Nr. 298 Zweiter Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 20. Dezember 1930
Vor Gens.
Außenpolitische Umschau.
Von Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin.
D«.r Reichstag hat mit Recht auf eine außenpolitische Debatte verzichtet. Die innenpolitischen Dründe, die zu diesem Entschlüsse führten, können hier beiseite bleiben. Es ist traurig genug, daß es nicht möglich ist, im Reichstag in einer Frage, wie im Augenblick die oberschlesische, eine harmonische und einheitliche Kundgebung zustande zu bringen, obwohl in der Sach?, im Eintreten für die mißhandelten Volksgenossen und ihrer Rechte alles durchaus einig ist. Eine solche Debatte bätte aber auch außenpolitisch nichts genützt, weil die Aktion bereitet eingeleitet und in Gang ist.
Deutschland hat zum erstenmal von dem De' schwerderecht des Genfer Abkommens über Oberschlesien Gebrauch gemacht. Die Rot? vom 27. Ro- dember ist durch eine zweite am l2. Dez. ergänzt wordeni, die weitere polnische Gewalttaten auszählt und belegt. Die Angelegenheit steht an für den ^5ölkerbündsrat im ijanuar. Sie rollt ganz von selbst das deutsch-polnische Verhältnis in vollem Umfange auf. Man mag noch so viel diplomatische Kunst daraus verwenden, zu verschleiern ist diese Tatsache nicht. Die Besprechung über Oberschlesien berührt das Grenzproblem überall, wo sie an die Minderheitenfrage rührt, und wesentlich ist heute, daß die Geduld des deutschen Volkes in bezug aus sein Verhältnis zu Polen am Ende ist. Das ist etwas Elementares und ist eine Tatsache von außenpolitischer Be- deutung. ,
□Dir haben diese jahrelangen Klagen und Beschwerden satt. Uebcrall sieht man ein, daß mit Polen einfach nicht vorwärts zu kommen ist. Damit ist durchaus nicht Anträgen das Wort geredet, wie sie im Reichstag etwa in Sachen des Liguidationsabkommens usw. eingereicht worden sind. Anträge, wie sie nicht sein sollen, weil sie am Ziel Vorbeigehen, nicht nur Die Möglichkeiten mißachten, sondern nicht einmal die einfachsten Voraussetzungen kennen und berücksichtigen, die für solche Vorstöße notwendig waren. Auch das ist ein Grund, warum die außenpolitische Bedeutung des Reichstages so gering geworden ist, daß so oft oppositionelle Vorstöße erfolgen, die nicht ernst genommen werden können. Aber, mag dem sein wie es will, Tatsache ist: die de u t sch - po l n i s ch e Krise ist zu einer Schärfe gediehen wie noch nie, Tatsache ist auch hie Schuldder Polen an dieser Verschärfung.
Was wi.l eigentlich Polen? Was will der Marschall? Warum ist er nicht längst formell vor aller Welt Diktator, wie Mussolini? Warum zieht er sich gerade jetzt, wo der Sejm zusammentritt, vom Kriegsministeramt zurück, erschien er gar nicht im Sejm, den er sich doch hat wählen Iahen, will er sogar ins Ausland reisen? Das sind alles Fragen ohne Antwort. Das sind alles Gesten, die nicht den Eindruck einer sich selbst Dertraucnben Stärke machen und die noch weniger erkennen lassen, daß der maßgebende Mann im polnischen Staat selbst weiß, wohin er sein Staatsschiff steuern will.
Deshalb weiß man auch nicht recht, was her- auskommen soll, wenn, wie es heißt, Marschall P i l s u d s k i selbst an der Ratssitzung im Januar teilnchmen will. Das kann dann zu einer großen Explo'ion führen. Deutschlands volles Recht ist so sicher, daß es nicht nötig hat, sie von sich aus zu veranlassen. Un,cr Vertreter sollte sich, wenn die Lage kritisch wird, den alten Grafen Apponogyi zum Vorbild nehmen, der, als im Streit zwischen Ungarn und Rumänien in Genf 1927 der rumänische Vertreter jede Haltung verlor. durch die Destimmtheit und Würde seines Auftretens die ganze Stimmung für sich gewann. Zwischen Deutschland und Polen steht in der obersch! esi schon Frage mehr auf dem Spiel, als in jenem Streit um die Ovtantenentschädigung zwischen Rumänien und Ungarn.
