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Nr. 186 Zweites Blatt

die

Contrawenzione: 11,10 Lire.

Don Gustav W. Eberlein, Die contrawenzione ist eine multa und

multa, um es auf Schweizerdeutsch zu sagen, eine Buhe, und die Buhe eine Polizei st rase, eine Geldstrafe, eine staatliche Einnahmequelle. Sempre in contrawenzione, das heißt: immer im -Zustande einer Gesetzesübertretung, befinden sich irn Schatten des Duce diejenigen Bürger, die, statt wie ehrbare Menschen zu Fuß zu gehen, die Anmaßung besitzen, sich an das Steuer eines Automobils zu setzen. Es sind dies meistens Menschen, die sich kein größeres Vergnügen wissen, als den Verkehr zu stören. Unter Verkehr versteht der brave Quirite alten Schla­ges eine Bewegung, die darauf abzielt, unter munterer Lektüre der Mittagszeitung, einem kräf­tigen Händedruck zur Linken und einem getonten Lächeln zur Rechten bei größtmöglicher Zcit- auSkostung schlangenförmig die andere Seite der Straße zu gewinnen. Solche Lebenskünstler heißt man pedoni, Fußgänger. Sie sind der Lieb­ling der Gesetzgeber, und wenn gar ein bambmo, ein Kind, in ihrer Begleitung ist, dann werden sie ohne weiteres in eine, göttliche Verehrung genießende Kategorie eingereiht, denn jeder Ben­gel, der es zu hören bekommt, was er für ein Nichtsnutz ist, wird in dem Augenblick, wo ihn der Stoßfänger eines Automobils beinahe ge­streift haben könnte, zu einem angelo, einem Engel.

Soviel zum Verständnis der italienischen Um« gangsfprache.

Daß die Automobilisten von den Zeitungen als Etrahenbanditen oder Mörder vom Volante bezeichnet roerben, brauche ich nicht besonders au betonen. Das ist überall so und geht immer io lange, bis der betreffende Kollege für Lokales und Verkehr auch ein Auto hat. Dann fängt er sein Morgenlied genau so an, wie ich den zweiten Satz dieses Feuilletons.

Er stellt fest, daß Italien im allgemeinen und Vorn im besonderen noch weit zurück ist, gemessen an den Zahlen anderer Länder. So habe «um Beispiel Frankreich jetzt eine und eine viertel Million Automobile laufen, Italien dagegen bei gleicher Bevölkerungszahl nur den vierten oder fünften Teil. 3n ganz Sardinien gibt es nicht mehr als in der Lagunenstadt Venedig. Woher das kommt? Einmal von den schlechten Straßen, dann von den hohen Steuern kostet doch zum Beispiel ein Hun-

Das Saarproblem.

Ein Saar Problem gibt es nur für Fr ankre ich, nicht für Deutschland. Wenn die Verhandlungen über das Saargebiet durch die Schuld Frankreichs gescheitert sind, so haben sie doch wenigstens den einen Vorteil gebracht, die Absichten Frankreichs einwandfrei klarzu- stellen. Nachdem schon Poincare vor einiger Zeit daS Stichwort gegeben hatte, daß das Saargebiet eigentlich zu Frankreich gehörte, fällt nun Die französische Presse im vollen ChoruS ein. WaS den Franzosen daS Saargebiet so wert­voll macht, ist nicht die Saarbevölkerung, ist euch nicht die Aussicht, hier französische Waren ab­setzen zu können, sondern nur der Zwang für die lothringische Schwerindustrie, sich die Saat* kohle zu sichern. Daß die Volksabstimmung im Januar 1935 die französischen Pläne nicht fördern kann und wird, darüber ist selbst Poin­care nicht im Zweifel, zumal die Saarfranzosen nur in seiner Einbildung bestehen. Da auf Grund deS Saarstatutes an der Volksabstimmung nur teilnehmen kann, wer schon bei der Besetzung oder Liebertragung des Saarmandats an den Völkerbundsrat im Saargebiet heimatberechtigt war, hat Frankreich nicht die geringste Aussicht, sich nachträglich Saarsranzosen zu schassen. Aller­dings setzt Frankreich alle Hebel in Bewegung, um namentlich im Wamdtgebiet die Städte und Dörfer mit Saarländern zu besehen, die bereit find, ihre Stimme für Frankreich ober für Auf­rechterhaltung beS Mandatszustanbes abzugeben. Diese Saarländer werben sich nicht finden lassen, auch nicht, wenn Frankreich sich ebenso freigebig zeigt wie gegenüber dem separatistischen Lumpengesindel. Frankreich will vor allem das Warndtgebiet, weil es in seiner Erde die beste Saarkvhle birgt, jedenfalls eine Kohle, die sich ausgezeichnet für die Verhüttung eignet

