Nr. 155 Mftes Blatt
Oie Lehre von Malta.
Don unserem römischen ^-Korrespondenten
Rom. 3u[L
3n dem Äugenblick, als die vielen Verbündeten die Fahne verrieten, die sie vier Jahre lang wie eine Kreuzzugssahne vorangetragen hatten, die Fahne, die dank ihrer Zugkraft Millionen von Streitern aus aller Welt an die Front der Entente brachte, die den Völkersruhling und den -ewigen Frieden verhieß, die Fahne des Selbstbestimmungsrechtes, in diesem Augenblick hatte Europa den Krieg verloren Seither zerbricht man sich den Kops, wie die große Riederlage so umfrisiert werden könnte, daß sie doch noch nach etwas ausschaut. Da wird die Schminke des Völkerbundes aufgetragen, da parfümiert man mit dem Europabund, Friedenskonferenzen werden verspritzt wie Kölnisches Wasser, leider aber bleibt unser Erdteil, waS er ist.
Er bleibt unruhig, militaristisch, kriegerisch und ohne Friede. Es gibt gescheite Leute, die das große, das einzige, das ebenso einfache wie geniale Rezept kennen, mit dem man alle unsere Leiden und Gebrechen heilen könnte: das Selbst- bestimmungsrecht. Rur will es keiner von denen anwenden, denen es nicht aufgezwungen werden kann. Vielleicht ist diese Tragik unser Schicksal, vielleicht handelt es sich auch bloß um nackten Eigennutz, die Tatsache steht jedenfalls fest. Lind am zornigsten haben diejenigen die Medizin zum Fenster hinausgeworsen, die sie vorher am hartnäckigsten und widerlichsten anpriesen.
Reben der moralischen Seite der Angelegenheit gibt es,»und das zeigt wieder den Witz, der die Weltgeschichte noch nie verlassen hat, eine materielle, eine recht handgreifliche. Auf Malta wird sie soeben zum besseren Verständnis für die Allgemeinheit ad oculos demonstriert. Eine vielleicht nicht heilsame, jedoch bittere Lehre.
In dem Augenblick, als nach französischem Clsaßmuster auch Italien das Selbstbestimmungsrecht, das seine Schuldigkeit getan hatte, gehen hieß, in dem Augenblick, als es daS deutsche S ü d t i r o l übernahm, verlor es den Krieg und den Sieg. Es hatte nun den Spatzen in der Hand, gewiß, sein Appetit aber geht nach der Taube auf Malta. Richt, daß etwa Mussolini, wie der maltesische Berichterstatter der britischen Krone behauptet, so weitgehende Aspirationen hätte, o nein, so ungeschickt, das merken zu lassen, ist er nicht, er fordert nur auf geistigem, auf kulturellem Gebiet. Wie er den Marsch auf Rom als nur ideell gemeint hinstellte, so lange er nicht wußte, ob er glücken würde. Eine diplomatische Taktik, die ihn gerade von dem draufgängerischen Haudegen, für den ihn viele halten, unterscheidet. Rom verlangt auf Malta das, was es in Südtirol verweigert: das Recht auf die Muttersprache. Infolgedessen haben es die Engländer natürlich leicht. Schnell fertig mit dem Wort, sagen sie: Was wollt ihr eigentlich? Erstens ist Malta noch lange nicht so rein italienisch, wie Südtirol deutsch ist. Zweitens haben wir den Einwohnern trotzdeyr eine weitgehende Autonomie eingeräumt und sie italienische Parteien bilden lassen, Dinge, vor denen ihr euch in Vozen mit Schrecken bekreuzigt. Bei uns kann jedermann nach seiner Fasson selig werden und das einzige, was wir nach außen tun, ist die Llmwandlung einiger italianisierter Straßennamen ins Maltesische, während bei euch im Alto Adige jedes Schulkind zwar eine fremde Sprache lernen darf, Französisch oder Englisch, nur nicht die einheimische!
