Vic politische Entwicklung „ganz von selbst-' über die formalistischen Unzulänglichkeiten der Weimarer Demokratie hinaus zu einem betonten po• litischen Führertum gelangt ist. Wenn diese» Führertum echt ist, dann wird es die Kräfte zu gewinnen wissen, auf denen allein der neue Staat gebaut werden kann, dann wird e» sich auch denjenigen Kräften gegenüber durchsetzen, die heute andere politische Methoden zur Gewinnung neuer staatlicher Macht vertreten.
Aus der Pro'vtnzialbouptstad»
Gießen, den 13. Dezember 1930.
Vorsicht mit Weihnachtsbäumen.
WSR. Die Hessisch« Brandversicherungskam- mer empfiehlt, bei der Aufstellung von Weihnachtsbäumen Vorsicht waten -u lassen, da sonst leicht Brände entstehen können, und gibt für die Behandlung der WeihnachtS- bäume einige wichtige Richtlinien:
1 Der Weihnachtsbaum soll einen schweren, festen Fuß haben, in dem der Stamm deS Baumes ordnungsgemäß und sicher befestigt sein muh, damit ein Umfallen vermieden wird.
2. Man vermeide Unterlagen auS Teppichen, Tüchern und Papier.
3. Man stelle den Weihnachtsbaum frei tm Zim- mer auf, von Gardinen und Türvorhängen so weit entfernt, dah Zugluft sie den Kerzen nicht nahebringen kann.
4. Die Kerzen müssen haltbar befestigt sein.
5. Man vermeide möglichst jeden Papier- und Zelluloidschmuck. Auf keinen Fall darf solcher Schmuck in der Rähe einer Kerze oder gar darüber angebracht werden.
6. Auf die Verwendung der sogenannten Wunderkerzen, die durchaus nicht so ungefährlich sind, wie gesagt wird, verzichte man lieber ganz.
7 Die Kerzen des Baumes zünde man in der Reihenfolge von oben nach unten an, da man umgekehrt seine Kleider und sich selbst in FeuerS- gefahr bringt.
8 Die Kerzen eines trockenen und daher besonders feuergefährlichen Tannenbaumes zünde man nicht mehr an.
Gießener Wochenmarktpreise.
Es kosteten aus dem heutigen Wochenmarkt: Butter 150 bis 160, Kochbutter von 130 an, Matte 30 bis 35, Weißkraut 5 bis 6, Wirsing, Rotkraut, gelbe und rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Sinter-Kohlrabi 5 bis 6, Grünkohl 10 bis 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat 80 bis 100, Tomaten 70 bis 80, Zwiebeln 8 bis 10, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 30 bis 50, Kartoffeln 3,5 bis 4, Aepfel 25 bis 40, Dirnen 20 bis 30, Dörrobst 30 bis 35, Rüsse 60 bis 70, Honig 40 bis 50, junge Hähne, Suppenhühner und Gänse 80 bis 100 Pf. das Pfund: Käse (10 Stück» 60 bis 140 Pf., Lauben 50 bis 70, Eier 17 bis 18, Dlu- menkohl 30 bis 70, Salat 15 bis 20, Girdivien und Rettich 10 bis 15, Ober-Kohlrabi 8 bis 10. Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 50 Pf. das Stück: Kartoffeln 2,20 bis 2,50, Weißkraut 3, Wirsing 4, Rotkraut 5 Mark der Zentner.
