Mittwoch, 5. Dezember {950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
285 Zweites Blatt
IieWahlderSKvffenuiidSeschwmnensmlyAl
4 Eduard Schneider, Krankenpfleger, Gießen, Frie-
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Nachdruck verboten
18 Fortletzung
jetzt die
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sich nun das
Hauptschöffen für das Schöffengericht.
Christian Weißbeck, Trichinenschauer, Gießen, Bleichstraße 12.
Karl Blank, Kaufmann, Gießen, Schottstraße 21. Bruno Schneider, Küfer, Gießen, Rodheimer
Straße 56.
nicht, ich habe noch etwas Wichtiges mit Herrn Duero zu besprechen." Sie wandte sich ihm zu. .Ditte, kommen Sie mit bis an den Zug."
Sie konnte sich nicht so von ihm für immer trennen. Konnte ihn nicht einfach stehen lassen wie einen Hebcrläftigen.
.Dann will ich nicht länger stören", stieß Hans Felsen in wütender Eifersucht hervor, den der hübsche Mann mit dem dunklen Teint und den schwarzen Augen wie ein Feind aufregte. Schon war er gegangen.
Spanier kaum an.
.Verabschiede dich von dem Herrn, denn brauchst du keine andere Begleitung als meine."
Der scharfe Ton empörte sie. Sie hatte fast schuldig gegen Hans Felsen gefühlt, aber erwiderte sie kühl: .So schnell geht
1.
Heinrich Baum, Glasermeister, Gießen, Bleichstraße 2.
Karl Reuter, Schlosser, Gießen, Doeringstraße 1. Joseph Heißler, Hausmeister, Gießen,' Damm- straße 26.
Georg Bickelhaupt, Bauinspektor, Gießen, Kaiser.
Martha Lange, Ehefrau des 2D)olf Lange, Lollar, hilssschöffen für da» Schöffengericht.
Unterfeldwebel Wilhelm Bodynschatz, Gießen, Feuerbachstraße 12.
Frau Marie Martin, Gießen, Lahnstraße 13. Heinrich Blum, Spenglermeister, Gießen, Gra- Konra°?Dewald, Werkführer, Gießen, Wetzlarer
Weg 32
Gustav (Borges, Buchdrucker, Gießen^ Krofdorfer Straße 20, r n . .
Karl Kolb, Jnstallationsmeister, Gießen, Ludwig, straße 40. ... m. ,
Karl Fourier, Lokomotioführeranwarter, Gießen, Mittelweg 14. ,
Frau Antonie Baehr, Gießen, Frankfurter
weshalb glänzten Tränen in ihren schönen blauen Augen. Wer weiß, was ihr bei seinem Glückwunsch durch den Kopf gegangen war.
Eva Hirtberg mahnte: „Cs ist Zeit, aufzubrechen!"
Er zahlte und war sofort bereit. Er freute sich auf die kurze Autofahrt an ihrer Seite.
Unö als er dann neben ihr sah, zuckte es ihm in den Händen, sie an sich zu reiften, zum Abschied. Aber er wagte nicht die geringste Bewegung.
Stumm fuhren sie durch die von abendlichem Leben erfüllten Straften. Beiden schien es, als wäre die Fahrt viel zu kurz. Dennoch atmete Eva auf, als sie zu Ende war. Es war besser, wenn Primo Duero erst wieder aus ihrem Leben verschwunden sein würde, er nahm ihr alle Ruhe.
Als sie beide aus dem Auto stiegen, schob sich plötzlich eine hohe Gestalt zwischen sie und Primo Duero, und Eva sah mit Verwirrung und Erstaunen Hans Felsen vor sich.
Ich hatte Nachmittag m Berlin zu tun und wär bei dir im Geschäft, um dich abzuholen, aoer du warst eben fortgegangen. Ich eilte an Die Dahn, doch du kamst nicht. Nun wartete ich hier." Er sah zornig aus. „Cvä, das hätte ich nie von dir geglaubt." ,
Sie hatte sich schon wieder gesaftt. Daß sie den anderen liebte, dafür konnte sie nid)1, und Der- botenes hatte sie nicht getan.
