Herberge ist gar nicht so unfreundlich, wie mancher glaubt. Zwar ist man nicht in Federn gebettet — das taugt auch nichts — doch eine saubere Bett- statt, mit frischem, weißem Schlafsack überzogen und wollenen Decken, verspricht wohltuende Ruhe. Zuvor wird der Hunger gestillt. Bald flackert ein lustiges Feuer im Herd und es brodelt und dampft im Suppentopf. Zu Haufe wird freilich eine solche Suppe verschmäht, doch hier — das ist eben etwas ganz anderes, man hat ja auch selbst beim Kochen geholfen. Rach dem Mahl sitzt man noch eine Weile beisammen. Reue Gäste treten ein, die Fragen „woher?" und „wohin?" bringen sie einander näher, und Arbeiter und Wissenschaftler, Volks- und Hochschüler, sie alle fühlen sich verbunden durch die Landschaft ringsum, verbunden auch mit innerer Rotwendigkeit als Glieder einer Hausgemeinde. Hier in der Äugendherberge gestaltet sich das, was in so mancher Wahlrede gefordert wurde: Volksgemeinschaft. Wer die Volksgemeinschaft wirklich will, der unterstütze das Werk der deutschen Äugendherbergen!
Eine von Äahr zu Äahr größer werdende Zahl junger Menschen fordert sie. Viel Schüler und Studenten sind es, aber auch die werktätige Äugend ist stark vertreten, die der Stadt entflieht, um das große Vaterland in seiner vielfältigen Schönheit zu schauen. Für viele ist das große Erleben der Heimat mit der Fahrt an den Rhein verbunden. So hat die neuerbaute Äugendherberge in Rüdesheim nach vier Monaten annähernd 20000 älebernachtungen aufzuweisen. Während der zehnjährigen Tätigkeit des Gaues Rhein- Main-Lahn-Fulda im Reichsverband für Deutsche Äugendherbergen hat sich die Llebernachtungs- ziffer verzehnfacht, dem konnte jedoch nur mit etwa 3,5facher Bautätigkeit Rechnung getragen werden. Wieviel bleibt da noch zu tun übrig!
Auch die Gießener Äugendherberge bietet einer ganz ansehnlichen Schar eine freundliche Bleibe. Uno wer nicht weih, wo die Gießener Äugendherberge steht, der betrachte sich am kommenden Sonntag einmal das Haus Asterweg 25, laber auch von innen! Es gibt freilich noch schönere. Ein andermal, so will ich hoffen, wird er seinen Kindern gerne die Erlaubnis geben, mit ihrem zuverlässigen Führer auf Fahrt zu gehen. Drei bis fünf, ja auch acht Tage und mehr — schaden tuts ihnen gewiß nicht. Äm Gegenteil! Äst nicht jede Gelegenheit zu begrüßen, wo die Äugend zu Einfachheit, Sparsamkeit und Ratür- lichkeit erzogen wird? Williger als unter dem Einfluß der Eltern unterzieht sich die Äugend Den Fordermrgen der Verhältnisse. Und die Äugendherberge stellt auch ihre Forderungen. Vor allem muh die eigene Persönlichkeit hinter der Gemeinschaft zurücktreten. Der Wille muh untergeordnet werden unter dem des Führers, sonst wäre es gar bald zu Ende mit der Fahrt. So wie man selbst die Herberge anzutreffen wünscht — sauber und ordentlich — so hinterläßt man sie dem nächsten.
Än immer weiteren Kreisen findet das Äugend- herbergswerk Anerkennung. Elternhaus und Schule erkennen in ihm einen wichtigen Erziehungsfaktor. Den Äugendbünden ermöglichen die Äugendherbergen durch die sich dort gestaltende Lebensgemeinschaft den Geist der Verantwortung für einander in der Äugendschar zu Wecken, oder zu pflegen.
Dorum fördert das deutsche Äugendherbergswerk, und ihr erzieht euch ein neues Geschlecht, das zurückkehrt zur Ratur, das einfach im Leben, rein im Denken und verantwortungsvoll im Handeln ist!
Liebig-Museum.
