Hi. 42 öweues Qu.. ^legener Anzeiger (Senerai-Anzelgel >ur Gderhefsen)Uiontag, 19. Zebruar 1954
Der Saarausschuß des Mkerbundsrats.
Links: Madariaga (Spanien) und C a st i l a 0 (Brasilien). — Rechts: Der Vorsitzende Baron A l 0 i f i (Italien).
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Kulturbiologie.
Von E Günther Gründel.
Der Verfasser des Buches „Die Sendung der jungen Generation" gibt in einem neuen Buch „Jahre der Ueberwindung" eine Abrechnung mit Spengler. Mit Genehmigung des Verlages W. G. Korn-Breslau entnehmen wir dem Buche folgendes Kapitel.
Der eigentliche Kernpunkt der Spenglerfchen „Kulturbiologie" ist die Lehre von den Entwick- lungsphajen als „unabwendbaren" Lebens- und Altersstufen (Jugend — Mannesalter — Greisentum — Tod) und der daraus abgeleitete Gedanke eines unabwendbaren Schicksals, lieber eins müssen wir uns hier im voraus klar sein. Das „idealistische" Sichaufbäumen des bloßen Willens gegen ein „Schicksal", das man nicht mag, ist in der Tat nur eine gutgemeinte romantische Geste. Nein, etwas mehr müssen wir uns schon an- strengen. Es ist erforderlich: 1. die Ursachen des in der Tat immer wieder beobachteten Kultur- todes zu erforschen und 2. an Hand der in ihnen waltenden Naturgesetze eine Methode ausfindig zu machen zur Beseitigung jener Ursachen und zur Ueberwindung ihrer Wirkungen. Das soll im folgenden versucht werden.
Spengler redet gern von seiner neuen „biologischen Kulturbetrachtung". Wir werden aber sehen, daß es sich hier um eine Pseudobiologie handelt. Kultur ist bei ihm eine mystisch-metaphysische, nicht von Menschen geschaffene Größe, das betont er immer wieder. Die Menschen, also doch das einzig biologische Element des ganzen Vorgangs, spielen bei ihm nur die Rolle von Marionetten. Die Existenz eines ungreifbaren „pflanzenhaften" Wesens zu behaupten, das eine „große Kultur" genannt wird, ein quasi individuelles Lebewesen ist und den Gesetzen individueller biologischer Entwicklung (Geburt, festbegrenzte Lebensspanne und Tod) unterliegen soll, das hat mit Biologie nichts zu tun. Es gibt nur eine wirklich biologische Betrachtungsweise des Kulturphänomens: Sie muß vom Menschen selbst als rassisch bedingtem, ganz allgemein: als biologischem Individuum und in seiner Häufung zu Erbstämmen und Kulturvölkern ausgehen.
Das eine steht fest: Träger jeder Kultur sind jedenfalls immer Menschen gewesen, welchen allen — den einen mehr, den anderen weniger — gewisse erbliche, rassische Fähigkeiten angeboren gewesen sein müssen, lieber dieses gewisse und durchaus nicht unbeträchtliche Maß erbbiologischer Bedingtheit aller menschlichen Leistungen ist man sich einig.
Jede Bevölkerung besitzt in der Summe ihrer Einzelmenschen einen begrenzten Schatz von Erbanlagen Dieser Schatz — und das ist hier das eigentlich Wesentliche — unterliegt im Lauf der „Geschichte" gewissen Veränderungen. Unter diesem Gesichtspunkt müssen wir die Kulturentwicklung ganz neu sehen lernen. Eine so glanzvolle Erscheinung wie die Kreuzzüge unserer Kultur z. B. bedeuteten gleichzeitig einen empfindlichen rasse-biologischen Aderlaß an besten Kräften der damaligen Bevölkerung. Wir beobachten also Ausmerz- uorgänge. die einer Bevölkerung ober Kulturschicht ihre besten Erbwertträger — und damit ihre künftige Kulturfähigkeit, — sozusagen abfiltrieren Diesen letzten Vorgang z. B. können wir in unserer abendländischen Kultur an allen in ihr nacheinander zur Herrschaft und kulturellen Auswirkung gekommenen Schichten beobachten. Auf Adel folgt Bürgertum Nach seinem Aussterben tritt das Proletariat und die „Restmasse" kulturfähiger Erbwerte noch eine kurze Nachherrschaft an. Aber nicht lange, denn herauf drängt, alles überschwemmend, der Bodensatz, der eigentliche Pöbel.
