Nr. W Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 18. Oktober 1934
geworden, sie treten ins Freie, der Graf zieht sie in seinen Rennwagen — er ist Inhaber des Großen Preises — und rast mit ihr, stürmischen Dranges voll, auf der Autostraße am Rande des Meeres in die Nacht hinaus. Der Lautsprecher des Autos spielt den Schlager des Films, brausend und stürmisch. Der Graf reißt die Miß in seine Arme. Ende!
Der Autor erholt sich mühsam von seinem Entsetzen. „Ja, warum schreiben Sie denn Ihre Filme nicht selbst, Herr Direktor?" — „Keine Zeit dazu, mein Lieber — Wichtigeres zu tun!"
Drei Tage später hat der Autor dem Direktor die Miß abgerungen. „Also schön, die Frau soll ein armes Mädel sein, der Mann aber, wenn schon bürgerlichen Namens, dann aber Direktor eines Autokonzerns. Aber: Das Hotel bleibt an der Riviera. Ebenso bleibt die Szene auf der schneeweißen, schimmernden Pacht. Das Mädel — warten Sie mal — ist Hotelangestellte und auf die Pacht für die Vergnügungsfahrt entsandt, als Verwalterin der Bordbar. Szene bei der Redoute bleibt auch. Die Frau ist nämlich gar kein armes Mädel, sondern wegen einer Wette hat sie sich — aber, was haben Sie denn, Herr Doktor! Machen Sie doch nicht so ein unglückliches Gesicht! Also schön, die Frau ist wirklich arm, sie schleicht sich auf das Fest in dem Abendkleid eines kranken Hotelgastes — oder nein, es ist ein Kostümfest, sie kommt in Matrosenuniform, sehr fesch! Der Graf bzw. der Direktor erkennt sie erst spater, sie tragt nämlich eine Halbmaske. Aber auch der Hoteldirektor erkennt sie — großer Skandal! Da tritt der Graß zum Letzten entschlossen, schützend vor sie und rutt mit eherner Stimme: „Was fällt Ihnen ein, diese Dame ist meine Braut!" Eine dramatische, erschütternde Szene! Dann natürlich die Fahrt im Auto am Rande des nachtdunklen, glimmernden Meeres. Das sehen die Leute gern.
Der Autor ist gebrochen. Er resigniert und unterschreibt den Vertrag.
Sehen die Leute das gern? „Die Leute gehen ins Kino, um sich nach einem Arbeitstag zu zerstreuen. Sie sind in jeder Weise passiv, nehmen, was man ihnen gibt. Hätten Sie aber einen guten Film gesehen, ohne Zauber und Ueblichkeiten, sondern voll echter Gestalten, wahrhaftiger Spannungen und gesunder künstlerischer Erschütterungen, dann würden sie in tiefem Schweigen und voll neuer, erregter Gedanken heimpilgern. Und würden noch tagelang besondere Szenen des Films ins Gedächtnis zurückrufen, besondere Stimmungen nachkosten. Und sie würden dann diesem Film einen
stummen Dank sagen. Und ihre Freunde in diesen Film schicken.
Denn auch gute Filme — das lehrt die Ersah» rung — bringen ihr Geschäft.
*
Eine kleine Anekdote kennzeichnet wundervoll die ganze Verlogenheit jenes Filmstils, den die Leute angeblich sehen wollen. Ein junger Schauspieler betritt verspätet ein Atelier. „Um Gotteswillen", fragt er den Regisseur, „hat es etwa schon angefangen?" Da donnert ihn prüfend die berühmte Adele Sandrock an: „Das hören Sie doch, wir sprechen doch schon sooo unnatürlich!"
Wie filmt man den Mann ohne Schatten?
