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Einer aus dem Westen entdeckt den Osten.
Von Ernst Keienburg
Erste Begegnung.
Be- Der
den Krautbündeln des Meeres hingen überall die gelben magischen Steinchen, und ich empfand auch ohne Besitzerrecht — große Freude dabei, sie abzusammeln wie eine Knabe, der Pilze im Walde sucht. Der Geruch des Meeres folgte mir bis tief in die Wälder, die ich nun durchstreifte. Viele Fährten waren hineingestochen ins Moos. Im sandigen Wechsel stand die Rune des Elches. Nach der Nehrung zu lief die Spur. Ich folgte mit nackten Füßen. Da öffnete sich der düstere Wald, der Pilzgeruch verlor sich, die Nehrung trat ins Blickfeld, sie, die Erhabene, die eine ungekrönte Königin zwi- fchen den Wassern ist. Sie war noch im frühesten Morgen befangen, von der Sonne zart angestrahlt, die Berge schienen höher und über die Maßen lieblich. Ich warf mich auf einen der Hügel und schloß die Augen. Mein Blut sang. Von den Haffwiesen kam Heuduft, schwer und reif. Da standen jetzt die Fischerfrauen, prall und breithüftig, mit ihren weißen Kopftüchern und brachten das lange glänzende Gras in die Kehre. Vielleicht sangen die jungen Mädchen mit den mütterlichen Gesichtern. Äch'konnte nicht anders, ich mußte sie beneiden. An die Frauen und Mädchen meiner Heimat dachte ich, die gerade jetzt wohl in langen Ketten in die Nadel-
ter mit wippenden Helmen, weiße Mäntel über schuppigen Hempen, hinterdrein der Heerbann der Arbeit, mit Mann und Roß und Wagen, Kolonisten und Ackerer und Pflüger, die Sensen ge- schultert, die Rechte im Leitzeug der schweren Pferde. So schwankte der Zug vorbei, ohne Anfang, ohne Ende. Ich aber stand am Stamm einer Schirmfichte, unfähig mich zu rühren. — Am näch- sten Morgen, als ich im bequemen Gefährt durch das Land rollte, das in hohem Sommerfrieden dalag, mit Arbeit erfüllt bis an den elendesten Zaun, trat dieses nächtliche Bild wieder vor mich hin, und ich glaubte, nun den letzten Sinn dieses Lebensraumes erfaßt zu haben, nach dem immer und immer die deutsche Sehnsucht wallt.
nicht verloren: der Schweizer möchte so wenig sein „Handörgeli" missen wie der Bayer seine „Quetsch.- kommode". Und was wäre der Seemann ohne sein ..Schifferklavier", aus dem er Fernesehnsucht und
stäubt hatte. Gerade heraus gesagt, ich wollte mich I verlieren in ein Thule und mich vielleicht wieder-j finden an den ursprünglichen Menschen da oben, die mich immer an Vorposten erinnerten. Ich wollte ein Abenteuer bestehen innerhalb meines Volkes. Ich wollte . . die Hochöfen glühten und die Räder sangen, eine Maschinenhalle stand wie ein strahlendes Wunder aus Glas und Licht in der Schwärze dieser Reisenacht. Ich trat ans Fenster und spürte noch einmal, wie schön auch dieser Westen sein kann, den ich jetzt verließ. Aber ich war so hungrig nach unbetretener Landschaft.
Glück! ich e Tage ...