Das ist etwas ganz anderes, sagen natürlich die Italiener, und ihre große Sprachgesellschaft hat es sogar fertiggebracht, eine große Aeso-
Die Sünde
der Renate Mercandin.
Roman von Fred Nelius.
12 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Griebenow zerdrückte seine Zigarette in der Aschenschale. „Das ist unmöglich", sagte er.
„Das ist nicht unmöglich. Die Hypnose zu verbrecherischen Zwecken ist stralbar. Ich möchte mich dagegen wehren, und ich kann nicht. Ich möchte dieses Haus sofort verlassen, und ich fühle mich durch einen rätselhaften Zwange daran gefesselt. Ich bin verhext — besessen. Alles dies ist Mercandin. Er ist ein Halunke."
Eine jähe Welle stieg Griebenow ins Hirn. Langsam, jede Silbe scharf betonend, sagte er: .Sie vergessen, daß Sie mit dem 2lssistenzarzt dieses Hauses sprechen."
„Pah! Ich lache. Sind Sie denn der Anwalt dieses Mercandin? Sie sind hierher gekommen, ohne daß Sie wissen, was hier vorgeht. Die Atmosphäre dieses Hauses ist mit Gift geschwängert. Der Teufel geht hier um. Niemand sieht den Pferdefuß. Rur den Teufelsschatten sieht man. In diesem Schatten leben und gedeihen wir. Wie die Himmelspflanzen Sonne brauchen, um zu blühen und um Frucht zu bringen, so treiben unsere kranken Seelen Blüten oder Früchte unter Höllenschatten."
»Fürstin!" sagte Griebenow. „Um Gottes willen, Fürstin!"
Diese hatte sich erhoben. Eie machte ein paar Schritte nach dem Fenster. Sie preßte ihre Stirn an die Scheiben, schloß die Augen.
Plötzlich, wie von einem Schlag getroffen, drehte sie sich um. Sie machte ein paar Schritte in das Zimmer. Ihr Atem flog. Ihre Augen waren Fackelbrände, heiß vor Angst uyd Grauen.
„Da, mein Herr! Da ist er. Hören Sie ihn kommen?"
„Rein." Griebenow blieb ruhig sitzen. »Wen loll ich hören? Wo?"
Sie machte eine Geste nach der Tür. Ihr Blick hing starr in seinem. Er spürte, daß sie ' etwas sagen wolle und nicht könne. Die Flamme der Erregung faßte nun auch ihn. „Was, um Gottes willen, ist denn mit Ihnen?"
Die Fürstin ging jetzt an die Tür zum Rebenzimmer. Sie lauschte. Ihr Gesicht war bleich. Die Falte an dem Kelim hatte sich bewegt. Niemand war zu sehen. Betroffen blickte Griebe- Low die Fürstin an. Sie stand jetzt wieder in ier Zimmermitte und lächelte. Ein sonderbares Lächeln.
„Der Teufel ..." zischte sie, »der Teufel ..."
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
lution zu fassen, mit der das unantastbare Recht auf die heilige Muttersprache proklamiert wird — f ü r Malta, und als nicht minder heilig die — Italienisierung Südtirols gefordert wird. Dort findet zur Bekräftigung in diesem Jahre ein entsprechender Kongreß statt.
Hier gibt es noch nichts zu lachen, die Pointe kommt erst.
Rehmen wir einmal an, Italien hätte die Fahne des Selbstbestimmungsrechtes auch in 23er-. sailles, in St. Germain und Trianon verteidigt und somit auf die Angliederung volksfremder Stämme und Täler verzichtet, wie anders stände es heute da! Die beste Waffe wäre ihm nicht von einem Briand und nicht von einem Lord Strickland, dem maltefifchen Ministerpräsidenten aus der Hand geschlagen, es könnte, gestützt auf das Losungswort des großen Krieges, Korsika und Malta verlangen, es hätte — immer den Abstimmungserfolg, an dem es nicht zweifelt, vorausgesetzt — das in der Hand, was es nun mit unendlicher Mühe und höchstwahrscheinlich ohne Erfolg anstrebt, was es ohne den letzten DlutSiropsen etnzusehen niemals erringen kann: die Vorherrschaft im M i 11 e I m e c r. Mare nostrum! Ein Traum, ein schöner Traum, der nur leider jedesmal wie eine Seifenblase an der Drermerwand zerplatzt.
