Nr. 56 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Freitag, 7. März 1930
Schulkinder in Not!
Don Rektor Adam Kneipp,
Vorsitzendem des Gießener Lehrervereins.
Unter dem gleichnamigen Titel veröffentlichte der „(Siebener Anzeiger" vom 28. Dezember 1929 meine Auslassungen, die dem stillen Abbau an der Volksschule galten. Dem stillen Abbau, der es seit Jahren nicht zulieh, daß auch bei stetig wachsender Schülerzabl neue Klassen errichtet wurden. Dem stillen Abbau, der in Sieben im Zeitraum der letzten fünf Jahre die durchschnittliche Schülerzahl einer Vormalklasse von 38 auf 47,4 Schüler anwachsen ließ.
Der Schlußsatz meines Artikels lautete: Ich glaubte — um unserer Kinder willen — auf diese ihre Aot Hinweisen zu sollen, die unerträglich werden mühte, falls — wie man munkelt — ein neuer Schulabbau kommen sollte. Meine Ahnung von damals trog mich nicht. Ein neuer Abbau wurde inzwischen über die Volksschule verhängt: ein Abbau, der der Siebener Volksschule nicht nur die unbedingt notwendige Errichtung von mindestend drei neuen Stellen vorenthält, sondern der darüber hinaus die Einziehung von mindestens vier Stellen an der Volksschule verfügt.
Dah die Vergrößerung der Schulklassen gesundheitliche und unterrichtliche Vachteile für Schüler und Lehrer in Menge nach sich zieht, hebe ich auch heute wieder hervor. Besonders erwähnen möchte ich aber noch, dah sich die aus dem Abbau ergebenden Mängel auch noch im späteren Leben der heute Geschädigten bemerkbar machen werden. Der Abbau wird sich — wie der von 1924 und 1926 — wieder besonders stark auswirken in den groben Städten und in den größeren Jndustrieorten, d. h. in den Gemeinden, in denen das Gros der Volksschülerscho't gestellt wird von den Familien der „kleinen" Leute, die an sich schon am stärksten unter den Schäden des derzeitigen wirtschaftlichen Lebens leiden (Wohnung not usw.). Die Kinder dieser Dolks- kreise in immer größeren Klassen zusammensehen heißt, sie nicht nur gesundheitlich und unterrichtlich schädigen, heißt, auch die späteren Arbeitsleistungen dieser zukünftigen Werktätigen Bevölkerung schädigen. Werden dieser Jugend von heute die Unterricht Zleistungen beschnitten, so werden ihr auch die späteren Ausbildungsmöglichkeiten verringert, Unb mit aus diesem Grunde wendet sich die gesamte DoltLschullehrer- schaft Hessens gegen den Abbau von Stellen an der Volksschule.
Daß sie in ihrem Abwehrkampfe nicht allein steht, mögen die folgenden Zeilen beweisen, die wir der Vummer9 des „Schulboten für Hessen" entnehmen: Der ärztliche Kreisverein Darmstadt hat folgenden P r o t c st an den Herrn Minister für Kultus und Bildungswesen gesandt: „Der Aeeztliche Kreisverein Darmstadt füyll sich berufen, wegen hoher Gefährdung der körperlichen und geistigen Gesundheit unserer künftigen Staatsbürger entschiedenen Widerspruch gegen die allgemein geplante Erhöhung der Klassenstärke der Schulen zu erheben. Die neuzeitliche Schulhygiene hat sich durch hohe wissenschaftliche Entwicklung, sowie durch vielseitige Erfahrungen und sichtbare Erfolge den Bedürfnissen unserer Votzeit gewachsen gezeigt. Sie hat im Verein mit der gesamten sozialen Hygiene gute Wege gewiesen, wie trotz aller Aöte aus der Jugend der Gegenwart ein tüchtiges, starkes und gesundes Geschlecht hervorgehen kann. Vernachlässigung dieser Ergebnisse würde dem Hessenland den Stempel der Rückständigkeit und Kurzsichtigkeit aufdrücken. Das Anstreben von Geldersparnissen auf Kosten unserer Kinder würde im besten Falle nur vorübergehende Scheinergebnisse einbringen. Vicht nur in Darmstadt, sondern auch im ganzen Lande wird schon jetzt zum Einschulung termin 1930 eine bedeutende Erhöhung der Schülerzahl eintreten: dann wird alljährlich bis 1933 eine zunehmende Steigerung sich fortsehen, so daß die Gesamtschülerzahl des Jahres 1933 die seither niedrigste des Jahres
Aber so warst du schon immer...
