Nr. 67 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag, 2). März 19Z0
Amanullah auf dem Wege nach Kabul.
Don unserem (p)-Derichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Konstantinopel, Wärz 1930.
Kaum drei Wochen sind es her, daß aus Af- ghanistan über Indien die Nachricht kam, der frühere Kriegsminister und erste afghanische Gesandte für Europa, MoyarnmedWali Khan, sei zum Tode verurteilt worden. Kurz darauf wurde bekannt, daß der neue König Nadir Khan ernstlich erkrankt sei und dem Exmonarchen Amanullah die Krone angeboten habe. Wenige Tage darauf trat Amanullah in Starn- b u l Lin, und gegenwärtig befindet er sich bereits in Angora, wo er mit dem persischen und dem russischen diplomatischen Vertreter über die Möglichkeit der R ü ck r e i s e nach Afghanistan verhandelt, da ihm von der indischen Regierung eine Fahrt durch britisches Hoheitsgebiet verwehrt worden ist. Das sind, kurz zusammengefaht, die Tatsachen.
Zwischen den einzelnen Ereignissen, die sich geradezu überstürzen, besteht nun ein inniger und zugleich folgerichtiger Zusammenhang, der gleichzeitig die große Bedeutung dieses in gewissem Sinne historischen Zwischenaktes in Zentralasien offenbart.
Bei Beendigung des Weltkrieges, kurz nachdem der jetzige a-ghanis' König Nadir Khan als Kriegsminister die Unabhängigkeit seiner Heimat buchstäblich mit der Waffe in der Hand England obgerungen hatte und dabei sogar nach Indien eingefallen war, wurde er von der Höhe seiner Macht durch Mohamme d Wali Khan gestürzt und zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Mohammed Wali hatte es nämlich verstanden, Amanullah davon zu überzeugen, daß nur ein Zusammengehen mit derTür- kei die Freiheit Afghanistans auf die Dauer verbürgen könne. Während seiner Anwesenheit in Europa, als erster Gesandter Afghanistans, war Wali Khan in die Kreise um Enver Pascha geraten, dessen Pläne damals dahin gingen, mit Unterstützung Moskaus das osmanische Reich wieder in alter Große aufzurichten. Diese Pläne wurden zwar durchkreuzt, da Enver Pascha in Turkestan ermordet wurde, aber Mohammed Wali hielt auf jeden Fall am türkenfreundlichen Kurs fest, veranlaßte Amanullah, türkische Instrukteure ins Land zu ziehen, die Armee nach osmanischem Muster zu reorganisieren und Kemal Pascha, dessen Stern gerade strahlend aufging, die Freundeshand zu reichen. Nadir Khan, dem ein freundnachbarliches Verhältnis zu Persien ungleich wichtiger erschien, mußte von der politischen Bühne abtreten und wurde nach Frengistan (Europas geschickt, wo er erst Gesandter in Paris, dann Geschäftsträger in Genf war, um schließlich mit seinen Brüdern notdürftig in einem französischen Dorfe sein Leben zu fristen.
Die Reise Amanullohs nach Europa — Nadir Khan begrüßte vergeblich den König als erster auf der Landungsbrücke von Marseille — brachte keine Versöhnung zustande. Erst die Unruhen in Afghanistan, die Revolution und die Flucht Ama» nullahs riefen Nadir Khan wieder auf den Plan. Niemand weiß zu sagen, woher er plötzlich die Mittel nahm, um in Afghanistan einzudringen, Kabul zu erobern und den Führer der Aufständischen, den Räuberhauptmann Batscha-i-Sakao. den .Sohn des Wasserträgers", am Galgen eines langsamen und qualvollen Todes sterben zu lassen. Vielleicht war es englisches Geld, vielleicht hatte Amanullah selbst die Mittel dazu gegeben. Jedenfalls gelang es Nadir Khan, Afghanistan zu befreien, aber nicht, um Amanullah den Thron zurückzugeben oder dem Bruder des früheren Königs, dem weichlichen Inayatullah, die Krone anzubieten, sondern um sich selbst zum Herrscher ousrufen zu lassen.
