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Nr. 54 Zweites Blatt

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Jeden Abend wurde fleißig geübt:

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Ball auf dem Lande.

Ein altlivländisches Idyll.

Von Siegfried von Vegesack.

Als erster kam Klavierstimmer Timm.

Der Saal wurde geschlossen. Niemand durfte ihn betreten. Aber das klägliche Stimmen drang durch alle Türen, bohrte sich durch das ganze Haus, und jeder wußte: nun fing es an.

lind bald war alles im vollen Gang: Schnei­derinnen, Friseusen, Tante Iulinka mit den vie­len Cousinen, und die bleichsüchtigen Damen vorn Doktorat bevölkerten das Haus.

Tanzmeister Puschihki aus Lemsal, oder aus Warschau, wie er sich nannte, wirbelte jeden Abend durch den Saal, kommandierte, klalkerte in rasender Mazurka verwirrend mit den Haken in der Luft, stürzte auf die Knie, warf kreisend die Arme um den Kopf, um jählings als Ra­kete über das Parkett zu schießen.

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Von Otto Eorbach.

Man soll nicht das Pferd am Schwanz auf- zäumen wollen, und darf darum nichts von Ab­rüstungskonferenzen erwarten, bevor man sich auf internationalen Konferenzen über eine welt- virtschastliche Organisation verständigt hat, die allen Kulturvölkern genügend friedliche Erwerbsmöglichkeiten und Raum zu normalem Wachstum sichert. Wenn die Veranstalter der Londoner Flottenkonferenz diese Lehre aus ihren fast hoffnungslosen Anstrengun- Hen ziehen würden, dann brauchte ein großer Aufwand doch in keinem Falle nutzlos vertan zu sein.

Der Friedenszustand, den der letzte große Krieg, der erste, aber kaum der letzteWelt­krieg",' hinterlassen hat, erweist sich mehr und mehr auch für die Sieger unerträglich. Roch find die deutschen Tributquellen nicht erschöpft, noch kann die deutsche Wirtschaft als Kraftwerk ousgenüht werden, das das Räderwerk der gan­zen Weltwirtschaft in Gang erhalten hilft: Lind -och herrscht heute massenhafte Arbeits­losigkeit in fast allen Ländern des westeuro­päisch-amerikanischen Kulturkreises. Verhältnis- mäßig günstig gestaltete sich das Wirtschaftsleben nach dem Kriege außer beimWeltgläubiger" zunächst auch in den europäischen Ländern, wo erst die Anforderungen derBeteiligung am Welt­kriege ein beschleunigtes Tempo moderner indu­strieller Entwicklung erzwungen hatten. Dazu gehörten dieR a n d st a a t e n", aber auch 3 t a- lien und in großem Umfange Frankreich. Dort, wo am meisten Wiederaufbauarbeit zu leisten war, konnten nach dem Rückschlag des Jahres 1921 nicht nur alle verfügbaren einheimi­schen Arbeitskräfte in Anspruch genommen wer­den, sondern darüber hinaus noch über eine Million fremder Einwanderer. Inzwischen haben sich aber die Verhältnisse auf allen kontinental- europäischen Arbeitsmärkten andauernd ver­schlechtert. Auch in Frankreich ist die Periode des Wiederaus-, Hm- und Ausbaues so gut tote abgeschlossen. Die neueren Einwanderer, die die schlechteren Zeiten natürlich zuerst zu spüren bekommen, beginnen in hie alte Heimat zurück- zuströmen, wo sie, sei es in Italien, Polen, der . Tschechoslowakei oder anderwärts das schon starke Lieberangebot auf dem Arbeitsmarkte nur noch steigern können.