Die Direktion der Rational-Galerie in Berlin überwies dem Gießener Liebig-Museum als Leihgabe ein Porträt von A. W. v o n Hofmann, dem berühmten, in Gießen geborenen Schüler Liebigs. Das Bild ist gemalt von An gelt. Es paht sehr gut in die umfassende Sammlung der
Helene Chlodwigs
Schuld und Sühne.
Vornan von 3- Schneider-Foerfil.
LIrheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau t Sa.
14. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Aber Petratini! — Averson, sagen Sie mir um Gottes willen!"
„Er ist erst seit einigen Tagen so weit, daß man mit ihm sprechen kann. Vorher lag er bewußtlos. Es ist sein sehnlichster Wunsch, Sie noch einmal zu sehen, ehe ich mit ihm Wegreise."
„Unmöglich! Ich kann nicht. Averson! Äch will nichts mehr von ihm hören. Richts wissen mehr von ihm! Sie ahnen ja nicht--"
..Äch sagte Ähnen doch", unterbrach sie der Direktor, „daß er mir alles erzählt hat und wie Sie ihm dann in Ährer furchtbaren Erregung den unerwarteten Stoß versetzten, der ihn in die Schlucht warf."
„Gott, Averson, wenn mein Mann wüßte, daß es noch jemand gibt, der Rechte an mich hat."
„Haben Sie ihm noch nicht davon gesprochen?" „Rein! Rur daß ich verheiratet war."
Der Direktor sah nachdenkend zu Boden und suchte zu einem Entschluß zu kommen. „Äch kann nur wiederholen, was mir der Kranke aufgetragen hat: Sie sollten ihm ein letztes Wiedersehen gewähren. Er bereut, daß ec sich hinreihen ließ, sieht ein. daß er unschön an Ihnen gehandelt hat."--
..Äetzt sieht er das ein!“ weinte sie auf.
„Haben Sie nicht auch etwas zu bereuen?" warnte er ernst.
„Äch?!--Averson, Sie wissen nicht alles.
Weine zertretene Äugend--"
..Ruch davon hat er mir erzählt."
„Daß ich ausgebeutet wurde wie ein Tier." „Äch weih. Helene!"
„Dah er mich, die Unerfahrene, an sich geschmiedet hat durch die Kette der Ehe und sie immer klirren ließ, wenn ich Miene machte, sie abzuschütteln."
„Er ist sehr ehrlich mit sich ins Gewissen gegangen, Helene! Tun Sie es nun auch!"
..Rch, Averson, nun spielen Sie sich als meinen Richter auf!“
„Olein, nicht als Richter, Helene. Äch bin als Freund und Bittender gekommen. Um Ihres Friedens und um der Ruhe Petratinis willen, gewähren Sie ihm ein letztes Zusammentreffen."
„Ich kann nicht nach München fahren, ohne Daß mein Mann es erfährt. Er wird wissen wollen, was ich dort 311 tun habe."
Bilder von Liebig-Schülern int Museum, die nebst anderen Ausstellungsgegenständen bei der Achema VI (chemische Apparateausstellung) int 3uni 1930 in Frankfurt a. M. viel Beifall gefunden hat. Die Ueberweisen von feiten der Rational-Galerie hängt wohl damit zusammen.
Ein neuer Fortschritt ist durch die auf Veranlassung des Vorsitzenden, Geheimrat S 0 rn - m e r, erfolgte Herstellung der alten Herde im Pharmazeutischen Laboratorium durch Herrn Architekten Burg erzielt worden. Auch die in einer Ecke des Laboratoriums gemachte Zusammenstellung des reichen Materiales über Liebigs Fleischextrakt ist besser ausgestattet worden. Die Einweihung des Pharmazeutischen Laboratoriums soll nach Herstellung aller Herde im Sommer 1931 erfolgen.
Eine Erweiterung der Ausstellungsräume durch Heranziehung der Wohnung im ersten Stock ist dringend nötig.
Daten für Mittwoch, 17. September.
Sonnenaufgang: 5.36 älhr, Sonnenuntergang: 18.12 Uhr. Mondaufgang: 23.16 Uhr, Monduntergang: 16.15 Ufjr.