Don Kurt Rudolf Aeubert.
Das war dein erstes Erlebnis mit den hellen Wildledcrhandschuhcn. Du mußtest ja unbedingt welche haben, solche Hellen, ausfallenden, für deine Verhältnisse viel zu teuren Wildlederhandschuhe. Aber so warst du schon immer...
Dein Anzug war eben aus der amerikanischen Dügelanstalt gekommen und mit deinen Hellen Handschuhen gingst du über die Straße wie ein neuer Mensch. Abenteuer! dachtest du.
Eine lächelte dich int Autobus an. Auf ihren Knien hielt sie ein schwarzlackiertes Stadtköfferchen, in dem sich Schlüssel, Taschentuch. Geldtäschchen, ein Liebesbrief und das Puderdöschen befinden mochten. Sie war vielleicht in einem Hut- gcschäft ongestellt und fuhr jetzt nach Hause. Vor,- läufig aber lächelte sie dich noch an. Vorläufig konnte hieraus noch etwas werden.
Du dachtest: Wie ist doch mit hellen Handschuhen das Leben gleich schöner!
Langsam zogst du den rechten Handschuh «us, um an den Schaffner das Fahrgeld zu zahlen. Wie sich deine hellen Handschuhe gegen die Qlr- beitshande des Schaffners abhoben!
Dann spieltest du in Gedanken mit dem ausgewogenen Handschuh, er fiel zu Boden, verlegen hobst du ihn aus. Gott sei Dank, er toajt sauber geblieben.
Vorsichtig sahst du jetzt dein Gegenüber an, ober sie lächelte wieder. Das kleine Mißgeschick hatte -ihr Lächeln nicht beeinträchtigen tonnen, es war klar: du gefielst ihr.
Ohne Handschuhe hätte sie dich gewiß übersehen, deine Vorzüge nicht bemerken können.
Leider stieg sie bald aus. mit einem letzten Lächeln natürlich. Wehmütig sahst du deinem entschwindenden Abenteuer nach.
Auf ihrem Platz sah jetzt übrigens ein dicker Herr.
Ein paar Stationen weiter war dein Gegenüber eine ältere Dame mit einer Markttasche.
Jetzt stiegst du aus. Aus alter Gewohnheit hieltest du dich am Handgriff fest, da machtest du ärgerlich die Entdeckung, daß d«n linker Handschuh auf der Innenseite schmuhi/g geworden war.
Heute lächelten dich noch manche an. Deine hellen Handschuhe griffen nach einer Zeitung,
Sonderbares aus dem „Gocha".
Don Dr. Stephan Ketule von Stradonih.
Das bekannte Sothaische .Jahrbuch für Diplomatie, Verwaltung und Wirtschaft" (jetzt 167. Jahrgang — 1930) wird jeder, der es nicht etwa amtlich oder beruflich zu benutzen hat, für ein unsagbar trockenes und reimloses Vachschlagewerk halten, freilich für ein solches von sonst unerreichbarer Dollstär.digleit und Zuverlässig.eit über Fragen aus der Staatenkunde usw. Wer darin zu blättern versteht, stößt aber auf allerlei „Kurioses und Pläsierliches", was noch dazu sehr wenig bekannt ist.