Für England bestand, nach einem Geständ­nis, das kürzlichAugur" ablegte, jener anonyme Mitarbeiter derFortnightly Review", hinter dem sich ein russischer Emigrant (Poliakosf) ver­birgt, derwahre Beweggrund" für die 'Be­teiligung am Weltkriege darin,daß es be­fürchtete, Deutschlands Vorherrschaft auf dem Äontinen t werde zu einem nied­rigeren Lebensstandard in England führen". Deutschland wurde besiegt, beraubt, in Fesseln gelegt, mit Schulden überlastet, aber die allgemeine Lebenshaltung hat in England die I der Vorkriegszeit nicht wieder zu erreichen ver­mocht und die Zahl der dauernd Deschäftigungs- L losen ist um ein Mehrfaches größer. Der Kampf s gegen die kontinentale Konkurrenz erwies sich für England als ein Kampf gegen eine Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue an­wuchsen. Die deutsche Konkurrenz ist nicht ge­schwächt, geschweige vernichtet, hat doch der deut­sche Export den Umfang des englischen nahezu erreicht, und die Bedrohlichkeit dieses Wettbe­werbs ist darum nur um so größer, weil es sich dabei um eineHungerausfuhr" handelt, die auf fremden Märkten Ersah für die schwin­dende Kaufkraft auf dem Binnenmärkte sucht. Reben Deutschland aber entfaltete sich Frank» k reich erst nach dem Kriege zu einem wirklich modernen Industriestaate, der auf stark ver­größerter Rohstoffbasis feinen ganzen Produk-

zwölf Touren.

Und nebenan im Speisesaal drillte der alte Karel die sechs Duschwächter im Servieren, die, in abgetragene Fräcke gepreßt, mit Schweiß auf der Stirn, bemüht waren, ihre roten Fäuste in die weihen Glacehandschuhe zu zwängen.

Und in der Küche herrschte Koch Linde mit einem ganzen Stabe von Gehilfen und Mägden, die. unten kreischend und oben kichernd, ohne Aufhören die Treppe zum Souterrain auf und nieder liefen.

Heber allem aber schwebte Karlomchen, den läppernden Schlüsselbund am Gürtel, prüfte die Gastzimmer, stapelte die Vorräte auf, gab aus, ordnete an. und vergaß nie, auch für die To- Peuse ein Glas Mandelmilch mit etwas Konfekt auf das Klavier zu stellen.

Und dann kam der eigentliche Ball.

Schon am Vorabend hörte das Schlittengeläute nicht auf: die Rachbarn kamen, die Reu-Marufen- schen, die Büsterwaldeschen, die Hummelseeschen, das Pastorat, das Doktorat, aber voll wurde das Haus erst, wenn am nächsten Tage die zehn

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Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Mittwoch, 5. März 1950

^-isapparat umzugestalten vermochte. Zugleich cte die Ablösung der deutschen militärischen -vvcherrschaft durch die französische zur Züch­tung örtlicher Industrien hinter Schuhzottmauem in den östlichen Vasallenstaaten Frankreichs. Aus der anderen Seite des Atlantik hat sich England durch sein Kriegsabenteuer die amerika­nische Konkurrenz über den Kopf wachsen lassen, während in seinen Dominions die Entwicklung zu industrieller Verselbständigung außerordentlich beschleunigt wurde. Zu all dem kam dann noch die Selbstausschaltung des neuen Rußland aus dem Prozeß herkömmlicher Welt­wirtschaft, wodurch wiederum in allen asiatischen Ländern Bestrebungen, für ihre eigenen Pro­duktivkräfte auf Kosten fremder Wareneinfuhr zu entwickeln, begünstigt wurden.