Die Geschichte vom Peter Schlemihl, dem Mann ohne Schatten, ist ein ideales Film-Motiv, das schon einmal in der Zeit des stummen Films gedreht wurde; damals aber brachte der packende Stoff keinen starken Eindruck hervor, weil die Technik noch nicht so weit war, um einen schattenlosen Menschen überzeugend darzustellen. Der Schatten wurde mit großen Spiegeln so aufgehellt, daß er als unsichtbar gelten konnte. Im übrigen ließ man den Helden Schlemihl so wenig wie möglich auftreten. Besser glückte die Widergabe des verwandelten Stoffes, nämlich des Mannes ohne Spiegelbild, in dem so erfolgreichen Film „Der Student von P r a g". Jetzt soll Peter Schlemihl im Tonfilm gezeigt werden, und Gustav S e e b e r erörtert in der „Filmtechnik", inwieweit es heute möglich ist, mit der modernen Tricktechnik diese schwierige Aufgabe zu lösen. Er meint, daß man dabei nicht mit einem einzigen Verfahren auskommen könne, sondern von Fall zu Fall das beste Mittel wählen müsse, um den seines Schattens Beraubten wirklich glaubhaft zu gestalten. Die Bildteilung kann von Nutzen fein, ebenso das „Ausleuchten" des Schattens, das sich besonders vor dem Hinter» gründ einer durchsichtigen Wand leicht durchführen läßt. Mit Hilfe geeigneter Filter und farbigen Lich» tes kann der Held ohne Schatten ausgenommen und diese Figur dann zu den anderen hinzukopiert werden. Es ist auch möglich, den Schatten bei geschickter Bildeinstellung und Beleuchtung so zu photographieren, daß er außerhalb des Bildes fällt. Jedenfalls ist die Schöpfung des Peter-Schlemihl» Filmes ein sehr reizvolles Problem, das dazu beitragen kann, der Trick-Photographie auch im Tonfilm Bürgerrecht zu verschaffen.
Aus der Wett des Films.
noch mikrophongerechteren Sprechen zwingen zu
können...
oft die die
immer manch wurde, seinen wieder.
Sand konnte ein rechter Teufel sein und hatte eine besondere Begabung für Taktlosigkeiten, die man ihr oft nur auf Grund ihres brillanten Geistes verzieh. Romanowsky bot eine starke Leistung als Freund, Lehrer und Führer Chopins. Sein feiner Humor, feine warme Menschlichkeit rühren und bringen uns die Gestalt innerlich nahe. Hanna Waag ist eine aparte und gepflegte Erscheinung. Henkels als Verleger, Waldau als Kritiker und Hans Schlenk als Liszt bewährten sich als Charakterdarsteller von Format.
Der Film ist ein großer Erfolg.
„Abenteuer eines jungen Herrn in Polen."
Dieser Film, der nach dem Roman von Lernet- Holenia gedreht ist, führt uns in den frischen
Einer wurde vergeßen...
Valentinos Sarg steht im Keller.
Launisch wie die Waage des Glücks schlägt auch die Waage des Ruhmes aus. Nicht alle, einer Anerkennung wert gewesen wären, haben
Ueberall auf der Welt gibt es die kleinen „Inseln des Diplomatischen Korps". Jede Nation schickt ihre Vertretung in fremde Länder und erlegt ihren Abgesandten besondere Gesetze auf. „Exterritorial" sind sie, den Gesetzen des Landes, in dem sie leben, nicht untertan. Dafür gab man ihnen einen strengeren Ehrenkodex. Nie sind diese Menschen Privat-Per- sonen, immer im Amt, immer gepanzert gegen Gefühlsregungen, die höchstens im eigenen Heim unter den Augen der Familie empfunden werden dürfen; noch im Mollakkord sprechend, wenn das Schicksal Schläge austeilt, unter denen ein gewöhnlicher Mensch aufschreit oder zusammenbricht. Es geht um die Geschichte eines Diplomaten, der seine Ehre verliert. Anfangs scheint sie ein wenig künstlich, doch dann steigert sich das Geschehen zu einem starken menschlichen Erlebnis.
Leider ist Wolfgang Liebeneiner nicht die richtige Besetzung für den jungen Musiker. Es fehlt , ihm das Letzte, das geistige Hineinsteigern in einen großen, begnadeten Menschen. Dagegen war Sybille Schmitz (früher in Darmstadt) eine fast vollendete Georg Sand, es ist nicht ihre Schuld, daß diese Rolle etwas zu liebenswürdig gesehen wurde. Die
herrscht und das Fingerspitzengefühl für die richtige Mischung hat.