1739: der russische Feldmarschall Potemkin geboren. — 1805: der preußische Staatsmann O. von Raumergeboren. — 1892: der Rechtslehrer R. v. 3bering in Göttingen gestorben.
Gietzener Wochenmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Käse 10 Stück 60 bis 1,40; Butter Pfund 1,60 bis 1,80; Matte 30 bis 35; Wirsing 10 bis 12; Weihkraut 6 bis 8; Rotkraut 10 bis 15; gelbe Rüben 10 bis 12; rote Rüben 10 bis 12; Spinat 15 bis 20; Bohnen 15 bis 20; Ülnter-Kohlrabi 6 bis 8; Erbsen 20 bis 25; Feldsalat 1,00 bis 1,20; Tomaten 10 bis 20; Zwiebeln 10 bis 12; Meerrettich 50 bis 60; Kürbis 8 bis 10; Pilze 30 bis 35; Kartoffeln 4Vz; Falläpfel 5 bis 6; Aepfel 20 bis 35; Dirnen 15 bis 30: Dörrobst 30 bis 35; Zwetschen 10 bis 15; Pfirsiche 40 bis 70; Brombeeren 40 bis 45; Preißelbeeren 30 bis 35; Honig 40 bis 50; junge Hähne 1,20 bis 1,30; Suppenhühner 1,00 bis 1,20; Rüsse 60 bis 70; Tauben Stück 70 bis 80; Eier 13 bis 14; Blumenkohl 30 bis 70; Salat 10 bis 15; Salatgurken 10 bis 20; Einmachgurken 2 bis 4; Endivien 10 bis 15; Ober-Kohlrabi 6 bis 8; Lauch 5 bis 10; Rettich 10 bis 15; Sellerie 10 bis 20; Radieschen Bund 10 bis 15; Kartoffeln Zentner 4 Mk.
Bornotizerr.
— Tageskalender für Dienstag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Westfront 1918". — Astoria-Lichtspiele: „Die Bande der Wölfe" und „Moderne Piraten".
— B u ch f ü h r u n g s s i l in e. Die Gießener Ortsgruppe des Gcwerkschaftsbundes der Angestellten läßt morgen abend im Kaufmännischen Vereinshaus zwei Filme über Buchführung vorführen. Zu der Veranstaltung hat jedermann Zutritt. Man beachte die heutige Anzeige.
e
•* C i n Kuriosum im Fernsprechverkehr. Wie uns aus unserem Leserkreise mitgeteilt wird, besteht im Fernsprechverkehr unseres Wirtschaftsbezirkes insofern ein kurioser Zustand, als ein einfaches Ferngespräch von Gießen nach Bad-Rauheirn mit gewöhnlicher Dreiminuten-Sprechzeit 70 Pf. kostet, während für ein gewöhnliches Ferngespräch von Frankfurt nach Bad-Rauheirn nur 40 Pf. zu zahlen sind. Legt man bei dieser Betrachtung die Eisenbahnentfernung zugrunde, so ergibt sich, dah die Strecke Gießen—Bad-Rau- heirn 28 Kilometer lang ist, während die Strecke von Bad-Rauheim nach Frankfurt sich auf 38 Kilometer beläuft; dasselbe ist der Fall, wenn man die Luftlinie zugrunde legt. Es wäre interessant, von zuständiger Stelle darüber Auf- schluh zu erhalten, warum ein Ferngespräch auf der kürzeren Strecke unter gleichen Bedingungen
„Soll ich das regeln, Helene, dah Sie, ohne seinen Verdacht zu erregen, noch heute mit mir kommen können?"
„Wie denn?" stöhnte sie. „Ach, Averson, was ist es doch für eine Unraft, solange man lebt!"
„Soll ich also, Helene? — Eine rasche Antwort. bitte, Ihr Mann kommt, uns zu holen."
„3a!“ stieß sie kurz hervor, sprang auf und lief Franke entgegen. Lächelnd sah dieser zu Averson herab.