Wider alles Völkerrecht hat Frankreich mit dieser Besitzergreifung schon begonnen. Don Lothringen her sind Schächte unter der ® r enze durch auf das Saargebiet vorge- trieben worden, ohne daß die Saarregierung dagegen Einspruch erhoben hat. Frankreich hat bei den Saarverhandlungen eine deutsch­französische Grubengemeinschaft an­geboten als Ausdruck für den wachsenden Ver­ständigungswillen der beiden Völker. Das ist nicht einmal ein geschickter Schachzug, denn diese Verständigung ließe sich viel besser zum Ausdruck bringen, wenn eine Arbeitsgemeinschaft für die ehemals deutsch-lothringische Eisenindustrie gebildet würde, zumal diese ganze Industrie von der deutschen Wirtschaft aufgebaut worden ist. Die deutsch - französische Gruben- gemeinschast würde nach französischer Auffassung allein geeignet sein, den Einbruch in das deutsche Wamdtgebiet nachträglich wieder gutzumachen, also den Franzosen erlauben, die beste Saarkohle weiter für sich zu fördern. Diese Arbeitsgemein­schaft ist von der gesamten Saarbevölkerung ab* gcleb n t worden, weil sie nur den einen Wunsch hat, die Franzosen so bald als möglich loSzuwerden.

Allein was Frankreich als Ersah für diese ver- lorene Arbeitsgemeinschaft plant, ist nicht minder Sfährlich, denn es handelt sich nun um das

-arnbtgcbict f e 16 ft Wir haben eS ja in Oberschlesien über uns ergehen lassen müssen, daß eine künstlich geschaffene Stimmenmehrheit für Polen in einzelnen Kreisen des Abstimmungs­gebietes dazu rnrhbraucht wurde, die wertvollsten Teile loszureißen und Polen zu übereignen. Das soll sich im Eaargebiet wiederholen, sofern sich auch im Wamdtlande nur einige Dörfer finden, in denen einige Stimmen mehr für Frankreich als für Deutschland abgegeben werden. Frank­reich ist auf dem besten Wege, sich diese Stimmen zu erlaufen, um, wenn dies nicht gelingt, mit der Peitsche zu drohen. Kein Destechungsversuch ist zu schofel, um nicht von Frankreich benutzt zu werden, fei es unter der Maske der kulturellen Duvchdringung oder durch Formen der wirtschaft-

GiehenerAnzeiger (General-Anzriger für Gderhessen)

lichen Abhängigkeit. Nun ist Tatsache, daß die wirtschaftliche Verbindung des Saargebietes mit dem Reiche so eng ist, daß die Durchschneidung die Saarwirtschaft in sich zusammenbrechen lassen würde. Auch das wird Frankreich nichts nützen, daß eS vorübergehend als Lockmittel die Erzeug­nisse des Saargebiets aufkaufen und nach Frank­reich ausführen läßt, weil dies kostspielige Ver­fahren aus alle Fälle nur so lange dauern wird, als bis Frankreich sein Ziel erreicht hat.

