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Ur. 12 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Mittwoch, 15. Januar 1930

Das Ja der Prinzessin.

Von unserem römischen E.-Korrespondenten.

Rom, 13. Snnuar.

Als aber Mussolini durch die Pforte der Kürassiere schritt und die Journalisten gewahrte, da blieb er stehen und grüßte sie mit fernem verstehenden, Artikel schreibenden Lächeln, grüßte seine Kollegen. Die andern alle, an fünf Dutzend Könige und Königinnen, regierende und gewesene Prinzen und 3nfanten, Herzöge und Fürsten, Hunderte von Kronen und Diademen und meter­langen Schleppen, alle gingen steckensteif an uns den einzigen Arbeitern, vorbei. Rur rm Gesicht des Kronprinzen von Bayern zuckte etwas, als ich ihn grüßte. Den Kronprinzen von Italien haben viele der Männer, deren Orden ein sck^rser Bleistift ist, gegrüßt, aber er wandte den Kopf, als habe er nichts gesehen. Dre Prinzessin? Ach ja, sie hat allen zugelächelt, sie war ja Braut. Sie brauchte nichts zu wissen und zu ahnen von Politik. Der Duce, der Kronprinz von Bayern, die weiße Prinzessin und der könig­liche Bräutigam, das waren die Helden, die erstenRollenträger dieses ungewöhnlichen Schauspiels vor einem Parkett von Königinnen.

*

Wie wohl einem simplen Beobachter, der von der Straße weg, aus einem rumpelnden Taxa­meter heraus in dieses Parkett hineinplahen würde, zumute wäre? Da stehen wohl neun von den Königs großen Kerlen an der Türe, in langen lackglänzenden Schenkelstiefeln, in weihen Rapolevnshosen und einem goldeneii Harnisch, der so glänzt, daß man niesen muh, wenn der Blick darauf fällt, stehen starr da mit gezogenem Pallasch und dem Schupponsturmband ums Kinn und den Kürassierhelm mit wallendem Rohsckweif auf dein Haupte. Ihr neunfacher Rücken deckt die Türe und chre Blick- und Säbelschneiden bewacht den schmalen roten Durchgang, der zur Ka­pelle Paolina führt. Kerzen von Mannes­größe schimmern auf dem Altar.

Links und rechts von dem Durchgang sitzen dann vielleicht hundert, vielleicht zweihundert Damen in schönem Kranz und alle haben ein Diadem um die Stirne und sind gehüllt in creme- farbige Spihenschleier und willens, sich nicht das kleinste Fältchen und nicht das verpudertste Runzelchen bei denen, die hier Spießruten laufen müssen, entgehen zu lassen. älnb hinter all dieser Pracht warten goldstrotzende Uniformen und vr- denklirrende Männerbrüste, warten Ritter und Edelleute ohne -Zahl. Dann kommt ein Abge­sandter des Papstes, Scharlach, ganz Scharlach, und dann der Zeremonienmeister Seiner Maje­stät und sieht den Mann von der Straße, in Mantel und Hut

Also, ich kann mir gut vorstellen, wie diesem Wurm zumute ist, denn ich hatte mich in den Wandelgängen des Quirinals verlaufen und platzte richtig zwischen- Kardinal und -Zeremonien­meister in die Herrlichkeit hinein. Die neun langen Kerle des Königs erstarrten. Ich begab mich auf meinen Platz, ich durfte mich auf meinen Platz begeben, nachdem ich zweimal meine Karte vorgewiesen hatte, auf der unmißverständlich zu lesen stand, daß ich auf Befehl des Königs vom Grohzeremonienmeister persönlich eingeladen sei, und ich stellte fest, daß ich nur den Finger in die Geschichte der Renaissance hineingelegt hatte, zwischen Seite 264 und 265, wo viel von Päpsten und Fürsten, Konklaven und Hochzeiten die Rede ist. Genau so sah es in der Traukapelle und in dem langen Spiehrutensaal davor, der früher der Thronsaal der Päpste war, aus.