Alle diese weltwirtschaftlichen Wandlungen haben nun sogar in den 'Bereinigten Staa­ten das Gespenst dauernder massenhafter Ar­beitslosigkeit heraufbeschworen. Die Schätzungen des Umfangs der gegenwärtigen Erwerbslosig­keit in der Union schwanken zwischen drei und fünf Millionen. Seit dem Krisenjahre 1922 hatte dieProsperität" dadurch immer wieder aufs neue angcfurbelt werden können, daß der mo­dernen Massenproduktion auf dem Binnenmärkte von Jahr zu Jahr immer neue Käuserkreise er­schlossen wurden und man deren Kaufkraft durch das Abzahlungssystem auf Jahre vorwegnahm. Jetzt sind diese Ausdehnungsmöglichkeiten er­schöpft, und die die Ersahproduktion bei weitem übersteigende Kapazität fast aller Industrien zwingt zu beschleunigter Erweiterung der Absatz­möglichkeiten auf fremden Märkten. Das aber ist um so schwieriger, weil die Rachkriegs- verschuldung der europäischen Länder gegenüber dem Weltgläubiger einer fortgesetzt wachsenden ilebertragung der durch deren Arbeit erzeugten Kaufkraft auf das Volk derBereinigten Staaten gleichkommt.

Wäre cs den Lenkern der Rachkriegswelt um ihreAbrüstungs"bestrebungen wirklich emft, so würden sie doch wohl den offenbar internatio­nalen Charakter des gegenwärtigen Arbeitslosen­problems durch internationale Verständigung zu überwinden suchen; denn man kann sich doch un­möglich vorstellen, daß selbst bei verringerten Rüstungen der Weltfriede nicht bedroht sei, wenn sich die großen Völker wie halb ausgehungerte Wölfe gegenüber fteljen? Hunger stimmt kriege­risch. Rapoleon führte seine Kriege vorwiegend mit der Masse junger Leute, die die Revolution bei der Verteilung ihrer Beute leer ausgehen ließ. Man hatte ihnen Geld statt Land ver­sprochen und man konnte sie zu einem gegebenen Augenblick nicht von den Fahnen entlassen, weil sie dann auf unmittelbare Einlösung des ihnen ausgestellten Wechsels bestanden hätten. So ist heute das faschistische Italien der machthungrige Ausdruck der Ungeduld aller, denen die Ein» wanderungsgesehgebung der Rachkriegszcit den Zugang zu überseeischen Fleischtöpfen versperrt, fanden doch vor dem Kriege -jährlich durchschnitt­lich eine Million Italiener im Auslande, meist über See, Lohn und Brot.

Alexej R. Tolstoi läßt in seinem RomanHöl- . lenfahrt", der in der Zeit des Weltkrieges spielt, einen Zeitungsschreiber aufs Dors gehen, um der Volksstimmung auf den Grund zu kommen. Sind die Leute aus Ihrem Dorfe gern in den Krieg gezogen?" fragt er den Bauern Fjodor. Diele sind gerne gezogen," antwortet dieser. Es war also doch Begeisterung?"Gewiß. Es heißt, daß man beim Militär gut zu essen kriegt. Warum soll man nicht hingehen. So be­kommt man auch zu sehen, was los ist. Man kann wohl erschossen werden, aber auch hier muß man sterben. Wir haben gar zu wenig Land, es gibt nichts zu verdienen, wir leben nur von Brok und Kwas allein. Dort kriegt man aber, sagen alle, sehr gutes Essen, zweimal am Tage Fleisch, auch Zucker und Tee und

Tabak, so viel man will." Diesem Muschik liegt aller Patriotismus fern, aber ein Urinstinkt sagt ihm, daß man mit kriegerischen Mitteln zu mehr Land und Brot und dazu noch zu Fleisch und Zucker und Tee und anderen schönen Dingen zu kommen suchen muß, wenn man mit fried­lichen Mitteln kaum das nackte Leben zu fristen vermag. An diesem kriegerischen Urtriebe wird sich nichts ändern, solange man den Frieden nicht besser zu organisieren weiß.

