Samstag,'5. vezemberI9Z4
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Rr. 295 Zweites Blatt
SJi.-fpoit
Südwestdeutsche Eismeisterschasten in Gießen. In guter Erinnerung werden beim Gießener Sportpublikum noch die Eismeisterschaften sein, die -«er Gießener Eisverein anläßlich seines 50jährigen Lestehens vor zwei Jahren durchführen konnte. Dank der großzügigen Leitung des Vereins, die an Verbesserungen der Anlage nicht sparte, hat sich der Hießener Eissport in den letzten Jahren von Win- :tr zu Winter gehoben. So bedeutet es eine Anerkennung der im Gießener Eisverein geleisteten Urzeit, wenn man ihm in diesem Winter wieder die .lusrichtung der südwestdeutschen Meisterschaften in Eishockey und Schnellauf übertrug, bei denen sich Äe Eissportler der Gaue IX bis XIII zusammen- i nben werden. Vor allem wird Eishockey, das thon bei den letzten Meisterschaften im Mittelpunkt Ises Interesses stand, erneut seine Anziehungskraft susüben, als das härteste und schnellste Mann- thaftsspiel der Welt. Schon seit Wochen haben He Gießener Eishockeyspieler auf Rollschuhen das Training ausgenommen.
Die beiden anderen Eissportarten, Kunstlauf und Eisschießen, ermitteln ihre Besten jeweils in Frank- iurt und Aschaffenburg. Einen guten Ruf genießen rn Verband die Gießener Eisschützen, die auch den Meistertitel zu verteidigen haben. Erstmalig sind in liefern Jahre die Meisterschaften ohne festen Termin ausgeschrieben; sie finden am ersten Sonntag iad) einer zehntägigen Frostperiode statt. Allerdings ft eine äußerste Grenze gesetzt durch die am 18. Ja- mar beginnenden Winterspiele in Garmisch, zu aenen auch der SWDERV. seine Meier entsenden Mrd.
Lippert spielt voraussichtlich national repräsentativ.
Der DFB.-Lehrer Leinberger hat der hie- egen Spielvereinigung 1900 mitgeteilt, daß er Nppert, der schon verschiedentlich den Gau Nordhessen repräsentativ mit vertreten durfte, entweder für das Spiel der Nationalmannschaft in Stuttgart gegen die Schweiz am 27. Januar über für das Spiel der deutschen Nachwuchself i.m gleichen Tage in Luzern in Vorschlag ge- iracht habe.
VfB.-Aeichsbahn Gießen.
VfB.-Reichsbahn Liga — DL. Sinn Liga.
Auf eignem Platze spielt die Ligamannschaft in kompletter Aufstellung, also mit Fenster und Lehrmund gegen die gleiche des VC. Sinn. Die ©inner Zellen eine Mannschaft, deren Stärke in ihrer Gleichmäßigkeit der Leistungen aller Mannschafts- "Ue liegt und in ihrem Kameradschaftsgeist, der sie nfähigt, eine geschlossene Leistung zu bieten. Dieses Spiel bedeutet für die Hiesigen viel. Im Falle einer tiederlage ist ihr Mittelplatz in der Tabelle ge- "iihrdet. Dor diese Aufgabe gestellt, muß ein jeder iiin ganzes Können einsetzen, um den Erfolg zu (urantieren. Spielerisch betrachtet sind die Gieße- jser in Spielauffassung und Technik ihrem Gegner überlegen. Ein Sieg müßte, wenn die Grün-Weißen, ^sonders der Sturm, den kämpferischen Einsatz liiicht vermissen lassen, zu erwarten sein.
Die zweite Mannschaft spielt gegen die gleiche !Zes Lokalgegners. Ob es ihr gelingt, die knappe Niederlage des Vorspiels auszugleichen, ist fraglich.
Die dritte dürfte gegen die Leute aus Alten- Kuseck, ihren schärfsten Rivalen um die Meister- tchaft, einen schweren Stand haben. Die Spiel- itärke der Mannschaft bietet Gewähr für einen jpannenben Kampf. Der Ausgang ist offen.
