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Nr. 155 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhesien)

Samstag, 5. M 1950

Auf

organisierter Verbrauch

diesem Gebiet herrschen anarchische Zustande. Es

und nun wurde es wirklich schlimm. Sie war überzählig und kannte Riemanden, als die groß« Kusine vom Lande, die schon fünfzehn Iahr« und fix und fertig war. Alnb sie wippte und schüttelte ihr Röckchen zum stampfenden Tanz­schritt, daß alle sie bewunderten. Ihr Tänzer war ein großer, schöner Junge, hoch gewachsen und in seinem ganzen Wesen klingend wie ein edles Glas ohne Sprung und Fehle. Wie sie nur tanztenl Dora richtete sich auf in ihrem Versteck, um ihnen recht zuzusehen. Jetzt kamen sie näher, und die Kusine sah gar nichts von dem Plüschbänkchen und dem kleinen Mädchen darauf, das ernst und forschend zu ihnen hinüber­schaute, so frei und unbeteiligt, wie es nur Kinder und alte weise Menschen sein können. Der lockig gewellte Dubenkopf des großen Mäd­chens flog im Wirbeltanz und weiblich schmeichel­ten ihre Blicke um den stolzen Jungen. Einen kurzen Augenblick bemerkte er das Kind, wie es hingegeben und aufmerksam ihnen beiden mit den Blicken folgte. Alnt) ebenso flüchtig ging ein Schatten über seine gute und sichere Stimmung im Genuß des Tanzes mit einer begehrten jungen Dame. Aber sie wogten fort und andere stampften, schleiften, lächelten und flirteten vor­über. Alnb plötzlich empfand die kleine Dora wild und verzweifelt ihr Ausgeschiedensein: sie fühlte sich verachtet, übersehen, häßlich und ganz und gar verlassen. Brennende Tränen stiegen ihr auf. Sie wühlte nach einem Taschentuch in dem kleinen Handtäschchen, das ihr so damen­haft geschienen hatte, und doch nichts war, als ein dummes Kindertäschchen zum Spielen. Zum Spielen? Sie fing an, nachzudenken. Die Tränen hör en auf zu fließen. Ach, wenn sie nur fort könnte zum Spielen! Sv recht warm und innig mit der großen Puppe oder dem Baby im neuen Spitzenbett! Wie schlug ihr Herz ihnen entgegen und all dem andern Herrlichen, uner­meßlich Reichen, das ihr gehörte! zum Spielen! Sie überlegte, ob sie nicht eine Gesellschaft geben könnte mit vielen, vielen Gerichten (darunter Rosinen in Honig mit Reiskörnern) und sie dachte weiter an einen Ausflug mit allen Puppen in die Allee von Haselnüssen im großen Garten. Abends würde sie diesmal aber so lange warten, bis die Puppen an fingen, zu reden, denn sie können das nur nachts, und daß sie es tun, ist gewiß.

So spielte sie mit klopfendem Herzen in ihren Gedanken und vergaß alles um sich her. Der erste Tanz war zu Ende, und es begann ein Walzer,

fehlt die Abstimmung zwischen Produktion und Konsum, die Regelung des Verbrauchs nach volkswirtschaftlichen Erwägungen Gewiß, es ist notwendig, daß zwischen Produktion und Ver­brauch ein gewisser Spielraum besteht. Im Ver­brauch herrschen Imponderabilien, wie Mode, Gewohnheit, Geschmack usw. Das läßt sich nicht so organisieren wie die Produktion. Aber die Kluft zwischen den beiden Faktoren des Wirt­schaftslebens ist heute so groß, daß sie verkleinert werden torm.