Dies erkennen wir überall als den eigentlichen Grund des „Untergangs" der Kulturen. Die Kultur blüht und stirbt mit der rassisch hochwertigen Kulturschicht eines Volkes und ihrer biologischen Fruchtbarkeit. Gedankenlose Ausrottung der Tüchtigen, .Hochbegabten, Charaktervollen, diese gedankenlosen
Aderlässe am kulturfähigen Volkskörper, und sodann der Geburtenrückgang, die absichtliche Einschränkung der Kinderzahl gerade der besten und hochwertigen Familien: Dies waren bisher stets die unerkannten Ursachen des Kulturver- falls. Jede bisherige Kultur ist blind untergegangen. Dies aber erfährt nun heute in unserer abendländischen Kultur mit ihrer überlegenen Naturerkenntnis und -beherrschung eine grundsätzliche Aenderung. Denn wir haben in der Methode der R a s s e n h y g i e n e (= Eugenik, Erbgesund- heitspflege), in dieser ganz neuen und ungeheuer zukunftsreichen Methode, die bezeichnenderweise als erste politische Bewegung der Well heute der Nationalsozialismus auf feine Fahnen geschrieben hat, endlich ein wirksames Mittel gefunden, um die Ursachen jenes bisher „unabwendbaren" Unterganges zu überwinden, also diesen zu vermeiden. Wir haben heute dank den neuesten Ergebnissen biologischer Wissenschaft endlich erkannt, daß die Kulturentwick- lung der Völker in ihren großen Grundzügen einer bisher noch nie erkannten rassebiologischen Kausalität unterliegt und daher weitgehend „beeinflußbar" ist.
Diese neue Erkenntnis aber, von der vor zwanzig Jahren, als der „Untergang des Abendlandes" entstand, freilich nach kaum jemand etwas wußte, erschüttert die Spenglersche Pseudo-Kulturbiologie in ihren Grundlagen Seme kulturbiologische „Organis- men"-Theorie erscheint uns heute als eine mit viel Phantasie und Darstellungskraft durchgeführte Pseudobiologie Aber vom Wissenschaftlichen einmal ganz abgesehen: Spenglers abendländischem Kulturbild fehlt etwas überaus Wesentliches, nämlich der abendländisch-faustische, dynamische Begriff, der die von einem Willen bewußt zur Ueberwindung und Entwicklungsbeeinflussung ansetzbaren Kraft mobilisiert, fei es aus urmächtigem Drange oder aus klar wollendem Wissen. Der wahrhaft faustische Ausdruck dieser überwindenden Kraft ist unsere neue kultur- biologische Erkenntnis von der Beeinflußbarkeit unseres Kultur-„Schicksals". Sie aber mußte bei Spengler fehlen, weil er nicht echt faustischen menschlichen Ueberwindungswillen, sondern „unentrinnbares Schicksal", weis er nicht die Möglichkeit einer ganz neuen Kulturzukunft, sondern den Untergang will
GauleiterEprengerweiht das Haus der HI.-Gebietsführung in Wiesbaden ein.
LPD. Wiesbaden, 17. Febr. Gauleiter Sprenger weihte heute nachmittag in Wiesbaden das neue Haus der HI. -Gebietsführung Hessen-Nassau ein. In herzlichen Worten stellte dabei Gauleiter Sprenger die enge Verbundenheit der politischen Organisation der Partei mit der Jugend der Bewegung heraus. Er wies dabei besonders auf die am 25. Februar stattfindende gemeinsame Vereidigung der Führer beider Organisationen hin. Seinem Bedauern darüber, daß die HJ.-Gebietsführung ihre seitherige Freistätte im Adolf-Hitler-Haus in Frankfurt a. M. aufgebe, schloß der Gauleiter den Ausdruck seiner offenen Freude an über das selbstbewußte Streben nach Ausbreitung und Selbständigkeit der HI. In diesem Sinne beglückwünschte Gauleiter Sprenger den verdienstvollen Gebietsführer Kramer besonders zu dem neuen stattlichen Heim des Gebietes.