Nadir Khan ist ein durch und durch kranker Mann. Wie es heißt, sind seine Tage gezählt. Sein Königstraum entsprang keineswegs Gründen der Herrschsucht, der Eitelkeit oder der Politik. Nadir Khan wurde König, um persönlich Rache zu nehmen, .manullah sah er gedemütigt. Die türkenfreundliche Königin S u r a y a mußte fliehen und darf, das hatte Nadir Khan zur Bedingung für eine Wiedereinsetzung Amanullahs gemacht, nicht wieder nach Afghanistan zurückkehren. Obendrein mußte Amanullah die Versicherung geben, daß er die Freundschaft Persiens, nicht die der Türkei suchen wolle. Das ist auch der Grund dafür, daß, während Amanullah sich anfchickte, von Stambul nach der türkischen Hauptstadt zu reisen, Kemal Pascha plötzlich Angora
verließ und sich nach Smyrna begab. Amanullah verhandelt mit keinem Türken, sondern mit dem russischen und dem persischen Diplomaten Er bleibt also ein Freund Moskaus, hofft aber, über Teheran die politische Drücke nach London schlagen zu können, was sehr leicht durch Erteilung von Petroleumkonzessionen in Westafghanistan an die Anglo-Persian Oil Co. geschehen könnte. DaS alles hat Nadir Kyan erreicht. Die größte Genugtuung bereitete ihm jedoch die Tatsache, daß er feinen Todfeind Mohammed Wali Khan in Ketten vor seinem Herrscherthrone sah. Wahrscheinlich wird Mohammed Wali, noch bevor Amanullah die afghanische Grenze überflogen hat, den letzten Atemzug getan haben.
Berühmte Kunstsammlungen.
Jakob Goldschmidts Gemäldegalerie. - Wer heute in Deutschland Kunstwerke sammelt. - Oie Au lösung der Sammlung Figdor.
Von Or. Walther Hölting.
In nächster Zeit werden in Wien alle großen Kunsthändler und Sammler Europas zu einer der bedeutendsten Kunstauktionen der Nachkriegszeit zusammenkommen. Es ist die längst erwartete Versteigerung der Sammlung Figdor, die nach jahrelangem Kampf um die Frage der staatlichen Genehmigung endlich doch stattfinden soll. In der Oeffentlichkeit wurde über diesen Streitfall seinerzeit viel geredet. Es handelte sich, im Grunde genommen, um die Frage, wie weit der Staat seinen Anspruch auf Erhaltung eines Kunstbesihes innerhalb seiner Grenzen geltend machen kann gegenüber dem Recht des Besitzers auf freie Verfügung über sein Eigentum — ein Problem, das unter dem Stichwort „europäischer Kulturausverkauf" schon oft erörtert wurde und im vorliegenden Fall von besonderer Bedeutung war, weil sich in der Sammlung Figdor ein in seiner Art vollkommenes Stück Wiener Kulturgeschichte erhalten hat. Denn diese Sammlung von 5000 bis 6000 Kunstgegenständen aller Art zeichnet nicht nur der ungewöhnlich hohe Wert einzelner Werke aus, sondern auch der Aufbau des Ganzen, das bestimmte persönliche Gepräge, das den Geschmack des Sammlers und die Entstehungszeit verrät. Es ist ein vollendeter Ausdruck der Kulturgesinnung des alten Wien, wie sie ungefähr im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in einem bestimmten Kreis des Bürgertums vertreten war. Man kann sogar sagen, daß mit Dr. Figdor, der erst vor einigen Jahren starb, einer der letzten großen Kunstsammler alten Stils hingegangen ist. Wie auf allen geistigen und kulturellen Gebieten, ist durch den Krieg auch in dieser Hinsicht eine tiefgreifende Wandlung eingetreten, die dem Sammlerwesen eine ganz neue Richtung gegeben hat.