Also z.B.: Innerhalb Italiens gibt es einen kleinen, selbständigen Freistaat namens San Marino, mit einer Bevölkerung von rund 13 000 Seelen, von denen 1600 auf die gleichnamige Hauptstadt entfallen. Aach seiner Verfassung hat dieser Zwergstaat einen Großen Rat von 60 Mitgliedern, die in gleicher, geheimer, unmittelbarer Verhältniswahl durch die Familienhäupter auf sechs Jahre gewählt werden. Dieser „Große Rat" wählt aus seiner eigenen Mitte auf je ein halbes Jahr je zwei „regierende Kapitäne", die dann erst nach vier Jahren wieder wählbar sind. Diese „Staatsoberhäupter" sind: „Exzellenzen"!
Weiter: Ziemlich allgemein bekannt ist. wenigstens in höheren, katholischen Gesellschaftskreisen, daß es noch einen Malteserorden (Orden des heiligen Johannes von Jerusalem) mit dem Sitz in Rom — im sogenannten Palazzo di Malta — gibt. Obwohl der Orden kein „Territorium" mehr hat (von 1530 bis 1793 war dies die Insel Malta!), gilt er noch heute völkerrechtlich als souverän. Infolgedessen hat der Großmeister des Ordens das Recht, bei fremden Staaten diplomatische Vertreter zu beglaubigen. Sucht man nach, so findet man, daß der Malteserorden je einen „Außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister" bei dem Präsidenten der Republik Frankreich in Paris und bei dem Präsidenten des Bundesstaates Oesterreich in Wien unterhält.
Daß es unter den dem Britischen Reich in Indien unterstehenden, sonst ziemlich unumschränkt herrschenden Maharadscha- und Radscha» Geschlechtern auch ein solches rein englischen Blutes gibt, dürfte ebenfalls allgemein wenig bekannt sein. Es handelt sich um das Fürstentum Sarawak auf Borneo und die daselbst seit 1842 regierende Dynastie Brooke. Sie stammt von dem abenteuerlichen englischen „Romantiker" James Brooke, der, in der englisch-indischen Armee dienend, mit Erlaubnis seiner Regierung ein Schiff ausrüstete, Mannschaften anwarb und auszog, um Menschen zu beglücken, dabei aber für sich die Herrschaft über Land und Leute gewann. Und das tarn so. Ende 1840 konnte er mit seiner europäischen Mannschaft einen Aufstand gegen den Radscha-Muda Hassim von Brunei (auf Borneo) unterdrücken oder unterdrücken helfen, dann noch zwei erfolgreiche Züge gegen Seeräuber führen und wurde für alles dieses 1842 von dem genannten „Sultan" mit Sara w'a k , zunächst als Statthalter, dann als Radscha, belehnt. 1850 erkannten ihn als
solchen England, Italien und die Vereinigten Staaten an. Der jetzige „regierende" Radscha: S i r Charles Vyner Brooke, Hoheit, ist sein Großneffe. Er ist 1874 geboren und mit der Engländerin Sylvia Brett vermählt, einer Tochter des bekannten Lord (Discount) Esher aus dem Hause Brett, des Herausgebers der Briefe der Königin Viktoria.
. Sehr sonderbare staatliche Gebilde sind auch die sogenannten Kanal« oder Vormannen- Inseln (darunter die bekanntesten: Jersey und Guemsey), zwischen Frankreich und England im Aermelmeere belegen und durch ihr warmes Klima berühmt. Sie sind britisch seit der Eroberung Englands durch den Vormannen Wilhelm den Eroberer, britisch auch bis zum heutigen Tage geblieben. Sie gehören aber nicht 5um britischen Reiche („realm“), sondern bilden zwei sich selb st regierende kleine Freistaaten, „Dailiwicks" genannt, die nur der Oberhoheit der Krone von England unterstehen, das Bailiwick Jersey und das Baili- wick Guernsey, zu deren jedem außer der namengebenden Hauptinsel noch zahlreiche kleinere Inseln und Inselchen gehören. Diese beiden kleinen Freistaaten haben eigenes Münzrecht, in beiden gilt noch das alte normannische Gewohnheitsrecht, der sogenannte „Grand Coutu- micr“, beide haben noch den uralten Wahlspruch: „Haro! A l’aide, mon prince! On me fait fort!“ („Haro! Zu Hilfe, mein Fürst! Man tut mir Unrecht an“), und in beiden herrscht auch noch die französische Sprache. Zum „Bailiwick Guernsey" gehört u. a. auch die Insel Serk oder Sark, und diese hat — was eigentlich das Eigenartigste an der ganzen Sache ist — sogar noch eine besondere „Lattdesmutter": die „Seigneu- resse“ oder „Dame de Serk“: Sibylla Beaumont, indem nämlich Serk eine alte normannische „Seigneurie“ ist.