„IC.Teutonia" Watzenborn-Steinberg
Das vorgesehene Verbanbsspiel Bissenberg gegen Watzenborn-Steinberg in Bissenberg würbe abge- !ktzt, so baß bie Ligamannschaft ber Teutonen am
kommenben Sonntag spielfrei ist. Die 2. Mannschaft tritt zum fälligen Verbanbsspiel in Leihgestern an. Da man Begegnungen zwischen Leihgestern unb Watzenborn-Steinberg stets als Lokalkämpfe betrachten kann, so ist eine Vorhersage über ben Spielausgang nicht möglich, obwohl bie 2. Mannschaft ber Teutonen tabellenmäßig besser steht als Leihgestern.
Sie Kreisklaffenspiele des Sonntags.
Heuchelheim hat Wieseck zu Gast unb wirb beweisen müssen, ob bie Tabelle zu Recht geführt wirb, trotzbem erwartet man Heuchelheim als knappen Sieger. Im Lokalkampf stehen sich VfB. II unb 1900 II gegenüber. 1900 wirb wohl bas bessere Enbe für sich behalten. Großen-Buseck empfängt Grünberg. Es ist mit einem sicheren Sieg des Gastgebers zu rechnen. Lich erwartet Lollar, dort wird es einen harten Kampf geben, der erst mit dem Schlußpfiff entschieden sein wird. Steinberg II tritt in Leihgestern gegen die dortige zweite Mannschaft an und wird auch in der Lage fein, den Dorfieg wiederholen zu können, allerdings wird es knapp werden. Garbenteich wird versuchen, die im Vorspiel gegen Lollars 2. erlittene Niederlage auszugleichen, es wird der Mannschaft auch gelingen. Steinbach hat Aussichten, auf eigenem Platz gegen Wiesecks 2. zum Sieg zu kommen. 1900 3. tritt in Treis an; der Tormann von Treis wurde zwar am Sonntag verletzt, doch wird die Mannschaft auch so in der Lage fein, einen Sieg gegen 1900 herauszuholen. Grünberg II hat Londorf zu Gast. Es ist mit einem offenen Spiel zu rechnen; ein knapper Sieg Grünbergs ist möglich. VfB. III wird dem Tv. Alten-Bufeck keine Gelegenheit geben, das im Vorspiel errungene Unentschieden zu wiederholen.
Zußballabteiiung des Turnvereins Wieseck.
Am kommenden Sonntag wird die erste Mannschaft des Turnvereins Wieseck zum fälligen Rückspiel der Verbandsrunde in Heuchelheim zu Gast sein.
Die zweite Mannschaft muß zum Rückspiel in Steinbach antreten, da sie zum Vorspiel dort nicht angetreten war. Die Mannschaft muß mit Ersatz antreten und sich mächtig anftrengen, wenn gegen die dortige 1. Mannschaft eine Niederlage vermieden werden soll.
Die Jugendmannschaft wird auf eigenem Platze das nochmals angesetzte Spiel gegen die erste Jugend-Mannschaft von VfB.-Reichsbahn Gießen austragen.
Sportverein 1920 Heuckelheim
Zpv. 1920 Heuchelheim I — Tv. Diefeck I.
In Heuchelheim steigt am morgigen Sonntag das mit Spannung erwartete Meisterschaftsspiel, bas entscheidet, ob bie Einheimischen weiter mit Abstanb bie Tabellenspitze anführen, ober ob Wieseck in be- brohliche Nähe aufrückt. Die Gäste zeigten in ben letzten Wochen eine wesentliche Formverbesserung unb werben sicher eine Portion Siegeswillen mit- bringen. Die Wie.secker finb z. Z. als eine ber spiel- stärksten Mannschaften ber 1. Kreisklasse anzu- sprechen. Heuchelheim wirb bas Treffen nicht auf bie leichte Schulter nehmen. Der Papierform nach sollte man mit einem Sieg ber Einheimischen rechnen dürfen.
Spielvereinigung 1926 Leihgestern. Leihgestern I — Krofdorf I.