Rur in einem Punkt war die Vorstellung nicht mitgekommen: der edlen Frauen waren es Wohl an die fünf» oder sechshundert. Es wird nicht leicht fein, sich ein Bild davon zu machen, wenn man es nicht gesehen hat. Drei dreißig Meter

lange Reihen von Cremespitzenschleiern, Diademen und Dreimeterschleppen rechts, sieben dreißig Meter lange Reihen von Cremespihenschleiern, Diademen und Dreimeterschleppen links. Richt nur die 3-Meter-Schleppe und die Diademe, sondern auch Pastellfarben waren vorgeschrieben und man muh wissen, daß das römische Hof­zeremoniell nicht viel weniger streng ist als das spanische. Von den Herren wollen wir daher gar nicht sprechen. Unsereins in Frack und Weiher Binde verschwindet da nach Gebühr.

Geht die Türe auf, rollt der Gobelinvorhang zurück, kündigt der Zeremonienmeister an: Loro Maestä! Ihre Majestäten! Am Arme ihres Vaters: die Braut. Tausend Augen­paare heften sich auf sie, man würde es ver­stehen, wenn sie schwach werden würde, aber sie hält aus, sie lächelt tapfer und Com ö bella! Corn ö bella! umbraust sie das Gemurmel. Sie hat gesiegt. Sie ist schön, wie schön sie ist! kann einer Frau ein höheres Lob aus Frauen­mund gezollt werden? Und wie sie nun Fuß seht vor Fuß, hineinzuschreiten in das mystische Halbdunkel der Kapelle und ihres Lebens, da ist es kein Spießrutenlaufen mehr, da schlagen alle tausend Herzen mit ihr, da fällt ab alles, was konventionell, mehr als menschlich ist an dieser rührendzarten Braut, da steigt es feucht in die Augen. ... Ihre schneeweiße Samt- und Hermelinschleppe, von vier Rittern getragen, ist sieben Meter lang, die goldene der Königin fünf Meter, das endlose Gefolge der Hofdamen hat schmale königsblaue Schleppen das alles interessiert jetzt auf einmal nicht mehr so sehr. Gesang so fein wie von Aeolsharfen weht vom Altäre her.

Humbert und Maria, sie knien vor dem Altar. Die Trauzeugen, der Herzog von Aosta und der Graf von Turin, der Herzog von Brabant und der Graf von Flandern, spannen über das Braut­paar, über die Krone des Königstöchterleins und den militärisch geschorenen Scheitel des Kron­prinzen den rechteckigen historischen Schleier und die eingelegte Mitra des Kardinals beugt sich herab:

Königliche Hoheit, Prinz Humbert von Sa­voyen, wollt Ihr Ihre königliche Hoheit, die hier anwesende Prinzessin Maria von Belgien nach dem Ritus der heiligen Mutterkirche zur rechtmäßigen Gemahlin nehmen?"

Der Kronprinz, in straffer Habtachtstellung, wendet den Blick fragend zum König und sagt nach dessen nickender Zustimmung laut:Si!

Richt anders die Braut. Da ziehen die Trau­zeugen den Schleier Weg, der schon König Hum­bert und König Vittorio bei der gleichen Ge­legenheit deckte, und es fallen die schwerwiegen­den Worte des Kardinals:

Ego conjugo vos in matrimonium in nomine patris et filii ... Amen!

Himmelsstimmen fallen ein, ein Spinett oder eine Spieldose scheint sie aufzunehmen, so zier­lich klingt und klingelt es, und die Eminenz in Scharlach nimmt den Ring: Segne ihn du, o Herr! Der Kronprinz drückt ihn seiner bleich gewor­denen Frau auf den Finger, und wieder fallen dabei schwere Worte:

So sei es. DaS Gold ist das Symbol der Liebe, der Ring das Symbol der Ewigkeit"

Lind als künftige Königin Italiens hört eine junge Frau die erste Messe.