Daß dies Ziel hartnäckig verfolgt wird, zeigt auch die Beibehaltung des sogenann- len Bahnschuyes, was nicht nur eine glatte Verletzung deS Saarstatutes ist, sondern auch ein Mißbrauch der Vereinbarungen, die nur so lange gelten sollten, als noch französische Truppen im Rheinland standen. Nachdem der lehte Franzose auS der dritten Zone für immer verschwunden ist, ist auch die Aufrechterhaltung des Bahnschuhes im Saargebiet überflüssig. Es sind keine Ver­bindungen .mit Frankreich militärisch zu sichern, ganz abgesehen davon, daß das Saarstatut aus­drücklich die Errichtung einer örtlichen Polizei vorsieht. Die neue Ausrede, daß der französisch- belgische Bahnschuh notwendig sei, um die Saar-

sranzosen vor dem DolkSzom zu schützen, ist schon deshalb oberfaul, weil es erstens keine Saar- franzofen gibt und weil zweitens nach der Ab­stimmung kein Saarländer den VolkSsturm zu fürchten hat. Die Volksabstimmung wird näm­lich hunderwrozentig für die Rückkehr zum Reich ausfallen, im Wamdtgebiet gerade so wie in allen übrigen Teilen des Saarlandes. Wenn Frankreich an einer Verständigung mit Deutsch- land liegt, so möge es einwilligen, die Rück- gliederung des Saargebietes ohne Verzug erfolgen zu lassen. Soweit Frankreich die Saar­kohle für die lothringischen Hüttenwerke ge­braucht. wird sie diese ohne jede Grubengemein- schäft erhalten können. Der törichte Hinweis Poincares auf die französische Vergangercheit des Eaargebietes schasst keine Ansprüche, zumal die Saarbevölkerung seit mehr als einem Iahrhun- dert wieder zu Deutschland gehört, von dem sie auch nur während der großen französischen Re­volution für kurze Zeit gegen ihren Wil- l e n getrennt war. Wenn Poincares These richtig wäre, dann könnte beispielsweise England ganz Nordfrankreich auf Grund früherer Besihreedte zurückfordern. Lind Deutschland Elsaß-Lothringen!

DerVerfassungstag4930inGießen

Die offizielle Derfaffungsfeier.

Zum zweiten Male war gestern der Berfas- sungstag in 5) essen gesetzlicher Feier- t a g. Allenthalben herrschte daher Sonntagsruhe. Zn den Straßen von Gießen wurde die Arbeitsruhe durch die geschlossenen Geschäfte und den verminder* ten Fuhrwerks* und Personenverkehr bemerkbar, im übrigen gaben die mit den Reichs- und Landesfar- bcn beflaggten behördlichen Gebäude und eine An* zahl fahnengeschmückter Prioathäuser dem besonde­ren Charakter des gestrigen Tages Ausdruck.

Am Nachmittag versammelten sich mit den Ver­tretern der Behörden etwa 3000 Einwohner in der Bolkshalle zur

offiziellen Verfaffungsfeier.

Die Bolkshalle war mit schwarzrotgoldenen und mit weißroten Fahnen reich geschmückt, die Reichs-, Staats* und Kommunalbehörden waren durch ihre obersten Leiter vertreten, das Militär war in dem Kommandeur unseres Bataillons, einigen Offizieren und der Kapelle des Bataillons zugegen.

Die Militärkapelle unter der Leitung von Ober- Musikmeister L ö b e r leitete die Feier mit dem Aufzua der Meistersinger" aus Waaners OperDie Meistersinger von Nürnberg" ein. Darauf begrüßte

ObepregieruugSrai kitzel

im Namen des auf Urlaub weilenden Provinzial- direktors und zugleich auch für den anwesenden Ober­bürgermeister der Stadt Gießen die Festoersamm- lung. Sein besonderer Gruß galt dem hessischen Mi­nister des Innern L e u s ch n e r, den Vertretern der Behörden, der Universität, der Reichswehr, der Schulen, sowie den mitwirkenden Vereinen. Die Ver­sammlung habe sich vereinigt, um der Republik, ihrer Verfassung und ihren Symbolen Achtung und Treue zu bekunden. Mit froher Bewegung gedenke er der Tatsache, daß es in diesem Jahre zum ersten Male möglich sei, die Verfassungsfeier in einem von fremdländischer Besatzung befreiten Deutschland zu begehen. Alle wünschen und hofften, daß dem deut­schen Volke, das gegenwärtig unter schwerer Wirt- schaftsnot leide, recht bald wieder glückliche Tage er­blühen möchten unter der Fahne Schwarzrotgold im Sinne des Deutschland-LiedesBlüh' im Glanze dieses Glückes, blühe deutsches Vaterland!"