Die zweckmäßig« Organisation der einen Seite muß notwendigerweise zu einer Organisation auf der anderen Seite führen. Das soll nicht heißen, daß ein wie immer gearteter Zwang auf den Verbraucher ausgeübt werden soll, wie er etwa in Rußland besteht. Der deutsche Verbraucher läßt sich aber erziehen, wenn ihm in über­zeugender Weise nahegebracht wird, daß jeder einzelne außerordentlich viel zur Belebung des Wirtschaftslebens und zur Verringerung der Ar­beitslosigkeit beitragen kann. Deutschland kann die Produktionskapazität fast nur zur Hälfte ausnuhen. Als ®runb wird immer ein schwach aufnahmefähiger Inlandmarkt angegeben. Betrachtet man die Handelsstatistik, dann findet man, daß die Aufnahmefähigkeit durchaus nicht so gering ist. Wir führen jährlich Waren aus dem Auslande im Werte von Mil­liarden ein. Sieht man von den Rohstoffen und Halbfabrikaten ab, die wir einführen müssen und die zum Teil im Veredlungsverkehr wieder ausgeführt werden, dann findet man darunter Waren, besonders Fertigwaren, die wir i n Deutschland mindestens ebensogut erzeugen oder zu erzeugen in der Lage sind. Im vergangenen Iahre wurde Butter im Werte von 457,7 Millionen Mark eingeführt, Käse für 106, Eier für 280, Gemüse für 142, Obst für 211, Kunstseide für 97, Krastfahrzeuge für 59, Glas­waren für 34, Schuhwerk, Lederwaren usw. für 43, Eisenwaren für 36, Uhren für 23 Millionen Mark. Wir beziehen nach einer Umrechnung täg­lich für 17 000 Mark französische und englische Hüte, für 65 000 Mk. ausländische Kleider, für 120 000 Mk. fertige Möbel, für 13 000 Mk. aus­ländische Fahrräder, für 324 000 Mk. Parfüme­rien, für 11000 Mk. Spielwaren, für 1,28 Mil­lionen Mk. Kaffee, für 180 000 Mk. Südweine, für 16 000 Mk. Bier usw. Wir führen jährlich für rund zwei Milliarden Waren ein, die mit Leichtigkeit um die Hälfte reduziert und rund 3'4 Millionen deu tschen Arbei­tern Beschäftigung geben könnte.

Das oft gehörte Gegenargument, daß wir aus­ländische Waren einführen müssen, um selbst Ware im Auslande absetzen zu können, um die uns nicht zuwachsenden Rohstoffe und fehlenden Rahrungsmittel zu bezahlen, ist nur bedingt richtig. Der Bezug ausländischer Waren soll ja nicht gesperrt werden: der deutsche Ver­braucher soll ja nur in schwerster Rotzeit die erforderliche Selbstdisziplin üben und sich bei jedem Einkauf von volkswirtschaftlichen Aleber- lcgungen leiten lassen. Wir brauchen außerdem noch genug ausländische Produkte und werden auch bei größter Einschränkung ein guter Kunde des Auslandes bleiben. Ein Land mit stetig großer Arbeitslosenzahl kann auf die Dauer so wie so kein guter Abnehmer ausländischer Waren bleiben: das wird man draußen sehr schnell begreifen. Zum anderen: Ist es nicht leichter, die deutsche Ausfuhr zu heben mit einem kräftigen Inlandmarkt als Rückenstühe? In der Theorie, daß nur wirtschaftlich gesunde Länder gegenseitig gute Kunden fein können, steckt ein wahrer Kern. Der Verbrauch bestimmt aber heute den Gesundheitsgrad der deutschen Wirt­schaft wesentlich mit. Er ist sich dieser Tatsache nur nicht bewußt und handelt aus Unkenntnis, aus Achtlosigkeit, alter Gewohnheit Denkträg- heit und auch oft trotz der Kenntnis der Zu­sammenhänge gegen seine persönlichen Inter­essen. Die deutschen Hausfrauen, durch

Kindcrtanzstunde.

Don Judith von Gadow.