Das Haus wurde darauf der HI. von Bürgermeister Kreisleiter P i e f a r s f f i im Namen der Stadt Wiesbaden übergeben. Neben dem vollzählig erschienenen Führerstab der HI. und des Jungvolks sowie des BdM. aus dem Gebietsbereich nahmen Gauschatzmeister E ck und Regierungspräsident Zintsch an der Weihe teil.
Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger begab sich nach der Weihe und nach einer Besichtigung des zweckmäßig eingerichteten Hauses von Wiesbaden nach E b'e r st a d t bei Darmstadt zu einer Fahnenweihe der dortigen Ortsgruppe der NSDAP.
Reichsstatthalter Sprenger bei den Oaimler-Aen,-Werken.
LPD. Frankfurt a. M., 17. Febr. Am Donnerstag vormittag stattete, wie uns aus Gagge - n a u gemeldet wird, der Reichsstatthalter in Hessen Gauleiter Sprenger den Gaggenauer Daimler-Benz-Werken einen Besuch ab. Nach der Besichtigung richtete Reichsstatthalter Sprenger eine kurze Ansprache an die Vertreter der Werkleitung und der Belegschaft und gab feiner Bewunderung Ausdruck, die ihn beim Anblick des gewaltigen industriellen Unternehmens er=
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Frau Henni Warninghoff (Hannover) ist mit der Leitung des neugegründeten Frauenausschusses für Leibesübungen für Frauen und Mädchen im Reich beauftragt worden.
füllte. Er erkannte rückhaltlos den vorzüglichen Geist echt nationalsozialistischer Kameradschaft an, der in den Gaggenauer Daimler-Benz-Werken Belegschaft und Betriebsführung miteinander verbindet zu einer Arbeitsgemeinschaft, die Vorbild sein soll für unser ganzes industrielles Leben.
Die neuen evangelischen Pröpste . in Hessen.
LPD. Darmstad-t, 18. Febr. Der evangelische Landesbischof hat, wie der LPD. erfährt, den Oberpfarrer in Beerfelden i. O. Colin kommissarisch zum Prob st von Rheinhessen mit dem Sitz in Mainz und den Pfarrer Knodt in Offenbach 3um kommissarischen Pr 0 pst von Oberhessen ernannt. Der bisherige Superintendent von Starkenburg, Oberkirchenrat Dr. Müller (Darmstadt),wurde zum Propst von Starkenburg ernannt. Die bisherigen Superintendenten Zentgraf (Rheinhessen) und Dr. Wagner (Gießen, Oberhessen) wurden vorerst beurlaubt. Darmstädter Arbeiter und Angestellte fahren ins Erzgebirge.
LPD. 2) a r m ft a b t, 18. Febr. Im Rahmen der durch die NS.-Gemeinschast „Kraft durch Freude" geplanten Urlaubssonderzüge fahren am 3. März nahezu 10 0 Darmstädter Arbeiter und A n g e st e l l t e zu einem zehntägigen Erholungsurlaub ins Erzgebirge. Die Kosten betragen für jeden Teilnehmer einschließlich Reise und Unterbringung mit voller Verpflegung nur 20 Mk. Ziel der Reise ist der Schwartenbergbezirk im Erzgebirge.
Die Reichsbahn im Zeichen des Mainzer Rosenmontagszuges.
