Nr. 166 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag. 18. Juli 1930
Oie Verschärfung der Weltwirtschastskrisis.
Von Professor Dr. Hermann Levy, Berlin.
Auch diejenigen Wirtschaftler, denen man nicht einen blinden Optimismus nachsagen darf, hatten in den letzten wahren mit einer — zumindest allmählichen — Gesundung der schweren weltwirtschaftlichen Lage gerechnet. Die fortschreitende Stabilisierung der Valuten, die Bereitwilligkeit Amerikas, endlich die aufgehäusten Goldschätze wieder in Form von Anleihen an Europa, wenigstens in beschränktem Ausmaß, zurückzugcben, die fortschreitende friedliche Atmosphäre auf politischem Gebiete, das alles waren Momente,, von denen man eine gewisse Stabilisierung und damit eine langsame Besserung der Weltwirtschaftslage erwartete. Diese Erwartung ist nicht eingetroffen 3m Gegenteil. Seit einigen Wochen preist man, baß die Weltwirtschaftskrisis sich in einer Weise verschärft hat, die ihre Heftigkeit weit über den Grad der letzten 3ahre erhebt.
Einige Ziffern mögen das zunächst beleuchten, und zwar Ziffern, die gerade für die Lage dev Weltwirtschaft stets von symptomatischer Bedeutung gewesen sind. Die Roheisenerzeugung ist in den 11021. von 3,9 Millionen Tonnen im Mai 1929 auf 3,2 Millionen im Mai d. 3. gesunken, in England betrug im Mai 1930 die Roheisenerzeugung 624 000 Tonnen gegen 869 000 im (Jahresdurchschnitt von 1913, in Deutschland stand die Roheisenerzeugung im Mai 1930 weit unter dem Monatsdurchschnitt des 3ahres 1929. Der Wert der Ausfuhr aus den USA., der im April 1929 etwa 418 Mill. Dollar betrug, ist im April 1930 auf 326 Mill. Dollar zurück- gegangen! Eine charakteristische Ziffer, — denn sie zeigt die sinkende Kaufkraft der Welt selbst für die Waren der Union, die doch den .Vorzug" geniesten, von der übrigen Welt sehr dringlich (Getreide, Rohstoffe) gebraucht zu werden. Die Ausfuhr Englands ist von 60 Mill. Lstrl. Im April 1929 auf 51 Mill. Lstrl. im 3ahrc 1930 gesunken, die Einfuhr hat Nch jedoch um weit weniger verringert, so dah eine neue Verschlechterung der Handelsbilanz Englands eingetreten ist. Charakteristisch ist ferner für den Stand der Wirtschaft in fast allen Ländern das geradezu enorme Anschwellen der Arbeits losen- ziffern. Es trifft dies nicht nur auf uirs zu, die wir heute 1,6 Millionen Vollerwerbslose in der Arbeitslosenunterstützung haben und dazu etwa 300 000 in der Krisenunterstühung. 3n England waren im Mai d. 3. über 15 Proz. der in Gewerkvereinen oder sonst versicherten Personen ohne Arbeit gegen 9,8 Proz. im 3uni des Vorjahres. Sin Blick in englische Wirtschaftsblätter kann ohne weiteres davon überzeugen, wie schlecht die Lage der großen englischen Industrien ist. Dabei stellt z.D. der „Economist" fest, „daß man nicht behaupten forme, dost irgendein Zeichen der Besserung der Wirtschaftslage in Sicht sei". Unzweifelhaft ist die Weltwirtschastskrisis aus ihrem an sich schon höchst unerfreulichen Stadium der .schleichenden Krisis" herausgetreten und nähert sich einem Stadium akuter, erschreckender Zuspitzung.
