Nr. 82 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)
Montag, 7. April 1950
Oie Einweihung der Heilstätte Seltersberg.
Ein würdiger Festtag für die neue große Tat des Hessischen Heilstättenvereins.
3n Gegenwart einer zahlreichen Festgemeinde sand am Samstagmittag zu Gießen die feierliche Einweihung der 5) eil statte Seite rs- berg für Tuberkulose der oberen Luftwege statt. Die große Eingangshalle, in der die Feier vor sich ging, war fast zu klein für dle vielen Gäste, unter denen man neben dem Staatspräsidenten Dr. Adelung noch eine große Reihe Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, zahlreiche Mit- glieber des Lehrkörpers der Landes-Unioersität, Spitzen der verschiedensten Behörden usw. bemerkte.
Rach einer musikalischen Darbietung, die stimmungsvoll in die Feierstunde einführte, sprach zunächst der Schöpfer des Bauplans unff Erbauer der Heilstätte,
Baurat Hans Meyer, Senator h c., Gießen.
Er betonte einleitend, daß das große Werk dieses Heilställcnbaues in nicht ganz zweijähriger Tätigkeit zu Ende geführt worden sei, dank der Mithilfe so vieler Strafte, die ihr bestes Können in den Dienst der Sache gestellt haben.
3u dem Vorsitzenden des Hessischen Landesverbandes zur Bekämpfung der Tuberkulose, Präsident Dr Reumann (Darmstadt), als dem Bauherrn gewandt sagte der Redner: „Es gereicht mir zur ganz besonderen Ehre, Ihnen, sehr geehrter Herr Präsident, als dem Gründer dieser Heilstätte, nun- mehr den Schlüssel dieses Hauses übergeben zu können. Dankerfüllt übergebe ich Ihnen diesen stolzen Bau, dankerfüllt für das große Vertrauen, das Sie und der Vorstand des Hessischen Landesver- bandes zur Bekämpfung der Tuberkulose mir in so reichem Maße geschenkt haben. Sollte es mir fle langen sein, bas Werk den vielseitigen Wünschen entsprechend zu errichten, so wäre dies für mich die größte Anerkennung, die mir zuteil werden konnte."
Zu der Festoersammlung gewandt, sagte sodann der Redner:
In neuem Geiste geboren, in neuer Schasfungs- art, im modernen Sinne, so steht die Heilstätte vor uns als ein Werk, das in einsachen Formen das Veste zeigen soll, was auf diesem Gebiete der neuzeitliche Krankenhausbau. der hier auch Forschungsinstitut zugleich ist. darzu- stellen vermag.
Richt im Glanz der Arbeit lag unser Schaffen, auch nicht im Haschen nach Effekt. Was wir wollten, sollte rein sein und echt: so wie es unsere Zeit gebietet. In diesem Sinne soll das hier geschaffene Werk der wirkliche Ausdruck des Sachlichen, des Neuzeitlichen fein, lieben Sie alle eine wohlwollende Kritik, ein« gedenk des alten Sinnspruches: „Allen Menschen Recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann." Es gereicht mir ferner zur besonderen Ehre, hier an dieser Stelle allen Mitarbeitern, die segensreich ihre Hü7> an dieses Werk legten, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Besonders aber möchte ich danken den geistigen Beratern, die mit Ihnen, sehr verehrter Herr Präsident, so regen Anteil an der Fertigstellung dieser Stätte genommen haben. Innigen Dank Sr. Magnifizenz Herrn Prof. Dr. B r ü g g c m a n n , der als Direktor dieser Heil-
statte mir mit Rat und Tat immer hilfreich zur Seite gestanden hat: Herrn Ministerialrat Klin- g e l h ö f f e r , der als altgeschulter Fachmann stets mithalf das Richtige zu finden: Herrn Rechnungsrat Döll, Herrn Oberinspektor Freundlieb, Herrn Bauführer Seibert, ihnen allen herzlichen Dank für die mühevollen Unterstützungen, die sie mir zuteil werden ließen. Und so wäre noch so vieler Mitarbeiter, der Unternehmer und Lieferanten, der Meister, Gesellen und Arbeiter zu gebenden, bic aufzuführen im einzelnen leiber nicht möglich ist. Ihnen allen vielen, vielen Dank.