In der kleinen Stadt gab es jedes Iahr einen Schülertanzkursus, der sich über eine Anzahl von Wochen erstreckte und durch einenSchlußball" gekrönt wurde. Gymnasiasten und Backfische be­teiligten sich daran zunächst sehr von oben herab, welterfahren unb abgeklärt. Sehr bald aber waren sie ohne zu wissen, wie in das unwandelbare Spiel der Geschlechter verflochten, die einen trotzig, die andern schwär­merisch wild oder still. In zwei langen Reihen standen sie sich gegenüber. Zwischen ihnen lag das Spiegelparkett des Festsaals vom Hotel zur Traut^: di? gemaserten Hölzer glichen leicht bewegten Wellen, über die eine Brise zieht. Große Iungens mit wundervoll gebundenen Kra­watten auf dem einen, Schlankbeinige Backfische zwischen vierzehn und sechzehn Iahren auf dem anderen Ufer, und in das rauhe männliche Flüstern gebrochener Stimmen plätschert das weibliche Kichern hinein.

Der Tanzlehrer gleitet nun lächelnd in den Saal. Ein alter gepflegter Herr, der schon die Mütter und Väter der jetzigen Generation im Wal;»r- und Polkaschritt übte. Er sagt laut und munter:Meine Damen und Herren ...", klatscht leicht in die Hände und aus einer Ecke setzt der taktfeste Rhythmus eines Klavierspielers ein. Die dünnen Alferlinien der Tanzbeflissenen gleiten elegant aufeinander zu, die Paare formieren sich. Run erst bemerkt man ein Geschöpf, das vor­her nicht da zu sein schien, das gar nicht zum Hüben und Drüben passen will und weltcneinsam zwischen Parkett und Gekicher auf einem roten Plüschbänkchcn hockt. Es ist ein Kind, ein wirk- liches kleines Mädchen noch mit zwei buschigen dicken Zöpfen, silberblond und blauäugig. Rie- mand kennt sie recht. Ihr Vater ließ sich vor ganz kurzem als Arzt in dem Städtchen nieder. Man wußte nur, daß seine Frau vor Iahren gestorben war und daß cs viele Kinder bei ihm gab. Dora so hieß das kleine Mädchen schien dem Vater als Aelteste groß genug, um bei der Tanzstunde angemeldet zu werden, da­mit nur ja nichts versäumt und alles recht gemacht werde. Aber Dora war erst zehn Iahre alt und klein und zart. Sie hatte ganz geschickt die Tanzschritte mitgeübt, und es ging auch soweit leidlich, da man sie einfach nicht bemerkte. Aber seit kurzem tanzten die Paare zusammen

Anarchie im Verbrauch

Ein ernstes Wort an die deutsche Hausfrau.

Don Arthur Zmarzly.

Mit der Feststellung, daß die große ArbeitS- kvsigkeit eine internationale Erschei­nung darstellt, ist meistens ein gewisser Fata­lismus verbunden: Wenn in Nordamerika, in England, in Rußland und in anderen Staaten viele Millionen Arbeitshände keine Beschäftigung haben, dann braucht man sich in Deutschland nicht zu verwundern, daß es hier nicht anders ist. Aus dieser Einstellung wird dann, und das ist das Bedenkliche, weiter gefolgert: Unsere Wirtschaftspolitik ist entweder so schlecht vder so gut wie in den anderen Staaten mit großer Arbeitslosigkeit, und da die Wirtschafts­politik der anderen Länder bei und meistens ge­lobt und als gutes Beispiel hingestellt wird, Hann unsere Wirtschaftspolitik nicht so schlecht <ein, mindestens darf sich die Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik nicht allein an der Größe der Arbeitslosigkeit orientieren. Das tut sie auch keineswegs. Trotz dessen beruhen diese Folgerungen auf vielen Fehlschlüssen, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Die Weltarbeitslosigkeit stellt zweifellos der so oft zitierten weltwirtschaftlichen Zusammenarbeit ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Die katastrophale Arbeitslosigkeit in Deutschland ist an sich auch nicht allein auf eine falsche Wirtschaftspolitik zurückzuführen, aber die Hilflosigkeit, mit der man diesem Problem heute gegenüoersteht, kommt fraglos auf das Konto einer wenig zweckmäßigen Wirtschaftspolitik.