„Wie die Zigeuner, verehrter Direktor! Sitzt es sich denn hier so viel bequemer als dort im Garten?“
Averson hob die Achseln. „Richt gerade, aber es war mal eine Abwechselung, lieber Doktor. Ausschlaggebend für die Wahl des Platzes war der Ausspruch Ihrer Frau Gemahlin: Es wäre einzigartig schön hier unter dem Schatten dieses Mammutbaumes. Es sitzt sich zwar ein bißchen bart, aber sonst ist es in der Tat ungemein poesievoll."
Er stimmte in Frankes Lachen ein. Dann ging man nach dem Hause zurück, wo bereits der Kafseetisch zwischen den Bäumen gedeckt war.
Averson hgtte sich eine Zigarre in Brand gesteckt und sah nach den mattblauen Wölkchen, die über die Scheitel der Berge hinzogen. Es klang ganz unverfänglich, als er jetzt die Frage stellte, ob die Herrschaften nicht Lust hätten, eine Fahrt nach München zu machen, der Abend sei so wunderschön. Man könnte in einer Stunde schon vor dem Regina-Palast halten, eine Tasse Tee nehmen und dann wieder zurückkehren."
Helene fühlte das Blut in den Schläfen pochen. Sie sah nicht nach ihrem Manne hinüber, zog die Unterlippe durch die Zähne und suchte in den Kronen der Bäume nach dem Endchen blauen Himmels, dem sie Durchblick gewährten.
Franke schien nicht abgeneigt zu fein und fragte, ob sie Lust habe, Averfons Einladung zu folgen.
„Es wäre sehr nett“, sagte sie und ließ die Augen noch immer durch das Dlattgewirr schweifen. „Dann ist es hernach um so schöner, wenn man wieder einmal gekostet hat, wie der Trubel schmeckt. Außerdem kann ich verschiedenes besorgen, das in Tegernsee nicht zu haben ist. Ich werde rasch an meinen Hausmeister in Harlaching telephonieren, daß ich für einen Sprung Nachsehen komme. Du kannst dann gleich im „Regina-Palast" mit Herrn Direktor Averson absteigen, Äust. Sobald ich meine Geschäfte erledigt habe, komme ich ebenfalls dorthin."
Eine halbe Stunde später fuhr Averfons Auto nach Tegernsee hinab, um von dort den Weg nach München zu nehmen.
Umberto Petratini sollte seinen letzten Wunsch erfüllt sehen.
teurer ist, als ein Gespräch auf der längeren Strecke.
Straßensperrungen, mitgeteilt vom Oberhessischen Automobilclub e. V. (A. v. D.) Gießen: Die Strecke I l b e n st a d t—K a i ch e n im Zuge der Provinzialstraße Friedberg—Hanau wird für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung über Assenheim - Bönstadt—Kaichen und umgekehrt. — Die Provinzialstraße Grund-Schwal- heim Bad Salzhausen wird für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung erfolgt über Unter- Widdersheim - Steinheim—Rodheim—Ridda und umgekehrt. — Die Strecke L 0 lla r—© i - chertshaufen (Tiefenbach) im Zuge der Straße Gießen—Marburg wird für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung erfolgt über Oden- Hausen - Fronhausen- Bellnhausen. — Die Strecke Ortsdurchfahrt Wies eck wird für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung erfolgt über Rödgen und über Lollar—Daubringen. — Die Straße Düdinge n—G elnhausen von dem Abzweig nach Haingründau bis zur Landesgrenze wird für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung erfolgt über Mittel-Gründau—Rieder-Gründau— Lieblos und umgekehrt. — Die Provinzialstraße Alsfeld—Fulda, Abteilung Altenburg— Brauerschwend, wird für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung erfolgt über Rainrod—Eifa. Sämtliche Sperrungen beginnen am 18. September.
** Keine Herabsetzung der deutsch, en Ginwanderungsquote inRord- amerika. Zu der beabsichtigten Einschränkung der Einwanderung in Nordamerika wird von der Hamburg-Amerika-Linie und dem Rorddeut- schen Lloyd mitgeteilt, daß Präsident Hoover für die strikte Durchführung des Gesetzes eiyge- treten ist, das solchen Einwanderern den Zutritt in die Vereinigten Staaten von Amerika verbietet, von denen angenommen werden muh, dah sie ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage wegen in absehbarer Zeit der öffentlichen Wohlfahrtspflege Amerikas zur Last fallen. Es handelt sich also bei den neuen Cinschränkungsmahnah- men der amerikanischen Regierung um eine ganz bestimmte Kategorie von Einwanderern, die betroffen werden, nicht aber um eine Herabsetzung der deutschen Einwanderungsquote.