Mit meinem Dank verbinde ich aber auch meine herzlichsten Glückwünsche zum Einzug in dieses Haus. Möge diese Heilstätte für alle, die hier Rat und Heilung suchen, eine Quelle der Erholung und Gesundung werden, dann wird der Segen für dieses große soziale Werk dem Ganzen nicht versagt bleiben. Gott schütze und schirme die neue Heilstätte Seltersberg'.
präsioent Dr. h. c. Reumann, Darmstadt,
als Vertreter des Bauherrn, des Hessischen Landesverbandes zur Bekämpfung der Tuberkulose, wandle sich in feiner Ansprache zunächst an den (Erbauer, Baurat Meyer, mit folgenden Worten: „Mit freudigem Herzen nehme ich den Schlüssel zu bic- fer febenen Heilstätte aus Ihrer Hand. Ich gratuliere Ihnen zu dieser Ihrer neuesten Schövsung. In bem Augenblick aber, da ich von diesem Hause Be. fig ergreife, ist es mir eine Pflicht, Ihnen, sehr geehrter Herr Baurat, Dank zu sagen, für Ihre Mühe und Arbeit. Dieses Haus legt von Ihrem reifen Können Zeugnis ab. Mit unermüdlichem Fleiß und großer Hingabe haben Sie dle schwierige Aufgabe, die Ihnen mit dem Bau übertragen wurde, zu unserer größten Zufriedenheit erledigt. Bei Erstattung meines Dankes stelle ich auch fest, daß unsere gemeinsame Arbeit stets eine friedliche und harmonische gewesen ist. Sie waren jederzeit bereit, auf meine Wünsche und Anregungen über die Ausgestaltung dieser Heilstätte einzugehen. Nie haben sich Differenzen aus unserer Zusammenarbeit ergeben.
Durch dieses gegenseitige Hand-in-Hand-Arbeiten ist etwas Schönes erstanden, dessen wir uns alle freuen.
Ohne jeglichen Unfall ist die Heilstätte fertiggestellt worden. Ich danke den zahlreichen Unternehmern, Handwerkern und Arbeitern, die in diesem Hause beschäftigt waren. Alle waren bestrebt, etwas Gutes zu schaffen und die Heilstätte schnellstens fertigzustellen."
Hierauf führte der Redner u. a. weiter aus: Sehr geehrter Herr Staatspräsibent, Magnifizenz, meine sehr geehrten Damen und Herren! Vollendet sieht das chaus. Ein jahrelanges Schnen ist erfüllt. Kein Haus im gewöhnlichen Sinne ist es, das mir heute seinem Zweck übergeben. Es ist eine Heilstätte besonderer Art, um deren Zustandekommen lange gekämpft wurde. Diese Heilstätte dient der Bekämp- fung der Tuberkulose. Es sollen in ihr vorwiegend Kranke behandelt werden, die neben der Tuber
kulose der Lungen eine Tuberkulose der oberen Luftwege besitzen. Diese Kranken sind die ansteckendsten aller Kranken. Sie aus ihrer Familie und aus dem Volke herauszubringen, ist mehr wie je unsere Pflicht. Die Quelle der Ansteckung zu verstopfen, be- beutet, baß Tausenbc und Abertausende, die mit diesen Kranken zusammen kommen, in ihrer Gesund beit geschont und vor Ansteckung bewahrt bleiben.
Eine Heilstätte für diese kranken besteht in Deutschland und Europa zur Zeit noch nicht.
Es ist das Verdienst des Herrn Prof. Dr. v. E i ck e n (Berlin), früher hier in Gießen tätig, der heute zur Einweihung in unserer Mitte weilt, die Anregung zur Schaffung dieser Heilstätte gegeben zu haben. Ungunst der Zeit und wirtschaftliche Not verhinderten die Durchführung der Pläne des Herrn Prof. Dr. n. Eicken. Als das Bedürfnis für Unter bringung dieser Kranken immer größer wurde und bas Verlangen nach Errichtung einer geeigneten Heilstätte immer bringender heroortrat, haben wir den Plan erneut aufgegriffen. Widerstände mancherlei Art waren zu beseitigen. Jahrlarge Verhandlungen und Besprechungen waren erforderlich, bis zur Verwirklichung des Planes geschritten werden konnte.
Als wir am 27. Februar 1926 den Erweiterung- bau der Lupusheilstätte eröffneten, wies ich darauf hin, daß noch große Aufgaben vor uns liegen. Unser nächstes Ziel sei die Schaffung einer Heilstätte für tuberkulöse Kinder und dann die Schaffung einer Heilstätte für Tuberkulose der oberen Luftwege. Beide Pläne sind in den hinter uns liegenden vier Jahren verwirklicht worden. Die Kinderhcil- ftätte Almfrieden wurde am 12. Juli 1928 eröffnet und übt feit diesem Tage ihre segensreiche Tätigkeit aus. Heute wirb auch biefc Heilstätte ihrem Zweck übergeben. In wenigen Tagen werben Kranke auch hier ihren Einzug halten. Viele Sorgen hat uns biefer Bau bereitet. Manchmal wollten wir verzagen.