Die hohe und stetige Arbeitslosenzahl ist ein Spiegelbild der Ratlosigkeit in der Wirtschaftsführung, und das nicht erst seit gestern und heute. Der einzelne Be­trieb kann zur Entlastung des Arbeitsmarktes wenj-y leisten. Er hat heute genug zu tun, um sich überhaupt zu halten, meistens dadurch, daß er infolge Absatzmangels das Lohnkonto ein­schränkt. Anders dagegen die großen Organi­sationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und nicht zuletzt die Regierung, also die Faktoren der Wirtschaftsführung. Ihre Aufgabe ist es oder sollte es sein, 6a& volkswirtschaftlich Rotwendige mit dem privatwirtschaftlich Rütz- lichen in Einklang zu bringen. Hieran man­gelt es seit vielen Iahren. Die Produktionskräfte der Wirtschaft werden von allen Seiten zerlegt, durchforscht und verstärkt. Die Technik und Be­triebsorganisation hat die Möglichkeit geschaffen, das Sozialprodukt wesentlich zu erhöhen. Kar­telle, Konzerne und Trusts sind wie Pilze aus der Erde geschossen, und die Verbände sind organisatorisch sehr stark.ausgebaut. Vielleicht ist das alles etwas überhastet vor sich gegangen, um den Anschluß nicht zu verpassen und das nachzuholen, was seit Kriegsbeginn versäumt worden ist. Von der Produktionsseite her sind wir für jede nationale und auch für jede größere Weltkonjunktur gerüstet. Die Pro­duktion ist aber nur eine Seite der Wirtschaft. Gs war zweifellos ein Fehler, im Drange der Rationalisierungsarbeit die andere Seite, die genau so wichtig ist, zu vernachlässigen, nämlich den Verbrauch, und ihn als einen Teil der Produktion anzusehen, den man nach Belieben beeinflussen kann. Der Zwang der Betriebsver­besserung war dringend. Er wurde noch ver­schärft durch die andauernde Erhöhung des Rominallohnes, die man durch weitere Ratio­nalisierung auszugleichen versuchte. Das ganz« Wirtschaftsleben in der Rachkciegszeit spielte sich auf der Linie ab: Rationalisierung, Lohnsteige­rung, Lastenerhöhung, verstärktes Tempo der Rationalisierung. Dis zu einer gewissen Grenze ließ sich dieser Zirkel mit Hilfe der Technik und der Ausnutzung aller Organisationsmöglichkeiten schließen. Als wenig beachteter Faktor stand der Verbrauch außerhalb dieses Zirkels, der sich jetzt nicht mehr schließen läßt. Der ausgeklügelten Produktionsorganisation steht ein völlig des-

fceren Hände der größte Teil deS deutschen Volkseinkommens geht, tragen tn ihrem Ein- kaufskorb Hunderte von Millionen an Ausland- waren heim und verhelfen dadurch ihren Män­nern, Söhnen und Töchtern oder sich selbst zur Arbeitslosigkeit. Die ProduktionS- und Absatz­verhältnisse in der deutschen Landwirtschaft sind gewiß noch sehr verbesserungsfähig. aber der Verbraucher muß sie in seinem eigenen Interesse in der Umstellung unterstützen, selbst wenn die Waren noch nicht so schön aufgemacht sind tmb noch keine so einheitliche Güte aufweisen wie die standardisierten Auslandprodukte. Aber nicht die Hausfrauen allein huldigen noch in Softer Zahl dem Prinzip« des Augenblicks.

uch grafte Einkaufsorganisationen glauben ihren Absatz erhöhen zu können, wenn sie dazu beitragen, deutsche Arbeiter beschäf­tigungslos zu machen durch unnötige Bevor­zugung von Auslanderzeugnissen.