Mit lebhaftem Beifall empfangen betrat nunmehr als Festredner der

Minister des Innern Lenschner

das Rednerpodium. Er sagte in seiner Rede u. a.: Es ist in der letzten Zeit bei uns sehr

viel von einer Krise des parlamentarischen Sy­stems. von einer Krise der Demokratie die Rede gewesen. Der bevorstehende Wahlkampf wird um die Grundlagen des Aufbaues unseres Staates gehen. Da tritt die Frage in den Vordergrund: Gibt es für Deutschland überhaupt eine andere Lösung, als die in der Weimarer Verfassung nicbergclegtc? Heute beschäftigt wieder der Ge­danke an eine Diktatur die Gemüter. Hat die Demokratie wirklich versagt? Wir können unser Urteil ohne Besorgnis sagen: Der Aufbau un­seres Staates als Demokratie hat die Einheit des Deutschen Reiches gerettet, und die Frei­heit des deutschen Volkes nach außen und innen gesichert. Durch den demokratischen Volksstaat ist erwiesen worden, daß das deutsche Volk sein Schicksal selbst gestalten kann, ohne auseinander­zufallen. Die deutsche Arbeiterschaft hat in der klaren Erkenntnis, daß die Zukunft des ganzen Volkes von der Erhaltung der politischen und staatlichen Geschlossenheit abhängt, sich rückhalt­los zum Staate bekannt. Die werktätigen Massen sind davon überzeugt, daß dieser Staat ihr Staat ist. Auch die übrigen Volksgenossen, die heute noch abseits stehen, sollten den Aufbau dieses Staates fördern und damit seinen Be­stand sichern helfen. Die junge deutsche Repu­blik mußte dulden, daß im Westen fremde Truppen Fuß faßten aber nur auf Zeit. Der deutschen Republik ist es gelungen, das Rheinland fünf Iahre früher frei zu machen. Das große Werk der Befreiung des Rheinlandes ist nun vollbracht. Hoffen wir, daß nun daS Saargebiet auch recht bald frei wird und zum Mutterlande zurückkehrt.

Für die Weiterentwicklmrg unseres Staates kommt es auf Höchstleistungen an. Ein Volk, wie das deutsche, kann seinem ganzen Charakter nach keine Diktatur vertragen. Ieder Versuch der Ver­gewaltigung der persönlichen Recht eunb der Meinung des einzelnen Volksgenossen mühte zur Explosion führen. 60 Millionen deutsche Men­schen können nicht anders existieren als unter einem System, das nicht auf Llnterdrückung, son­dern auf Ausgleich eingestellt ist. Diesen Aus­gleich der Interessen auf natürlichem Wege her- oeizuführen, ist Sinn und Ziel der demokratischen Verfassung von Weimar. Bei solcher Notlage und Arbeitslosigkeit wie jetzt wäre es fast ein Wun­der, wenn wir keine politische Krise hätten. Wenn der deutsche Parlamentarismus noch nicht recht funktioniert, dann zeigt sich, daß er noch der technischen Durcharbeitung bedarf. Die bisherigen

dertpferdiger jährlich so viel an Steuer, wie ein ganzer Wagen: über zwanzigtausend Lire! und schließlich von der polizeilichen Ver­folgung, die sich in contrawenzionen austobt.

Als Unparteiischer darf ich dazu sagen, baff die Straßen anfangen, erheblich besser zu wer­den, und die Steuer für kleinere und mittlere Wagen hoch, aber nicht unerschwinglich ist. Die Polizeistrafen werden zwar reichlich und mit einem Eifer ausgeteilt, der einer besseren Sache würdig wäre, sind aber zum Beispiel gegen die schweizerischen Bußen geringfügig und flattern niemals unerwartet als Strafzettel ins Haus. Man zahlt sie gerne an Ort und Stelle, um endlose Gerichtsverhandlungen zu vermeiden.