Es war schwer, in einer Zeil großer wirtschaftlicher 7lol ble nicht unbedeutenden Wittel für diesen Bau herbeizuschaffen. Dank eines verdienstvollen Entgegenkommens der maßgebenden
Behörden ist bas schwierige Werk gelungen.
So habe ich heute bic Pflicht, in erster Linie allen denen zu danken, die uns Mittel bereitgestellt haben, unsere Pläne zu verwirklichen. Ich danke dem Herrn Reichsarbeitsminister, der hessischen Regierung, dem Hessischen Landtag, der Landesversicherungsanstalt Hessen, dem Reich^minister des Innern, dem Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuber- kulose, dem Hauptversorgungsamt Kassel und den vielen anderen Geldgebern, die aufzuzählen zu weit führen würde. Ich danke der Stadt Gießen, die uns den Grund und Boden, auf dem diese Heilstätte steht, zur Verfügung gestellt hat und auch in anderer Art uns in nennenswerter Weise Unterstützung zuteil werden ließ. Ich danke bem Vorstand des Hessischen Landesverbandes zur Bekämpfung der Tuberkulose, der meinen Anregungen, diesen Bau zu errichten, zugestimmt hat. Ich danke meinen Mitarbeitern in diesem Verband, Herrn Rechnungs- rat Doll und Herrn Hauptkassierer Brückner, die mit mir die Arbeit teilten. Ich danke Herrn
Ministerialrat K l i n g e ( b ö f f c r für feine fach männlichen Ratschlage für die Ausgestaltung der Heilstätte. Nicht zuletzt aber danke ich Sr. Magni- izenz Herrn Pros. Dr. Brügge mann, Herrn Oberarzt Dr. Aiold und Herrn Oberinspektor Freundlieb fiir ihre tüchtige und ersprießliche Mitarbeit. Ein solch' großes Werk, wie die Errichtung dieser Heilstätte, kann nur dann schön gedeihen, wenn tüchtige Mitarbeiter an der Seite des Schöpfers stehen. Ich hatte das Glück, diese Mitarbeiter zu besitzen. Sollte ich bei der Auszählung des Dankes den einen oder anderen vergessen haben, so bitte ich. überzeugt zu fein, daß eS nicht Absicht war, die große Zahl de» □tarnen macht cs mir aber unmöglich, jeden einzelnen zu nennen.
Mit der Fertigstellung dieses ‘Baue# hat der Hessische Landesverband zur Bekämpfung der Tuberkulose eine weitere schöne Einrichtung geschaffen.
Roch ist unser Werk nicht abgeschlossen. Große Aufgaben liegen noch vor uns, die ;u erfüllen für die nächste Zeit unsere Kräfte in vollem
Umfange in Anspruch nehmen.
Schwer drückt die Rot der Zeit auf unser Bolf. In dieser schweren Zeit, wo die Anforderungen an uns täglich großer werden, ist es nicht leicht, die Mittel, die wir zur Erfüllung unserer Ausgaben benötigen, heröeizuschaffen Wir haben aber die HoFnung. daß uns auch künftig das. was wir an Unterstützung brauchen, zuteil wird, um für unsere Volksgesundheit daS tun zu können, was die Zeit erfordert.
Magnifizenz, sehr geehrter Herr Professor! Den Schlüssel dieses Hauses, den ich vor wenigen Minuten von Herrn Baurat Meyer empfangen habe, übergebe ich Ihnen hiermit zu treuen Händen und damit auch die Leitung dieser neuen Heilstätte. Ich wünsche, daß Sie mit Ihren Mitarbeitern in diesen ‘Räumen für unsere Kranken Gutes tun können. Allen, die siech und elend voller Hoffnung nach hier kommen, Heilung und Besserung von ihren Leiden erwarten, sollen Sie helsend zur Seite stehen. Eine hohe, aber auch schone Aufgabe liegt in Ihren Händen. In den Jahren unseres gemeinsamen Zusammenarbeitens habe ich Sie schätzen gelernt und weiß, daß Sie für die Leitung dieser Heilstätte der rechte Mann sind. Als tüchtiger Arzt und ernst- haster Wissenschaftler sind Sie bekannt. Seien Sie unseren Kranken jederzeit ein liebevoller Freund und Berater. Mein Glückwunsch bei der ilcbergabc der Heilstätte an Sie ist der, daß Ihren Bestrebungen und Arbeiten Erfolg be- schieden werde und daß Sie selbst Befriedigung in Ihrer Tätigkeit finden.