Es mag ja ein Wunder sein, daß es Deutsch­land bei seinen schweren Tributverpflichtungen nicht schon viel schlechter geht, als es der Fall ist, aber man vergißt dabei, daß wir das haupt­sächlich gerade jenen gespannten Bezie­hungen zwischen Amerika und Eng­land zu verdanken haben, deren Ueberwindung zugunsten einer Einheitsfront gegenüber den

kleinen Seemächten die Londoner Flottenkonfe» renz ihre Entstehung verdankt. Dank der heftigen Bekämpfung britischer Rohstofshandelsmonopole durch die Vereinigten Staaten konnten die wich­tigsten Rohstoffe sich gegenüber der Vorkriegszeit soweit verbilligen, daß Deutschland dadurch z. B. im letzten Jahre etwa 1,8 Milliarden Äkark sparte. Auf der Grundlage dauernder Flotten» Derständigung" aber könnten für die Zukunft die furchtbarsten angelsächsischen Handelsmono­pole auf gerichtet werden, die Deutschland und den ganzen europäischen Kontinent in ein neues Indien verwandeln würden. Wer den Frieden liebt, sorge dafür, daß er leben kann, dann wird er sich den Krieg aus eigener Kraft vom Leibe halten; man hüte sich aber vor moder­nen Friedensengeln, die in Wirklichkeit Würg­engel sind.

Die Jagd

Wenn das Wesen der heutigen Jagd der weit­verbreiteten, laienhaften Ansicht recht gäbe, wo­nach es sich in einem Abschießen alles dessen, was da kreucht und fleucht, erschöpfen müf3te: dann wäre unsere heutige Monatsüdersicht mit wenigen Worten beendet. DerJäger", dernur ums Schießen hinauszog zur Jagd", könnte seine Flinte an den Raget hängen, bis das Gesetz es ihm wieder gestattet, seiner Schicßlust zu frönen. Die Zahl solcherIagdscheininhaber" (bitte nichtJäger"!) ist nicht ganz klein. Sie wissen nicht, daß die kommenden Monate aus­schlaggebend fein können für das Ergebnis des Iagdjahres, sie scheuen jede Ausgabe, die über das unbedingt notwendige Maß hinausgeht, sie kennen nicht die Freude und Befriedigung, die erfolgreiche Wildpflege dem Weidmann gewährt.

Das meiste Wild hat im März Schonzeit, und so muß sich des Weidmanns Tun auf Schuh und Hege feiner Lieblinge beschränken.

Starke Hirsche, die meist allein stehen, wer­fen ab.

Das Schwarzwild kam gut durch den mil­den Winter. Die Bachen beginnen im Lause des Monats zu frischen. Möge man auch sonst glau­ben, alle Hebel in Bewegung sehen zu müssen, um der versl... Sauen Herr werden zu kön­nen, die führende Bache sollte trotzdem unter allen Umständen geschont werden. Es entspricht nicht deutscher Weidmannsart, die Mutter von den Jungen h'.nwegz'.schichen, die sie noch nicht ent­behren können und die elend verhungern mühten.

Der R e h b o ck verrät seinen Einstand und Wechsel durch Plätzen, viele Böcke fegen auch schon gegen Monatsende.

In der zweiten Hälfte des März tritt in man­chen Gegenden das Auerwild bereits in die Balz. Der Birkhahn wird schon häufiger in der Rähe alter Balzvlähe angetroffen und auch für das H a s e 1 w i 1 d ist die Zeit der Minne gekommen.

Auch der Fasanenhahn läßt feinen rauhen Talzruf hören und kündet an, daß der Frühling naht. Roch ist es Zeit, dieses dankbare Wild einzusehen, wozu in geeigneten Revieren gar nicht genug geraten werden kann. Hinzu kommt, daß gerade in diesem Jahr auch die Preise er­schwinglich sind.

Die Rebhühner, die bis jetzt in Ketten zusammenlebten, beginnen sich zu paaren. Als hitzige Streiter raufen die Hähne um den Besitz der Hennen.

Seine besondere Rote aber als Iagdmonat bekommt der März durch denBogel mit dem langen Gesicht", unsere Waldschnepfe, die gegen den 10. März etwa auf dem Rückzug nach der Heimat hier einzutreffen und auf dem Abend- und Morgenstrich besagt zu werden pflegt.

im März.