Dah es unter der Republik Frankreich, neben dem in der gleichen Lage befindlichen „Sultanate" Marokko, auch noch ein „Kaiserreich" und einen „Kaiser" gibt, werden ebenso wenige Leser wissen, wie, daß die zwanzig griechisch-orthodoxen Klöster des Berges Ath os zusammen einen richtigen „M ö n ch s f r e i st a a t" bilden.
Das Kaiserreich ist Ann am in Französisch- Jndochina. Es umfaßt 150 000 Quadratkilometer und hat über 5.5 Millionen Einwohner. Die Hauptstadt ist Huö (mit 41 000 Einwohner). Der jetzige „Kaiser" heißt Bao Dai und ist im Januar 1926, dreizehn Jahre alt, gekrönt worden. Dah er nicht viel zu sagen hat, ergibt schon sein jugendliches Alter. Die eigentliche Regierung führt selbstverständlich der französische Oberresident. — Lieber die Verfassung des „Mönchs- freistaates" des Athos kann hier, des Raumes wegen, nichts weiter gesagt werden. Es ist ein Staatswesen, das aus 4343 nur männlichen Einwohnern besteht — das einzige seiner Art in der Welt —; Mohammedanern und Frauen ist sogar der Zutritt verboten.
1928 um mehr als 20 Prozent übersteigen wird. Vom Standpunkte der neuzeitlichen Schulgesundheitspflege aus sind aber jetzt schon viele Klassen, besonders städtischer Schulen, als überfüllt zu bezeichnen. Denn für ein Klassenzimmer von 6x9 Meter Bodenfläche und 3,75 Meter Höhe wird eine Schülerzahl von 20 bis allerhöchstens 30 als angemessen erachtet. Bei höherer Schülerzahl — sogar 50 und mehr sind heute schon keine Seltenheit — würde die Gefahr sowohl gesundheitlicher Benachteiligung der Kinder, als auch eines erheblichen Vachteils für ihre geistige Entwicklung immer größer werden. Daher wäre schon bei der gegenwärtigen, erst recht bei der künftigen Schülerzahl eine Verkleinerung der Schulklassen eher zu fordern, als das Gegenteil zu verteidigen. Jedenfalls kann eine Zusammenlegung von Klassen als allgemeinere Mahregel nach ärztlichem
einem allen Fahrschein, nach der Hand eines Bekannten. Es wurde Abend und im Schein der Strahenlampen sahen deine Hellen Handschuhe phantastisch aus. In einer Seitenstraße liefen deinen Hellen Handschuhen vier Mädchen nach. Ein Kellner fiel auf deine Handschuhe herein und sagte „Herr Doktor" zu dir. Chauffeure fuhren langsamer an dir vorbei und sahen dich an, ob du nicht winktest... Deine hellen Wild- lederhandschuhe lösten indessen nur eine Karte für einen Rummelplatz, weil du gerade da vor- überfamft. Hier wirkten deine Hellen Handschuhe noch phantastischer als auf der Straße... Ein Budenbcsitzer, dcr dich in der Schar seiner Zuhörer entdeckte, rief dich an: ..Kommen Sie nur herein, junger Herr, hier gibt es was für die Intelligenz!"