** Geschäftsjubiläum. Morgen Mittwoch, kann Herr Albert Merlau, Ludwigstraße 26, auf das 25jährige Bestehen seines Bierverlags, verbunden mit Gastwirtschaft, zurückblicken.
Oberheffen.
Gememderai in Büdingen.
?! Büdingen, 15. Sept. Aus der jüngsten G e rn e i n 0 e r a t s s itz un g ist u. a. zu berichten: Der Antrag des Oberjustizsekretärs Glenz auf Umbildung der vom neuen Gemeinderat seinerzeit gewählten Kommissionen wurde abgelehnt. An Stelle des aus den einzelnen Kommissionen ausgeschiedenen Beigeordneten Diemer wurden neu gewählt: in die Derwaltungs- und Finanzkommission Gemeinderat I ö ck e l, in die Armendeputation Kreiskasseninspektor Hofmann. — Das hiesige Mathildenhospital teilte mit, daß es an durchreisende Handwerksburschen Mittagessen verabreiche, und verlangte von der Stadt eine entsprechende Bezahlung. Der Gemeinderat lehnte das Ansinnen aus prinzi- piellen Gründen ab. - - Bei der Beratung des diesjährigen Gemeindevoranschlags hatte der Gemeinderat 300 Mark für Beschaffung von Lebe n s m i t t e l n für den in der Volksschule (Mädchenfortbildungsschule) stattfindenden K v ch- unt erricht gestrichen. Auf Beschwerde dec Schulleitung hin wurden die 300 Mark vorlagsweise genehmigt, sie sollen von den Eltern der Schülerinnen, soweit sie nicht minderbemit.elt sind, zurückerhoben werden. — Das Ansinnen des ärztlichen Kreisvereins um Abschluß eines Leichenschauvertrags wurde abgelehnt.
Ich hätte es nicht tun sollen, dachte Helene und verlangsamte ihren Schritt, als sie die läuferbedeckte Treppe zu den Krankenzimmern der Klinik hinaufstieg. Was konnte das jetzt noch für einen Zweck haben? Rur eine gegenseitige Aufregung, ein sich Ueberhäufen mit Vorwürfen, ein Auseinandergehen in Haß und Erbitterung! Ich kann nicht vergessen, mit welcher Roheit er seine Rechte an mich galtend machte. — Ich —
„Gnädige Frau kommen, Herrn Petratini zu besuchen? — Es wird den Künstler freuen, daß sich auch in der Fremde jemand seiner erinnert“, sagte Professor Klahn. „Herr Direktor Averson hat mir bereits davon gesprochen, daß sich die Herrschaften kennen." Er ging ihr nach einer der gepolsterten Türen voran. „Herr Petratini ist im großen ganzen wiederhergestellt und gedenkt morgen zu reifen. Darf ich bitten?“
In der matten Helle des Zimmers stand eine Frauengestalt, um deren junges Gesicht sich ein weißer Schleier bauschte. Helene sah für Sekunden nichts, als den dunklen Kopf, der in dem weißlackierten Eisenbett als schwarzer Fleck eingekerbt lag. Die Türe klappte ein, die Schwesternhaube war aus dem Zimmer geflattert, und wo sie gestanden hatte, glitzerte jetzt eine feine Mauer aus Staubteilchen, auf welcher die unter- gehende Sonne rötliche Lichter warf.
„Helene!"
Sie rührte sich nicht vom Platz, verweilte mit feftgerammten Füßen und suchte durch das Dunkel, welches sich ringsum auszubreiten begann.
„Wollen wir nicht Frieden miteinander schließen, Helene?"
Obwobl sie die Augen weit offen hielt, vermochte sie nichts zu sehen. Ihre Hand tastete unsicher, fühlte die Lehne eines Stuhles und benutzte sie als Stühe. „Es ist eine älngeheuer- lichkeit, dah ich — jetzt noch zu dir kommen muß."