Ich erwachte in der Jagdbude meines Kriegskameraden und machte mich an den Strand. Es mußte noch sehr früh sein. Das Meer warf sich unruhig hinter der Düne, aber es stürmte nicht mehr. Die Sonne lag irgendwo hinter dem pflaumenblauen Dunst und kühlte für den Sonnentag. An den alten Steinen zankten sich die Möwen, das Flugbild eines Seeadlers hing zwischen Federwolken mit glimmenden Rädern, körperlos, unwirklich, ein Schatten aus dem Jenseitigen. Ich lief, um mein Jagdglas zu holen. Als ich wiederkam, war der Schatten weg, aber die Sonne war da. Sie züngelte in einer gelben Schlange am Ufersand entlang. Ich rannte, das Wunder zu fassen, da blinkte die Schlange und gleißte, und als ich mich bückte, da war das ein langer Streifen von Bernsteinsplittern. Nun mußte ich dem Sturm dankbar sein, denn in
L'S ich zum ersten Male mit Ostpreußen in 1 il) jung kam, war Winter, und es war Krieg.
der uns nach Dünaburg bringen sollte, mußte iMDÖnigsberg einige Stunden verschnaufen, so tum- irL’ ich durch die Stadt, die voll fremden Lebens
Einst ging der Wind scharf aus der Russenecke, und in den Wäldern an der Küste überfiel mich die Nacht. Da war nichts mehr von Weg, nur die Brandung wies und warnte mich, und der Mond hinter den Wolken warf fliegende Schatten auf die Lichtungen. Der Abschied saß mir auf den Fersen, ich griff hastig aus und vertraute auf meinen Instinkt. Da glaubte ich Gestalten zu sehen, sie kamen und gingen, eine endlose Reihe. Vielleicht waren es Holzfäller. Ich winkte und rief, doch niemand antwortete. Eine seltsame Stimmung spann mich ein, Gespräche, die ich mit dem Freunde gehabt hatte, wirbelten durch mich hin. Das waren nicht Wesen von Fleisch unb Blut, jene Schemen zwi-
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itjirn steckt). Doch war alles eingespannt in eine toitc'je Ordnung, aus der ich mich zu befreien tnlihot*. Meine Phantasie bewegte sich östlich, und brk« „östlich" war für mich Weite, See und Ur-i rrtöxj'nnit breiten, ausladenden Zweigen, von denen .....—» -
bdhniB ein waffenstarrender Zug den Schnee ge-'fabr'iken und Packräume zogen.
irn Die Sprache, die Gesichter, die Pelzmützen, 1 pt Oleinen Pferdeschlitten vor dem Bahnhof — das jlOe; war so ungewohnt, und ich kam mir vor wie Vorhalle des Ostens, zu der ich nicht ohne 1 Dia-res Zugang fand. Dennoch war diese Welt Lnhi dumpf, sondern eher erregend. Die Menschen spachen laut und ungeniert miteinander, bleiben tö:f) auch stehen in dem dicken Flockenwirbel, der tii:c die Straßen schnob und klopften sich mit <i>ilzen die Schneelasten von den Kleidern. Ich e ncrtete wohl jeden Augenblick, daß sie sich mit ehern Nasenkuß, nach russischer Sitte, begrüßen riwnen. Unversehens fingen auch die Glocken an zu fjt)Drngen, und ich folgte dem Geläut, vom Pregel ritii Linen Mastenwäldern durch die Altstadt empor- f; le g-mb. Da wuchs das Schloß vor mir auf. Grau u ir) rrlefig, mit gebeiztem Stein trat es aus dem sssläf-ifchwall hervor und überwuchtete bald mit fl Ivrrner Gewalt das ganze Straßenbild. Ich ge= fi kje daß ich davon ergriffen war, an feiner Burg rar mir bisher aufgegangen, daß Bauwerke reden tÖinrn. oie schienen mir der Romantik wegen da. 2 >!S mit breiten Flanken hingetürmte Bauwerk t dt wrnft und groß und schlechthin preußisch. Es Uittölloß Geschichte, die in steinernen Malen an die gerückt mar.
Der Osten ruft ...
