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M. 280 Zweiter Blaff

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Freitag, 30. November (034

HunderiJahre modernes Athen! phantastische Entwicklung einer berühmten Stadt.

Don unserem ständigen C. R -Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Athen, Ende November 1934.

Hundert Jahre Athen? Ist das nicht ein Irrtum? Athen ist doch eine vieltausendjährige Stadt? Man denke an die Akropolis, an Perikles, Solon, Aspa- sia ...Und doch: Unser heutiges Athen, die Haupt- stadt des jetzigen Griechenland, das moderne Athen der Straßenbahnen, Automobile und asphaltierten Straßen der Theater, Kinos und des Fremdenver­kehrs, ist erst hundert Jahre alt.

Der eigentliche Vater dieses Athens ist Kö­nig Ludwig von Bayern, der seinem auf den griechischen Königsthron berufenen Sohne nahe- legte, Athen zu seiner Hauptstadt zu erwählen. So wurde es 1834 durch ein Königliches Dekret dazu ernannt. Heute fragt man sich erstaunt, ob es überhaupt möglich war, an eine andere Stadt in Griechenland zu denken, die würdig gewesen wäre, des neuen Griechenland Metropole zu werden, denn Athen ist doch ein alle anderen überstrahlender Name. Um diesenPosten" bewarben sich damals übrigens auch Korinth, Aegina und Nau- p l i a. Die beiden letzteren waren sogar vorüber­gehend tatsächlich Sitz der ersten griechischen Regie­rungen. Das waren damals immerhin schon Städte", während Athen noch ein elendes Dorf darstellte, zerrüttet und zerstört durch die über viele Jahre erstreckenden Freiheitskriege. Kaum daß Athen bewohnbare Häuser hatte, von Straßen gar nicht zu sprechen. Der Piräus, heute eine Stadt von nahezu 300 000 Einwohnern, war da­mals buchstäblich nicht vorhanden, ja, man hatte sogar seinen Namen vergessen und nannte es Porto Leone" (Löwenhafen), wie es von den Italienern nach zwei Marmorlöwen, die von Moro- fini 1687 nach Venedig geschleppt wurden, getauft worden war. Heute freilich ist der Piräus fast eins mit Athen. 1834 gab es dort nur ein Haus aus Stein, die alte türkische Zollwache, die inzwischen ein griechischer Zöllner bezogen hatte. Alles weitere waren elende Fischerhütten. Der Verkehr von Athen zum Meere mußte auf Eseln und Kamelen erfolgen, die oft tief im Morast zu versinken droh­ten. Wagen, Karren und Droschken kannte man damals überhaupt noch nicht. Heute aber führt eine elektrische Schnellbahn mit fünf Minutenverkehr, die in Athen als Untergrundbahn läuft, nach dem Piräus und legt diese Strecke in etwa einer Viertel Stunde zurück.

Als Hauptmann von P r e d l am 31. März 1834 in Athen zu Pferde von Nauklia ankam, um Quar­tier für 300 Bayern zu belegen, traf er in einer wundervollen Mondnacht ein und war bezaubert von den im lichten Silberscheine glänzenden Mina­retten und Gebäuden, so daß er sich beruhigt schla­fen legte. Am anderen Morgen aber erkannte Predl, daß das schöne Traumbild der Nacht wie eine Fata Morgana spurlos verschwunden war ... Der bayerische Offizier glaubte sich plötzlich in einen Trümmerhaufen versetzt, aher nicht in die künftige Hauptstadt Griechenlands. Man kann sich vorstellen, welche Mühen und Beschwerden es kostete, ein eini­germaßen menschenwürdiges Unterkommen für die Söhne Deutschlands im sonnigen Athen zu finden.

Und heute? Hochhäuser, prächtige Hotels, im modernen Stil, Villen mit allen Bequemlich­keiten, Straßen, Plätze, Parks und, mit Ausnahme des eigentlichen Kerns, eine säuberlich in Quadrate eingeteilte Stadt. Nur dort, wo einst das alte Athen war, sind die alten Winkel und engen Straßen noch als Zeugen aus der Türkenzeit stehen geblieben. Aber auch hier verschwinden die alten Häuser allmählich und werden, sehr zum Leidwesen der poetischen Seelen und der Romantiker, durch moderne Betonkästen ersetzt.

