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Nr. IC2 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen)Zreitag, 2. Mai MO
Oberheffen.
Einbruch in das Postamt Wölfersheim
* Wölfersheim, 2. Mai. 3n der heutigen Nacht um 3 Uhr wurde in das hiesige P o st a in t ein Einbruch verübt. Nach den bisherigeir Ermittlungen sind die Täter durch den Keller in den Dureauraum eingedrungen, nachdem sie die Tür mit einem Stemmeisen aufgebrochen hatten. 3m Dureauraum selbst wurden von ihnen zunächst sämtliche Telephonleitungen durchschnitten: darauf versuchten die Täter — es handelt sich vermutlich um zwei Einbrecher — einen Schrank aufzubrechen, wurden jedoch gestört und ergriffen die Flucht. An Geld oder Geldeswert ist den Einbrechern nichts in die Hände gefallen: sie haben außer einigen postalischen Formularen, deren Wert gering ist nichts erbeutet: ein von ihnen aufgebrochenes Wertpaket enthielt nichts, was ihnen mitnehntenSwert erschien. Die Ermittlungen wurden heute in den frühesten Morgenstunden von Beamten der Gießener Kriminalpolizei und der Gendarmerie in Rockenberg ausgenommen und find zur Zeit noch im Gange. Einige Fingerabdrücke wurden sichergestellt, sonst ist eine greifbare Spur von den Tätern bisher nicht festzustellen gewesen.
Landkreis Giesren.
t Treis a. d. Lumda , 30. April. Der älteste Mann unserer Gemeinde, der Landwirt Georg A m e n d I., vollendete heute sein 8 6. Lebensjahr. Die älteste hiesige Frau, Elisabethe A m e n d Üitwe steht bereits im 91. Jahre ihres Lebens.
Kreis Schotten.
§ Schotten, 1. Mai. Am vergangenen Sonn- 1 ag hielt der Kreisrinderzuchtverein Scholten für Vogelsberger Vieh seine diesjährige Generalversammlung im Hessischen Haus ab. Der Vorsitzende Gutsbesitzer Fischer (Hof Zwiefalten), begrüßte die zahlreich Erschienenen. Oekonomierat Dr. Wagner als Vertreter des Landwirtschaftskammerausschusses von Oberhessen, Regierungsrat Schwan vom Kreisamt Schotten und Bürgermeister Mengel als Vertreter der Stadt. Aus dem Jahresbericht ist zu entnehmen, daß der Zuchtverein sich sehr gut entwickelt hat. Die Vogelsberger Viehzucht gewinnt immer mehr an Boden und hatte im vergangenen 3ahr wieder gute Erfolge aufzuweisen. Es wurde besonders auf den Wert der alljährlich statt- findenden Dullenauktionen in Gießen, Wetzlar und Frankenberg hingewiesen und den Gemeinden nahegelegt, ihren Bedarf an Bullen dort zu decken, an einer Stelle, wo nur gutes Zucht- material angeliefert wird. Es wird erstrebt, daß auf den Auktionen nur Dullen zugelassen werden, deren Mütter unter Milchleistungsprüfung stehen. ■Heber die Verkaufsbedingungen der Dullen, die zu leistenden Garantien wurde gesprochen, über die Preiszuerkennung auf den verschiedenen Prämiierungsmärkten, die in Oberhessen abgehalten werden, eingehend verhandelt. Aus den Kreisen der Landwirte war darüber geklagt worden, daß auf diesen verschiedenen Märkten meist immer dieselben Landwirte, die ihr — allerdings erstklassiges — Vieh dort vorführen, eine Pränrie erhielten. Es war angeregt worden, daß solche Viehhalter nicht mehr als einen, höchstens zwei Preise im 3ahr erhalten könnten. Man war sich über die Schwierigkeit einer solchen Regelung klar und will eS bei dem seitherigen Verfahren belassen wissen. — 3m 3uli L 3. soll in Ober-Mockstadt eine Tierschau von Vogelsberger Dich stattfinden. Eine Kommission wurde gewählt, die die näheren Vorbereitungen dafür treffen soll. Für die Ausstellung der Deutschen Landwirtschastsgesellschaft in Köln im laufenden
Oer Sternhimmel im Mai.