Ase Eindrücke, die ich auf einem kurzen Aufent- hisal empfangen hatte und die in einem hitzigen Thlmarsch schnell hinter mir versanken, traten viele 3lcr nach dem Kriege eindrinalich wieder vor ntiif gin. Etwas von dem Rätsel „Osten" hatte mich g kdift. Ich brach bei tunlicher Gelegenheit nach b Sanbe meiner Sehnsucht auf, um meine Ein- b rr zu befestigen und den Osten womöglich blei- «zu erleben. Ich war der hastigen Arbeit im 3llmrtriegebiet sehr müde (wiewohl ich die Ma- fdfm liebe und finde, daß eine große Magie in
Weiße Magie ...
Ich habe einen ganzen Sommer vertan, verstreift, am Holzfeuer fo gut geschlafen wie unter den zer- narbten Dächern Der schornsteinlosen Fischerhütten, bei den Holzfällern der Rominter Heide so gut wie bei den Philipponen an der Krutinna und den Flößern der Memel. Ich war immer bereit, Auszeichnungen zu machen, doch ich vergaß es im nächsten Augenblick und verlor schließlich mein Notizbuch. Lohnender schien es mir, aus dämmernden Buchten dem Tun der Reiher zu folgen, dem pfeifenden Flügelschlag des wilden Schwans zu lauschen, dem Trompetenton der Kraniche im Bruch. Ich sah den zottigen Elch in einer verwunschenen Nacht, er zog seine Straße durch das Wasser des Haffs, das ein siechend weißer Mond überfilberte. Ich sah den schwarzen Storch des Waldes, den Schlangentöter. Ich hörte den zirpenden Ruf der Sumpfschildkröte aus der Rohrdschungel des Niedersees und begegnete — wenn auch nur in erregenden Gesprächen mit den Waldläufern der äußersten Grenze — dem Wolf, dem großen Grauhund. Jede künstliche Erregung, die wie hoher Summerton von Maschinen anfangs in mir nachbebte, verlor sich. Ich lernte in den Gesichtern lesen. Sie waren schön wie Baum und Erde und alles Wachstum, das mich umgab. Ein Fischer war da mit einem Fächer von Runzeln um die feeblauen Augen, er war so alt, daß er seine Jahre nicht mehr wußte. Der „Alte vom Haff" nannten sie ihn, und er ist heute in meiner Erinnerung zur Mythe geworden. Ein Schäfer war da, der alle Kräuter wußte und der ein listiger Heiliger war mit der Brombeerschwärze feiner Augen. Eine masurische Bäuerin war da, die betete, ehe sie zur Sichel griff unb das Korn schnitt, sie war eine bäuerliche Madonna, unsagbar schön in der Demut ihrer Arbeit.
Gesichte ...
Äom Echifferklavier.
Mit einem Alter von wenig mehr als hundert Jahren gehört die Handharmonika zu den Jüngsten unter den Musikinstrumenten, denn diese haben zum Teil ein sehr ehrwürdiges Alter. Aber 1829 von F. Buschmann nach dem Vorbild der Mundharmonika erfundene orgelartige Instrument, kann mit dem altchinesischen Tscheng ober Cheng verglichen werden, einem Blasinstrument, das aus einem ausgehöhlten Flaschenkürbis bestand, der als Windbehal- ter diente und vollgeblasen wurde: auf dem offenen oberen Ende des Kürbis befand sich eine Reihe von Zwölf bis vierundzwanzig Zungenpfeifen mit durch- schlagenden Zungen. Das Akkordeon, wie die Zieh- Harmonika fachmännisch genannt wird, beruht auf einem ähnlichen Prinzip und besitzt wie die Orgel eine Klaviatur und mechanische Winderzeugung. In den Handel gebracht wurde die große Ziehharmonika durch den Engländer Wheatstone, der sie auch Melophon und Concertino nannte. Daß man sie unter den Musikinstrumenten nicht als ebenbürtig ansehen wollte, ist aus einer Aeußerung in dem 1865 in Heidelberg erschienenen „Musikalischen Lexikon" zu entnehmen, in dem es heißt: „Der Klangcharakter des Instrumentes ist durchaus gemein, es wird auch bloß auf den Straßen herumgetragen und zum Tanzspielen gebraucht, wiewohl auch Virtuosen darauf sich haben hören lassen." Besonders der Vervolllkommnung des Instrumentes in den letzten Jahren ist es zu danken, daß es heute auch als Konzertinstrument anerkannt wird. Seinen Charakter als echtes Volksinstrument hat es darum aber
schen den Stämmen — es waren die Schatten der |„öa)inerriaDier , au» ui verschollenen Geschlechter. Dor meinem inneren Heimweh erklingen laßt. Auge formierten sie sich zum Zuge, voran die Rit-1 •—
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Kr. 220 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Donnerstag, 20. September 1934
Rodes Mit wir
Zum Erntedanktag ist bieses Festabzeichen geschaffen worden. Es ist ein Sträußchen aus einer Getreideähre, einer Kornblume, einer Mohnblüte, einer Weinbeere unb einem Weinblatt.