Diese hellskälke soll aber nicht nur ein haus fein, in dem kranke behandelt werden, sie soll auch ein wissenschaftliches Forschungsinstitut sein, eine Einrichtung, in der den jungen Aerzlen unserer Landesuniversität Gelegenheit zum
Studium geboten wird.
Sie soll für ihren Teil mit dazu beitragen, daß tüchtige Aerzte heranwachsen, und so beglückwünsche ich Sie denn auch als Rektor dieser
4 Tag im Kammerspikl-Zyklus.
Hofmannsthal-Gedenkfeier.
Dem Gedächtnis des im vorigen Jahre unerwartet und auf erschütternde Weise aus dem Leben geschiedenen Dichters Hugo von Hof - m a n n s t h a l war gestern die sonntägliche Morgenfeier gewidmet. Man spielte sein (einst) berühmtes Iugendwerk „Der Tor und der Tod", die wundervoll gereiste Schöpfung des Reunzehnjährigen aus dem Jahre 1894.
Der tiefste Eindruck dieser schmerzlich-schönen Wiederbegegnung: welcher von den Reunzehn- jährigen unserer Generation vermöchte, was dieser junge Mensch gestaltet hat, von dem uns Heutige mehr trennt als eine kurze Spanne von Jahren. Kaum irgendwann kann man den Krieg so sehr als geistige Wegscheide und inneren Wendepunkt bcgrc.'cn wie im Erlebnis einer Dichtung aus diesem, uns schon so fern gerückten, ganz in sich geschossenen Kreise.
Alnb bann: wo gibt es überhaupt heute unter uns so dichterisch Schaffende, in denen der Begriff des Künstlerwesens so absolut, so rein, so unbedingt, so meilenfern von allem Zweck, aller Po i'.ik, aller Sensation und Tagtäglichkeit sich ncti jvpcrtc. Mit Hofmannsthal ist uns einer der wenigen, letzten, großen Dichter in einem strengen, feierlichen und überzeitlichen Sinne verloren gegangen: das sollte diese Morgenfeier den Hörern ins Bewußtsein bringen.
Unendliche Vornehmheit, strömende Wort- me'odie und — mehr als nur eben schöner Klang und schönes Bild — ein so leidenschaftliches wie vergeistigtes und gereiftes Lebensgefühl bewegt diese Dichtung, die nie das Letzte hergeben kann (auch in der behutsamsten und zartesten Aufführung nicht), wenn sie ins strenge Licht und die harte Räumlichkeit der Bühne gebracht wird.
Denn hier ist alles auf lyrische Stimmung und empfindlichstes Gefühl gestellt: man muh es langsam lesen, kosten und nachschwingen lassen, und man wird immer aufs neue betroffen fein von der ruhigen Gelassenheit, mit der ein Mensch an der Schwelle zum Mannesalter, auf halbem Wege erst zur Mittagshöhe des Lebens, sich in hellsichtig-melancholischer Bewußtheit den letzten Dingen vertraut und dem Tode verschrieben weih.
Betroffen auch davon: wie hier einer spiele- risch und dennoch tief ernst auf der fast verwischten. messerscharfen Schneide zwischen hüben und drüben steht, wie ihm und feinem Gefühl Leben und Tod sich geschwisterlich und unauflösbar berühren, wie die Stunde des Todes erst die Jahre des Lebens erschlieht, dem gelebten und dennoch unauSgelebten Leben und seinen un- begriffenen Rätseln erst Sinn und Deutung ber- leiht.
Die Magie der letzten Stunde scheint hier schon hellsichtig aus dem spateren Spiel vom „Jedermann" vorweggenonunen, mittelalterlich fast und erregend in der Vorstellung, daß der
Tod noch einmal das Leben zurückruft und sogleich wieder verschaltet, ... dah die dahingeschie- denen, verlorenen, vergessenen Seelen noch einmal ins Licht treten, ihre schon abgelegte Körperlichkeit wiedergewinnen und dem Stervenden Begleiter ins große Dunkel sind, wie sie in vorgelebten Zeiten ihn an der Hand gehalten haben und ihm nahe waren: Mutter, Geliebte und Freund.