** Historische Fachschaft und Ober- hessischer Geschichtsverein. 3n einem Vortragsabend, veranstaltet von der Historischen Fachschaft in Verbindung mit dem Oberhessischen Geschichtsverein, sprach am Donnerstagabend im Hörsaal 44 der Universität Prof. Dr. Mommsen (Marburg) über „(SmU Ludwig und die deutsche Geschichtswissenschaft". Die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Schaffen des vielgelesenen Schriftstellers sei notwendig, so führte er aus, da weite Kreise aus den Werken Emil Ludwigs ihre historischen Kenntnisse schöpften. Das sei gefährlich, da die Grundlagen dieser Werke, dieser Biographien zum großen Teil nicht den historischen Tatsachen entsprächen, zum anderen aber unter einem Gesichtswinkel geschrieben seien, den man als falsch bezeichnen müsse. Emil Ludwig isoliere die Helden seiner Werke, löse sie aus ihrer Umgebung, aus ihrem Milieu heraus und betrachte sie psychologisch und dennoch unpsychologisch, insofern als das Handeln großer Menschen immer aus der Situation herauswachse. So sei von Bismarck mehr eine Dunt- bildphotographie geworden, als eine Charakteristik, das Werk „Rapoleon" sei wohl ernsthafter als die anderen Werke, aber doch nicht ernsthaft genug, .Lincoln" primitiv und „3uli 14" unvollständig, weil voreilig abgeschlossen und lediglich auf eine leichte Formel gebracht. Emil Ludwig sei gegen die Fachhistoriker: er glaube, ein Recht zu haben, die Wissenschaft einseitig zu nennen und meine von sich selbst, die Fachhistorie überwunden zu haben. Der Redner stellte dem aber gegenüber, dah man große geschichtliche Zusam- menhänge erst dann erklären und als Faktum hinstellen dürfe, wenn die Einzelheiten sorgfältig und ernsthaft erwogen und in das richtige Verhältnis zueinander gebracht seien. Mit dem „V o r- fühle n", wie es Emil Ludwig nenne, sei es nicht getan. Ausschlaggebend sei immer das im Rahmen des Subjekts mögliche objektive Wissen. Zum Schluß seines Vortrages befaßte sich der Redner noch mit den Gründen des Erfolges, den die Bücher Emil Ludwigs mrbestreitbar zu verzeichnen hatten. Er wies darauf hin, dah die Art zu schreiben und die Dinge darzustellen nur allzu sehr auf die Wünsche und die Mentalität des heutigen gehetzten Menschen zugeschnitten seien, im Grunde aber nicht anderes darstelle als ein besseres Kino mit halben Wahrheiten und nur glänzenden Bildern. Den Büchern fehle dementsprechend der geschlossene Charakter. Ludwig wolle zugleich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Wissenschaft vermeiden. Die Kritiklosigkeit vieler Leser hätte auherdem dem Schriftsteller den Weg bereitet: nicht ganz unschuldig sei daran allerdings auch die Wissenschaft selbst, die in einem gewissen Ausmaß den Kontakt mit der Allgemeinheit verloren habe. Mit einigen Ausführungen über die Auswertungsmöglichkeit der historischen Erkenntnisse für die Politik der Gegenwart fand der Vortrag unter lebhafter Zustimmung der Zuhörer sein Ende.
•• Deutschnationaler Handlungs» gehilfen-Verband. Man berichtet uns: Oberzollinspektor Heß hielt im Heim des Deutschnationalen Handlungsgehilfen ° Verbandes einen Vortrag über Deutsch-Ostafrika. Der außer* ordentlich starke Besuch zeigte, wie rege die Anteilnahme für unsere Kolonien ist. Eingeleitet wurde der Vortrag durch eine Schilderung der Verhältnisse, wie sie bei Ausbruch des Krieges in Deutsch-Ostafrika bestanden. Ausführlich schilderte Herr Heß, der lange 3ahre in dieser Kolonie war, die Tier- und Pflanzenwelt, die wirtschaftlichen Verhältnisse. die Ein- und AuS- fuhr, den Anbau bet verschiedenen Kultur-
Preisabbau und Lebenshaltung in Gießen.
Oie Preissenkung in Kolonialwaren von Oktober <1929 bis Dezember 1930.
Don Alfred Dossins, Syndikus im Reichsverdanb des deutschen Nahrungsmiüelgroßhandels.