Der Duce stand zwischen seinem König und der gefallenen Opposition: man sah wieder ein­mal Salandra, Orlando und Donomi, der seinerzeit den Befehl gegeben, auch auf die Faszisten zu schießen. Die drei Männer sind, wie Mussolini, Annunziatenritter und als solcheVet­tern des Königs". Riemand hätte R i 11 i hin-

Oie chinesische Straße.

Don Richard Huelsenbeck.

Die chinesische Straße" sollte eigentlich der Titel eines dicken Buches fein, denn sie umfahr und repräsentiert das ganze chinesische Leben. Das chinesische Leben spielt sich im wesentlichen auf der Straße ab. Die Häuser sind nach der Straße geöffnet und zeigen dadurch, daß sie am Leben der Straße Teil haben wollen. Von einer Menge Menschen, von vielen atmen Bettlern und Händlern könnte man nicht sagen, ob sie eine Unterfunft besitzen: die Straße ist ihre Heimat. Rachts drücken sie sich in eine schützende Ecke; ein Stall, eine Scheune gewährt ihnen vorüber­gehende Unterkunft. Die Hausbesitzer zeigen in China keine stolze Abgeschlossenheit, sie unter­stützen die Armen, wenn es von ihnen verlangt wird. Eigentlich fragt niemand danach, ob in einem Haufe zehn oder zwölf Personen schlafen. Cs schlafen da ja auch Esel und Pferde und dicke schwarze Schweine.

Die kleinen Gewerbetreibenden sind in der Ueberzahl. Die Händler haben keine feste Ver­kaufsstätte, sie tragen ihr gesamtes Besitztum bei sich und machen sich durch ein besonderes Geräusch bemerkbar. Seit einiger Zeit beobachte ich einen fliegenden Schlosser, der durch eine ingeniöse Schelle die Aufmerksamkeit der Leute erregt. Man trägt hier alle Dinge an einer langen Stange über der Schulter, die Stange schwankt und die ganze Schlosserei, die in zwei gleiche Hälften forgfam verteilt ist, schwankt natürlich mit. In dem vorderen Kasten, der mei­nem Schmied täglich vierzehn Stunden vor der Rase herumtanzt, steckt der Hammer und eine Rolle Draht. 3m hinteren Kasten hüpft ein zier­licher Amboß, drei Köhlchen liegen da wie Eier, vielleicht ist das auch eine Esse. Das Schönste aber ist und bleibt die Schelle, die bei jedem schwankenden Schritt gegen einen Klöppel schlägt. Merkwürdigerweise sieht sich niemand nach mei­nem Schmied um, und ich frage mich, wo er fein Geld verdienen mag. Aber das fragt man sich hier überhaupt. Das Gesetz von Rachsrage und Angebot ist hier ein anderes als in Europa: die Gesichter aller Menschen sind so gleichgültig, so uninteressiert, daß man nicht glauben kann, daß irgendeiner einen Schlosser nötig hat. Mein Schlosser hat eine andere Kraft für sich, die ihm zu seinem Geld verhilft, das ist der Zerfall aller Dinge, der hier auffälliger ist als anderswo in

der Welt. Es gibt eigentlich in China kein Sing, das nicht reparaturbedürftig wäre. Wenn die Menschen keine Schlosser notwendig haben, so schreien die Dinge danach.