Plötzlich, man weiß fast nie, warum, geht ein Arm hoch wie ein Semaphor oder ein diskret uniformierter Radfahrer zischt heran ober eine Motorrabstreise überknattert den Motor und ber römische Refrain schmeichelt sich ins Ohr: Lei ö in contrawenzione! Frage nicht, sondern nicke nur wissend vor dich hin. Lind schon folgt das zweite Ritomello: Wollen wir uns gütlich einigen? Conciliazione, Signore?

Aber ja, mit Vergnügen! Llnd schon zieht der Mann liebenswürdig seinen Block, der grün ist oder lila oder rosig, und reißt ein schon aus- gefülltes, numeriertes, datiertes, unterschriebenes und mit zwei Steuerwerken beklebtes Blatt ab: Ditte sehr! 11,10 Lire, wenn der Herr so freund­lich fein wollen. Vielleicht Kleingeld zur Hand? Grazie.

Man sollte immer Kleingeld bei sich haben. Es lohnt sich. Die Zeit, die man damit bei der täglichen Contrawenzionen-Äette spart, läppert sich zusammen, denn wie alle Geschäftsleute in Nom. können auch die poliziotti niemals Heraus­gebern

10 Lire Strafe, 10 Centesimi Steuer und 1 Lira für die Tuberkulosebekämpfung. Polizeistrafe mit Wohltätigkeit kann man die Sache überhaupt einladender gestalten? Das ro­sige billet doux, das ich heute nacht um 1 Uhr ausgehändigt erhielt, trägt das historische Zeichen S. P. Q. R. und die Nummer 129 542, Serie M. 1, Abteilung Radsahrer. Es macht Spaß, so etwas mit 11,10 zu multiplizieren. Und wenn es war sein sollte, daß die guardie, die Wächter des Verkehrs, davon ihren Prozent­satz Provision bekommen, wie man sagt, dann könnte man ihre Liebenswürdigkeit verstehen.

Aber ich glaube nicht recht daran. Denn warum sollten sie es dann bloß auf die Auto» sahrer abgesehen haben, wo doch bei anderen

Vehikeln viel mehr zu holen wäre? Ich wurde contrawenzionato, weil ich nächtens einen völlig menschenleeren Platz nicht, wie es zur Regelung des Tagesverkehrs vorgeschrieben ist, umkreiste, sondern etwasschnitt". Nun, da könnte man Don den Herren Ciclisti, den Radfahrern, Provisionen einstreichen, daß es nur so buttert Es ist zwar kürzlich wieder einmal gesagt worden, sie müßten mit Glocke, Bremse und Licht ausgerüstet fein, aber sie haben das nicht gehört. Sie überfahren genau so viel Leute, wie die Automobilisten, sie enthuschen fast immer unerkannt, nun, was ist da schon dabei. Auch die Straßenbahn darf ihrem Beispiel folgen. Diese Unglückszahlen kommen nicht in die Entrüstungsstatistik.

Lind erst die Carrettieri, die privilegierten Er­ben der Biga, diemalerischen" Kärrner! Rom ist die lärmendste Stadt Europas, kla­gen die pedoni, die Fußgänger, man müßte die Hupen verbieten. Ist es nicht eine Frechheit, einem ahnungslosen Fußgänger in seine Träume hineinzubrüllen? Aber daß die Pferde oder Maulesel der zweiräderigen Karren mit einem anachronistischen Schellengeläute behängt sind wie die russischen Schlitten, das stört niemand. Diese knarzenden, krachenden, auf zwei unförmigen, un­gefederten Rädern daherschwankenden Gebilde der Antike dürfen überhaupt alles tun, was ein Autofahrer nicht tun darf. Sie pfeifen auf Vorschriften, Verbotstafeln und Polizisten, sie pfeifen buchstäblich und fingen und schreien und knallen durch die vornehmsten Villenquartiere. Noch nie habe ich gesehen, daß einer in contrawenzione genommen worden wäre. Und ich habe reichlich Gelegenheit zur Beobachtung, denn ich wohne in einerfür Lastfuhrwerke verbotenen" Dillenstrahe. Eine mächtige Tafel verkündigt das am Eingang der Straße und die Kärrner sitzen mit der Peitsche darüber hinweg und halten sich den Bauch vor Lachen, wenn sich jemand in der Zeitung Darüber aufregt.