Die Reihzeit der Enten, die Schonzeit ha­ben, ist im Gang. Auch manche nordi.che Form, die nun, aus den Mittelmeergebieten kommend, durchzieht, kann jetzt beobachtet werden.

Zahlreiche Meldungen berich'.en von Jung- hLisch en. die schon im Februar gefunden wur­den. Meister Lampe hat also den Winter offen­bar gut überstanden. In altem Gras, unter Hecken und Gestrüpp r.chtet die Satzhäsin die Wochenstube ein. Hoffentlich verläuft auch das Vorfrühjahr so günstig wie der Winter. Dann dürften die Aussichten für die Riederjagd nicht schlecht fein.

Trat der Fuchs schon zeitig in die Rollzeit ein, so bringt der März auch schon die ersten Iüngfüchse. Auch der alte Dach s bau, dessen Bewohner Schonzeit haben, hat sich in eine Kinderstube verwandelt.

Erst Heger dann Jäger! Was aber kann der Heger jetzt tun?

Dei? Kampf gegen die Hecken geht weiter, trotz aller Verbote werden immer wieder alte Raine abgebrannt, Brutstätten für Singvögel und Federwild vernichtet, hilfloses Jungwild endet in den Flammen. Die Felder werden un- lässig in irgendeiner Form bearbeitet, und da­bei geht Wild in Menge zurunde. Daher muh der Jäger seinem Wild Schutzinseln zu schaffen suchen, wo es ungestört brüten und sehen kann. Jede alte Sandgrube, jedes Stück Unland kann mit geringen Mitteln in eine Remise verwan­delt werden. Vor allem sollte jeder Iagdpächter versuchen. Eigen- oder Pachtäcker durch Bepflan­zen mit Tovinambur in solche Remisen zu ver­wandeln. Richt große Flächen müssen es fein, viele kleine sind besser als wenige große. To­pinambur gibt Deckung, da er über mannshoch wird, gibt in Stengeln und Knollen wertvolle Winteräsung, ist nicht teuer in der ersten An­lage und hält mehrere Jahre aus. Der Erfolg aber zeigt, daß das dafür ausgegebene Geld wirtschaftlich angelegt ist.

In Rot- und Rehwildrevieren darf die Salz­lecke nicht fehlen. Die kritische Zeit kommt, wo beim Hebergang von der winterlichen Trocken- äfung zur ©rünäfung die Verluste eintrelen. Hier wirkt das Kochsalz außerordentlich gün­stig ein. Dazu stellt es ein Genuhmittel dar, das geeignet ist, dem Wild den Aufenthalt in einem Revier angenehm zu machen. Am ein­fachsten, billigsten und gut bewährt sind die sog. Pfannensteine aus den Salinen.

Besondere Aufmerksamkeit erheischt jetzt das Raubzeug. Die Krähenschwärme lösen sich auf, paarweise stolzieren die Galgenvögel über die Felder und ihren scharfen Sinnen entgeht we­nig, was sich in ihrer Umgebung abspielt. Sie blasen dem kleinen Mümmelmann das Lebens­licht aus, sie stehlen die Enten-, Hühner- und

Schlitten von der Station vorfuhren: die Stu­denten aus Dorpat, die immer dutzendweise ver­schrieben wurden.

Dann begann der Ball, der drei Tage und drei Rächte dauerte: am Tage fuhr man in un­zähligen Schlitten pärchenweise durch verschneiten Wald, die Rächte wurden durchtanzt, und zwi­schendurch wurde geschlafen, getrunken, oder ge­sungen.

Im Rauchzimmer spielten die alten Herren Whist und tranken Rotwein.

ImPetit-Salon saßen der Doktor, der Pastor, der Kandidat und der lahme Theodor und spiel­ten Schach zu Vieren.

Im Kabinett neben dem Saal reihten sich, wie im Theater, die Mütter und alten Tanten und folgten tuschelnd hinter langen Lorgnons den schicksalsschweren Phasen des Kotillons.