Vorböten dieses Zustandes sind unzweifelhaft die „Kräche an den großen Weltbor- s e n“ gewesen, die man sich — besonders in Amerika — zunächst gar nicht eindeutig erklären konnte, deren tiefere Zusammenhänge jetzt aber immer deutlicher werden. Die Milliardenverluste in Wall Street, die schweren Erschütterungen! der Aktienmärkte in der Londoner City, die schon im Vorjahre mit den Hatrh-Skandalen begonnen haben, die heftigen Rückgänge an den deutschen Aktienmärkten — alle diese Erscheinungen, die so verschieden in ihren äuherlichen Anlässen er
scheinen, sind nichts weiter als die von der Börse rechtzeitig gewitterten Stürme am Horizonte von Handel und Produktion gewesen. Seltsam aber ist an dieser — man kann wohl sagen „neuen" — Weltwirtschaftskrisis, dah sie im Zeichen sowohl eines Sinkens der Geldsähe wie der Warenpreise vor sich gebt. Die Geldsätze paben auf den internationalen Märkten einen Tiefstand erlangt, wie er selbst in der Vorkriegszeit nur selten erreicht worden ist. Bezeichnend hierfür war die Herabsetzung der Diskontrate in Paris auf 2,5 Prozent, in London, Reuyork, Zürich und Amsterdam auf 3 Proz. Aber trotz des .billigen" Geldes eine dauernde Verschlechterung der internationalen Absatzverhältnisse! 3a. es stellt sich mehr und mehr heraus, dah diese „Billigkeit" des Geldes nicht als Symptom des Wohlstandes auf- gefaßt werden darf, sondern als das Zeichen einer Erschlaffung der Kreditinanspruchnahme infolge der sinkenden Geschäftstätigkeit. Ebenso zeigen die Warenpreise eine stark sinkende Tendenz. Cs sei nur daran erinnert, daß Weizen in Reuyork fast auf das Riveau des Friedenspreises gesunken ist, und daß Roggen in Chikago heute sogar billiger ist als im 3ahre 1913! Eine Betrachtung des internationalen Preisniveaus und der internationalen Preisentwicklung zeigt, daß in Großbritannien der Großhandelsindex um mehr als 13 Prozent seit 3ahresfrist zurückgegangen ist, in Frankreich um rund 15 Prozent, in 3talien sogar um 26 Prozent, in der Schweiz um über 11 Prozent, im Deutschen Reiche um 8 Prozent. Dieser Preisrückgang ist eine Folge der Senkung wichtiger Rohftoffpreise und Halbfabrikate, die schon seit einiger Zeit begonnen und sich in letzter Zeit verstärkt hat. Besonders scharf hat sich diese Preissenkung auf dem Metallmarkt geltend gemacht, so daß hier fast alle Preise unter dem Vorkriegs-Preisstand liegen. Auch auf dem Baumwollmarkt geht die Abwärtsbewegung weiter. Run müßte man — ähnlich wie bet der Diskontverbilligung — annehmen, daß die Senkung der Preise auf dem Wege der Konsumsteigerung weltwirtschaftlich einen Vorteil bedeuten müsse. 3m allgemeinen wirkt sich da die Herabsetzung von Preisen in einer Steigerung des Bedarfes aus, die wiederum der Erzeugung zugute kommt. Allein, in unseren anormalen Zeitläuften versagt auch hier die alte Schulweisheit. Die Senkung der Rohstoffpreise hat in überseeischen Gebieten überall zu, schweren Qkrtuften der Erzeuger (amerikanische, kanadische Landwirte z. B, Besitzer der Gummiplantagen in West-3ndien uftoj geführt und damit die Rotlage der Weltwirtschaft ganz allgemein verstärkt. Die Absahbelebung auf dem Gebiete der Fertigfabrikation ist nicht in dem entsprechenden Ausmaß der Senkung der Rohstoffpreise gefolgt und vor allem hat es sich bisher nirgends ergeben, daß die ermäßigten Preise kons umbelebend gewirkt hätten. So muß man sie zunächst jedenfalls als ein krisenverschärfendes Moment auffassen. Es ist dabei zu bedenken, daß die geschwächte Konsumkraft der Welt für Bedarfssteigerungen rascher Art zunächst gar nicht vorbereitet ist und es ist zweitens als sehr wichtiger Gesichtspunkt zu beachten, daß die stehenden Kosten der Erzeugung, wie z. B. die in allen Ländern hohen Steuern und Sozialabgaben, dieselben geblieben sind und damit die sinkenden Preise zu Verlustpreisen für die meisten Unternehmer machen.