Zu Anfang jeder Erörterung über den Preisabbau muh Darauf hingewicsen werden, dah kein wirtschaftlich und sozial denkender Mensch, soweit er als praktischer Kaufmann ober an sonst ver- antwortttcher Stelle im Wirtschaftsleben tätig ist, die auherordentliche Bedeutung der Verbilligung der Lebenshaltungskosten für die breiten Massen der Bevölkerung verkennt. Gerade angesichts der großen Erwerbslosigkeit und der durch Kurzarbeit oder Lohn- und Gehaltskürzungen bedingten Einkommensschmälerung weiter Kreise müssen die letzten Verteiler im WirtschastSvrozeh, Großhandel wie Einzelhandel, darauf bedacht sein, dieser geschwächten Konsumkraft durch Preisreduzierung in größtmöglichstem Ausmah Rechnung zu tragen. Was den Kolonialwarenhandel betrifft, so hat er nicht nur der Entwicklung der Weltmarktpreise folgen muffen, sondern hat, wovon sich jede unvoreingenommene Hausfrau durch persönliche Prüfung in den einschlägigen Geschäften der Stadt überzeugen kann, auch in jüngster Zeit noch in zahlreichen Artikeln seine Kalkulation auf die knappste Spanne reduziert, einzelne Geschäfte sogar bis auf ein fast nicht mehr zu rechtfertigendes Maß. 3ede Preissenkung findet aber ihre Grenze in den S e 1 b st k o st e n für die Ware und den Geschäftsunkosten. Dah diese Grenze in der Kolonialwaren- und Genuhmittelbranche im großen und ganzen zur Zeit erreicht, wenn nicht vielfach überschritten ist, muh mit allem Rachdruck der Oeffentlichkeit gesagt werden. Denn naive Gemüter erwarten vielfach alle Tage geradezu preis- stürzende Wunder seitens der Geschäftswelt, und die Frage des Preisabbaues lauft Gefahr, auf diese Weise in ein falsches Fahrwasser gedrängt zu werden. 3nsbefondere wird der ehrbare Kaufmann im Groh- und Kleinhandel, der seine Preise nach reellen Gesichtspunkten kalkuliert, allenthalben durch eine von keiner Sachkenntnis getrübte unverantwortliche Agitation, besonders gewisser fiskalischer Kreise einschl. des hessischen Ministers f ü r Wirtschaft, mit Mißtrauen verfolgt. Auf der andern Seite ist die Verbraucher- schaft leicht vergehlich. Sie nimmt herabgesetzte Preise als etwas Selbstverständliches hin und vergiht zu gern, dah sie u. a. so lange für eine ganze Reihe von Artikeln wesentlich höhere Preise hat bezahlen müssen. Gegenüber den Folgerungen, wie sie aus den Ausführungen des Geschäftsführers Mack vom GdA. in Rr. 282 des GA. vom 2. Dezember gezogen werden müssen, muh betont werden, dah auch In Gießen die starken Konkurrenzverhältnisse in der Lebensmittelbranche dafür gesorgt haben und täglich sorgen, dah die Verkaufspreise den Marktpreisen nach unten folgen, und dah die am Kolonialwarenhandel beteiligten Kreise, insbesondere der schwer um seine Existenz ringende Einzelhandel, es nicht nötig haben, sich daran erinnern zu lassen, dah auch sie den Weltmarktpreisen zu folgen haben. 3eder Kenner der Verhältnisse tveih auch, welcher ruinöse Schleuderwettbewerb gerade in der Lebensmittelbranche herrscht und wie in weiten Kreisen das Zugabeunwesen als ein Krebsschaden angesehen wird, das dringend des gesetzlichen Verbotes bedarf.
3m Hinblick auf eine übertriebene Agitation, die vielfach glaubt, ausgerechnet den aus der Kriegswirtschaft her noch in peinlicher Erinnerung befindlichen Amtsschimmel wieder in Bewegung setzen zu müssen, und mit Rücksicht auf die durch die Selbstkosten g zogen« natürliche Grenz« ist es notwendig, sich einmal klarzurnachen, was unter „Preisabbau" zu verstehen ist. Mit dem Degrifs „Preisabbau" wird in der Vorstellung des nicht wirtschaftlich geschulten Laien an ein bewuhtes, direktes Herabsehen der Preise gedacht, etwa wie bei einem 3nventurausverkauf Preise ermäßigt werden. Es wird dabei nicht beachtet, dah die Preisbildung im allgemeinen nicht etwas Künstliches ist und daß ein derartiges Senken der Preise normalerweise überall dort nicht in Frage kommen kann, wo die Preislage sich den Schwankungen auf dem Weltmarkt anlehnt und der Konkurrenz im 3n- und Ausland unterliegt, d. h. bei allen solchen Artikeln, deren Preise nicht durch a) entsprechend hohe Zollschranken gegenüber dem Auslande, b) Bindungen innerhalb Syndikaten sowie Kartellen, c) besonderen Preisschutz wie bei Markenartikeln festgelegt sind.