Cs ist auch nicht unsere Schuld, daß diese Ratstagung gleichzeitig noch mit anderem Spreng
stoff geladen ist. Am 9. Dezember ging die Vorbereitende Abrüstungskonferenz in Genf zu Ende. Es war ihre sechste Tagung, mehr als vier Jahre hat sie gebraucht, um ihre Aufgabe zu lösen. Diese war bekanntlich ein Entwurf: Grundsätze für ein allgemeines Abkommen über Die Rüstungen als Grundlage für die Arbeiten der allgemeinen Abrüstungskonferenz. Deren Ein- berufungstermin soll der Völlerbundsrat im 3a- nuar „fc ft legen“. Da hilft nun kein Mund- spitzen mehr, da muß wirklich gepfiffen werden. Tiefe Frage des Termins muß zur Entscheidung kommen. Damit ist ein weiteres Moment großer Spannung für diese Tagung gegeben.
Der fertiggestellte Entwurf ist für Deutschland durchaus unbefriedigend. Unsere Vertretung hat wegen des Artikels 52 gegen ihn im ganzen gestimmt. Denn mit diesem Artikel wird der Versailler Vertrag, also die einseitige Entwaffnung Deutschlands und seiner Verbündeten, als Grundlage genommen. Die Bedeutung dieses Artikels 52 liegt darin, daß danach die Ziffern bemessen werden, die in den Entwurf für die Heeresstärke der einzelnen Länder einzusetzen sind. Damit ist die Konferenz von vornherein ihrer Bedeutung entkleidet. Der vorliegende Entwurf verschleiert den wirklichen Stand der Rüstungen, gestattet sogar chre Erhöhung, will aber Deutschland auf dem Riveau der Abrüstung festhalten, das ihm in Versailles aufgezwungen wurde, weil die Ab- rüstungslvnferenz die Verpflichtung früherer Verträge also gar nicht berühren soll.
Mit Rccht hat daher Graf Bernstorfs, dessen feste und ruhige Haltung allgemein anerkannt wird, auf die weltgeschichtliche Bedeutung hingewiesen, d.e die kommende Konferenz haben muß. Es ist klar, daß nach diesen Vorbereitungen in Genf die Frage d e r A b r ü ft u n - gen schlechthin zur Entscheidung gestellt wird und daß darüber gleichfalls eine Explosion erfolgen kami. Der deutsche Vertreter ermahnte d:e Regierungen, das zu erkennen, und ermahnte die Völker, chre Regierungen darauf h'.nzuweisen. Er hat sich mit Recht mehrmals auf die Worte des amerikanischen Vertreters bezogen, mit dem die deutsche Auffassung in Uebereinstimmung ist, ebenso wie übrigens im großen und ganzen mit der Auffassung der russischen Vertretung.
Insofern ist der Pessimismus nicht ganz berechtigt, daß Deutschland auf der kommenden Abrüstungskonferenz kaum einen nennenswerten Bundesgenossen zu erwarten habe. Da ist doch noch mancherlei vorhanden und mancherlei zu tun im Verhältnis zu Amerika, zu Italien, zu Rußland, und zu den anderen, die sich in eine Front mit uns gestellt haben. Wenn die „Germania" schrieb, unser einziger Bundesgenosse bliebe unser Recht aus dem Versailler Vertrag und unsere Pflicht gegenüber der wahren Abrüstung, so ist das nicht ganz richtig und nicht ganz vollständig. Cs würde auch für uns zu wenig fein. Was Deutschland zu tun hätte, wenn die Abrüstungskonferenz diesen Konventionsentwurf übernimmt, oder wenn der Termin dieser Konferenz nicht festgelegt wird — diese Erwägung ist nicht mit der Berufung auf unser Recht aus dem Versailler Vertrag erledigt. Das erfordert ernsteste Erwägung und Fähigkeit zu Entschluß!