Athen zählte 1834 gegen 8000 Einwohner und hate unter Einrechnung der selbständigen Vororte sicherlich eine Million Einwohner über­schritten. Mit dem Königlichen Dekret vom 18. Sep­tember 1834 wurde entgegen den Einsprüchen der politischen und militärischen Welt Athen zur Haupt­stadt bestimmt und am 2. Dezember 1834 trat es in seine Rechte als Landeshauptstadt ein. Alles mußte von Anfang an begonnen werden. Es gab keine Häuser, um die fremden Gesandtschaften unter­zubringen, und keinen Palast, ja nicht einmal ein den Ansprüchen eines königlichen Hofes genügendes Gebäude. Die königliche Wohnung mußte daher schnell und oberflächlich hergerichtet, die Wände aus­gebessert, das ganze Gebäude, innen und außen, seiner neuen Bestimmung verwendbar eingerichtet und verschönert werden.

Durch die Erhebung Athens zur Hauptstadt setzte auch etwas anderes ein: die Bodenspeku­lation. Die Bayern wollten aus Athen das Zen­trum des befreiten Griechentums machen und es als ständige Hauptstadt einrichten. Doch der Hof war mehr für ein Provisorium, denn König Otto träumte bereits dengroßen Traum" aller Griechen, in nicht allzu ferner Zeit seinen Thron in Byanz, in Konstantinopel aufzurichten. Die' ersten Stadtpläne stammten von den beiden Archi­tekten K l e a n t h i s und Schaubert. Kleanthis war in den Freiheitskriegen von den Türken ge­fangen genommen worden; es gelang ihm aber, nach Deutschland zu entfliehen und in Berlin zu studieren. Hier lernte er den deutschen Architekten Schaubert kennen und beide wurden unzertrennliche Freunde. Dieser erste Stadtplan erfuhr später eine Umarbeitung durch den deutschen Architekten K l e n tz e , und noch heute bilden diese Pläne die Grundlage aller stadtbaulichen Planarbeiten. Die Nachricht von der Gründung der neuen griechischen Hauptstadt durcheilte schnell die europäische Presse und brachte schon damals zahlreiche Fremde nach Athen. Im Verlaufe von etwa 20 Jahren hatte sich die Einwohnerzahl Athens mehr als verfünffacht und zählte 1854 bereits 45 000 Einwohner.

König Otto und besonders Königin Amalie arbeiteten mit Eifer an dem Aufbau Athens und sorgten vor allen Dingen für schöne öffentliche Bauten, die hauptsächlich reiche Auslandsgriechen durch reichliche Geldunterstützungen aufrichten ließen. 1837 bis 1840 wurde von dem Architekten G a e r t - ner mit Hilfe einer Anleihe König Ludwigs von Bayern das königliche Schloß errichtet, das heute die griechische Kammer und den Senat aus­genommen hat. Königin Amalie schuf einen großen und schönen Schloßpark, der noch jetzt als Nationalgarten den Athenern zur Erholung dient und der vornehmste und viel bewunderte Schmuck des heutigen Athens ist. Etwa gleichzeitig wurden auch die Universität, später die Sternwarte, Aka­demie und Nationalbibliothek, alles auf Kosten und Spenden reicher Griechen, erbaut.

Die Akropolis, die 1834 mit Schmutz und Unrat übersät war, wurde von ihrer seit Tausenden von Jahren treu erfüllten Bestimmung, als Festung zu dienen, ihren militärischen Zwecken entzogen und als Burg der Kun st und Schönheit dem neuen Griechenland einverleibt und damit der gesamten Menschheit als kostbarster Schatz über­geben. Diese vornehme Arbeit übernahm der deutsche Archäologe Ludwig Roß, unterstützt von Schau­bert und Hansen, die auch das kokette kleine Niketempelchen wieder aufrichteten, dessen Säulen und Marmor die Türken zum Bau einer Bastion verwandt hatten. 1862 unternahm eine königlich­preußische Kommission die Reinigung und teilweise

Wiederherstellung des Erechteions und des Dionysiostheaters.