LPD. Mainz 17. Febr. Sollte man es glauben können, daß am Rosenmontag innerhalb 12 Stunden auf den drei Mainzer Bahnhöfen weit über 100 000 Menschen ankamen und wieder wegfuhren? In jeder Stunde sind demnach über 8500 Personen angekommen oder abgefahren. Die größte Leistung vollbrachte der Mainzer Hauptbahnhof, auf den über 70 000 der angekommenen oder abfahrenden Reifenden entfallen. Dann folgen in großem Abstand Mainz-Süd mit über 20 000 und Mainz- Kastell mit mehr als 10 000 Reisenden. Wie sehr sich der Verkehr gehoben hat, lassen die Vergleichszahlen aus 1933 erkennen, wo rund 25 Prozent weniger Reisende befördert wurden, als in diesem glückhaften Jahr. Zur Bewältigung des ungeheuren Verkehrs mußten 33 Sonderzüge gefahren werden. Daneben sind die fahrplanmäßigen Züge bis aufs äußerste ausgenutzt worden.
Goethe-Bund
Max Tauthendey-Abend.
Der letzte Dichter-Abend dieses Winters war, wie ider erste, dem Andenken eines Verstorbenen gewidmet: Annie Dauthendey, die Witwe des 1918 »uf Java verewigten Würzburger Dichters Max Dauthendey, erzählte vom Leben und las aus den Werken ihres Mannes. Sie begann mit demBekennt- nis zu Deutschland, wo sie, dieAusländerin, ihre Wahlheimat gefunden habe. Niemand kann Dauthendey besser gekannt haben als sie, die ihm 18 Jahre lang Eine aufopfernde Gefährtin und mütterliche Kameradin gewesen ist. Die Vortragende gab zunächst einen kurzen Rückblick auf Herkunft und Familiengeschichte Dauthendeys, beschrieb Heimatstadt, Elternhaus und Umwelt seiner Jugend. Dauthendeys Vater — die Mutter ist früh gestorben — war einer Eber ersten Photographen; er wollte, daß der Sohn den gleichen Beruf wähle, und hat wohl nie daran bedacht, daß er zum Dichter geboren fein könnte. Dauthendey selber übrigens zunächst auch nicht, wie □us den Aufzeichnungen in dem Buch „Der Geist meines Vaters" hervorgeht, aus denen größere Abschnitte vorgelesen wurden. Hier findet man persönliche Bekenntnisse, die für eine nachfchaffenbe Formung feines Wefensbildes bezeichnend und reizvoll lind vor allem um deswillen, weil sie erkennen taffen, welch eine ernste und ehrfurchtsvolle Auffassung Der junge Dauthendey vom Beruf und der Berufung Des Dichters sich früh gebildet hatte.
Immerhin ist Dauthendeys Arbeit im Atelier des Vaters nicht umsonst gewesen: sie schärfte und fchulte die Beobachtungsgabe, von der seine späteren Bücher vielfältig Zeugnis ablegen. Hier entstand auch fein erster Roman. Eine Weltreise von ’ieben Monaten legte bann den Grund zu dem Buch „Geflügelte Erde", zu dem keine einzige Notiz niedergeschrieben wurde. Nur eine Anzahl Aquarelle und Postkarten bildeten den Rohstoff. Dauthen- vey arbeitete schnell und genau, ganz aus Phantasie, Anschauung und Gedächtnis. Die Vortragende wandte sich gegen die oft ausgesprochene Meinung von Dauthendeys „Drang in die Ferne"; es fei weniger Drang als Zwang gewesen, er habe keine »einer zahlreichen Reisen aus Liebhaberei, sondern nlle aus zwingender Notwendigkeit unternommen.
Frau Dauthendey erzählte dann von ihrer Ver- leiratung, von den Nöten und Sorgen der jungen Oichterehe, vom verhaßten Geldoerdienen und von
den vergebens erhofften Freuden des Landlebens; von den Reifen nach Mexiko und nach Griechenland und von den sieben einsamen Jahren in Würzburg. Um dort sein Haus zu bauen, hat Dauthendey seine letzte Reise unternommen, von der er nicht mehr heimkehren sollte. Würzburg ist immer seine große Liebe geblieben; das Bekenntnis des weltfahrenden Dichters zu dieser bezaubernden Stadt feiner fränkischen Heimat ist einer der liebenswertesten Züge in seinem Wesensbilde.