Einem traurigen Mädchen fielen deine hellen Wildlederhandschuhe auf, als du vorübergingst. Cs sah dir melancholisch nach. Ein alter Bettler wollte wie beschwörend deine Hellen Handschuhe fassen und ein junger Bursch? machte ein paar dumme Bemerkungen über dich, aber deine Hellen Handschuhe waren schon in der Menge unter* getaucht.
Du wußtest jetzt nicht mehr, was du eigentlich auf dem Rummelplatz wolltest, mißmutig gingst du dem Ausgang zu, aber irgendwo stand ein Mädchen, las lächelte dich an...
Jetzt bekam alles Sinn: zu zweien auf der illuminierten Berg- und Talbahn, zu zweien würfeln, zu zweien in der Schaubude der Sensationen. Sie lachte oft neben dir und griff manchmal auch im Halbdunkel des Raumes nach deinen behandschuhten Händen.
Zieh dir doch endlich die Handschuhe aus. sagte sie einmal etwas ungeduldig. Du ahntest, dah es ihr lieber wäre, wenn sie deine warme Hand auf ihren Knien spürte als deine neuen Wild- ledcrhandschuhe. Aber du zogst die Handschuhe nicht aus. Du legtest deine behandschuhten Hände sogar auf die Brüstung der GBretterloge.
Du warst unzufrieden. Mit dir, mit dem Mädchen. mit den Sensationen dieser Schaubude. Du wußtest es nicht, aber es ging eine Welle resignierender Melancholie von deinen Handschuhen aus. ein bitterer, tragikomischer Ernst.
Das Heine Mädchen neben dir sah ganz verschüchtert, well du so ein finsteres Gesicht machtest.
Urteile überhaupt nicht ernsthaft erörtert werden. Unabhängig von dieser Frage ist ein vermehrter Cinfluh der Schulärzte zu fordern."
Es ist naturgemäß für uns Lehrer sehr wichtig, dah sich auch Sachverständige aus andern Lagern mit uns gegen die Vergrößerung der Schulklassen wenden. Wer heute mit uns der Jugend seine Dienste leiht, dient ihr und der deutschen Zukunft.
Daten für Samstag, 8 März
Sonnenaufgang 6.32 Uhr, (Sonnenuntergang 17.51 Uhr. — Mondaufgang 9.39 Uhr, Monduntergang 2.27 Uhr. *
1858: der Komponist Ruggiero Leoncavallo in Veapel geboren (gestorben 1919); — 1917: Gra» Ferdinand Zeppelin in Berlin gestorben (geboren 1838).
Das kleine Mädchen hatte dich, wie kleine Mädchen zwischen den Karussells und den Würfelbuden und den Leierkästen so sind, schon lieb- getoonnen.
Es hängte sich, als ihr aus der Schaubude der Sensationen tarnt, in deinen Arm. Aber du sagtest: Vun leb wohl, Kleine. Sie sah dich ganz erschrocken an. Sie hatte an mehr gedacht. Warum willst du denn jetzt schon gehen? fragte sie tief enttäuscht, denn sie war jung, hübsch und wirtlich beinahe noch unschuldig, wenigstens für diesen Rummelplatz. Aber jetzt zogst du dir den rechten Handschuh aus und gabst der Kleinen zum Abschied die Hand. Aber sie war zornig und in ihrer Liebe tief enttäuscht, und du gingst beschämt fort.
Du hattest nämlich kein Geld mehr. Aber so warst du schon immer...
Wertvolle Briefmarken.
Vor kurzem hat das Wiener Oberlandesgericht in einer ganz eigenartigen Sache ein recht bemerkenswertes Urteil gefällt. Ein Mann namens Zinsheim hatte für zwei ihm gestohlene Briefmarken die nette Summe von 900 000 Mk. als Schadenersatz verlangt, denn diese beiden Marken waren eine blaue und eine rote Mauritius zu 2 Pence und 1 Penny. Das Gericht sprach dem Kläger 100 Schilling als Schadenersatz zu, well einige Sachverständige behauptet hatten, es gebe auf der Welt nur noch 25 Mauritiusmarken, die sich alle in festen Händen befänden. Da im Jahre 1904 nach einer Pause von 25 Jahren eine dieser seltenen Marken auftauchte, wäre es an sich nicht unmöglich, dah auch heute noch einige am Licht der Oeffentlich- keit erschienen. Man kann also über die Begründung des Urteils verschiedener Meinung sein.