Dazu aber muß die deutsche Regierung die Möglichkeit, die Sicherheit ihrer Arbeit und Vorbereitung haben. Richt nur ist die Annahme ihrer innenpolitischen Vorlagen zugleich außenpolitische Betätigung, sondern sie ist auch Voraussetzung dafür, daß der Kanzler mit seinen Mitarbeitern wirklich arbeiten, d. h. in den nächsten drei bis vier Wochen vorbereiten kann.
Vorbereiten sich selbst für das, was Deutschland nunmehr außenpolitisch soll, will und kann, und vorbereiten die Wege und das Gelände, auf denen zu diesem Ziele vorwärts gegangen werden muß oder kann. Das Drängen, das sich gegenwärtig im Reichstag immer zum Wort meldet, hat schon darum keinen rechten Zweck, als ja jeder Staatsmann Deutschlands, der damit befaßt ist, weih, daß er gar nicht anders kann als vorwärts gehen, weil die gewaltige Welle wachsender nationaler Freiheitsstimmung ihn ein-
Wie England Weihnachten feiert
Von 2i. Richard, London.
Nachdruck verboten.
Kein Fest wird in England so ernst genommen und so gründlich gefeiert, wie Weihnachten. So gründlich, daß manchmal, wenn der erste Feiertag günftig liegt, Geschäfte und Bureaus v.er volle Tage hintereinander geschloffen hie ben; daß politische Ereignisse jeder Art über das Fest verpönt sind — diese Regel wird von allen Parteien eingehalten —, und daß der Einwand, man habe nur etwas zu eifrig Weihnachten gefeiert, selbst einen betrunkenen zickzackenden Auto obrer anstatt der sonst üblichen strengen Strafe mit einer Warnung davonkommen läßt. Denn es ist ein Fest der Freundlichkeit und Fröhlichkeit und des allgemeinen Gehenlassens.
Die „Carolsinger", die Kinder, die vor den Türen Weihnachtslieder fingen — schon Dickens hat sie in seinen Weihnachtsgeschichten beschrieben —, legen auch heute noch allen Wohlgesinnten ihren Zoll an Kupfermünzen auf; man zahlt ihn gerne, obwohl diese Rangen nur selten schön fingen. Denn sie fingen noch dieselben Lieder wie zu Dickens Zeiten: Gott segne euch, ihr vergnügten Herren — und gebt uns etwas ab von den guten Dingen ^auf eurem Tisch.
Die guten Dinge des Lebens nämlich, das Der- Hnügtsein, das Konzentrieren auf gut Essen und -L-rinken, Küssen und Tanzen und Gechichtenerzäh- len, das ist hier das Fest, älter als Dickens oder Shakespeare selber. Geradewegs abstammend von den zwölf Rächten, der wilden Jagd, und der gebratenen Wildsau der heidnischen Vyrfahren.
Weihnachtsmann und Lichterbaum, Christkind und Engel sind Fremdlinge im Land, neumodische Umstände, made in Germany. Dor der Königin Viktoria unb ihrer deutschen Familie kannte man sie nicht. Immer wirken sie ein wenig unecht und gewollt, man versteht diese Dinge hier nicht zu behandeln und läßt sie wohl nur der Kinder wegen gelten. Der alte englische Weihnachtsmann ist viel mehr mit den Geistern verwandt, die Dickens' altem Geizhals ©crooge in der Weihnachtsnacht den Kopf zurechtsetzten: er reitet auf dein Wind, wie Wotan, nachts kommt er durch den Kamin und füllt den Kinderftrumpf mit Geschenken — etwas unheimlich und spukhaft ift der ^eilige
Abend immer, der ja übrigens nicht weiter gefeiert wird; Weihnachtstag heißt hier der 25. und man soll die Rächt vorher möglichst fest schlafen, um nicht etwa mehr zu sehen, als für einen gut ist.