Das Chopin-Thema ist ein Stoff, der einem Regisseur mit künstlerischen Qualitäten ein reiches, beglückendes Arbeitsfeld gibt. Dieses damalige Paris der großen Maler und Dichter, der musikalischen Genies, das Paris einer George Sand, die mit ihren exzentrischen Launen ein Land in Atem hält, die Männer bezaubert und abstößt, ist wundervoll eingefangen Man sieht Franz Liszt, man erlebt den jungen patriotischen Chopin, der der Sand verfällt und sein kleines polnisches Mädel darüber vergißt und man schwelgt in Chopinscher Musik, die uns Alois Melchior vermittelt.
düng einer Bauernmagd stecken würde. Dieser rettende Gedanke gibt dem lieben Jungen, als den wir Gustav Fröhlich kennen, Gelegenheit zu einer niedlichen Bäuerinnenrolle, die stürmischen Beifall findet.
Aber auch als Regisseur dieses unterhaltsamen, in einem mitreißendem Tempo sich abwickelnden Films hat Fröhlich eine außerordentliche Leistung vollbracht. In den ernsten Hintergrund wurde viel Heiterkeit und Menschlichkeit hineingestellt und die Bilder jagen einander in spannender Folge. Der Film wird einen erfolgreichen Weg machen und das von Rechts wegen.
standen und gefeiert worden.
Zu jenen, für die ein gefeiertes Leben mit einer nach amerikanischem Geschmack in Szene gesetzten Bestattungsfeierlichkeit beschlossen wurde, gehört der Filmstar Rudolpho Valentina. Hunderte, nein Tausende haben, als er in der Blüte seines Lebens und auf der Höhe feiner unwahrscheinlich glückgesegneten Laufbahn plötzlich starb, an seinem Sarge mit tränenerstickter Stimme versichert, ihn niemals vergessen zu wollen. Und die um ihn trauerten, die die spaltenlangen Berichte der amerikanischen Presse über das geradezu fürstliche Leichenbegängnis für den gefeierten Filmhelden zu ihren geheimsten und behütetsten Briefschaften legten, wollten ihm damit ein unvergängliches Andenken bewahren. Die Tränen aber versiegten, die Zeitungsblätter vergilbten. Die Zeit ging weiter, und was man bei seinem Heimgang nur unter der Gefahr des Verlachtwerdens hätte behaupten dürfen, ist zur Tatsache geworden: Rudolpho Valen- tino wurde vergessen ...
Und dabei gab es einmal eine Zeit, die erst wenige Jahre zurückliegt, in der der Name dieses Filmhelden häufig in der Weltpresse und nahezu täglich in der Millionen-Auflage der amerikanischen Blätter auftauchte. Kaum eine Ausgabe der zahlreichen Magazine und illustrierten Zeitschriften der Neuen Welt nahm ihren Weg in die Öffentlichkeit, ohne ein Bild dieses umschwärmten Mannes zu enthalten. Und selten ist der Name eines Menschen so oft in den Salons der sensationslüsternen amerikanischen Gesellschaft genannt worden, wie der dieses Schauspielers. Besonders die Frauenwelt erzählte sich die unwahrscheinlichsten und ausgefallensten Geschichten über ihn. So war es denn auch kaum verwunderlich, daß Rudolpho Valen- tino zahlreiche Sekretäre anstellen mußte, die keine andere Beschäftigung hatten, als die täglich zu Tausenden eingehenden Liebesbriefe und Heiratsanträge zu sichten, zu registrieren und zu vernichten. Ebenso viele gestempelte „Autogramme" und Drucksachen: „Herr Valentino bedauert, der vor-
dann gibt es unter den Dialog redenden Schauspielern auf der Szene einen, dessen Organ weicher gemacht werden muß im Apparat, ein anderer ljat die Untugend, einzelne Worte seiner Rolle unvermutet laut herauszuschreien, und bei jeder Wiederholung ein anderes. Ich habe den Tonmeister helle Tropfet schwitzen sehen, als ein Fanfarenmarsch, nur für Blechinstrumente geschrieben, ausgenommen werden sollte. Was die Apparatur da aus der geringsten, kaum hörbaren Ton-Unreinheit machte, ist nicht zu beschreiben. „Wenn wir das den Leuten vorsetzen, rennen sie uns mitten aus der Vorstellung", stöhnte düster der Regisseur.