In den nächsten Tagen erscheint im wohlt-Derlag, Berlin, ein neues Buch bekannten amerikanischen Journalisten. Erlaubnis des Verlages veröffentlichen nachstehend ein Kapitel daraus.
Inmitten feiner Tätigkeit als Kabinettsmitglied brach Mosley plötzlich mit der Labour Party und legte unter großem Aplomb sein Amt nieder, weil die Regierung sich mit seinen Plänen für die Behandlung ber Arbeitslosen nicht einoerftanben er-
Mussolini empfängt in dem großartigsten Saum des großartigsten Palais in Rom, des alazzo Venezia. Hitler empfängt in den Hellen, r odern eingerichteten Zimmern der Reichskanzlei lini Berlin. Sir Oswald Mosley, Anwärter dar-
Kampf um den Hausschlüssel
Zn Wien soll das Sperrsechserl wieder eingeführt werden.
Englands hübschester Politiker
Sir Oswald Mosley/ der Führer der britischen Gchwarzhemden.
Von fo. Knickerbocker.
Curzon of Kedlefton und dessen Frau, der Tochter des verstorbenen Millionärs Levi Leiter. Sie hatten zwei Söhne und eine Tochter. Lady Mosley starb im Jahre 1933.
verbotener Parteien boten dem Hausbesorger reiche Möglichkeiten. Wieder ward das Schicksal der Bür« ger in seine Hand gelegt, wenn die Beamten der Kriminalpolizei sich „ganz unauffällig" um die politische Gesinnung des Herrn oder der Frau P, der Partei in der zweiten oder dritten Etage erkundigten. Der Hausbesorger erteilte seine Aus« fünfte nach Wohlwollen oder Mißgunst, nach der Höhe des Reinigungsgelbes (Schreiber dieser Zeilen darf sich glücklich schätzen, dieses Reinigungsgeld in den abgelaufenen Jahren reichlich bemessen zu haben!) und seiner politischen Gesinnung.
Der Hausbesorger fühlt, daß die Zeiten des seligen Metternich, zumindest für ihn, wiedergekommen sind. Er hebt bereits kühner sein Haupt, und nach einet vorbereitenden Kampagne in der einschlägigen Presse kam der große Vorstoß: Eine Abordnung der Hausbesorger Wiens erschien im Rathaus und verlangte die Wiedereinführung des „Sperrsechferl s". Nicht nur zu ihrem eigenen Nutzen, sondern auch zu Nutz und Frommen des Staates.