Zu Beginn des Weltkrieges zählte Athen etwa 250 000 bis 300 000 Einwohner. 1909 erhielt es eine elektrische Straßenbahn, nachdem die alte Pserde- und Dampfbahn eingezogen war. Nach dem Kriege und speziell nach dem Einbruch der Flüchtlinge aus Kleinasien im Jahre 1922 entwickelte sich Athen mit amerikanischer Schnelligkeit. Eines der größten Werke des modernen Athen ist die neue Wasserversorgung durch den künstlichen Stausee bei Marathon, wodurch Athen nunmehr seit etwa 1930 genügend Wasser besitzt und dadurch auch für die Ausbreitung des bisher fo mangelnden frischen Grüns und der Anpflanzung von Bäumen und Gärten zu sorgen in der Lage ist. Athen erhielt auch einen von der Siemens-Bau-Union in Berlin erbauten schönen Untergrundbahnhof, der

sich mit jedem Berliner (^-Bahnhof messen kann; ferner wurde durch die Firma Siemens & Halske eine griechische Telephongesellschaft gegründet und Athen mit einem modernen automatischen Telephon versehen. Zur Zeit plant man eine große Kanalisation der Stadt, das Straßennetz Athens wird verbessert, gerade jetzt wurde zwischen Stadtverwaltung und englischer Elektrizitätsgesell­schaft ein Vertrag abgeschlossen, der eine neue und moderne Athener Straßenbeleuchtung vorsieht. Diese ließ bisher nämlich viel zu wünschen übrig.

Das ist das neue Athen, das am 2. Dezember seinen 100. Geburtstag feiert: eine neue sonnige Hauptstadt in dem sympathischen Griechenland. Wir möchten der Stadt von Herzen ein weiteres gutes Gedeihen, Glück und Wohlstand im neuen Jahr­hundert ihres Bestehens wünschen.

©.Jfxfport

Sonntag: Lokalkamps M.-R.-IWO

Im Kampf um die Punkte stehen sich am kom­menden Sonntag im Rückspiel die Mannschaften der Spielvereinigung 1900 und des VfB.-Reichs- bahn gegenüber. Beide Vereine werden sehr be­müht sein, Mannschaftsaufstellungen herauszu­bringen, die Gewähr für eine geschlossene Leistung bieten. Das Vorspiel brachte eine Ueberraschung insofern, als damals die Spielvereinigung 1900 glatt und eindeutig siegte. Wie sich das Kraftver­hältnis inzwischen entwickelt hat, ist schlecht zu sagen. Man erhofft ein faires und spannendes Spiel, das um so mehr zu erwarten sein sollte, als sich in beiden Mannschaften fähige Kräfte befinden. Die Mannschaftsaufstellungen werden erst heute abend endgültig geschehen.

FC.Teutoma" Watzenborn-Steinberg

Am kommenden Sonntag beginnen in der Be­zirksklasse der Gruppe Gießen-Dill die Spiele der Nachrunde. Watzenborn-Steinberg hat in Frohn­hausen (Dillkreis) anzutreten. Die Aussichten sind hier nicht gerade die günstigsten, wenn man be­denkt, daß in Frohnhausen schon so manche Mann­schaft eine Niederlage hinnehmen mußte. Selbst die sehr spielstarke Liga-Mannschaft der Spielvereini­gung 1900 Gießen mußte in der Vorrunde Sieg und Punkte der Platzmannschaft belassen. Die Teu­tonen treten die Fahrt voraussichtlich in stärkster Aufstellung an, gilt es doch nun endlich für sie, zu beweisen, daß sie auch fernerhin der Bezirks- klasse angehören wollen. Sechs Verlustpunkte bei einem 3:5-Toroerhältnis der letzten Spiele haben selbstverständlich etwas deprimierend auf die Mann­schaft eingewirkt, aber dennoch sollte ihr in der Nachrunde noch mancher Punkt zufallen.

Folgende Mannschaft tritt voraussichtlich die Fahrt nach Frohnhausen an: E. Happel; O. Weh­rum, O. Burger; E. Burger, H. Schmandt, H. Euler; K. Schäfer, R. Lang, H. Sarnes, L. Buß, O. Fett.

Es ist dies zur Zeit wohl die stärkste Aufstellung der Teutonen und dürfte man mit dieser Elf den künftigen Punktekämpfen mit etwas mehr Hoff­nung entgegensetzen. Leider war es in allen bis­herigen Spielen den Teutonen nicht möglich, die Mannschaft in oben angeführter Aufstellung in den Kampf um die wertvollen Punkte zu schicken. Die 2. Mannschaft sowie die Jugendmannschaft sind spielfrei.