Am morgigen Sonntag empfängt die erste Mannschaft ber Spielvereinigung Leihgestern bie gleiche von Krofdorf. Leihgestern muß mit Ersatz antreten, dürfte aber doch als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen. Vor -diesem Spiel treffen sich die beiden zweiten Mannschaften von Leihgestern unb Watzenborn-Steinberg. Also ein kleines Lokalberby! Der
Ausgang biefes Spieles ist völlig offen, da beide Mannschaften in Lokalkämpfen stets in bester Form finb. Die Jugend muß nach Großen-Buseck zum fälligen Verbanbsspiel. Ein schwerer Gang! Tritt bie Jugenbelf komplett an, so bürste man dem Nachwuchs Siegesaussichten einräumen.
Die 1. Mannschaft ber Spielvereinigung Leih- gestern zog es am vorigen Sonntag vor, nicht nach Grünberg zu fahren, benn es waren einige Spieler ber Blauweißen erkrankt.
Die Jugenbelf ist vorbildlich für bie übrigen Mannschaften. Sonntag für Sonntag befinden sich bie Jungens auf bem Platz unb — siegen. Am letzten Sonntag war bie Jugenbelf von Nieber- Ohmen in Leihgestern unb wurde mit einem 4:0 geschlagen. Ein verdienter Sieg.
Um die Zugendgruppenmeisterschast des S$3.
Gruppe Gießen.
Die erste Jugendmannschaft der Spielvereinigung 1900 Gießen tritt in Watzenborn-Steinberg an. Es wird einen harten Kamps geben; beide Mannschaften sind führend unb spieltüchtig. Die Siegesaussichten liegen bei 1900. Wieseck hat bie erste Jugenb- mannschaft vom VfB. Reichsbahn Gießen zu (Saft. VfB.-Reichsbahn Gießen hat im Spiel gegen DfR. sich erneut feine auffteigent/' Form bewiesen, bei Wieseck stößt der Gießener Sturm auf eine taktische unb balltechnische Verteibigung. In ber Gruppe B hat bas Spiel Nieber-Ohmen gegen Großen-Buseck besonberes Interesse. Treis (ßumba) spielt gegen Daubringen, Steinbach hat die zweite Jugendmann
Zu ben großen sportlichen Ereignissen ber jüngsten Zeit gehört ber Kunstturn-Mannschaftskampf Saar—Hessen, ber am Nachmittag bes Silbernen Sonntags in Bab-Nauheim zum Austrag kommt. Es hanbelt sich bei biefer Veranstaltung, bie an Bebeutung noch gewinnt, weil mit ihr ein Saartreuegelöbnis oerbunben ist, also um ein nicht alltägliches turnsportliches Geschehnis.
Das Geräteturnen hat in ben letzten Jahren einen gewaltigen Aufschwung genommen. Die Leistungen der Spitzenkönner sind in einer Weise gestiegen, daß man staunend vor diesen Leistungen voll Kraft und Schönheit steht. Die höhere Wertung des Geräteturnens zeigt sich allenthalben, und wer jemals einen solchen Gerätekampf mit erlebte, der weiß, daß er die gleiche Spannung erzeugen kann wie ein Kampfspiel auf dem grünen Rasen.
Der Kampf, der morgen vom Gau Nordhessen in Bad-Nauheim veranstaltet wird, gehört zu den großen Ereignissen dieser Art, stehen in den drei Mannschaften doch Könner mit Namen von bestem Klang. Fast alle sind Zwölf- ober Zehnkampfsieger bei Deutschen Turnfesten gewesen. Diele von ihnen haben bei beutschen Kampfspielen gesiegt, unb einige waren auch kürzlich in Dortmunb bei ben Deutschen Gerätemeisterschaften babei. Alle finb sie Olympia- Anwärter, und als solche werden sie im Verlaufe der Veranstaltung morgen auch feierlich verpflichtet.
Der nordhessische Bezirk I Kassel, der sich in dem Kampfe auf seine besten Kräfte stützen kann, tritt mit einer außerordentlich starken Mannschaft an, die bei der Entscheidung sicherlich ein gewichtiges Wort mitzureden hat.