Dicht- kann bezeichnender sein für die ver­schiedene Handhabung der Gesetze in Rom, unter Den Augen Mussolinis. Vorne die breite Via Nomentana, an der die Residenz des Duce liegt: Polizeistreifen rasen aus und ab, wehe dem Auto, das sich die geringste Verfehlung zu­schulden kommen läßt. Hinten die schmale Via delle Isole: kein Polizist zu sehen. Die Kärmer rattern hindurch, daß die Grundmauern zittern, sie quetschen die Fußgänger rücksichtslos in die Abwasserrinnen, Denn Die Straße hat keine Gehsteige. Der mißbräuchliche Verkehr versetzt sts nach kurzer Zeit in einen ballarchaften Zu­

Dienstag, 12. August 1950

Mängel erklären sich als D:e Krankheiten einet neuen Systems, die aber überwunden werden. Wir müssen nur Vertrauen zum Volksganzen haben. Denn alle bereit wären mitjuarbeiten, sei e« auch um den Preis von Opfern, dann hätten viele Mängel schon langst überwunden sein können. Wir sind hier auf dem Boden einer Universitätsstadt. Und da muß man rückblickend sagen, daß das Akademikertum der jungen deut­schen Republik Abneigung entgegengebracht und ihr Schwierigkeiten bereitet hat. Inzwischen hat sich aber eine merkliche und erfreuliche Wandlung zur Verständigung vollzogen. Gerade von der akademischen Führer^chicht muß man erwarten, daß sie Einsicht in die zwangsläufigen Verhältnisse besitzt.

Auch In der Flaggensrage sollte man Ver­ständnis erwarten dürfen. Die alten Reichs- farben haben ihre- große Bedeutung gehabt, und sie werden von allen Menschen, Die ihr Vaterland lieben, geachtet werden. Aber die Farben der deutschen Republik sind heilige Farben, da fie schon unter Kaiser Otto II. Die Farben des Reichs­wappens und später die Der allen Reichesturm- sahne waren. Es war also kein Zufall, daß über 1848 wieder die Farben Schwarz-Rot-Gold flat­terten, Die von einstiger Einheit und Größe kün­deten. Im Bewußtsein Der großen Vergangen­heit, die uns alle mit Stolz erfüllen muß. Durfte es keinen Flaggenstreit mehr geben. Schwarz- Rot-Gold ist für die deutsche Republik Der Aus­druck der deutschen Einheit und Gröhe.

Wenn jetzt überall der Weimarer Verfassung sestlich gedacht wird, wollen wir aber auch nicht ihrer Führer vergessen. Wir gedenken zunächst des ersten Reichspräsidenten Ebert, der mit Weitblick und Voraussicht das Fundament von Weimar mit geschaffen hat. Wir wollen weiter des Mannes gedenken, Der heute an der Spitz« Der Republik steht, des Reichspräsidenten von Hindenburg, der in seinem hohen Verant­wortungsgefühl ein Vorbild ist für Pflicht­erfüllung und Dienst am Volke.

Unser Blick wendet sich heute auch nach vor­wärts. Wir hoffen und erstreben Den Tag, wo auch der letzte deutsche Volksgenosse sein Miß­trauen abgelegt hat und im Weimarer Volks*« floate heimisch wird. In diesem Sinne widmen wir unsere aufrichtigen Wünsche dem jungen Volksstaat und der Weimarer Verfassung. Möge sie immer Streiter und Kämpfer finden, Die für Die Verwirklichung ihrer Ideale eintreten. Möge ihr Weg weiter aufwärts führen in eine lichtere, glückliche Zukunft. Daran immer mitzuarbeiten, wie es unsere Pflicht ist, wollen wir in dieser Stunde feierlich geloben. Zur Bekräftigung dessen fingen wir daS Lied: Deutschland, Deutschland über alles.