Oie Spiele der Kreisklaffen im Bezirk Lahn-Oill.

VfB. II Grünberg (O. Rüspeler, Gleiberg); Heuchelheim 1900 II (Volkmar, Wetzlar); Gro- ßen-Buseck Krofdorf (Grote, Mainzlar); Leih­gestern Lich (Bücher, Gießen); Wieseck Lol­

lar (Witter, Wetzlar); Büblingshausen Burg­solms (Post, Wieseck); Spfr. Wetzlar Werdorf (H. Rüspeler, Gießen); Nauborn Naunheim II (Kreiling, Gießen); Tgde. Wetzlar Aßlar (Deis, Nauborn); Albshausen Ulm (Küster, Berghau- sen); Holzhausen Bissenberg II (Wolf, Allen- darf); Stockhausen Leun (Zutt, Wetzlar); Stein­bach Allendorf (Niersbach, Wetzlar); Grünberg gegen Alten-Buseck (Sack, Heuchelheim); Londorf gegen Wißmar (Seitz, Heuchelheim); Treis gegen VfB. III (Weinandt, Leihgestern); Leun II gegen Bonbaden (Koob, Wetzlar); Oberndorf Berg­haufen (Keller, Naunheim); Ehringshausen gegen Wetzlar III (Birk, Naunheim); Fellingshausen gegen Frankenbach (Schnabel, Wieseck); Erda Rod­heim (Bender, Fellingshausen); Kinzenbach gegen Hohensolms (Schäfer, Heuchelheim).

Jugend- und Schülerspiele.

1900 1. Wieseck (Gerhardt, Steinbach); VfB. gegen Lich (Reufchling, Steinbach); Großen-Buseck gegen Daubringen (Albach, Grünberg); 1900 II gegen Leihgestern (Gerhardt, Steinbach); Lollar gegen Kinzenbach (Lotz, Launsbach); Alten-Buseck gegen Wißmar (Hillebrecht, Großen-Buseck); Aßlar gegen Nauborn (Dörr, Werdorf); Wetzlar Spfr. Wetz­lar (Dietzel, Wetzlar); Bisfenberg Allendorf (Heinz, Stockhaufen); Stockhausen Biskirchen (Schmidt, Bisfenberg); Leun Holzhausen (Koob, Wetzlar); Waldgirmes Tgde. Wetzlar (Hunger, Wetzlar); Werdorf Albshausen (Kröner, Ober­biel); Oberndorf Steindorf (Ott, Bonbaden); Spfr. Wetzlar Nauborn (Trautmann, Büblings­hausen).

Simultanspiel im Schachklub Gießen.

Jrn Hotel Hindenburg fanden sich am Mittwoch die Freunde des königlichen Spieles ein, um Zeuge bzw. Mitwirkende in einem interessanten Wettstreit zu sein. Der ehemalige deutsche Fernschachmeister R o g m a n n - Essen, ein noch junger Mann von 23 Jahren, weilte in Gießen zu Gast und lieferte den Mitgliedern des Schachklubs 1858 Gießen ein Simultanspiel. Der Abend wurde eingeleitet durch einen kurzen Vortrag über die Theorie des Schach­spiels und einige spezielle Fragen der Schachtechnik. Sodann begab man sich zum Kampf an die Bret­ter. Rogmann-Esfe» sah sich 24 Partnern gegen­über, unter denen sich neben den Gießener Her­ren auch vier Herren derSchachfreunde" Wetzlar befanden. Der Kampf dauerte etwa drei Stunden. Der Gast spielte sehr rasch und stellte damit seine Partner auf eine Leistungsprobe. Don den 24 Par­tien endeten 16 für Rogmann, vier Partieen ende­ten remis und vier Partien konnten von Gießener Herren gewonnen werden. Es gewannen die Her­ren Joch, Schäffer, Dürr und Wagner, remis spielten die Herren Schonebohm, Wil- h e l m i, K ö r b e ch e r und Stumpf. Der Kamps

Das 3tt>eitafeWüt).

Von Otto Briies.