„Mußtest du denn, Helene?“
„Du hast es gewollt!“
„Wolltest du nicht auch? — Sag, Helene? Hattest du nicht auch das Bedürfnis einer allerletzten Aussprache? Einmal muh es doch fein! Sa können wir unmöglich auseinandergehen I"
„Ich glaubte — dich tot!" wollte sie sagen, hielt die grausamen Worte zurück und suchte hilflos über feinen Kopf hinweg nach dem Holzkreuz, das an der gestreiften Tapete hing. „Was sollten wir uns noch zu sagen haben?! — Du hast mich überfallen wie ein Landstreicher! Ich stieß dich dafür in die Schlucht! Wir sind quitt, Umberto!"
„Das schafft unsere Ehe nicht aus der Welt, Kind", mahnte er ruhig. „Rach dem Gesetz bist du meine Frau, bis die Scheidung ausgesprochen ist.
Landkreis Gietzen.
z. Aus dem Busecker Tal, 15.Sept. In der letzten Woche hat hier die Kartoffelernte allgemein eingesetzt. Qualität und Quantität der Kartoffeln find im Durchschnitt vorzüglich. Allerdings findet man in der einen oder anderen Lage auch faule Knollen. Die O b st e r n t e fällt sehr mäßig aus. Selten sieht man einen Apfelbaum mit gutem Behang; auch Dirnen gibt es nicht viel. Die Zwetschenbäume trogen etwas reichlicher. Die Wäl- der, hauptsächlich die „Anneröder Tannen", sind in den letzten vierzehn Tagen von überaus zahlreichen Beerensuchern durchstreift worden; sie haben ganze Töpfe und Eimer voll Brombeeren mit nach Hause gebracht.
Kreis Friedberg.
WSR. Wölfersheim, 15. Sept. Auf dem hiesigen Schwelkraftwerk wurde der Heizer Scholz bei der Regulierung des Rahkohlen- transports von einem Förderband erfaßt und mit fortgeriffen. Zum Teil unter Kohlen begraben, wurde er tot aufgefunden.
Kreis Schotten. - —
□ Laubach , 15. Sept. 3m Sommer 1921 rettet der damalige Untersekundaner Hugo Weihe aus Laubach beim Baden im nahegelegenen Tiergärtner-Teich unter eigener Lebensgefahr einen Klassenkameraden vom Tode des Ertrinkens. Für diese schöne Tat wurde ihm durch Entschließung des hessischen Gesamtministeriums vom 22. August d. I. die Rettungsmedaille verliehen. Weihe ist heute Obergefreiter im 1. Batl. Jnf.-Regt. 15 zu Gießen.
V Gedern, 15. Sept. Dieser Tage fand eine gut besuchte Versammlung der Diehverwer- tungsgesellschaft Gedern statt. Der Rechner Wilhelm Birx erstattete den Geschäftsbericht seit Gründung der Gesellschaft im verflossenen Winter bis zum heutigen Tage. Der Umsatz betrug 58 000 Mk.. der für die kurze Zeitspanne als ansehnlich zu bezeichnen fein dürfte. Im Verlauf der Verhandlungen wurde aus der Versammlung heraus die Anregung zur Gründung einer Genossenschaft gegeben.
Preußen.
Reichsjugcndwettkämpse im Kreise Biedenkopf.
V Günterod. 13. Sept. Am Donnerstag fanden die Reichsfchü lerwettkämpfe der Schulen des Lehrervereins „Obergericht" auf dem schön gelegenen Sportplatz zu Günterod statt. Rach den Wettkämpfen, an denen sich die Schüler von Schlierbach, Hartenrod, Endbach, Dernbach Wommelshausen, Günterod, Rieder- unb Ober-Weidbach. Bischoffen, Roßbach und Wilsbach beteiligten, fangen die Kinder im Mas- fenchor zwei frische Volkslieder. woraus Kreisjugendpfleger Lehrer Schulz (Endbach) durch eine kernige Ansprache die Bedeutung des Tages würdigte. Sehr viel Inseresse erweckten die am Schlüsse veranstalteten Iungen- und Mädchenstafetten, sowie die von den einzelnen Schulen vorgeführten Freiübungen, Reigen, Scherz- und Reckspiele. Rach dem Deutschlandlied zogen die Schüler befriedigt ihrer Heimat zu.