Die freien Artikel, die dem Einfluß von Weltmarkt und Konkurrenz unterworfen sind, überwiegen in der Rahrungsmittel- und Genußmittel- branche bei weitem die Zahl derjenigen Waren,
die pretsgebunden (Markenartikel) sind. Bei den freien Waren, deren Preise dem Einfluß von Angebot und Rachfrage unterliegen, sorgt bereits die Konkurrenz im 3n- und Ausland dafür, daß sie sich der Marktlage anpassen, indem nur der denkbar niedrigste Pre is vom Handel gefordert werden kann. Hier kann von einem willkürlichen Preisabbau oder einer Preissenkung keine Rede fein, vielmehr nur von einem selbständigen Sinken der Preise, entsprechend der Verringerung der Selbstkosten oder Unkosten, was im allgemeinen außerhalb der Einwirkungsmöglichkeit des einzelnen Händlers liegt. Als äußeres Zeichen der sinkenden Preise in vielen wichtigen Artikeln sind der amtlich errechnete Großhandelsindex für Kolonialwaren und der Lebenshaltungsindex für Ernährung anzusehen. Aber auch ein Vergleich der Verkaufspreise In den Lebensmittelgeschäften der Stadt Gießen im Durchschnitt des Monats Oktober 1929 mit denen des jetzt begonnenen Monats Dezember 1930 wird jeder Hausfrau, so weit sie entsprechende Aufzeichnungen darüber zu machen pflegt, einen allgemeinen, durchaus kräftigen Rückgang der Preise bestätigen. Rach vorliegenden Erhebungen über die Verkaufspreise in der in Frage kommenden Vergleichszeit einer Anzahl Lebensmittelgeschäfte der Stadl in verschiedenen Lagen und verschiedener Gröhe beträgt die Preissenkung im Durchschnitt der 65 verglichenen lebensnotwendigen Artikel etwa 12 bis 1 4»/o, bei einer ganzen Reihe von gerade für die Ernährung der breiten Masse bedeutsamen Artikeln erheblich mehr. Das Preisniveau der einzelnen im Lebensmittelgeschäft konkurrierenden Betriebe ist im Durchschnitt ein durchaus einheitliches, und die Verkaufspreise des selbständgen Einzelhandels insbesondere halten unter Berücksichtigung der Qualität jeden Vergleich mit denen der konsum- genossenschaftlichen Organisationen aus.
Ein Vergleich der Kleinverkaufspreise im Monat Oktober 1929 gegen Dezember 1930 zeigt, wie stark eine ganze Reihe von Waren dem Preisrückgang aus dem Weltmarkt gefolgt sind, u. a.: Erbsen, Linsen, getrocknete Früchte, Mandeln, Gewürze. Schmalz, Butter, Margarine und Käse. Eine vergleichende Uebersicht zeigt aber auch, welchen Einfluß zollpvlitische und agrarpolitische Maßnahmen auf die Preisentwicklung haben. So wäre sicherlich das Preisabsinken bei Kaffee viel größer gewesen, wenn nicht Anfang März dieses 3ahres der Zoll für Rohkaffee um 30 Mark je 100 Kilo erhöht worden wäre. Ebenso spiegelt sich die zur gleichen Zeit vorgenommene Zollerhöhung für Tee und später für Erbsen in den Tee- und Erbsenpreisen wieder. Auch die Preise für Müh- lenprodukte und Teigwaren sind von der zugunsten der Landwirtschaft beeinflußten Zollregelung abhängig, ferner Zucker und zuckerhaltige Produkte durch die ganz außerordentliche Zollerhöhung, die dazu führte, dah die Zuckerpreise sich völlig unabhängig vom Weltmarkt gestalten, ein Vorgang, der durch das mit der Ro Verordnung rechtswirksam gewordene Handelsklas.engesetz mit dem vorgesehenen Zwangszusammenschluß der Zuckerindustrie stabilisiert wird.