Zum Beispiel die Droschken, die so aussehen, als hätte die Sintflut sie übrig gelassen. Es kommt häufig vor, daß eine solche Droschke auf der Straße zusammenbricht, und dann muß mein Schlosser natürlich ran. Er kommt gemächlich mit seiner schwankenden Schlosserei, stellt seine Schelle ab und besieht sich den Schaden. 50 Menschen haben sich versammelt, um die ganze Angelegen­heit gehörig zu besehen und zu bereden. Der Schlosser macht sich an die Arbeit, und die fünf­zig Reugierigen helfen ihm durch ihr ausinun- terndes Palaver. Wird die Droschke je wieder hochkommen? 3d), der alte Tun-Fang-Ling, des­sen Gelehrsamkeit weithin anerkannt ist, sage nein. 3ch habe in meinem langen Leben viele Droschken gesehen, sie sind alle gestorben und eingegangen, nicht anders als die schwarzen Schweine, die Hunde und die Menschen. Also wird auch diese Droschke sterben.

China ist augenblicklich ein sehr militärisches Land: es gibt eine Menge von Soldaten, die in bester Kleidung auf der Straße herumspazieren und die mannigfachsten Dinge bewachen. Die Kleidung und das Gehabe der Soldaten, die ihrer Löhnung sicher sind, stechen sehr gegen die Armut der übrigen Menschheit ab. Der Glanz der Wohlhabenheit geht von den Militärs aus. Fast allen Chinesen kann man am Gesicht ab­lesen, daß das Dasein eine Last ist, nur bei den Soldaten sieht man das nicht. Trotz des sozialen Unterschiedes ist aber zwischen den Sol­daten und den anderen kein Haß. Die Soldaten lassen ihre Bewachung einen Augenblick im Stich und stehen genau so wie die ärmsten Kulis um die gefallene Droschke. Wird die Droschke wieder hochkommen? 3a, sie muß wieder hochkommen. 3m Geben der Soldaten spielt das Muh eine besondere Rolle.

Sie Soldaten finden nebenbei noch Zeit, den Bettlern einige Cents zu geben. Es besteht hier nicht der große Unterschied zwischen den Men­schen und ihren Stellungen wie bei uns. Mag ein Soldat ein noch so hochmögendes Wesen und em Bettler eine noch so armselige Kreatur fein, an beiden übt sich die nivellierende Kraft des Daseiirs. Wenn heute die Regierung stürzt die Regierungen stürzen hier immer kann der Bettler werden, was der Soldat war und umgekehrt. Ser Soldat weih das und der Bettler weih das, sie nähern sich einander, sie sind im

dem können, mit gleichem Schmuck und Recht im Brautzuge mitzuschreiten. Mussolini kam erst lange nach Fürsten und Prinzen ohne Macht, weit vor ihm schritt zum Beispiel, schon an fünfter Stelle, Amanullah. So ist die Etikette eine andere als die Wirklichkeit? Auch diese Frage und die Antwort darauf schien in Musso­linis Gruß an die 3ournaliften zu liegen. Als sich jetzt der Zug wieder bildete, sechzig oder siebzig Fürsten, da -- fehlte der Duce. Das wurdeviel bemerkt", die Lösung des Rätsels liegt aber nahe: Mussolini ist auch Kron- notar und muhte als solcher das Kronprinzen­

paar zur Ziviltrauung in einem entfernten Saale erwarten. 3mmerhin. es bleibt bewundernswert, mit welcher Selbstverleugnung er in diesen sieben Tagen der Hoffeierlichkeiten zurücktrat. Er bot sechzigtaufend Faszisten zur Huldigung für den Kronprinzen auf, und alle muhten in bürgerlicher Kleidung erscheinen. Was ist ihm der äuhere Glanz?

Und was ist sonst noch auf gefallen? Run, Prinz Rupprecht von Bayern schritt an siebenter Stelle, im Range der regierenden Häuser. ...

Auslandsdeutschtum und Schule.

Oie Eröffnungsansprache des Siaatspräsidenien Or. Adelung.