Italien könnte heute, der einzige moralische Sieger des vierjährigen Ringens, die Geste des Guropaerlösers annehmen, sich in die Toga der Freiheit hüllen und hätte daneben alle seine Aspirationen befriedigt. Aber es hat sich selber die Hände gebunden mit blonden Flechten...
So rächt sich die Llnterschrift auf einem Vertrage, den es jetzt gerne abändern möchte, freilich ohne die Konsequenzen bis Vozen zu ziehen. So wird sich noch an manchem anderen der 2llliierten der „Friede" rächen, der nichts anderes war als eine Drachensaat.
Daß Italien das mißgünstige Geschick auf andere Weise wenden könnte, muh, so lange Eng-
Jäh stieg Griebenow das Blut ins Hirn. »Wo denn?"
Sie zeigte nach dem Rebenzimmer. Plötzlich hob sie beide Hände vor die Augen. Beim nächsten Atemzuge schlug der Kelim auseinander.
In der Tür stand Mercandin.--
„Guten Abend", sagte Mercandin. Er schob sich einen Sessel näher. Ruhig klappte er die goldene Kapsel auf, nahm eine Zigarette und setzte mit umständlicher Gelassenheit das Zündholz in Brand. Dies alles, ohne dabei jemand von den beiden anzusehen. Dann warf er sich plötzlich in den Sessel und bohrte den Blick in das Gesicht der Fürstin Tschaidse.
»Eie sollten schlafen gehen. Sie sind krank."
Die Augen der Fürstin sprühten Funken wie die einer Katze. Glühten auf und wurden schwarz. Sie stand noch immer. Llnbeschreiblich ... voll Hochmut glitt ihr Blick an Mercandin hinab.
„Spricht man so zu einer Dame, Herr Professor Mercandin?"
„So spricht ein Arzt zu einer Kranken."
„Ah, so ... im Sitzen und im Rauchen, wenn die Dame steht. Schön ... es gibt ja Dinge, die man eben nie erlernt. Rur ... ich bin nicht krank. Sie irren. Krank sind Sie. Ihre Seele fängt ^u faulen an. Sie ist bereits verfault. Sie vervestet dieses Zimmer und das ganze Haus. Ich möchte mich entfernen, meine Herren."
„Schade um die dämmerblaue Plauderstunde, der Sie Ihre Gegenwart entziehen wollen, liebe Fürstin. Offenbar haben Eie heut abend schlecht gegessen. Ihr Geruch ist transponiert. Er sitzt anstatt in Ihrer Rase in den Magennerven. Eie werden diese Rächt womöglich träumen.“
„In der Tat, ich werde träumen. Ich träume jede Rächt. Mir erscheint in jeder Rächt der Teufel ... der Teufel, um die armen Menfchen- feelen ringend. Seine purpurroten Kleider leuchten fo, daß sie die Augen blenden. Rur die Zähne glänzten weiß. Der Teufel fletscht sie zwischen seinen roten Lippen ... grausam ... triumphierend. Ich bin da. Ich bin der Herr der Welt. Riemals war die Saat für meine Ernte reicher als di* dieser Zeit. Aber sonderbar ... immer trägt der Teufel Ihre Züge, Herr Professor."
Mercandin bog feinen Oberkörper weit nach vom. Die Fürstin Tschaidse fühlte, wie der Arzt sie ansah. Mit einem Blick, der in sie drang und sie durchstrahlte. Mit einem rätselhaften Ausdruck, den sie nicht verstand und doch zu kennen meinte.