Wir sind damit zu dem „springenden Punkt" der ganzen Situation gelangt. Die Weltwirtschaft leidet unter der stetigen Verringerung der Absatzmöglichkeiten. Diese ist erstens das Ergebnis der Kriegsverhältnisse, zweitens die Folge der hochschuhzöllnerischen Politik, ganz besonders der Ueberseeländer mit den Vereinigten Staaten an der Spitze (der neue Hawleh- Tarif verschärft auch hier die Lage!), drittens der
hohen Belastung der Erzeugung durch Steuern, soziale Abgaben usw., welche eine günstige Auswirkung des Preisrückgangs illusorisch machen. Dazu kommt ganz besonders noch die dauernde Schwächung des deutschen Absatzmarktes durch die unS aufgebürdeten Lasten der „Friedens"-Verträge und ihrer Rachfolger, ferner die wachsende Doykottbewe- gung im Fernen Osten (3ndien) gegen europäische Waren, welche besonders die englische Wirtschaft schwer trifft. So läßt sich beim besten Willen auf dem Gebiete der Weltwirtschaft heute kein Optimismus aufbringen. Es bleibt nur eine einzige Hoffnung: daß die neue Verschärfung der Weltwirtschastskrisis vielleicht die Einsicht der heute mächtigsten Staaten steigern wird, daß ohne eine radikale Beseitigung der verderblichen Einflüsse ein wirklich befreiender Ausweg aus der jetzigen Situation nicht gefunden werden kann.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 18. 3uli 1930.
Sonnenbrand und Hautcreme.
Von Dr. med. A. Karsten, Äerlin.
Tausende tummeln sich jetzt an den Ufern der Seen und Gewässer und legen sich nach dem erfrischenden Bad flach auf den Boden hin, um sich von den Sonnenstrahlen gründlich durchwärmen und braun brennen zu lassen. Aber diese Sonnenbäder bergen auch viele Gefahren in sich. Wenn die Haut im Winter ganz ausgebleicht ist, dann ist sie ohne schützende Pigmenteinlagerung sehr empfindlich für die Bestrahlung. Rascher, als man irgendeine unangenehme Empfindung verspürt, hat sich die Haut stark gerötet, sie ist richtig verbrannt wie durch Feuer, der ganze Körper wird durch Fieber geschüttelt und dazwischen von Kälteschauern, es stellen sich Schmerzen und Schlaflosigkeit ein, und am Ende dieser unerquicklichen, mehrtägigen Periode bilden sich unzählige kleine Wasserbläschen unter der Haut, die sich schließlich in großen Stücken abschält.
Wie kann man es anstellen, daß man zwar die Segnungen der Sonnenstrahlen genießt, aber doch nicht zu sehr verbrennt? Die Physik und Chemie zeigen uns den Weg hierzu. Das Licht ist ja eine Wellenbewegung im Aether, jeder Sonnenstrahl aus unzähligen Wellen verschiedener Länge zusammengesetzt. Es gilt also, durch besondere, wie Filter wirkende Farbstoffe jede Strahlen, die die Verbrennung verursachen, auszusenden und nur die durchzulassen, die wärmen und heilen. Dies besorgen Haut- und Semi- creme, die dünn, aber intensiv in die Haut ein- gerieben werden. Es wird dadurch eine Verbrennung und Schälung der Haut vermieden, diese wird dabei samtartig weich und glatt und nimmt einen dunkelbraunen BroiDeton an, so daß Blässe und Sommersprossen verdeckt werden. Dabei muß man den gleichzeitigen Gebrauch von alkoholhaltigen Parfüms vermeiden, die bei Einwirkung ultravioletter Strahlen zu Entzündungen führen.