Die Verbrauchererziehung ist ein wich-

tiger Hebel zur Verringerung der ArbeitSlostg- keit. Es muft in ganz anderem Maße dem deut­schen Volke deutlich gemacht werden, deutschen Waren den Vorrang einzuräumen. Dieser Ge­danke muß vor allem von den großen Organi­sationen, auch von den Frauenvrgani- sationen, ganz gleich ob sie auf nationalen, sozia­len oder kulturellen Gebieten chr Arbeitsfeld sehen, durch Wort und Schrift und in erster Linie durch das Vorbild in die Tat umgesetzt werden. Gerade die großen Frauenverbände haben die Aufgabe, nut den Produ ktionckvev- bänben eng zusammenzuarbeiten und durch den Austausch von Anregungen und Wünschen eine festere Verbindung zwischen Produktion und Verbrauch herzustellen. Rotwendig erscheint es auch daß dieser Gedanke stärker als bisher von den Behörden beachtet wird, beim merkwürdiger­weise zeigt sich bei ihnen eine ausgesprochene Vorliebe für ausländische Erzeugnisse.

Oer Stand der Reichsresorm.

Oie Bedeutung des vom Ausschuß der Länderlonferenz angenommenen planes Don Or. Hans Gmelin, orb. Professor des öffentlichen Rechts an der Universität Gießen.

I.

Am 21.(Juni hat bet Derfassungsausfchuft der Länderkonferenz zu den Beschlüssen des Unter­ausschusses II über Zuständigkeit und Organi­sation der Länder Stellung genommen. Die zwei Berichte des Unterausschusses hat der Der- fasungsausschuß mit 15 gegen 3 Stimmen bei 2 Enthaltungen angenommen. Scheinbar ist durch diesen Beschluß die Reichsreform wieder einen Schritt weiter gekommen. Es ist daher wohl eine neue Veranlassung gegeben, sich mit den geplan­ten Aenderungen zu beschäftigen. Den angenom­menen Vorschlägen liegt der vom früheren Reichskanzler Luther entworfen« Plan zu­grunde, Preußen und die norddeutschen Mittel­und Kleinstaaten im Reich« aufgehen zu lassen und nur den drei süddeutschen Ländern und Sachsen die bisherig« Stellung zu erhalten. Aln- ftreitig würden sich aus der Durchführung die­ses Planes bedeutende Vereinfachungen uni) Er­sparnismöglichkeiten für die Verwaltung des Reiches und Preußens ergeben, da viele Zen­tralbehörden der beiden Staaten zusammenge­legt werden könnten. Andererseits ist aber ge­gen den Lutherschen Plan nicht zu Anrecht der Einwand erhoben worden, daß die Reichsreform durch eine derartige Teillösung erschwert wird, weil sie den Gegensatz zwischen Rord- und Süddeutschland verschärft, indem sie in Rord- deutschland den Einheitsstaat durchführt, wäh­rend sie zwischen dem Reich und den süddeut­schen Staaten das föderative, bundesstaatliche Verhältnis beibehält. Alm diese Fehler zu ver­meiden. hat der Unterausschuß der Länderkon­ferenz sich bestrebt gezeigt, den im Lutherschen Plan klaffenden Unterschied zwischen Rord- und Süddeutschland dadurch zu mildern, daß einer­seits der norddeutsch« Einheitsstaat in Provin­zen mit weitgehender Selbstverwaltung geglie­dert werden soll (sog. neue Länder), und daß anderseits die verbleibenden süddeutschen Staa­ten in ihrer Stellung bloßen Reichsprovinzen angenähert werden sollen. Diese, sogenannte difserenzierende Endlösung hat mm die Zustimmung des Hauptausschusses der Län- derkonserenz gesundem

Der hessische Staatspräsident enthielt sich der Stimme: er begründete diese Haltung damit, daß -er in dieser Reform ein Zurückgehen hinter den Stand von 1871 erblicke, weil die Stellung der süddeutschen Länder gegenüber dem Reiche gestärkt und so praktisch eine künftige Verein­heitlichung unmöglich gemacht werde. Der Staatspräsident verwirft also den angenomme­nen Lösungsvorschlag wegen desselben Fehlers,