»Setzen Sie sich, Fürstin."
Llnd nun geschah des Wunderbare ... jenes Wunderbare, das sich immer zutrug, wenn Professor Mercandin ihr seinen Willen aufzwang. Sie wollte sich mit aller Energie dagegen wehren. Wollte voll 23erachtung lächeln. Ihr Lächeln
land noch ein vitales Interesse am Mittelmeer hat, als ausgeschlossen gelten. Malta übergibt man nicht. Auch nicht teilweise, auch nicht „kulturell", denn in einer Festung von der Bedeutung der größten Seefestung dieser Erde, muh schon eine Fremdsprache, als die der beherrschende Brite das Italienische empfindet, verdächtig erscheinen. Oder ist es etwa nicht italienisch, das Wort: dort überall sei Italien, wo feine Sprache gesprochen wird? Dient diese Lieberlegung nicht als Absprengungshebel sogar in der friedlichen Eidgenossenschaft?
Der britische Löwe wird nicht nachgeben, mögen selbst die Interessen des Papstes mit denen des Duce zufammenlaufen. Ich bin ein guter Katholik, meinte Lord Strickland, der eiserne Gouverneur, und wenn mir die Kirche ein dreitägiges Saften in der Woche auferlegt, dann werde ich gehorchen, aber die Einmischung der Kirche in die Regierungsgefchäfte — nein, das i st etwas anderes. Typisch englisch. Right or wrong, my country! Dagegen kommt das Weißbuch des Vatikans nicht auf und nicht der Tannstrahl der streitbaren Malteser Bischöfe.
Der Austausch der diplomatischen Bücher hat kein anderes Ergebnis gehabt, als die Aufdeckung des unüberbrückbaren Gegensatzes vor aller Welt. Zwischen London und Rom wird nicht über eine religiöse Frage verhandelt, und wo das geschieht, reden beide aneinander vorbei. Jetzt ist zunächst einmal die 23erfaffung auf der Inselfestung aufgehoben worden, das meerbeherrschende Bollwerk wird allein vom Macht standpunkt aus regiert. Der hat nichts gemein mit den schönen Worten, mit denen die alliierten und assoziierten Malteserritter den Kreuzzug zur Eroberung des Selbstbestimmungsrechtes unternahmen, ilnb es liegt ja auch ein Präzedenzfall vor: der erste Punkt, der aus der Wilsonschen Liste gestrichen wurde, hieß „Freiheit der Meere". Warum soll man nicht weiter streichen?
wurde zur Grimasse. Sie fühlte, wie der eigene Wille locker wurde, sich in müde Leere löste.
Mercandin schob einen Sessel ganz in seine Rähe. Die Fürstin setzte sich.
Lind wieder beugte Mercandin sich vor, seine langen und gepflegten Finger legten sich auf ihren Arm. Sie fühlte sie wie einen Hauch den Pulsschlag aufwärts gleiten.
„Sie erzählen, daß Cie nachts der Teufel ängstigt", sagte Mercandin. „Solche Erlebnisse — nennen wir sie Phänomene unseres Seelenlebens — sind durchaus nicht ungewöhnlich, liebe Fürstin. Sie mögen ihren Llrsprung darin finden, daß latente Energien im Gehirn zum Durchbruch kommen, während andere gebunden werden.
Maurh sagt: ,2m Traume sah ich jemand, den ich Tage vorher kennenlernte. Mir kamen dabei Zweifel über den moralischen Charakter dieses Menschen. 2m Wachen hätte ich die Lauterkeit desselben nie bezweifelt.'
,Es war im Mai ...' erzählt Tartini. .Durch das offene Zellenfenster kam ein leichter Wind. ■Unter einem Zwange sanken meine Augenlider, schlossen sich, und ein Schatten stand vor mir. Es war der Teufel. 2n seinen Händen hielt er eine Zaubergeige. Er begann zu spielen. Ein Adagio war es ... himmlisch, traurig, zart, ein Klagen und ein Weinen, ein Sichüber- stürzen aller Töne. 2ch stand auf, ergriff die Geige und wiederholte auf dem Geisterinstrument, was ich im Traume hörte.'"