Sonnenaufgang von 4.30 bis 3.50 Uhr, Sonnenuntergang von 19.25 bis 20.10 Uhr. — Lichtgeftal- ten des Mondes: 1. Viertel am 5. um 18 Uhr Vollmond am 12. um 18 Uhr, letztes Viertel am 20. um 17 Uhr.
Den ganzen Winter über und noch bis in den Mai hinein hat uns der Jupiter durch seinen Hellen Glanz erfreut. Da müssen wir es hinnehmen, wenn mit der Venus als Abendstern in diesem Frühjahr nicht so viel Staat zu machen ist wie sonst
tiefen Gegenden des Tierkreises steht, nicht sehr hoch über den Horizont.
Gegen Ende des Monats haben wir, zumal im nördlichen Teil unseres Vaterlandes, keine völlig dunklen Nächte mehr, so daß die schwächeren Sterne überhaupt nicht sichtbar werden. Trotzdem werden wir auch am Fixsternhimmel manche hübsche Beob- achtung machen können. Da ist z. B. das Sternbild des Schwans, auch wohl „nördliches Kreuz" genannt, das nun im Nordosten und Osten empor»
W;PN?ILD£P:
10,
STABEN
Merkur
22,
W Mars ($) Jupiter <&>Saturn
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Sterne: Kleine Buch- < staben
Sonne
Mond:
J)1.Viertel (t) Vollmond d letztes Viertel
Der di4 24 Stundenzahlen von Mitternacht bis Mitternacht eines Tages enthaltende Kreis und die dick punktierte Linie, der sogenannte Horizont, sind feststehend zu denken. Der Sternhimmel dreht sich samt dem auf Mitternacht zeigenden geraden Pfeil — gewissermaßen dem Zeiger der Himmelfiuhr — in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinne des gebogenen Pfeils einmal um seinen Mittelpunkt. Der cingczeichneto Horizont umrahmt die tu der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatsmitte sichtbaren Sterne. Unsere Karte zeigt also den Zustand um Mitternacht der Monatsmiete. Will man zu einer anderen Stunde beobachten, so denke man sich den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil so gedreht, daß dieser auf die Beobachtungsstunde zeigt; dadurch werden die su dieser Zeit sichtbaren Sterne in den nicht mitzudrehenden Horizont hineingedreht. Für je 5 Tage vor der Monatsmitte ist der gerade Pfeil Vs Stunde früher, für je 5 Tage nach der Monatsmitte Vs Stunde später zu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellungen ein, wenn er die angedeutete Licht- gestalt zeigt.
wohl. Vorläufig steht sie der Sonne noch zu nahe, und wenn sie später weiter von ihr entfernt fein wird, dann werden die übrigen Verhältnisse ungünstig für ihre Sichtbarkeit liegen. Immerhin ist sie im Mai über eine Stunde, zuletzt etwa eindrei- viertel Stunden als Abendstern sichtbar. Sie nähert sich immer weiter dein Jupiter und holt ihn am 17. ein. Freilich findet die Annäherung dieser beiden hellsten Himmelslichter schon in ziemlicher Nähe des Horizontes statt, was natürlich den Eindruck etwas schmälert. Etwa eine Woche später ist es mit Iu» viters Sichtbarkeit vorbei. Schon vom 11. ab ist der Merkur verschwunden, der gleichfalls in den ersten Tagen des Monats sichtbar war. Hingegen verschiebt sich der Saturn langsam vom Morgen, auf den Abendhimmel. Freilich erhebt er sich, da er in
steigt. Seine Hauptlinie fällt mit der Richtung der Milchstraße zusammen, und sie trennt das unter ihr stehende Sternbild des Adlers von der über ihr stehenden Wega. Auf den alten bildlichen Darstellungen bedeutet der hellste Stern des Sternbildes, nämlich Denneb, den schwänz des fliegenden Vogels, dessen Schnabel der ihm gegenüberliegende Stern Albireo, ein Doppelstern, bezeichnet. Von den beiden hellsten Sommersternen überwiegt der Arctur noch immer die Wega. Das halbkreisförmige Sternbild der Krone mit dem Edelstein Gemma auf der geradlinigen Verbindungslinie zwischen ihnen hat zwar nur schwache Sterne, erfreut aber immer wieder durch seine hübsche, halbkreisförmige Gestalt.
K ü ft e r m a n n.