Früher häufte man am Festtag das Feuer hoch im Karnin, übertönte die unheimlichen Laute von draußen mit wilder Geselligkeit und begrüßte begeistert den am Spieß gebratenen Eber. Das wilde Borstentier ist ausgestorben, in unserem milden Parkland weht wohl auch nicht mehr die rechte Luft dafür. Wir haben statt seiner den Truthahn, -auch ein von Ratur übelwollendes Tier; aber wie angenehm für den Festesser, wenn er mit Kastanien gefüllt und von einem Kranz hübscher kleiner Würstchen umgeben ist. Und wie lieblich duftet der mit Recht berühmte Pudding; schwarz vom fünfundzwanzig Stunden lang andauernden Kochen, stechpalmengekrönt, rumübergossen, brennend. Die gute Hausfrau hat ihn schon früh im Herbst gemischt aus vielen schweren und köstlichen Substanzen, tüchtig mit Rum befeuchtet, ein paar glückbringende Silbermün^en im Teig versteckt und ihre besten Freunde zum Rührenhelfen eingeladen, denn auch daran hängt ein Rattenkönig alten Aberglaubens.
Aehnliches gilt für die vielen anderen komplizierten und unverdaulichen Leckerbissen; es findet eine ernste Konzentration auf fleischliche Genüsse statt, die bei den mageren Inselbewohnern ganz außerordentlich erfrischend wirkt; ein Auflockern ihrer legendären Steifheit in etwas sehr viel Menschlicheres. Mit so viel Begeisterung wird in England überhaupt nur noch zu Weihnachten gegessen.
Die Hotels, die in Deutschland um diese Zeit so verödet sind, machen glänzende Geschäfte, denn nicht jede moderne Hausfrau unterzieht sich gern den anstrengenden Vorbereitungen, und eine angeregte Gesellschaft findet man bori auf jeden Fall. Das Beliebteste bleibt aber doch das Altmodischste, die große Gesellschaft in ei.iem Hcmfe, in dem man auf korrektes Einhalten des Rituals rechrrcn kann.
Da muh das ganze Haus mit bunten Papierketten und Stechpalmen geschmückt sein; den Truthahn und den Pudding muh man in allen Zimmern riechen und die Sänger vor'm Hause müssen jene alten „Carols“ fingen, die schließlich au$ meistens auf Essen und Trinken heraus- kommen.
fach elementar vorwärts treibt, oder wenn er nicht Vorwärtsgehen wollte, überflutet. Da dem aber so ist, hat jeder, der außenpolitische Verantwortung fühlt, die doppelte und dreifache Pflicht, abzuwägcn und zurückzuweifen, was lediglich in Geschrei und in der Geste eine außenpolitische Aktion sieht und die tatsächliche Aktion nur stört. Denn die Schwierigkeiten, tue vor der nun notwendigen außenpolitischen Aktivität Deutschlands heute stehen, sind ungeheuer! Sie sind viel größer als das Durchschnittsurteil daheim überhaupt sieht.
Während Lateinamerika in diesen Tagen die hundertste Wiederkehr deS Todestages von Simon Bolivar, des Befreiers feierte, wird sein spanisches Mutterland, dessen Sprache und Kultur in den damals entstehenden südamerikanischen Staaten fortlebt, von revolutionären Zuckungen erschüttert. Militärrevolten in den Städten Iaca, Generalstreikrevolte. Fliegerrevolte mit revolutionären Pro! ama.Ionen über Madrid, — man kann all das niederwerfen, wie es auch der Fall zu fein scheint, aber gesund wird das Land dadurch nicht. Die Rachfolgeschaft Primo de Riveras ist von einer erstaunlichen Unfruchtbarkeit und Unfähigkeit zu Reformen. zu wirklicher Ordnung. Denn was man da mit der Militärdiktatur aufrechter hält, ist ja nur ein Schein der Ordnung. Unter der Oberfläche gährt und wühlt es weiter, bis einmal das ganze System zusammenbricht, wenn es nicht die Kraft zur Reform fühlt. Denn auch nach diesem Lande, das am Kriege nicht teilnahm, bringt ja
der große Prozeß der Erschütterung und Umbildung, der die Folge des Krieges all überall ist.