WSN. Darmstadt, 13. Ian. In der Otto- Berndt-Halle der Technischen Hochschule begann beute vormittag vor einer außerordentlich zahlreichen Schar Lehrer ein zweitägiger Lehrgang Auslandsdeutschtum und Schule", zu dem auch die staatlichen und städtischen Spitzen er­schienen waren. Für die hessische Regierung sprach

Staatspräsident und Kultusminister Or. Adelung

zunächst dem Zentralinstitut für Erziehung und Un­terricht, vor allem dem leitenden Direktor der Aus­ländsabteilung, Schulrat Niemann, Dank aus dafür, daß dieser Lehrgang zunächst in Hessen, und zwar in Darmstadt, Mainz und Gießen, abge­halten werde, und den gleichen Dank den Vortragen­den, Männern der Theorie und Praxis, alle be­währt im Auslandsschulwesen und in der Arbeit am Auslandsdeutschtum. Der Staatspräsident sagte dann u. a.: Sie alle wollen das Verständnis für die neue deutsche Schule, für die Schule im neuen Deutschland, wecken und uns stärken für die Aufgaben, die dem deutschen Volk in seinem eige­nen Lebensgebiet und im Kreis der Völkerfamilien zufallen. Reiche Anregung und Belehrung werden die Lehrer aller Schulgattungen aus dem Lehrgang miinehmen und nutzbar verwenden können in der Schulstube, im Unterricht in der Deutschkunde, in Erdkunde, Geschichte und namentlich in der Staats­bürgerkunde, die in der Schule der Gegenwart, der Schule des Volksstaates, von ganz besonderer Be­deutung ist. Gegenwart und nächste Zu­kunft legen ungeheuer schwere A u fL a - b e n auf die Schultern unseres Volkes. Diese Auf­gaben können nur gelöst werden im Kreise der Völkerfamilien, die uns umgeben, und im friedlichen Wettkampf mit ihnen. Nicht mit Mitteln der Ge­walt, sondern mit der inneren Kraft, die im Volks­tum ruht.

Dazu zählen aber nicht nur die 62 Millionen innerhalb der Staatsgrenzen, sondern auch die 30 bis 40 Millionen Deutscher im Auslande. Dieses hunderl-Millionen-volk bildet eine kul- turgemeinfchaft ohne Aeberhebung gegenüber andern Völkern, aber unter Betonung der wert­vollen Güter und sittlichen Kräfte, die unser Sondergut darslellen. Der Zusammenschluß aller kulturellen Kräfte des deutschen Volkes, wo im­mer in der Melt es lebt, ist notwendig zur Sicherung seiner eigenen Zukunst, aber auch zum Segen anderer Völker.

Und so werden die Fragen des Auslands­deutschtums, die im alten Reiche keine große Beachtung fanden, heute zu Schicksalsfragen unseres Volkes. Der verlorene Krieg hat uns als wertvollen Gewinn Besinnung auf Volk und Volkstum gebracht. Kenntnis des Aus­landsdeutschtums und Wirken für das Auslands- deutschtum ist, um mit Staatsminister Dr. Boe - l i tz zu reden,heute staatspolitische Aufgabe jedes

Deutschen geworden". Der Lehrgang soll unserer Heranwachsenden Jugend ein hohes Ideal zeigen, das sie über die Partei und Konfession und über die Nöte des Tages hinaus eint.

Nach einigen weiteren Begrüßungsansprachen re­ferierte dann

Prof. Dr. König-Gießen,

der Dozent für Auslandsdeutschtum an der Landes« Universität Gießen, in tiefgründigen Gedanken über das ThemaVolk und Stoa t", die darin kri­stallisierten, daß er F r e i h e it für di e Ent­wicklung des Volkstums forderte.

Direktor Niemann vom Zentralinstitut für Er­ziehung und Belehrung zu Berlin gab dann an Schüler hiesiger Schulen drei Lehrproben, damit einen Einblick gebend jn die zweckmäßige und er­folgreiche Durchführung der Behandlung von Volks­tumsproblemen.

Die Vorträge am Nachmittag und Abend.