Bekanntlich hat die gesellschaftliche Umschich- tung und der Wechsel aller Besihverhältnisse während des vergangenen Jahrzehnts auch im privaten Kunstbesih große Veränderungen mit sich gebracht. Viele der früheren großen Kunstsammlungen wurden in der Inflation zerschlagen, wanderten zum Teil ins Ausland oder wurden in alle Winde zerstreut. So sind z. B. von den Sammlungen, die in den Gründerjahren und in der folgenden Zeit in Berlin aufgebaut wurden, nur noch wenige im alten Umfang erhalten geblieben. Die prachtvolle Gemäldegalerie des Herrn von Holitscher wurde als Ganzes verkauft und ging dann großenteils ins Ausland. Die Sammlung H u l d s ch i n s k y existiert nicht mehr. Die Holzplastiken-Sammlung von Benoit Oppenheim hat sich aufgelöst und ist vielfach zerteilt. Auch die Sammlung von James Simon, ehemals wohl die berühmteste Berlins, besteht nicht mehr. Dies sind nur die größten Namen: die Reihe liehe sich fortsetzen.
Es läßt sich natürlich nur zu einem kleinen Teil übersehen, in welche Hände diese Kunstschähe übergegangen sind. Aber man darf doch gegen das oben erwähnte Schlagwort vom „europäischen Kulturausverkauf" einige Einwände erheben. Wohl ist wertvoller Kunstbesitz nach Ame.ika verkauft worden. Den großen Händlern in den europäischen Kunstzentralen Berlin, Paris, Amsterdam muhte schließlich jede Kundschaft willkommen fein, auch wenn sie etwa aus Ohio kam. Immerhin ist gerade in Deutschland festzustellen, dah viele wertvolle Stücke im Lande geblieben sind; teils sind sie wieder in Privatbesih übergegangen, teils in die öffentlichen Museen. Von der Sammlung James Simon fiel der größte Teil deutschen Museen zu, und auch bei dem De kauf der übrigen Bestände in Amsterdam haben sich die deutschen Händler sehr stark beteiligt. Die Oppenheimschen Holzplastiken, die einzeln verkauft wurden, sind gleichfalls vielfach wieder nach Deutschland gewandert. Leider ist eines der wertvollsten Stücke, eine prachtvolle Jesus- und Iohannesgruppe, nach .Amerika verkauft worden. Das städtische Museum in Ulm wollte das Werk für sich retten, brachte aber die Mittel nicht auf. So siegte das amerikanische Angebot mit 375 000 Mark. Man fragt sich übrigens angesichts eines solchen Verlustes, weshalb in Deutschland in einem solchen Fall nicht die dafür gefd)affenen gesetzlichen Schuhbestimmungen in Kraft treten. Cs wurde ja nach dem Kriege ein Verzeichnis wertvoller nationaler Kunstwerke angelegt, die nicht ohne ausdrückliche Genehmigung des zuständigen Ministeriums ins Ausland ausgeführt werden dürfen. Dieses Schutzsystem hat schon in zahlreichen Fällen versagt. Der Grund mag zunächst darin liegen, dah die privaten Bestände nur unvolllommen in das Verzeichnis auf genommen wurden, anderseits besteht bei den Behörden nicht immer das wünschenswerte Verständnis für den Wert solcher Kunstschähe, und die Ausfuhrerlaubnis ist manchmal in Fällen erteilt worden, in denen sie sich auf keine Weise rechtfertigen lieh.