Die Preisbildung der vom Weltmarkt abhängigen Waren vollzieht sich selbsttätig: der Handel ist gar nicht imstande, sie zu beeinflussen, weder nach oben, noch nach unten. Anderseits ergibt sich wie einsch. eidend Zoll- und agrarpolitische Mahnahmen auf die Preisgestaltung einwirken. Wenn aber aus besonderen Gründen Regierung und Reichstag Zoll- und andere gesetzgeberische Mahnahmen, z. D. zum Schuh der Landwirtschaft, für erforderlich halten, so kann man den Handel nicht dafür verantwortlich machen, wenn hierdurch die Preise eine andere Richtung nehmen, als dies ohne solche Maßnahmen der Fall gewesen wäre. Syndikate und Kartelle gibt es im RahrungS- Mittelhandel in Deutschland nicht.
Was die Markenartikel angeht, so haben diese sich in letzter Zeit der ganz besonderen Beachtung der Reichsregierung erfreut, in einem Maße, das weit über die Bedeutung hinausgeht, die derartige Artikel im Gesamtrahmen der Lebensmittelwirtschaft ausmachen. Eingehende Lindersuchungen über Preisbindung und Preisbildung bei Markenartikeln haben auf Grund der Rotverordnung und des daraufhin an den Reichswirtschaftsrat ergangenen Ersuchens von letzterem stattgefunden. 3nzwischen haben aber die beteiligten Kreise für die den Haushalt betreffenden wichtigsten Artikel (Persil, Kathreiners Malzkaffe« u. a.) eine beachtliche Preisherabsetzung vorgenommen. Dabei muh darauf hingewtesen werden, dah
neben der 3ndustrie, die außer der Berücksichtigung der Rohstoffpreise mit der Preislenkung auch eine Belebung des Absatzes im Auge hat, auch der Groß - und Einzelhandel durch teilweise sehr weitgehende Einschränkung ihrer Handelsspanne dazu bei getragen haben, die Möglichkeit einer Preissenkung in diesem Aysmah zu schaffen. Dieser Hinweis benjentgen, die glauben, das Heil allein in einer Aufhebung des Preisschutzes erblicken zu können. Die Preissenkungen in Markenartikeln, die unabhängig von den zeitraubenden Beratungen des Reichswirtschaftsrates und den versteckten Drohungen der Regierung erfolgt sind, lediglich in dem Bestreben, der gesunkenen Kaufkraft, soweit dies die bedingenden Faktoren nur irgend zuließen, Rechnung zu tragen, beweifvn doch auf das deutlichste, daß die Preisbindung an sich ohne Einfluß auf die Preisbildung der Markenartikel ist/
Was derartige Einschränkungen der Handelsspannen in den preisgebundenen freien Artikeln für den Groß- und Einzelhandel bedeuten, wird besonders klar, wenn man sich überlegt, welche hohen und gerade in den letzten Monaten noch erhöhten Unkosten dem Handel erwachsen sind:
Die Stückguttarife der Eisenbahn haben eine Erhöhung erfahren, die teilweise 100 Prozent auS- macht. Der im Großhandel unentbehrliche Lastkraftwagenbetrieb hat durch die vor einigen Wochen erfolgte Zollerhöhung fürTr lebst o f f e , die Abgabe auf Benzol und den Bei» Mischungszwang von Spiritus, ferner durch die zwangsweise Umstellung der Lastwagen von Vollreifen auf Luftreifen eine ganz gewaltige Verteuerung erfahren. Die Erhöhung desBei- trages zur Arbeitslosenversicherung, die hier in Gießen nicht durch eine entsprechende Herabsetzung des Beitrages zur Krankenversicherung kompensiert worden ist, bildet ein weiteres Unkostenmoment, ebenso wie die noch immer übermäßig hohen Zinsen, die Höhe der Rechtsverfolgungskösten gegenüber zahlungs- urrtDilligen Abnehmern und die Höhe der Verluste im Großhandel durch Zahlungseinstellungen oder Zusammenbrüche im Einzelhandel. Die im Landtag beschlossenen neuen Steuererhöhungen und die hohen städtischen Tarife bilden neben einer Reihe anderer Dinge noch weitere Unkostenelemente. Wenn bei an und für sich stark verringertem Umschlag, verstärkt durch sinkende Preise, der Handel sich entschlossen hat, dort, wo rein schematische preisliche Einwirkungsmöglichkeiten gegeben sind, wie bei Markenartikeln, die kalkulatorisch eigentlich notwendige Erhöhung in eine Verringerung seiner Handelsspanne freiwillig umzuwandeln, so dürfte dies ein Zeichen dafür fein, daß gerade der Rah- rungsmittelhandel nach Kräften bemüh t ist, nicht nur volkswirtschaftlich und sozial zu denken, sondern auch zu handeln und an seinem Teil dazu beizutragen, die Wirtschaftskrise zu vermindern und Wege für ihre Beseitigung zu eröffnen. Klar erkennt der Aahrungsmittelhan- del, daß nicht durch hohe Preise und geringen Umschlag, sondern nur durch möglichst niedrige Preise und dadurch mengenmäßig erhöhten Umschlag die Gesundung der Wirtschast erreicht werden kann.