3ahr werden sieben allerbeste Vogelsberger Biere ausgesucht werden.
Preußen.
Kreis Wetzlar.
c5 Krofdorf, I.Mai. Gemeindeförster Möl- l e r, hier, konnte heute fein 25jähriges Amts- jubiläum begehen. Seine im April 1905 erfolgte Wahl wurde von der Regierung am 1. Mai 1905 bestätigt: seitdem hat Förster Möller die Waldungen der Gemeinden Krofdorf-Gleiberg und Launsbach stets treu verwaltet. Die Vertretungen der beiden Ge- meinden haben in Anerkennung der Verdienste des Jubilars um die Waldwirtschaft ihm ein Diplom überreichen lassen.
Z Kinzenbach, 1. Mai. Der Haushaltsplan unserer Gemeinde ist von der Gemsindever- tretung in Einnahme und Ausgabe auf 50 300 Mk. festgesetzt worden. An Gemeinde-Umlagen werden erhoben: 350 o. H. der staatlichen Grundvennögens- ftcuer 400 v. H. der Gewerbeertragssteuer und 800 v. H. der Gewerbelohnsummensteuer.
Z Launsbach, I.Mai. In unserer Gemeinde kommen für das Rechnungsjahr 1930 350 Prozent der staatlichen Grundvermögenssteuer und 350 Prozent der Gewerbesteuer vom Ertrag und vom Kapital als G e m e i n d e u m l a g e zur Erhebung. Das Siresemann-Denkmal in Mainz.
WER. Mainz, I.Mai. 3n seiner gestrigen Sitzung hat der Dauausschuß grundsätzlich
zugestimmt, daß der Fischtorplah für die Errichtung eines Strese mann- Denkmal- zur Verfügung gestellt wird. 3c nachdem der endgültige Entwurf für dieses Denkmal aussehen wird, soll auch gegen die Beseitigung der Äabonniere nichts eingewendet werden. Der Stadtrat wird zu dem Projekt und insbesondere zur Platz- fragc noch Stellung nehmen.
Kunst und Wiffenschafi.
Deutsche Kunstausstellung in Rom.
3n der Deutschen Akademie in Rom, die feit 1928 ihre Tätigkeit wieder aufgenommen hat, wurde am 1. Mai die erste Ausstellung von Werken deutscher Künstler, die in der Akademie als Stipendiaten und Studiengäste gearbeitet haben, eröffnet. Der Eröffnungs- akt, an dem Vertreter deutscher und ausländi- discher wissenschaftlicher und künstlerischer Institute, sowie zahlreiche Mitglieder der deutschen Kolonie tcilnaomen, wohnten auch der italienische Königs der HnterrichtSminister und Vertreter der Regierungsbehörden und der Stadt Rom bei. Der König, der durch den deutschen Botschafter von R e u r a t h und den Direktor der Akademie, Professor G e r i ck e , empfangen wurde, besichtigte die ausgestellten Werke und ließ sich die Künstler Dorft eilen.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem
Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Schulgesundheitspflege???
Diejenigen Eltern, welche vor zwei Tagen ihre Töchter in die S ch i l l e r s ch u l e zur Einschulung brachten, konnten zu dem Kapitel „Schulgesundheitspflege" sehr eigenartige Studien machen. Dor dem Haupteingang des genannten Schul- hauses liegt im Hofe noch sämtlicher Bauschutt, der vom Umbau während des vorigen Sommers herstammt. Da die Verantwortung für diesen tiefbedauerlichen Mißstand da- städtische Dau- amt trifft, so fragt man sich kopfschüttelnd, ob denn das städtische Bauamt keinen Wagen und keine Arbeitskräfte auf treiben konnte, um den Müll zu entfernen und den Hof mit sauberem Kies zu beschüttenl Staunend und zornig stand ich an zwei Morgen davor, sah, wie der Bauschutt, in den Pausen, zermalmt von Hundertcw hurtiger Kinderfüße, in dichten Wolken sich über den Hof wälzte, dachte: dies ist die „Erholung" deiner Kinder, all dieser Kinder, und der bedauernswerten Lehrerschaft, die dieser Sünde an der Gesundheit der ihr anvertrauten Kinder machtlos gegenübersteht, alle müssen sie den ekligen Mulm einatmen. Hnb der srische Frühlingswind wirbelte ihn meterhoch empor in den Eingang und die geöffneten Fenster hinein, so daß, wenn Lehrer und Kinder dem Staubmeer des Hofes entronnen find, sie ihn im Klassenzimmer auf Tischen und Bänken wiederfinden. — Meine Kinder hatte ich vorher ermahnt, durch die Anlage zu gehen, des Staubes wegen die 3nnenstadt zu meiden, aber der Schulhof der Schillerschule übertrifft an Staub die belebteste Autostraße. — Was gedenkt die Elternschaft zum Schuhe ihrer Kinder zu tun?