Demgegenüber sei auf den Streit um die Sammlung Figdor verwiesen, in dem der österreichische Staat seine Interessen mit einer Zähigkeit vertrat, die sogar vielleicht über das Maß des rechtlich Zuläisigen hinausging. Als nämlich nach dem Tod Dr. Figdors der Besitz an seine Nichte, die Gattin des früheren Oberbürgermeisters Walz von Heidelberg, überging, wurde auf Jnllla ivr les Bund spräsiderten H a i n i s ch ein Gesetz erlassen, das die Ausfuhr besonders wertvoller Kunstschätze von einer ausdrücklichen staatlichen Genehmigung abhängig machte. Und diese Genehmigung wurde in der Sache Figdor sofort versagt. Die Erbin konnte ihren Besitz zwar übernehmen, aber nicht nach Deutschland nfltneh- men. Trotz der Einsprache vieler einflußreicher
Gießener Gtavttheater.
Ngo Fatena: „Der letzte Lord".
Man fühlte sich in die älteren Jahrgänge der Gartenlaube zurückversetzt. Die verblichene Mar- litt schien von den Toten auferstanden, um uns noch einmal auf englisch zu Entgegnen und den staunenden Zeitgenossen eine verschollene Schloß- geschichte zu versetzen.
Die Situation des deutschen Theaters ist wenig erfreulich. Das liegt, von manchem andern abgesehen, daran, dah gegenwärtig ein _ er- erschreckender Mangel an wertvollen Stücken besteht. Deshalb sind wir der Meinung, es sei besser, gute Ausländer zu spielen, als unzulängliche Einheimische. Aber ein derart schwacher Import ist abzulehnen; schlechte Stücke schreiben können bei uns mehr Leute, als uns lieb ist. Und man spart dabei wenigstens die Ucber- setzung (die im vorliegenden Falle von Otto Eisenschih stammt und ebenfalls manches zu wünschen übrig läßt).
Es ist also, trotz dem Erfolg der Hamburger Uraufführung, nicht ganz verständlich, warum man sich zur Annahme dieses Stückes, das sich schamhaft als „Spiel“ bezeichnet, entschlossen hat. Der Publikumserfolg war auch hier durchaus unbestritten; aber den hätte man mit jedem besseren Schwank ehrlicher haben können.
Das Geheimnis des letzten Lords besteht im wesentlichen darin, dah er gar kein Lord ist. Sondern ein junges Mädchen und noch dazu ein ganz schlichtbürgerliches. Zwar aus dem .rhabenen Geschlechte der Kilmarnocks stammend, jedoch seit Jahren in Ungnade lebend, dieweil her Vater des Mädchens seinerzeit den Fehltritt iner Mesalliance beging und dadurch den schier unversöhnlichen Groll des familienstolzen Herzogs von Kilmarnock auf sich lud.
Was geschieht? Der letzte Lord, der (im doppelten Sinne) keiner ist, wirft sich in Männer- Hosen und zieht gen Schottland, in das Schloh des zürnenden Ahns. Der fällt nicht nur prompt auf den Schwindel rein, sondern erhält auch grade zur rechten Zeit Besuch ... von der Prinzessin von Dänemark und ihrem blonden Sohn in blauer Husarenuniform.
Da dem alten Großvater zu schicklichem Emp- sang eine Ehrendame fehlt, ist der Heine Lord gern erbotig, ihm mit abermaliger Verkleidung und Rückverwandlung in feine angeborene Weib
lichkeit aus der Verlegenheit zu helfen. Wozu der blonde Prinz an den Haaren herbeigeschleift wurde, braucht wohl nicht näher erklärt zu werden. Damit er sich in die junge-Dame verlieben und mit ihr verloben kann. Aufatmend fühlt man solchermaßen den Bann gebrochen, sieht man den Greis versöhnt und den Makel des ehrwürdigen Geschlechtes getilgt. —
Die Ausführung unter Peter Fasso11s Regie war anerkennenswerterweise bemüht, dem ledernen Dialog einige Farbe und dem salzlosen Spiel im Schloß ein fchwankmähiges Tempo zu verleihen.