Run ist es an den öffentlichen Stellen, insbesondere an der Regierung im Reich und in Hessen und an der Stadtverwaltung, dafür zu sorgen, daß durch eine vernünftige Sparpolitik und maßvolle Zoll-, Steuer- und Verkehrspolitik die Bemühungen der Wirtschafts- kreise, insbesondere deS für die Ernährung des Volkes so wichtigen Lebensmittelhandels, sich dem Absinken der Preise auf dem Weltmarkt anzu- passen und, soweit Preisregulierungen stattfinden, durch Senkung der Preise für eine Ankurbelung der Wirtschaft und Verbilligung der Lebenshaltung der breiten Verbraucher schichten zu sorgen, nicht gestört oder, wie es leider angesichts der neuen Anträge der Stadtverwaltung auf Erhöhung der Realsteuern zu befürchten ist, in die entgegengesetzte Richtung gedrängt, sondern nachhaltigst unterstützt werden. Die Käufe r s ch a f t muß gewarnt werden, bezüglich eines weiteren Preisabbaus Hoffnungen zu hegen oder solche sich von einer unverantwortlichen Agitation vorgaukeln zu lassen, die nicht erfüllt werden können, und in ihren Einkäufen eine Zurückhaltung zu üben, die über das Rotwendige hinausgeht und die nur geeignet ist, bU von allen erwartete Belebung der Wirtschaft nicht zu fördern, sondern zu verhindern.
pflanzen, die Eisenbahnen und die Schwierigkeiten der Güterbewegung durch Trägerkolonnen. Eingehend behandelte er auch die Verwaltung des Landes und die Schutztruppe, und zeigte alles dies tm Lichtbild. Der zweite Teil des Vortrages brachte Die persönlichen Erlebnisse vor und während des Krieges, der In Ostafrika gegen zehnfache Uebermacht bis zum Wajfenstillstand durchgekämpft wurde. Die Anstrengungen und Märsche waren ungeheuer, da der Feind nur durch das Hin- und Herwerfen der kleinen Schuhtruppenabteilungen aufgehalten werden konnte. Rachschub aus der Heimat war nicht möglich, es ging daher allmählich alles aus, was zum Leben notwendig war. Waffen und Munition mußten vorn Feind geholt werden, Schuhe und Kleidung wurden notdürftig selbst angefertigi. 3edenfalls war der Kamps in Ostafrika eine der großen Kriegstaten unseres Volkes. Nachdem noch eine Reihe Lichtbilder auch diesen Teil des Vortrages bildlich zur Darstellung gebracht hatten, kam der Redner auf das gute Verhältnis zu den Eingeborenen zu sprechen, das wohl am besten durch einen Reim in bet' Suaheli-Sprache gekennzeichnet wird, der aus Deutsch heißt: „Der Deutsche hat harte Worte, aber ein gutes Herz. — Der Engländer hat schöne Worte, aber ein hartes Herz."
Oberheffen.
Landkreis Rieften.