Nah ist und schwer zu fassen der Gott!" Das i ist ein Satz aus einer Ode Hölderlins, des vom ! Rausch des Südens trunkenen Dichters; des helleni- I schon Mönches auch. So könnte denn dieses Wort i unter den meisten Altartafeln stehen, mit denen Ibie Maler des Mittelalters Gott und die Dreieinig- Ifeit darzustellen suchten; Gott, seine Engel und iHeiligen, die Menschen und den Teufel, der dazu- g gehörte. Denn es galt jedesmal, eine Hierarchie sicht- Öbar werden zu lassen, eine Rangordnung, in der über Schöpfer und alles Geschaffene, die beseelte und Die unbeseelte Natur ihre vorbestimmte Stufe hatten; uunb wie konnte dieses ganze sehr kühne und doch lsselbstverständliche Gebäude besser erscheinen als Lurch das geteilte Tafelbild, das sich langsam ent- isfaltende Gehäus!

Auch dort, wo der Maler sich bescheidend nur seinen Ausschnitt aus der Heiligenwelt erwählte, Drang er darauf, ihn in das große Ganze ein« ßufügen; gerade die Demut bestimmte ihn, das Weltliche, in dem der Schöpfer sich offenbart hatte, Tom Heiligsten und dieses Heiligste vom Aller- cheiligsten zu scheiden; was sich in der kunstvollen Fuge der einzelnen Tafeln ausdrückte Aber was für einen Reichtum fetzte diese Haltung voraus! Der Genter Altar und der Kalmarer Bildschrein, viese Gipfelwerke frommer Malerei, sind nur durch öen Grad genialer Schau, nicht aber durch die Art von den mittleren und geringen Werken unter­schieden; noch in dem bescheidensten Klappaltärchen, ldas ein Priester oder Laie in seinem Wohnzimmer vausstellte, lebt die vielfältig ordnende Majestät des ^mittelalterlichen Weltbildes.

Von einem Zweitafelbild will ich erzählen, das wor mir steht; die Zwei ist minder geheimnisvoll Als die Drei; aber auch hier, wo zwei Bildhälften Pch entsprechen, kann das Geheimnis walten! Und iift es nicht so das darf wohl nebenher und ohne besonderen Anspruch vermerkt werden, daß un­sere Zeit mehr mit der Zwei als mit der Drei zu j!un hat und darum nicht in das Gleichgewicht der Einander ausschließenden statt zugeorneten Kräfte Kommt? Nun, dieses Zweitafelbild vor mir ist, (gerade aufgeklappt, und welche Tafel die obere, -welche bie untere ist, das hat seinen Sinn und Fug.

Das Bild zur Rechten ein aufwühlender Zu­sammenklang von Grün und Rot. Das Grün nimmt, liier Hauptmasse nach, die linke Hälfte der Fläche, mimmt dazu noch den oberen Teil des rechten Bilderstreifens ein; abe^ »s ist in sich so vielfach unterteilt und gestuft, wie das nur ein Maler ver­mag, der dem ÄMld untrber Wiese alle ihre Ge­

heimnisse abgelauscht hat. Es handelt sich um einen Laubwald, in dem die dunkle Eiche und die lichte Buche die großen konzertierenden Gruppen bilden. Auf einen Teil der Wiese fällt der Schatten des Waldes, sie ist dort samten, mehr blau als grün. Mit einem bezaubernd leichten Strich ist das Laub gemalt; von einem dieser echtbürtig deutschen, in Zeichnung und Umriß verliebten Maler, die trunken sind, wenn sie sich einmal dem Taumel der Farbe selig und ohne Vorbehalt überlassen.

Nun zu dem roten Fleck! Es handelt sich um die Gestalt eines Menschen, der nicht im Anschauen dieser grünen Pracht verharrt, sondern der unter ber Gewalt so viel wachsenben, unerschöpflich sich erneuernden Lebens zusammenbricht; eines Men­schen, der Buch und Schreibstift, die er mit sich führte, fortschleudert. Zwar stürzt dieser Mann vornüber zusammen, aber wir sehen noch eben sein Antlitz; es ist von einer dunklen Rune gezeichnet, dem Mal eines Schicksals, das nicht alle Menschen heimsucht. Noch mancherlei ist auf dieser Bildhälfte zu sehen: ein Fohlen, das vom lichten Teil der Wiese in das Samtblau hinüberstürmt, ein Reiher, der lichtweiß über die Wipfel streicht, viele bunte Blumen im Gras und der Ansatz einer Holzbrücke hinten im Wald, wo ein Bach in die Senke ein- treten muß; aber keine dieser Einzelheiten wiegt so viel, daß sie von der Orgelflut des Grüns und von der Gestalt des Mannes ablenken könnte.