den man früher an dem Lutherschen Vorschlag gerügt hatte, und den man in dem vorliegenden Entwurf gerade hatte vermeiden wollen. Vom Standpunkt des Staatspräsidenten, der von je­her den Einheitsstaat als erstrebenswertes Ziel bezeichnete, ist dies« ablehnende Stellung be­greiflich. Aber auch, wer nicht Anhänger eine- plötzlichen Alebergangs zum Einheitsstaat ist, wird über den Reichsreformvorschlag keine volle Befriedigung empfinden. Der Bericht des Aus­schusses rechnet selbst damit, daß ihm von der einen Seite vorgeworsen werden wird, er f)abe Preußen zerschlagen, und von der an­deren Seite, er hab« Preußen an d ie Stelle des Reiches gesetzt. Ie nach der Durchführung des Vorschlags werden solche Vor­würfe auch begründet sein. Rach den z. T. noch reichlich verschwommenen Grundzügen der Re­form läßt sich noch nicht deutlich erkennen, welch« Richtung eingeschlagen werden soll, und welcher der beiden Vorwürfe gerechtfertigt sein wird. Im ganzen hat es aber den Anschein, als ob der Vorwurf einer Wiederherstellung der preußi­schen Vormachtstellung gerechtfertigter ist als der der Zerschlagung Preuftens.

Die geplante Verschmelzung der preußischen Zentralbehörden mit den Reichsbehörden zeigt für sich allein die Richtung der Reform nocb nicht deutlich genug: wesentlich ist vielmehr, ob der Reichstag als solcher oder ein Tellreichs- tag die allgemeine Gesetzgebung im Reichsland auszuüben hat. Gerade über die­sen wichtigen Punkt hat der Verfassungsaus- schuß keine Entscheidung getroffen, er läßt es dahingestellt, ob der allgemeine Weg der Reichsgesetzgebung gewählt werden soll oder ob an Stelle sämtlicher Reichstags- und Reichs­ratsmitglieder nur die aus dem Reichsland her­vorgehenden Mitglieder beider Körperschaften die Gesetzgebung ausüben sollen. Die Beantwor­tung dieser Frage ist aber von entscheidender Bedeutung: denn nur im ersten Fall ist Rord- deutschland wirklich im Reiche aufgegangen, wäh­rend im zweiten Fall es auch umgekehrt sein kann, daß nämlich das starke Reichsland, mit anderen Worten Grotzpreuhen, di« Vor­herrschaft über das Reich gewinnt, möglicher­weise in noch stärkerem Mafte als dies im Kaiserreiche der Fall war. Denn damals berei­tete die Doppelorganisation der preußischen und der Reichsbehörden den preußischen Dor- machtsbestrebungen doch noch gewisse Hemmnisse. Man mag einwenden: die Entwicklung einer preußischen Hegemonie ist deswegen ausgeschlos­sen, weil einerseits die gesetzgebenden Organe für Rorddeutschland doch Teile des Reichstags