Wir hörten bann einige Proben aus der „Geflügelten Erde", die rhythmisch gebundenen Schilderungen vorn Fischmarkt in Kairo und vom arabischen Dichter. Ferner aus dem „Erlebnis auf Java" die berauschte Beschreibung eines von Bild und Klang gesättigten exotischen Festes. Dauthendey lebte dort auf Java „in einem Paradies, mit einer Hölle im Herzen". Hier war ihm die schmerzlichste Enttäuschung feines Lebens beschieden: er hatte auf Heimkehr gehofft, sie blieb ihm versagt. Am 29. August 1918 ist er fern von seinem um Leben und Tod kämpfenden Volke begraben worden; fast zwölf Jahre später, am 24. Mai 1930, ist er zur letzten Ruhe gebracht worden in der Heimat, nach der sein Herz sich verzehrt hatte: im ßufamgärtlein beim Neumünster in Würzburg liegt das Ehrengrab. Eine Anzahl von Gedichten aus der letzten Zeit seiner „Verbannung" gab der aus grenzenlosem Heimweh, Scham und Trauer geborenen schmerzlichen Stimmung des einsamen Dichters rührenden Ausdruck.
Der Vortrag wurde bereichert durch die Ausstellung einer Anzahl von Aquarellen Dauthendeys. Sie bezeugen seine merkwürdige Doppelbegabung, die übrigens in der Geschichte der Künste keineswegs vereinzelt ist, und sie erscheinen charakteristisch für Dauthendey in einem besonderen Sinne: sie sind die sinnfällige Spiegelung feiner Eindrücke auf weiten Reisen in fremde Länder und gleichsam selbständige Illustration zu den Schilderungen feiner Bücher. Man hat aber nicht nur die äußere, sondern auch eine innere Verwandtschaft zwischen diesen Bildern und feinen Gedichten erkannt. Dauthendey ist ein ausgesprochener Augenmensch gewesen; die Farbe spielt in seinen Gedichten eine außergewöhnliche Rolle, und der Aufenthalt in den Tropen hat seinen Stil vertieft und gesteigert. Das gibt diesen im Kolorit schwelgenden Impressionen, deren mi- niaturhaste Zartheit zuweilen an japanische Malereien erinnert, ihr eigentümliches Gesicht und ihre innere Beziehung zum künstlerischen Wesensbilde des Dichters. -y-
Die Wespe jagt die Haupe.
Aus der Munderwett des tierischen Instinkts.
Zu den großen Wundern des Lebens gehört die Macht des Instinkts, die sich in reinster Form in dem oft so seltsamen und dabei doch so unendlich zweckmäßigen Treiben der Insekten offenbart. Die Infekten sind die „Klassiker des Instinkts", denn dieser ist der ausschließliche Inhalt ihres Seins, der Antrieb ihres ganzen Tuns. Darum beschäftigt sich der Münchener Naturforscher Prof. Reinhard D e m 0 11 in einer bei I. F. Lehmann in München erschienenen Schrift „Instinkt und Entwicklung" vorwiegend mit diesen niederen Tieren, um an ihnen die erstaunlichen Einzelheiten der Jnstinkthandlun- gen aufzuzeigen und nachzuweisen, daß der Entwicklungsvorgang beim Insekt völlig durch den Instinkt bedingt ist. Merkwürdige Beispiele gibt er für den unentrinnbaren Zwang, dem das Tier durch diese Macht unterworfen wird. Eine Art von Grab- wefpen jagt Schmetterlingsraupen, lähmt sie durch eine regelrechte Gehirnmassage, gräbt an Ort und Stelle eine Röhre in den Boden, bringt die Raupe ans Ende der Röhre, legt ein Ei in das Opfer, verschließt die Röhre und sucht nach einer anderen Raupe, um dasselbe Spiel zu beginnen. Legt man nun vor den Eingang einer solchen Röhre, die die Wespe eben verschließt, eine andere bereits gelähmte Raupe, so wird bei dem Insekt die Jnstinkt- fette an der schon durchlaufenen Stelle wieder angestoßen, und zwar da, wo es heißt: Ist das Opfer gelähmt, dann Graben einer Höhle! Die Wespe beginnt also, sobald sie die Raupe erblickt, die eben verschlossene Höhle wieder zu öffnen. Dabei gerät sie auf die dort befindliche Raupe, und nun wird dem Tier ein anderer Takt der Instinkt-Melodie aufgezwungen, nämlich, Nach Ablage des Beutetiers Verschließen der Röhre! Sie kümmert sich also nicht mehr um die zweite Raupe, sondern beginnt wieder, die Röhre sorgfältig zu verschließen. Ist sie damit fertig, begegnet sie von neuem der oraußenliegenden Raupe, öffnet wieder die Röhre, macht sie wieder zu, und so geht das Spiel unendlich lange. Die Wespe ist durch ihren Instinkt in einer unentrinnbaren Zwangslage gefangen, aus der sie nicht mehr aus und ein weiß. Noch grotesker wirkt die Beobachtung an einer Jagd-Ameise. In langer Kette, ein Tier hinter dem ändern, ziehen diese Insekten zur Jagd aus Nun ergab sich durch Zufasi, daß das Spitzentier einen Kreis lief und dabei auf das letzte Glied der Heeressäule stieß.
