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3. Diplom-Volkswirt Walter Köhler, Orten­berg, 6 Stimmen: 4. Dr. rer. pol. Reinhold Weiher, Alsfeld, 6 Stimmen: 5. Derwaltungs- beamter Karl R a g e l, Giehen, 5 Stimmen: 6. Ingenieur und stud. jur. et rer. pol. Ernst Scheid, Butzbach, 5 Stimmen. Weitere 16 Be­werber erhielten weniger als 5 Stimmen. Diese, sowie alle übrigen Bewerber gelten als aus­geschieden. Die Mitglieder des Gemcinderats sollen sich alsbald eingehend mit den Bewer­bungsschreiben dieser sechs Herren vertraut machen: in einer weiteren Sitzung soll dann ent­schieden werden, ob eine nochmalige Ausschei­dung vorgenommen werden soll, oder ob alle sechs Bewerber zwecks näheren Kenncnlernens vor dem Gemeinderat erscheinen sollen, um dort ihre Auffassung über die Führung des Bürger­meisteramts zu entwickeln.

Landkreis Gießen.

g. Klein-Linden. 2C. Rov. Der G e- sang-BereinHarmonie" hielt im Gast­hausZur Burg" eine außerordentliche Hauptversammlung ab, in der das ak­tive Mitglied Willi 3un g zum 1. Vorsitzen­den des Vereins gewählt wurde. Am Toten­sonntag beteiligt sich der Verein an dem Massen­chor, zu dem sich die hiesigen Gesangvereine für die Gefallenengedenkfeier zusammen­finden werden.

tfl Lollar. 20. Rov. DieHassi a"- 3 u - gendgruppe ,Hindenburg" in Lollar veranstaltete einen Deutschen Abend. Die Kapelle Lhnker spielte zunächst einen Eröff­nungsmarsch. nach dem Treubekenntnis der 3ung- mannschaften sang man gemeinsam das Lied der Kyffhäuserjugend. Der Ansprache des Führers der 3ugendabteilung folgten ein Dorspruch und die Aufführung eines WeihefestspielsReuer Früh­ling". Ein lustiger Einakter führte im weiteren Verlauf des Abends die Zuhörer in die Zeiten vor 1914 zurück und erinnerte an die Militärzeit. Mundartliche Vorträge und eine Reihe gelunge­ner Schattenbilder bildeten den Abschluß des Pro­gramms. Vertreter der übergeordneten Verbände überbrachten beste Grüße. Bezirksjugendführer D o n h a r d konnte an fünf 3ungvolkmannen für fünfjährige Mitgliedschaft die silberne Ehrennadel überreichen. Der Veranstaltung wohnte auch eine 20 Mann starke Abteilung der »Hassia"-3ugend- gruppe Atzenhain bei.

* Alten - Vuseck, 20. Rov. Aus Anlaß feines 65jährigen De st eh en s hatte der Spar- und Dorschuhverein zu Alten- D u s e ck seine Mitglieder zu einer Feier einge­laden, die gut besucht war. Der Dorsihende des Aufsichtsrats, Louis Einhäuser, begrühte die Gäste, besonders den Derbandsrevisor Hart­mann (Giehen). Sodann erwähnte er die Gründe, die den Dorstand bewogen hätten, diese Feier im engeren Rahmen zu begehen, und ge­dachte des auf tragische Weise ums Leben ge­kommenen Mitgliedes Wilhelm Kaspar Ra­benau. Direktor Schwalb schilderte im An- schluh daran den geschichtlichen Werdegang des Vereins. Tie verstorbenen Bürgermeister Wa­ge n b a ch, Gemeindeeinnehmer S e u l i n g und Lehrer Rabenau seien die Gründer des Ver­eins gewesen und hätten es verstanden, schon im ersten Geschäftsjahr den Verein auf eine bedeu­tende Höhe zu bringen. Der Ausbruch des Krie­ges und seine Rachwirkung mit der 3nflation hätten dann, wie alle Geldinstitute, so auch den hiesigen Verein im Rovember 1923 vor ein Richts gestellt. Hm den Wiederaufbau zu ermöglichen, trat der Verein dem Verband landwirtschaft­licher Genossenschaften in Darmstadt bei. Langsam doch sicher sei man vorwärts gekommen, so daß Der Verein im obgelaufenen Geschäftsjahre alle Kreditsucher, soweit Sicherheit bestand, mit eignen