Annemarie Mewes hat die Hauptrolle, abwechselnd im Backfifchdreh und in Reithosen; sie quirlt in quecksilberner Beweglichkeit auf der Bühne umher und begleitet ihre Verwandlung mit leiser Selbstironie, die ihr nicht übel steht und den Leuten Vergnügen bereitet.
Zingel ist der ahnenstolze Herzog, ein großväterlicher Grimmbart und Polterer mit gesunden Rotweinfarben. Volck in der Schwankpartie des Schloßverwalters; Luise Jüngling- Schubert als der von herzlicher, wiewohl unbegründeter Heiterkeit erfüllte hohe Besuch; Wese n e r als der Dänenprinz (Eh.istian, nicht Hamlet), ein angenehmer Liebhaber.
Der im übrigen verschwenderische Personalaufwand des Stückes ist nur aus der Hilflosigkeit des Autors zu erklären. —
Sehr freundlicher Beifall schien in erster Linie der Inszenierung zu gelten. Dr. Th.
Anekdoten ans alter Zeit.
Von Karl Federn.
Das Trinkgeld.
Dicse Geschichte erzählte mir Herr v. F.-H. in Wien, als er schon sehr alt war. Er war ein hübscher, liebenswürdiger, in Gesellschaft gern gesehener junger Mann gewesen, hatte als Schriftsteller Erfolge und wußte geschickt zu verbergen, wie sehr es ihm zumeist am Gelde fehlte. Seine Barschaft bestand aus einem Doppelsilbcrgulden und zwanzig Kreuzern, als er eims Abends zu einem Empfang in der franzLiisch.n Botschaft geladen wurde. Er besah einen tadellosen Frack und was sonst nötig war, aber er konnte unmöglich zu Fuß kommen, und konnte s ch auch nicht entschließen, dieses letzte Zweiguldenstück zu opfern. Zum Glück
waren die .Wiener Fiaker verständnisvolle Leute. Die französische Gesandtschaft lag auf dem Lobkowitz-Plah; Herr v. F.-H. ging von seiner entfernten Wohnung zu Fuß bis zur letzten Ecke, an der ein Fiakerstand war, trat auf einen Kutscher zu und fragte ihn, ob er ihn für zwanzig Kreuzer, also für das bloße Trinkgeld ohne die Taxe vor das Gesandt- schastsgebäude fahren würde? Der Fiaker übersah die Situation sofort. „Js schon gut! Steigens nur ein, Euer Gnaden!" sagte er F.-H. stieg ein, der Kutscher schnalzte, zog an. der Wagen rollte um die Ecke, schloh sich der Reihe an, hielt elegant und feierlich vor dem erleuchteten Portal, F.-H. stieg aus, schritt großartig an dem sich tief verbeugenden Pförtner und den Lakaien vorbei, die teppichbelegte Treppe hinauf.
Er unterhielt sich glänzend und war doppelt vergnügt, da er ein so beträchtliches Kapital für die nächsten Tage gespart hatte. Um ein Uhr war der Empfang zu Ende, und er stieg zwischen andern vornehmen Gästen die teppich- belegte Treppe hinab Zu beiden Seiten unten standen Lakaien mit silbernen Tabletts, auf die jeder vorbeikommende Gast einen Silbergulden als Trinkgeld legte. Nur Herr v. F.-H. legte, wider Willen freigebiger als alle andern, einen Doppelsilbergulden dem unbeto.g ichen Lakaien hin. Auch er tat es unbewegt, in vollkommener Haltung, wenn auch innerlich geknickt, und wanderte of)m einen Heller in der Tasche aus dem Dotschaftshotel in die Nacht hinaus.
Die Vorstellung.