Sie sagte ruhig: „Ich hoffe, es ist dir recht, wenn ich dich mit Herrn Duero aus Barcelona bekannt mache, in des,en Geschäft ich ein Jahr lang angestellt war. Er ist hier in der traurigen Angelegenheit seines Vaters. Ich schrieb ihm, weil ich zufällig auf eine Spur traf, durch die der Mord an seinem Vater vielleicht Aufklärung findet. Ich erzählte dir von dem Mord, aber ich fühlte mich nicht befugt, dir von der Spur und Herrn Dueros damit zusammenhängendes Hierherkommen zu sprechen."
HanS Felsen blickte den höflich grüßenden
2.
3.
Oer Dreizehnte.
Roman von Anny von panhuys.
Copyright 1929 by Verlag Rechthold Braunschweig
5. Franz Schwab, Hotelier. Gießen, Bahnhosstr. 89. 6 Hans Grieb, Kaufmann, ,Gießen Keplerstrahe 5.
Philipp Balser VIII., Maurer, Reiskirchen. Wilhelm Bingel, Beigeordneter, Mainzlar. Heinrich Müller 11., Weißbinder, Lang Gons. Friedrich Haas II., Maurer. Burkhardsfelden.
Johannes Heß, XXIV., Bürgermeister, Lech-
Ucbcr das Ergebnis der Auslosung der Jahreslisten der Schöffen und Geschworenen für 1931 ist folgendes zu berichten:
Hauptschöffen für das Landgericht.
1. Heinrich Erle, Kaufmann Gießen, Weftanlage.
2. Karl Weber, KrankenkassenangesteUter, Gießen,
Primo Duero erklärte, nach Amsterdam reifen zu wollen, so rasch wie möglich, um herauszubringen, auf welche Weise die Frau in den Besitz der Steine gelangt war.
Eva Hirtberg stimmte ihm bei, und obwohl ihr das Herz blutete, redete sie ihm sehr lebhaft zu, seine Neise so rasch wie möglich anzutreten. Man könne nicht wissen, ob ihm nicht alles erschwert würde, wenn die Spuren nicht mehr frisch wären.
Er gab das zu und Eva war zumute, als müsse sie weinen. Hinter ihren Lidern beatmten Tränen. Sie zwang sie zurück, aber sie litt unbeschreiblich. Er sollte und durfte nicht merken, mit welchen grausamen Schmerzen sie bei ihm sah und ihm zu beschleunigter Abreise zuredete.
Er sagte: „Cs tut mir sehr leid, daß wir heute Abschied nehmen müssen. Aber es ist auch gut so, ich sehe es ein. Jedenfalls danke ich Ihnen recht herzlich, daß Sie mir geschrieben haben. Und nun sagen Sie mir, bitte, noch, wann Ihr Hochzelts- tag ist. Ich möchte Ihnen gern meinen Glückwunsch senden."
Er neigte sich vor und blickte sie mit Zärtlichkeit an.
Sie fühlte das Pochen ihres Herzens nut unheimlicher Stärke. Das Sprechen wurde ihr schwer. „ . .
Nein, bitte, senden Sie mir feinen Glückwunsch, mein Verlobter würde sich wundem, woher Sie etwas von meiner Hochzeit erfahren konnten. Er weift doch nichts von Ihrem Hiersein, und es sähe so merkwürdig aus, wenn" —
Sie kam ins Stottern und er fiel ihr ins llvort. „(Sie sollen meinetwegen keine Unannehmlichkeiten haben mit dem Manne, den Sie lieben.