Aus diesem Krieg und aus seiner Vorbereitung ragt Poincar^s Gestalt noch in das heutige Frankreich und in die europäischen Gegensätze herein. Schwere Krankheit hat den über Siebzigjährigen darniedergeworfen. Wird er sie überstehen? Die große Teilnahme an der Erkrankung in Frankreich zeigt, was er seinem Lande auch heute noch bedeutet. Man blickt ja feit Monaten hier auf ihn als den Retter au» einer Spannung, die sein Schüler Tardieu nicht zu lösen vermochte.
Poincarö sollte präsidieren an der Eröffnung des Germanischen Instituts an der Sorbonne, das Professor Henry Lichtenberger ins Leben gerufen hat. Wäre Poincare da wirklich am richtigen Platz gewesen? Was er sagen wollte, wurde verlesen. Selbstverständ'ichkeiten von deutsch-franzls scher Kulturb.e.nflrsfung unb von ber Rotwendigkeit gegenseitigen Sietkennen- lemens. Wir begrüßen die Einrichtung dieses Instituts wie alles in Frankreich und bei unS. was bas Bestehen ber beiben einander räumlich so nahen und geistig einander doch so fernen Völker fördert. Aber Poincare, beffen Bedeutung für Frankreich bic französische Geschichtsschreibung mit Recht immer sehr hoch stellen wirb, ist am Ende seines Lebens nicht der rechte Pate für eine herauf auszubauenbe. wie er selbst sagt. „Entente reflechie". Und es ist nicht nötig, die Gründe dafür einem deutschen Leser ausein- anberzufetzen!
AxswandenmgspMk unb WcllwirWaMW.
Die Drosselung der Auswanderung. — Aeue Gefahren für den Arbeiismarli.
Von Otto Corbach.
3m Laufe der letzten hundert Jahre sind etwa 6 Millionen Menschen aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten ausgewandert. Trotz immer stärkerer Drosselung der gesamten Einwanderung durch die Washingtoner Regierung nahm die Union auch noch nach kern großen Kriege die überwältigende Mehrheit deutscher Auswanderer auf. Im Jahre 1929 gingen von 48 734 deutschen Auswanderern 38 734 nach den Vereinigten Staaten, bic übrigen bis auf einen Rest von einigen Hunbert, die in Europa blieben, nach anbern überseeischen Ländern. Kanada nahm 4625, Argentinien 2799 auf. Run scheint sich das Ventil ber Auswanderung für alle europäischen Länder vollkommen schließen zu sollen. Das Einwanderungskomitee des Repräsentantenhauses der Union wurde vom Weihen Hause davon in Kenntnis gesetzt, daß die Ausgabe von Visa für europäische Auswanderer durch die amerikanischen Konsuln so beschränkt werden solle, bah während des am 30. Juni 1931 endenden Rechnungsjahres schätzungsweise 135 000 Fremde, die unter normalen Verhältnissen unter dem Quotengeseh hätten eintoanbem können, daran verhindert werden würden. Kommt das schon einer völligen Unterbindung ber Einwanderung fast gleich, so scheint eine Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses sogar auf eine hermetische Alisch l i e h u n g der Häfen unb Grenzen gegen jegliche fremde Menschenzufuhr zu brängen. Darüber hinaus sollen bie geschlichen Dipvrta - tionsmöglichkeiten für Fremde erweitert werden, bie sich durch Verstöhe gegen bic amerikanischen Gesetze ober auch nur als „Radikale", worunter nicht nur Revolutionäre, sondern auch oft harmlose Reformer verstanden werden, unliebsam bemerkbar gemacht haben. In K a n a b a , das seine Tore für bic Einwanberung ebenfalls bereits so gut wie abgeriegelt hat, ist bic Provinz Alberta bazu übergegangen, sämtliche ..Fremben", bie arbeitslos würben, soweit sie unverheiratet finb, in bie Heimatländer abzuschieben. Irrwischen hat Brasilien eine weitere Verschärfung feiner Einwanberungs-
Man gibt dem Pastor das Seine unb zieht vollzählig in bie Kirche; gleich barauf beginnt aber das große Diner, bei dem jung und alt Papierkappen trägt. Knallbonbons zieht und mit künstlichen Schneebällen wirft. — und es bietet sich auch Gelegenheit, dem schweren Essen mit starken Getränken die Waage zu halten. Gleich im Türrahmen hängt der Mistelzweig, unter dem jeder jede küssen darf.