Es gibt viele Personen, die teils aus beruflichen oder materiellen Gründen zu langen Reisen und Sonnenbädern keine Zeit haben, oder die öffentlichen Bäder nicht gern benützen. Trotzdem müssen sie keineswegs auf die großen gesundheitlichen Vorteile der ultravioletten Bestrahlung verzichten, denn die moderne Technik gibt ihnen ein Mittel an die Hand, auch zu Hause — unabhängig von der Witterung — zu jeder Stunde sich den Sonnenstrahlen auszusehen, nämlich in Gestalt der „künstlichen Höhensonne". Cs ist dies ein elektrischer Apparat, der innerhalb einer für die wirksamen Strahlen sehr durchlässigen Quarzlampe sehr intensive Strahlen entwickelt. Auch hier muß man sich
vor einem schädlichen ikbermaß hüten, und namentlich bei Beginn darf man das Gesicht in einem Abstand von 30 bis 40 Zentimeter von? Brenner nicht länger als ein bis zwei Minuten belichten. Dabei muß der Bestrahlte die Augen durch Bedecken mit einem Wattebausch oder einer entsprechend ausgeschnittenen mehrfachen Papierlage schützen, andere im Raum anwesende Personen durch dunkle Drillen. Auch hier tritt die Wirkung nicht augenblicklich ein, erst nach fünf bis sechs Stunden beginnt sich die Haut zu röten, sie wird von einem angenehmen Wärmegesühl durchströmt. eS bildet sich ein Erythem, dann geht die rote Farbe ohne Schmerzen in zwei bis drei Tagen in eine bräunliche über. Durch langsames Wenden deS Kopses schützt man von allem den besonders empfindlichen Rasenrücken vor zu starker Einwirkung, vorteilhaft ist eS aber auch hie», eine Teintcreme zu verwenden.
2ktlängert man ohne Auflegen von Creme die Destrahlungszeit, dann kann man die obere Hautschicht in Form einer Schälkur vollständig erneuern, wie sie so wirksam und ohne unangenehme Rebenerscheinungen durch kein anderes Mittel möglich ist. Schon nach wenigen Bestrahlungen verschwinden Hautunreinlichkeikdn. wie Pickel, Mitesser usw. Auch Rasenröte verschwindet selbst in hartnäckigen Fällen, da tiefliegende entartete und dann eiternde Hautdrüsen nach einer vorübergehenden Entzündung aus- heilen.
Bestrahlungen finb also ein wundervolles natürliches Kräftigungsmittel, besonders für beruflich überanstrengte und schwächliche Personen, für alternde und genesende Leute, sie sind ein wirksames Gegenmittel gegen Stubenluft und Rachtarbeit, ein Vorbeugungsmittel gegen Krankheiten, ein Stärkungs- und Heilmittel auch gegen Haarausfall.
Militärkonzert in der Dollshalle.
Auf Veranlassung des Volkshalle-Vereins fand gestern abend in der Volkshalle vor etwa 2500 Besuchern ein Militärkonzert statt, wie man eS in dieser Art hier seit 3obren nicht gehört hat. Die Musikkorps des Gießener und deS Marburger Bataillons des 3nf.-Regts 15 waren für diese Veranstaltung zu einem geschlossenen Klangkörper zusammengefaßt und erfreuten mit künstlerischen Darbietungen hochstehenden Ranges. Die Zusammenstellung des Programms, auf dem man Kompositionen von Richard und 3ohann Strauß, Richard Wagner, G. Verdi, C. M. von ClSebcr, E. Grieg, ferner hervorragende Marschkompositionen der verschiedensten Art sand, verriet guten Geschmack und sorgfältigste Gruppierung der verantwortlichen Konzertleiter Obermufihneifter Gober (Gießen) und Musikmeister Große (Marburg).