Der Tonmeister, das ist der Mann im Dunkeln, außerhalb des Jupiterlichts der Volkstümlichkeit, seine Behausung eine Mönchszelle, in der er mit rein akustischer Diät gefüttert wird. Im Sommer und nun gar in den Tropen gibt es schöne Schwitzbäder gratis. Seine Tätigkeit ist ein sublimes Analysieren der zahllosen Tonkombinationen, die ein einziger gesprochener Satz enthält, er ist der Mann der überreizten Ohren wie der Regisseur der Mann der entzündeten Augen, und sein Sorgen- und Wickelkind ist das Mikrophon. Er ist es nämlich auch, der die richtige Anbringung des Instruments über den Köpfen der Redenden zu veranlassen hat, und dafür gibt es, ach, so wenig Regel und Theorie und alles ist Praxis, ein Raumgefühl, das ganz genau weiß, wie der Schall sich an ben Körpern der Umstehenden, an der Dekoration und den Wänden des Ateliers bricht. Das besitzt kein Mensch von Natur aus, weil es eine ganz neue Anforderung an den menschlichen Orientierungssinn darstellt. Früher, im Barock, da gab es wohl ab und zu mal einen Architekten oder Musiker, der auf Anhieb und ohne Probe sagen konnte, wie der
schlüge beschränkt, steht ein polnisches Gut mit einem ehrwürdigen Grafen (Otto Tr e ß l e r), einer charmanten Gräfin (Olga Tschechowa) und zwei allerliebsten Töchtern (Maria Andergast und Erika S t r e i t h o r st). Das Schloß wechselt seine kriegerischen Besitzer und beherbergt zunächst einen österreichischen Kavallerieleutnant von Keller (Gustav Fröhlich), der eine der Töchter von einem Petersburger Gesellschaftsball her kennt Beiden war
ihnen gemäße Würdigung gefunden; nicht auch ist Ruhm von Bestand gewesen. Und Auserwählter schon, dem das Glück zuteil bekannt und anerkannt zu werden, hat
sten ist — aber das waren eben auch Barockmenschen ...
Berliner Filmbrief
„Die Insel."
Otto Treßler als Botschafter verkörpert einen Typ, der meisterhaft geglückt ist und den Film beherrscht. Darunter mußten die beiden anderen Hauptdarsteller, Willy Fritsch und Brigitte Helm leiden. Doch soll mit dieser Kritik nicht an ihrer Leistung gerührt werden. Das Zurücktreten kommt zwangsläufig durch das Manuskript. Sehr stark war der Eindruck, den M e y e r i n ck, Franck, Lüders, Rotmund, Cleve und Engelmann hinterließen. Franxoise R o s a y verkörpert eine Signorita, die sich darin gefällt,. möglichst bunt und aufgetakelt zu erscheinen. Das Textbuch ist von B r a 11 und Burri, die Regie führt Hans S t e i n h o f f, die Musik schrieb Werner Bochmann. Alles klang ineinander, verwob sich zum Ganzen und half mit zu einem großen Erfolg.
„Eine Fran, die weiß, was sie will."
Eine Frau, die weiß was sie will, und ein Regisseur, der weiß, wie es gemacht werden muß, das gibt einen guten, erfreulichen Klang. Man ging erwartungsvoll ins Theater und war dankbar, als sich schon nach wenigen Minuten erwies, daß es keine Enttäuschung würde, sondern, daß man es mit einem Film zu tun hatte, wie es zur Zeit wenige bei uns gibt.