Wenn aber die Fran^aise kam, hob Tante Iulinka ein wenig den Rock, avancierte, reti­rierte und knixte vor einem leeren Stuhl in der Ecke, und zeigte allen, wie man früher die richtige" Fran^aise getanzt hätte, die richtige, mit den zwölf Touren.

Aber mitten im ausgelassensten Tanz wurden die Flügeltüren zum Speisesaal geöffnet; nie­mand durfte im Tanz einhalten, niemand sich etwas anmerken lassen, und nur scheu streiften die Blicke die Tür: dort saß im Rollstuhl der alte gelähmte Graf und starrte in den tanzenden Saal.

Reben ihm stand Tante Felicie.

Der alte Graf mach'e eine müde Handbewe­gung:

Wer versteht heute noch Mazurka zu tanzen»" Und die Flügeltüren schlossen sich geräuschlos.

Staub bringt es an den Tag.

Wie sehr es in der modernen Kriminalistik zum Grundiah geworden ist, nichts für gering­fügig anzusehen, was ein Verbrechen vielleicht zu enträtseln vermöchte, geht aus der dem Laien befremdlichen Wichtigkeit hervor, die in neuerer Zeit der chemischen Untersuchung des Ohren­schmalzes von Verdächtigen oder Opfern zu­geschrieben wird. Ist es doch in vielen Fällen auf diese Weise gelungen, die Beschäftigung einer Person aus den dem Wachse anhaftenden Staub­teilchen zu erkennen; denn je nachdem Mehl-, Kohle- oder Anillnfarbepartikelchen erkannt wer­den, läßt sich daraus der Beruf oder wenigstens die zeitweise Betätigung als Müller,Bergarbei­ter, Chemiker oder Arbeiter in einer chemischen Fabrik erschließen. DieserBerufsstaub" ist um so wichtiger, als er die Fähigkeit besitzt, noch

zwei Jahre, nachdem die Tätigkeit nicht mehr ausgeübt wird, anzuhasten und unter dem Mi­kroskop des Chemikers auch in den kleinsten Teilchen mit absoluter Sicherheit seine Ratur zu offenbaren. Welche wichtige Rolle überhaupt kleinste Staubpartikelchen bei der Entdeckung von Verbrechen spielen können, davon legen eine An­zahl interessanter Fälle Zeugnis ab, die eine englische Wochenschrift zusammenstellt. Die in Frankreich übliche Methode, die den Kleidern eines Verdächtigen anhaftenden Staubteilchen auf die Weise zu untersuchen, daß die Gewänder, eingeschlagen in einen Sack aus starkem, brau­nem Papier, geklopft werden und der Rückstand chemisch untersucht wird, hat sich in vielen Fällen auf das beste bewährt. Sv wurden einmal auf diese Weise an den Kleidern eines Mannes, der falsches Geld verbreitet hatte, aber auch der Herstellung verdächtig war, Spuren einer Metallegierung aufgesunden. Eine Untersuchung ergab alsbald die vollständige Uebereinstimmung dieser Teilchen mit dem für die Münzen ver­wendeten Metall, und der Mann war der Falsch­münzerei überführt. Ein andermal wurde wäh­rend des Krieges in der Rähe des Suez-Kanals ein Rock unter verdächtigen Begleitumständen gefunden, und es war wichtig, näheres über den letzten Aufenthalt seines Trägers in Er­fahrung zu bringen. Eine chemische Untersuchung des Gewandes zeigte, daß es kürzlich in See- wasser getaucht worden war. Der in den Taschen haftende Staub stellte sich unter dem Mikroskop als Dünensand heraus. Das waren zwei An­haltspunkte, aus denen man schloß, daß der Träger dieses Kleidungsstückes ein Schiff, das den Suez-Kanal passierte, auf dem ungesetzlichen Wege des Ins-Wasserspringens verlassen hatte und daß er nach Durchschwimmen des Kanals in der Rähe der Sanddünen gelandet war. Hier boten sich bedeutsame Fingerzeige zur Festnahme eines von der Polizei lange gesuchten Mannes. Auch die Spuren in dem Laufe von Feuer­waffen, nachdem sie entladen sind, berichten dem Chemiker interessante Dinge. So verraten sie dem Wissenden die Zeitdauer, die vergangen ist, seitdem die Kugel oder die Patrone den Lauf verlassen hat. Darum wendet der Chemiker auch die sorgfältigste Aufmerksamkeit dem der Waffe anhaftenden Gerüche zu, der mit der zunehmen­den Dauer abnimmt; ebenso verändert sich mit der Zeit die Farbe der an der Mündung zu­rückgebliebenen Rückstände. Kommt ein erst kürz­licher Gebrauch der Waste in Frage, so muß sich hier Schwefelwasserstoff finden; bestätigt die Untersuchung dieses Vorkommen, so ist diese Frage unzweideutig aufgeklärt. Und wenn sich