Nicht ganz so vielversprechend sind die Aussichten des nordhessischen Bezirks II Gießen. Zwei seiner Besten fehlen in der Mannschaft. Der Marburger Adolf Fink ist noch durch ben in Dortmunb zugezogenen Bruch ber Mittelhanb am Turnen verhindert, unb fein Vereinskamerab Ahrens befinbet sich ebenfalls feit längerer Zeit in ärztlicher Be- hanblung. Auch Walter Fink (Marburg) kann nicht antreten, ba er vor kurzem in bie Reichswehr ein- getreten ist.
lieber ben Leistungsstanb ber Gaste von ber Saar können wir Genaueres nicht angeben. Wir wissen aber aus ber Zeit unserer früheren Zusam-
schaft von 1900 Gießen als Gegner. Die Gruppe 6 bestreitet nur ein Spiel, bas zwischen ben $ugenb« mannhaften von Krofborf-Gleiberg unb Lollar ausgetragen wirb.
Leiter bes Amtes für körperliche Er« ziehung, das jetzt im Rahmen des Reichsmimfte- riums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung als selbständiges Amt geschaffen worden ist, wurde Ministerialdirektor Dr. Krümmel. Dr. Krümmel, der zugleich Leiter des Berliner Hochschulinstituts für Leibesübungen ist, ist ein langjähriger Vdrkämpfer für bie stärkere Bewertung der Leibesübungen in der Erziehung.
menarbeit mit ihnen im ehemaligen Mittelrheinkreis, daß die Saarturner stets durch ihr turnerisches Können hervorragten.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der Kampf durchaus offen ist, daß auf alle Fälle Leistungen im einzelnen und in ber Gemeinschaft gezeigt werden, die Zeugnis ablegen von bester turnerischer Kultur.
Die Gesamtleitung liegt bei Gauoberturnwart Paul- Gießen in guten Händen. Er bildet mit den Bezirksoberturnwarten Abel-Saarbrücken unb Ries- Kassel das Schiedsgericht. Das Kampfgericht besteht aus den Kreismännerturnwarten Lütti - g e n - Saarbrücken, Becker- Kassel und Karl Reuter- Gießen.
Handball im Männerturnverein (DT ).
Die zweite Mannschaft des Männerturnvereins Gießen empfängt kommenden Sonntag auf eigenem Platze bie erste Mannschaft des VfB.-Reichsbahn Gießen zu einem Freundschaftsspiel. Es ist lediglich als Schiedsrichterlehrfpiel gedacht. Die Gästeelf besitzt eine beachtliche Spielstärke; die Männerturner, die vergangenen Sonntag Meister ihrer Gruppe wurden, sind z. Zeit gut in Form.
Die Erste des Männerturnvereins muß zum Verbandsspiel nach Roth. Das Vorspiel verloren die Mtver knapp, hatten aber damals einen ganz schwarzen Tag. In den letzten Spielen zeigte der Mtv. eine Formverbesserung und es gilt nun, in Roth zu beweisen, baß diese nicht nur vorüber- gehend war. Hoffentlich hat ber Mtv. aus dem letzten Spiel gegen Marburg bie richtigen Lehren gezogen, baß jeder einzelne auch bis zum Schluß des Spiels ben SiegeFwillen unb vor allen Dingen bas Tempo ber ersten Halbzeit durchhält. Die Mtver müssen bas Spiel gewinnen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, bas Ende der Tabelle zu zieren. Ein Sieg würbe bie Position wesentlich verbessern. Mit Kameradschaftsgeist unb bem nötigen Siegeswillen im Spiel sollte ein Erfolg durchaus im Bereiche der Möglichkeit liegen.
Kurze Sportnotiz.
Eleanor Holm, die bekannte amerikanische Weltrekord-Schwimmerin, ist jetzt von ihrem Ver- I band zur Berufssportlerin erklärt worden.
fiimfllurn - Mnnschafiskanips Saar-Hessen
Der Kelch.
Von Karl Lerbs.