Roch ist hier die mittelalterliche Unerbittlichkeit in den greifbaren Borstellungen von gotischem Totentanz und Weltgericht gemildert in eine sanfte, mit leiser Musik verschwebende Melancholie des Unwiederbringlichen, im Gefühl alles dessen, was ungelebt, ungefühlt, ungeliebt und unerfüllt blieb von dem, was eine primitivere Weltanschauung schlicht „die guten Werke" nannte. —
Zu Beginn der Feier sprach der Dramaturg des Stadttheaters, Dr. Karl Ritter, Worte des Gedenkens an den toten Dichter ... in sehr anzuerkennendem, ehrlichen Bemühen um einen ihm wohl kaum eigentlich naheliegenden Stoss: er erinnerte an den unvermuteten Hingang Hof- mannsthals, der den meisten in unserer Zeit schon wesensfremd wurde, deutete den Kreis seiner Gestaltungen an und behandelte, überleitend zur Aufführung, sein (weltanschauliches) Berhältnis zum Tode und seine Stellung auf dem Theater.
Der Aufführung selbst gerecht zu werden erscheint schwierig insofern, als unseres Erachtens überhaupt keine Bühnengestaltung das Letzte aus der Dichtung hervorzuzaubern und nachzubilden vermag: gerade dieses, mit Gedanken befrachtete, lyrisch beschwingte, ganz von Stimmungen getragene Iugendwerk wird nie völlig vom Buch zu lösen und auf dem Theater zu erschließen sein.
Die Regie (Dr. Ritter), bediente sich einer Stilisierung, die zwar — für unser Gefühl — nicht allenthalben der Haltung des Werkes entsprach, arbeitete aber andrerseits die beherrschenden musikalischen Elemente der Phantasie mit Rachdruck heraus und suchte dem Ganzen einen gewissen theatralischen Akzent zu geben. Hier ge'chah vielleicht schon ein wenig zu viel: »-.auches hätte noch leiser, gedämpfter und verhaltener gegeben werden dürfen, dies gilt in erster Linie für den an sich sehr nobel empfundenen und gesprochenen Claudio Arzdorfs. Gut war Hais in der unpathetischen Strenge des Todes, gut vor allem auch die Gestalten der toten Frauen: Auguste Prasch-Greven- berg (Mutter) und 3ngeborg Scherer (Geliebte). Zingel sprach den Freund. Link» mann den Diener.
•
Die feinsinnig zusammengestellte, schmiegsmn begleitende Bühnenmusik wurde von Fritz E u j € betreut. — Auf die zahlreiche Hörerschaft schien die Morgenfeier einen tiefen Eindruck zu machen.
Hans Thyriot
Bi'l Bjelozerkowsky: „Monv von links."
Uraufführung
am Frankfurter Lchaufpielhaus.
Offenbar in Ermangelung guter deutscher Stücke ...eine russische Komödie: o^er sagen wir, etwas anspruchsloser: Bolksstück mit Gesang und Tanz aus dem gegenwärtigen Rußland, wo die Sowjets die Well verbessern, wo die Tscheka mißliebige Leute an die Wand stellt.
Dies könnte, wenn man daS Milieu in Betracht zieht, einen recht unerfreulichen Raturalisrnus ergeben; tut es aber nicht: Bjelozerkowsky ist Romantiker und Ironiker von Geblüt und schrieb — wer konnte das voraussehen — ein kleines Räubermärchen mit viel Liebe und Klavierbegleitung.
Bill Bjelozerkowsky, bei uns bisher unbekannt, ist, wie das Programmheft mitteilt, 1885 in der russischen Kreisstadt Alexandrija (Gouvernement Cherson) geboren, wurde mit 16 Jahren Schiffsjunge, später Matrose und fuhr auf vielen Schiffen über manches Meer: vieler Menschen Städte sah er wie weiland der listenreiche Odysseus, war in Amerika Fensterputzer, Fabrikarbeiter, He'zer und sonst allerlei wie der deutsche Lausbub im wilden Westen.
1917 ging er nach Rußland zurück: da kam er anscheinend gerade recht, um interessante Eindrücke für sein Stück zu sammeln, das einen großen Erfolg hatte und beispielsweise allein in Moskau über dreihundertmal gespielt wurde, was wiederum der Borurteilslosigkeit der Moskauer ein schönes Zeugnis ausstellt. ('Wenn wir sagen, worum es sich in diesem Stück handelt, wird man das zugeben.) — Soviel von Bjelozerkowsky, der übrigens noch andere erfolgreiche Theaterstücke und auch Erzählungen geschrieben hat.