Nach Dem gemeinsamen Gesang Der Drei Versa deS DeutschlanD-LiedeS tourDe Dem Redner leb­hafter Beifall der großen Fest-Versammlung gespendet.

Oer weitere Festverlauf.

Nach der Rede deS Ministers folgte ein Massenchor der Gießener Gesangvereine, hierauf alS Abschluß deS ersten Teils DeS Programms noch eine Instrumentaldarbietung Der Militär­kapelle. Im zweiten Teile des Programms er­freute die Militärkapelle unter Der Stabführung DeS Obermusikmeisters L ö b e r mit einer gan­zen Reihe von musikalischen Gaben, Die Freie Turnerschaft und später Die Gießener Turner­schaft (T. V. 1846 und M. T. V.) bereicherten Die Feierstunden mit schneidigen und eindrucksvollen turnerischen Vorführungen, der Gemischte Chor des Arbeiter-GesangvereinS Eintracht-Gießen und ein weiterer Massenchor Der bereinigten Gießener Gesangvereine trugen durch prächtigen Chorgesang zum guten Gelingen der Feier bei, und der Radfahrerverein Fortuna erfreute durch einen famosen Reigen.

Oie Feier in Oarmstadi.

WSN. Darmstadt, 11. Aug. Im überfüllten und festlich geschmückten Saale des Städtischen

stand dann toenbe ich mich an den Herrn Gouverneur und er sorgt für schnelle Ausbesse­rung. Aber Ordnung kann er nicht schassen. Die Karren scheinen sich nicht als Lastfuhrwerke zu fühlen. Fünfzig Meter vor feiner Haustüre sieht cs aus, als ob der Machtbereich des Duce schon zu Ende wäre.

Wir würden gerne jeden Tag eine Lira für die Tuberkulosebekämpfung zahlen, wenn Die Kärmer Dafür zu Den restlichen 10,10 Lira angehalten werden könnten.

Jedermann 23. Folge.

Don Hans JRiebau.

Die Mühe.

Federmann ist in der Sommerfrische. Federmann hat feine Mütze verloren, feine nagelneue graue Reifemütze. .Heute morgen habe ich sie noch ge­habt" sagt er,jetzt ist sie weg." Und er sucht in der Garderobe, in den Zimmern, in der Frühstück­stube von Schennemann. Auch im Kurhausrestau­rant ist sie nicht. Aber der Kellner gibt ihm den Spazierstock, den er hat stehen lassen. 3m Strand­bad findet er den Feldstecher, den er dort vergessen hat und im Wartezimmer des Arztes seinen Regen, mantel. Aber die Mütze ist nicht da.

Da bleibt also nur eine Möglichkeit", schüttelt Federmann den Kopf,die Antoniuskapelle." Und er geht in die Antoniuskapelle, die er am Morgen besichtigt hat und sucht und sucht.

-Hören Sie", tippt ihm Da ein Mann in schwar­zen Rock auf die Schulter,hier müssen Sie aber die Mütze abnehmen."

Scham.

Ein übel beleumdeter Mann steht vor Gericht. Federmann ist als Zeuge geladen.

"2st es wahr", fragt der Richter,daß der An- geklagte einen zweifelhaften Lebenswandel geführt hat?"

.Iawohl", sagt Federmann,ich habe chn oft an Orten gesehen, wo ich mich geschämt haben würde, hmzugehen."

~ Dankbarkeit.

2luf der Fensterbank steht eine große Base. Feder- mann lehnt sich aip dem Fenster. Die Base wankt, kippt und fällt auf die Straße. Gerade auf den Kopf eines älteren Mannes.

Der ältere Mann taumelt, flucht und guckt nach oben. Dann nimmt er die Scherben, stürzt die Treppe hinaus und läutet Sturm.

Federmann öffnet. ,^)h", sagt er, als er die Scherben sieht,vielen Dank, das war aber wirk­lich nicht nötig/