Seltsam und schauerlich sind in einer alten Geschichte, bie über zwei Jahrhunderte hinweg zu uns werüberHingt, Tod und Leben ineinander verschränkt: als hätte es der Fügung gefallen, einmal beispielhaft deutlich zu zeigen, wie rasch und leicht □ns ihre Hand her und hin über die dünne Grenze zwischen den beiden Bezirken hebt. Denn so viel mns Menschen diese Grenze gilt — was gilt sie ihr? Wir können es nicht ermessen. Dies war, so darf man respektvoll vermuten, ber Gebanke eines alten baltischen Ebelmannes, ber täglich beim .einsamen Mittagsmahl im Speisesaal seines Schlosses einen herrlichen kristallenen Pokal leerte unb um so andächtiger unb nachbenklicher würbe, je näher er ■neim guten Trunk bem Grunbe bes Kelches kam; nenn je mehr ber rote Wein zur Neige ging, um oo deutlicher las man bie Worte, bie ber kunstreiche Ilasdilbner brunten als sinnbilblichen Bobensatz ber Füllung zierlich eingeschnitten hatte: „memento mori“ — „Denke an Deinen Tob".
Lächelnb, bie hageren Hänbe um bas kühle, blanke Nunb bes Pokals gelegt, betrachtete ber alte Herr 'liefen Spruch unb fand wohl in ihm bie rechte Krönung unb Würze einer alltäglichen Verrichtung, liie ber Erhaltung bes offenbar gottgewollten fleischlichen Vorhandenseins galt; erhob sich dann reinigte mit eigener Hanb bas kostbare Gefäß unb mm es in ben Ahnensaal, um es an seinem Platz :;m Schranke zu verwahren. Dann verweilte er lange unb ganz bem Schauen hingegeben in Dem ü’trablenben, funfelnben, gleißenben, tiefleuchtenden, ibuntsprühenben Glanz, mit bem er biesen Saal erfüllt hatte: Denn es stauben barin auf Borten, Tischen unb Simsen, in Schränken, Fächern unb Nischen viele Hunberte von Gläsern, Karaffen unb Pokalen aus ebelftem Metall unb von erlesenem Bchlisf. Schien bie Sonne nicht, so ließ ber alte Herr bie Fenster verbunkeln unb viele Kerzen am rgünben, um bie verborgenen bunten Feuer in ben zauberischen Kristallen zu wecken: alle Flammen imb Farben bes unvergänglichen himmlischen Lichts iin ben vergänglichen unb zerbrechlichen Gefäßen :aus irbischem Stoff. Dies war für ihn bie höchste imb bebeutungsreichste Stunbe bes Tages, unb was er in ben anberen tat, schien ihm baneben so unwichtig, baß auch wir uns nicht barum zu küm- mern brauchen.
Wir finden es nach alledem nicht verwunderlich, Daß er die letzte Probe auf seine standhafte Welt
weisheit einsam und ohne das übliche Drum und Dran ablegte und seinen Leuten, die ihn eines Morgens leblos im Bette fanden, ein zur unausdeutbar rätselvollen Maske erstarrtes Antlitz zeigte. Man bahrte ihn, wie es seit langem bestimmt war, im Ahnensaal auf und sandte einen Kurier zu feinem Neffen und einzigen Leiberben, der als Offizier bei einem feudalen Reiterregiment ein von allen Kennern weltlicher Vergnüglichkeit bewundertes, von feinem nun verblichenen Oheim aber um so gründlicher verabscheutes Dasein führte. Er reifte sogleich herbei, musterte, schlank und hochmütig in blitzender Uniform auf dem Trittbrett der Kalesche stehend, Schloß unb Dienerschaft mit herrischem Blick unb verweilte zu ber schulbigen stummen Betrachtung an ber Leiche; klirrte bann mit flingenben Sporen burch alle Räume unb ließ sich von einem feierlichen Notar ins bestätigen, daß dem Oheim nichts anderes übriggeblieben war, als ihn nach dem Hausgesetz zum Herrn des Besitzes einzusetzen und damit von allen Schulden und Sorgen zu entbürben.
