespräch.
„Che bella!" hörte sie wieder von den Lippen
der Frauen und auch der Männer, aber es klang nicht aufdringlich, sondern wie eine schmeichelnde und zarte Liebkosung.
Barbara ging das Herz auf.
Der Zug fuhr durch die wunderbare Landschaft Mittelitaliens.
Eine junge Bäuerin, die ihr gegenübersaß, bot Barbara zutraulich Weihes Brot und den einfachen geräucherten Käse an. Barbara nahm es, wie es ihr angeboten wurde.
Der Mann der Bäuerin zog eine strohumflochtene Flasche hervor, schenkte in ein Wasserglas dunkelrot glühenden Wein ein und forderte Barbara zum Trinken auf.
Er schmeckte leicht, fast prickelnd, und war sehr erfrischend.
„Es ist nur ein einfacher Landwein," sagte er wie zur Entschuldigung.
Das Glas ging reihum.
Zum Schluß bekam das kleine, einundeinhalb- jährige Bübchen auf der Mutter Schoß ein Glas voll Wein und trank es, ohne abzusetzen, leer.
Barbara konnte einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken.
„Der Wein gibt Kraft," erklärte der junge Vater stolz, „unsere Kinder wachsen und gedeihen gut 5abei?
Llnd die Bäuerin lachte froh, während sie eine Reihe gerader, wie Perlen schimmernder Zähne zeigte.
„Aapoli — Aapolil" riefen die Schaffner und rissen die Türen auf.
Barbara sprang auf.
Aoch nie im ßeben war ihr die Zeit derartig schnell verflogen.
Als sie aus der Halle des Bahnhofes auf den kleinen Platz davor trat, zog sie den Mantel dichter um sich. Ein seiner, dichter Regen ging nieder und hüllte die Stadt in trostloses Grau, doppelt trostlos, weil man in Italien war.
Dom Hafen her klang das Tuten der großen Lieberseedampfer, die aus- oder einliefen.
Es klang nach Reisen über's große Wasser in ferne Erdteile.
Barbara ging zum nahen Hafen hinunter.
Dort lagen Riesendampfer und wiegten ihre stählernen Leiber unmerklich auf dem bewegten Hafenwasser.
Es war die reinste Sinfonie in Grau.
Man hielt es fast nicht für möglich, in Italien zu sein.
Auch die Hafenarbeiter machten verdrossene Gesichter.
Der Italiener ist in seiner Stimmung sehr von dem Wetter abhängig.
War das das vielgepriesene Aeapel, von dem
es heißt, daß man sterben könne, wenn man e8 gesehen hat?
Barbara schüttelte sich
Sie war sehr niedergeschlagen. /
Was sollte sie hier beginnen?
Da kam ihr ein Gedanke.
Wozu sind die deutschen Konsulate da?
Dort würde man ihr vielleicht eine Stelle! oder irgend etwas vermitteln können, womit sie Geld verdienen konnte. Denn das war doch eine unumstößliche Gewißheit, daß sie jetzt Geld verdienen mußte.
Es graute ihr zwar recht davor, aber sie nahm! sich zusammen und fuhr hin.
Es dauerte eine Weile, bis sie sich zurechtge^ fünften hatte, und endlich war sie da. ।
Erstaunt sah sie an dem palastähnlichen Gebäude in die Höhe.
Dann trat sie durch das hohe Portal ein.
Dienstbeflissen riß ein kleiner Boy die Türen! vor ihr auf.
„Ich wünsche den Konsul zu sprechen", sagte sie.
„Gewiß, gewiß", dienerte ein Sekretär und führte sie in das Empfangszimmer.
Liebenswürdig kam ihr der Konsul entgegen. Er erinnerte sie etwas an Much. ~ — j
„Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige Frau?" fragte er zuvorkommend.
Barbara erzählte.
Als sie erwähnte, daß sie in Aot sei und Arbeit suche, wurde er um beträchtliche Prozente kühler. „Haben Sie Ihre Papiere?" fragte eti gönnerhaft. „Ich will sehen, was ich für Sie tun kann." ,
Barbara durchzuckte es wie ein Blitzschlag.
Gott im HimmelI
Mit keinem Gedanken hatte sie ja wieder a^ ihren Führerschein gedacht, den einzigen Ausweis, den sie überhaupt besessen hatte bei ihrer! Flucht.
Lind über ihrer Krankheit hatte sie gänzlich! vergessen, ihn sich von Malfieri wiedergeberj zu lassen.
Der Konsul betrachtete sie scharf.
„Meine Papiere habe ich verloren", sagte sie. I
„Ja, dann kann ich vorläufig nichts für Sie! tun. Sie müssen mich verstehen, gnädige Frau. Es kommen so viele Fälle vor... Man Weitz, nie, wen man vor sich hat. Ich kann IhneH nur den einen Rat geben: Aach Hause zu schreib ben und sich schleunigst Ausweispapiere schicken! zu lassen. Sie können sehr leicht Scherereien mit den italienischen Behörden bekommen. Man! ist nicht mehr so tolerant wie früher." i
(Fortsetzung folgt.)
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