Nach der Operette von Strauß hat man das Bildwerk geschaffen. Man löste es bewußt vom Ton und dem zu ihm gehörigen Stil und stellte es ganz auf die Leinwand ein. Das ist glänzend geglückt und der Erfolg besagt, wie richtig es ist, die Dinge nicht einfach zu nehmen, wie sie sind, wenn man sie für einen Sonderzweck verwenden will.
Viktor Jansen zeichnet für die Regie. Ihm gelingt es, seine Schauspieler so zu bewegen, daß sie auf die leiseste Berührung reagieren. Lil D a g o v e r sah lange nicht mehr so reizend aus, sie spielte mit unaufdringlicher Liebenswürdigkeit und überlegenem Charme. Sie ist die Frau, die weiß was sie will. Die große gefeierte Sängerin erlebt, daß ein glühender Anbeter ihre junge Tochter kennen lernt und nun in Liebe zu ihr entflammt. W o h l b r ü ck spielt den Liebhaber mit Eleganz, Humor und erfrischender Natürlichkeit. Edthofer in. der Rolle des alternden Mannes, Vespermann, Meyrink, Junkermann und Fink steuern alle ihr Teilchen zum Erfolge bei. Ganz reizend, blond und jung, ganz ohne Filmallüren, Maria B e - l i ng als Tochter der Sängerin. — Die Photographie ging willig auf die Empfindungen des Regisseurs ein. Sie schuf Bilder von intimsten Reiz, zaubert das Leben vor und hinter den Kulissen auf die Leinwand, ließ nirgends einen toten Punkt entstehen und beglückte Herz und Auge.
„Abschiedswalzer."
Geza von B o l v a r y hat sich schon mehrfach als musikalische Begabung im Film erwiesen und gezeigt, daß man Bild und Ton zu einer einheitlichen Wirkung verschmelzen kann, wenn man beide be-
Ruhm mit ins Grab genommen. Andere die dessen schon zu Lebzeiten hätten teilhaftig werden dürfen, sind erst nach ihrem Tode entdeckt, oer-
Der Mann im Tonwagen.
Allerlei Berufsgeheimnisse im Schatten des Zupiterlichtes.
Don Or. E. Keilpflug.
Es kann feine Rede davon sein, daß das Filrn- publikurn auf seinen Namen mit gleicher Aufmerksamkeit achtet wie auf den des Regisseurs oder auf die der Stars. Es sieht in ihm eine Art von Garderobier für das Akustische und hält ihn für nicht viel wichtiger als den Friseur, der den Schauspielern vor der Aufnahme die Schweißtropfen von der wohlgeschminkten Stirn tupft. Bisweilen ist es auch versucht, ihn verantwortlich zu machen, wenn der Vorführer im Kino die Wiedergabe-Apparatur übersteuert oder wenn diese veraltet ist. Und gerade dafür kann der arme Tonmeister nicht das Geringste.
Nur Eingeweihte wissen, daß der technische Apparat, den der Herr der Töne zu meistern hat, mindestens ebenso groß ist wie der gesamte übrige, für die Herstellung des reinen Bildstreifen erforderliche. Zu jedem Tonfilmatelier gehört ein ganzer Maschinensaal eigens für den Ton, in dem sich ein verwirrend scheinendes und doch wohlgeordnetes Durcheinander von Umformern, Gleichrichtern, Verstärkern, Kerr-Zellen und wie das Zeug sonst heißen mag, drängt. Und das alles nur, damit ein genau im Takt mit dem Bildstreifen in der Kamera laufender Film am Rande mit einem winzig schmalen, flackernden Lichtstreifchen bestrichen werden kann.