Die Fürstin war mit aller Kraft bemüht, die Augen offenzuhalten. Don Zeit zu Zeit versuchte sie, die Finger Mercandins von ihrem Arme abzuschütteln. Cs gelang ihr nicht. Eine rätselhafte Schwere lastete auf allen Gliedern, die sie lähmte.
Mercandin hielt seinen Blick spöttisch auf sie gerichtet. Er verneigte sich.
»... Sie wollen mich gewiß daran erinnern, daß auch Voltaire, Lafotaine, Palissy und Cole- ridge die 2deen ihrer Werke nachts im Traum empfingen. Gewiß ... gewiß. Rodin schuf im Traum die Lydia. Krüger ebeifo wie Borda lösten schlafend wichtige Probleme. Stevenson erträumte nachts Romane. Dupre fand im Schlafen die 2dee für seine wundervolle Gruppe der Pieta. An einem schwülen Somtiertage lag er auf dem Diwan und überdacht^ welche Stellung er fern Christus geben sollte Er schlief ein. 2m Traume sah er dann die ganze, später von ihm ausgeführte Gruppe mit dem Christus. Da haben Sie's. Der Teufel fletscht iie Zähne und will 2hre Seele haben. Aber däs ist Llnsinn. Sind Sie müde, Fürstin?"
»2a.“ !
„Gut. Sie können gehen. Rur nvch eins: Sie werden künftig nachts nicht mehv vom Teufel träumen, sondern---“
Samstag, 5. Juli 1950
nesen hat für jeden Gegenstand, für jeden Begriff ein einziges Zeichen, aber jeder Landstrich formte für dieses Zeichen em anderes oder abgewandeltes Wort. Also schriftlich hätten sich auch Leute aus den entferntesten Landesteilen verständigen können.
2n Zukunft geht eS eben auch mit Worten —» denn man spricht dann nicht mehr chinesisch, sondern nur noch Pei-Hua, das Esperanto von China. ।
Dralehner-Zucht in Ostindien.
(r) Amsterdam.
2n dem der holländischen Kammer vorliegenden 2ahresbericht der Kolonialverwaltung befindet sich unter dem einen breiten Raum einnehmenden Kapitel „Militärisches" eine Stelle, die geeignet ist, auch in Deutschland größtes 2ntcrcffe zu erwecken. Es handelt sich um jenen Passus, in dem die Erfahrungen geschildert werden, die die niederländische Kolonial-Kavallerie auf 2ava. Borneo, Sumatra usw. mit den erst seit wenigen 2ahren dort eingestellten ostpreußischen, d. h. Trakehner Pferden, gemacht hat. Das niederländische Militärpferd im malaiischen Archipel hat fast ein 2ahrhundert lang die Rasse der Sandelholz-Pserde (so genannt nach ihrer Färbung) gestellt, die im exotischen Lande ihrer Verwendung selbst gezüchtet wurden und sich auch lange Zeit bewährten. Leider aber traten nach 1920 verschiedene epidemische Krankheiten unter den Tieren auf, die ihren Bestand mehr als dezimierten, und außerdem war die Leistungsfähigkeit der Gäule nach dem Urteil von Kennern durch die unausbleibliche 2nzucht von Generation zu Generation derart zurückgegangen, daß sie neuerdings den an sie gestellten strapaziösen kolonialen Anforderungen in einem oft mörderischen Klima und zum Teil sehr schwierigen und gebirgigen Gelände nicht mehr voll gewachsen waren. Regierung und Militärverwaltung sahen sich gezwungen, nach geeigneteren Pferderassen Ausschau zu halten: aus allen Experimenten ist. soviel steht jetzt fest, siegreich die kräftige, ausdauernde Trakehner Zucht hervorgegangen und wird nunmehr zum Militär- Pferd Riederländisch-2ndiens erhoben werden. Lleberstehen diese Tiere aus Ostpreußen schon glänzend die weite Seefahrt, so haben sie sich an Ort und Stelle unter den nachteiligsten 23ct bingungen treu, zuverlässig und zäh erwiesen.