Ergebnisse:
Knaben. 7. und 8 Schuljahr, (100-Meter- Lauf. Speerwurf. Weitsprung, Schleuderballwurf): 1. Erwin Bürk (Endbach). 2. Erwin Schöneck (Hartenrod), 3. Walter Rink (Hartenrod). 4. Oswald Beecht (Bischoffen), 5. Willi Beecht (Bischoffen), 6. Otto Debus (Endbach), 7. Herm. Ruopp (Oberweidbach). 8. Herrn. Iakob (Wilsbach) 9. Artur Fuchs (Schlierbach), 10. Vudols Eichert (Dernbach).
Mädchen. 7. und 8. Schuljahr: 1. Hedwig Iung (Günterod). 2. Martha Iüngst (Rieder- Weidbach) 3. Hel. Müller (Günterod), 4. Alma Bastian (Günterod), 5. Elli Müller (Wommels-
Solange dies aber nicht der Fall ist, bist du nur Frankes Geliebte."
„Rach den Rechten unserer Kirche sind wir überhaupt nicht gültig verheiratet", warf sie ein.
„Das sagst du jetzt, Helene. Bisher hast du mich als deinen Gatten betrachtet."
„Riefst du mich nur deswegen", weinte sie verzweifelt, „daß du mich neuerdings quälen kannst?"
„Rein, Helene. Wenn man so furchtbare Stunden hinter sich hat, wie ich sie durchleben mußte, wird auch der Verworfenste geläutert. Du sollst dein Glück haben! — Wenn es ein Glück ist, Helene! Ein Gewissen trägt schließlich jeder in sich. Den einen rüttelt es heute wach, den andern morgen. Es soll aber auch welche geben, die erst im Sterben als Reuige ihre Hand heben. Du gehörst vielleicht zu diesen letzteren, Helene."
„Ich habe nichts zu bereuen!“ Sie sank hilflos in den Stuhl am Fußende seines Bettes nieder.
„Dann ich allein!" sagte er ohne Schärfe. „Alles, was ich gefehlt habe, bitte ich dir heute ab. Es hätte anders werden können mit uns beiden! Ganz anders! Ich nehme alle Schuld auf mich. Du sollst ganz frei vor dem Richterstuhle deines Gewissens stehen. Dafür habe ich eine letzte, große Bitte, die du mir gewähren mußt."
Ihre Hand streckte sich abwehrend gegen ihn aus, der jetzt im Bette aufrecht saß und nach ihr herübergriff: „Du brauchst keine Furcht vor mir zu haben", sprach er beruhigend. „Ich trage keine Wünsche mehr, wie sie mich noch vor Wochen mit aller Qual gepeinigt haben. Rur die eine Bitte lebt noch in mir: Dah du mich im Erinnern behältst, ilnb deshalb — sollst du deinem ersten Kinde meinen (Kamen geben."
„ilmbert!“ gellte es auf.
„3a! — Du kannst ihn auch verdeutschen, fo oder so wird mein Gedächtnis wachgehalten. Willst du, Helene?"
„Was weißt du?" —
„Richts, Helene."
Sie glaubte ihm nicht. Ähr Gesicht war bleich. Sie wollte die Flucht vor diesen Augen ergreifen, die so unfehlbar wissend in den ihren ruhten und legte den Kopf verzweifelt auf die Decke, unter welcher sich die Ilmriffe feines Körpers abprägten. Ähre Schultern zuckten auf und nieder. Petratini vernahm das rauhe Schluchzen, das den Frauenkörper schüttelte, und strich zärtlich über das Haar.
Als ihr Gesicht zur Seite glitt stützte es Petratini. Seine Hände blieben auf ihrer falten Stirne liegen. Sie fühlte, wie er ihre Lider küßte und dann den Mund, der schneeig war, wie di« Wangen, die er jetzt liebkoste.
(Fortsetzung folgt)