Der erste Teil des Programms wurde unter der Leitung von Musikmeister Große (Marburg) abgewickelt und war den Werken von Strauß, Wagner und Verdi gewidmet. 3n feiner musikalischer Kultur bot Musikmeister Große mit seinem etwa 60 Mann starken Orchester hier eine musikalische Leistung, der die größte Wertschätzung gebührt. Den Höhepunkt seiner künstlerischen Darbietungen erreichten er und seine Musiker mit der Ouvertüre zur Wagnetschen Oper „Tannhäuser" und mit der Hymne und Triumphmarsch aus der Oper „Aida" von dkrbi. Daneben sanden aber auch die prächtigen Tonwerke von Richard und 3ohann Strauß eine glanzvolle Wiedergabe.
3m zweiten Teile des Programms unter der Leitung von Obermusikmeister L ö b e r waren die feinsten Gaben C. M. von Webers Ouvertüre zur Oper .Oberon" und zwei Stücke aus Griegs Komposition „Sigurd 3yrsalfat". 3m übrigen hatte in diesem Teile des Programms die Marschmusik der verschiedenartigsten Schattierungen ihren Platz, wobei Obermusikmeister Gober und feine schneidig musizierenden Leute alle Register
Oie Sünde der Senate Mercandin.
ZRoman von Fred Aeliuel.
23 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Das bestellte Zimmer ist besetzt."
Es waren Monate nach seinem Stellungsantritt im Hospital von Kairo, als der langersehnte Anruf kam. An jenem Abend flammte Griebenow das Feuer ins Gesicht, und seine Hände jitterten, als er den Hörer auf die Gabel legte.
Seit dem Tage, als der Dries von Hämerling in seinen Händen lag: „Die schönste Frau Berlins ist immer noch verreist. Wie mir Reugereuth erzählte, augenblicklich in Aegypten. 3st das Zufall? 3unge, 3unge!“, war er krank, besessen.
Er durchirrte Kairo, durchfragte die Hotels, ließ in Fremdenbüchern suchen, bestach die Kellner und vereinbarte als Stichwort: „Das bestellte Zimmer ist besetzt."
Der Anruf kam am Abend. Das Hotel Shepheard hatte angerufen.
Renate war demnach im Shepheard abge- ftiegen, war in Kairo
Eine Kette widerstreitender Gefühle durchzuckte Driebenow. Auf die ersten 2Itemuigc folgte lastende Betäubung Wie in einem Krampf des Herzens und der Rerven übertam ihn das Ge- iühl von Schmerzen, die von einem süßen Rausch begleitet wurden. Selige Trunkenheit begann. Die Dinge drehten sich vor seinen Augen, tanzten. Irgendeine traumhaft ferne Stimme sagte: „Die Dame ist vor etwa einer Stwrde angenommen."
Taumelndes Entzücken packte plötzlich Griebenow. Das ist der Ausgang, fühlte er. Das llare, deutlich ausgesprochene Ziel. Die logische Entwicklung all der rätselhaften Dinge meines Schicksals, die nicht aufzuhalten sind, die mich Die im Strudel hüt sich fortreißen. Renate mag lich sträuben ober wehren. Es nützt ihr nichts. Der Ausgang steht für mich schon heute fest. Run weiß ich es.
Plötzlich war er ruhig. Er zog den Qlbenb« tiantel an, nahm den Hut und ging ins Freie.
An der Esbekije hielt er, dort, wo Blüten - zweige traumhaft nach der Erde hängen. An Lern Garten, mit den glatten, festen Palmen wnb Lianen, mit den Sykornoren, deren Wurzeln ff-ch wie Schlangenleiber ineinander schlangen, teren Laub wie Lorbeer glänzte, setzte er sich auf eine Dank. Eine wunderliche Rührung faßte Oriebenow. Er war allein. Schwer und süß be
drängend zog der Duft von Blumen zu ihm her. Renate... dachte Griebenow. Und immer nur Renate. Preisgegeben und erschüttert stützte er den Kopf in beide Hände.