auch nicht in allen Fällen eine so unzweifelhafte Gewißheit ergibt, so bietet die Staubprüfung doch oft manchen wichtigen Anhaltspunkt, der als ein Glied der Kette bann weiterlei­tet zu neuen Enthüllungen.

Ein Eintänzer beichtet.

Eintänzer fein ein merkwürdiger Beruf, von dem nur wenige etwas wissen und der für viele von einem romantischen Schimmer umflossen ist. Ach, das stimmt nicht, und selbst wenn man feine Erlebnisse so humorvoll zu beichten versteht, tote Billie Wilder im Märzhest von Velhagen & K 1 asings Monatsheften so ein Eintänzer steckt in einer Tretmühle, die nicht leichter ist als schwerste Fabrikarbeit. Wilder schreibt:Ich verdiene ehrlich mein Brot. Ehr­lich und schwer. Ich tanze gewissenhaft aber wunschlos, lustlos, ohne Gedanken, ohne Mei­nung, ohne Herz und ohne' Him. Das heißt: nur von einem Wunsch, von einem Gedanken beseelt ich will ein Paar große, tarierte Pan­toffeln. einen breiten Stuhl und in dem will ich schlafen, in alle Ewigkeit. Aber meine Beine gehören zu dieser Tretmühle. Unermüdlich haben sie im Rhythmus zu stampfen, ewig eins zwei, eins zwei, eins zwei. Die Tretmühle darf keine Sekunde lang stillstehen. Ich tanze mit jungen und mit alten Frauen, mit ganz kleinen und mit andern, die zwei Köpfe größer sind als ich; mit hübschen und mit weniger reizvollen; mit ganz schlanken und solchen, die Cntfettungstee trinken; mit Damen, die den Kellner nach mir schicken und mit verzückt geschlossenen Augen den Tango auskosten; mit Gattinnen, mit Mondänen, die Monokel tragen, und deren Kavaliere, des Tanzens selbst unkundig, mich verpflichten; mit peinlich ungeschickten Zugereisten, denen ein Aus­flug nach Berlin ohne Fire oclock tea sinnlos scheint, mit splendiden Ausländerinnen, mit Da­men, die tagtäglich da sind und von denen man nicht weiß, woher und wohin: mit tausend Typen. Es ist fein leichtes Brot. Auch keines, das senti­mentale, weiche Raturen essen können. Die, die es aushalten, können davon leben. Ich werde nicht verhungern. Mein täglicher Einnahmedurchschnitt ist 20 Mark. Die Praxis macht es. Wan lernt langsam Trinkgelder schnappen. Allerdings ge­hört dazu ein guter Blick. Man muh Psychologe fein. Keine Frau wagt es, einem weniger als 5 Mark anzubieten. Aber es kommen auch Gaben von über 100 Emm vor. hat man mir gesagt. 3m vorigen Jahr soll hier ein Eintänzer einen fabelhaften Wagen geerbt haben. Ra, guten Appetit, muh die Spenderin mies gewesen felnl