Man gibt sich auch Geschenke, unb zwar noch unter ganz entfernten Bekannten, ebenso wie es eine soziale Verpflichtung ist, möglichst vielen Leuten ' Weihnachtskarten zu schicken. Diese Karten enthalten gebrückte Glückwünsche von jeher nur möglichen Temperatur zwischen „Unsterblicher Liebe unb Freunbschaft im neuen Jahr“ unb „Komplimenten der Jahreszeit". Man stellt solche gesellschaftliche Trophäen zum Feste auf dem Kaminsims zur Schau unb vergleicht unter- einanber bie Ausbeute.
Ein ganz geringer Grab von Intimität verpflichtet zu gegenseitiger Beschenkung, unb es kann sich leicht einer mit fünfunbzwanzig Kalendern beglückt finben. Ja, bas Schenken ist eine ernste Sorge, ber man mit langen Liften unb Plänen zuleibe geht; zubem nicht nur alle zum Haus gehörigen Personen unb ihre Kinder, sondern auch bie Austragjungen sämtlicher Kaufleute. her Milchmann, der Postbote und der Kaminkehrer ein Geschenk beanspruchen — woher ber zweite Feiertag seinen (Hamen hat — „Boxing-Day", an dem jeher seine Christmas- Box erwarten barf.
Man gibt ihnen Geld — mit Kalendern wären sie nicht zufrieden — unb sie rechnen mit dielen Einnahmen wie Kellner mit ihrem Trinkgeld und wissen sich bemerkbar zu machen, wenn es zu wenig gewesen ist. Schließlich kommen, wenn man auf dem Lande wohnt, auch noch die Landstreicher und die Zigeuner: „Rur ein kleines Stückchen vom Pudding, ein lleines Schlückchen von dem guten Whisky", unb es bringt Unglück, sie abzuweisen.
Am Ende, wenn Boxing-Day vorüber ist und das Truthahngerippe für bic Vögel am Baum hängt, hat man bas Gefühl, so grünblich gefeiert zu haben, daß man nun wieder gut für em Jahr mit minderen Festen zufrieden sein kann.
beschränkungen angelünbigt. Die andern lateinamerikanischen Länder werden zweifellos diesem Beispiel folgen. Australien hat soeben 140 Italienern, bie auf Grund der bestehenden Gesetzgebung Zulassung zu finden hofften, nach ber langen und^oftspieligen Seereise die Landung verweigert, öd schließen sich nicht nur überall! bic Tore burch bie Curopamüde bisher ben Weg zu wirklichen ober vermeintlichen überseeischen Fleischtöpfen zu finben hoffen konnten, fonbern den überfüllten europäischen Arbeits- Märkten droht außerdem eine wachsende Rückwanderung abgehobener Einwanderer.