Die Mietorganisationen setzen sich zur Wehr. Ein heftiger Kampf setzte ein, der auch auf die Tageszeitung Übergriff. Die Stadtväter aber hüllen sich in mystisches Schweigen. Und diese Tatsache verheißt Unheil! Eingefleischte Nachtbummler führen sich jetzt schon jene kalten Winternächte vor Augen, wo ein mürrischer, schlaftrunkener und sittlich-entrüsteter Mann nach viertelstundenlangem Läuten und Warten und wieder Läuten pantoffelschlürfend durch lange Gänge kommt, bis endlich, endlich das Tor aufgeht, das zu Wärme, Heim und Behaglichkeit führt. Ganz Wien ist in Sorge: der Liebhaber, die Geliebte ... der Kartenspieler und der Wirtshausbummler ... der Heurigenwirt und der Lichtfpiel- besitzer ... und last not least der Geldbeutel. Soll Metternich wirklich triumphieren?
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Wien, September 1934.
Eine nicht geringe Aufregung hat die Bürger der österreichischen Hauptstadt, die Nachtbummler, „Drahrer" genannt, in diesen Tagen erfaßt. Das „S p e r r s e ch s e r l", fast vergessene Einrichtung aus längst verklungenen Zeiten, wird wieder lebendig oder soll es wenigstens nach dem Wunsche der vereinigten Hausbesorger und Hausbesorgerinnen Wiens, wahrscheinlich auch einiger neugebackener Stadtväter werden ...
Wieder „Sperrsechserl"! Wer außer dem Wiener kann ermessen, was das bedeutet? Das „Sperrsechserl" ist eine Erfindung des seligen Metternich und seines berüchtigten Polizeipräsidenten Sedlnitzky. Diese beiden meinten, daß der Wiener, besonders zur nächtlichen Zeit, sei es in Dingen der Politik oder auch amouröser Natur, zu wenig überwacht sei; sie fanden, daß die geheime Kontrolle, die den Bürger von damals (nur von damals?) auf Schritt und Tritt begleitete, ihn auch in feinen geheimsten Stunden verfolgen müsse — und insbesondere dann, wenn dem Heer der Konfidenten und Geheimpolizisten der wohlverdiente Schlaf gegönnt wird. Sie verfügten also, daß dem Wiener das Recht, einen Schlüsfel zum Tor seines eigenen Wohnhauses zu besitzen, abgesprochen werde, und daß der Hausschlüssel, in einem einzigen Exemplar angefertigt, lediglich von dem zu jedem Hause gehörigen „Hausbesorger" verwahrt, betreut und benützt werden dürfe. Gleichzeitig wurde bestimmt, daß dem Hausbesorger für die Deffnung des Haustores nach 22 Uhr eine Gebühr zu entrichten fei, die mit den fortschreitenden Stunden der Nacht gestaffelt bis zu einem gewissen Hochstbetrage um 6 Uhr stieg. Dieser Oobolus erhielt vom Volksmund den Namen „Sperrsechserl" — die etymologische Bedeutung dieses Wortes umschließt ein Stück Lokalgeschichte, doch würde uns ihre Erklärung zu weit vom Thema abführen.
klärte. Auf sein persönliches Prestige vertrauend, gründete er Die fogenannte Neue Partei. Da die Neue Partei nicht genügend vorbereitet war und auch nicht genug finanziellen Halt hatte, brach sie zusammen. Bei den Wahlen von 1931 konnte sie nicht einen einzigen Sitz gewinnen. Ihre Feinde hatten sie safchistisch genannt. Mosley dachte über die Niederlage nach, untersuchte seine poli« tischen Ideen, kam zu Dem Schluß, daß sie wirklich faschistisch seien, und entschied sich dafür, den riskanten Schritt zu tun und f i ch offen zum Fa- schismus zu bekennen. Er gründete die Britifche Fafchisten-Union und verbrannte mit dieser Tat die Brücken zur „respektablen" Politik hinter sich.
Es läßt sich kaum denken, daß Sir Oswald einen Zweiten Umschwung inszenieren könnte, wenn er mit dem Faschismus Schiffbruch erleiden sollte. Die Labour-Presse macht ihn vor den Proletariern lächerlich. Die Konservativen reißen würdevolle Späße auf seine Kosten. Sie alle erklären, England könne Schwarzhemden und das Grüßen mit dem vorgestrecktem Arm nicht verdauen.