Unter den europäischen Truppen, die im Jahr 1900 nach Peking marschierten, um die dort eingeschlossenen Gcsandtichaften zu rett'n, befand sich auch ein kleines österreichisches Kontingent von etwa dreihundert Mann. Als die Truppen noch in Tientsin lagen, hatte ein Leutnant mit einigen Soldaten den Auftrag .zu foura- gieten. Hinter der Hütte eines Chinesen entdeckten sie Hühner, die Körner pickend und glucksend hin und herliefen. Aber der Chinese weigerte sich, sie zu verkaufen. Darauf fingen die Soldaten die Hühner, banden die Gackernden mit den Beinen zusammen und legten den vorgeschriebenen Preis in Silber vor d m Chinesen nieder, der ein großes Geschrei begann.
In der Nähe standen zwei fremde Offiziere und ein Herr im Tropenanzug und faßen zu. Jetzt trat der Herr in Zivil auf den Leutnant zu und sagte auf Deutsch: „Herr ße.itnant, ich sehe mit Befremden, daß österreichische Soldaten plündern!“
Persönlichkeiten, u. a. Dr. St re sein anns. verharrte die österreichische Regierung auf ihrem Standpunkt. Frau Walz blieb nichts anderes übrig, als die Sammlung an einen Konzern von Kunsthändlern zu verkaufen, die dann ihrerseits schließlich die Genehmigung der Auktion erreichten, aber nur mit der Bedingung, daß ein wesentlicher Teil der Kunstschätze an das staatliche und das städtische Museum fiel, und daß die Versteigerung nur in Wien ftattfinben dürfe.
Wenn die Veränderungen im privaten deutschen Kunst besitz während des letzten Jahrzehnts im ganzen sehr bedeutend waren, so hat sich doch ein wesentlicher Teil in den Sammlungen der früher regierenden Fürst en erhalten. E.n großer Tell dieser Kunstschähe ging in den Besitz pes Staates über, vieles blieb als Privateigentum in der Hand der Fürsten. So verfügt z. B. das Haus Hohenzollern noch immer über einen großen Kunstreichtum; auch andere Häuser wie Wittelsbach. Württemberg und Hessen, haben allerlei Kostbarkeiten im Besitz. Hingegen ist bei den mediatisierten Fürsten manches in die Brüche gegangen, was der Erhaltung in geschlossenem Rahmen wert gewesen wäre. Daß auch die schöne Sigmaringer Sammlung ausgelöst wurde, ist ein recht empfindlicher Verlust, wenngleich ein großer Teil in Frankfurt beisammen geblieben ist. Bei alledem darf man nun keineswegs den Wert der neuen Sammlungen unterschätzen, die. vielfach kaum zehn Jahre alt, in aussichtsreichem Aufbau begriffen find. Aber sie haben in der Regel nicht mehr den fast musealen Charakter der früheren Sammlungen. Vor allem aber hat sich der Typus des Sammlers selbst vollkommen gewandelt. Cs gibt heute wohl kaum mehr den Grandseigneur, der fünfzig Jahre seines Lebens nur an den Ausbau seiner Sammlung seht und das Kunstwerk nur um feiner selbst willen besitzen will. Hrute sammelt der Bankmagnat und der Industriekapitän aus beiläufiger Liebhaberei und aus dem Bedürfnis, feiner Lebenshaltung einen vornehmen, repräsentativen Rahmen zu geben. Man kann daher geradezu von einer soziologischen Umschichtung im Sammelwesen reden, die der wirtschaftlichen völlig entspricht. Der Wert der Sammlungen wird durch diese Wandlung nicht betroffen. D:e jetzige Sammlergeneration hat gezeigt, daß sie Galerien von hohem Rang aufzubauen versteht. Man braucht nur an die schönen Berliner Sammlungen von Renaissancekunst, italienischem Barock und Niederländern zu erinnern oder an den wertvollen Kunstbesih der Familie Thyssen. Auch Jakob Goldschmidt hat eine schöne Galer.e des 19. Jahrhunderts, ferner eine kostbare Sammlung von Bronzen und ostafiatischer Kunst. Es läßt sich noch nicht sagen, in welcher besonderen Richtung sich diese Sammlung weiterentwickeln wird; aoer man darf annehmen, daß sie noch zu einer großen Gemäldegalerie ausgebaut wird. Der Impressionismus ist überhaupt in Berlin sehr stark vertreten. In vorderster Reihe steht hie. die Sammlung deutscher und französischer Impressionisten, die Bernhard Köhler vor dem Krieg anlegte und seither erweitert hat. Besondere Erwähnung verdienen auch die prachtvollen Daumier - Sammlungen von Eduard Fuchs und Fritz Heß. Für die Plastiksammlung Oppenheims hat sich in einigen kleineren Sammlungen Ersah elngeftcllt, der freilich noch nicht den Anspruch auf volle Gültigkeit erheben kann. Im ganzen ist aber doch festzustellen, daß dieser Nachwuchs von Sammlern einen Kunstwillen zeigt, der für die Zukunft vieles verspricht, wenn auch die alten Bahnen wohl endgültig verlassen find.