Der Wert der echten Mauritius dagegen steht fest, wenn auch die Preise bei ständiger Steigung gewaltig schwanken. Die Preise richten sich in erster Linie nach der Seltenheit der Marken, nur in ganz wenigen Fällen spie.en die aufgedruckten Werte eine Rolle. Eine Marke muh nicht deshalb selten fein, well sie seit Jahren nicht mehr verausgabt wird. Cs gibt Marken, die seit 20 Jahren nicht mehr Gülligkeit besitzen und doch in {junberHäufenden von Exem-
Großfeuer in Büdingen.
!1 Bübingen, 7.Mär;. ((Eigner Drahtbcrichl des „Gießener Anzeigers".) Ein gewaltige» Feuer brach heute früh gegen 6 llhr in der Aulohalle des hiesigen Vertreters der Opel- Werke Groh ans. 3n ganz kurzer Zeit verbreiteten sich die Stammen über die ganze Halle, die mH ihrem gesamten Inhalt an Automobilen und Zubehör vollständig in Asche gelegt wurde. 3n der £)aUe sind 10 Automobile, darunter zwei ganz neue Kraftwagen, dem verheerenden Element mit zum Opfer gefallen: drei Autos konnte man nur mit groher Mühe aus dein brennenden Bau herausschaffen. Ferner wurden noch angrenzende Stallungen mit dem Jeder o i c f) ein Opfer der Jlammen. Das Wohnhaus mit der Autowerkstätte konnte von der jeuerwehr unter Aufbietung aller Kräfte vor den Jlammen geschützt werden. Starker Wassermangel erschwerte die Löscharbeiten der Jeuer- wehr auherordenttich und war der raschen Ausbreitung des Jeuera günstig. Beim Vorhandensein einer leistungsfähigen Wasserleitung hätte dcr Brand diese Ausdehnung und den Umfang des Schadens wohl nicht annehmen können. Gegen 8 Uhr waren die Jlammen im wesentlichen auf ihren Herd beschränkt. Der Brandschaden ist auherordenttich groß, feine höhe konnte aber natürlich noch nicht feftgeftellt werden. Eine Versicherung gegen Brandschaden soll der Geschädigte haben, es erscheint jedoch zweifelhaft, ob dadurch der ganze vertust gedeckt ist. Als Entstehungsursache des Branbunglücks oennutef man Kurzfchtuh in der elektrischen Lichtleitung.
19. oberhessische Oorfkirchenvorsiehertagnng.
T Bellersheim, 3. März. Heute fand hier die 19. oberhessische Dorf kir chen- Vorstehertagung der Vereinigung o b e r he s s i s ch e r Dorfkirchenfreunde statt, zu der sich über 400 Kirchenvorsteher Kirchengemeindevertreter und sonstige Freunde der Sache eingefunden hatten.