Aber Sir Oswald glaubt, daß England es lernen wird, Gefallen Daran zu finden. „Die Engländer", erklärte er, „sind imstande, großes Temperament an den Tag zu legen. Ich habe viele Reden vor lateinifchen Menschenmengen gehört, aber bei englischen Massen habe ich größere Ge- fühlskundgebungen gesehen als bei allen lateinischen. Das ist ein Element in der britischen Psychologie, das unsere Gegner übersehen. Sie scheinen zu glauben, daß der britifche Mensch keinerlei Romantik in sich habe. Er hat sehr viel davon. Er liebt Paraden, Uniformen, Flaggen und Musik."
für England ist, so wie Uncle Sam für Amerika.
Er genoß seine Erziehung in der vornehmen Public School Winchester und wurde, da er den Soldatenberuf ergreifen wollte, Kadett in Sandhurst. Als Offizier bei den Sixteenth Lancers zog er in den Krieg, ließ sich zur Royal Air Force versetzen, wurde im Jahre 1916, als seine Beinverletzung nicht heilen wollte, als Invalide entlassen und begann 1918, als Zweiundzwanzigjähriger, seine politische Laufbahn als Parlamentsmitglied für die Torypartei.
Der junge Aristokrat, der dank feiner Rednergaben immer mehr Anerkennung fand, rückte allmählich nach links. 1922 wurde er Unabhängiger, 1924 Parlamentsmitglied für die Labour Party. Sein Aufstieg war meteorenhaft. 1929 war er, als Dreiunddreißigjähriger, Kabinettsmitglied in der Labour-Regierung. Eine brillante Heirat mit Lady Cynthia, der Tochter des verstorbenen Marquis
Damit war es in der Tat dem Unzufriedenen, dem Gegner des Systems, sehr schwer gemacht, feine Gesinnungsfreunde zu nächtlicher Beratung in seine Wohnung zu nehmen; nicht minder schwierig aber fiel es auch dem liebesdurstigen Jüngling, den strengen Codex der Theresianischen Sittenkommission zu durchbrechen, und einen mit feiner Herzensdame vergnüglich angebrochenen Abend in seiner Wohnung zu beschließen, lieber die geheimsten Regungen der Politik wie des Herzens, über die Sicherheit des Staates und die Moral des Wieners wachte der — Hausbesorger! Die Nacht ist des Guten Feind, so dachten Metternich und sein Polizeipräsident. Sie hoben deshalb den bis zu ihrer Zeit bescheidenen Hüter des Hauses zu einer ungeahnten Stellung. Der Hauswart wurde zum moralischen Kontrolleur aller ihm zugehöriaen Mietparteien, er wurde eine Hauptperson des öffentlichen Lebens — gehaßt und umschmeichelt wie ein Großer. Ganz zu schweigen von der finanziellen Seite der Angelegenheit: War schon der normale Eingang an Sperrgeldern eine nicht zu verachtende Einnahmequelle, — was für Möglichkeiten an Bereicherung boten erst die Bestechungsgelder der Nachtschwärmer und Schwerenöter, die Schweigesummen für inniges Abschiednehmen in Tornischen und auffallendes Promenieren vor dem Fenster der Schönsten!
Regierungen kamen und gingen, Verfassungen stürzten, die Freiheit kam, und das allgemeine Wahl- recht — das „Sperrsechserl" aber blieb, blieb fast durch hundert Jahre. Und es war zweifellos die „glorreichste" Errungenschaft der Revolution von 1918, die dem Wiener Das Verfügungsrecht über feinen Haustürfchlüffel zurückgab. Der Sturm, der den Kaiser und König vom Thron stürzte, entthronte auch die Macht des ungekrönten Königs von Wien: des Hausbesorgers.