Einsam, wie bas bes Oheims feit so vielen Jahren, war sein Nachtmahl im Speifesaal; aber wäh- renb ber alte Herr sich ben Tob als unsichtbaren Tischgenossen geloben hatte, dachte der neue Herr, dem Freude und Wein im Blute brausten, nicht an den dunklen Gast, der sich, geladen ober ungelaben, eines Tages zu uns an bie Tafel fetzt. Ihm wäre wohl ein anberer Tifchgefelle recht gewesen, ber ihm bei einem Trinkspruch auf bas Leben mit lachender Kamerabschaft Bescheib tat. Zum Bescheibtun war niemanb ba — aber es kam ihm, ber schon ein wenig trunken war, plötzlich ein Einfall, bem stillen Mann im Ahnensaal aus bem eigenen Lieblingskelch einen triumphierenden Gruß des Lebens zuzutrinken. Sogleich ergriff er die Kanne und ging hinüber; stand einen Augenblick geblendet und beklommen vom Schein der Kerzen, bem bunten unb blitzenben Gefunkel ber taufend Kristalle, ber ferngerückten Erhabenheit bes Antlitzes auf bem weißen Atlaskiffen; riß sich bann mit einem Ruck zusammen, nahm ben Pokal aus bem Schrank, füllte ihn unb wollte, bas leuchtenbe Gefäß in hochaufge- schwungener Hanb haltenb, zur Bahre gehen: schlank, straff, in herrischem Hochmut und triumphierender Kraft. Da nun geschah es, daß er sich mit den Sporen in einer Matte verfing und, da er im Taumeln nach einem Halt griff, einen der kristall- gefüllten Schränke stürzend mit sich riß, so daß die Gläser und Schalen mit schmetterndem Geklirr am Boden zerschellten. Als er sich, schwankend und bin- tenb aufrichten wollte, sah er sich vor einer gespenstischen Erscheinung, bie ihm ben gurgelnben
Atem in bie Kehle zurückstieß: Der Tote, ber vermeintliche Tote, öffnete bie Augen unb sah ihn an — richtete sich auf, unb sah ihn an.
Die Dienerschaft, aufgcftört burch ben Lärm, lief herbei — nur um alsbalb schreienb zu flüchten unb brunten im Dorf eine schauerliche Kunbe zu verbreiten. Man wirb es ihr nicht oeraraen, baß sie bem gehoppelten Entsetzen nicht stcmbhielt, da sie den eben noch lebenden neuen Herrn tot, mit zerschmettertem Schädel, brunten am Fuße ber Treppe unb ben eben noch toten alten Herrn lebenb broben im Ahnensaal gefunben hatte. Der Pfarrer, burch fein geistliches Amt ebenso verpflichtet wie nach allgemeiner Ueberzeugung geschützt, entschloß sich, bem Spuk zu Leihe zu gehen, nicht ohne sich ben irbisch verläßlichen Beistanb bes Arztes zu sichern. Sie konnten freilich nur feftftellen, baß broben im Schloß ber eine ebenso unabänberlid) tot, wie ber anbere unabänberlich lebenbia war, ohne baß ber vom Tobe Erweckte ihnen auf ihre Fragen irgenb- eine Antwort gegeben hätte. Er saß, den durch eine sinnvolle Absicht der Fügung unversehrt gelassenen Kelch in der Hand, auf dem Rande des Lagers, in einer Haltung, wie er sie im stummen und leisen Gleichklang seiner ferneren Tage noch zu vielen Malen einnahm: lächelnd, die hageren Hände um das kühle, blanke Rund des Pokals gelegt, den er fo unverwandt betrachtete, als ob die auf dem Grunde zierlich eingeschnittene Inschrift ihm das Rätsel des vertauschten Todes auf eine gute und tröstliche Art zu lösen vermöchte.
Zeitschriften.
Das November - Heft der Süddeutschen Monatshefte ist dem Luftschutz gewidmet.