Mit dem Manne, den Sie lieben! klang es m ihr" Ohr wie ein Echo nach. Und sie zitterte heim- lief), weil sie sich ihrer selbst nicht mehr sicher fühlte. Sie fürchtete sich davor, es konnte ihr ein Wörtchen über die Lippen springen, das Primo Duero die Wahrheit verriet. O wäre sie frei, wie selig würde es sie machen, ihm zu gestehen, *<ÄX£:r.*i«. ft keine Unannehmlichkeiten haben mit dem Maime, den Sie lieben. Deshalb gebe ich Ahnen memm Glückwunsch schon heute mit. Sem verriet sein innerstes Empfinden. „Mö^ Sie recht, recht glücklich werden, Eva, mögen Sie die glücklichste Frau auf Erden werden!"
Er streckte ihr die Rechte über Den Tisch ent gegen und er fühlte das Beben ihrer schmalen Finger und sah, wie grofte Tränen m ihren Augen
Ein Gedanke durchzuckte ihn, ein Gedanke, der ihm wundervoll und überwältigend schien.
„Torheit!" verwies er sich selbst. Er war ein Narr, wenn er glaubte, er könne dem blonden Mädchen auch nur das geringste gelten.
Aber weshalb bebten Eva Hinbergs Finger,
langen kann, haft er die großen (und geheimen) Zusammenhänge der europäischen Politik durchschaut, heute leichtsinnig dahinfagt: „Cs ist ganz gut, wenn die Franzosen etwas Angst gemacht bekommen und der Schreckschuß der Hitlerwahlen ihnen in den Leib gefahren ist", so muft man ihm erwidern, daft er nicht weift, was er tut. Cr zuckt den Dolch gegen sich selbst und trägt dazu bei, fern Vaterland in ein Abenteuer zu stürzen, aus dem es — diesmal endgültig — nur als Trümmerhaufen hervorgehen könnte.
Cs genügt, sich die europäische Landkarte vorzunehmen, so wie sie heute aussieht, und auf ihr selbst jene sogenannte „neue Mächtegruppierung In Europa zu studieren, welche Italien gerne zustande bringen möchte. Cs genügt, von der Karte herunter die beiderseitigen Chancen abzuwägen, um zu grauenerregenden Schlüssen zu gelangen. Wenn in Frankreich selbst bei finsteren Reaktionären ein Argument dafür, daß Deutschland keinen Krieg gegen Frankreich führen kann, verfängt: so ist es diese rein kartographische Beweisführung. Denn wenn der Franzose von der Begabung des Deutschen in politischen Dingen auch eine recht geringe Meinung hat, so hält er ihn immerhin noch nicht für so verrannt, daß er sich mit offenen Augen fein eignes Grab graben solle ... und er wird nie verstehen, daß man von zwei liebeln das größere — und endgültige — wähle: sofern man doch, bei einiger Geduld und Geschicklichkeit — die Möglichkeit hat, das kleinere nicht nur zu überwinden, sondern sogar in sein Gegenteil zu verkehren. Allerdings gehört
dazu die feste Hand eines genialen Staatsmannes, der sich um Popularität nicht kümmert, nicht nach billigem Lorbeer- und Tribünenbeifall lüstern ist, sondern weiß, daß er eine heilige Mission erfüllt: daft er Geschichte macht im erhöhten Sinn des Wortes. Cs gehört dazu ein Mann mit suggestiver Ausstrahlung: grundehrlich in sich selbst, unbedingt überzeugt — und von untrüglicher Intuitionskraft. Cs gibt auf die Dauer keine positive europäische Politik, die sich ohne deutsch-französische Verständigung durchführen licftc. Das gemäßigte Frankreich will die Annäherung an Deutschland. Cs hat nicht an öffentlichen Stimmen gefehlt, die dies bekundeten: aber es wird in feinem guten Willen gehemmt durch allgemeine und in gewagten Zusammen - hängenösfentlichbetriebene Annul- [ierujigSforDerungen, welche über Nacht einen Küjeg — und damit eine neue Delttragödie hcraufbeschwören können. Da Deutschland bei einem solchen Kriege nichts zu gewinnen und alles zu verlieren hätte, so ist es nicht verständlich, warum es nicht zu seinen berechtigten Reklamationen gegenVersailles intimere und ersprießlichere Wege wählt als die derTribüne. Cs gibt diese Wege Aber setzen Vertrauen voraus. Hyper- nationalistische Gesten ins Blaue hinein zerstören das Vertrauen — und verschwenden kostbare Kraft, beste deutsche Kraft, die sich bei kluger, gewandter und etwas raffinierterer Führung positiver äußern könnte.