Unheimlicher Aberglaube.
N. H. K openhag en.
Linker der Arbeiterschaft der bekannten dänischen Papierfabrik Möglemölle bei Rästved herrscht seit Jahren der 2lberglaube, daß, wenn ein Arbeiter der Fabrik verunglückt oder eines natürlichen Tolfes stirbt, jedesmal zwei andere Arbeiter der Fabrik ebenfalls und gleichzeitig „daran glauben müssen". Die Tatsachen haben diesem Aberglauben einmal über das andere recht gegeben, so erst wieder vor wenigen Tagen. Aus dem Wege zur Arbeitsstätte brach vor vier Tagen ein langgebienter Arbeiter der Fabrik vom Herzschlag getroffen tot zusammen. Tags darauf verunglückte eine Arbeiterin in der Fabrik. Lind in der darauf folgenden Rächt starb ein Maschinist bet Fabrik, nachdem ihm wenige Stunden vorher durch eine der großen Zeitungspapier- mafchinen beide Arme abgerissen worden waren. — Aus Trauer um die drei Toten hat die Fabrik auch diesmal wieder einen Tag lang den Betrieb still gelegt ... Genau wie vor ein paar Fahren. Lind jetzt bangt die ganze Arbeiterschaft bei dem Gedanken, wann Freund Hein das nächstemal Möglemölle wieder heimsuchen wird. ...
Die Fürstin mühte sich, den schweren Kopf zu heben. 2hre Augen hingen in den Blicken Mercandins.
„Sondern---“
Plötzlich neigte Mercandin den Mund ganz weit nach vorn an das Ohr der Fürstin. Er zischte etwas, das nur sie verstehen konnte.
Wie unter einem Schlage schrie die Fürstin Tschaidse auf. Dann ein Ausbruch, der an Grausen nicht zu überbieten war. Als sich Mercan- bin erhoben hatte, um sie am Handgelenk zu Packen, kläffte, geiferte und biß die Kranke um sich wie ein toller Hund. Weißer Schaum trat vor die blaffen Lippen. Lind dann Schreie — Schreie wie aus einer anderen Welt.
Sekunden später hatten Mercandin und Griebenow die Tobende gepackt. Der Professor preßte die von rückwärts unter beiden Frauenarmen durchgeschobenen Hände gegen ihren Mund. Das Schreien und die rasenden 23etoegungen ließen nach. Starrheit trat an ihre Stelle. Wie eine Tote trugen sie die beiden Männer in ihr Zimmer nach dem ersten Stock.
„Sie warten unten", hatte Mercandin gesagt, während eine Schwester sich der Fürstin annahm. „2ch bin in fünf Minuten fertig und möchte Sie nachher noch sprechen."
Er kam bald nach. „Die Schwester hat genaue 2nftruftioncn", sagte er. „Der Anfall ist vorüber, und die Fürstin schläft."
Er warf sich in den nächsten Sessel, brannte eine Zigaretre an und sog ein paar tiefe Lungenzüge ein. Danach sprang er wieder auf und promenierte wie ein Löwe, der im Käfig steckt, auf kurzer Strecke hin und her. Die Augen voll büftergrauer Glut.
„Paranoia ...“ sagte er. „Glattweg Verrücktheit. Der Mann wohnt in Paris. Er wollte seine Frau schon längst in eine Anstalt stecken. 2ch riet bisher noch ab. Sehr mit Anrecht. Heute ber Beweis. Cs hätte gar nicht so weit kommen bürfen.“
Griebenow verzichtete auf einen Wiberspruch.