In seinem Geleitwort bezeichnet der Präsident des Reichsluftschutzbundes, Generalleutnant a. D. Grimme, das Heft als einen Sieg der Sachlichkeit über die Sensation und gibt damit die so wertvolle Linie des ganzen Heftes an. Der SS.- Oberführer und Leiter der Propaganda-Abteilung im Präsidium des Reichsluftschutzbundes Otto A. Teetzmann sieht das Problem des Luftschutzes darin, daß der zivile Luftschutz nur dann wirksam ist, wenn das ganze Volk ihn trägt. Der Dozent für Wehrpolitik an der Universität Frankfurt, Martin Rittau, bringt den Nachweis, daß es weder zwischenstaatlichen Konferenzen und Verträgen noch dem Völkerbund gelungen ist, einen Verzicht auf jene Kampfmittel festzulegen, gegen die uns allein der Luftschutz sichern kann. Der Artikel „Die Luft- rüftungen des Auslandes" von F. W. Oertzen zeigt,
über welche Mittel das Ausland verfügt, um den Kampf in der Luft wirksam durch^uführen. Im Zusammenhang damit steht der folgende Artikel von Hauptmann a. D. Dr.-Jng. Hans Brehm „Militärischer und ziviler Luftschutz der außerdeutschen Staaten". Die Aufsatzreihe schließt mit einer Arbeit „Der Reichsluftschutzbund" des Vizepräsidenten und Chefs des Stabes des Reichsluftschutzbundes, Generalleutnants a. D. von Roques, ab, ber bie Aufgaben, bieirganifation unb Ausbilbung unb bie Finanzie- ruM biefes wichtigen Bunbes behanbelt.
— Im Dezemberheft ber „Zeitwenb e" (Wi- chern-Verlag, Berlin) zeichnet Christian Waas, ein Mitkämpfer ber Balkan-Felbzüge Mackensens, ein von Liebe unb Verehrung getragenes Lebens- unb Charakterbilb bes volkstümlichen deutschen Heerführers, der auch auf ber Höhe des Ruhmes der innerlich schlichte, selbstlos bescheidene Mann blieb. Die Grundlage seines Charakters ist feine Gottesfurcht, fein tätiges und bekennendes Christentum. Um deswellen fügt sich der Beitrag über Mackensen vorzüglich in ben Rahmen bes Heftes, bas im übrigen Dorrotegenb kirchlich-religiösen Fragen gemibmet ist. Hermann Sasse entwickelt in seinem Aufsatz „Das Jahrhunbert ber preußischen Kirche" bie ganze Problematik bes heute ber Vergangenheit angehörenben preußischen Staatskirchentums. Vom mannhaften Kampf um ben lutherischen Glauben in ber Vergangenheit erzählt auch ber Roman von Heinrich Grimm „Der Preßreiter". Die Glaubenstreue eines aufrechten beutschen Bauern kommt hier zu ergrei- fenbem Ausbruck. Ein anberer Beitrag des Heftes gibt einen eindrucksvollen Bericht über „Die evangelische Kirche Oesterreichs", die sich in großen Schwierigkeiten befindet. Die Weihnachtsbetrachtung des Herausgebers Otto Gründler ist lebendig aus der Haltung und Stimmung der bekennenden Gemeinde in Bayern hervorgewachsen.
— Die Weihnachtsnummer der Leipziger „I l l u- strirten Zeitung" enthält u. a. eindrucksvolle Bilder aus der deutschen Krippenschau im Erzgebirge. In seinem Artikel „Weihnachten — Fest der Kindheit" führt Dr. Karl Blanck den Leser zurück in die alte Zeit und in ihre Weihnachts- erlebnisse. Eine Weihnachtsnovelle von F. Oberhäuser, schone Aufnahmen von Schnee und Rauhreif und ein reich bebilderter Aufsatz „Skivolk unterwegs" von Carl I. Luther sowie die Kriegserzählung „Weihnachten am Fluß" machen zusammen mit dem Modebeitrag, dem sonstigen Unterhaltungsteil und der aktuellen Bilderschau dieses Heft zu einer Bereicherung des Weihnachtstisches.