(Cin zweiter Artikel „Die Landkarte" folgt.)
..Also aus Amsterdam war die QUontiroffi nach Berlin gekommen!" durchzuckte es Primo Duero. Sicher war sie wieder dorthin zurückgekehrt. Er blickte Herrn Weigert gespannt an.
Der fuhr fort: „Die Prinzessin QUontiroffi ist die dreißigjährige, sehr mondäne Tochter eines Amsterdamer Pfandleihers namens Nicolaas Sneek, der auch Iuwelen antauft und wieder abfeht, namentlich im Ausland, und schon mehrmals wegen grober Hehlerei ernste Konflikte nut der holländischen Polizei hatte, sich aber immer wieder geschickt aus der Schlinge zog. Die Prinzessin hieß vor zwei Iahren noch Io van Mühlen, aber sie ist von ihrem Manne geschieden und heiratete einen ganz alten und ganz heruntergekommenen italienischen Prinzen. Hoch in den Siebzigern war er und er schloß die Ehe, die nur eine Namensheirat gewesen, für ein paar Gulden und eine Flasche Genever, klatscht man. Vierzehn Tage nach der Hochzeit starb er." ,.. . , „
Primo Duero hatte stumm zugehort, aber es hatte ihm Mühe gekostet, jeden Laut des Erstaunens zurückzuhalten. Was er erfahren, paftte gut zu dem, was er wußte. Pieter van Mühlen war also wohl der erste Mann dieser Prinzessin^ Die sich auf etwas eigenartige Weise in den Besitz ihres hohen Titels gesetzt. Und mit ihm war sie hier in Berlin gewesen, um die blauen Brillanten zu verlausen. Ihr Vater war Pfandleiher und machte Hehlergeschäsre. Er hatte also wohl die Steine angekauft. Er würde erzählen müssen, von toenu
Primo Duero zahlte für die Auskunft das hohe Honorar, das man ihm abverlangte, und er hätte auch, ohne Darüber nachzudenken, das Doppelte gezahlt, so wichtig war ihm das, was er hier verblüffend schnell erfahren.
Von der Detektei aus ging er in die Leipziger Straße und erwartete Eva Hirtberg. Sie kam in einem wunderhübschen neuen dunklen Mantel und kleinrandigem Hut, und Primo Duero schien sie noch viel reizvoller, als er ihr Bild im Gedächtnis hatte. ,
Sie suchten wieder das Reine Restaurant auf, wo sie das letztemal gewesen, aber schon unterwegs begann Primo Duero die Neuigkeiten zu erzählen, die er inzwischen erfahren hatte.
Eva Hirtberg saß ihm dann in Dem Reinen Restaurant gegenüber und beide unterhielten fich lebhaft über Die blonde Frau mit dem stolz Ringenden Namen, die anscheinend doch eine sehr fragwürdige Person war.
Am Rugelbercu
3 Hugo Lucas, Postinspektor, Gießen, Frankfurter Straße 59.
4. Dr. Jakob Roßkopf, Gießen, Marburger Straße Nr. 52.
5. Albert Dörr, Maurer, Großen-Buseck.
6. Heinrich Haas II., Schuhmacher, Watzenborn- Steinberg.
7 Karl Gärth, Landwirt, Mendorf a. d. Lahn.
8. Joh. Karl Benner, Gewerkschaftssekretar, Wieseck.
Hilssfchöfscn für das Landgericht.
1. Karl Beil, Schreinermeister, Gießen, Bücking-
Primo Duero sah Eva traurig an.
Wenn ich auch kein Wort verstand, so war mir das eben doch verständlich. Cs tut mir bitterleid, daran die Schuld zu tragen.“
Cva schüttelte den Kopf.
Daran tragen Sie keine Schuld, Sennor.