OO Klein-Linden, 12 Dez. Der Landwirt und Kriegsoeteran Johann Georg Schmidt, der die Feldzüge von 1866 und 1870/71 mitgemacht hat, kann am 18. Dezember in voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit seinen 8 8. Geburtstag begehen. Der alte OTerr, der au» dem benachbarten 1
Lützellinden gebürtig ist, ist der älteste männliche Einwohner unseres Dorfes.
Q Leihgestern, 12. Dez. Der für die hiesige P f a r r st e l 1 e ernannte Pfarrer R e u s ch wird am 3. Advent von dem Dekanstellvertreter Pfarrer Sattler (Wieseck- der Gemeinde im Gottesdienst vorgestellt werden.
O Holzheim, 12. Dez. Bei der hiesigen Viehzählung wurden festgestellt: 86Pferde, 861 Stück Rindvieh, 124 Schafe, 910 Schweine, 103 Ziegen, 3240 Stück Federvieh und neun Bienenstöcke. — Don einem schweren Schicksalsschlag wurde die Familie Heinrich Müller 1. betroffen. Als der im 50. Lebensjahre stehende Bäckermeister Müller am Morgen mit Brötchenbacken beschäftigt war, machte ein Herzschlag seinem Leben ein schnelles Ende.
* Ruttershausen, 13. Dez. In der vergangenen Nacht wurde bei dem Einwohner Friedrich Schwarz ein Einbruch verübt. Den Dieben gelang es, 15 Mark zu erbeuten. Außerdem fielen ihnen auch Wurstwaren in die Hände. Ver- mutlich wurden die Einbrecher bei ihrer Tätigkeit gestört, do sie einen Teil ihrer eßbaren Beute liegen ließen. Ein zweiter Einbruch wurde in einer Jagdhütte ausgeführt. Der Jagdaufseher fand heute morgen die Türe der Hütte erbrochen und begab sich daraufhin sofort zur Polizei. Was den Dieb dort zur Beute wurde, konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Die Ermittlungen find im Gange.
O Linden st ruth, 12. Dez. Dor 2 Jahren wurden die Feldbereinigungsarbeiten in dem nach Reiskirchen zu gelegenen Wiesengrund beendet. Um den Wiesengrund vor der völligen Der- sumpsung zu retten, wurde auch der Wieseck- bach verlegt. 3n dem jetzigen nassen Herbst konnte zum erstenmal sestgestellt werden, dah die
Dachregulierung ihren Zweck vollständig erfüllt, Auch an den niederschlagreichsten Regentagen ergoß sich alles Wasser sofort in die Abzugsgräben. Als gute Folge zeigt sich jetzt schon, daß ein weit besseres Futter geerntet wird, als vor der Feldbereinigung.
> Saasen, 12. Dez. Seit 5. Dezember ist hier eine Poststelle neu eingerichtet worden. Unser Ort war von jeher der Postagentur Reiskirchen zugeteilt. Das Postauto kommt täglich zweimal von Gießen. Ein großer Dorteil in der Zustellung besteht darin, daß die Post schon am Vormittag bestellt werden fann, etwa ge Antwort ch eiben mit der zweiten Post am Rach.nittag weitergehen können. Die Poststelle ist in den Händen des seitherigen PostyiNsstelleninhavers Wilh. Stark geblieben. — Die nach dem Weggang unseres Lehrers Herber freig.wordene Lehrer st eil« ist zur Reubesetzung ausgeschrieben worden. Es haben sich nur neun Bewerber gemeldet, eine für die günstige Lage unseres Ortes sehr geringe Bewerbe rzahl. Wie wir hören, sott die Besetzung der Stelle noch im alten Schuljahr erfolgen.
Aus dem Amtsverkündigungsdlati.
• Das Amtsverkündig ungSblat! Rr. 91 vom 12. Dezember enthält: Stand der Maul- und Klauenseuche. — Falsche Reichsbanknoten. — Straßensperre. — Der Ausbau des Eichgärtengebiets in der Gemarkung Gießen. Der Derkehr mit Feuerwerkskorpern.
Ium Schutz gegen | ffalia^undung undEnalfuM