Eingeleitet wurde die Tagung durch einen am Sonntagabend veranstalteten Familienabend im Saale der Gastwirtschaft Angermül- ter, der durch einen wirkungsvoll vorgetragenen Chor „Gott grüße dich" des Gesangvereins „Germania" unter Leitung des Dirigenten, Landwirt Adolf Göbel von hier, eingeleitet wurde. Im Mittelpunkte des Abends stand ein Vortrag von Dekan Vogel (Bruchenbrücken) Über: „Die Dorfseele in den letzten 50 Jahren." Der Redner, ein Sohn unserer Gemeinde, verstand es, die psychischen Verbindungen von Sippe und Familie, Herrschaft und Gesinde und ihre Zusammenhänge mit der Scholle den aufmerksam folgenden Zuhörern vor Augen zu führen und die seelischen Veränderungen der Landbevölkerung in ihrer inneren Struktur, veranlaßt und verursacht durch Mode, Maschine und Zeitgeist, klarzulegen. Für den dienstlich verhinderten Dekan S c r i b a (Vidda) war als Vertreter Pfarrer Dr. Hehmann (Langsdorf) erschienen, der einen kurzen Abriß Dellersheimer Heimatgeschichte vortrug und mit seinen selbst erforschten, von Humor durchwürzten Ausführungen die Herzen der Versammelten zu packen verstand. Reicher Beifall wurde den beiden Rednern zuteil. Um die gesangliche und musikalische Ausstattung des Abends machten sich der Musik- verein und der Gesangverein durch Konzertstücke und Männerchöre, die alle auf das Thema „Heimat" eingestellt waren, verdient. Gemeinschaftlich gelungene Volkslieder und das Dan- keswort des Ortsgeistlichen, Pfarrer G e r i ch, der dem musikalischen Leiter Adolf Göbel besondere Anerkennung für das Gelingen der Feier zollte, bildeten den Beschluß der Veranstaltung.
Der heutige Haupttag sah eine stattliche Fest- gemeinde mit mehreren Hundert Dorfkirchenfreunden in der Dorfkirche. Wieder hatten sich
plaren existieren. Der Wert richtet sich oft nach dem Aufdruck, falls er Fehler aufweist, ober es sich um einen Ueberbrud handelt. Als auf St. Christoph 1885 die Bestände der Halspenny» Marke zu Ende waren, nahm man vorübergehend Pennymarken, schnitt sie durch und bedruckte jede Hälfte mit „Hcllfpenny". Dadurch wurde diese Marke so wertvoll. Briefmarken find noch gar nicht so alt, obwohl sic heute von 321 Ländern hergestellt werben. 1653 brachte Herr de Valayer in Paris einen Streifen heraus, der einen Sol. kostete, aber keinen Stempel aufwies. Die ersten gestempelten Briefbogen erschienen 1818 in Sardinien, die ersten Kuverts brachte 1838 Sydney heraus, aber London erfand am 6. Mai 1840 die ersten Briefmarken der Welt, die bereits eine Wertangabe erhielten. In Deut'ch» land ging Bayern mit gutem Beispiel voran, indem es am 1. Vovember 1849 feine ersten Briefmarken herstellte. Unter den seltenen und teuren Marken befinden sich sehr viele aus den 60er und 70er Jahren, well damals noch kein Mensch daran dachte, ausgerechnet Briefmarken zu sammeln.
Die obenerwähnten Mauritiusmarken, von denen noch 14 rote zu 1 Penny und 11 blaue zu 2 Pestce existieren, sind von Anfang an sehr selten gewesen, weil sie einen Fehldruck aus- weisen. Der Drucker, der sie 1847 für den Gouverneur der Insel Mauritius herstellte, setzte an Stelle der Worte: „Post paid" (Porto bezahlt) .jPost OfficeDer Fehler wurde erst entdeckt, als man schon 500 von jeder Marke abgeseht hatte. Damals war die blaue Mauritius doppelt so teuer wie die rote. Heute ist der Wert nur noch zu schätzen. König Eduard VII. von England kaufte 1904 eine blaue zu 2 Pence für 1500 Pfund, also 30 000 Mk.. während vor zehn Jahren die letzte, die bis heute auf den Markt kam. für 6000 Dollar, also 24 000 Mk., nach Amerika ging. Berühmt ist auch die 2 Cent Hawaii aus dem Jahre 1852, die es auf einigen Auktionen bis zu 15 000 Mk. pro Stück gebracht hat. Unter den deutschen Marken sind die seltsamsten und wertvollsten die sächsische „3 Psen- niy" von 1850, die man nur von 300 Mk. aufwärts erftefjen kann, sowie die 3-Groschenmarke aus Oldenburg (1858), für die man ungefähr 600 bis 800 Mk. anlegen muß.