„Offenbar erbliche Belastung. Ober —--
Die Fürstin Tschaibse ist bekanntlich Russin. Sie hat unendlich vieles von den Rotetz leiden müssen. Kennen Sie die Tscheka?"
Griebenow gähnte. „2a. Dem Ramen nach." „Sehen Sie. Den Vater hat man an die Wand gestellt. Die Mutter ist gefoltert und dabei wahnsinnig geworden. And die Fürstin ... na ja."
„Ach bu lieber Herrgott ...I" sagte Griebenow.
»Das ist vielleicht bie Vorgeschichte. Das letzte Stabiurn der Entwicklung haben Sie ja heute selbst mit angesehen. 2ch lege auf ihr Zeugnis Wert. Sie werden sich gegebenenfalls dazu zu äußern haben."
(Fortsetzung folgte
Geschichten aus aller Wett.
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Fräulein Kalhlecn erregt Mitleid.
(f) London
Kathleen Punt, die siebzehnjährige Schülerin einer höheren Töchterschule in Kapstadt, sehnte sich nach einem originellen Abenteuer, um das 2ntereffe der Mitmenschen auf sich zu lenken Sie unternahm keine 2Deltreife, keinen Ozeanflug und beteiligte sich nicht einmal an einem Raubmord, sondern beschränkte sich darauf, in einer Londoner Tageszeitung zu inserieren: „Reunzehnjährige Engländerin bie ihr Geben auf einer weltverlassenen Farm in Südafrika fristet, sehnt sich nach Lebenszeichen menschenfreundlicher Landsleute." Der Erfolg der kleinen Annonce war geradezu überwältigend: rund 12 000 Briten deren Mitleid das schlaue kleine Mädchen erregte, meldeten sich als „Tröster", und zwar nicht nur mit Briefen und Postkarten, sondern mit überaus wertvollen Gaben und sogar mit — Heiratsanträgen. Auf dieses Ergebnis war selbst Kathleen nicht bor bereitet, und der seit 19 2ahren „vereinsamten" Siebzehnjährigen fällt es jetzt reichlich schwer, die richtige Wahl zu treffen
Das Esperanto der tausend Dialekte.
(c) T ien tsin
Genau wie 2ndien ist auch China mit seiner verhältnismäßig einheitlichen Debölkerung in klei
nere oder größere Sprachgebiete zerrissen in denen ber eine nicht mehr versteht, was fein Rachbar spricht. 2n den Stäbten wie Ranking ober Schanghai ober Hankow, wo sich hunberte biefer verschiedene Sprachen redenden Chinesen treffen, gibt es wahre Sprachgenies. Die Kaufleute verfügen meist über die Kenntnis Wenigstenz zweier ober dreier Dialekte, aber auch sie sink) doch auf Dolmetscher angewiesen, bie hier ein leichtes Einkommen haben. Wenn es gar nicht anbers geht, bann spricht man miteinander im Kolonialenglisch...
Bei den großen Einigungsbestrebungen, bie man mit China im Sinn hat, ist natürlich ein berartiger Zustand auf bie Dauer unhaltbar. Die Regierung in Ranking hat beshalb ben Entschluß gefaßt, burch bie chinesischen Sprachwissenschaftler eine Einheitssprache bilben zu lassen, in der sich die Wortstämme mehrerer, und zwar der bedeutendsten Dialekte bereinigen. Pei-Hua hat man sie genannt. Sie ist das Esperanto Chinas. 2eder Lehrer muß sie beherrschen und in jeder Schule wird der .Unterricht in dieser Sprache erteilt. Wenn diese Absicht konsequent durchgeführt wird, gelingt es bielleicht, einen lästigen Zustand zu beseitigen der feit 2ahrtausenden viel dazu beitrug, China zu einem innerlich uneinigen Land zu machen
Die Einführung ber neuen Sprache wird um so leichter fallen, als bie Schrift für sämtliche Dialekte bie gleiche ist. Die Zeichenschrift der Chi-