Dagegen weiß wieder jedermann vom Tonmeister, daß er im Tonwagen ober in einem gesonderten Raum schalldicht abgeschlossen sitzt, wobei er vermittels eines Lautsprechers und einer schwarzen Tafel mit vielen Hebeln das Wie dieser Aufzeichnungen dirigiert. Und er hat zu tun dabei. Verborgen unter äußerer Bewegungslosigkeit sitzt die Arbeit bei ihm in den Gehörgängen und in den Muskeln der Hände. Immer kommt Unvorhergesehenes: bald hat der Apparat seine Launen,
Der Tonmeister weiß auch, daß die „Tonmeisterei" von heute noch lange keine letzte Meisterschaft bedeutet, daß das letzte Wort hier noch nicht gesprochen ist. Und wenn er, immer mal wieder, aus seinem Wagen steigt, mit einer eigenartig schleppenden Bewegung, als könne er nicht davon los, was ihm der Lautsprecher von den Geräuschen des Szenenumbaues zututet, dann braut hinter seiner Stirn ein Entwurf für noch einen Entstörer ober Entzerrer eigner Erfinbung, ben er bem ach schon . .... so komplizierten System einfügen wirb. Unb in
bas Zusammentreffen tiefes Erlebnis gewesen, bas seiner Freizeit? — Ich glaube, ba schwärmt er für sie sehnsuchtsvoll im Herzen tragen. Nun bas Wieber- einen Sport mit scharfer Bewegung, wenn er nicht sehen mitten im Schlachtfelb mit der Zerrissenheit gerade über dem Geheimnis nachgrübelt, warum der Völker, dem Konflikt zwischen Herzensliebe und rieselnde Wässerlein und Meeresbrandung im Laut- Vaterland. Herr von Keller ist aber nicht nur ein sprecher immer klingen, als schütte man Quecksilber bezaubernder Leutnant, sondern auch ein tapferer i aus. Vielleicht wünscht er sich auch, einmal selbst Soldat, der auf einem kühnen Patrouillenritt hin-। Regie zu führen und die Schauspieler zu einem ter die russische Front gerät und verloren wäre, ' - - ' -
wenn ihn nicht ein deutscher Ansiedler in die Klei-
Geist der ersten Kriegsmonate 1914. Es ist der Be-1 und der Raum sich akustisch verhält und von wel- wegungskrieg auf polnischem Boden mit Kavallerie- cher Stelle aus die Akustik am besten ober schlechte- Patrouillen, schneibigen Vorstößen, elastischem Vor- Uav* tu v - - ~
fühlen und Zurückweichen. Inmitten bieser Kriegs- hanblung, bie nur wenig Blutrünstiges an sich hat und sich auf wenige Flintenschüsse unb Granatein-
Das wollen die Leute sehen...
Don Jörq Alert
Wenn alle Leute wüßten, was sie — nach den Behauptungen der Filmlinge — zu sehen wünschen! Wenn einem Autor wahrhaftig Gott sei Dank etwas ganz Neues eingefallen ist und eine Filmfirma entschlossen ist, es zu drehen, bann geht über bem Schreibtisch bieses Autors bie lächelnbe Sonne ber Hoffnung auf: „Endlich werden die Leute einmal einen neuen Film zu sehen bekommen, der ganz anders ist, als die andern, unb i ch habe es herbei- geführt!" Diese Sonne sinkt, ehe sie recht zu scheinen begonnen hat, in bie schwarzen Wolken ber Verzweiflung hinunter. Dann nämlich, wenn dieser Autor die zusätzlichen Abänderungswünsche seiner Geldgeber zur Kenntnis genommen hat Wie es ihm plötzlich klar geworden ist, wie er in seiner Qual hinäusschreit: Aber ihr mordet mir ja meine Idee, was ihr wollt, bas ist ja schon butzendmal dage- wcsen — ba fällt bas Unglückswort. Die Film- gewaltigen zucken bie Achseln unb meinen: „Sie mögen schon recht haben, aber — das wollen bie Leute sehen!"
Der Autor hatte es sich so schön gedacht, seine beiben Haupthelden sich bas erstemal kennenlernen zu lassen. In keuscher Sprödigkeit, rührenb unbeholfen und spaßig verlegen stehen sie sich gegenüber — sie, bie Verkäuferin in einem kleinen Kolonialwarenlaben unb er, ber kleine Lohnbuchhalter, ber eben ein achtel Wurst für fein Abenbbrot von ihr verlangt.