"(Sie werden sich wieder versöhnen", tröstete er eifrig.
Eva schloß leicht die Augen. Wie unverständlich ja kindisch hatte sich Hans eben benommen. Sein ganzes Bild hatte sich durch die törichte Szene verschoben. Sie hatte seine Bemerkung, er wäre eifersüchtig, die er gelegentlich gemacht, mehr als Scherz, denn als Emst aufgefaßt.
Primo Duero sagte, und in seiner Stimme verriet sich starke Nervosität: „Ich kann nicht ruhig abreifen, ehe Sie sich mit Ihrem Verlobten wieder versöhnt haben, sonst würde mich stets und ständig das Schuldbewufttsein drücken, ein Glück zerstört zu haben. Und gerade Ihr G'.ück, Eva, gerade das Ihre. Niemals fände ich dann Ruhe."
Eva lächelte matt.
„Cie haben wohl kaum verstanden, in welch schroffer Form mich mein Verlobter behandelte. Ich gebe zu, es kränkte ihn, daß ich ihm unsere Unterredungen verschwieg, aber seine Art und Weise war falsch gewählt, meine Liebe für ihn ist nicht stark genug, damit fertig zu werden."
'Fast unbetouftt sagte sie es. Sie konnte einfach nicht anders.
Sie war sich im Augenblick, alls Hans Felsen sich so unbeherrscht eifersüchtig zeigte, schon darüber Rar, sie würde nun niema’U seine Frau werden. Es kam ihr, mit der Liebe zu einem anderen im Herzen auch plötzlich unmöglich vor.
Primo Duero war stehengeblieben.
„Cva, wissen Sie auch, was Sie eben gesagt haben? Ihre Liebe zu Ihrem Verlobten ist nicht stark genug —“
Er brach ab, denn mit einem Male sah er, es gab wohl doch einen Weg, der zu Eva Hirtberg führte.
Evas Herz schlug seltsam schwer. Sie hastete vorwärts.
„Wir erreichen den Zug nicht mehr und ich muß noch mit.“
Sie eilten sich.
Primo Duero bat: „Gehen Sie nicht so von mir. Wir müssen uns noch einmal sehen und sprechen." Er hatte keine Bahnsteigkarte und es war zu spät, noch eine zu besorgen. Eva stürzte davon und er sah ihr nach. Sie wandte sich um und winkte, Dann war sie verschwunden.
Mit einer großen goldenen Hoffnung im Herzen verließ Primo Duero den Stettiner Bahnhof.
(Fortsetzung folgt)
päischen KrästespieleS stellen könne. Kluge Franzosen sehen das ein und drängen auf eine Politik des „schwebenden Ausgleichs", welche einer gesünderen Stabilisierung des französischen Wohlstandes und einer tieferen Sicherung seiner Heutigen Gegebenheit gleichkäme. Es fommt_ in Franks.-^ darauf an, daß diese helleren Köpfe im Laufe der Iahre wieder die Oberhand und damit auch die Handlungsfreiheit bekommen. Bei dem an und für sich sehr langsamen Franzosen geht das nicht so rasch, wie es sich der (berechtigterweise) ungeduldige Deutsche denkt und wünscht. Und Rückschläge — unausbleibliche — verlangen natürlich, daft schon einmal begangene Wege immer wieder von vorne begangen werden. Die Zähigkeit entscheidet, nicht die Leidenschaft.
Hier erhebt sich die Frage: sind in der letzten Zeit von Seiten Deutschlands Dinge geschehen, welche dazu beigetragen haben, das Gespenst eines neuen deutsch-französischen Krieges auch in den Köpfen freundlich gesinnter Franzosen wieder entstehen zu lassen? Die Frage kann von einem ehrlichen Menschen wohl nicht kategorisch verneint werden, sofern man der französischen Nervosität gebührend Rechnung trägt. Es handelt sich in diesen Darlegungen nicht um ein Hin- und Her- rechten: es handelt sich um einen leidenschaftslosen Versuch, eine gefährliche Situation zu analysieren und — im Interesse Deutschlands und Europas, was schon um der geographischen Lage unseres -Landes willen immer das gleiche ist — auf Mittel und Wege zu finnen, sie zu «planieren.