Damit war der Ring geschlossen und alle Ameisen waren gefangen. Sie liefen nun mit der gewohnten Eilfertigkeit hintereinander her im Kreise herum, stundenlang, tagelang, bis nach zwei Tagen der Zufall den Bann an einer Stelle durchbrach und so die Tiere befreite. Als es Fabre gelang, eine Kette des Prozeffionsfpinners zu einem Kreis zu schließen, mußten die unglücklichen Insekten eine Woche lang laufen, bis am achten Tag den völlig ermatteten und ausgehungerten Spinnern ein Zufall zu Hilfe kam. Diese Tiere, die nicht imstande sind, einer unglücklichen Lage zu entrinnen, zeigen so recht das Zwangsläufige einer Instinkt-Melodie: sie müssen so handeln, wie die Pflanze sich nach dem Licht kehren muß, und wenn diese vollendete Zweckmäßigkeit in der Abfolge ihrer Handlungen durch einen Zufall unterbrochen wird, verkehrt sie sich in Sinnlosigkeit. Das Insekt ist weder dumm noch klug; es ist Sklave des Instinkts, der es Wunderbares vollbringen läßt. Die Starrheit des Instinktes kann durch Intelligenz durchbrochen werden, aber dies gelingt nicht den Insekten, sondern nur den höheren Wirbeltieren, und zwar zeigen die Vögel am besten die Wandelbarkeit der Instinkte, den Widerstreit zwischen Instinkt und Wahlhandlung. So legte man einer Henne, die bereits früher Hühner ausgebrütet hatte, Enteneier unter. Bald strebten die ausgeschlüpften Enten dem nahen Teich zu. Darüber geriet die Glucke in größte Aufregung und versuchte sie mit allen Mitteln vom Wasser fern zu halten. Vergeblich! Da fand sich die Henne in das Unvermeidliche, daß die Jugend sich so anders benahm, saß geduldig am Teichrand und wartete, bis es der entarteten Brut wieder beliebte, ans Land zu steigen. Als sie später neue Enteneier ausgebrütet hatte und die Entchen sich ihrem Ele- ment zuwandten, nahm sie das schon ganz gelassen hin. Nun wurden ihr wieder Hühnereier zum Bebrüten gegeben. Als die ausgeschlüpften Küken aber keine Anstalten machten, den Teich aufzusuchen, da versuchte die Glucke, ihnen modernes Benehmen beizubringen und stieß sie höchstpersönlich ins Wasser. Die Macht des Instinkts wird hier durch eine Wahlhandlung gebrochen. Dies gelingt aber dem Infekt nicht; fein Gehirn ist in der Hauptsache Maaazin von Instinkten. Durch diese wird die Entwicklung in vollendeter Weise durchgeführt. Je stärker bet den höheren Tieren und besonders beim Machen der Verstand eingreift, desto mehr wird di- Entwicklung nur die Voraussetzung zu freier Betälin>mg.
C. K.