Mitteln befriedigen konnte. Der rührigen Tätig­keit des Lehrers Feh sei es zu verdanken, dah die Schulsparkassc befriedigende Einlagen ab­warf. Auch die Karlengclder seien trotz bec wirt­schaftlichen Rot noch befriedigend. Derbands­revisor Hartmann übermittelte die Grüße und Wünsche des Derbandes. Die Geschäftsführung und die leitenden Organe des Vereins hätten stets einen guten Ruf genossen, und das könne er auch von der jetzigen Geschäftsführung und dem Vorstand und Aufsichtsrat sagen. Der Redner warf sodann einen Rückblick auf die Gründung der Genossenschaften, erinnerte an Männer wie Schultze-Delitzsch uui> Raiffeisen, die als die ersten Gründer der Genossenschaften angesprochen wer­den müssen, und an den Vorkämpfer der hessischen Genossenschaften Wilh. Haas. Heute sehe man Männer ohne Unterschied der Partei und des Berufs an den führenden Stellen der Genossen­schaften. Don Oberhessen könne man sagen, dah die Kreditgerwssenschaften den Wucher unter­

bunden hätten, und so sehe man heute säst in allen Ortschaften Kreditgenossenschaften. 3m An­schluß daran hielt der Redner noch einen Dor­trog überBezugs- und Absahgenossen» schaften", der trotz der vorgeschrittenen Zeit auf­merksame Zuhörer und herzlichen Beifall fand. Der Dorsitzende dankte Herrn Hartmann für feine sachkundigen Ausführungen und forderte alle Mitglieder auf. auch, weiterhin für die Interessen und Förderung des Vereins einzu- stehen.

Kreis Friedberg.

Bad-Rauheim, 20. Rov. Die hiesige Däckerinnung gibt bekannt, daß sie der schlechten Wirtschaftslage durch Herstellung einer dritten Drotsorte (reines Roggenbrot) in vorzüglicher Qualität zu verbilligtem Preise Rech­nung tragen wird. Es gelten hier ab heute fol­gende Preis« für daS V'er-Psund-Brot: Wei­zen-Mischbrot 90 Pf., Roggen-Mischbrot 78Pf.: reines Roggenbrot 70 Pf.

GtaatsbürgerlicheBildungstagung

Weltpolitik und Weltwirtschaft in wissenschaftlicher Betrachtung.

Die Landesabteilung Hessen der Reichs- zentrale für Heimatdienst, der amt­lichen Aufklärungsstelle der Reichsregierung ver­anstaltete in Verbindung mit dem Kreisamt und dem Kreisschulamt am Mittwochvormittag im Eafs Leib zu Gießen eine staatsbürger­liche Bildungstagung, die einen außer­ordentlich anregenden Verlauf nahm.

Provinzialdirektor G r a e f eröffnete die Ta­gung und hieß die Besucher Lehrer, Bürger­meister, Beamte nahmen hauptsächlich daran teil willkommen. Er wies darauf hin, daß es die Aufgabe der Bildungstagung sei, einen Hcberblick über weltwirtschaftliche und welt­politische Zusammenhänge ohne parteipolitische Trübung gewinnen zu lassen.

Dr. S t e u b e r, der Leiter der Landesabtei­lung Hessen des Heimatdienstes, sprach dann einige Worte der Einführung, betonte, daß wir nicht aufhören dürften in der Arbeit, in das politische Dickicht einzudringen und zur Wahr­heit vorzustoßen.

Sodann sprach Oberstudiendirektor Dr. Wei­ner, Offenbach, über das Thema:

versuch einer weltpolitischen Bilanz".

Die deutsche Politik, so führte er u. a. aus, könne nur im Zusammenhang mit der welt­politischen Lage betrachtet werden. Er griff im ersten Teil seines Vortrages zurück in die Ge­schichte, erinnerte an Aufstieg und Verfall von Weltreichen, würdigte insbesondere die englische Politik der letzten 3ahrhunderte in einer ein­gehenden Betrachtung. 3m zweiten Teil seines Vortrags sprach er über die Krise der Welt­wirtschaft, über die Rivalität Englands und Amerikas in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht, über die Pläne Driands für ein Pan­europa als das Gegengewicht zur anglo-ameri- kanischen Macht, kennzeichnete weiter die Stel­lung von Polen und Italien auf dem Schach­brett der Weltpolitik. Mit großem Interesse folgten die Zuhörer den Ausführungen über die finanziellen Kräfteverhältnisse und die un­angreifbare Vormachtstellung Amerikas auf dem Geldmarkt. Schließlich überhöhte der Redner seinen Vortrag im letzten Abschnitt in der Be­handlung der Krise des Imperialismus und Kapitalismus.

Prof. Dr. Mommsen, Marbürg, referierte über

Möglichkeiten

der Politik eines besiegten Volkes"