„Im Kolonialwarenlaben — Sie sind wohl verrückt? Die Szene spielt in einem Hotel, an der ^Riviera." Beim Film kennt man das Millionärsmilieu der Luxushotels besser als bie Eieinbürger Iliche Wohnung — Gartenhaus, vier Treppen links — in ber man geboren ist. Ueberhaupt: Die Hotels rim Film! Wenn man sich plötzlich entschließen iwürbe, alle Filme zu verbieten, bie eine Szene in seinem vornehmen Hotel enthalten — die Kinos Könnten zumachen.
Das Hotel liegt natürlich an ber Riviera ober in Baben-Baden. „Da kann man gleich ein paar Bil- 3er vom Rennen einschneiben." Db°r es liegt am Lido, ober wenigstens in einem fashionablen See- □ ab. „Können Sie es nicht nach St. Moritz ver- egen, bann garantiert der Verleiher 30 000 Mark mehr!"
Also ber junge Herr lehnt lässig an der „Recep- tion", eines Staubmantel über dem Arm. Er trägt
einen feschen Sportanzug. Er zieht sein goldenes Etui, entzündet mit runden, vornehmen Bewegungen eine Zigarette und sagt zu dem sich verbeugenden Portier, ohne ihn anzusehen: „Ich habe gestern telegraphiert, ist mein Appartement bereit?" — Der Portier verbeugt sich noch einmal: „Sehr wohl, Herr Graf werden zufrieden sein (seltsamerweise kennt jeder Portier jeden Filmgrafen)!" Plötzlich belebt sich das Gesicht des Grafen: „Alle Teufel, welch eine Frau!" Er hat sich brüsk umgewandt, er starrt zum Portal, der Kamera fein kühnes Profil darbietend. Neue Einstellung: An einem Tisch in der Diele flüstert eine Dame in großem Abendkleid einem befrackten Herrn mit interessanten grauen Schläfen zu: „Miß Ellinor Gravour, Oie Tochter des märchenhaft reichen Großindustriellen." Dann 50 Meter lang: Miß Ellinor schreitet durch die Diele, links und rechts Kellner und zehn Pagen Spalier bildend. (Unter uns: wenn in der wirklich guten Gesellschaft eine Dame so gespreizt und auffällig mit so viel Hüftenwiegen und Armschlägeln durch eine Hotelhalle „schreiten" würde, hielte man sie für eine Halbweltdame — oder eine Filmdiva).
Das andere wissen Sie ja: der Graf und die Miß treffen sich wieder beim Golf oder beim Ausritt oder auf einer Segeljacht. Segeljacht, Herr Autor, ist immer gut, schneeweiß, schimmernd. Das Paar natürlich im eleganten Borddreß, Sie verstehen. Beide lehnen verträumt an der Reling und blicken in die Weite der See. Hier schöne Naturaufnahmen, Küstenlandschaft. (Sind im Archiv vorrätig.) Mit Musikuntermalung, versteht sich, süße, einschmeichelnde Klänge, vorbereitend. Denn: Der Graf stellt an die Miß eine kühne Frage. (Großaufnahme der Miß, von links, rechts hat sie eine Narbe.) Und die Miß lächelt ablehnend-verheißungsvoll und singt ben Schlager bes Films: „Man muß nicht so viel fragen — bei einer schönen Frau. ." Bei ber zweiten Strophe fällt ber Gras ein. Duett. Dazu wieber: Naturaufnahmen, bazwischengeschnitten.
Auf der Kommandobrücke steht der Vater der Miß, der Großindustrielle Walt Gravour unb sprmst mit dem eisbärtigen Kapitän über die große Re- boute, die heute abend im Hotel stattfinden wird. Ueberblenbung. Hotelsaal, bezente Tanzmusik, bie ben Schlager bes Films zart unb süß hinaushaucht. Der Graf unb bie Miß tanzen vorüber Er singt ihr ben Schlager des Films ins Ohr. Die anderen Paare treten zurück, bilden einen Kreis um bas Paar unb bulbigen so viel Schönheit unb Eleganz. Applaubieren... (Nie ist es im F"m anbers.)
Dann fpannenber Schluß: Der Miß ist es heiß