Kein Mensch in Deutschland wird den Vertrag von Versailles als unabänderliches Faktum hinnehmen. Kein vernünftiger Franzose glaubt, daft dieser Vertrag von ewiger Gültigkeit sei. Da er ja nun aber nicht nur die Beziehungen Frankreich-Deutschland regelt, sondern — wenigstens heute noch — ein Statut von allgemein europäischer, ja tocltmäftiger Gültigkeit ist, so versteht es sich von selbst, daft das leidenschaftliche, rein gefühlsmäftigeHineinwerfen des un- umgrenzten Wortes „Revision" in die deutsch-französische Debatte für den Franzosen gleichbedeutend ist mit llmtoer- fen der gesamten europäischen Gegebenheit, so wie sie nun einmal dieser dilettantische, üble Vertrag geschaffen hat. Daft eine solche Erschütterung aller Grundlagen des augenblicklichen Europa schlieftlich einen neuen Weltkrieg bedeuten müßte, liegt auf der Hund. Frankreich bangt vor der Möglichkeit eines Krieges überhaupt: nicht etwa aus der Furcht heraus, ihn verlieren zu müssen (was wohl schwerlich der Fall sein würde): sondern weil es — angesichts seines Wohlergehens — von einem unbedingten Willen zum Frieden beseelt sein muft. Dieser für jeden genauen Kenner der Verhältnisse unbestreitbare Punkt kann gar nicht deutlich genug betont und unterstrichen werden. Cs ist — beim Abwägen der diplomatischen und politischen Gewichte — gleichgültig, auf welchen Motiven eine Friedensliebe beruht: es ist entscheidend, daß sie da sei. Angesichts der inneren und äußeren Lage Deutschlands nun versteht es sich von selbst, daß von deutscher Seite aus nichts geschehen darf, das diesen Friedenswillen Frankreichs ernsthaft erschüttern könnte. Tritt eine solche Erschütterung ein: so ist die heute noch zu bannende Gefahr eines neuen europäischen Döbales um ein ganz beträchtliches vermehrt und die deutsche Situation wesentlich verschlechtert. Denn wer da glaubt, durch Kampfrufe werde sich Frankreich cin- schüchtern lassen: dem kann man nur sagen, daß er nicht minder auf dem Holzwege ist, als unsere Annerionspolitiker während des Krieges, deren größte Sünde es war, ein verstiegenes Ziel mit völlig unzulänglichen Mitteln erreichen zu wollen. Wenn der enttäuschte und notleidende Bürger, von dem man nicht ver-
allee 34.
August Rochlitz, Schreiner, Gießen, Hinter den Schießgärten 28.
7. Gustav Koch, Landwirt, Hausen.
8. Louis Deibel III., Zimmermann, Staufenberg.
9. Karl Schäfer 1L Maurer, Albach.
Christian Karl Leidich, Schmied, Grumngen.
Ludwig Euler III., Hüttenarbeiter, Daubringen.
Heinrich Becker VII., Weißbinder, Steinbach.
Gedanken zur europäischen Lage.
Don * * *
Vorbemerkung der Redaktion: Man stellt uns von vorzüglich unterrichteter Seite die nachso'genden Darlegungen zur Verfügung. Obwohl wir uns nicht mit ihnen identifizieren, bringen wir sie dennoch deshalb zur Kenntnis unserer Leser, weil wir im Augenblick nichts für wichtiger halten als Die ehrliche Auseinandersetzung überzeugter und ihr Vaterland liebender Menschen mit den schwebenden außenpolitischen Fragen.
I.
Haltung und Methode.