Was es mit dem Mond von links (der orangenfarbig aus der Kulisse leuchtet) im tieferen Sinne für eine Bewandtnis hat, wird nicht ganz klar, weil man den mit Klavierbegleitung gesungenen Prolog und Epilog des Stückes (wie in den meisten Opern) nur stellenweise versteht.
Die Hauptsache ist die Liebe. Die Liebe hindert die Männer an der Politik. Die Liebe gefährdet die Revolution. Die weibliche Mitarbeiterschaft stört die moderne Sachlichkeit. Die Gleichberechtigung der Genossinnen scheint eine zweifelhafte Errungenschaft zu sein. Da man nicht alle Männer, die an der Liebe scheitern, an die Wand stellen, auch nicht alle weiblichen Kommissare und Sekretäre ohne zureichenden Grund abbauen kann, mutz man männlich den Kamps mit dem anderen Geschlecht aufnehmen.
Auch Sowjets sind Menschen: ist dies die große Lehre der Komödie? Oder: die Frau taugt nicht für die Politik? Wie man will. Jedenfalls ist es ein amüsantes Schauspiel (und uraltes Lustspielmotiv). wenn der Mann, und noch da
zu einer wie der Bor sitzende der Tscheka, von seiner Sekretärin und deren geriebener Freundin rumgekriegt wird. Man scheint in Moskau nicht ohne Humor und Selbsterkenntnis zu leben.
Zuletzt wird es ernst: scheinbar. Die Roten kämpfen hier nicht gegen die 'Weißen, sondern gegen einen grünen Räuberhauptmann in des Waldes finstern Gründen, der ihnen mit feiner Bande elend zu schassen macht. Bon den Weißen sieht man nicht viel. Und das Ganze dient auch nur dazu, ein komödienhaftes Spiel in Szene zu setzen: man will den Tschekahäuptling, der den starken Mann markierte und Enthaltsamkeit predigte, auf die Probe stellen.... ob er seinen nunmehr teuersten Besitz -- die geliebte Sekretärin — „öer Sache" zu opfern bereit ist.
Siehe da und wider Erwarten: er ist dazu bereit. Glücklicherweise braucht er eS nicht, ba ihm die Falle nicht vom Räuberhauptmann, sondern von den eigenen Genossen gestellt wurde. Happy end. Ober nicht? Aus dem Stück die Moral zu ziehen, muß jedermann überlassen bleiben. Die politischen Konsequenzen interessieren uns nicht.
•
Die Fabel ist ein wenig dürftig für immerhin zwölf Bilder. Lustig ist aber die keck und geflissentlich improvisierte Ausmachung, der leichte, spielerisch-ironische Ton des Ganzen: in manchen Augenblicken ganz stark und unmittelbar die irgendwie „russische" Stimmung der lockeren Szenerie, ein Abglanz vom „Blauen Bogel"; man kann es nicht beschreiben, man muh es gesehen haben.
Fritz Peter Buch besorgte die Inszenierung. Mit Tempo, Witz und Laune. Mit naiv bepinselten Interieurs i Dekorationen: Rudolf He i- n i s ch). Und ohne individuelle Rollenbesetzung. Aha: Kollektivspiel im Kollektivstil von Sow'et- rußland. Allgemeiner Mummenschanz. Doppel- darstellung mit sichtlicher Freude an Kostüm und Bemalung.
Glücklicherweise ist das Frankfurter Ensemble differenziert und temperamentvoll genug, sich die persönlichen Profile und Charakterfarben nicht verwischen zu lassen.
Biberti (Tschekakommissar) zum Beispiel wirkte sehr drollig als gezähmter Bär, männlichster Mann im erbitterten Kampf zwischen Pflicht und Reigung: manchmal hart an der Schwankgrenze .bisweilen knapp am politischen Manifest vorbei.
Eine Freude: Constanze Menz wieder zu sehen; Bollblutschauspielerin von bedeutenden Fähigkeiten, ganz überlegen eingefühlt in das Milieu bet russischen Szenerie.
Außerdem Claire Winter, Katsch, Ko - ninski, Berboeven, Kitz: allesamt richtig an ihrem Platz und ergötzlich zurechtgemacht.
•
Bruno Hartl am Klavier besorgte di- schmissige und melodiöse Begleitung. Biel Beifall: zuletzt erschienen mit den Spielern auch der Dichter und der Regisseur. hth.