Eine besorgte Mutter.
Berliner Börse.
Berlin, 2. Mai. (WTB. Funkspruch.) Die internationalen Diskontermäßigunaen weckten naturgemäß Hoffnungen auf eine baldige Senkung des Reichsbankdiskonts und ließen im heutigen Frühverkehr die Stimmung zumindest recht freund- uch bleiben. Orders lagen zwar bei den Banken noch nicht vor, und das Geschäft bewegte sich in engen Grenzen.
Konstanze.
Vornan von Karl Heinz iOoigf.
Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister, Werdau.
1. Fortsetzung. Nachdruckverboten.
Er rückte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her.
„3ft cS sehr wichtig?“
„Heber au«.“
Er warf einen flüchtigen Blick auf die Schriftstücke vor sich und wandte sich dann wieder mit erwartungsvollem Blick an Konstanze. Sie straffte ihre Gestalt, sah ihm fest ins Auge und antwortete mit einer Stimme, aus der alle Entschlußkraft und alle Festigkeit sprach, deren ein Weib fähig ist:
„Ich muß die eheliche Gemeinschaft mit dir losen." — „Run ist das Wort gefallen," dachte sie, und eS gab dabei einen Riß in ihrem 3nnern.
Gr starrte sie an, als sähe er ein Gespenst vor sich. Dann trat etwas Seltsames ein. Etwas, das Konstanze nie erwartet hatte, das ihr fast das Blut erstarren ließ und das sie beinahe ihrer Fassung beraubt hätte. Er lachte. Er lachte aus vollem Halse, so daß er ganz rot im Gesicht wurde.
„Konstanze, du bist ja originell! 3ch habe -gar nicht gewußt, daß du so — na, ich will sagen — dumme Scherze machen kannst. So etwas sollte denn doch eine zu heilige Sache sein, als daß man darüber Witze reiht."
„Es ist mein voller Emst."
„Dann habe ich wohl nicht ganz richtig verstünden?“ Er legte die Hand hinter die Ohrmuschel. „Wie, bitte?"
„3ch wiederhole es dir, es ist mein heiliger Ernst, Lothar. 3ch muß die eheliche Gemeinschaft mit dir losen.“
Lothar Emmerstorff stemmte beide Arme auf die Lehne des Sessels und beugte sich seiner Frau entgegen. Seine Augen hatten einen forschenden Ausdruck. Er schien immer noch nicht ganz zu begreifen.
„Weißt du denn überhaupt, was du da redest, Konstanze?“
„Vollkommen!“
„3a — willst — willst du mir das nicht erklären, bitte schon," stammelte er, aufs höchste bestürzt.
Aus Konstanzes Antlitz war jeder Blutstropfen gewichen. Selbst die Lippen erschienen weiß. Aber sie fühlte jetzt eine innere Stärke, fühlte, daß sie nun diesen Kampf bis zum letzten siegreich ausfechten müsse.
„Es gibt dabei nicht viel zu erflären," flüsterte sie. .Mein Gefühl sagt mir, daß eine Ehe, wie
wir sie führen, eine glatte Unmöglichkeit ist." Sie sprach jetzt rasch hintereinander. 3hm blieb keine Zeit zu einer Zwischenrede. 3hre Worte überstürzten sich, klangen wie gejagt. „Eine Unmöglichkeit,“ wiederholte sie, „und nicht zuletzt sogar eine Hnsittlichkeit. Meine Seele lechzt nach Liebe, ein wenig Liebe nur. Aber während unserer dreijährigen Ehe ging meine Seele leer aus. Meine Zuneigung zu dir, Lothar, kann ich nicht Liebe nennen. — Ich gestehe es offen. — 3ch weiß, ich konnte dich wahr und echt lieben, wenn unsere Seelen harmonierten, wenn du mir nur etwas von dem gäbest, wonach mein Innerstes verlangt. Man kann die Durchführbarkeit einer Ehe doch auf keine Formel bringen. Das ist alles individuell. Ohne diese gleichgestimmten inneren Akkorde kann ich nun einmal nicht leben, Lothar. 3ch verdurste. Ich gehe elend zugrunde."