ES kann keinem Zweifel unterliegen, daß sich die europäische Lage im Laufe des Iahres 1930 verschlechtert hat. Nicht so sehr in ihrer stofflichen politischen Gegebenheit, als in der Art, wie sich allgemeines Unbehagen äußert. Die Akzente sind nicht nur schärfer, sie sind sogar drohend geworden. Das Wort „Krieg" ist mit einer Leichtsinnigkeit ausgesprochen worden, die jedem die wirkliche Lage durchschauenden Menschen einen berechtigten Schrecken in die Glieder jagen mußte. Es hilft nichts, wenn Optimisten lochen und sagen: Hirngespinste! Cs sind noch immer gerade die Hirngespinste gewesen, welche die bedenklichsten Geschehnisse gezeitigt haben. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß gerade in Frankreich am unverantwortlichsten der Teufel des Krieges an die Wand gemalt worden ist. Rechtsstehende Zeitungen, wie „Figaro", „Ami du Peuple" und „Intransigeant" haben Hetzartikel gegen Deutschland auf ihre Leser los- gelassen, wie man sie kaum noch für möglich hielt. Es ist lächerlich, von französischer „Hysterie" zu sprechen. Die genannten Blätter wissen ganz genau, was sie mit ihrem Geschreibe bezwecken: ein jedes ihrer bösen Worte ist wohlüberlegt und auf ein ganz bestimmtes Ziel hin gerichtet. Man will von dieser Seite aus das Mißtrauen gegen Deutschland unter allen Umständen aufrechterhalten, um im Schatten dieses Mißtrauens die Hegemoniepo'itik Frankreichs ungestört weiterführen zu können. Welche Zugeständnisse Deutschland immer machen könnte, die saturierte bourgeoise Reaktion (aberauch nur sie) würde durch nichts zu bewegen sein, von ihrer chauvinistischen Politik Abstand zu nehmen. Es ist falsch, zu behaupten, daft es sich in diesen üblen Artikeln um ein in erster Linie innerpoliti
sches Manöver handle. Die innerpolitische Lage Frankreichs ist — dank der Haltung der Radikalen und Sozialisten — durchaus nicht solcher Natur, daft eine dauernde Aufputschung des vaterländischen Gefühles gegen zersetzende Clemente nötig wäre. Auch ist — trotz einiger Privater Bankkrache — die w.rtschaft.iche Lage des Landes s o, daft das gesamte nationale Leben in normalen und gesunden Bahnen läuft. Cs ist natürlich begreiflich, daß die von Natur aus konservativen Franzosen einen solchen Zustand des Wohlergehens unter allen Umständen erhalten wollen. Aber es ist ein Irrtum $u glauben, daß dies auf die Dauer mit Den Mitteln durch- gesührt werden könne, deren sich die kurzsichtige Rechte in einer für französische Verhältnis - eigentlich reichlich plumpen, ja Dummen Wei bedient. Wenn es ganz bestimmt richtig ist, Daft Frankreich „sich selbst genügen“ kann: wenn Die Kriegs- unh Nachkriegspolitik Frankreichs auf nichts anderes hinzielte, als diesen Zustand des „sich selbst Genügenkönnens“ zu erhöhen: So zeugt es von großer Kurzsichtigkeit, wenn man annimmt, Daft sich auf die Dauer irgendein europäisches Land außerhalb des allgemeinen euro-
Straße 43. ,, ...
9. Frau Berta Mues geb. Kilbmger, Arztwitwe, Gießen, Goethestraße 23.
10. Ludwig Leyerer II. Landwirt, Climbach.
11. Heinrich Werner III., Landwirt, Wiefeck.
12. Konrad Klos, Bürgermeister, Oppenrod.
13. Heinrich Jnderthal IV., Landwirt, Rodgen.
14. Ernst Ludwig Lindenstruth, Stclnhauer, Beuern.
15. Friedrich Wilhelm Schmidt, Polizeidiener, Trohe.
16. Ludwig Korber VI., Landwirt, Ruttershausen, hauplgeschworene für das Schwurgericht.
1. Georg Baum, Feldschütz, Gießen, Aimeröder Weg Nr. 14. m t _
2 August Balzer, Kaufmann, Gießen, Braugasse 6.
3. Frau Marie Reh, Gießen, Schützenstrafte 19.