und führte aus, daß, nachdem die Tatsache unbe­streitbar sei, daß Deutschland den Krieg ver­loren habe, man sich klar werden müsse, was einem besiegten Volke zu tun möglich sei. Er wies nicht als Lehrbeispiel, sondern lediglich als Parallele auf die Erfüllungspolitik hin, die Freiherr vom Stein betrieben und die Ge­schicke des Landes doch günstig beeinflußt habe, daß die Franzosen in den dem Kriege von 1870 folgenden Iahren ihren Verpflichtungen auch nachgekommen seien. Es wäre aussichtslos gewesen, den Versailler Vertrag nicht zu unter­schreiben, denn die nach langen Verhandlungen geschaffenen und im Versailler Diktat nieder­gelegten Kompromißlösungen zwischen den Sie­gerstaaten hätten im Fall der Ablehnung von deutscher Seite eine Katastrophe herbeizuführen vermocht, zudem man in Kreisen des französi­schen Militärs darauf wartete, im Falle der Richtunterzeichnung Deutschland zu besetzen. Alles fließt", so fuhr der Redner u. a. fort, und Verträge hätten keine Ewigkeitswerte, weder der Versailler Vertrag, noch der Poungplan. Es dürfe aber nicht vergessen werden, daß die amt­liche Politik eines Landes doch immer nur so getrieben werden müsse, dah bestehende Verträge nicht verletzt würden. Die Zukunft werde auch die Aushöhlung des Friedenspaktes und die Revision des Poungplanes bringen. Warnen müsse man vor voreiligen Forderungen, vor Revi­sionsanträgen im falschen Augenblick. Eine Politik abwartender Geduld sei noch lange nicht schlechte Politik. Der Redner beschäftigte sich sodann noch kurz mit dem deutschen Verhältnis zu Italien, wies auf die Gefährlichkeit eines deutsch-italie­nischen Bündnisses hin, das in sicherer Form vor dem Kriege viel nötiger gewesen sei, als im jetzigen Augenblick. Der Redner wies noch darauf hin, daß mit großen Parolen allein einem Volke nicht geholfen werden könne, dah vielmehr nur die mutige und verantwortungsbewuhte Tat das Entscheidende sein könne.

In der Aussprache über diesen Vortrag gab der Redner auf Fragen die Antworten, daß der Beitritt Deutschlands zum Völkerbund zu begrüben fei, da wir doch nunmehrdabei find", wenn über Deutschlands Geschicke ver­handelt werde. Die französische Rheinpolitik der

Zukunft betrachte er als abhängig von Welt­politik: sie sei übrigens nur ein Faktor und nicht der Faktor der französischen Bestrebungen. Hm zu einer möglichst objektiven Meinung zu gelangen, empfahl der Redner die Lektüre auch der gegnerischen Zeitung, wies jedoch daraus bin, dah eine absolute Objektivität nicht zu erreichen sei, da die Politik meist auch eine weltanschau­liche und somit individuelle Frage darstelle.

Den dritten Vortrag des Tages hielt Hatoer* sitätSprof essvr Dr. R o p k e , Marburg, über

Deutschland In der Weltwirtschaftskrise".

Er führte u. a. aus: Es sei unbestreitbar, daß! unsere Zeit im Zeichen eines EpochcnwechselS stehe, es läge Schicksal in der Luft, und es gin­gen und bereiteten fich Dinge vor, die tatsächlich noch nicht dagewesen seien. Reben der Erkenntnis, das Reichtum allein die soziale Frage nicht zu lösen vermöchte, gehe das erste Mal eine anti- kapitalistische Bewegung durch Deutschland und die Welt. Aber die Bewegung sei gesährlich, da man an die Stelle deS Kapitalismus nichts an­deres zu sehen wisse. Die Krisen der Weltwirt­schaft seien nicht jene periodisch auftretenden Störungen, sondern lägen in den besonderen Hmständen bedingt. Rationalismus und die damit verbundene ungeheure Heberproduktion hätten kein Gegengewicht in der entsprechenden Absatz­möglichkeit gefunden. Allerdings fei, so führte der Redner u. a. weiter aus, Die Lage dadurch besonders schwierig geworden, dah der Staat und der staatliche Eingriff in die Preisbildung sowie die Monopolwirtschast gerade in Deutsch­land das Wirtschaftsleben unbeweglicher und weniger anpassungsfähig gemacht hätten, und dadurch die Krise sich anhaltender gestalte. Eine Prognose der Weltwirtschaft müsse ungünstig lauten, die Lage unseres Landes aber, di« guten Bodenverhältnisse, das günstige Klima, di« vielen Möglichkeiten der Expansion, gegeben durch die zentrale geographische Lage, nicht zuletzt aber die stete geistige Aktivität und die Spannkraft unseres Volkes, machten die Heberwindung der Krise, der wie in einem Starrkampf gebunden liegenden Wirtschaft wohl möglich. Zum Schluß feines Vortrags ging der Redner noch auf die augenblicklichen Bestrebungen zum Preis- und Lohnabbau ein, Aktionen, die er als gefährlich erachten müsse, wenn die Kraft des Konsumenten dadurch weiter geschwächt werde.

Die Aussprache über den Vortrag wurde sehr sachlich geführt, gelangte indessen in Anbetracht der vorgeschrittenen Zeit nicht zum völlig befrie­digenden Ergebnis.

Zum Schluß dankte Dr. S t c u b e r den Red­nern, gab der Meinung Ausdruck, daß es in un­serem Vaterlande ganz anders bestellt wär«, wenn auch die politischen Versammlungen den Dharakter dec hier bekundeten klaren Sachlichkeit tragen würden, Die dem staatsbürgerlichen Dil- dungstag eigen gewesen sei.

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