Er lachte. Weinte.---
Am nächsten Tage ging er gegen Mittag ins Hotel.
Renate war im Auto mit Bekannten fortgefahren. Sie würde erst am Abend zum Souper zurückerwartet.
Griebenow gab außer seiner Karte einen Strauß langgestielter safrangelber Rosen ab.
Abends... dachte er. Heute abend.
Unter den Fenstern von Shepheards Hotel lärmt die Gasse. 3n den Hotels, Dars, Kaffee- restaurants erklingen Geigen, Pfeifen schrillen, Saxophone quäken. Es ist zehn Uhr abends.
Griebenow kam von der Esbekije. Dort lag Shepheards Hotel. Er betrat die Halle.
Empfangschefs... Gäste... Dolmetscher... Kellner... Pagen... Zeitungsjungen
Griebenow begab sich zur Auskunftsstelle.
Er fragte.
Renate sei auf der Terrasse, hörte er. Sie soupiere mit Bekannten. Er wollte wissen, wer das fei. Da erfuhr er: Frau Baronin und Baron von Dettschart. Und Herr Graf von Grupenberg aus Wien.
„So, so..." Rätselhaftes Lächeln zuckte um die Lippen Griebenows.
•
Man servierte das Dessert.
Der Kellner goß den Sekt in die Schalen.
lieber Myrten Gorbeer und Klematis stürzten sich Kaskaden von Liberthrosen, deutscher Flieder und Tazetten. Frauen lachten Sekt perlte. Augen schlugen ineinander.
„Erwarten Sie noch jemand?" sagte die Baronin Dettschart. „Sie sehen immer nach der Tür, Renate?"
Renate lächelte und schwieg. Anstatt ihrer sagte Graf von Grupenberg: „Rein Frau Mer- candin sieht nur in meine Augen. 3ch habe es zum Unglück erst so spät bemerkt, weil ich vorher nicht den Blick von Daisy Dettschart wenden konnte."
„So, so. Sicher schielen Sie, mein Lieber. 3mmer wenn Sie mit mir sprachen, hatte man den Eindruck, daß Sie nur Renate ansehen."
Grupenberg erhob sein Glas. „Warum sagen Sie nicht einfach, daß ich Sie in Wirklichkeit allein sehe, selbst wenn meine Augen scheinbar eine andere Richtung nehmen"
„Grupenberg hat eine wunderhübsche Art, dir eine Schmeichelei zu sagen", lachte der Baron
von Bettschart. „Er ergeht sich derart in Hyperbeln, daß man völlig ohne Sorge ist: er ist weit davon entfernt, sie emst zu nehmen. Er macht nur Scherz."
Die Baronin sah zu Grupenberg hinüber. 3hre Augen wurden ttef unb fragend.
„Wirklich?"
„3ch begehe Harakiri, Dettschart, wenn Sie das noch einmal sagen" Und zu Renate: „Meine gnädige Frau, man verlästert mich. Ditte, helfen Sie mir doch."
„Rein, Graf Grupenberg."
„Ucbrigcnd, Renate, Sie sind mir immer noch die Antwort auf die Frage vorhin schuldig", sagte die Baronin Dettschart.
„Welche?"
„Erwarten Sie noch jemanb?"
Feines Lächeln umzog Renates Lippen .Also, ja."
„Eine Dame?"
„Einen Herrn."
„Wie sieht er aus?"
„Er ist sehr elegant. Er ist gut gewachsen und recht hübsch. Er ift ein interessanter Marrn. Er erweckt den Eindruck, daß ihn die Baronin Dettschart reizend finden würde — wenn er käme."
„So, so. Dann kommt er nicht, Renate. Verlassen Sie sich darauf. 3ch kenne das. 3nter- efsante Männer kommen nie.“
„Vielleicht ist er in den Händen einer kleinen Freundin und hat Sorge, daß er hier bei Shepheard seinen Urlaub überschreiten könnte," sagte der Baron von Dettschart.