Ministerialrat Dr. Löffler aus dem Reichs­ministerium des Innern sprach am Nachmittag über Das Auslandsdeutschtum in aller W e l t", während Staatsminister a. D. Dr. Boe - l i tz in seinem VortragBei d e u t s ch e n Lands­leuten i n S ii d a m e r i k a" sehr schöne und in­teressante Bilder aus seiner Südamerikareise gab, gleichzeitig den dort herrschenden Kulturwillen der Ausländsdeutschen heraushebend.

Der Abend brachte in der überfüllten Otto-Berndt- Halle einen öffentlichen Auslandsdeut- schen-Adend, in dessen Mittelpunkt ein Vor­trag von Professor Dr. Czaki, des Leiters des deutschen Kulturamtes in Rumänien, in dessen Hän­den alle das Deutschtum berührende Fragen Groß- Rumäniens jufammenlaufen, stand. Er arbeitete besonders die völkerverbindende Bedeutung des Auslandsdeutschtums heraus, während Gewerk­schaftssekretär Furtwängler die Rolle des Arbeiters innerhalb der auslandsdeutschen Bewe- gung hervorhob.

Der Abschluß der Tagung.

WER. Darmstadt, 14.3an. Heute nach- mittag fand die zweitägige TagungAuslands­deutschtum und Schule" ihren Abschluß. Lega- tionsrat Dr. Doehme vom Auswärtigen Amt behandelte das ThemaDie Arbeit der deutschen Auslandschule". Er gab aus seiner langjährigen Tätigkeit als Direktor der deutschen Schule in Stadt Mexiko und Austausch­professor an verschiedenen Universitäten der Ver­einigten Staaten einen aufschlußreichen Einblick in die für das Deutschtum im Auslande wichtige Betätigung der deutschen Auslandschulen. Den Schluß bildete ein Vortrag von Direktor Dr. Gast er, Berlin, überDer Ausländs­deutsche als Pionier des Deutsch« t u m s", der die Arbeit des einzelnen Ausländs­deutschen für die Erhaltung des Volkstums in Uebersee ins rechte Licht setzte.

Grunde Brüder, wenn sie es auch nicht sagen wollen.

Frauen gibt es nicht viel auf der chinesischen Straße. 3m Europa spricht man immer von dem erwachenden Osten. Die Frauen hier in der Chinesenstadt in Mulden sehen nicht so aus, als ob sie sich ihr Leben anders einrichten wollten als ihre Vorfahren. Genau wie die Männer gehen sie alle in der überkommenen Tracht: sie tragen schwarze seidene Hosen, die unten fest um den Fuß gewickelt sind oder energisch hin und her schlenkern. Den Oberförster und die Brust bedeckt ein seidenes 3äckchen. Manchmal ist es auch nur aus^Leinen, und die Hosen sind auch nur aus Leinen. Die Frau eines atmen Händlers oder gar eines Bettlers wird keine Seide tragen. 3m allgemeinen verwischen sich die Unterschiede der Kleidung zwischen Männern und Srauen. Die Männer haben auch seidene Hosen und seidene 3aden, und beide Geschlechter tragen auch den langen, mantelartigen Heber» hang, der ihnen etwas Schlappendes, Schlurfen­des gibt und die Bewegungen feierlicher und langsamer macht.

Sehr viele Frauen haben verkrüppelte Füße: sie können sich nur vorsichtig bewegen. Man hat gesagt, daß die chinesische 3ugend sich die Füße nicht mehr verkrüppeln ließe, aber ich habe viele junge Mädchen gesehen, deren Füße schlim­mer verändert waren als die ihrer Mütter und Großmütter. Die Frauen bewegen sich vorsichtig in ihren Filzpantoffeln und rauchen dabei aus einer langen dünnen Pfeife. Sie gehen mit ihren Kindern oder stehen in den offenen Läden.und verhandeln mit den Kaufleuten. Die Frauen holen" nichtein wie bei uns, Markt ist nicht überall, die Fleisch- und Fischhändler kommen in die Häuser, man braucht nur zuzugreifen.