Das Bild zur Linken ein kaum zu entwirrendes Gewebe von Grau, Braun und Schwarz; mit einem starken Ockerfleck, der ungefähr dort liegt, wo auf der anderen Bildhälfte die rote Flamme, die Menschen- si^nrnle brennt. Der Blick rennt immer wieder gegen diese Wand an, zerrt immer wieder an dem Geflecht, um die sinngebenden Einzelheiten herauszureißen. Es vergeht eine ganze Weile, bis er es vermag. Ist es eine Zelle, ein Kerker, eine Wand aus Zement oder Schiefer? Allmählich entschleiert sich das Rätsel.

Ein Mann sitzt an einem Tisch; ein paar Bücher liegen aufgeschlagen vor ihm; und vor ihm die Seite einer Handschrift, in die er Zug um Zug seine Worte schreibt. An dem hohen Wuchs, an der Rune auf ber Stirne erkennen mir, daß es derselbe Mann ist, der, von dem Sausen und Brausen der Waldwipfel ergriffen, im flammend roten Kleid zusammenbrach; nun trägt er kein festliches Gewand mehr, der pur­purne Mantel ist abgefallen, jetzt ist sein Kleid asch­grau, und das einzige Licht um ihn ist jener Ocker­sleck. Alle Lockung der Welt ist abgetan; er hört nicht mefjr die Vögel, den Bach nicht mehr, das Wiehern des Fohlens bringt nicht an sein Ohr; es sei benn, baß er sie in sich trüge. Und das ist benn wohl der Sinn des Bildes: Was bedarf der Mensch, der von seiner Aufgabe ergriffen ist, anders als den kleinen Raum feiner Arbeit? Hier, mitten im Braunen und

Grauen, ist er sich selbst überlassen, kein bemütiges Geschöpf, das im heiligen Ansturm ber Lebensmächte zusammenbricht; hier ist er, in einem einzigen ge­rn altgen Wahnwitz, der Schöpfer, der seine eigene Welt erschafft oder doch sie der nun von ihm ver­lassenen Welt nachschafft, bie die beste bleibt, weil sie die einzige vorhandene Welt ist.

Diesem Maler, diesem reinen Bildwerk kann ich mich getrost anvertrauen; denn er hat jeder der Tafeln den Rang angewiesen, der ihr zukommt. Die Tafel in Braun und Grau das ist die, die sich abheben und zurückklappen läßt. Die Tafel in Grün und Rot bas ist die, die fest auf der Wand sitzt; das Allerheiligste, das innerste Geheimnis. Es sollte nicht mehr notwendig sein, die Mahnung dieses Zweitafelbildes noch zu verdeutlichen; wozu wäre eine Arbeit nütze, die nicht an den Quellen des Lebens im Orgelbrausen der Wälder empfangen ist? Alles, was jene Dauer haben soll, die überhaupt dem Werk der Menschenhände verliehen wird, alles das will in der kurzen Arbeitszelle durchgeführt und vollendet fein; aber nichts lohnt die mühevollste Ar­beit, was nicht in der dafür bestimmten Stunde empfangen ward.

Die Gnade ist selten aber was vollbrächte der Mensch ohne Gnade? Es gibt genug Arbeit an Tag und Stunde, die einfach und ohne Anspruch getan fein will und ab geleistet werden muß, und es ist darum noch lange keine verächtliche Arbeit; aber was von Gewicht ist, das kam leise im Wehen des Windes, im Rauschen der Wipfel.

Wer der Maler dieses Bildes ist? Ich kann nicht malen, ich möchte es nicht einmal. Es in Auftrag geben können, das möchte ich wohl.

Hochzeit im Busch.