Die Drosselung der überseeischen Einwanderung, erst recht die einsetzenbe Rückwanberung, muß naturgemäß in europäischen ßänbem zwangsläufig eine wachsenbe Abneigung gegen bie Beschäftigung von Auslän- bern auf bem eigenen Arbeitsmarkte mit sich bringen. Selbst Frankreich, bas in bet Rachkriegszeit gegen eineinhalb Millionen fry.nber Arbeiter aufnehmen unb beschäftigen konnte, bürste nunmehr zu bem System geschlossener Arbeitsmärkte übergehen, nachdem die Aufgaben des Wiederaufbaus ber zerstörten Gebiete, ber Auswertung neuer industrieller Entfaltungs- möglichkeiten, bie ber Sieg mit sich brachte, her (Entfaltung eines neuen kolonial imperialistischen Elans zur Verwirklichung hes Traums von einem „Größeren Frankreich" einigermaßen gelöst finb. unb im übrigen die Schonzeit verstrichen zu fein scheint, bie bic Weltwirtschaftskrise der französischen Wohlstandsinsel gewährte. Sv scheint ein allgemeines Zurückfluten her Zerstreuten aller Rationen in ihre Slammländer begonnen zu haben, um dort den sowieso schon übermäßigen Bevölkerungsdruck ins Unerträgliche zu steigern unb bie Reibungsmöglichkeiten mit ben Rachdarn auherorbentlich zu vermehren.
Roch hat sich ber weltwirtschaftliche Horizont nirgends erhellt, aber selbst im Falle einer baldigen Ueberwinbung ber Weltwirtschaftskrise ist kaum bannt zu rechnen, daß bic überseeischen Einwanberungslänber aus eigenem Antriebe in
Das Land um Friedberg und Bad-JIauheim.
Wir haben kürzlich schon, mit einem in den „Familienblättern" abgebrochen Gedicht, auf dieses schmale Bändchen des Dichters Albert H. Rausch hingewiesen, bas bie Verkehrsvereine von Friebberg unb Dad-Rauheim sowie bic Bad- unb Kurverwaltung Dad-Rauheim her- auSgegeben unb verlegt haben; es heißt: „Das ß an b um Friebberg und Bad-Rauhe i m" (485) unb enthält auf knapp 50 Seiten Prosa- und Dersftücke von Rausch nebst einigen sehr seinen, zartlinigen Zeichnungen des jung verstorbenen Anbreas Walser. Rausch, Hesse von Geburt, Europäer aus Erfahrung unb Neigung, hat als erster unb vielleicht einziger die hessische Landschaft zum Vorwurf reiner unb hoher Kunst erhoben. So würbe dieses Buch ein kleines unb sehr erlesenes literarisches Kabinettstück (bas ausgezeichnete Proben einer georgisch strengen Strophenkunst und einer kristallklar geprägten Prosa vermittelt) — zugleich aber auch eine Werbeschrift, wie sie origineller, künstlerischer urtb vornehmer nicht gedacht werden kann. Man findet hier natürlich nichts vom üblichen Prospekt, weder Kurtaxen noch Hotelpreise verzeichnet — aber man lieft etwa eine Schilderung des Rauheirner Parkes, die unvergleichlich ist, ... oder das sarbentronkene Kapitel über die Rosenfelder von Steinfurth, ... oder bie schönen Gebichte, „Ueberschrift: Hessen" unb „Land um Espa", — um nur einiges zu nennen. Uns ist es ein Bebürfnis, mit nachdrücklicher Empfehlung erneut auf dieses kleine Buch aufmerksam zu machen. -y-
Hochschulnachrichlen.
3n Heidelberg verstarb im Alter von 70 Jahren ber bekannte Mineraloge Professor Dr. W u e l f i n g, der bis vor einigen Jahren ben Lehrstuhl für Mineralogie an der Universität Heibelberg inne hatte. Wuelfing war 1908 als Rachfolger Roscnduschs nach Heidelberg gekommen unb ist noch vor kurzem anläßlich seines 70. Geburtstages vielfach geehrt worden. — An der Technischen Hochschule in Danzig ist der persönliche Ordinarius der deutschen Sprache unb Literatur, Professor Dr. Heinz Kindermann, zum plamnäßigen ordentlichen Professor ernannt worden.