„Wie kommst du denn gerade jetzt auf so unsinnige Einfälle?"
„Weil mir vorhin bei Martina ganz klar wurde, wie eine Ehe fein muß. Unserem Zusammenleben fehlt das Allernotwendigste: Die innere Verbundenheit."
Er zwang sich mühsam, feine Fassung zu bewahren. Aus seinem Stammeln formte sich schließlich die Frage: „3a, habe ich dir denn nicht alles gewährt, was ein Mann seiner Frau nur gewähren kann? Habe ich dir nicht fast alle deine Wünsche von den Augen gelesen?"
„3a, Lothar, ja und nochmals ja. Das gebe ich alles zu. An irdischen Gütern bin ich reich, sehr reich sogar, es fehlt mir an nichts. Das Gegenteil zu behaupten, wäre undankbar gegen dich und gegen das Geschick. Viele meiner Ge- schlechtsgenossinnen an meiner Stelle würden wahrscheinlich ihr Los überglücklich preisen. Hier drinnen,“ sie legte die Hand auf die Brust, „da fehlt mir etwas, das ist mit allem Golde der Welt nicht zu erkaufen.“
Er schüttelte den Kops. Worte schienen ihm in dieser Minute zu fehlen. 3n Konstanze regte sich Mitleid mit diesem Mann. Dieses Mitleid konnte ihr gefährlich werden, deshalb wehrte sie sich innerlich gegen dieses Gefühl.
„3ch verstehe dich nicht," sagte Lothar leise und sah ihr jetzt forschend ins Gesicht. Er gewahrte in dieser Minute ihre grenzenlose herbe Schönheit und eine lächerliche Furcht, sie zu verlieren, packte ihn mit kalter Hand im Genick.
Sie folgte feinen Worten: „3a, das ist es eben, du verstehst mich nicht, Lothar."
3eht ging eine urplötzliche Wandlung mit ihm vor. Heber fein Gesicht lief eine rote Welle. Zorn funkelte aus feinen Augen.
„Tu spielst also die unverstandene Frau? Wie man es in üblen Romanen liest."
„3ch spiele überhaupt nicht," sagte Konstanze mit einem Unterton der Verächtlichkeit in der Stimme. .Mein Entschluß steht fest. Keine Macht
der Welt kann mich mehr von ihm abbringen."
„Du willst mein Haus verlassen?"
„3al"
„Und warum?"
„Das habe ich dir eben erklärt, Lothar. Eine Ehe wie die unsere, ist keine Ehe vor Gott und den Menschen. Es ist ein Zusammenleben, weiter nichts. — Ich bin deine Gefährtin, allenfalls deine Geliebte. Ich kann aber nicht nur deine Gesellschafterin und deine Geliebte fein, Lothar."
„Du bist mein angetrautes Weib."
„Ich teilt deine Seelenkameradin fein, Lothar. Unser Innerstes muß harmonieren, verstehst du denn das nicht?"
„Rein."
„Das kann man doch nicht mit Worten aus- drücken, das muß man fühlen, fühlen, Lothar. Gefühl ist alles."
Er machte eine wegteerfende Handbeteeaung.
„Jetzt merke ich zum ersten Male, daß du hysterisch bist."
Sie erhob sich jäh: „Dann haben wir uns wohl nichts mehr zu sagen." Sie streckte ihm die Hand hin. Er übersah das absichtlich. Auch er erhob sich nun. Sie standen sich beide gegenüber. Sie war nur um ein geringes kleiner als er. Wieder sah er ihre ganze Schönheit in deutlicher Klarheit vor sich.
„Es ist die letzte Rächt in deinem Hause, Lothar. Zürne mir nicht, ich kann und darf nicht mehr bleiben.“
Dun packte ihn jählings die blinde Wut.