Jedoch die Zeiten ändern sich. Seit einem Jahr ist die Stellung des Hausbesorgers sichtlich wieder im Steigen begriffen. Die Verfolgung der Anhänger
iVor zwanzig Jahren flog Mosley als junger Dann, dem noch aroei Monate zur Vollendung sines achtzehnten Lebensjahres fehlten, über die duschen Linien. Später stürzte er ab, und heute if sein rechtes Bein um fünf Zentimeter kürzer als sen linkes. Dennoch hinkte er nicht, als er seinem (gift entgegenging, um ihn zu begrüßen. Trotz seiner Verletzung wurde er im Kampf um die bri- ti|fie Fechtmeisterschaft Zweitbester.
Sie Flieger spielen eine bedeutende Rolle im
(jf, der Mussolini oder der Hitler Englands zu rerben, empfängt in dem primitivsten Zimmer des litten klösterlichen Gebäudes, das man in London bis Schwarze Haus nennt. Mussolini und Hitler bitten in ihren Anfängen gleichfalls primitive ßuartiere, ober anspruchsloser konnten diese auch Ncht sein, als das des Mannes, der von seinen finden ein „Filmschauspieler" genannt, von seinen Anhängern aber als der Heiland Englands bejubelt
etropäischen Faschismus. Balbo in Italien, r i n g in Deutschland, und nun Mosley in G-glaub haben sich an die Spitze gestellt. „Ja, das Sbnpfen in der Lust ist etwas Faschistisches", rief Oswald aus. Er saß an einem wackligen E7)reibtisch. Davor standen zwei einfache Stühle. I' einem offenen Kamin brannte ein winziges F'uer, aber (eine Wärme blieb ziemlich einflußlos in dem großen kahlen Raum, dessen Türfenster in Rücken Sir Oswalds offen stand. Ich mußte mimen Mantel anbehalten, auf Sir Oswald jedoch, de nur das schwarze Jerseyhemd und die schwarzen H en seiner Bewegung anhatte, schien die Kälte be Londoner Vorfrühlings keinen Eindruck zu Mchen.
-in großes Porträt Mussolinis, mit dem 6 Oswald eng befreundet ist, blickte auf uns her- at Neben dem Bild hing ein Rutenbündel. In eil *m anderen Zimmer hing eine von Mussolini 31m Geschenk gemachte Standarte, die die Inschrift trip: „Britische Faschisten-Union, für König, Reich un internationale Gerechtigkeit". „Der klassische Munn", bemerkte Sir Oswald, auf Mussolini hin- trcjenb. Er sprach mit knabenhafter Begeisterung. Etme kräftige, doch jugendliche Gestalt ist hoch und chvnk, das Haar trägt er glatt zurückgekämmt, eil Schnurrbart ist schwarz. „Dieses Gleichgewicht", ul- er fort, „das Musiolini hat. Es ist das Gleich- |?tiid)t der Männer der klassischen Zeit."
(!ir Oswalds eigenes Profil mit der vorfprin- gtmen Slafe und den klaren Linien könnte sehr »all itaUenisch fein. Seine Feinde haben ihn ll'örrifd) den hübschesten Politiker in England ge= ; Itint. Er ist ein Sportsmann. An den Wänden ijinnen Fechtklingen. „Auch Mussolini ist Fechter", Jxraertte er. „Ich habe niemals mit ihm gefochten, pc man sagt, er sei gut. Ich habe früher auch, |ter.:ngen. Aber jetzt habe ich die Meisterschafts- : loryfe aufgegeben, sie sind zu anstrengend."
!ton den Faschistenführern Europas ist Mosley sser. einzige von adliger Abstammung. Er ist erb- Ijichr Ritter, der sechste Baronet seines Geschlechts. ! Di( Baronie wurde im Jahre 1781 geschaffen. I Biri r seiner Vorfahren war das lebendige Vorbild mi der Urheber des John Bull, der das Symbol