Sie Kinder spkelen wie bei uns, sie haben nur weniger Spielzeug. Nirgendwo habe ich kleine Mädchen mit einer Puppe gesehen. Aber sie hüpfen auf ,einem Bein, ziehen sich Kreise auf dem Erdboden und laufen schreiend hinterein­ander her. Kinder sind auf der chinesischen Straße wohlgelitten, die Rikschakulis weichen ihnen vor­sichtig aus, die Reiter machen einen Bogen um sie. Sie Kinder sind der Stolz der Eltern.

Sie chinesische Straße ist eine große Sym­phonie menschlicher Handlungen, man sieht hier alles ungeschminkt. Man kann sagen: So ist der Mensch, wenn er nichts anderes aus sich machen will. Er schreit, handelt, ißt, lebt und stirbt. Man bekommt hier eine sehr einfache, aber immer wieder überraschende Lehre.

Hat Peart? den Nordpol entdeckt?

Große Entrüstung herrscht in den Vereinigten Staaten über ein neuerdings erschienenes Werk, in dem ein hervorragender Kenner der Geschichte der Polarforschung 3. Gordon Hayes die Ent­deckung des Äordpols durch den amerikanischen Forscher Peary anzweifelt. Hayes untersucht die Darstellung des Polarforschers bis in die feinsten Einzelheiten und kommt zu folgendem Ergebnis:Sein Anspruch, den Rordpol erreicht zu haben, beruhte ausschließlich auf seiner schrift­lich und mündlich abgegebenen Versicherung, daß er dort gewesen sei. Er hatte keinen Beweis und nicht den geringsten Zeugen, um seinen An­spruch zu erhärten. Er hat aber selbst Zweifel an feiner Behauptung hervorgerufen. 1. 3ndem er in wesentlichen Punkten sich in seinen eigenen Angaben widerspricht. 2. 3ndem er nicht die Entfernung zurückgelegt hat, die notwendig war, um den Hol zu erreichen. 3. Durch das Ein­geständnis, daß er weder seine Entfernungen gemessen, noch Beobachtungen über die Längen­grade oder die Abweichung des Kompaß vor­genommen hat. Gäbe es irgendein völlig beweis­kräftiges Dokument für den Anspruch Pearys, so wäre es sicher von ihm beigebracht worden, aber fein Dokument tonnte beweisen, daß ec 130 geographische Meilen in zwei Tagen ge­wandert ist." Hayes erkennt Peary Gutgläubig­keit und echte Begeisterung zu, bezweifelt aber bie Wahrheit seiner Angaben. Andere Polar­forscher treten diesen Behauptungen mit großer Heftigkeit entgegen, und die ganze Angelegen­heit wird von der amerikanischen Presse als ein Angriff gegen die Ehre Pearys auf gefaxt So sagt z. B. Vilhjalmur S t e s a n s s o n, der große Erfahrungen auf diesem Gebiete besitzt: Einige der Widersprüche in Pearys Bericht sind zweifellos wirklich vorhanden, aber ich er«- kläre sie mir aus der Eile, mit der er sein Buch zusammengestellt hat; er schöpfte aus drei Quel­len, seinen eigenen Tagebüchern und den Be­richten von B a r 11 e t t und H e n s o n: diese drei Erzählungen sind nicht Immer in Einklang gebracht. 3ch persönlich zweifle nicht daran, daß Peary den Rordpol auf die Weise, die er in seinem Buch_ schildert, erreicht hat. Jedenfalls bringt er dafü. vollgültige Zeugnisse von enteren bei, daß er zu der Zeit, als Bartlett ihn ver­lieh, in einer leicht zu überwindenden Ent­fernung vom Pol war und daß er eine vor­treffliche Ausrüstung hatte."