Der Vorwurf, daß er um Geld heirate, wird dem Neger in Jnnerafrika, der noch auf Ueberüeferung und Sitte hält, nicht gemacht werden können, denn dort muß sich der heiratslustige Jüngling seine Frau noch kaufen. Wird einem Neger eine Frau zuteil, ohne daß er den durch Gewohnheit festgesetzten Kaufpreis entrichten muß, so wird er glauben, sie sei gar nicht fein eigen, und sie selber wird ihn mit unverhohlener Verachtung behandeln. Hat sich ein junger Krieger des Wamoschi-Stammes, dessen Wohnsitze in der Nähe des schneebedeckten Kilimand­scharo liegen, ein Mädchen auserwählt, so schleicht er sich in ihre Nähe, wenn sie arbeitet, und wirst ihr scheue Blicke zu. Blickt sie gelegentlich auch auf ihn, dann ist das ein günstiges Zeichen, daß sie ihn erhören will, und er darf es dann wagen, einen Verwandten oder Freund zu senden, der dem Vater von feinem Herzenswunsch Mitteilung macht. Der zukünftige Schwiegerpapa wird mit Würde ant­

worten:Ich kann mich auf nichts einlassen, bevor du nicht Kühe gebracht hast und Ziegen." Diese Geschenke befriedigen aber gewöhnlich seine An­sprüche noch nicht; er verlangt mehr, und es dauert noch lange, ehe das Palaver, das Festmahl, beginnt, bei dem der eigentliche Preis der Frau besprochen wird. Ist der geschäftliche Teil der Verlobung be­endet, dann schickt der Jüngling seine besten Freunde aus, die ihm die Geliebte, wenn sie früh am Morgen aus dem Haufe tritt,einfangen" und zuführen. Das Mädchen wehrt sich und schreit, aber endlich gibt sie nach und wird nun im Triumph nach dem Haus der Schwiegermutter geführt, wo sie als Gast einen Monat lang bleiben muß. Für hie Nahrung sorgt der Bräutigam, und er darf dabei nicht knau­serig fein, denn nur wenn sie am Ende dieser Wartezeit rund und wohlgenährt ist, gilt er als ein guter Ehegatte. Ist sie mager und dürr, so muß er als ihrer unwürdig noch im letzten Augenblick auf das ersehnte Glück verzichten. Ist die Heirats­zeremonie vorüber, dann trägt die junge Frau voll stolz die Glocken an ihren Beinen, die das Privileg der Verheirateten find und im Ohre der Warn« bofchidamen das lieblichste Getön bedeuten. Bei an­deren Stämmen sendet der Werbende dem Mädchen Tabakskuchen oder wilden Honig zu, um ihr feine Neigung zu bezeigen. Aber die schwarze Schöne wird sich solchen Anspielungen gegenüber immer spröde verhalten, ja, sie muß dem Werber sogar, wenn sie den guten Ton wahren will, zuerst einen unzweideutigen Korb geben und nur gezwungen darf sie in die Verbindung willigen. Kühe und Ziegen sind das einzige, was ihren stolzen Sinn gewinnt, und auch noch im glücklichen Eheleben wird sie ihn gern erinnern, wie lange sie sich ge­sträubt hat, und wie hoch der Kaufpreis gewesen ist. Bei den Wasagarras geht sogar die demütige Werbung des Mannes so weit, daß er sich ein Mädchen zur Frau erwählt, das noch gar nicht geboren ist. Um jeden Nebenbuhler bei der Schönen, die erst das Licht der Welt erblicken soll, schon im Voraus auszustechen, bietet er sich den Eltern als Knecht an. Geduldig tut er seine Arbeit, die Geburt der zukünftigen Gattin erwartend, und ist das Kind ein Knabe, so verläßt er traurig, aber gefaßt, den Hof. Liegt dagegen ein Mädchen in der Wiege, dann wird sein Arbeitseifer um so größer und freu­diger. Der Kleinen flüstert die Mutter, bevor sie noch sprechen kann, fchon ins Ohr, daß der große Mann dort dereinst ihr Gemahl werden wird, und ist sie etwas größer, bann springt sie ihm freudig entgegen, wenn er von der Arbeit zurück- kehrt und trägt ihm den Speer ins Haus. Ist sie herangewachsen, dann zahlt der Mann den beschei- denen Preis von fünf Ziegen und darf nun endlich die Hochzeit feiern.