„Bist du denn verrückt, Konstanze!?" schrie er. „Denkst du denn, ich liehe mir das so ohne tocite» res gefallen, daß du mir einfach davonläufft?" Er fuchtelte aufgeregt mit den Armen vor ihrem Gesicht herum. „Es gibt Gott sei Dank noch Gesetze — verstehst du?"
„Ich verstehe alles, bitte schreie nicht so. Es ist doch wahrhaftig nicht nötig, daß das Mädchen Zeuge dieser , Szene wird."
„Das ist mir ganz einerlei!" rief er, „und überhaupt — wer ist denn Schuld an dieser Szene, he? Wer denn?" — Er redete sich immer mehr in Wut. „Glaubst du vielleicht, ich liehe dich einfach fort, wie?"
Konstanze muhte ein Lächeln unterdrücken. Er wirkte jetzt beinahe komisch in feiner Wut.
„Du wirft schon noch zur Vernunft kommen,“ brüllte er, nahm einen Stuhl, hob ihn ein Stück und stieß ihn bann mit Heftigkeit auf feinen Platz zurück.
„Bitte, sprich leiser."
Er dämpfte nun feine Stimme, aber jetzt klangen seine Worte nur noch eindringlicher und saft boshaft.
„Wo willst du denn überhaupt hin, he?"
„Das weiß ich nicht!"
Seine Augen weiteten sich: „Wie?“
»Das ist ja ganz einerlei I“
Konstanze erstaunte mit einem Male, daß sie selbst noch nicht ernst darüber nachgedacht hatte, wo sie eigentlich hin wollte.
„Du weiht das nicht?" — Er lachte kurz auf. „Das ist echte Frauenlogik. Du wirst eS dir noch sehr überlegen, meine Liebe."
„Es gibt nichts mehr zu überlegen. Ich weih genau, was ich will, Lothar."
„So!"
„Ja!"
„Ich glaube wahrhaftig, Konstanze, du hast den Verstand verloren."
„Mein Gefühl sagt mir, was ich zu tun habe. Gute Rächt, Lothar , sagte Konstanze und wandte sich zur Tür.
„Wir wollen doch mal vernünftig reden, Konstanze."
Sie kehrte sich um und blieb stehen, ihre Augen brannten, sie fühlte sich sehr elend.
„Ich rede stets vernünftig, Lothar."
„Es ist also dein letztes Wort?"
„Mein letztes Wort."
„Du verlangst doch nicht etwa, daß ich dich bitten soll?"
„Ich verlange nichts mehr von dir, Lothar. Hcbcrdics würde auch dos Bitten dir nicht- nützen. Ich kann nicht mehr bleiben.“ Sie betonte das „kann".
„Das sind Launen!"
Plötzlich aber bekam sein Gesicht einen verstehenden Ausdruck. Er stieß einen letzten Pfiff aus.
„Oder ist es etwa ... irgendein ... irgendein Jemand, der dahinter steckt?"
Konstanze wich einen Schritt zurück. Ihre Augen weiteten sich. Sie sühlte einen bitteren Geschmack aus der Zunge. Gegen den Mann, der von diesem Moment an nicht mehr ihr Gatte war, empfand sie jetzt plötzlich etwas wie Hah. Sie wollte reden, doch er ließ sie nicht zu Worte kommen.
„Also, heraus mit der Sprache... wer ist es? — Renne mir den Ramen, du!"
Er trat ganz nahe an sie heran. Seine Augen funkelten böse.
„Jetzt wird er mich schlagen," dachte sie einen Moment lang, und schloß erschauernd die Augen. — Aber Lothar war wieder zurückgetreten. Seine Stimme klang drohend und scharf.
„Das ist es, ganz allein das... Gib es nur zu, Konstanze ... ich bin doch nicht so dumm, dah ich mir Bären aufbinden lasse von „Seelenharmonie' oder anderen schonen Sachen. Rein, nein, meine Liebe, dazu stehe ich zu sehr mitten im Leben... Aber die Dolle des Hahnrei will ich nicht spielen, meine Liebe. Der altbekannte Ehemann mit Hornern, der immer zuletzt erst etwas erfährt von den Tändeleien seiner Frau, wenn der öffentliche Skandal schon fertig ist, will ich nicht fein... Glaube nur ja nicht, daß ich mich etwa von dir scheiden lasse. Den Gefallen tue ich dir nicht. Also bitte..." (Fortsetzung folgt)