der allen immer so viel Mühe machte. Dora hatte noch ihr Taschentuch in der Hand. Die Tränen waren längst auf ihren Kinderwangen wie Schneeflocken zerschmolzen und getrocknet. Da hörte sie eine schönklingende Stimme und mit einer nachlässigen Verbeugung stand der vor­nehme Dunge vor ihr, der gewandte Kavalier einer großen Kusine.Darf ich bitten?" lächelte er und fügte hinzu:Ich hoffe, Eie wollen auch wirklich di« Güte haben, mit mir zu tanzen?" Sie" sagte er! Selbstverständlich, es war ja Tanzstunde, und Dora war nicht Königin in ihrem Reich, sondern häßlich, verachtet und ver­gessen auf einem roten Plüschbänkchen im großen Festsaal.Ich kann nicht", sagte sie zitternd und sah den groften (Jungen hilflos an.Gewiß können Sie, ich führe Sie, und Sie machen mit, sagte er tröstend und kameradschaftlich. Da be­gannen sie und es war, als sähe alles nach ihnen hin und wunderte sich, denn niemand hatte bisher das weißblond« Kind beachtet, das nun mit dem anerkannten Vortänzer den Reigen eröffnete. Dora war ganz blaß und schluckte vor Aufregung, aber siehe da, es ging! Sie machten eine Runde und noch eine, und sacht« loste sich die Angst und wehe Einsamkeit im Herzen zu einer stolzen Befriedigung. Der große, so sehr erwachsene Iunge beugte sich zu ihr herab und sie hüpfte und glitt über alle Schwie­rigkeiten des Dreivierteltaktes sorglos dahin. Sie unterhielten sich prachtvoll. Dann wurde er stiller und grübelte noch über das sonderbar« Gefühl nach, das wie ein Schatten ihn gestreift hatte, vorhin, als et das Kind entdeckte. Er sagte mit unvermitteltemDu: Sag mal, bist du schon einmal richtig traurig gewesen? Ich meine, so ganz aus dir selber, ohne daß äufterlich irgend­was passiert ist?" Dora schwieg ganz still. Sie wollte nicht lügen und wollte auch nur etwas ganz Richtiges sagen. Sie Blieb stehen, zog ihn mit fort aus dem Kreis der Tankenden. Alle waren schon wieder mit sich beschäftigt, nur die Kusine hatte kleine, heftige, rote Flecke auf den Backen und fest zusammenäepreßte Lippen und blieb in einer unbeachteten Ecke stehen, Alnb während sie noch an ihrer Atztwort arbeitete, er­faßte sie ein plötzlicher wilder, mit nichts zu vergleichender Kummer. Eina Vorstellung über­kam sie wie ein schwerer körpHlicher Schmerz. Sie sah gleich einer Vision einen 3ag vor sich, an dem sie nicht mehr spielen könnte, <n dem es aus war mit dem sie jetzt ersüllenden Beben. Einen Tag, an dem es leer sein würde Mn allen Wundem,

an deren Wahrhaftigkeit sie doch glaubte. Einen Tag, an dem sie fein Kind mehr war.Run, was meinst du?" drängt« der Iunge.

Da sagte sie tapfer:Ieht bin ich traurig, weil ich sonst noch nie daran gedacht habe, daß ich später kein Kind mehr sein darf. So weh hat mir noch nie etwas getan, als dieS. Lügen tue ich nicht, es ist sicher ganz wahr!"

Das war es also doch gewesen, dachte der große, erwachsene Iunge. Als er das Kind be­merkte, hatte ihn unwiederbringlich Verlorenes gegrüßt, und dies Verlorene war seiner jetzigen Sicherheit so sehr überlegen gewesen. Er wußte nichts zu sagen und war doch nie­mals sonst um Worte verlegen.

Aber er legte sachte seinen Arm um sie, wie zum Trost seiner eigenen Ratlosigkeit.Ich möchte noch einmal mit dir tanzen", sagte er^ So ist es vielleicht doch nicht so schlimm, wenn einmal der schreckliche Tag kommt?" fragte er Dora, als wüßte er mit unumstößlicher Sicher­heit alles.Ich glaube, man merkt es nicht ganz genau, tröstete er,und vielleicht will man es auch nicht mehr, weil well man glaubt, glücklicher zu werden."

Der Tanz war aus, die Paare berbeujgten sich und glitten auseinander zu ihren getrennten Alferlinien zurück.Kommst du das nächstemal wieder, Dora?" sagte der große Iunge.Ich möchte dich noch vieles fragen.

Später", flüsterte si« und stahl sich fort von den lästigen und sicheren imIenseitigen so sicheren Mädchenspäter" winkt« sie an der Tür und entschlüpfte unbemerkt. Ihr klei­nes Herz brannte wie Feuer und sie konnte und konnte nicht enträtseln: war es der schwere Kummer noch oder war es ein Glück, das weh tat?

Hochschulnachrichien.

In der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Alniversität Iena ist der beamtete außerordentliche Professor für landwirtschaft­lichen Pflanzenbau und Pflanzenzucht Dr. rer. techn. Ernst Klapp zum ordenllichen Professor ernannt worden. Dr. Klapp, geborener Mainzer, war früher Privatdozent in Berlin. Die Er­nennung des a o. Professors Dr. Erich Dräun- lich von der ilnioerfität Greifswald zum ordentlichen Professor der semitischen Philologie an der Alniversität Königsberg als Rach­folger von Prof. H. Schaeder ist erfolgt