„Vielleicht schläft er schon."
„Ober er hat Angst vor 3hren Augen, Rena."
Renate nahm die Schale mit Champagner in bie Hanb unb führte sie an ihre Lippen Sie wollte lächeln 3hre Blicke irrten durch den Saal. Eie war totenbleich geworden Das Glas in ihrer Hand begann zu zittern Sie setzte es mit hartem Anprall wieder auf den Tisch. Der Sekt verspritzte auf die Damastbecke.
Riemanb sah es. Da sagte Grupenberg: „Vielleicht ist er bas."
Alle Blicke wanbten sich bem Eingang zn
®riebenote schritt durch den Saal. Er war im Frack. Lässig kam er an den Tisch.
Eine Reigung aus bem Oberkörper vor Baronin Dettschart. Darm schritt er um den Tisch herum. Renate hob die Hand. Ein mattes Lächeln lag um ihre Lippen
Plötzlich stutzte Griebenow. Er sah sie. Eine Welle überlief ihn. Es war zunächst bas Blitzen einer taumelnben Erregung, bas sich in bem Bruchteil eines Augenblicks in seinen Zügen zeigte. So unauffällig, daß es niemand von den anderen merken konnte. Mer schon beim nächsten Atem-
I Juge lag der Abglanz eines feinen, liebenswürdigen Lächelns auf den Lippen Griebenows gebreitet.
Höflich führte er die Frauenbund an seine Lippen. Er empfand die Wärme unb den Duft bet Haut. Sein feines, liebenswürdiges Weltmannslächeln wurde stärker.
„Guten Abend, meine gnädige Frau. Die Welt ist eben doch ein Dorf. Rirgends Peripherie. Ueberall nur Zentrum. Unsere Wege müssen offenbar immer wieder ineinander münden Darf ich mich zu 3hnen sehen?"
„Es ist ausgezeichnet, daß Sie kommen", sagte der Baron von Dettschart. „Eben sprachen wir von 3hnen. Selbst auf die Gefahr hin, ein Geheimnis zu verraten — wir alle haben Sie wie eine Sensatton erwartet. Die Damen waren schon in Sorge, baß Sie---“
— schon zu Bett gegangen wüten", sagte Grupenberg.
„Ober Angst vor Renates schönen Augen hätten."
„So, so." ®riebcnoto sah lächelnd zu Renate. ,3a, vielleicht auch das. 3nstinttiv. Und bann — ich würbe endlos aufgehalten 3ch wollte telephonisch Rachricht geben. Zehnmal nahm ich den Anlauf dazu. 3mmer kam etwas dazwischen"
Das Gespräch wat allgemein geworden Es wurde viel gelacht und viel getrunken. Griebenow erzählte. Er wat leicht erregt, bestechend liebenswürdig, hatte eine leichte, immer amüsante Art zu plaudern. Die Baronin Dettschart hing an seinen Augen. Sie begann zu flirten Renate mußte lächeln Sie wat anfangs still. Dann ging sie mit. Die Flamme der Erregung faßte nun auch sie.
Einmal hatte Griebenow fein Glas erhoben unb sie angesehen Es war wie eine stumme Ditte... toerbenb... fragenb.
Sie lächelte. 3hre Augen grüßten. Für Se- hmben tauchten sie in bie seinen Dann nippte sie am Glas unb wendete den Kopf.
„Wir wollen tanzen," f agte bie Baronin Dettschart.
Man ging zum Tanzsaal hinüber.
_ Durch den schmalen Spalt bet großen Flügeltüren, bie mit abgedämpftem Ton diskret zu- sammenschlugen, brang bet Hauch verwirrenden Parfüms, der Dielklang von Geräuschen, bet Rhythmus einer, eigentümlich schmeichelnben Musik, die erregte Atmosphäre aus bem Bei- einanberfein von eleganten Menschen beiderlei Geschlechts, das Gewirr von Stimmen
(Schluß folgt.)