Taten für Freitag, 21. Mär,.
1 65: Johann Sebastian Bach in Eisenach geboren; — 1763: der Dichter Jean Paul (Friedr. Richter) in Wunsiedel geboren; — 1809: der Staatsmann Jules Favre in Lyon geboren; — 1871: Eröffnung des ersten Deutschen Reichstages in Berlin.
Der Leutnant erwiderte: „Erstens plündern meine Leute nicht, sondern sie fouragieren. Und zweitens, was geht das Sie an?"
„Ich ersuche Sie, höflicher mit mir zu sprechen," sagte darauf der Herr im Tropenanzug, ..Sie scheinen nicht zu wissen, wen Sie vor sich haben: mein Name ist Prinz ... von Bourbon, und meine Schwägerin ist die Königin-Regentin von Spanien."
Der Leutnant verbeugte sich und erwiderte: „Mein Name ist Leutnant Huber, und meine Sant’ hat eine Zündhölzelfabrik in Linz."
Der Sachkundige.
Dah die entscheidenden Männer in den Aem- tem nicht immer die Minister, nicht einmal immer die Referenten, sondern oft irgendein Rechnungsrat ist, das weiß man. Wer der Klügste im Amt ist, weiß man nicht. Manchmal ist es der Pförtner. Wenigstens schien es so in einem Fall, der sich in Rom wenige Jahre vor dem Kriege zutrug. Eine englische Firma wollte Dewäfserungsröhren nach Italien liefern. Es muhte ein glänzendes Geschäft werden, wenn man sie zollfrei oder doch zu einem erträglichen Sah einführen konnte. Ein englischer Journalist in Rom. mit dem ich befreundet war, und der mir die Geschichte noch am selben Tage erzählte, ging mit dem Vertreter der Firma und machte den Dolmetsch. Aus dem Zollamt schlugen die Beamten in allen Verzeichnissen nach und fanden nichts über Drainröhren gesagt. Man verwies die Herren ans Finanzministerium. Aber auch in der via del Tritone hatte der Referent keine Ahnung, ob die Röhren als Keramiken, als landwirtschaftlich? Art k.l. als Terrakotten oder „Mauerstein" oder zollfrei zu behandeln wären. Man redete und riet hin find her, man ging zu immer höheren Stellen und kam zu keinem sicheren Aufschluß. Als die beiden ärgerlich und hoffnungslos das Ministerium verließen und im Torweg ihrem Unmut Ausdruck gaben, fragte der freundliche Porti- naio, ob er den Herren vielleicht dienen könne. „Das werden Sie wohl nicht," sagte der Journalist. „Chi lo sa ?“ (Wer weih?), entgegnete der Erfahrene. „Nun, wenn Sie uns einen Rat wissen, soll es Ihr Schade nicht fein“, und sie tragen ihm den Fall vor. „Aber das ist doch so einfach, meine Herren", sagte der Mann, der berufsmäßig der klügere war. „Sie schicken ein Paket mit einer Drainröhre von England nach Italien, und dann sehen Sie, ob und wie hoch es verzollt wird!"


